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Jüdische Rundschau · 1932-04-01 · 4 (4.1932) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
1 (1932)
Issue
4 (4.1932)
Date
1932-04-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Monatsausgabe Nr. 4, April 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 7 Literatur-Blatt Geschichte Palästinas Während die Geschichte des jüdischen Volkes öfter in zusammenfassender Weise geschrieben wurde, besitzen wir nur wenige Darstellungen der Geschichte Palästinas, und diese fast nur von Archäologen. Das Land Palästina hat durch das jüdische Volk eine Weltbedeutung erhalten, aber bei seiner historischen Betrachtung sind meist nur diejenigen Epochen, die für die Menschheit produktiv waren, ins volle Licht getreten, wälirend das Schicksal des Uindes ganze Jahrhunderte lang im Dunkel liegt. Und doch sind auch diese Höhepunkte in die Wellenlinie des Auf und Ab «inzureihen. Um so mehr müssen wir es daher begrüßen, daß jetzt zwei Bücher vorliegen, die den Namen ״Geschichte Palästin a s“ führen. Es handelt sich um zwei Werke in englischer Sprache, die beide einen gewaltigen Zeitraum umfassen. Aber während das erste Buch, ״Hi story of Pa lest ine and Syria“ von A. T. Ol m st e ad (Charles Scribneris Sons, London, W. C. 1, Preis 30 sh.) nur bis zur mazedonischen Eroberung reicht, also noch im Altertum endet, ist das Werk ״Hi story of Pale st ine“ von Angelo S. Rap poport (George Allen and Unwin, London W. C. 1., 12/6 sh.) bis in unsere Tage!ortgeführt. Auf den ersten Blick könnte es also scheinen, aaß Ol m st e ad, der Professor der orientalischen Geschichte an der Universität Chicago ist, nur einen Bruchteil der Geschichte des Landes behandelt. Aber dennoch deckt sein Werk viele Jahrtausende. Denn es wird hier die Urzeit Palästinas bis in frühere geologische Perioden zurückverfolgt und der Vorgeschichte, der Kultur der ersten Einwohner und ihren Zusammenhängen mit späteren Einwohnerschichten und Kultur- Perioden größte Aufmerksamkeit zugewendet. Olmstead stellt mit Recht den Satz auf, daß die Geschichte des jüdischen Volkes und d«r jüdischen Leistungen in Palästina nur im Zusammenhang ijiit der Entwicklung der ganzen orientalischen Welt begrifien werden kann. Ueber Palästina, das eine schmale Landbrücke zwischen Aegypten und dem Zweistromland bildet, sind schon in früherer Zeit verschiedene Völkerströme hinweggegangen. Erst durch die zahlreichen Ausgrabungen und Funde der letzten Jahrzehnte ist es möglich geworden, sich über diese Frühzeit des Landes ein Bild zu machen. Bekanntlieh wurden auch aus den ausgegrabenen Denkmälern viele Bestätigungen für historische Angaben der Bibel, die man früher als rein mythisch deuten wollte, gewonnen. Auch nach der Einwanderung der israelitischen Stämme ist die Einwirkung der ursprünglichen Kultur der Landesbevölkerung ־unverkennbar, ebenso wie eine Rassenvermischung zweifellos stattgefunden hat. Es ist daher nur folgerichtig, wenn alle diese einzehnen Elemente, die schließlich in Palästina wirksam wurden, auf ihre Ursprünge und ihre wesentlichen Leistungen zurückverfolgt werden*. Für das Buch von Olmstead ist es charakteristisch, daß von den 637 Seiten seines Inhaltes fast 200 Seiten, also fast ein Drittel, der vorisraelitischen Geschichte des Landes gewidmet sind. Die jüdischen Königreiche, die später auf diesem Boden entsfehen, waren, wie Olmstead hervorhebt, Kleinstaaten und durchaus abhängig von den benachbarten großen Reichen. Es ist daher schlechthin unsinnig, wenn man bis vor kurzem die alte jüdische Geschichte unter rein reli־ gionsgeschiclitlichen Gesichtspunkten ganz isoliert