Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 1 (1932)
- Issue
- 4 (4.1932)
- Date
- 1932-04-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Monatsausgabe Nr. 4, April 1932 Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU __Lpflanzten Lebensstils und sein Uebergang zur anglo-amerika* nisch-jüdischen Lebensform erheischen ein Studium voll höchsten Interesses für die Soziologie des jüdischen Volkes. Bei dem Programm und der Dauer meiner Reise konnte ich leider dieser Frage nicht die Aufmerksamkeit zuwenden, die sie verdient, und muß mir daher versagen, auf sie einzugehen. Allgemein wurde mir versichert, daß durch die Sperrung der Einwanderung die jiddische Sprache in Amerika absterbe, daß die Zahl der Leser der jiddischen Literatur und Presse allmählich abnehme und daß die zweite Oeneration (und bald wird es nur noch ״zweite Generation“ geben) einem sehr schnellen Anglisierungsprozesse unterliege. Viele von ihnen, die noch aus jiddischem Elternhaus stammen, verstehen etwas jiddisch, können es aber kaum mehr sprechen, jedenfalls ן nicht lesen. Damit schwindet unter den amerikanischen Juden auch jede Beziehung zur deutschen Sprache. Unter ׳ der jüngeren Oeneration Amerikas kann kaum jemand deutsch. Daran trägt auch der Weltkrieg die Schuld. Dm ״Reformjadenfam*' Die zweite Oliederung teilt die amerikanischen Juden nach ihrer ״konfessionellen“ Zugehörigkeit in orthodoxe, konser• vative und Reformjuden, ueber die orthodoxen Juden ist wenig zu sagen, da sie sich von den europäischen kaum unter* scheiden, sie fallen vielfach, wenn auch nicht ausschließlich, mit der älteren jiddischen Einwandererschicht zusammen, ihre Rabbiner werden in Jeschiwoth ausgebildet und stellen den aus Osteuropa bekannten Typus (nicht den der deutschen Orthodoxie) dar. Das ״konservative“ Judentum entspricht un* gefähr dem, was wir in Deutschland ״liberales Judentum“ nennen, in den Synagogen sitzen Männer und Frauen zusammen, aber die Männer mit bedecktem Haupt, die Rabbiner halten ׳ die Sabbat» und Speisevorschriften ein, der Gottesdienst er* folgt vorwiegend in hebräischer Sprache. Das ״Reformiudentum“ geht viel weiter als das ״liberale“ Judentum in Mittel* europa. in der Synagoge wird die Kopfbedeckung־ abgenommen, die hebräische Sprache hat sich 1m Gottesdienst in nur sehr wenigen Ueberbleibseln erhalten und die Rabbiner, jeden* falls viele von ihnen, halten weder Sabbat noch Kaschruth, Das Reform Judentum erinnert sehr stark an einen liberalen und rationalistischen Protestantismus in einer radikalen Form, die . sich in Amerika häufig findet. Der ״konfessionellen“ Olie* derung entspricht auch, natürlich nur in rohen Umrissen, eine soziale: die reichen jüdischen Kreise gehören vorwiegend der Reformsynagoge an, die mittleren der konservativen, die ״unteren“ efcr orthodoxen. Die Reformsynagogen sind auch die äußerlich reichsten und prunkvollsten, aber auch die konservativen suchen ihnen nahezukommen. Infolge ihres Reichtums und ihrer Amerikanisierung spielen die Reformsynagogen im amerikanisch-jüdischen Leben eine führende Rolle. Viele der Reform- (und konservativen) Rabbiner stammen noch aus orthodoxen Familien. Das Problem des geeigneten Rabbinemachwuchses stellt große Schwierigkeiten * dar. Die beiden führenden Rabbinerseminare, das Reformseminar in Cincinnati und das konservative in New York, sind nach Art der amerikanischen Universitäten Komplexe schöner Oebaude, in denen auch Sportplätze nicht fehlen. Die beiden Bibliotheksgebäude, in Cincinnati wie in New York, gehören zu den schönsten