Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 1 (1932)
- Issue
- 4 (4.1932)
- Date
- 1932-04-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Mouatsausgabe Nr. 4, April 1932 JODISCKE RUNDSCHAU Seite 5 Amerikanische Juden Eindrücke von einer Rebe Von Hans Kohn (Jerusalem). Die amerikanische Judenheit ist seit dem Weltkriege fraglos die wichtigste jüdische Gruppe, und nichts ist begreiflicher, als daß die Veränderungen, denen diese jüdische Gemeinschafi unter der Wirkung der Wirtschaftskrise und der damit zusammenhängenden geistig-kulturellen Erschütterungen unterworfen ist, auch von den euroi^äischen Juden mit größter Aufmerksamkeit verfolgt wird, Wir haben daher den Verfasser gebeten, uns seine Eindrücke über die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Situation des amerikanischen Judentums mit möglichster Objektivität und ohne Eingehen auf die inneren Konflikte una die politisch-parteimäßige Differenzierung der amerikanischen Juden zu schildern. Red. Der AntisemliUmm Der amerikanische Schmelztiegel hat bei den amerikanisehen Juden sehr gut gearbeitet. Die zweite Generation, oft auch schon Angehörige der ersten, die seit Jahren in Amerika sind, sind in ihrer Lebenshaltung und in ihrem geistigen Zu* schnitt so sehr Amerikaner geworden, daß man sich immer wieder wundert, unter diesen Menschen, die man von Europa her als uraltes und gewitztes Kulturvolk kennt, die gleiche Naivität oft wiederzufmden, die einem bald für den Amerikaner charakteristisch erscheint. Dabei lebt der Jude in Amerika, auch der assimilierte, in einem überraschenden Grade in einem ausschließlich jüdischen Milieu. Der Antisemitismus ist in Amerika auf politischem Gebiete kaum fühlbar, jedenfalls nicht stärker als die Abneigung gegen Katholiken, aber er ist auf sozialem uqd wirtschaftlichem Gebiete von einer Stärke, von der man im Ausland keine rechte Vorstellung hat. Ein esellschaftlicher Verkehr zwischen Juden und ichtjuden ist in Amerika weit weniger üblich als in Westeuropa, ja auch weniger als er es zumindest vor dem W'eltkriege in Deutschland gewesen ist. Juden verkehren in Amerika nur untereinander. Die großen Klubs nehmen vielfach keine Juden auf, insbesondere die Country-j<lubs, die in Amerika eine große Rolle spielen, da sie dem gehetzten amerikanischen Geschäftsmann über das Wochenende die einzige Form von Erholung bieten, die er kennt. Die Juden helfen sich, indem sie eigene Klubs gründen, meist ebenso prächtige und geräumige Gebäude, in denen auch die in Amerika unentbehrlichen Sport- und Turnsäle nicht fehlen, in denen aber das einzige Jüdische, das man dort finden kann, die Zusammensetzung der Mitglied- Schaft ist. Schwerer wiegt noch der stillschweigende Numerus clausus für jüdische Professoren und Studenten an den großen amerikanischen Universitäten. Von Amerikas wichtigster Universität, der Harvard University, ist das schon lange bekannt, aber auch New Yorks größte Universität, die Columbia University, in einer Millionenstadt, in der ein Viertel der Bevölke-׳ rung luden sind, deren Bildungsdrang bekannt ist, sieht streng' darauf, daß in ihr die Zahl der jüdischen Studenten nicht zehn bis zwölf Prozent übersteige und die der Professoren noch viel kleiner bleibe. Gewiß ist dieser Antisemitismus der Universitaten durchaus unoffiziell und er wirkt sich, wie schon eingangs erwähnt, nicht politisch aus. In dem Obersten Gerichtshof der Union wirken unter den neuen Richtern, die auf Lebenszeit bestellt sind und wohl als die höchsten permanenten Amtsficrsonen des Landes angesprochen werden Können, zwei Juden, nsofern kann der Antisemitismus in Amerika nicht mit dem z. B. in Deutschland auf eine Stufe gestellt werden. Aber er ist auch in Amerika Ausfluß eines nordischen Rassenhochmuts, der sich in ähnlicher Weise gegen katholische Südeuropäer