Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 1 (1932)
- Issue
- 5 (5.1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Monatsausgabe Nr. 5, Mai 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 7 Literatur ״Blatt Die Flucht nach dem Westen Jüdische Bemerkungen zu Arnold Zweigs neuem Roman ,Junge Frau von 1914״״*) Von Dr. Ernst Simon, Haifa, Das neue Buch Arnold Zweigs atmet, sehr anders als der ,,Grischa“, in einer im wesentlichen jüdischen Atmosphäre. Deshalb rechtfertigt sich eine Betrachtung, die nur zum Schluß und indirekt nach seinem künstlerischen Wert fragen, aber zunächst einmal einige ״einer psychologischen und soziologischen Symbole, die uns nahe angehen, in formulierte Begriffe auflösen wird. Das Pcnelope-Amt der Kritik gebietet uns hier, den Weg des Dichters von der Erkenntnis zur Gestalt in umgekehrter Richtung noch cimnal zurückzulegen. Da ist die Familie Wahl: Großvater, Eltern und zwei Kinder, die in Potsdam beisammen sind. Viel weiter kann man nicht gut nach dem Westen fliehen, wenn man im Zentrum Berlins sein Bankgeschäft hat, in das die beiden Chefs, Markus und Hugo Wahl, Vater und Sohn, täglich, und manchmal mehrmals, mit ihrem großen Wagen fahren. Aber die Flucht ist nur halb geglückt: Zwar ist man dem Osten entronnen, und damit den jüdischen Glaubensgenossen, die sich in ihrem merkwürdig lokalisierten Hcimalinstinkt beinahe in allen Großstädten östlicherweise ansiedeln, aber man ist in den vornehmen Potsdamer Westen nicht wirklich hineingekommen; man bleibt in der Vorkriegs- und Kriegsatmosphäre dieses Milieus aus Hof, Garnison und höherem Beamtentum gesellschaftlich isoliert. Darüber kann aller Besuch aus Berlin nicht hinwegtrösten: und die schöne, in Erscheinung und (leicht übertrieben gebildeter) Redeweise völlig assimilierte Frau Hugo Wahl, die schon Mathilde heißt, leidet darunler, daß Frau von Duchcrow nicht zu ihr zum Tee kommt oder Frau Sanitätsrat Paulke sie ihrem Damenkränzchen nicht zuzählt. In ihr tönt die Stimme des Judentums so versetzten Klanges, daß sie die (Misch-)Ehe ihrer Tochter mit dem Nachbarsohn — sie übertreibt: ״Jugendfreund“ — Leutnant Gerhard von Ducherow sehr viel lieber sähe als die mit Werner Bertin, dem jüdischen Referendar und Schriftsteller, der ihr nicht sympathisch, ihrem Gatten aber beinahe verhaßt ist: als einer jener ,,elenden Schreihälse, die jedem vaterländisch denkenden Israeliten das Leben v rleiden — durch ihre zersetzende Kritik, ihre ewig offene Schnauze, den mangelnden Willen zur bürgerlichen Einordnung“. Dieser stumm gedachte Satz bezeichnet Herrn Hugo Wahls politischen Standort und dessen seelischen Unterbau, freilich etwas vergröbernd und karikierend, denn das Wort ״Israelit“ hat noch niemals ein Jude im geheimen Gedankenaustausch mit sich selbst verwandt, so oft er es auch nach außen wenden und, vor allem, von außen hören mag. Aber sonst stimmt es schon: dieses ״Wahl“preußentum, diese neupreußisch-jüdische Tüchtigkeit der damals mittleren, heute alten Generation, die vor dem Kriege auf der Konjunkturwelle schwamm und heute mit uns allen im Ebbesancl der Krise sich abzappelt, die war nicht national-liberal aus deutschpolitischer Ueberzeugung oder aus massivem Klasseninteresse, sondern aus eingeklemmten Judenkomplexen. Zweig bringt diesen Hugo Wahl zwar nicht recht au? seine korpulenten Beine, dazu ist er selbst noch