Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 1 (1932)
- Issue
- 5 (5.1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr. 5, Mai 1932 frage (״Klärung“, Verlag Tradition Berlin, und ״Der Jude ist schuld?“, Zinnen-Verlag, Wien) erwähnt und hinzugefügt, er sehe in diesen Aufsätzen einen ersten — freilich nach seiner Meinung nicht ganz gelungenen — Versuch objektiver Betrachtungsweise des Antisemitismus-Problems von jüdischer Seite. Ich kann freilich dieses Verdienst nicht für mich persönlich in Anspruch nehmen: Der Versuch, die Judenfrage objektiv und ohne Ressentiment zu sehen, ist eines der Qrundelemente des Zionismus seit seiner Oetyurtsstunde, und andere haben vör mir die Sache viel pesser gemacht. Der Zionismus geht davon aus, daß nur dann etwas zur Lösung des Problems geschehen kann, wenn man es in seinem wahren Wesen erkannt hat und auf Selbsttäuschung verzichtet. Nur ehrliche Einsicht auf beiden Seiten kann uns weiterbringen. Dazu gehört vor ,allem die Anerkennung der Tatsache, daß ein Problem •vorliegt, das aus der jüdischen Existenz׳entsteht, und daß ,die bloße Feststellung des Andersseins der Juden, das ׳ auch wir als Tatsache betrachten, noch nicht als feindlieber Akt oder Schmälerung der jüdischen Würde auf zufassen ist. Stapel sagte kluge Worte über die Peinlichkeit der diese Tatsache ignorierenden Grenzüberschreitung, Worte, denen auch einsichtige Juden (und vor allem zionistische Juden) zustimmen. ״Die Grenzüberschreitungen von einem Volk ins andere hinüber — dies ist der Punkt, wo der Antisemitismus entsteht.“ Natürlich ergibt sich die Frage, wo die Grenze zu ziehen ist, und das wird nicht immer ganz leicht zu entscheiden sein; es läßt sich wohl abstrakt gar nicht formulieren, sondern ist eine Frage des Lebens, und als solche auch abhängig von Zeitumständen und wechselnden Bedingungen, so daß man sich vorstellen kann, daß zu verschiedenen Zeiten diese Grenze verschieden verläuft. Wenn aber Stapel hinzufügt: ״Ich fühle mich rein von jedem Haß, doch lehne ich das andere Volkstum nicht in seiner Geltung, aber in seiner Grenz- Überschreitung ab“ ־־־ so erweckt diese Aeußerung den Anschein, daß er seinerseits dem Phänomen des Antisemitismus nicht objektiv gegenübersteht. Wer den Antisemitismus so sieht, wie er tatsächlich ist, und auch Stapels eigene antisemitische Theorien bilden hier kaum eine Ausnahme, der müßte zugeben, daß hier von .Anerkennung der ״Geltung“, also eines wertfreien Nebeneinanders, nicht die Rede sein kann. Antisemitismus ist eben nicht bloß die sachlich berechtigte Konstatierung der Verschiedenheit, sondern verbunden mit ausgesprochener Minderbewertung, Herabsetzung des Judentums, angefangen von den materialistischen Rassentheorien bis hinauf zu einer gewissen Art Theologie. Die Antisemiten sagen nicht: die Juden sind anders als wir, sie sagen: die Juden sind verworfen. Darum sind auch diejenigen Juden, die um die gegebenen ״Grenzern“ , wissen, dem Antisemitismus gegenüber in eirter psychologischen Zwangslage. Es geht nicht daruni, die Eigentümlichkeit des eigenen Wesens in aller Offenheit zu bejähen, Wobei man sich sogar gegenseitige Hilfe und Befruchtung vorstellen könnte, weil man oft die eigene Art erst richtig beurteilt, wenn man sie auch durch die Brille eines Außenstehenden sehen lernt, sondern wir finden uns meist in einer Atmosphäre der Schmähung und Bedrohung, die jede sachliche Aussprache unmöglich machen. Wir stehen immer allzu selbstgerechten Gegnern gegenüber. Ganz abgesehen von dem brutalen Vulgär- Antisemitismus, der sich heute in Deutschland austobt und über den Dr, Stapel sich gern ausschweigt. So stark auch innerhalb des Judentums die grundsätzlichen Differenzen in der Auffassung der Judenfrage sein mögen, einer solchen Feindschaft gegenüber bilden sie aktuell eine Einheit. Ich habe schon gesagt, daß die jüdische Eigenart des