behandelt hat, ohne sich um die großen politischen Zusammenhänge der alten Welt zu kümmern. Der Hinweis auf die politische Bedeutungslosigkeit der jüdischen Reiche ist, so betont Olmstead,' keine Verkleinerung, irti Gegenteil die unvergängliche Leistung des jüdischen Genius wird dadurch geradezu zu einem Wunder gesteigert. Olmstead, der ein genauer Kenner der orientalischen Geschichte ist, versteht es, den Hintergrund, auf dem sich das Bild der palästinensischen Geschichte abspielt, eindrucksvoll zu zeichnen. Die verschiedenen Kulturen und ihre Einflüsse werden eingehend dargestcllt, in der Geschichte selbst folgt dann der Verfasser im großen ganzen der biblischen Erzählung, wo bei er aber auch außerbiblische Quellen zur Ergänzung heranzieht. Die anziehende Art der Erzählung macht das Buch zu einer fesselnden und überaus instruktiven Lektüre auch für den, dem die Grundtatsachen des Berichtes bereits bekannt sind, was naturgemäß bei Bibelkennern der Fall ist. Besonders zu erwähnen sind die 187 sorgfältig ausgewählten Abbildungen, die zum Verständnis der Materie sehr beitragen, so daß man bei aufmerksamer Lektüre dieses Werkes wirklich eine Gesamtanschauung der altpalästinensischen Geschichte und der mit ihr verbundenen Periode der jüdischen Größe erhält. Rappoport ist nicht bloß von wissenschaftlichen Mo tiven getrieben. Vielmehr schreibt er als Jude die Geschichte des jüdischen Landes im Bewußtsein der inneren Verbundenheit Er erklärt: ״Ein Jude, dessen Herz nicht schneller schlägt und dessen Pulse sich nicht beschleunigen bei der Erwähnung von Zion, hat kein Gefühl und kein Verständnis für die historische Vergangenheit des Judentums.“ Trotzdem aber schreibt er nicht etwa ein tendenziöses Werk, sondern eine objektive wissenschaftliche Darstellung, gestützt au! das ganze wissenschaftliche Material der Quellen und der Archäologie. Nur in einem Punkte fürchtet der Autor selbst den Vorwurf der Parteilichkeit: er meint, daß man ihn bezichtigen könnte, in der Beurteilung des Antagonismus religiöser und weitlieh er Parteien im Altertum sowie in seinen Zukunftsaspekten zu stark den religiösen Standpunkt /.u vertreten. Es ist klar, daß diese Apologie für einen noch vor kurzem unangefochtenen Standpunkt als Polemik gegen den modernen, nurnationalen Zionismus, der auch in der Geschichtsbetrachtung das nationale Moment wieder zu Ehren brachte, gemeint ist. Demgegenüber betont Rappoport, es sei seine Ueberzeugung, daß eine nationale Wiedergeburt der Juden in ihrer alten Heimat ohne das Fundament der Religion keine Daseinsbercchtigung hat. ״Ein Zionist, der keines der grundlegenden Gesetze der jüdischen Religion beobachtet, Beweist eine noch größere Unkenntnis sowohl des Judentums als auch des Zionismus. Der Zionismus eines Atheisten wäre ein Widerspruch in sich, eine unverständliche Absurdität.“ Der Autor hatte offenbar das Bedürfnis, in dem Vorwort, das das Datum trägt ״am ersten Tage des Lichterfestes“ dieses Bekenntnis abzulegen. Es soll als persönliches Bekenntnis auch dann, respektiert werden, wenn man der Meinung ist, daß hier ein Prinzip in einer übertriebenen und die Tatsachen zu sehr vereinfachenden Ueberspitzung formuliert wird. Durch den Text des Buches selbst wird freilich die Besorgnis des Verfassers, man könne ilin in diesem Punkte einer Einseitigkeit zeihen, ,kaum gerechtfertigt. Wenn auch seine Sympathien auf Seiten der Pharisäer sind und wenn er auch die Erhaltung der jüdischen Religion für wichtiger hält als die des jüdischen Staates, so wird doch der Gang der Ereignisse durchaus sachlich berichtet, und auch seine Bemerkungen über die Zukunft des Zionismus