Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 1 (1932)
- Issue
- 5 (5.1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/10855476-10855472-2653358--043-2691693- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Monatsausgabe Nr. 5, Mai 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU v Seite 5 Diskussion der Judenfrage Das ״jüdische Schwein" Zur Problematik der ״ Gleichberechtigung" Als nach dem Ueberfall von nationalsozialistischen Abgeordneten im Reichstag auf den Journalisten Dr. Klotz auf Weisung des Reichstagspräsidenten Lobe der Berliner Polizeivizepräsident Dr. Bernhard Weiss mit einer Bereitschaft von Schutzpolizisten im Verhandlungssaal des Reichstages erschien, um die schuldigen Abgeordneten festzunehmen, wurde er mit höhnischen Zurufen: ״Isidor ist da!“ von den Nationalsozialisten empfangen. Dr. Goebbels rief: ״Da kommt das jüdische Schwein und provoziert.“ Der Berliner Polizeipräsident Grzesinski hat nach Zeitungsmeldurigen gegen Dr. Goebbels wegen Beleidigung des Polazeivizepräsidenten während einer Amtshandlung Strafantrag gestellt. Soweit der Tatbestand. Von Interesse ist die Haltung eines großen Teiles der deutschen Presse zu diesem Vorkommnis. Daß die rechtsradikalen, deutschnationalen und die Organe der Volkspartci, Wirtschaftspartei bis zu den demokratischen Zeitungen kein Wort des Tadels gegen die nationalsozialistisehen Prügeleien, gegen die Beschimpfungen des Dr. Weiss und gegen den beleidigenden Zuruf von Dr. Goebbels haben, daran ist nichts verwunderliches. Wir sind in Deutschland bereits daran gewöhnt, daß antisemitische Aeußerungen von dem größten Teile der öffentlichen Meinung entweder laut gebilligt, schmunzelnd zur Kenntnis genommen oder einfach mit Stillschweigen übergangen werden. Von größerem Interesse ist das Verhalten der sogenannten Linkspresse. Die sozialdemokratischen und kommunistischen Zeitungen verurteilen die antisemitischen Zurufe der nationalsozialistischen Abgeordneten und den beleidigenden Satz des Dr. Goebbels. Anders aber die demokratischen Blätter. Man merkt, daß ihnen dieser Vorfall und der Zwang, sich mit ihm zu beschuftigen, gleicherweise peinlich sind. Am deutlichsten ist in dieser Hinsicht der Berliner Korrespondent der ״Frankfurter Zeitung“, ein außerordentlich gewissenhafter, vorsichtiger und in der Beurteilung der Verhältnisse zuverlässiger Publizist. Er schreibt: ״Erst die üblichen Beschimpfungen gegen ihn (mußte übrigens Herr Weiss wirklich in eigener Person erscheinen, zumal er die Wirkung kennt?), dann Sprünge von gewandten Polizisten über die Regierungsbank, dann Verhaftungen.״ Die Frage der ״Frankf. Ztg.“ ist für die Situation der Juden in Deutschland und für die Stellung öffentlicher jüdischer Funktionäre, jüdischer Wortführer, und überhaupt mit allgemeinen Angelegenheiten beschäftigter Juden symptomatisch. Es ist so, daß unter den gegenwärtig herrschenden Verhältnissen in Deutschland die tatsächliche Inanspruchnahme der formal-gesetzhvh garantierten Gleichberechtigung durch Juden auf einen großen Teil der nichtjüdischen Umwelt als ״Provokation“ wirkt. Auch im Nachkriegsdeutschland sind die Juden noch weit von der Gleichgeltung und Gleichbewertung auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens entfernt. Aber schon die wenigen jüdischen Funktionäre in gehobener Stellung sind für die Judenfeinde Gegenstand des Abscheus, und für s-olche, die nicht gern als ״Judenschützer“ gelten• möchten, eine peinliehe Belastung. Sogar die ״Frankf. Ztg.