Denkens und Fühlens von uns nicht geleugnet wird. Aber man geht oft fehl, wenn man diese in ihrer Existenz deutlich empfundenen sekundären Volkseigentümlichkeiten (im Gegensatz zu den rimären Verschiedenheiten des Staates, der Sprache usw.) in onkreten Einzelheiten formulieren will. Oft findet man geistreiche, aber gekünstelte Erklärungen, oft liegen die Unterschiede gar nicht da, wo man sie zu sehen meint. Es war für uns recht instruktiv, daß Stapel zwei merkwürdige Beispiele wählte, die wir nicht als charakteristisch empfinden. Stapel sagte, der Unterschied deutscher und jüdischer Ethik zeige sich darin, daß die Juden Gegner der Todesstrafe sind, während die Deutschen sie als ein unentbehrliches Attribut der Majestät des Staates betrachten. Zunächst ist hier zu sagen, daß zwar viele jüdische Publizisten gegen die Todesstrafe auftraten, aber auch zahlreiche und nicht zu bagatellisierende arische Deutsche. Auf der anderen Seite gibt es zweifellos viele jüdische Anhänger der Todesstrafe. In diesen Blättern wurde vor zwei Jahren aus einem bestimmten Anlaß eine Polemik über dieses Thema geführt, wobei die Gegner der Todesstrafe (zu denen Schreiher dieser Zeilen gehörte) keineswegs in der Mehrheit waren. Das Beispiel ist, wie so viele, mehr spekulativ als empirisch gefunden. Irgendwie ahnt Stapel, was auch wir glauben, daß die Todesstrafe dem heutigen jüdischen Empfinden (im Gegensatz zum biblischen Judentum, wo die Todesstrafe eine geltende Institution ist) nicht gemäß ist. Aber für die praktische Politik, auf die Stapel Bezug nahm, dürfte sich das wenig aus״ wirken, da doch hierfür nur die wirkliche Haltung der deutschen Juden wichtig ist, die ebenso differenziert ist wie die der Deutsehen. Soll es so sein, daß alle Juden für die Todesstrafe sein müssen und nur arische Deutsche dagegen sein dürfen? Das andere Beispiel, das Stapel besonders breit ausgespönnen hat, war die Frage der Kriegsächtung, d. in der moralischen Verwerfung des Krieges als Mittel der Austragung von Streitigkeiten zwischen Völkern. Die Juden, so meint Stapel, lehnen wegen ihrer internationalen ״Quer-Verbindungen“ den Krieg ab und kommen dadurch in Konflikt mit den Deutschen, die den Krieg als legitimes Mittel zur Verteidigung . der Würde der Nation bejahen. HollaendeT vermied sympathischerweise in seiner Antwort den sonst üblichen Hinweis auf die jüdischen Gefallenen usw. Er sagte: Die Juden sind Ocgner des Krieges wegen ihrer messianischen Verheißungen — eine Antwort, die freilich unbewußt Stapels These von der metaphysisch bedingten Unterschiedlichkeit bestätigt. Doch, so führte Hollaender weiter aus, da die nvessianische \X%t keine Unterdrückung zuläßt und die Würde jedes efnEelnen Volkes postuliert, könne bei Bedrohung der Würde eines Volkes ein Krieg auch nach jüdischer Meinung unvermeidlich werden. Darauf Stapel: Wer bestimmt aber darüber, was Würde sei? Wer bestimmt darüber, ob z. B. der Vertrag von Versailles mit unserer Würde vereinbar ist oder nicht? ״Würde“ wird von Juden anders verstanden als von Deutschen. Jedes Volk kann nach seinen Begriffen von Würde leben, aber sobald wir Deutschen unsere Aulfassung von Würde von der Zustimmung der Juden abhängig machen sollen, da entsteht in uns jene Abwehr, die den Antisemitismus erzeugt. Hollaender: Es gibt keinen ״jüdischen“ Begriff von Würde. Der Begriff ״Würde“ ist ein allgemeiner. Wenn etwa heute die Frage Krieg oder Frieden im deutschen Volke entschieden werden sollte, so hat darüber der Wille der Gesamtheit der Deutschen zu entscheiden. Dabei sind die jüdischen Deutschen ebenso zu bewerten wie alle anderen. Stapel: Was Würde sei, wird nicht entschieden vom Willen der Gesamtheit der Deutschen, sondern vom deutschen Geist, das ist etwas ganz anderes. Wir wollen nicht gegen die gefährliche Vermischung von Politik und Metaphysik rechten, die uns hier begegnet. Aber