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Jüdische Rundschau · 1932-04-01 · 4 (4.1932) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
1 (1932)
Issue
4 (4.1932)
Date
1932-04-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Monats&usgabe Nr. 4, April 1932 Katholische Ablehnung von Müllers antizionistischer Tendenzschrift Di* *Jüdische Rundschau" hat in ihrer Nr. 4 vom 15. Januar unter der Ueberschrift *Eineantiiionistiache Tendernschrift“ die vom katholischen ״DouUchon Verein vom Heiligen Lande" hcrausgegebene Schrift ״Judentum und Zionismus" von Dr. Eugen Müller ausführlich besprochen, wobei wir nur einige Hauptpunkte hervorhoben und auf die Auft&hlung ktoinerer Fehler veraichteten. Es wird nun fdr unsoro Loser besonders interessant sein, eine Besprechung keimoniulemen, die in dem bedeutendsten katholischen Blatt Westdeutschlands, der ״Külnischon Volksaeitung", erschienen ist. Der Vorfassor der Uoxonsion, Hochschulprofessor Dr. F. Stummor, Freising, unlersioht Müllers Buch einer geradeso v e r n i c h te n d e n Kritik. Da auch das Zen Ir umsorgan ״Germania", wie von uns bereits frtiher borichtet, da• Buch scharf & b g 0 1 e h n t hat, kann matt wohl sagen, daß die maßgebende katholische Presse Deutschlands von dieser unerfreu- Hohen Arbeit abgerückt ist. Diese Objektivität ist um so höher tu veranschlagen, als os sich hier um die Publikation eines katholischea Verbandes handelt, dem auch namhafte Kirchonfdrsten (dio natürlich für die Publikationen des Vereins nicht verantwortlich gomacht werden können) nahestehen. Professor Stummer schreibt über Müllors Buch: Die Schrift erweckt im Vorwort den Eindruck, aJs sei sie eine aus tanger Vertrautheit mit dem Gegenstand er• wachsene Studie; wie et damit in Wirklichkeit steht, zeigt schon bei Beginn der eigentttcheh Ausführungen ($. 11) der Oebrauch der für Dilettanten charakteristischen, wissenschaftlich längst erledigten Unform ״Jehova“. Schlimmer ist, daß sich auf derselben Seite,— neben anderen Mißgriffen in biblischen Dingen! — die Behauptung findet, ״schon"* (!) Jakob sei ״wieder“ (t) mit seinen Herden und Sklaven“ (II) nach Mesopotamien gezogen. Der Verfasser hat also die Biblische Oeschichte seiner Jugend ganz gründlich vergessen, geschweige denn, daß er die Oenesis kennt, sonst hätte ihm eine derartige Entgleisung nicht passieren können. Wie ahnungslos der Verfasser auf biblischem Qebiet ist, zeigt sich hübsch auf S. 49, wo er von einer ״altjüdiachen Tradition der Stämme“ redet, ohne zu ,merken, daß es sich um die Jubeljahrgesetzgebung im Lev. 25, 23 ff. handelt. Er kennt also das pentateuchische Gesetz nicht, das offensichtlich auf eine bäuerliche — und zwar vorwiegend kleinbäuerliche — Gesellschaft zugeschnitten ist, ebensowenig die Quellen der Geschichte der Einwanderung Israels in Kanaan. Sonst könnte er nicht behaupten (S. 13), schon damals hätten sich die Juden ״hauptsächlich in Städten bzw. in besonders •fruchtbaren Verkehrsgegenden״ angesiedelt, und daran die Bemerkung knüpfen: ״Diese Neigung der Juden, sich * Überwiegend an Verkehrsstraßen und -platzen anzusiedeln, von den politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Einrichtungen eines Landes Gebrauch zu machen, und •ich hauptsächlich der Güter Verteilung zu widmen, ist der jüdischen Rasse als angeborene Eigenschaft bis heute gebliebca.