viel zu viel, wieder wie wir alle, sentimentaler Sohn dieses Geschlechtes; es fehlt ihm die unerbittliche Schärfe, die der geniale Zeichner George Groß für diese Typen hat; Zweig sieht ihn noch mit dem menschlich sympathischen, künstlerisch schwächenden Erbarmen des jüdischen Sohnes für seinen Vater gleichsam u:־.d macht ihm die Umkehr allzu leicht: zu Schieffenzahn-Ludendorff befohlen, fahrt er stolzgeschwellt, mit noch zwei anderen, übrigens würdigen, jüdischen Begleitern, nach Ober-Ost, und man weiß nicht recht, was ihn mehr von seinem Preußentum abbringt: das unmenschliche, aber schließlich nicht ausgeführte Projekt, die Juden des okkupierten Rußlands auf Schiffe ״nach Amerika“ im Minenmeer — beinahe: — auszusetzen, oder die Nichteinladung zum Abendbrot, der Mangel einer freundlichen Geste nach der ergebnislos verlaufenen Besprechung. Schade, daß der seine prachtvolle Exzellenz Lychow — im ״Grischa“ — so unbarmherzig auf die Gewissensfolter spannende Dichter nicht auch ״unseren“ Hugo Wahl auf eine etwas härtere (und auch spannungsreichere!) Probe gestellt hat! Ueberfließende Liebenswürdigkeit, Titel und Orden hätten auf der einen Waagschale liegen sollen — und auf der anderen nur das Schicksal dieser paar Ostjuden: diesen Konflikt hätten wir miterleben mögen! Vielleicht hätte Hugo Wahl auch in ih m gesiegt — wir nehmen es zu seiner und zu unserer jüdischen Ehre an! aber das wäre dann wenigstens ein etwas schwererer Sieg gewesen. Doch wer gibt einem Dichter Ratschläge, und noch dazu nachträglich! * Hugo und Mathilde Wahl stehen eingekeilt zwischen zwei Generationen, die sehr anders als sie sind: der Großvater Markus hält mit seinen Enkelkindern Leonore und David zusammen, obwohl auch er von ihrem wirklichen Leben mehr ahnt als weiß: aber die eigenen Eltern sind gänzlich ahnungslos! David freilich, der hochmusikalische, offenbar künstlerisch bedeutende Obersekundaner, dann Primaner, der frühwissende, männlich handelnde, aber trotz aller Frechheit noch jünglingshaft strenge David — seine Wange fühlt sich noch sammetweich an, obwohl er der Schwester bei der Abtreibung ihrer von Werner Bertin ein wenig gewaltsam empfangenen Frucht heimliche und sachverständige Ratschläge zuzuleiten und Hilfe zu verschaffen imstände ist — dieser David also gibt seinen Eltern Gelegenheit, die wenigen noch leidlich unverkümmerten jüdischen Instinkte zu üben, die sie sich bewahrt haben: dem Vater, wenn die Aussicht, ״der Junge werde einmal dem Namen Wahl den Glanz eines künstlerischen Ruhmes zufügen“, sein Herz höher schlagen läßt; der Mutter, wenn sie so fordernd, so präzis, so unverschämt zu Gott betet, wie es wohl nur der Jude fertig bringt: ״Diesen Jungen zurückstellen, Gott, verstanden“. Freilich — ungetrübt können sich solche Instinkte in diesen Menschen nicht mehr auswirken: nicht des Vaters Ehrfurcht vor dem Geiste, die in früheren Zeiten den besten Bachur — ״ein jiidischer Jüngling, der noch lernt“, definiert Hugo Wahl gehässig dieses einzige jüdische Wort seines Sprachgebrauchs — und heute den Privatdozenten zürn erkorenen Schwiegersohn des reichen jüdischen Kaufmanns macht, noch der Mutter Lebensangst um den Sohn, die so fern von aller Gracchenhaltung ist. Denn der Vater will eben, wenigstens zunächst, den Geistigen *) Gustav Kiepenheuer, Berlin 1931. nur als Sohn, nicht aber als Schwiegersohn, und findet sich mit