es gibt vielleicht für die jüdische ״Kriegsächtung“ einfachere Erklärungen. Die Juden sind das klassische Volk des geschieht• liehen Gedächtnisses. An allen entscheidenden Momenten ihres Volkslebens steht die geschichtliche Erinnerung, die geradezu für das Volkstum konstitutiv ist. Die Juden leben in der zeitliehen Kontinuität weit mehr als in der räumlich naturhafien. Dies ist kein unbedingter Vorzug; man denke nur an Nietzsches ״Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“. Belastung mit Tradition ist ein konservierendes, aber auch oft ein hemmendes Moment, für den einzelnen Juden ebenso wie für die Gesamtheit. Aber ein solches geschichtszugewandtes Volk vergißt nicht so schnell, und es hat den letzten Krieg nicht ver* gessen. 1914 waren die deutschen Juden in ihrer großen Mehrheit kriegsbegeistert. Inzwischen ist mau um eine Erfahrung reicher geworden. Ich kann natürlich in einer solchen Frage nicht für ״die“ Juden sprechen, aber viele Juden, und wohl gerade diese wollte Stapel treffen, sind eingedenk des unsagliehen Menschenleides und Jammers, die der Krieg über alle bringt. Es. handelt sich doch, Herr Dr. Stapel, nach Ihren eigenen Worten um eine sehr ,,diesseitige“ Frage, und da gilt es, die realen Momente der Diesseitswelt in Betracht zu ziehen. Die moderne Technik läßt heute ״Krieg“ als eine ganz neue Kategorie erscheinen, auf die sich die Denkweise vieler noch nicht umgestellt hatte. Alle Vorstellungen von ״Heldentum“ verlieren ihren Sinn. Die jüdische Legende kennt die Gestalt des ״Golem“, der entfesselten Materie, des tollgewordenen, seelenlosen Geschöpfes von Menschenhand, über das der Mensch die Gewalt verloren hat. Nur der Geist kann diese Katastrophe bannen. Es ist nicht Humanitätsduselei, wenn man dem Krieg skeptisch gegenübersteht, es besagt auch nichts über den persönlichen Mut. Kriegsgegnerschaft kann echtem Patriotismus entspringen und unter Umständen das Land retten. Aber das soll beileibe keine ״Grenzüberschreitung“ sein, sondern nur zeigen, daß die Theorie der ״Querverbindungen“ weit hergeholt ist. Vielleicht wird der Leser meinen, daß diese Erörterung nicht zur Sache gehört, aber für Stapel ist die Frage des Pazifismus in der Stellung zur Judenfrage entscheidend, und sie hat auch in dem Rundfunkgespräch einen breiten Raum eingenommen. Zum Schluß faßte Stapel das Ergebnis des Oesprächs wie folgt zusammen: ״Das, was uns trennt, ist, daß wir vom Wesen der *Ge-״ meinschaft entgegengesetzte Anschauungen haben. Sie sehen alles aufgelöst in einzelne Gruppen und Individuen und messen dem Willen einen Bereich zu, den ich dem Willen nicht zuerkennen kann. Meine Volksauffassung ist die, daß Volk eine überindividuelle Gemeinschaft ist, unabhängig von dem Wollen des Einzelnen. Durch das Volk-Sein ist der Einzelne und jede einzelne Gruppe innerhalb des Volkes prädestiniert, vorausbestimmt. Alle Mannigfaltigkeit der Einzelnen gibt doch zusammen ein Ganzes. Die Substanz ist die gleiche, nur funktionell sind die Individuen verschieden. Und wenn der Jude meint, er sei nun auch in der Substanz dem Deutschen gleich und er empfinde und handele wie ein Deutscher, so ist das eine Augentäuschung. Denn er sieht auf seine jüdische Weise das Deutsche jüdisch und sieht nicht den Unterschied. Uns Deutschen muß Vorbehalten bleiben, darüber zu urteilen, was deutsch sei und was nicht.“ Hollaenders Schlußwort war: ״Was deutsch ist, kann nie nach starren objektiven Begriffen festgestellt werden, sondern richtet sich nach dem großen Empfinden der Masse, die auf Einzelheiten des ge* meinschaftlichen Wollens und der gemeinschaftlichen Zukunft, des gemeinsamen Leides und der gemeinsamen Freude abgestellt ist. Darum kann ich eine Judenfrage in dem Sinne nicht anerkennen, daß hier eine Einteilung erfolgt in Menschen, die von Geburt an das Moment der Fremdheit dem deutschen Volke gegenüber tragen, sondern ich meine, es kommt auf die innere Notwendigkeit an, die wir empfinden, deutsch zu sein. Und wir hoffen auf das eine, daß allmählich unsere deutsche Umwelt sieht, es kommt auf das Gewordene an, auf das, was der Jude im Laufe der Zeiten sich erworben hat.