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Jüdische Rundschau · 1932-04-01 · 4 (4.1932) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
1 (1932)
Issue
4 (4.1932)
Date
1932-04-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Monatsausgabe Nr. 4, April 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 131/a Millionen für Hiiler Die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten, die nach dem ersten Wahlgang am 13. März bereits gesichert war, ist keine Ueberraschung; des 10. April. Das Interesse der Oeffentlichkeit wendet sich weniger dem Ausgang der Wald zu, als der Stimmenverschiebung gegenüber dem ersten Wahlgang. Das wichtigste Ergebnis des 10. April, das wir feststellen müssen, ist das Anwachsen der H i 11 e r - S t i m - men von 11,3 Millionen auf 13,4 Millionen. Diese neuerliche Vergrößerung der Zahl der Hitler-Anhänger wird wohl von Presse und Publikum verschieden kommentiert werden; man wird darauf hinweisen, daß der Stahlhelm und der größte Teil der Deutschnationalen im zweiten Wahlgang für Hitler gestimmt haben, daß eine Anzahl Jungwähler in der Zwischenzeit dazugekommen sind, ja manche meinen, daß auch Kommunisten diesmal für Hitler gestimmt haben. Diese innerpolitischen Spekulationen sind für uns von sekundärem interesse; für uns ist allein die Tatsache bedeutungsvoll, daß bei der Auseinandersetzung zwischen dem hinter Hindenburg stehenden Block und den Nationalsozialisten neuerlich zahlreiche schwankende Elemente sich auf Seite Hitlers gestellt haben, Hitler ist nicht Reichspräsident geworden. Dies ist für manche heute schon ein Trost. Und gewiß ist es von Bedeutung, daß die Psychose nicht noch stärker gewirkt hat. Aber daß ein Sieg Hitlers überhaupt eine ernsthaft diskutierte Möglichkeit war, genügt schon zur Charakteristik der Lage. Und diese Lage muß man sich im Spiegel der Ziffern näher betrachten. Noch halten Hitlers Gegner das Uebergewicht, gedeckt hinter dem stärksten Namen, den auf Grund von Traditionen des alten Deutschland, auf Grund von Erinnerungen an Kriegstaten und eines charaktervollen Patriotismus in der Nachkriegszeit Deutschland heute aufzuweisen hat. Dieses Ergebnis ist der Besonnenheit und Selbst- Verleugnung der sozialdemokratischen Arbeiterschaft zu danken. Aber selbst Hindenburgs Prestige vermochte die Anhänger deutschnationaler Denkungsart nicht zu einer Entscheidung zugunsten der gegenwärtigen Reichsverfassung, für die Hindenburg einsteht, zu bewegen. Noch weniger hat auf sie das Motiv gewirkt, von dem sich naive Gemüter am meisten versprechen: der Wunsch, sich von Hitler zu distanzieren. Ist doch in manchen jüdischen Kreisen die Meinung verbreitet worden, daß eine beträchtliche Zahl konservativ denkender Deutscher sich dem Nationalsozialismus wegen dessen ״katilinarischer“ oder gar wegen seiner antisemitischer Tendenzen nicht anschlicßen würde. Man versucht den Juden sogar einzureden, daß eine von jüdischen Organisationen betriebene ״Brandmarkung“ der ״kulturschänderischen“ Haltung der Nationalsozialisten, wie sie sich etwa in den Schändungen jüdischer Friedhöfe und in den Exzessen einer ritualmordhetzerischen Provinzpresse manifestiert, die anständigen Deutsehen von Hitler abbringen werde, auch wenn sie im übrigen rechts orientiert sind. Diese Rechnung hat getrogen. Nichts lächerlicher, als wenn jüdische Organisationen heute so tun, als ob Hindenburgs Sieg im Grunde i h r Erfolg wäre. Auch aus vereinspatriotischer Reklamefreude sollte man sich selbst und die deutschen Juden nicht so betrügen dürfen. Gegen den Nationalsozialismus ist natürlich die gesamte Arbeiterschaft, ferner die große Mehrheit der katholischen Deutschen und darüber hinaus die Reste der den großen liberalen