diesem nur ab, damit auch er jemand aus der Familie im Felde habe, wenn der Herr Ministerialrat nach einer Aufsichtsratssitzung danach fragt, und die Mutter könnte hier ihr jüdisches Gebet überall beten: ״in jeder Kirche, in jedem Tempel, gleichviel“. Immerhin: soweit noch jüdische Gefühlstradition vorhanden ist, geht sie, wie immer in jüdischen Familien, selbst den verwurzeltesten, stärker auf und über den Sohn. Jüdische Töchter sind immer ein wenig Stiefkinder. Lenore ist, von den Eltern her, sehr allein, sic trägt ihr ganz außerbürgerliches, ganz, außerjüdisches Schicksal in absonderlicher Einsamkeit. Und auch der alte Großvater hilft ihr gleichsam anonym: sein Erinnerungs- und Stolzjudcntum dürfte diese Schande auch nicht wissen: es reicht ihm zu politisch linken Ansichten aus Solidarität der Unterdrückten, zu früheren Einsichten über Dauer und Ausgang des Krieges, zu moralisch echten Aufwallungen, zum Spott über das assimilierte Preußentum Hugo Wahls, zu jüdischen Ausdrücken, um den Sohn zu ärgern, und zur borgweis-fiktiven Hingabe von 5000 Mark für den frechen Werner Bertin, der ihm als Schwiegerenkel gefällt. Zu mehr reicht es wohl nicht. Auch hier wird die ernste Probe nicht gemacht; wieder erspart sie der Dichter seiner Gestalt * Wie weit reicht dieses Judentum bei Werner Bertin selber? Die hebräisch-deutsche Bibel seines Besitzes, die er ebensowenig wie eines seiner anderen vertrauten Bücher mit ins Feld nimmt, die Tatsache, daß er ״in seinem Leben und Schreiben weit davon entfernt ist, sich seines Judentums zu schämen“, die blitzschnell überschlagende jüdische Solidarität schließlich, die von seinem — damals in Mazedonien — schwarz bebarteten Gesicht auf einen jüdisch-intellektuellen Küchenunteroffizier ausgeht und den an sich zieht, obwohl sie beide gegen Schweinernes keinerlei Vorurteile zu haben scheinen — das ist beinahe alles, was wir von Bertins offenbar daliegendem Judentum erfahren, und es ist nicht ganz leicht, zu entscheiden, inwieweit es mehr als Erbgut seines noch provinziell-kleinbürgerliehen, beinahe handwerklichen Elternhauses zu gelten hat, und inwieweit es schon ganz eigener Persönlichkeitsbesitz dieses nur sehr langsam aus großem zerteiltem Reichtum zur Persönlichkeit zusammenwachsenden jungen Menschen ist. Aber wenn die Herkunft solcher positiven oder halbpositiven jüdischen Haltungen bei Bertin zweifelhaft bleiben mag: eine, negative, Stellungnahme ist ihm ganz eigen: auch er flieht in den Westen, vor dem Osten, gleich seinem künftigen Schwiegervater, und doch ihm ungleich, denn es geht• nicht in die Potsdamer Luxusvilla, sondern in das bei Lille schwieriger als im Osten ertragbare Leben eines ״Armierungssoldaten“, zu Deutsch: Schippers. Bei dieser freiwilligen Meldung, seiner letzten im Leben, aus der Garnison nach dem Westen statt nach dem ausdrücklich wegen seiner Juden gefürchteten Osten, steht auch Werner Bertin, wieder gleich seinem ihm so Wesensfremden Schwiegervater, ausweichend dem östlichen Erlebnis, das jenen um warf, eingekeilt zwischen zwei Typen und Möglichkeiten: zwischen dem Ingenieur Kröhling, der weder Jude noch Arbeiter, Sohn angesehener Eltern, sich unsentimental — man muß schon sagen: sehr unsentimental! — vom Frontdienst drückt, und seinem Schwager David, der zwar, unter der Last seiner patriotischen Schulatmosphäre, schließlich auch klein beigibt