und über die kulturellen Funktionen Palästinas in der Zukunft werden kaum irgendwo Widerspruch finden. ״So wie Palästina niemals eine eigene Kultur gehabt hat, sondern immer kulturellen Einflüssen des Auslandes unterlag, so bringen auch in unseren Tagen die Zionisten in ihr Heimatland eine westeuropäisch gefärbte Kultur, gemischt mit gewissen Erinnerungen an die eigene Vergangenheit,“ Die Zukunft lasse sich schwer voraussagen. Aber ״ebenso wie der Auszug aus Aegypten das Vorstadium der Offenbarung am Sinai war und ebenso wie die Eroberung des Gelobten Landes das Vorspiel zur Periode der Propheten und des Christentums war, so mag es sich dereinst erweisen, daß auch der Zionismus das Vorspiel zu einer wirklich palästinensischen Kultur gewesen ist.“ Auch Rappoport beginnt seine Darstellung Palästinas mit der vorisraelitiscnen Zeit, schildert die Einflüsse von Babylon und Aegypten her, schließlich die Eroberung des Landes durch die Juden, gibt einen Abriß der Geschichte der jüdischeu Reiche, der Assyrer-, Babylonier- und Perser herrsch aft über Palästina, des Makkabäer-Reiches und der römischen Provinz, der arabischen Herrschaft, der Kreuzfahrer-Reiche und schließlich der vier Jahrhunderte währenden Türken* herrschaft 1517—1917, die dann im Weltkrieg durch die Eroberung seitens der Engländer beendet wurde. Das Kapitel ״Palästina als britisches Mandatsland“, das auch einen Ab* schnitt über Entstehung und Entwicklung des Zionismus einschaltet, begnügt sich naturgemäß mit ganz großen Um* rissen, ohne in Einzelheiten der Gegenwartsgeschichte einzugehen. Alles in allem gibt dieses Buch -von 350 Seiten einen vorzüglichen Ueberblick über die politische und Kulturgeschichte des Landes. Für Zionisten ist es sicherlich von rößter Wichtigkeit, das Land Palästina als eine Einheit in ieser Weise im Lichte der Geschichte zu sehen und daraus auch die Möglichkeiten und Grenzen einer künftigen Entwicklung zu begreifen. Denn was in Palästina jetzt geschaffen wird und mit der nationalen Wiederaufrichtung des jüdischen Volkes in so enger Verbindung steht, kann ebenso wie die jüdische Entwicklung im Palästina der Vorzeit nicht isoliert betrachtet werden, sondern nur in den Zusammenhängen, die durch Raum und Zeit: durch die Eigenart des Ortes und die Eigenart des geschichtlichen Augenblickes, bedingt sind. W. Eine englisch »jüdische Sensation (Louis Golding, Magnolia-Street, London, Gollancz 1932.) Wenn ich kein Gewissen hätte, dafür aber eine Leihbibliothek: solche Bücher würde ich anschaffen. ... Da Ist alles vorhanden, was eines Lesers Herz begehren kann. ״M a g n o I i a - Street“ ist in England die Literatur-Sensation dieser Saison geworden, der anerkannte ״best seller“, dessen Neuauflagen sich überstürzen — ein interessantes Symptom, wie ein ״Judenbuch״ heute drüben einschlagen kann. Der junge Golding — dessen frühere Bücher ״Forward from Babylon“ und ,,The Day of Atonemant“ gerühmt werden — wählt sich zum Helden seines Buches keinen einzelnen Menschen, sondern — in unserer Zeit des Strebens nach Gemeinschaft besonders bezeichnend — eine Gemeinschaft von Menschen, wie sie Zufall oder Schicksal in einer bestimmten Straße im Arbeiterviertel einer englischen Mittelstadt zusammenführt. Diese Straße in Doomington (oder Manchester) ist dadurch besonders merkwürdig, daß auf einer Seite dort nur Juden, auf der anderen nur Christen wohnen. Und nun werden die Schicksale aller dieser Familien, wie sie sich im Laufe eines Menschenalters — des weltumwälzenden Menschenalters von 1910 bis 1930 — entwickeln, mit raschem Griff und in bunten, manchmal etwas grellen und marktmäßigen Farben erzählt. Das