“ Es ist klar, daß Hollaender von seinem Standpunkt nicht anders antworten konnte, aber ebenso klar ist, daß dies kein Ausgangspunkt nicht nur für — waj relativ unwichtig wäre — die Fortsetzung der Aussprache, sondern auch für eine nützliche und konstruktive Behandlung der Judenfrage ist. Der archimedische Punkt ist in der Tat die Erkenntnis des ״überindividuellen“ Charakters der Gemeinschaft, wenn man dies auch nicht schablonenhaft nehmen darf. Der jüdisches Volkstum bejahende Jude wird auch für jedes andere Volkstum und überhaupt für die ״überindividuellen“ Wesenheiten ein echtes Empfinden haben. Was jüdische Volksbejahung von der jüdischen Seite bedeutet, ist ein Problem für sich; aber von hier aus allein läßt sich auch eine Lösung des Problems der ״Grenz- Überschreitung“ finden. Nur soll die deutsche Welt verstehen, daß sie nicht durch Prämien auf Renegatentum und durch Zurücksetzung des jüdisch-treuen Juden diese Grenzüberschreitung geradezu provozieren darf. Die Möglichkeit, verdunkelte Grenzüberschreituiig zu verhüten, ist dann gegeben, wenn der Jude offen und kenntlich als Jude leben kann. Daß bei der heutigen Sachlage und nach einem Jahrhundert fortgesetzter psychologischer Verfehlungen viele Juden ihr Judentum lieber verstecken und als möglichst laut betonte ״Deutsche“ (im Sinne deutschen Volkstums) auftreten, ist vom jüdischen Standpunkt zwar nicht zu billigen, aber naturgesetzlich zu verstehen. Hört die Bedrohung und die Herabsetzung des Judentums auf, wird dadurch (nach Ablauf einer gewissen Frist) die Unbefangenheit des Judeseins wieder hergestellt, dann ist die Frage zu drei Viertel gelöst. Denn was ein Jude als deutscher Bürger dann tut, kann keineswegs als ״Grenzüberschreitung“ in dem Sinne, daß er deutsches Wesen verkörpern und die deutsche Nation in Angelegenheiten des Deutschtums schulmeistern will, aufgefaßt werden. Und für den Staat wird dieser Jude ein wertvollerer Bürger, für den Deutschen ein respektablerer Mitbürger sein als die verängstigten, ״zersetzenden“ Ghetto-Figuren von gestern. In einem Punkte unterscheiden wir uns zutiefst von Stapel. Er erklärt, daß es keine einheitlichen ethischen Maßstäbe für die Menschheit geben kann. Jede Nation habe ihre eigene Ethik. Wenn aber keine allgemein gültigen Werte anerkannt werden, dann muß mythischer Fanatismus (im Zeitalter des Weltverkehrs und der modernen Technik!) die abendländische Kulturwelt vernichten. Das glauben wir Juden nicht. Wir glauben an die Einheit des Geistes. Nicht Einheitlichkeit der Mensehen und der Völker, wohl gemerkt, — solche Gleichmacherei und Negierung des Besonderen liegt uns nationalen Juden besonders fern — aber des Geistes, der Einer ist über allen Differenzierungen und der ins Leben kommen muß, auch dort, wo die Völker auf der Flucht vor ihm sind. Die Menschheitsgeschichte ist eine solche fortwährende Flucht, unterbrochen durch immer wieder versuchte Umkehr. Die jüdische Geschichte zeigt im kleinen diesen Prozeß deutlich. Um Mißverständnisse zu vermeiden: Ich will nicht sagen, daß die Juden das Vorbild für andere Völker sind, auch Juden und vielleicht gerade die Juden sind vom Geist abgefallen, sind auf der Flucht, aber gerade in ihren Reihen wurde auch der Ruf zur Umkehr besonders eindrucksvoll laut, so eindrucksvoll, daß auch andere Völker diese Botschäften gehört haben (wenn sie sie auch ebenso wenig befolgten wie die Juden), weil sie empfanden, daß hier innerhalb einer nationalen Entität eine allgemeine, jeden Menschen und jedes Volk angehende Wahrheit verkündet wurde. Die Einheit des Menschengeistes offenbart sich