wendet. Die amerikanischen Studentenorganisationen, die •fratemities und sororities sind in ganz ähnlichem Sinne wie die deutschen Stwkntenkorps Horie der Reaktion. Das plutokratische Klassenbewußtsein, das in Amerika viel stärker ausgebildet ist ab etwa das Klassenbewußtsein der alten europäischen Aristokratien, schließt diese Studentenvereine scharf gegen alles ab, was ״unamerikanisch“ oder sozial ״niedriger“ ist. Von größerer Bedeutung wird dieser Antisemitismus dadurch, daß er sich auch aufwirtschaftlicfiemGebiete auswirkt und zu dem Beginn eines wirtschaftlichen Boykotts der Juden führt. Viele Firmen nehmen keine jüdischen Angestellten, was sich in den Zeiten großer Prosperität nicht auswirkt, sofort aber in Erscheinung tritt, wenn der Arbeitsmarkt ein Ueberangebot von Kräften kennt. Dann wird bei den Bewerbem in mehr oder weniger verhüllter Form nach der Religion gefragt. Große Warenhäuser haben oft keinen jüdischen Angestellten. Das gleiche gilt von manchen Banken. Diese Form des Antisemitismus hat mit dazu geführt, daß sich die wirtschaftliche Krise, die Amerika schon das dritte Jahr verheert, bei den Juden noch stärker auswirkt als bei den Nichtjuden. Drei Einwanderer-Schichten Die Geschichte der Juden in Amerika zerfällt in drei voneinander deutlich geschiedene Epochen, die mit drei Stufen der amerikanischen Entwicklung zusammenfallen. Der erste Strom jüdischer Einwanderung, der sich nach Amerika ergoß, kam in den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Es handelte sich vorwiegend um deutsche Juden, die gleichzeitig mit anderen deutschen Elementen nach der mißglückten bürgerlichen Revolution von 1848 einzuwandern begannen. Damals durchlebte Amerika seine große heroische Periode. Die Pioniere hatten mit ihrem Marsch westwärts begönnen, die unendlichen Prärien des Westens erschlossen sich vor ihnen, neue Städte erstanden, Walt Whitman begann die Entstehung einer neuen Rasse 7u besingen. Die damals einwandernden deutschen Juden wuchsen in dieses Leben hinein. Sic bilden heute die Aristokratie des amerikanischen Judentums, sie haben den ganzen nationalen und wirtschaftlichen Aufschwung Amerikas mitgemacht, das aus einem agrikulturellen Kolonialland ein kapitalreicher Industriestaat geworden ist. Gerade diese Industrialisierung, die im Osten der Vereinigten Staaten in den achtziger Jahren einsetzte, verlangte nach neuer Einwanderung billiger Arbeitskräfte. Hatten die einwandernden deutschen Juden dem Bürgertum angehört, so kamen jetzt neue Einwanderer aus Ost- und Südeuropa in stets wachsender Zahl, die dem Arbeiterstande und dem Kleinbürgertum zuzurechnen waren. Die Industrialisierung Amerikas fiel zeitlich zusammen mit der Auflösung des russischen Ghettos durch den Einbruch des modernen Kapitalismus nach Rußland und durch die Pogrome. Aufgestört aus ihren gewohnten Lebensformen, suchten die jüdischen Massen Zuflucht in Amerika mit seinen weiten unerschöpflichen Möglichkeiten. Sie zerstreuten sich nicht über die Union, sie blieben in den östliehen Staaten, wo die Industrialisierung am stärksten und die Aufstiegsmöglichkeit am größten war. Der lüde fand in Amerika nicht nur eine aufgelockerte und sich stetig erweiternde Wirt- Schaft, gewisse Eigenschaften des amerikanischen Lebens, die das festgefügtere Leben Europas nicht kannte, kamen diesem Einwachsen des Juden in die amerikanische Wirtschaft noch entgegen. Dahin gehört die stärkere Mobilität des amerikanisehen Lebens, das darin die Erinnerung an die Pionierzeit bewahrt hat. Der Amerikaner ist weniger an die Scholle gebunden, die Häuser in Amerika weniger abgeschlossen, der Amerikan er wohnt leicht in Hotels oder möblierten Wohnungen, und seine geringe Verwurzelung bringt es mit sich, daß inm eine Ucbersiedlung von einer Stadt in eine weit entfernte nicht viel bedeutet. Dieser