erste Buch, das im Jahre 1910 spielt, zeigt nur von fern am Horizont die drohende Kriegswolke und es ist wohl das lebendigste Bild der verschiedenen Einzelschicksale, wie sie vor unseren Augen anheben und sich erweitern. Das zweite Buch, das im Jahre 1916 spielt, zeigt in einer für uns hier in Deutschland gerade nach manch ähnlichem Versuch äußerst bedeutsamen Spiegelung das Kriegserlebnis der Daheimgebliebenen, das Juden wie Christen mit gleicher Härte trifft. Und im Schlußteil, der bis ins Jahr 1930 hinausreicht, schauen wir eine etwas gewaltsame, aber gutgemeinte Vereinigung aller Gegensätze in der berühmten ״Magnolia-Street-Gesellschaft“ die von den beiden erfolgreichsten Kindern der Straße, die einander zufällig auf dem Ozeandampfer begegnet sind, dem Leiqhtgewicht-Weltmeister und Rabbinersohn Mick Schulmann und der Dollarmillionärin Bella Winberg, veranstaltet wird. Vereinigung der Gegensätze: das ist das eigentliche Thema des Buches — und vielleicht eine, und nicht die schlechteste — seiner Erfolgsvorbedingungen. Da kommt keiner zu kurz: auf jeden schlimmen Christen kommen anderthalb schlimme Juden, auf jede bestrickende Jüdin kommen anderthalb reizende Nellies oder Sallies. Mischehen werden nach demselben Rezept erledigt. Rose Berman — eine der Mittelfiguren des Buches — heiratet trotz des Widerstandes der Gasse den Matrosen John Cooper: das läuft gut aus. Aber Benny Edelmann, der Lebensretter des kleinen Tommie, läßt sich von dessen berechnender Mutter heiraten: Elend und Fluch sind die Folgen. Für den kühleren Leser besteht der Reiz des Buches nicht in seinem Versöhnungs-Programm: das hätte viel tiefer unterbaut wertlen müssen und hätte auch künstlerische Unwahrheiten, wie die Gestalt der fiommen alten Mutter Berman, die ihre Tochter ״mit listigem Lächeln“ zur Liebesstunde mit dem ״Goj“ ziehen laßt, vermeiden müssen. . . . Golding hat sich’s hier wohl allzuleicht gemacht . . . und die Schlußszene mit dem neuen judem-christlichen Liebespaar, das Blumen auf den Weg der Menschen streuen will . . . die ist, man verzeihe das harte Wort: nichts Besseres als Kitsch. Kompert und Franzos nannten das vor fünfzig Jahren, als unsere Mütter sich für sie begeisterten, ״Christian und Lea“ . . . und haben, wie es scheint, mehr davon verstanden. Aber ein paar Bilder bleiben von diesem dicken Buche doch scharf im Gedächtnis: etwa die alte Frau Seipel mit dem reichen Bruder in New York, der nur eben gerade kein Kleineld hat, um ihr die Schiffskarte zu schicken; der unpraktische rophet der Liebe, Herr Emanuel, der immer zu kurz kommt: und vor allem das prächtig gesehene Geschlecht der ״Schabbes-Goites“ (Fire-Goyas), die von ihrer jahrzehntelangen Tätigkeit in den Häusern der fuden her selbst eine Art von Halbjuden geworden sind und sich entsetzen, wenn die nichtsnutzigen Kinder am Peßach Kuchen knabbern. . . . (Daß Golding den Einzigen, der in Erez-Israel schließlich eine neue jüdische Heimat findet, gerade in dem verachteten Moischeh, der sich nur auf Pferde versteht, gesehen hat, das ... wollen wir ihm nicht weiter ankreiden.) Um nochmals auf den Anfang zurückzukommen und ihn steigernd zu vollenden: Wenn ich gar kein Gewissen hätte, dafür aber ein Verleger wäre — solche Bücher ließe ich übersetzen. ... Bertha Badt-Strauß. »Das Werturteil im Geschichtsunterricht" (Von Ernst Simon. Verlag Teubner, Leipzig 1931.) Das Buch von Ernst Simon verdient nicht nur aus?ersönlichen Gründen, da der Autor Lehrer in Haifa ist, nteresse in unseren Kreisen, sondern auch wegen des Gegen- Standes; denn eine Gruppe wie die Juden, die infolge ihrer Minderheitsstcllung überall von der Mehrheit