im Bereich der höchsten Werte, der Kunst, Philosophie, Wissenschaft. Die großen Schöpfungen sind wohl in ihren Voraussetzungen national bedingt, aber in ihrer Vollendung und Wirkung stehen sie über nationalen Schranken. Gäbe es nicht über dem Nationalen allgemein Gültiges und Verbindliches, dann wäre ja überhaupt jede Beziehung und Verständigung zwischen Menschen verschiedener Art unmöglich. Die Leugnung der Einheit des Geistes ist im Grunde ״Materialismus“. Und so sehr wir die Wichtigkeit der Pflege des Nationalen anerkennen, so sehr wir vor allem ein in sich gefestigtes, aus den Tiefen des eigenen Wesens und der Geschichte genährtes Nationalbewußtsein als den Mutterboden des produktiven Gemeinschaftslebens ansehen, glauben wir doch, daß letzte Norm und letzter Maßstab für das Leben der Nationen nicht in ihnen selbst liegt, sondern in einer Sphäre über ihnen. Dieses Wissen um den höheren Richterstuhl wachzuerhalten, erscheint uns als die besondere Aufgabe der Geistigen aller Nationen. Und von hier aus empfinden wir es besonders schmerzlich, da.ß einem Phänomen wie dem empirischen Antisemitismus gegenüber die geistigen Deutschen keine Hemmungen zu haben scheinen. Dadurch wird nicht nur eine erträgliche Regelung, sondern sogar die Aussprache trotz oft richtigem Ausgangspunkt maßlos erschwert, und wenn auch die Antisemiten heute glauben, durch einseitige Gewaltakte die. Frage lösen zu können, wir glauben nicht daran, daß daraus Gutes kommen kann, und so sehen wir trübe in die Zukunft. Zum Fall Soelling' Seligsohn Bei der Besprechung des sensationellen Prozesses des Berliner Lar.dgerichtspräsidenten Soellmg in der linksgerichteten Tagespresse ist leider der jüdische Aspekt dieser Angelegenheit etwas zu kurz gekommen.. Herr Scelling hat bekanntlich gegen das 8״-Uhr-Abendblatt“ Beleidigungsklage erhoben, weil dieses ihn der Gesinnungs- Korruption bezichtigt hatte. Der angeklagte Chefredakteur Dr. Felix Hirsch, vertreten durch R.-A. Dr. Klee, hat bei der Verhandlung den Wahrheitsbeweis geführt, und das Gericht kommt in seinem Urteil zu dem Ergebnis, daß Soelling tatsächlich die sozialdemokratische Partei verlassen hat und zu den Deutschnationalen übergegangen ist, weil »eine Karrieiewünsche nicht erfüllt wurden. Herr Soelling, Sohn des Kultusvorstehers Seligsohn aus Bromberg, hat ausgesagt, daß er seinen Glauben aus religiösen Motiven und seinen Namen um des Deutschtums willen gewechselt hat. Er ist geradezu der klassische Typ des Assimilanten. Da wir Zionisten diesen Typus seit Herzls Aufsatz ״Mauschel“ genugsam kennen, ist darüber kaum ein Wort zu verlieren. Was uns interessiert, ist nicht Herr Soelling, sondern die Haltung der liberalen öffentlichen Meinung. Namenwechsel und Glaubenswechsel erscheinen dieser Oeftentlichkcit als Belanglosigkeit; erst wenn ein Mann auch die politische Partei wechselt, wirft man ihm Charakterlosigkeit vor. Als ob es nicht viel schlimmer wäre, seine Abstammung zu verleugnen und seine Religionsgemeinschaft aus opportunistischen Gründ!en zu verraten, mit Dingen des Glaubens ein Spiel zu treiben! Die liberale Welt hat den Juden gegenüber ein falsches Rezept angewandt. Sie hat jede Art Assimilation begrüßt und geradezu begünstigt und sieh keine Gedanken darüber gemacht, daß Renegatentum einen Charaktermangel darstellt und der Renegat keineswegs ein vollwertigerer Mitbürger sein kann als ein die Treue wahrender Jude. Erst wenn die natürliche Folge eintritt und das Renegatentum sich auch auf das neue Heiligtum, die politische Partei, erstreckt, dann entsteht Aufregung und Entrüstung. Der Fall Soelling-Seligsohn sollte über den relativ unwichtigen Anlaß hinaus der nichtjüdischen und jüdischen Oeffentlichkeit zu einer Revision Ihrer Betrachtung der Judenfrage verhelfen. Wir haben freilich wenig Hoffnung, daß sich das Denken bis zu diesen Konsequenzen durchringen wird.