Beweglichkeit des Aufenthaltes entspricht eine Beweglichkeit des Erwerbslebens. Der Amerikaner ist viel weniger spezialisiert, viel weniger festgelegt in seinem Berufe, er wechselt leicht von einem zum anderen Über und man fragt nicht oder hat wenigstens früher nicht nach Qualifikationen und Zeugnissen gefragt, sondern nach der Tüchtigkeit, nach dem schnellen Sichzurechtfinden, nach der Fähigkeit, aus der Er• fahrung zu lernen utid die von ihr dargebotenen Gelegenheiten wahrzunehmen. All dies ermöglichte auch dem nach 1880 ein* wandernden östlichen Juden einen verhältnismäßig schnellen Aufstieg. Die Umgebung, in der alles auf die Erzielung schneilen Erfolges gerichtet war, wo der Erfolg der alleinige Wert* messer wurde, das ausschließlich englische Schulwesen, haben dahin gewirkt, daß die zweite Generation sich schnell assimilierte und ihr Ideal darin sah, in die Reihen der ״deutschen Juden“ ״aufzurücken“. Der ursprüngliche Unterschied zwischefl den deutschen und den Ostjuden wurde jetzt immer mehr zu einem sozialen Unterschied, einem Unterschied in dem Grade der Amerikanisicrung und des wirtschaftlichen Aufstiegs. Daß dennoch das ostjüdische Element in Amerika sich bis in die letzten Jahre so stark und ursprünglich erhielt, war dem Umstande zu danken, daß immer neue Massen ostjüdischer Einwanderer in das Land kamen und wieder am Beginn des sozialen und wirtschaftlichen ״Aufstiegs“ standen. In dieser Entwicklung bedeutete der Krieg für Amerika wie für die Juden einen Wendepunkt. In dem Weltkrieg wurde das außenpolitische Interesse der Amerikaner zum erstenmal in großem Maßstab geweckt, sie begannen, sich den Problemen Europas und der übrigen Erdteile zuzuwenden. Die in Amerika lebenden ethnischen Einwanderergruppen aus Europa, h־en und Tschechen und alle anderen, versuchten das Schicksal ihrer Volksgenossen in der alten Heimat zu beeinflussen und sie in ihren Bestrebungen zu unterstützen. So wandten sich auch die amerikanischen Juden mit dem Jahre 1914 in aktiver Teilnahme dem jüdischen Schicksal in Europa und Palästina zu, spürten verstärkt die Bande, die sie mit dem übrigen Judentum und seinem Schicksal verknüpften, insbesondere da sie mit der steigenden Weltgeltung Amerikas auch berufen schienen, eine führende Rolle in der Weltjudenheit zu spielen. Dieses Gefühl der Verflochtenheit und damit auch der Verantwortung erfüllte nicht nur die Ostjuden in Amerika, sondern auch die deutschen Juden. Das neue amerikanische Selbstbewußtsein, das im Kriege entstand, wurde auch zu einem neuen Selbstbewußtsein der amerikanischen Juden, worin sich in eigentümlicher Weise amerikanische und jüdische Momente mischten. Zum erstenmal entstanden große allumfassende jüdische Organisationen in Amerika, über alle sozialen und Weltanschauungsunterschiede hinweg (was, wie wir noch sehen werden, in: Amerika weithin dasselbe ist), die ihren Hauptaufgaben kreis außerhalb Amerikas sahen. Es waren die Jahre des Wilsonschen ״Idealismus“. ElnwAiKtenmgisperre und ״Prosperity״ Mit dem Ende des Weltkriegs begann eine neue Periode des amerikanischen Nationalbewu ßtseins. Der ursprüngliehe reine Typ des Amerikaners sollte wiederhergestellt werden, die Erinnerung an den Zusammenhang mit dem Anglosachsentum und an die Pionierzeiten wiedergeweckt, ein hundertprozentiger Amerikanismus angestrebt werden. Aus diesem Grunde wurde die Einwanderung gesperrt, um die Rassenreinheit herzustellen, da noch bei Sperrung der Einwanderung die Hoffnung bestand, daß der amerikanische Schmelztiegel der verschiedenen bisher eingewanderten Elemente Herr werden konnte. Amerika, enttäuscht von dem Ausgang des Krieges, in den es von Wilson und der Schwerindustrie unter falschen idealistischen Losungen gelockt worden war, zog sich von י Europa immer mehr aui sich zurück. Es begann als erstes Land