“ verteidigt nicht den jüdischen Po’.izeivizepräsidenten gegen Beleidigungen, die ihm nicht etwa wegen schlechter Amtsführung, sondern wegen seines Jude-Seins zuteil wurden. Die Judenfeinde verlangen eine restlose Eliminierung des jüdischen Elementes aus allen Aemtern. Der größte Teil der den sogenannten Mittelrichtungcn angehörenden nichtjüdischen Politiker würde es gern sehen, wenn die Juden das einmal von Prof. Somb a r t empfohlene Rezept sich zu eigen machten, nämlieh, sich mit der formalen Gleichberechtigung zufrieden zu geben und ״taktvoll“ diese Gleichberechtigung nicht in Anspruch zu nehmen. Und in Kenntnis dieses Sachverhaltes wünschen auch zahlreiche Juden und auf dem Standpunkt der Assimilation stehende Kreise, die ein Amt bekleidenden jüdisehen Persönlichkeiten mögen sich nicht exponieren und es zu solchen Episoden wie im Falle Weiss gar nicht kommen lassen. Es verschlägt wenig, daß man die Judenfrage als solche leugnet, daß man sich als ״Deutscher jüdischen Glaubens“ (Angehöriger eines der vielen ״deutschen Stämme“ mit einer der — neben Protestantismus und Katholizismus — im deutschen Volk verbreiteten Religionen) für völlig gleich allen andern Deutschen hält; im Unterbewußtsein bleibt doch ein Rest, zu tragen peinlich, eine Ahnung, daß es nicht so ist, und daß man daher besser daran tut, quieta non movere, Schlafendes nicht aufzurühren, — als ob die Dinge nicht schon in ״Bewegung“ wären und nicht künstlich zur Ruhe gebracht werden können. Es nützt aber nichts, di«» Dinge nicht sehen zu wollen. ״Die Judenfrage besteht, es ist zwecklos sie zu leugnen“ (Herzl). Manchmal entschlüpft diese Erkenntnis auch Kreisen, die sie nicht wahr haben wollen. Und vor allem die Juden selbst, die uns hier in erster Reihe interessieren, — wie lange werden sie noch glauben, sich selbst täuschen zu können, durch Fragen, wie die hier von der ״Frankf. Ztg.“ klassisch formulierte den Konflikten entgehen zu können, statt sich endlich zu der für viele bitteren Wahrheit aufzuraffen und auf die offene Judenfrage eine offene Antwort zu geben? Die Lage eines jüdischen Funktionärs ist, wie der Fall des Dr. Weiss neuerdings bewies, wenig beneidenswert. Denn was. er auch tut, ist verkehrt. Drückt er sich von der Aus- Übung seiner Obliegenheiten, dann ist es eine ״feige Kapitulation vor der Volksstimmung“. Uebt er sie aus, dann wirkt das als ״Provokation“. Die alte Geschichte vom Stein und vom Krug — in beiden Fällen wehe dem Krug. Die Situation ist unhaltbar, eine wenig tröstliche, aber zutreffende Erkenntnis. a. h. Albert Thomas, der in Paris plötzlich gestorben ist, war ein aufrichtiger und ergebener Freund der jüdischen Renaissancebewegung. Auf dem letzten Zionistenkongreß in Basel erschien Albert Thomas, um den Kongreßteilnehmern persönlich seine Sympathien für das Werk des jüdischen Palästina-Aufbaus zum Ausdruck zu bringen. Albert Thomas schilderte in einer wundervollen Ansprache, wie er während des Krieges durch Ruthenberg auf die zionistischen Bestrebungen aufmerksam gemacht wurde und wie er allmählich nach gründlicher Informierung über die Ziele der Zionisten sich zu einem Bewunderer und Förderer der jüdischen Freiheitsbewegung entwickelt habe. Albert Thomas hat nicht nur in Worten, sondern bei vielen Gelegenheiten auch durch Taten seine Verbundenheit mit den zionistischen Bemühungen dargetan. Mit Dankbarkeit gedenken darum die jüdische Welt, vor allem aber das jüdische Palästina, des Verstorbenen als eines wahren Repräsentanten einer übernationalen Geisteshaltung, Klärung? 1 Von Dr. A r t h u r P r i n z. 1 Im September 1930 gaben die ״Süddeutschen Monatshefte“ j eine Sondernummer über ״Die Judenfrage“ heraus, in der neben den Vertretern aller bedeutenderen jüdischen Richtungen auch christliche Autoren verschiedenster Anschauung zum Worte kamen, so daß der Leser wirklich eine leidlich vollständige Uebcrsicht über den Stand der Diskussion erhielt. Aber da sich seitdem, neben manchem anderen, auch die Judenfrage so reißend schnell entwickelt hat,- daß ״nicht zwei Jahre, sondern eine Welt“ vergangen zu sein scheinen, so würden gewiß alle die Juden, die von einer ehrlichen Ausspräche Gutes erwarten, jeden neuen derartigen Versuch dankbar begrüßen, dessen Methode fair׳ und vertrauenswürdig wäre. Aber der äußerlich recht erfreuliche Band, in dem