Beispielen zweckmäßiger Innenarchitektur. Die Professoren der beiden Seminare sind namhafte und zum Teil berühmte Oelehrte. Die Studenten verbringen nach Erlangung eines akademischen Grades noch etwa fünf bis sechs Jahre in den Seminaren. Die . Stellung des Reformrabbiners ist angesehen, die Oehaltsverhälthisse gut (es wurden mir Spitzengenälter von 20000 Dollar jährlich genannt! freilich gibt es auch kleine oder verschuldete Gemeinden, die bereits seit Monaten ihren Rabbinern das Gehalt schulden). So scheinen a&e Voraussetzungen. für das Heranwachsen einer religiösen und kulturellen Führerschaft des amerikanischen Judentums gegeben. Eine solche Führerschaft wäre natürlich für die geistige Zukunft der bedeutendsten jüdischen Gruppe, der Gegenwart von entscheidender Wichtigkeit Doch hat das Reformrabbinat in Amerika vier wichtigen Problemen ins Auge zu sehen, deren Lösung seinen Weg und seine Bedeutung für die Weltjudenheit bestimmen wird. Das erste Problem bietet die Eigenart des allgemeinen amerikanisehen Milieus, das vielleicht mit Ausnahme gewisser Kreise New Yorks und anderer Oroßstädte eine kulturell sehr geringe Intensität aufzeigt, die der Entwicklung kultureller Werte und der jüdischen Geistigkeit nicht günstig ist. Die Hast des amerikanischen Erwerbslebens gibt keine Muße für Be- Sinnlichkeit und Vertiefung. Mit diesem Problem hängt das zweite zusammen, das der Stellung des Rabbiners innerhalb seiner Gemeinde. Unablässige Beschäftigung mit religiösen oder geistigen Frageg schafft in Europa eine Distanz zwischen dem Rabbiner und der Gemeinde. Dadurch erst kann der Rabbiner geistlicher und geistiger Führer werden. Die amerikanische Atmosphäre ist vielmehr danach angetan, ein Aufgehen des Rabbiners in der allgemeinen Lebensatmosphäre der Gemeinde zu fördern, sein JUntertauchen in ihren Gewohnheiten und Beschäftigungen, nicht aber ein Sie-zu-sich-Emporheben. Der Rabbiner wird leicht zum ״good fellow“, zum guten Kameraden, auch für ihn wird der Lebensstil und der Interessenkreis seiner Gemeindemitgheder zum Lebensinhalt. Das gilt natürlich bei weitem nicht allgemein, aber die Gefahr ist da. Und dies führt uns zum dritten Problem, zu dem des jüdischen Inhalts. Die Reformsynagoge hat das Judentum sehr verdünnt, aber die größte Gefahr scheint mir darin zu liegen, daß sie es vollständig säkularisiert. Die Predigten der Rabbiner handeln selten von Gott und sehen vom Judentum, dafür bietea sie um so mehr Besprechungen der neuesten Bücher und Theaterstücke, zeitgeschichtliche Betrachtungen, rationale Lebensregeln im Geschäftsleben. Darin lieget aas Bestreben, modern und zeitgemäß zu sein, das Interesse der Gemeinde zu fesseln, ihr überhaupt einen geistigen Inhalt zu geben, aber auch die Gefahr, sich vollständig von der Zeit una ihrer Oberfläche mittragen zu lassen,‘Vertiefung und ernste Gedankenarbeit zu missen und nicht nur vom eigentlichen lüdischen, sondern auch vom Religiösen wegzuführen. Und das Religiöse, die Verpflichtung des Glaubens an Gott, stellt das vierte Problem dar, das viele Reformrabbiner und auch die Studenten des Theologischen Seminars bewegt. Aber gerade diese Problematik des Reformjudentums und seiner geistigen Eührerschicht kann in sich ein auflockerndes und zur Besinnung erschütterndes Moment tragen, das den heute im amerikanischen Judentum noch latenten großen Reichtum an geistige! Kraft zur vollen Entfaltung bringen wird. N Die Synagoge Die Synagoge erfüllt im amerikanisch-jüdischen Leben eine viel weitere Funktion als die Synagoge in Europa. . In