“ Das ist aber ein Gemeinplatz des vulgären Antisemitisaius, der auch durch die Berufung auf W. Sombart (S. 28 f.) und die Verfügungen des Verfassers auf S. 29 und S. 72 nicht zum Rang einer wissenschaftlich erhärteten Wahrheit erhoben wird. Auch wo der Verfasser auf das nachbiblische und das moderne Judentum zu sprechen kommt, finden sich falsche und schiefe Behauptungen genug. Wie unklar im Grunde ihm die Dinge geblieben sind, ersieht man z. B. an dem Qallimathias, den er S. 61 über die zionistische Partei der Misrachisten zu schreiben imstande ist: sie ״nehmen gegen die abgeschlossener thorafremde Kulturwelt, du Ueberbfeibsel des froheren Qhettolebens. scharf Stellung“. Was 80U du heißen? Nicht sehr sattelfest ist der Verfasser auch in der Kenntnis Pattftinas selber. So verlegt er (S. 68) die Technische Hochschule nach Jaffa statt nach Haifa und redet S. 74, Anm. 1 von einer Templcrkolonie Bethlau (!) bei Nazareth: Daß schon Jos. 19. 15 ein Bethlehem in Galiläa erwähnt wird, weiß er offenbar nicht. Um so erstaunlicher ist die Kühnheit, ׳mit der er S. 91 von der jetzigen arabischen Bevölkerunjg behauptet: ״Die Araber sind Nachkommen der Ureinwohn er Palästinas, die bereits 3000 v. Chr., also 1200 Jahre vor Abrahams Geburt, du Land bewohnten und bebauten.״ Man greift sich an den Kopf, wenn man eine derartige ethnologische Ungeheuerlichkeit liest. Es ist zwar dem Verfasser selber nicht recht wohl dabei und er versucht im nächsten Satz eine lahme Einschränkung, aber wenige Zeilen weiter operiert er mit seiner• These unbekümmert weriter. Hier rächt es sich bitter, daß ihn sein Mangel an Quellenkenntnis die oben charakterisierte Auffassung von der Ansiedlung Israels in Kanaan nicht in Ihrer Unhaltbarkeit durchschauen lief), so daß er, wie sich aus S. 71 ergibt, sogar der Meinung ist, der lüde sei nie im Lande eigentlich eingewurzelt, sondern all nichtarbeitende Herrenschichf der einheimischen Bevölkerung nur oberflächlich übergelagert gewesen. Es I8t klar, daß das keine geeignete Plattform zur Beurteihuig des Zionismus ist. Tatsächlich wird auch die Schrift dem Arbeitsethos des Zionismus nicht gerecht. Es ist sicher richtig —־ wird auch wohl von keinem einsichtigen Zionisten bestritten —. daß es nicht gelungen, ist, die Bewegung an dem Oefahrenpunkt vorbeizusteuern, der immer droht, wenn die politischen und wirtschaftlichen Chancen einer Idee wachsen. Dann dringen sich allerhand unerwünschte Elemente heran: Profitjäger, Maulhelden und Faulpelze. So ist es auch dem Zionismus ergangen; daher erfolgte der Einzug in Palästina nach der Balfour-Deklaration auf unnötig breiter Front und mit überflüssigem Getöse. Auch scheint sich die Leitung nicht genügend klar gewesen zu sein, wie unendlich hart die Wirk- Uchkeit ist, mit der der Zionismus in Palästina zusammenstieß. Aber man darf nicht vergessen, daß unter den zahlreichen Rückwanderern zwar viele Enttäuschte aus den oben erwähnten Kategorien sind, aber doch auch eine — naturgemäß statistisch nie erfaßbare — Anzahl solcher, die für ihr Ideal bis zur Erschöpfung ihrer geistigen und körperliehen Kräfte gearbeitet haben. Man kann rem er gewiß an den positiven Leistungen der Bewegung berechtigte Kritik üben und mag feststellen» daß, gemessen an überschwengliehen Hoffnungen gewisser Kreise, der Erfolg hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist. Aber mit der Statistik allein erfaßt man die tatsächlichen Leistungen nicht. Daß zum Beispiel der Eukalyptusbaum von den Arabern der ״Judenbaum״ genannt wird und wohl immer so genannt werden wird, ist Hein schon ein Zeichen, daß die zionistische Bewegung nicht umsonst arbeitet. Jedenfalls hat man ihr zum mindesten den ernsthaften Versuch zu danken. Böden, die jahrhundertelang brach lagen, wieder anbaufähig zu machen. Ein anderer Punkt! Natürlich hat der Verfasser recht, wenn er — es ist das übrigens kein neuer Gesichtspunkt, ן den er bringt — die eingerissene Verweltlichung der Bewegvng