Traditionen des klassischen Deutschland treuen Splitter. Daß sich Wähler, auch wenn sie selbst nicht aktive Antisemiten sind, durch die Scheu vor Hitlers Antisemitismus von den National- Sozialisten abschrccken lassen, ist eine Illusion, die man endgültig aufgeben sollte. Ja man wird eher annehmen dürfen, daß die große Mehrzahl der Hitler-Wähler auch denjenigen Teil seines Programms, der gegen die Juden gerichtet ist, bewußt billigt. Denn der Judenpunkt ist im Nazi-Programm keineswegs ein Nebenpunkt, er ist eines der Fundamente der nationalsozialistischen Ideologie und ein Hauptmotiv ihres praktischen Programms. Im zweiten Wahlgang hat sich noch deutlicher dieselbe Erscheinung gezeigt, die schon im ersten Wahlgang zu bemerken war: Der Kampf wurde fast ausschließlich um die rechtsstehenden Zwischenschichten geführt. Die Argumente, die die gewichtigsten Sprecher Hindenburgs zu seinen Gunsten ins Treffen führten, waren fast ausschließlieh dem Gedanken- und Wortschatz der Rechtsparteien entlehnt. Hier versagte die Reichweite des Einflusses linksgerichteter Politiker, vor allem aber jüdischer Zeitungen und Publizisten. Die ironischen und höhnischen Bemerkungen, die die sogenannte ״Judenpresse״ gegen die• von Hindenburg abgefallenen Konservativen und Stahlhelmer richtete, mußten ihr Ziel verfehlen. Sie wurden vielleicht von jüdischen Lesern der betreffenden Organe mit selbstgefälligem Schmunzeln gelesen, an ihre eigentliche Adresse sind sie aber nicht gelangt. Ja noch mehr: man kann ruhig annehmen, daß diese Art Wahlhilfe für Hindenburg viele Wähler eher auf seiten Hitlers getrieben hat. Es ist nun einmal so, daß manche Deutsche, besonders gebildeter Kreise, durch die Wahl Hitlers u. a. auch zum Ausdruck bringen wollen, daß sie sich von der ״Judenpresse“ nicht über Nationalismus belehren lassen. Und wenn eine Reihe von Konservativen, Militärs und Schriftsteller, für Hindenburg eingetreten sind, so taten sie es ii otz der Wahlhilfe der ״Judenpresse״. Dies zu erkennen, ist für uns Juden von elementarster Wichtigkeit. Was wir jetzt erleben, ist die Götterdämmerung eines der mächtigsten Instrumente des Assimilationsjudentums. Diese Presse, die vor Jahrzehnten bereits ihre Zusammenhänge mit dem Judentum besonders durch Ablehnung der jüdisch-nationalen Bestrebungen ״tarnen“ zu müssen glaubte, steht heute politisch völlig isoliert da. Denn nur wenn man rechtzeitig eine offene und klare Auseinandersetzung über die Judenfrage durchgeführt, nur wenn man mit einem Gefühl für Distanz und Würde wie in jüdischen, so auch in deutschen Angelegenheiten geurteilt hätte, wäre man dem Schicksal entgangen, heute als ״entlarvtes“ Mauerblümchen sitzen zu bleiben. Vielleicht wäre bei einem großen Teil des deutschen Volkes die politische Urteilsbildung anders ausgefallen, wenn sie sich nicht unter dem Druck einer von ihnen nicht als legitim anerkannten Verwalterin der öffentlichen Meinung gefühlt hätten. Leider sind aber die, die es angeht, anscheinend weit davon entfernt, die Lehren zu ziehen. Das Pochen auf die intellektuelle Ueberlegenheit und die ironischen Bemerkungen gegen den Gegner gehen weiter, als ob die Wirklichkeit nicht existierte. Es ist anzunehmen, daß der Landtags-Wahlkampf in den folgenden zwei Wochen mit der größten Schärfe und Erbitterung geführt werden wird. Die preußischen Juden werden dabei im aktiven Kampf nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen können. Daß ihre Stimmen den nichtantisemitischen Parteien zugute kommen, ist so selbstverstündlich, daß es sich erübrigt, einen Appell oder eine Mahnung in dieser Hinsicht an die Juden zu richten, Als Wähler wird jeder Einzelne gewiß das seine tun, um Preußen vor dem Schicksal eines Hitler-Regimes