ein rechts gerichteter Verlag zwölf Autoren sich zur Judenfrage äußern läßt,1) zeigt schon in der Anlage schwere Mängel, die den Wert des Buches in Frage stellen. Von den zwölf lebenden Autoren sind vier Juden, und zwar ein ״nationaldeutscher“, zwei Kommunisten und ein Zionist — basta! Weder die Orthodoxie noch die zahlenmäßig immer noch stärkste Gruppe, die Liberalen, kommen zu Worte, — ohne daß klar wird, wie weit hierbei eine Absicht des Herausgebers oder ein bloßer Zufall am Werk gewesen ist. Nun ist sachlich allerdings das Fehlen des CV-Standpunkts kein Schade; zeigt doch der gesamte Inhalt dieses Bandes, daß die Diskussion der Judenfrage über die um dreißig Jahre rückständige Ideologie der Liberalen einfach hinweggeht, — jedoch es entsteht ein falsches Bild von der politischen Verteilung der deutschen Juden. Warum aber andererseits der kommunistische Standpunkt doppelt vertreten ist, obwohl beide Autoren sich durchaus einig sind, bleibt vollends unverständlich; oder sollte vielleicht der Eindruck erweckt werden, als ob ein besonders großer Teil der deutschen Juden kommunistisch sei? — Ebenso seltsam ist die Auswahl der nichtjüdischen Autoren. Sieben meistens recht junge deutsche Nationalisten, ein vielleicht als liberal zu bezeichnender Autor, — und dazu, als Dreizehnter und als einziger Verstorbener, Friedrich Nietzsche! Von diesem sind aber g a n z einseitig bestimmte Stellen aus den Schriften ״Zur Genealogie der Moral“ und ״Der Anti- Christ“ herausgesucht, die Nietzsche als Antisemiten erscheinen lassen. Daß neben diesen gewaltigen Anklagen Aeußerungen ganz anderer Art stehen, — Ausdrücke nicht nur höchster Bewunderung, sondern selbst tiefer Dankbarkeit für die Juden, das weiß jeder Nietzsche-Kenner;2) sollte es wirklich Herr E. J., der als Herausgeber dieser peinlichen Nietzscbe-Anthologie zeichnet, nicht gewußt haben? (Trotz der Initialen und gewisser anderer Gründe möchten wir nicht glauben, daß dieser Nietzsche-Jünger ohne Ernst Ernst Jünger heißt!) Wir wären auf diese Zitate nicht näher eingegangen, bestände hier nicht eine tiefere Beziehung zu dem Geist des Buches. Damit meinen wir nicht nur die Tatsache, daß mehrere Autoren sich auf Nietzsche berufen, als wäre er — der doch auch wieder ausrief: ״Welch’ eine Wohltat ist ein Jude unter Deutschen!“ — ein Antisemit, sondern viel wesentlicher erscheint uns der ungeheure allgemeine Einfluß Nietzsches, der in den meisten nichtjüdischen Beiträgen spürbar ist — am meisten wohl bei Ernst Johannsen und Hans Blüher — und der jedenfalls eine der Hauptursachen für das erschreckende geistige Chaos ist, das vor dem Leser dieses Buches aufsteigt. Vergleicht man die Beiträge der sieben deutschen Nationalisten, so hat man den Eindruck, als ob es hier überhaupt keine׳ gemeinsamen geistigen Grundlagen mehr gebe. War Nietzsches ״Umwertung aller Werte“ ein ungeheures Wagnis, fast ein vermessener Frevel, weil hier ein Einzelner, von seinem Dämon getrieben, die allgemein anerkannten Werte in Frage zog und prüfte, so hat heute und hier jeder seine individuelle Werttafel, seine persönliehe Geschichtsauffassung, und es gibt nichts, was man nicht ohne Mut und Mühe jederzeit ״umwerten“ könnte! So sind etwa in diesem Buch die einen Antisemiten aus christlichen Gründen, die anderen verwerfen das Christentum, weil es ihnen zu jüdisch ist . . . Dieses Chaos der Begründungen ist noch viel erschreckender, als die Heftigkeit des Judenhasses selbst, der uns entgegenschlägt. Die einzelnen Beiträge sind von ungleichem Rang. Ueber die jüdischen Autoren genügen einige Worte. Der unvermeidliche Max Naumann unterscheidet sich schon durch den spielerischen Unernst seiner Ueberschrift (״Grüne Fragen und gelbe Antworten“) und sein merkwürdiges Gemisch aus Witzelei und Pathos unvorteilhaft von allen übrigen Autoren, die wenigstens den Rang des Problems selbst begriffen haben. Interessant ist übrigens die