beklagt. Säkularismtis ist aber keine dem Zionismus eigentümliche Erscheinung, sondern eine Zeitkrankheit. Aber man wird meines Erachtens der Situation nicht gerecht, wenn min sich auf die Anerkennung beschränkt, daß die Mis- . rachisten sich eifrig bemühen, den Zionismus religiös zu fun• datoeatieren usw. (S. 65). Soweit Ich?u beobachten Oe•!egenbeit hatte, ist die religiöse Welle im langsamen, aber stetigen Ansteigen begriffen. Das zeigt sich schon darin, daß die zionistischen Verlage und Sortiments in steigendem Maße religiöse Literatur führen. Freilich wird sich diese religiöse Renaissance nicht nach dem Sinn des strengen Talmudismus vollziehen. Es wäre sehr verdienstlich gewesen, wenn der Verfasser, statt S. 14 f. die alten Geschichten von dem zum Judentum zurückwollenden Beduinenstamm und den Marranos aufzuwärmen, uns lieber etwas darüber gesagt hätte, inwieweit etwa ein Buch wie Aim6 Palliares ״Le Sanctuaire Inconnu“ und sein Gegenstück, W. Friedemanns ״Kreuz und Davidstern“, für die geistige Situation des Zionismus typisch sind. Aber davon erfanren wir nichts. Außer diesen sachlichen Mängeln gibt es auch solche der Form. Abgesehen davon, daß der Stil sehr salopp ist, finden sich Ungeschicklichkeiten, die dem Buch nur schaden können. Ausdrücke wie der, daß die britische Regierung die Zionisten ״hereingelegt“ hätte (S, 84), und Kraftausarücke wie ״russische Sowjetjünglinge“ (S. 97), sind deplaciert. Sehr unsympathisch wirkt, daß auf S. 11 viermal (!) betont wird, daß schon die Erzväter mit ihren Herden und Sklaven gewandert seien, was übrigens zum Teil nicht einmal biblisch fundiert ist. Wenn die ״Jüdische Rundschau“ in Nr. 4 vom 15. Januar d. J. das Bucn al$ antizionistische Tendenzschrift bezeichnet hat, so trägt der Verfasser durch die Mängel inhaltlieber und formaler Art einen erheblichen Teil der Schuld. Trotzdem müßt$ es als schweres Unrecht bezeichnet werden, wenn man dem Verfasser unterstellen würde, er habe mit bewußter Absicht eine ״Tendenzschrift“ geschrieben. Seine Ablehnung des Antisemitismus aus religiösen Gründen (S. 97) ist ohne jeden Zweifel ehrlich gemeint. Aber er war seiner Aufgabe nicht gewachsen, weil ihm ganz offensichtlich die wissenschaftlichen Voraussetzungen fehlen, welche zu einer selbständigen Behandlung der außerordentlich komplizierten Judenfrage nötig sind. Aber unbegreiflich ist, aaß niemand im Deutschen Verein vom Heiligen Lande, weder der Vorsitzend« des Diözesanverbandes Berlin, der dem Buch ein Geleitwort mitgegeben hat, noch der Generalsekretär, dem der Verfasser im Vorwort für Anregungen dankt, den Verfasser auf die zum Teil groben Schnitzer, besonders in biblisehen Dingen, aufmerksam gemacht hat. Man wundert sich freilich über nichts mehr, wenn man im Geleitwort des ersteren den Ausdruck liest: ״die lateinische Christenheit, besonders (!) die römisch-katholische Kirche“ (S. 10). Gibt es denn außer der römisch-katholischen Kirche eine ״lateinische Christenheit“? Das sind sehr, sehr betrübliche Dinge, die nicht zuletzt auch im Interesse des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande lebhaft zu beklagen sind. War schon das erste Heft der von ihm herausgegebenen Schriftenreihe eine,, ungenügende Arbeit, so bedeutet die vorliegende, durchaus dilettantische Schrift eine weitere schwere Belastung• eines in 75jähriger Arbeit wohlerworbenen guten Rufes. Hebräische Philosophie Die Erwartungen, die die jüdische geistige Welt der philosophlschen Arbeit an der Hebräischen Universität Jerusalem entgegenbringt, sind mannigfach. In'den wenigen Jahren, in denen es Lehrstühle für Philosophie in Jerusalem gibt, wurde bereits wertvolle Vorarbeit