und sich freiwillig meldet, aber doch niemals, selbst wenn er genommen worden wäre, zu jener Ideologie des Dienstes, des Heeres, des in Deutschlands Krieg repräsentiertem Weltgeiste käme, die Bertin über alle tapfer ertragenen Menschlichkeiten und Unmenschlichkeiten des Soldatenlebens erhebt, ihn aber freilich auch, um ein Haar, durch die Uneigentlichkeit seiner das Konkrete und Augenblickliche immer wieder zugleich berichtenden und verschleiernden, doch stets egozentrisch erscheinenden Feldpostrhetorik um die ganz unrhetorische, sehr gegenständliche und augenblicksverhaftete Liebe Leonores gebracht hätte. Es ist ein besonders feiner und starker, wenn auch vielleicht allzu deutlich ״gesetzter“ Akzent dieses Buches, daß dieses Schippers Bertin Gang ins Feld als Flucht vor einem ebenfalls wahren, dem zivilen Heldentum seines ״verlassenen“ Mädchens erscheint, das nach der Abtreibung allein mit ihrer Qual und, allerdings, ihrem Bruder zurückbleibt. Ja, in der Tat, in Bertins ״Unterströmungen . . . scheint auch da nicht alles so zu fließen, wie seine Oberfläche es spiegelt . . Das Unbewußte ist ja eine jüdische Krankheit! * Arnold Zweigs künstlerische Gefahr ist die Ueberbelich« tung, die zu starke Bewußtheit. Die Jupiterlampen dieses großen Verstandes brennen oft zu hell, sie zersetzen seine eigenen Gestalten in ihrem Uebertageslichte. Das war in den ״Novellen um Claudia“ so, das war überraschend anders im ״Grischa“, das ist hier wieder so. Also ein, zeitweiser, Rückschritt? Es geht uns nicht um Zensuren, sondern um Erkenntnis des hier im Dichter selbst vorliegenden jüdischen Problems. Arnold Zweig kommt, soweit wir sehen, nur dann zur runden, urgezeugten, nicht reflektierten Gestalt, wenn er nicht reflektierende Menschen schildert — also: Nichtjuden. Der Sergeant Grischa ist einfach da, Exzellenz Lychow ebenso; hier in diesem Buche, episodenhaft, der Schwimmlehrer Kliem. Die Juden sind eben nicht ״einfach da“, sondern ״kompliziert da“, das gehört zu ihnen. Und es gehört wohl zu Arnold Zweig, daß er diesen reflektierenden Juden immer wieder aufsuchen muß. Den schildert er nun, von innen her, unheimlich echt und nuanciert, aber wohl ohne die Sicherheit des archimedischen Punktes außerhalb dieser seiner (immer höchst autobiographischen) Gestalten, von dem aus er den russischen Sergeall• ten una den preußischen General so unverlierbar und unvergeßlich hinbaute, und den z. B. Thomas Mann für seinen problematischen katholischen Juden und Selbstmörder Leo Naphta (im ״Zauberberg“) innehat. Woran liegt das? Die tiefste Assimilation der Juden ist nicht die der Kultur und nicht die der Gesellschaft, sondern die des Glaubens, genauer: die des Glaubens an den Unglauben. (Benjamin Disraeli war einer der ersten, der dies erkannt hat.) Einmal klingt dieser Ton auf, vor Lenores großem Entschluß: ״Hätte sie sich doch auf die Knie werfen dürfen, vor einem Kruzifix oder einer Mutter Gottes: Laß mich noch einmal, noch diesmal davonkommen! Aber keine Tröster gab es für sie, keinen Glauben, nur den leeren Himmel der großen astronomischen Gesetzmäßigkeit.