abweichende Werturteile zu bilden riskiert und selbst Gegenstand höchst willkürlicher Werturteile ist, hat allen Anlaß, das Problem der Entstehung von Werturteilen kritisch zu betrachten. Dem eigentlichen Zweck des bemerkenswerten Buches, praktisches Hilfsmittel für die Lehrerausbildung zu sein, suchte der Verfasser durch eine große Zahl von Literaturzitaten zu dienen. Dabei offenbart sich eine bewundernswerte Belesen heit und — bedeutsamer — eine besondere Fähigkeit, knapp und klar zu charakterisieren. Aber für die Lehrerbikiung wäre eine strengere Auswahl der Literaturangaben, vor allem eine eingehendere Behandlung des Wichtigen wertvoller gewesen als eine annähernde bibliographische Vollständigkeit. Für den gesetzten Zweck praktisch höchst wertvoll sind die Unterricntsbeispiele, die aas Buch abschließenu Neben guter Fachkenntnis zeigt sich hier das beste pädagogi» sehe Verständnis. Von dieser Seite her wird das Buch auch für den Laien sehr interessant, denn die Beispiele behandeln alle unsere nächste Vergangenheit und unsere zeitgeschichtliehen Probleme. Sie reichen vom ״Kulturkampf״ Bismarcks bis zur augenblicklichen Lage der ״Völker der Welt“ Daher rühren sie an die brennenden Fragen der kulturellen und politischen Gegenwart. Vor dem Weltkrieg war es den Geschichtslehrern in Deutschland untersagt, politische Gegenwartsfragen im Unterricht zu behandeln; heute wird es in den modernen Schultypen geradezu verlangt. Beneidenswerte Prima, die einen Geschichtslehrer hat, der das in der von Simon an Beispielen gezeigten Art wirklich versteht! Der neue und persönliche Geist des Buches zeigt sich auch darin, daß die jüdischen Beispiele einen sonst ganz ungewohnten breiten Raum einnehmen. In der älteren Zeit pflegte man die jüdischen Probleme noch mehr zu verstecken als aie politischen. Es sind hier zu nennen die Beispiele: ״Die Berliner Bewegung ~ oder das rassenpolitische Werturteil“ — ״Der Prozeß Dreyfus — oder das rechtspolitische Werturteil.“ In dieser Beschränkung der Lehrproben auf die nächste Vergangenheit und die politischen Bedürfnisse der Gegenwart verrät sich aber neben der Stärke unserer Gegenwartsposition zugleich deren Schwäche. Muß Geschichtsunterricht wirklieh werturteilend oder politisch zugespitzt sein, um Befried!־ gung zu erwecken? Heute gewiß, weil die Schuljugend es verlangt. Aber das ־wirklich überzeugende Werturteil ist und bleibt das, das sich ohne formuliert zu sein aus einen sachlich und künstlerisch hochstehenden Geschichtsdarstellung von selbst ergibt. Der Lehrer, der wirklich darzustellen versteht, bedarf keines Räsonnements über den ״Wert“, und der, der über den Wert räsonieren muß, wird keine wirkliche historische Bildung — aber vielleicht ethische oder politische Bildung — ,verbreiten. Wer nun genauer hinsieht, wird mit Vergnügen wahrnehmen, wie Simons sicherer pädagogischer Instinkt mit diesem Dilemma fertig wird. Alle seine Lehrproben zeigen ein ״Werturteil“ nur in der UebersChrift; in Wirklichkeit aber will er gar nicht ״gewertet“, sondern mit Sachkenntnis und gesunder Einsicht aie Begebenheit in ihrem Verlauf und ihren Motiven analysiert sehen. So kommt man schließlich .zu dem Ergebnis: viel zu viel philosophisches bruit für ein historisches Omelette. Damit ist bereits angedeutet, daß der erste philosophische Teil des Simonschen Buches an den zweiten Teil nicht recht anschließt. Das ist aber nicht des Verfassers Schuld, sondern die Folge der unscharfen Problemstellung, für die er nicht einzustehen hat. Man kann jeden Gegenstand philosophisch erhöben oder überhöhen. Das erstere ist eine Not- Wendigkeit. Das letztere kann beim