mit der ״Autarkie“ Emst zu machen. Es konnte es, weil es durch eine Periode noch nicht dagewesener Prosperität hindurchging. Der Glaube war allgemein, daß diese Prosperität dauern werde, daß Amerikas Wachstum unaufhaltsam sei. Dieser Glaubensartikel aller Amerikaner wurde ihnen von überalen europäischen Wirtschaftspolitiken! gerne bestätigt, die von dem Wirtschaftswunder Amerikas erzählten und durch big business das goldene Zeitalter der Menschheit anbrechen sahen. Der Kapitalismus schien in seiner amerikanischen Hochburg endgültig konsolidiert. Die Juden, die stärker noch als andere an diesem Wirtschaftsaufschwung teilnahmen, teilten diese Hoffnungen. Wie andere, vielleicht noch stärker, hypothezierten sie die Zukunft, die nichts anderes als einen ständig steigenden Reichtum bringen konnte. Da sie viel verdienten und noch mehr zu verdienen hofften, gaben sie mit einer für Amerika kennzeichnenden Großzügigkeit. Die soziale Gliederung begann unter dem Einfluß der Sperrung der Einwanderung sich zu ändern. Die Situation und Geltung des amerikanischen Judentums, in Amerika und in der Weltjudenheit, schien gesichert. Da kam die Krise des Oktober 1929. Das stolze Gebäude brach zusammen und begrub unter seinen Trümmern nicht nur die amerikanische Prosperität, sondern, was erst in den nächsten Jahren deutlich werden wird, das Amerika des ersten Nachkriegsjahrzehnts, eine ganze geistige und moralische Welt, auf der auch das amerikanische Judentum gebaut hatte. Unter den Opfern der Krise waren wenige härter betroffen als das amerikanische Judentum. Die Wirtschaftekrise Auch ohne die Krise wäre die wirtschaftliche Stellung des amerikanischen Judentums langsam erschüttert worden. Aber es wäre allmählich gekommen und die verdrängtet» Schichten hätten neue Positionen einnehmen können, wie in anderen Ländern haben auch in Amerika die Juden vielfach die Rolle des Mittelsmannes gespielt, sie waren Kaufleute, Händler, Geschäftsreisende. Während in sozial fortgeschritteneren Ländern die Entwicklung des Genossenschaftswesens den Mittelsmann allmählich auszuschalten sucht, erfolgt dies in Amerika durch das Wachstum der großen Warenhäuser, die das ganze Land mit einer Kette von Niederlagen und Verkaufsstätten bedecken, die durch den Großeinkauf bedeutend billiger liefern können als der lokale Kaufmann. Noch vor wenigen Jahren war der Farmer in den Vereinigten Staaten für seine Einkäufe auf den herumziehenden Händler oder auf den Kaufmann in dem nachsten Städtchen angewiesen. Heute fährt er in seinem Automobil die hundert Meilen bis zur nächsten größeren Stadt, wo er in den Warenhausfilialen nicht nur billigere Preise, sondern auch eine größere Auswahl findet. Charakteristisch ist, daß das berühmte große Postversandgeschäft von Sears, Roebuck & Co., an dessen Spitze bekanntlich der jüngst verstorbene Julius Rosenwald stand und dessen umfangreiche Kataloge in ganz Amerika verbreitet waren und viel zur Standardisierung dds allgemeinen Warenbedürfnisses und Geschmackes beigetragen haben, sich genötigt gesehen hat, infolge des Rückganges des Postversandgeschäfts, überall eigene Verkaufshäuser einzurichten und daß heute die Ladenverkäufe größer sind als die Mail- Orders, die Postaufträge, wodurch der ganze Charakter dieser in ganz Amerika bekannten Firma vollständig verändert wird. Die Schwächung der Kaufkraft der Farmer, die infolge des Falls der Getrfcidepreise schon lange vor der eigentlichen Krise eingesetzt hat, hat auch zur Schwächung des Handels, in erster Linie des kleineren Handels in jüdischen Händen beigetragen. Erst durch die Krise ist ein anderes Wirtschaftsgebiet erschüttert worden, in dem Juden vielfach tätig waren, das ״real estate business“ der Handel mit Grundstücken, Gebäuden und Hypotheken, ln der Zeit der Prosperität wuchsen die amerikanisehen Städte