Amerika ist sie Mittelpunkt aller kulturellen und sozialen l Tätigkeit der Gemeinde. Da es in Amerika überhaupt keinen Religionsunterricht gibt, fällt dieser für alle Konfessionen in den Rahmen der sogenannten ״Sunday Schools“, d. h. der Unterweisung in der Religion der betreffenden Kinder an dem «schulfreien Tag. Die Synagoge ist daher in Amerika auch Ort des Schulunterrichtes. In dem Synagogengebäude befinden sich stets eine Anzahl oft sehr schon und modern ausgestatteter Klassenräume. Viele der jüngeren Reformrabbiner sind Zionisten, und da der Religionsunterricht in der Reformsymgoge nur wenig mit den traditionellen religiösen Ueberlieferungen des Judentums sich befassen kann, wird er mit den Inhalten des modernen säkularisierten Judentums erfüllt, mit jüdischer Gegenwartskunde, Palästina und mit der Anwendung moderner Methoden und neuer Lehrhilfsmittel bei der Eilemung gewisser Grundlagen der hebräischen Sprache. Die Synagoge ist nicht nur der Mittelpunkt der lugend, sondern auch Erwachsenen in ihrem jüdischen Interessenkreis. Den Synagogen sind Männerklubs und Frauenklubs angegliedert, die wöchentlich oder in anderen Abständen Vorträge und gesellige Abende veranstalten. Die Synagogen enthalten für diesen Zweck auch größere und kleinere Versammlungsräume, und modern ausgestattete Küchen ermöglichen es, daß diese Zusammenkünfte mit Abendessen oder Tee verbunden werden können. HebrJÜiche Sprachbewegung Besonders überrascht hat mich die Ausdehnung und der Aufschwung des hebräischen Sprachunterrichts. Auch dies hängt mit den ״Sunday Schools“ zusammen, hat sich aber über die Synagoge hinaus zu wohlgegliederten Höheren Lehranstalten entwickelt, in denen nicht nur die hebräische Sprache, sondern auch Bibel, Talmud und die neuhebräische Literatur zum Besitz eines Teiles der jüdisehen Jugend gemacht werden. Die Talmud Thora, die unter Leitung von Dr. George Gordon in Minneapolis gegründet worden ist, kann für viele europäische Gemeinden als Vorbild gelten. In Chicago ist das hebräische Unterrichtswesen bcsonders gut organisiert und gipfelt in einer modern talmudischen Akademie, dem College of Jewish Studies. Die Fragen moderner hebräischer Pädagogik und die Probleme des Lehrinhalts werden in eigenen pädagogischen Zeitschriften erörtert, neue Lehrbücher nach den fortgeschrittensten Methoden Amerikas werden veröffentlicht, Konferenzen der Lebrer sorgen für einen Austausch der Erfahrungen, denn Chicago und Minneapolis sind nur Beispiele für eine jüdische Erziehungsarbeit, die auch in anderen Städten Amerikas geleistet wird. Da die Zionisten auch in Amerika den Teil der Judenheit darstellen, der sich am aktivsten mit jüdischen Problemen befaßt und sich der Tätigkeit in jüdischem Kreise zuwendet, so steht dieses Schulsystem zum größten Teil unter zionistischem Einfluß. Die Kritik, die ich von manchen Seiten gehört habe, daß der Unterricht an der Oberfläche bleibe, daß mit Ausnahme einer ganz kleinen Elite die meisten Kinder schnell wieder das Gelernte im Strom des amerikanischen Alltagslebens vergessen, mag vielleicht richtig sein. Aber auf jeden Fall bereitet auch dieses verzweigte und gut organisierte Schulwesen die Möglichkeit der Auslösung der jüdischen geistigen Energien des amerikanischen Judentums vor. Was man über die geistige Gestalt Amerikas und der amerikanischen Juden heute sagen kann, hat in einem viel stärkeren Sinn nur einen provisorischen Charakter, als es vor wenigen Jahren der Fall gewesen ist. Denn die Krise, in der sien heute Amerika befindet, geht so tief, daß