geleistet. Was allein es schon bedeutete, die sprachlichen «una terminologischen Hindernisse der unterrichtlichen Arbeit zu überwinden, kann der ermessen, der die Anfänge der Seminararbeiten etwa im Jahre 1929 miterlebte. Man stelle sich vor, daß in einem Seminar über die Philosophie Kants damals Kantübersetzungen, in sieben Sprachen — mit Ausnähme der hebräischen — zur Verfügung standen. Es gehörte eine hingebungsvolle Leistung dazu, solcher Schwierigkeiten Herr zu werden. Vielleicht wäre diese Aufgabe nicht gelungen, hätte nicht schon bei Beginn der Arbeit Hugo Bergmanns Tiefgründiges Kantbuch in hebräischer Sprache Vorgelegen. Seit dieser Zeit hat die Philosophie an der Hebräischen Universität ihren Weg stetig fortgesetzt. Wie sicher dieses Fortschreiten ist, mag man an der Tatsache feststellen, daß im vergangenen Semester Bergmann über die Gegenwartsphilosophie lesen konnte. Von Kierkegaard ausgehend, führte diese Vorlesung in das Wesen der Existentialphilosophie ein. Wie immer man zu dieser philosophischen Richtung stenen. mag, muß es doch als bedeutsam anerkannt werden, wenn die studierende Jugend Jerusalems unter besonnener Führung mit einer Strömung bekannt gemacht wird, die zutiefst die Krisis unserer Zeit widerspiegelt. Es liegt in der Natur der Sache, daß auch das Werk Rosenzweigs, das Ansätze der allerneuesten Philosophie vorwegnahm, in Jerusalem einer Betrachtung unterzogen wird. (Vgl. Scholem: rranz Rosenzweig wesifro.) Der Wunsch ist berechtigt, es möge bald ein Organ für die jüdischen Philosophen aller Länder geschaffen werden, das in hebräischer Sprache die Arbeit der Jerusalemer Philosophen unterstützt. Der Verlag der Universität kündigt soeben eine im Druck befindliche wichtige Neuerscheinung an: Hugo Bergmann, ״Haphilosonhia schel Schlomoh Maimon“. Dieses Werk wita eine Analyse der Philosophie jenes Mannes bieten, der eine 80 eigenartige Stellung in der Philosophie des deutschen Idealismus einnahm. — Leon Roth, der Inhaber des Achad Haam-Lehrstuhls für Philosophie, unter dessen Redaktion und Anleitung von J. Ur wichtige Schriften von Descartes, Leibniz und Rousseau als Seminarausgaben ins Hebräische übersetzt wurden, hat mit seiner letzten, nunmehr im Druck erschienenen Achad Haam-Gedächtnisvorlesung ein überaus interessantes Thema angeschlagen. (Ch. L. Roth, hasechel weharazon kegormim datiim; Vernunft und Wille als religiöse Faktoren. Jerusalem, University Press 1932.) Die Vorlesung behandelt Platonismus und Aristotelismus als zwei mögliche und einander entgegengesetzte Grundlagen religiöser Entwicklung, wie in ihnen sich auch zwei Grundlagen metaphysischer Daseinsdeutung offenbaren. Der Platonismus trennt diese unsere Welt von der wahren Welt der Ideen; die Religiosität, die auf platonischem Grund und in platonischer Tradition steht, überträgt die Zweiweltentheorie ins Ethische und trennt das Reich der Wahrheit, die nun Heilswahrheit wird, von der Welt des diesseitigen Scheins. Roth zeigt nun im Verlauf der Dar• Stellung, wie trotz der starken neuplatonischen Strömungen im Judentum den Grundlagen jüdischer Frömmigkeit der diesseitspositive Rationalismus der Aristoteliker nähergestanden habe. An einer Analyse der verschiedenen Willensbegriffe bis zu dem Willensbegriff des Tenach hin wird dieser Sachverhalt klarzu* stellen versucht. Im Rahmen unserer Notiz soll vor allen Dingen darauf hingewiesen werden, daß auch diese Vorlesung in Zwiespräche mit der Situation der Gegenwartsphilosophie steht. Die Vorlesung zeigt eine solche Reihe wichtiger Probleme auf, daß nur zu wünschen ist, cs möge der Hebräischen Universität niemals ein Schülerstab ermangeln, der aus