biographische Notiz, daß Naumann — neben dem Grafen Reventlow der einzige ältere Autor! — lange vor dem Krieg kgl. bayr. Leutnant d. Res. gewesen ist — uns scheint, daß er bis heute über diese Ehre nicht hinweggekommen ist! Auch über die beiden jüdischen Kommunisten Otto Heller und Alfred Kantorowicz ist wenig zu sagen, nachdem Hellers Schriften und Vorträge wiederholt in der ״Jüd. Rundschau“ besprochen wurden. Angesichts der unerträglichen Plattheit und Eingleisigkeit dieses Denkens, das alles streng ״materialistisch“ erklären will, und dabei von der jüdischen Religion etwa so viel begreift, wie eine physikalische Betrachtungsweise vom Wesen einer Beethovenschen Symphonie erfassen könnte, liest man nicht ohne schmerzliche Ueberraschung, daß Kantorowicz früher einmal Zionist war; welches sacrificium intellectus muß er beim Eintritt in das Lager des rechtgläubigen Marxismus gebracht haben! Welche geradezu eschatologischen Vorstellungen in diesen ständig von Wissenschaft redenden Marxisten lebendig sind, zeigt etwa Hellers Satz, nach dem ״die Judenfrage ein Teil der Vorgeschichte der Menschheit“ ist, der selbstverständlich nach Eröffnung der eigentlichen Geschichte durch den Sozialismus verschwinden wird! — Wenn schließlich der zionistische Standpunkt von Dr. Robert ג) Klärung. Zwölf Autoren und Politiker über die Judenfrage. Verlag Tradition Wilhelm Kolk, Berlin SW 68. 205 Seiten. 2) Einen guten Aufsatz über Nietzsches Stellung zum Judentum hat K. W. Goldschmidt im Berl. Gemeindeblatt vom Februar 1931 veröffentlicht. W e 11 s c h , dem Chefredakteur dieses Blattes, vertreten wird, so muß hier aus naheliegenden Gründen der bloße Hinweis ■>j auf diesen sehr ernsten, neben den meisten anderen Aeußefun- א•׳ gen nüchtern und unliterarisch wirkenden Aufsatz genügen. ך״ Auch die Beiträge der nichtjüdischen Autoren müssen zum n Teil als minderwertig bezeichnet werden — nicht etwa wegen ' J ihrer Tendenz, die auch in würdigerer Form vertreten wer-;י den könnte, sondern wegen des erschreckenden Mangels an Selbstzucht und intellektueller Redlichkeit. Dies gilt u. E. vor allem von dem Aufsatz von F. W. Heinz, einem jungen ' deutschen Nationalisten, dessen politisches Bekenntnis in Hielschers ״Reich“ enthalten ist. Heinz, der mit Stolz Martin Luther und das Haus Bourbon-Condö zu seinen Vorfahren . zählt, schreibt u. a. folgendes: ,,Noch vor den edelsten Vertretern des Messianismus oder den opferfreudigsten Vorkämpfem eines jüdischen Nationalismus überfällt den Deutsehen die trostlose Traurigkeit, wie sie ihn sonst nur noch : überkommt angesichts absterbender Bäume, deren Wurzel ver- ל dorrt ist, indessen die grünende Krone den Rest der auf- ׳ gespeicherten Energie verbraucht . . .“ ״Im Zionismus offenbart sich immer wieder nur jene negative Dämonie verwürfe- , ' ner Völker, die das Gute will und doch nur das schafft, was von den jungen und gesunden Völkern als Belästigung oder Hindernis auf ihrem eigenen Wege empfunden wird.“ Angesichts dieser Sätze überfällt den Leser die ״trostlose Traurigkeit“, die ihn sonst nur beim Genüsse sehr schlechter Feuilletons überkommt! Welch sträflicher Mißbrauch großer Worte ohne gedankliche Zucht, ja wahrscheinlich ohne lebendige Empfindung! Herr Heinz versichert uns auch, es gebe auf der ganzen Welt eigentlich nur zwei Völker, die wirklich gehaßt würden, nämlich die Deutschen und die Juden; aber während die Deutschen schöpferisch und selbst ohne Haß seien, zwinge uns der jüdische Haß ständig, entscheidende Fehler zu begehen . . . Daß die Deutschen ohne Haß sind, Herr Heinz, das weiß heute jedes jüdische Schulkind! Nicht viel wertvoller erscheint uns Blühers äußeret spekulativer Aufsatz ״Die Erhebung Israels gegen die Christliehen Güter“, sowie auch Hie 1schers geistvolle, aber verstiegene Konstruktion ״Reich und Israel“. Weitaus am schlimmsten aber ist in Ton und Inhalt der Aufsatz des Orafen Reventlow — übrigens