zu bewahren. Darüber ,hinaus ist der Einfluß der Juden überaus gering, und sie sind in der nicht beneidenswerten Lage von Zuschauern eines Kampfes, der auch über ihr künftiges Schicksal mitentscheidet. Zum Verbot der $. A. Das Verbot der nationalsozialistischen Privatarmee durch die Reichsregierung hat in manchen jüdischen Kreisen die irrige Vorstellung erzeugt, als ob nun die von dieser Truppe drohende Gefährdung der öffentlichen Ordnung und die Gefahr gewaltsamer Ausschreitungen der Nationalsozialisten beseitigt wären. Man wird jedoch gut tun, diesen Schritt, der zweifellos vom Standpunkt des Staates notwendig und im Interesse seiner Autorität unausweislich war, von allen Seiten und in allen seinen Wirkungen zu betrachten. Hitler selbst hat bereits erklärt, daß die nationalsozialistische Partei nunmehr für Ausschreitungen der einzelnen, aus dem disziplinierten Verband losgelösten Trupps, die wahrscheinlich auch weiterhin ein wenn auch illegales Dasein führen werden, nicht mehr veranfwörtlich gemacht werden kann. Die Auflösung der S. A. und S. S. enthebt ferner die nationalsozialistische Partei von schweren finanziellen Sorgen, die ihr die Erhaltung ihrer Privatarmee bereitet hat. Ferner ist durch die Unterdrückung der S. A. und S. S. der wichtigste Einwand aus dem Wege geräumt, den man bisher gegen die ״Legalität“ der nationalsozialistischen Partei mit Recht gemacht hat. ln Zukunft wird die Legalität der Nationalsozialisten nicht mehr mit der gleichen Entschiedenheit bezweifelt werden können wie bisher. Es ist durchaus denkbar, daß das Verbot der S. A. und S. S. unter Umständen die Bedeutung der Wegräumung eines Hindernisses für die Beteiligung der Nationalsozialisten an den Regierungen in größten Ländern und vielleicht auch im Reiche erlangen kann. Es ist ferner ein öffentliches Geheimnis, daß die nationalsozialistische Partei mit dem Verbote ihrer Privatarmee gerechnet und wahrscheinlich rechtzeitig alle Vorsorge getroffen hat, um diese Armee zur gegebenen Zeit wieder auf die Beine zu stellen. Aus all diesen Gründen vermag das Verbot von Hitlers Prätorianergarde bei Kennern aller Zusammenhänge nicht ein Gefühl restloser Befriedigung zu erzeugen. Tatsache bleibt, daß die Verhältnisse nach dem Verbot der S. A. ebenso ungeklärt sind wie vorher. Erhöhte Wachsamkeit und dauernde Bereitschaft in allen Kreisen, die politische Abenteuer und Gewalttaten ablehnen und eine ruhige Entwicklung wünschen, ist daher jetzt noch mehr am Platze als früher. Besonders die jüdische Gemeinschaft hat allen Anlaß, sich keinen trügerischen Hoffnungen hinzugeben, als ob für sie die von nationalsozialistischer Seite drohende Gefahr durch das Verbot der Nazi-Armee nunmehr gebannt sei. Amerika und der Hitlcrismus Reverend S. McCrea Cavert, Generalsekretär des Bundesrates der christlichen Kirchen Amerikas, gab in der Schlußsitzung des Seminars für Freundschaft zwischen Christen und Juden in Washington der Entrüstung des amerikanischen Volkes darüber Ausdruck, daß in Deutschland der Judenhaß zum Programm einer politischen Partei erhoben wird. Diejenigen Amerikaner, die einflußreiche persönliche Freunde in Deutschland oder Beziehungen zu deutschen Organisationen haben, sollten diese wissen lassen, welchen Eindruck der deutsche Judenhaß im Ausland macht, — sagte Cavert. Auch Reverend Dr. S. Parkes Cadman veröffentlicht eine ähnliehe Erklärung. Im Anschluß an diese beiden Erklärungen veröffentlichen der Ehrenpräsident des American Jewish Congress, Rabbiner Dr. Stephen S. W i s e, und der Präsident des Congress, Bernhard Deutsch, eine Kundgebung, die u. a. besagt: Wir haben keineswegs das Recht, uns mit der inneren Politik Deutschlands zu befassen. Aber die Arnerikaner sind als