“ Das wird ganz objektiv hingestellt, und es scheint, daß der Dichter mit ungeteilter, mit restloser Sympathie den tapferen Erdenweg dieses allein auf sich gestellten, glaubens« losen Menschenkindes verfolgt. Führt von hier, aus dieser säkularisierten Sphäre, ein Weg zurück zum Judentum? Und damit zu jenem archimedischen Punkte, von dem aus sich die Welt der assimilierten Juden aus den Angeln heben und plastisch wieder aufbauen läßt? Wird der Dichter gar seine jungen Menschen diesen Weg in die Objektivität des großen Judentums führen? Erst ״Erziehung vor Verdun“, die schon angekündigte Fort- Setzung der Tetralogie, muß es lehren, von welchem Buche wir den ersten großen jüdischen Erziehungsroman unserer Zeit erhoffen dürfen, denn der Jude Werner Bertin wird seine zentrale Figur sein. Aber ein, freilich dcutungsbedürftiges, An- Zeichen haben wir vielleicht schon jetzt: es findet sich in einem kleinen Kunstfehler, der, wie oft bei Unkonsequenzen, das Eigentliche verschweigend aussagen mag. Der bewußte Jude Markus Wahl hat seinen Sohn Hugo genannt, und dieser Assimilant nennt — in Potsdam! — seinen Sohn David, nicht nur für die Synagoge, die ja übrigens außer bei Bertins und Leonores endlicher Kriegstrauung, keinerlei Rolle spielt, sondern für den Alltag, für Schule, Haus und künftiges Leben. Die seelische Kausalität der Wahls kann dieses Faktum nicht hervorgebracht haben, aber vielleicht die, hier dem Stoff widerspenstige, des Autors. Vielleicht ״sollen" dieser Markus und dieser David nebeneinander treten, substantiell aus ihren Funktionen gelöst, und nun wieder zwei unmittelbar nachbarliche Glieder einer Kette bilden, die freilich zurück hinter diesen Markus reicht und über diesem David hinausiangt. Ein Judenroman Das Problem, was jüdische Literatur sei (außerhalb der Sphäre der Sprache, wo nur die hebräische und jiddische Literatur als jüdisch gelten können) ist besonders in Deutschland häufig erörtert worden, sowohl von jüdischer wie von nichts jüdischer Seite. Leider war die Behandlung dieser Frage selten frei von Tendenzen und Zwecken. Jüdischen Betrachtern kam es meist darauf an, Werke jüdischer Autoren als Argument für den jüdischen Anteil an der Kulturleistung der Umwelt zu verwenden; der Stil solcher Propaganda ist bekannt. Auf der anderen Seite ging die Untersuchung meist von Antisemiten aus, die sich nicht damit begnügten, jüdischen Autoren das Attribut ״deutsch“ abzusprechen, sondern gleichzeitig den Unwert des von Juden Geschaffenen nachweisen wollten. Demgegenüber hat die nationaliüdische Betrachtungsweise den Versuch gemacht, aus den Produkten jüdischer Schriftsteller ohne Werturteil das jüdisch Wesensmäßige zu erkennen. Dabei ergab sich ein zwiefaches Element: auf der einen Seite das immanente Pathos jüdischen Geisteserbes, also vor allem die Vormacht religiöser Problematik und ethischer Forderung; auf der anderen Seite die charakteristischen Merkmale, die sich aus der jüdischen Situation in einem bestimmten Zeitalter, also in unserer Zeit aus der durch die Assimilation hervorgerufenen seelischen Krise ergeben. Man kann ruhig anerkennen, daß auch die von deutscher Seite betriebene Kritik, wie sie z. B. in der Zeitschrift ״Deutsches Volkstum“ gehandhabt wird, wenn man von tendenziösen Uebertreibungen absieht, manches Hilfreiche zur Erkenntnis der Sachlage beisteuert; freilich geht die Methode dieser Kreise auf einen jüdischen Lehrmeister zurück (Karl Kraus). Die Charakteristik der jüdischen Literatur wird dadurch erleichtert. daß jüdische Autoren in immer stärkerem Maße jüdische Stoffe behandeln oder wenigstens jüdische Figuren zu Hauptgestalten machen. Einer der