sehr schnell, immer neue Liegenschaftsgründe wur* den erschlossen, Geschäfts- und Wohnhäuser gebaut. Dabei suchten die einen Bauten immer die anderen zu übertreffen. Die typisch amerikanische Lust an Quantität und Großmannssucht führte dazu, daß jeder prächtiger bauen mußte als der Nachbar, daß ein Wolkenkratzer immer den vorhergehenden zu überbieten hatte. Die Preise der Grundstücke, det Wert der Gebäude, die Mieten stiegen unaufhaltsam. Hypotheken wurden leicht gegeben. Bis dann in der Krise all das zusammenbrach, die Grundstücke und Gebäude unverkäuflich wurden, die Mieten zu sinken begannen, die Hypotheken nicht realisiert werden konnten, ln New York wie in den anderen Städten stehen viele Stockwerke in den Wolkenkratzern leer, die Auf* schrift ״Offices to let“ (Büros zu vermieten) erinnert an Berlin. Der Zusammenbruch des real estate business hat viele jüdische Familien mitgerissen. Wie noch erinnerlich sein wird, begann die Krise im Oktober 1929 mit einem Börsenkrach. Das Kartenhaus der Papier* Wertinflation, der keine Basis in der Wirklichkeit entsprach, stürzte über Nacht zusammen. Monate vorher hatte eine wahre Spekulationswut ungeahnt weite Kreise in Amerika erfaßt. Die Papiere stiegen beinahe von Tag zu Tag. Das Börsengeschäft beschränkte sich nicht auf diejenigen, die stets beruflich damit befaßt gewesen waren. Jeder begann zu spekulieren in der Hoffnung, an dem allgemeinen Gewinn teilnehmen zu können. Kleine Geschäftsleute und Angestellte beteiligten sich daran. Die Juden, Großstadtbewohner und an Finanzgeschäften seit jeher interessiert, beteiligten sich perzentuell noch stärker als das übrige Amerika an aieser Spekulation. Als der Zusammen^ bruch kam, als die Kurse über Nacht fielen und dann entgegen allen offiziell optimistischen Versicherungen immer weiter fielen, waren viele große und kleine Vermögen, darunter sehr viele jüdische, verloren. ln den Großbanken und in der Schwerindustrie haben die Juden in Amerika nie eine nennenswerte Rolle gespielt. Es gibt wichtige jüdische Privatbanken, wie das Bankhaus Kuhn, Loeb & Co., dem Jakob Schiff angehört hat und dem jetzt Felix Warburg angehört. Aber die amerikanischen Großbanken wie die National City Bank, die Chase Bank, die Guaranty Trust Company, die in denletzten Jahren durch Einverleibung mittlerer Banken zu ungeheuren Konzernen angewachsen sind, sind judenrein. Wohl gab es auch eigene jüdische Banken, die zu den mittleren Banken gehörten und für die 1”’ " bedeutendste die Bank of United States in New York, wie Hunherte kleinerer und mittlerer Banken in Amerika, gezwungen gewesen, ihre Schalter zu schließen. Auch da haben viele Juden ihr Geld verloren. Furcht vor Senkung des Lebens״Standards All das hört und sieht der Besucher in Amerika. Dennoch eht es ihm wie so oft dem fremden Besucher in Deutschland: r hört von dem Massenelend und sieht doch viel Luxus und Wohlleben. In höherem Maße gilt dies noch von Amerika. Der Lebensstandard der amerikanischen Juden ist auch heute noch höher als der des europäischen Juden. Es gibt auch sehr arme Juden in Amerika, es gibt jüdisches Massenelend, und beides in großem Ausmaße. Aber die Zahl der reichen juden ist in Amerika noch immer, so scheint es wenigstens dem fremden Besucher, 9ehr groß, und der jüdi9che Mittelstand hat ׳ entsprechend dem allgemeinen höheren Lebensniveau Amerikas eine bessere Lebenshaltung als der europäisch-jüdische Mittelstand. Aber die Krise wirkt sich vor allem psychologisch aus. Es geht dem amerikanischen Judentum wahrscheinlich bedeutena besser als etwa um 1910. Aber die amerikanischen Juden, die in der Zwischenzeit größere oder kleinere Vermögen erworben hatten, haben sich an einen neuen Lebenszuschnitt ge-' wohnt, und für sie und ihre Familien ist eine Rückkehr zu dem Standard von 1914 ausgeschlossen. Den heutigen