Geschichtsunterricht nur vermieden werden, wenn eine befriedigende Geschichtsschreibung das Interesse in einer natürlichen Stromrichtung verlaufen läßt. Dr. Raphael Straus. Lebendiges Vaicr-Judentum In dem Buch ״Von den Vätern“ (Paul Zsolnay Verlag) veröffentlicht Scfialom Asch im Anhang an mehrere Erzählungen unter der Ueberschrift ״Rückblick“ eine kurze Selbstbiographie anläßlich seines 50. Geburtstages. Diese Schilderung des Dichters gibt mit der ihm eigenen Eindringlichkeit und elastischen Darstellungsgabe eine Einführung in die Lebensfundamente und inneren Kräfte des Ostjudentums, dem er entstammt. Es ist das fromme, in festen Traditionen wurzelnde Landjudentum der großen osteuropäischen Ebenen, das auch —■״aus einem .anderen Teil des alten Rußland ׳— Schmarja Levin in seiner Selbstbiograpliie schildert. Eine unlösliche Vermischung von Eindrücken des Landlebens, von realen Dingen des Alltags, mit dem Traum und der Phantasie einer aus Büchern stammenden Legenden- und Sagenwelt, die sich im Geiste des Frommen und des Kindes zu wundersamen Gebilden mischen. Ueber diese Jugend- Schilderungen hinaus erfahren wir über das Leben und den Entwicklungsgang des Dichters Schdlom Asch viele ־Einzelheiten. Er berichtet über seine ersten Versuche, hebräisch zu schreiben, als er, von den ersten Stürmen des Zionismus erschüttert, begeisterter Zionist wurde. Später erkannte er, daß die hebräische Sprache, die er nicht einmal vollständig beherrschte, für ihn nicht die geeignete Ausdrucksform ist, und als er dann durch Perez mit der jiddischen Literatur bekannt wurde, wandte er sich vollständig dieser zu. Nun — es war um die Wende des 19. Jahrhunderts ~ begann Aschs enge Verbindung mit der jiddischen Literatur, aus deren Werden er charakteristische Einzelheiten erzählt Schließlich kommt Asch nach Berlin und findet hier die Hilfe von Max Reinhardt und Schild kraut, für die er dann den ״Gott der Rache“ schreibt. Nach dem Erfolg des ״Gott der Rache“ macht er eine Reise nach Palästina. Nun folgt der große literarische Aufstieg. Asch wird zur ersten Figur der jiddischen Literatur, — in Amerika und in allen Zentren jiddischen Lebens. In Deutschland meint er freilich seit dem Kriege ״in Vergessenheit geraten“ zu sein, was wir nicht bestätigen können. Den Weg zum großen Erfolg in Deutschland ebnete ihm erst Franz Werfel, mit dem er sich — wie er schreibt — eng anfreundetc. Werfel brachte ihn zusammen mit dem Verleger Zsolnay, der seitdem dfe deutsche Ausgabe seiner Werke besorgt. Asch, der auch mit besonderer Betonung seine soziale Tätigkeit und seine Teilnahme an der Jewish Agency erwähnt, ist sich bewußt, daß der Rückblick, den er niederschreibt, nur eine lose Skizze ist. Der Leser wird darin sicher manches mehr als bloß biographisch Interessante finden. Denn es ist, wie Asch selbst zum Schluß schreibt, in ihm eine Mischung von Kräften. Kräfte des Volkstums, der Umgebung, des Bluts und der Landschaft und nicht zuletzt das Gottvertrauen, das so tief in dem einfachen Durchschniltsjuden wurzelt. ״Diese ursprüngliche Kraft ist ein Bluterbe von unseren Vät e r מ hei. Sie schaffen den Typus der menschlich schwachen, doch in Gott starken Juden, wie es unsere Ahnen waren.״ Das Werk Schalom Aschs, des Poeten des — freilich inzwischen fast versunkenen — ״Städtels“, kündet von diesen Juden, die er so tief versteht, weil er selbst einer der ihren ist Etwa 400 jüdische Schriftsteller, Journalisten und Kulturfunktionäre versammelten sich am 10. April abends im Hotel ״Astor“ in New York, um das 50iährige jubiläum der jüdischen Presse in Amerika zu feiern.

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