bekanntesten deutsch-jüdischen Schriftsteller, der sich selbst keineswegs als nationaljüdisch betrachtet, nat einmal gestanden, daß er sich ganz nur mit seinen jüdischen Gestalten identifizieren könne. Wo solche Typen uns leibhaftig gegenübertreten, wo ihr ganzes Innenleben vor uns ausgebreitet wird, wo die charakteristi־ sehen Züge gerade in der Uebertreibung, man könnte fast sagen: in der Karikatur, sichtbar werden, da kann oft mehr an Erkenntnis der jüdischen Lage erweckt werden als durch theoretische Darlegungen, die niemals die Blutfülle des Lebens haben. Das mag in unserer Zeit die Mission des jüdischen Dichters für das jüdische Volk sein; und insofern so ein geschlossenes Kraftfeld von Dichter und Leser erzeugt wird, darf man wohl von ״jüdischer“ Literatur sprechen. Innerhalb dieses Bereiches wird man freilich dte Freiheit der ästhetischen Wertung behalten. Auch ist, bei einem Werkt hohen literarischen Ranges, nicht einzusehen, warum nicht deutsche und andere Leser ein solches ״jüdisches“ Buch mit Interesse und Gen.:ß lesen sollten, so wie man ja schließlich auch aus fremden Sprachen übersetzte Werke liest. Wir glauben, daß auf diesem speziellen Gebiet viel zur Entgiftung der Atmosphäre geschehen könnte, wenn ״jüdische“ Literatur offen und eindeutig als ״jüdisch“ aufträte. Ein Musterbeispiel eines derartigen ״jüdischen“ Buches scheint uns der Roman ״Die Macht“ von Robert Neumann (Verlag Zsolnay, Wien) zu sein. Es ist jüdisch in seinem Ethos: eine leidenschaftliche Verdammung der vom Machttrieb und vom Götzen Geld beherrschten modernen Welt, in der Menschen reinen Herzens rettungslos verloren sind. Zugleich ist es jüdisch im aktuellen Sinn: es zeigt mit vernichtender Schärfe die Verstrickung des wurzellosen Juden in diesen Materialismus und das Innenleben des jüdisehen Assimilanten, des charakterlosen Strebers und Renegaten. ״Jüdisch“ ist aber auch die Form der Darstellung, das blitzartige Kombinieren, Nebeneinanderstellen der Kontraste, die psychologische Kleinmalerei, die sich jüdische Vorbikier (freilich auch Joyce) und Psychoanalyse zunutze macht Robert Neumann bedient sich bewußt einer dem Film entlehnten Technik: ein Bild wird gezeigt, eine Szene spielt, bricht plötzlich ab (״genug, abblenden!"), es erscheint eine andere Szene, der Konterpart, der Leser blickt hinter die Kulissen, gewissermaßen in die Werkstatt des Dichters. Ganze Seiten lang verfällt Ncumann in einen jüdelnden Stil — nicht etwa unwillkürlich, denn bei diesem sehr bewußten Autor geschieht alles bewußt, aber er meint, nur in dieser Weise ganz adäquat wiedergeben zu können, was in der Welt der betreffenden jüdischen Menschen vorgeht. Die Hauptfigur des Romans, wenn auch nicht sein Held (der ist ein georgischer Fürst, der als ״reiner Tor“ von Europa Hilfe bei der Wiedererlangung seines Besitzes von den Sowiets erhofft) ist der Rechtsanwalt Dr. Albert Rosen, geborener Rosenbaum, Verkörperung des Wurzellosen, des dämonisierten Intellekts, dem das von allen tieferen Verbundenheiten losgelöste Denken nur noch ein Werkzeug schäbigster Interessen ist. So entartet in keinem Judentum und Menschentum, daß nicht einmal die plötzliche Entdeckung eines elfjährigen Sohnes ihn zu menr ais einer flüchtigen Anwandlung, die er schnell unterdrückt, verleitet. ״Du Assimilant . . ., und bist doch nur ein Jud!“ . . . tobt einmal in einer Auseinander-