der Selbst verstandlichkeit des jüdischen Lebens, das Palästina dem Menschen schenkt, die Arbeit gesunder und wissenschaftlicher Reflexion über das eigene Dasein fortsetzt. Dr. SiegfriedUcko. Nach den soeben veröffentlichten Ergebnissen der letzten amerikanischen Volkszählung haben 1 220 658 Juden in den U. S. A., davon allein 656 466 in New York, 68264 in New Jersey und 22605 in Connecticut, Jiddisch als ihre Muttersprache angegeben. Bemerkung zu einigen Berliner Kabaretts Von Max B r o d. Wenn man als Jude aus dem nichtdeutschen Ausland kommt und die hemmungslose antisemitische Agitation in Deutschland, das man• so liebt, blutenden Herzens mitansieht, dann möchte man unter all den befremdlichen, würgenden Eindrücken auch den einen zu registrieren nicht vergessen: einen Berliner Kabarettabend, bei dem einige typisch jüdisch aussehende Schauspielerinnen die deutsche Alt-Heidelberg-Kitschpoesie persiflierten. Sie erschienen als rheinische Jungfrauen, in weißen Kleidchen mit riesigen rosa Schleifen am Rücken, begleitet von Couleurstudenten mit Schmissen und rotblonden Umhängebärten. — Selten habe ich eine Darbietung gesehen, die so sehr allen Oeschmacks und Taktes bar war. Die Verhöhnung deutscher Uebelstände ist gewiß eine gerade im deutsehen Sinn höchst notwendige und nützliche Sache; daher man im Kreise des ernsten deutschen Nationalismus längst die zu Aeußerlichkeiten erstarrten Formen des deutschen Burschenlebens heftig kritisiert, neue und wahrere Lebensform ausgebildet, dem falschen Zauber des Rhein-Filmklischees Krieg angesagt hat. Wenn sich aber Juden, jüdische Kabarettistin־ neu, zu derlei Satire exponieren, so wirkt sie peinlich und überdies so aufreizend, daß man sich entsetzt fragt, wie in diesen Wochen, da Lebensgefahr über der Judenheit Deutschlands schwebt, Juden und Jüdinnen sich leichtfertig zu solch einem unwürdigen Spiel hergeben können und wie ein zumeist aus Juden bestehendes Kurfürstendamm-Publikum dazu applaudieren kann. (Ich sah dann, während eines mehrwöchigen Aufenthalts in Berlin, noch einige ähnliche Geschmacks-Exzesse auf jüdischer Seite; doch die jüdisch-rheinischen Jungfrauen waren entschieden das Schlimmste.) Es kann selbstverständlich den in deutschem Milieu leben- ' den Juden nicht benommen werden, sich politisch und kritisch mit deutschen Zuständen auseinanderzusetzen, die ihnen überwindenswert scheinen. Nie werde ich einer capitis deminutio das Wort reden, die Juden aus der politischen, sozialen, kulturpolitischen Diskussion des Wirtsvolkes ausschaltet. Aber es kommt ganz darauf an, wie man es macht. Das Distanzgefühl, daß es nicht unsere Eigenart ist, die wir in solchen Fällen kritisieren, sondern, die eines andern, dem wir wohl . Freund und sogar verehrungsvoll dankbarer und sogar vertrauter Freund, aber nicht identisch sind, dieses Distanzgefühi sollte uns nie verlassen. Schonungslos polemisieren darf man nur gegen sich selbst und seine eigene Art. Es soll nicht übersehen werden, daß eine prononciert jüdische Satire gegen deutsche Mißstände im deutschen. Hörer oft jene echten Gefühlswerte anklingen läßt, die mit den Mißständen assoziiert sind. Das mag bedauerlich *und sachlich unberechtigt sein; es ist aber so. Spricht nun jemand davon, daß es eben unsere Aufgabe ist, derartige falsche Gemütsreaktionen den deutschen Hörem abzugewöhnen, — so möchte ich doch in allererster Linie raten, diese unsere segensreiche pädagogische Funktion zunächst uns selbst angedeihen zu lassen. Es sind dies Taktfragen, sie können nur mit dem Instinkt, nicht rational entschieden werden. Rational faßbar bleibt: die Frivolität jüdischer Unternehmer und sogenannter ״Künstler‘*, die einfach um des Profits und Amüsierbetriebs willen, also ohne die im vorigen supponierte wirklich ernsthaft-kritische Besserungsabsicht, derart gefährlichen Ulk in Szene setzen. Der Zionist hat sich gegen Verfallserscheinungen solcher Art immer abgegrenzt. Er darf jetzt nicht etwa schweigen, weil ihn drohende Pogromgefahr dem Vorwurf der Aengstlichkeit aussetzt. — Rational faßlich ist endlich: die künstlerische Unsinnigkeit solcher Satire, die daher (als Unform, auch in künstlerischem Sinne) rechtens völlig unwirksam bleibt. Wenn die rheinischen Jungfrauen jüdisch aussehen, dann sind es eben keine rheinischen Jungfrauen mehr ־— und was sie da oben auf der Bühne singen und treiben, ist schon seiner Belanglosigkeit wegen unerträglich! Es trifft nicht, es schlägt nicht, es ist nur blöd. So sah ich vor dem Krieg (vielleicht ist es jetzt nicht anders) auf einer Pariser Vorstadtbühne einen typischen Franzosen, lebhaft, klein, aufgeräumt, in rostblonder Perücke Unfug machen, mit dem Säbel rasseln, dicke rote Bäckchen blähen, eine Schüssel choucroute hinunterschlingen. Und das sollte einen Deutschen vorstellen. Es war aber nur das Jammerbild eines chauvinistisch verhochmütigten Franzosen. Von 15 Preisträgern - 14 Juden . . . Vor einigen Tagen fand in Warschau der zweite internationale Wettbewerb der Chopin-Spieler statt, an dem 68 Pianisten aus verschiedenen Ländern Europas (Polen, Rußlaivd, .Ungarn, Deutschland, Oesterreich, Belgien usw.) teilgenommen haben. Die Prüfungen dauerten zirka 3 Wochen. An allen Tagen des Wettbewerbs war der große Saal’der Warschauer Philharm-onie bis auf den letzten Platz gefüllt. Alle Zeitungen widmeten dem Verlaut des Wettbewerbs lange Artikel und Ab- Handlungen. Von den 68 Bewerbern sind 15 preisgekrönt und 8 sind mit Diplomen ausgezeichnet worden. Insgesamt wurden also 23 Auszeichnungen verteilt. Mit Ausnahme des 9. Platzes sind alle ersten neunzehn Preise Juden zugefallen. Den ersten Preis von 5000 ZI. im Namen des Polnischen Staatspräsidenten erhielt der Sohn eines in Paris wohnenden russischen Emigranten Alexander Uninsky. Den zweiten ein blinder jüdischer KunstleT aus Budapest, Imre Ungar, von dem der greise polnische Pianist, Prot. Michalowski, behauptet, daß er seit Anton Rubinstein keinem solchen Künstler des Klaviers begegnete. Die Namen der anderen Juden, die Preise bekommen haben, sind: Boleslaw Kohn (Polen), Abraham Lufer (Rußland), Ludwig Kenntner (Ungarn), Leonid Sagalovv (Rußland), Leon Borunski (Polen), Fioäor Guttmann (Rußland), Kurt Engel (Oesterreich), Emanuel Großmann (Rußland), Josef Wagner (Deutschland), Marila Jonas (Polen), Lili Herz (Ungarn), Sussane de Meyer (Belgien). Unter den diplomierten Pianisten befinden sich die Juden H. Kahan (Polen), Iso Elison (Rußland), Maria Nowik (Lettland) und M. Marie Donska (Polen). Der ungewöhnliche Ausgang des Wettbewerbs machte auf die Polnische Gesellschaft einen sehr starken Eindruck. Der Musikkritiker der antisemitischen ״Gazeta Warschawska“ schrieb u. a.: ״Die traditionelle Ueberzeugung, daß bloß Polen Chopin am besten verstehen und spielen können, ist hier endgültig zerstört worden. Nach dem Urteil der Wettbewerbs-Jury sind als die besten Pianisten und vorzüglichsten Chopin-Spieler hauptsächlich Repräsentanten der jüdischen Rasse anerkannt worden. Das unterstreichen wir mit unserer ganzen Loyalität, wie unangenehm uns auch diese Wahrheit sein mag. . “ VeraetwortUchar Redakteur: Dr» Werner Bloch» Berlin-Wilmersdorf. Verlag: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15. Drude von Siegfried Scholem, Berlin ״ Schöneber$.

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