sie weit über den wirtschaftlichen Rahmen hinausgeht und daß sich in ihrem Gefolge eine kulturelle und soziale Umformung Amerikas anbannen wird. Gerade die kritischen amerikanischen Intellektuellen beginnen zu hoffen, daß aus dieser Krise ein neues Amerika hervorgehen wird. Die Härte des Pionierlebens vorerst, die atemlose Erwerbsjagd und die bunte Zusammenwürfelung der Bevölkerung nachher, das anscheinend unerschütterbarjjesicherte Wohlleben mit Hilfe technischer Vervollkommnung hatten keine Zeit zur Besinnung gegeben. Dies beginnt sich zu ändern. Das amerikanische Judentum befindet sich in einer ähnlichen Situation wie das übrige Amerika. Wie die Juden jedes anderen Landes der Diaspora erliegen auch die amerikanischen Juden der allgemeinen geistigen Atmosphäre ihrer Umgebung. Eine Newgebürt des amerikanischen Wesens aus der amerikanischen Krise heraus, ein Prozeß, der zweifellos viele Jahre in Anspruch nehmen wird, wird auch das amerikanische Judentum zu erhöhter Selbstbesinnung und zu einer Erweckung seiner reichen Möglichkeiten führen. Kurze Nachrichten High Commissioner Wauchope hat am 5. April in feierlicher Zeremonie den letzten Baum in dem auf Boden des Keren Kajemeth angelegten, jetzt aus 300000 Bäumen bestehenden Balfour-Wald gepflanzt. In der Nachbarschaft des Balfour-Waldes wird demnächst mit der Pflanzung des Washington-Waldes begonnen werden. Der amerikanische Generalkonsul in Jer u s a 1 e m hielt am 7. April abends an 600 amerikanische Zionisten, die als Touristen nach Palästina gekommen sind und zum Teil bis nach Pessach im Lande verbleiben werden, eine Begrüßungsansprache, in der er seinem Glauben an die Zukunft des Jüdischen Nationalheims Ausdruck gab. Wie aus Haifa gemeldet wird, sind die ersten Sendungen von Baumaterial zum Bau der Oelleitung Mossul- Haifa dort eingetroffen, und es wird in nächster Zeit mit dem Bau des ersten Abschnittes der Leitung begonnen werden. Die arabische Opposition innerhalb der arabischen Exekutive fordert Einberufung des achten palästinensisch-arabischen Kongresses und Ausschreibung von Neuwahlen. Auch der Präsident der Exekutive Musa Kasim befürwortet diesen Antrag, während die Mufti-Partei, die bei den Wahlen eine Schwächung erwartet, scharf dagegen ist. Dr. Weizmann leitete am 4. April in Rhodesiadie Keren Hajessod-Aktion ein. Es wurden sofort 500 Pfund für den K. H. gespendet. In Johannisburg wurden seit dem Weizmann-Abend mehr als 21000 Pfund Für den K. H. aufgebracht. Von den 710 Personen, die im Februar 1932 inPalästina eingewandert sind, waren 611 Juden, unter ihnen 455, die als Touristen ins Land gekommen waren und dann dauernde Aufenthaltserlaubnis erhalten haben. In dem gleichen Monat Februar verließen 76 Pecsonen, unter ihnen 26 Juden, das Land. In Palästina erhielten vergangene Woche 14 Schüler der Juristenschule das Advokatendiplom, davon 10 Juden. Außerdem wurden von 18 auswärtigen Rechtsanwälten, die sich der palästinensischen Advokatenprüfung unterzogen, 9 approbiert, davon 7 Juden. Dieser Tage starb in London Sir Patrick Geddes, der berühmte Naturwissenschaftler, Soziologe und Städtebauer, von dem bekanntlich der erste Entwurf für das Gebäude der Hebräischen Universität Jerusalem herrührt. In Munkacz begannen die ersten Prüfungen (Abituriumsexamen) an dem einzigen hebräischen Gyra«as1utn in der Tschechoslowakei. Die Themen der ersten Maturaarbeit waren: 1. Der hebräische Dichter Feierberg und sein Leben. 2. Die Entstehung der tschechoslowakischen Republik. 