des Bruders der charmante^ Gräfin Franziska Reventlow, die Christen und Juden in gfeieher Weise in ihr Herz schloß. Daß R. im Juden eine ״Weltpest“ sieht, deren Ausrottung in Deutschland (aber ohne Pogrom!) ״das Signal zu einer Weitbefreiung“ geben soll, ist vielleicht noch nicht so erschreckend, als die ganze, von ״pseudomoralischen Zwirnsfäden“ unbehinderte Haltung dieses Mannes — eines typischen Vertreters jener bloßen Machtanbetung, die im Kriege Deutschland so ungeheuren Schaden gebracht hat! Aber neben solchen unerfreulichen Aufsätzen stehen einige Beiträge, deren Ernst, guter Wille und gedankliche Tiefe sie auch für denjenigen wertvoll machen, der ihre Tendenz oder einzelne Gedanken ablehnt. Hans Johst wendet sich in einem kurzen Beitrag scharf gegen die bewußte oder unbewußte Verhöhnung deutschen Volks- und Bürgertums durch große jüdische Kreise, und schließt mit folgenden Sätzen: ״Der Jude sollte, wie wir jungen Deutschen, den Mut aufbringen und sich erneuern. Der Jude . . . sollte sich auf sein Volkstum besinnen. Dann braucht er gar nicht die schöne und edle Uebertreibung, die gläubige Utopie des Zionismus, dann könnte er als Einheit*als klar begrenztes Ethos und einheitliche Substanz neben• uns Deutschen, mit uns wirksam sein. Uns trennt nur Mimikry, Verleugnen . . . Verwischen . . . In-Abrede-Stellen.“ Richard Euringers Standpunkt — ein sehr merkwürdig begründeter und nuancierter, vorwiegend religiöser Antisemitismus — kann uns wohl schmerzlich berühren, darf uns aber nicht verleiten, an der Tiefe und Ehrlichkeit dieser Gesinnung oder dem geistigen Rang des Autors zu zweifeln — während der Beitrag Ernst Johannsens im Niveau sehr ungleichmäßig ist; neben Stellen von wirklichem Wert wirkt anderes, besonders gegen Ende des Aufsatzes, flach und unbefriedigend. Ein merkwürdiger Widerspruch ist es auch, daß Johannsen, der so scharfe Worte gegen den Stumpfsinn der materialisti־ sehen Geschichtsauffassung findet, andererseits gerade den bekannten Aeußerungen Marxens zur Judenfrage großes Gewicht beilegt! Für den weitaus wertvollsten nicht jüdischen Beitrag halten wir den Aufsatz Walther von Holländers, dessen Inhalt sich freilich nicht auf eine kurze Formel bringen läßt. Vor allem erkennt er klar die Verknüpfung -des heutigen Antisemitismus mit der allgemeinen Kulturkrise: ״Wo die Judenfrage (und die Christenfrage) aktuell wird, da ist es um die innere Einheit des Christen nicht gut bestellt. Da müssen die geistigen Fundamente, die naturhaften Stützen der Ueberzeugung morsch geworden sein, da muß vor allem die eigene Lebensform nicht mehr überzeugen.“ Und Holländer, der die Judenfrage in keiner Weise nach dem Muster der liberalen Juden zu bagatellisieren sucht, sondern bis in alle Tiefen vorzudringen bemüht ist und be- ' sonders über die religiösen Fragen wesentliche Erkenntnisse bringt, kommt, ähnlich wie Johst, zu dem Resultat: ״Man soll sich um sich selbst kümmern. Jede Rasse und jedes Volk soll sich um sich selbst kümmern, das ist das Grundgesetz, von dem aus allein alle Rassenfragen und Volksfragen gelöst werden können. Das ist das Grundgesetz der Besinnung, welches seltsamerweise das konservative Prinzip der Verantwortung, wie das liberale Prinzip der Duldung in sich schließt.“ So wird dieses Buch,׳ das zur ״Klärung“ der Judenfrage wohl wenig beitragen wird, im Gesamtergebnis zur eindeutigen Bestätigung der Richtigkeit des national jüdischen Stand- Punktes. Kein einziger der Nichtjuden erwartet etwas Gutes von der Assimilation! — Aber dieses Buch hat für uns noch einen anderen Wert. Indem es uns das Chaos der Anschautmgen im deutschen Nationalismus zeigt, verweist es uns eindeutig auf unser eigenes Gewissen und unsere eigene Einsicht als das einzige Richtmaß ,unseres Verhaltens. Es ist im deutschen Nationalismus kaum etwas vorhanden, woran sich der jüdische Nationalismus orientieren, geschweige denn assimilieren könnte(