ge§enktea Lebensstandard vergleichen sie aber nicht mit aem von 1914, sondern mit dem .von 1928. Sie haben, wie die meisten übrigen Amerikaner, heute schon innerlich die Ueberzeugung, daß die Krise keine vorübergehende Erscheinung sei. In diesem dritten Krisenjahr, in dem aie Verhältnisse noch־ immer nicht nur kein Zeichen der Besserung, sondern eine deutliche Tendenz der Verschlechterung zeigen, beginnen sich die Amerikaner darüber klar zu werden, daß, was auch immer die Zukunft bringen möge, mit einer wenigstens für absehbare Zeit dauernden Senkung des Lebensstandards, und wahrscheinlich mit einer beträchtlichen Senkung, zu rechnen ist. Die steigende Arbeitslosigkeit und Not stellen erhöhte Anforderungen an die Philanthropie, da der Staat bisher auf diesem Gebiete nicht eingreift. Aber er wird wahrscheinlich dazu bald gezwungen sein. Dies und die steigenden großen Defizite des amerikanischen Staatshaushalts werden zu einer Anziehung der bisher sehr milden amerikanischen Steuerschraube führen müssen. Es ist diese Furcht vor der Zukunft mit ihrer Ungewißheit, die Zerstörung des Glaubens an eine stets weiter steigende Prosperität, die dazu führen, daß über die aktuelle wirtschaftliche Krise hinaus eine psychologische Platz greift, die den früher so freigiebigen Amerikaner sparsam und zurückhaltend qpacht. Noch mehr als der verhältnismäßige Wohlstand der Lebensführung fällt dem Besucher der Reichtum und die glänzende Ausstattung der institutionellen Gebäude, der Synagogen, der kulturellen und charitativen Anstalten auf. In den letzten ahren wurde auf diesem Gebiete eine große Tätigkeit entaltet. Das gilt von Amerika im allgemeinen wie insbesondere für das jüdische Amerika und erinnert wiederum an ähnliche Ueberinvestierungen, die in Deutschland gemacht worden sind. Aber viele dieser Gebäude wurden auf Kredit errichtet, der in Erwartung der weitersteigenden Prosperität in Form von Hypotheken gewährt wurde. Heute fällt es schwer, diese Hypotheken zu zahlen, die die nächste Zukunft des amerikanischen . ... Juden einen Rahmen von äußerer Würde und Gediegenheit erhalten, wie ihn die Juden anderer Länder nicht aufzuweisen haben. Geistiges Leben Der allgemeine Satz, daß das geistige Leben Amerikas ein Bild großer Mannigfaltigkeit und dabei doch großer Uniformität Bietet, läßt sich auch auf die amerikanischen Juden anwenden. Es gibt keine einheitliche Zusammenfassung der amerikanischen Juden in öffentlich-rechtlichen Körperschaften, es gibt auch keine jüdischen Gemeinden wie in Mittel- oder Osteuropa. Auf den ersten Blick bietet das zahlen- und raummäßig so große amerikanische Judentum den Anblick einer chaotischen Unorganisiertheit oder einer Ueberorganisiertheit mit einer vielfachen Ueberschneidung der Tätigkeitsgebiete der einzelnen Organisationen und daher einer Verschwendung von Arbeitskräften und Mitteln. Aber wenn man näher zusieht, ordnet sich dieses Chaos zu einigen großen und leicht übersichtlichen Linien und die Uniformität des amerikanischen Lebens erweist sich hier als ein Gegengewicht für die Zwanglosigkeit der Organisationsformen. Das sterbende Jiddisch In ihrem kulturellen Leben lassen sich die amerikanischen luden nach zwei Gesichtspunkten ordnen, nach dem sprachlichen und nach dem religiösen. Nach dem ersten haben wir die jiddisch sprechenden Juden mit einer reich entwickelten Literatur und Presse und die englisch sprechenden zu unterscheiden, die sich selbstverständlich dem amerikanischen Milieu mehr angepaßt haben als die erste Gruppe. Sicher ist die jiddische Judenheit Amerikas kulturell una sozial ein außerordentlich bemerkenswerter Organismus, hier sind noch lebendige jüdische Kräfte in einem natürlichen Milieu, das durch Sprache und Sitte geformt wird, voll wirksam und die Umformung dieses aus Osteuropa in die neue Welt ver-