3. Die Bedeutung von Radio, Flugzeug usw. für die Entwicklung der menscnlichen Kultur unseres Jahrhunderts. Die Exekutive des Internationa! Student Service hat in ihrer letzten Sitzung in Paris beschlossen, ihr Mitglied James Parkes mit einer Materialsammlung über die Lage der Juden an den europäischen Hochschulen zu betrauen, über die in der nächsten Ende Juli in Brünn stattfindenden Sitzung referiert werden soll. Palästina ■Debatte im Unterhaus Fttr freie Jftdiidie Einwanderung — Kritik der Palästina - Beamten In der*Sitzung des englischen Unterhauses vom Freitag, dem 22. April, gelangte im Rahmen der großen Budget-Debatte der Etat des Kolonialministeriums zur Behändlung. Einleitend hielt der Kolomalminister Sir Philip Cunlifre-Lister ein Referat über die Lage in den einzelnen Kolonien, ohne sich jedoch mit den Manciatsgebieten ausfühl־ lieh zu befassen. Lediglich am Schlüsse seiner Rede wies er auf die große Leistung hin, die England in Irak vollbracht hat, das dank der englischen Verwaltung nunmehr selbständig wird und damit aus dem Interessengebiet des Kolonialmmisteriums ausscheidet. Ueber Palästina hat der Minister — soweit aus dem Bericht der ״Times“ ersichtlich ist — überhaupt nicht gesprochen. Dennoch nahm Palästina in der Debatte einen verhältnismäßig breiten Raum ein. Insbesondere der Vorsitzende des Parlamentarischen Pro Palästiua-Komitees, John Buchan, konservativer Inhaber des Parlamentssitzes für die schottischen Universitäten, rollte die Palästinafrage in ihrem ganzen Umfang auf. Nach ihm sprach noch Col. Wedgwood, der jüdische Abgeordnete Barnelt Jänner und als Vertreter der Regierung der Unterstaats- Sekretär Sir Robert Hamilton. John Buchan führte ungefähr folgendes aus: In Palästina sollte unsere Haltung weder pro-jüdisch noch pro-arabisch sein, sondern einfach pro-britisch (Beifall). Es war unsere Aufgabe, unsere Arbeit dort so zu führen, daß wir unser Ehrenwort erfüllen und Frieden und Wohlstand beider Völker sichern, denen beide wir Versprechungen gemacht haben. Unsere Verpflichtung war e-s, ein Nationalheim für diejenigen Juden, die nach Palästina zurückkehren wollen, vorzubereiten, und dies schließt freie Immigration im Rahmen der ökonomischen Fassungskraft des Landes ein. Es darf auch keine künstlichen Hindernisse für die freie und vernünftige Entwicklung der Juden geben. Darüber hinaus müssen wir für diese Immigrauten Sicherheit von leben und Eigentum schaffen. Das war gewiss keine leichte Aufgabe. In den letzten zwölf oder dreizehn Jahren haben wir fraglos viele Fehler in unserer Palästinapolitik gemacht, und es ist von größter Wichtigkeit, daß diese Fehlgriffe jetzt korrigiert werden. Redner glaubt, daß heute beide Völker in Palästina bereit wären, die Vergangenheit zu vergessen und die Gegenwart und Zukunft mit unvoreingenommenen Augen zu sehen. Die Anstrengungen der Juden waren heroisch. Wie ich höre, sagte der Redner, zeigt Palästina in diesem Moment sowohl industriell als auch landwirtschaftlich wachsende Prosperität, und dies sollte sich sicherlich in den Ziffern der Emmigrationsquote ausdrücken, denn nur auf ,diese Weise könne England das Mißtrauen, welches leider in den letzten Jahren in der Judenheit entstanden ist, überwinden. Redner forderte zum Schluß, daß man die von French geführte Landentwicklungskommission anweise, sich auf ihren genau umschriebenen Aufgäbenkreis zu beschränken, und sich nicht in die eigentlichen Streitfragen einzumischen; eine solche Einmischung anderer Kommissionen in der Vergangenheit habe England nur Unannehmlichkeiten bereitet. Er schloß mit der Versicherung, daß nach seiner Meinung niemals eine bessere Möglichkeit für die Zusammenarbeit der beiden Völker bestand als in diesem Moment. Col. Wedgwood befaßte sich vor allem mit dem Verhalten der englischen Beamten in Palästina und erklärte, Englands Vertreter in Palästina verraten Englands eigene Sache. Ahes komme darauf an, andere Be amten vom besten Typ des englischen Kolonialbeamtentums nach Palästina zu entsenden. Während Wedgwoods Rede kam es wegen seiner scharfen Kritik der englischen Beamtenschaft zu Zwischenrufen. Admiral Taylor forderte Wegwood auf, seine Beschuldigungen gegen die britisch-palästinensische Polizei zurückzuziehen, worauf Wedgwood erwiderte, er könne nichts zurückziehen, denn drei Judenmassakers seit Beginn der englischen Herrschaft hätten seine Behauptung erwiesen. Barnett Jänner, der zionistische Abgeordnete von Whitechapel, forderte den Kolonial minister auf, den im Briefe Macdonalds an Dr. Weizmann enthaltenen Versprechungen durch positive Maßnahmen gerecht zu werden, und betonte, daß, welche Leistungen immer in Palästina vollbracht wurden, diese nicht der englischen Kasse zur Last fielen, sondern ausschließlich durch aie jüdischen Anstrengungen ermöglicht worden sind. Der Unterstaatssekretär für ■die Kolonien Sir Robert H a ־ milton umritt die Situation Palästinas in den letzten Jahren. Er gab zu, daß die . Ereignisse dazu angetan waren, diejenigen zu enttäuschen, die ein schnelleres Tempo der Ent- Wicklung erwarteten. Allein dit Rücksicht auf die AbsorptionsFähigkeit des Landes mache gewisse Beschränkungen notwendig; eine plötzliche Oeffnung der Tore für neue Einwanderung würde nutzlos sein, wenn nicht für die Neuankömmlinge Beschäftigung gefunden wird. Es sei darum am besten, wenn man die Angelegenheit der Einwanderung dem High Commissioner und der Jewish Agency überläßt, die gemeinsam die Zahl der von Zeit zu Zeit zuzulassenden neuen Arbeitereinwanderer bestimmen. Presseschaa Im ״Berliner Tageblatt“ vom 3. April bespricht Heinrich Eduard Jacob das neue Herzl-Buch von Manfred Georg. Der Rezensent spricht mit tiefster Bewunderung von der Größe Theodor Herzls, der in Manfred Georg einen gerechten Geschichtsschreiber mit dichterischem Gefühl ge- Funden hat, der die heldenhafte Kurve dieses Lebens nachzuzeichnen vermochte. Herzl, so meint Jacob, hätte den Weltkrieg erleben, und ״wie Masaryk sein Böhmen hätte Herzl sein Palästina aus dem Rachen des Todes entgegennchmcn müssen“. — Für den zionistischen Leser einer solchen begeisterten Rezension des ״Berliner Tageblatts“ ergeben sich immerhin melancholische Betrachtungen darüber, daß menschliche Größe und politische Weitsicht erst dann anerkannt werden, wenn die Behandlung des Gegenstandes historisch und romanhaft zu sein scheint, während die Begeisterung zurückhält, solange die Not des Tages von jedem Einzelnen aktives Eingreifen und Mithilfe erfordert. Dies soll keine Verkleinerung für Jacobs muiirren Artikel sein, aber es ist schwer zu vergessen, wie die Art Presse, zu der auch das ״Berliner Tageblatt“ gehört, sich zu Herzls Lebzeiten zu der von ihm vertretenen Sache verhalten hat. Und auch heute wieder versucht man, Vergangenes ins Romantische zu verklären, das Gegenwärtige aber als politische Aktualität zu bagatellisieren. Wir würden wünschen, daß viele Leser des schönen Aufsatzes von Heinrich Eduard Jacob diesen seltsamen Widerspruch lebendig empfinden, Das türkische Eisenbahnministerium ,teilt mit, daß die Fahrzeit des Taurus-Expreß (Landwetg von Europa nach Palästina) um 11 Stunden verkürzt wird, 1 1