aufrichtige Freunde Deutschlands tief betroffen über den antisemitischen Rassefeldzug, den Hitler in Deutschland führt. Das Hitlcrtum mit seinem antisemitischen Evangelium bedeutet für die öffentliche Meinung in der Welt den Wiederausbruch mittelalterlicher antisemitischer Barbarei. Der American Jewish Congress glaubt, ejaß das deutsche Volk, als eines der großen freiheitliebenden und die Gerechtigkeit hoch haltenden Völker der Erde, ein Programm zurückweisen wird, das gegen einen Teil seiner Bevölkerung gerichtet ist. Für alle Fälle sollen die deutschen Juden wissen, daß die Juden überall in der Welt den Gang der Entwicklung in der deutschen Republik beobachten und daß wir, was immer geschehe, entschlossen sind, ihnen zur Seite zu stehen. Zeit Spiegel. Ein Leser übersendet uns ein Blatt der Zeitung ״Das Bötzowviertel“, worin als Inserat eine Bekanntmachung erschienen ist, die ein charakteristisches Licht auf die Lage der Juden in Deutschland wirft. In diesem Inserat teilt der Inhaber eines Konfektionsgeschäftes, Franz Droßmann, mit, daß er ״oft, sogar von alter Kundschaft, als Jude angesehen wird, weil er und seine Frau von dunkler Haarfarbe sind. Im Jahre 1923, so heißt es in dem Inserat weiter, bei der Judenverfolgung wurde auch bei ihm geplündert. Droßmann und seine Frau sind geborene Christen. Zum Beweise wird er in den nächsten 14 Tagen seine Geburtsurkunde in seinem Schaufenster, Bötzowstr. 9, aushängen.“ — Es ist wirklich höchst bezeichnend für den Kulturzustand, in dem wir in Berlin im Jahre 1932 leben, daß ein Mann sich vorsorglich jetzt schon gegen drohende Pogrome, die ihn als Nichtjuden mittreffen könnten, zu schützen sucht. Dieses kleine Inserat besagt über die Lage der Juden mehr als Hunderte Seiten mit jüdischen Beteuerungen deutscher Gesinnung bedruckten Zeitungspapiers. Insassen des Jüdischen Krankenhauses wählten Hitler. Zur Erleichterung der Stimmabgabe von Krankenhauspatienten besuchte am Tage der Reichspräsidentenwahl ein fliegender Wahl- Vorstand die Krankenhäuser und nahm von Bett zu Bett von den Patienten die Stimmscheine in verschlossenen Umschlägen entgegen. Im Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde in der Exerzierstraße, in welchem auch eine Anzahl nichtjüdischer Patienten untergebracht ist, war das Ergebnis das folgende: Hindenburg 238, H i 11 e r 8, Thälmann 22 Stimmen. Götzendämmerang Zum Full« Kreuzer Es sind böse Zeiten für ״Wirtschaftsführer״. Der Reihe nach brechen die Throne von Männern zusammen, deren Namen von der beneidenden und bewundernden Mitmenschheit nur mit Ehrfurcht genannt wurden. Das letzte Beispiel eines die gesamte ,Welt in Bestürzung versetzenden Zusammenbruchs ist der Fall Ivar Kreuger. Oerade er galt in den Augen einer nationalökonomischen Pseudowissenschaft als Prototyp des ״schaffenden“ im Gegensatz zu dem von jüdischem Geiste bestimmten ^raffenden“ Kapitals. Abgesehen davon, daß diese Unterscheidung theoretisch und materiell anfechtbar ist, haben die Verkünder dieser Pseudolehre auch niemals anzug'eben oder abzugrenzen vermocht, wo in unserer Zeit ״schaffendes“ Kapital aufhört und ״raffendes“ beginnt. Immernin war der rein nordische Typus des vornehmen, verschlössenen, in seiner Lebensführung äußerst bescheidenen Ivar Kreuger für alle Antisemiten in der ganzen Welt noch weit mehr als Henry Ford das Tdeal produktiven Ariertums, welches wie Siegfried den Kampf mit dem wucherischen, händlerischen, kriecherischen, jüdischen Drachen führt. Nun ist auch diese Legende zerstört und es stellt sich heraus, daß Ivar Kreuger nicht das Urbild eines großen Wirtschaftlers und Organisators, sondern ein Abenteurer — um ein mildes Wort zu gebrauchen — des Spätkapitalismus war. Verglichen mit ihm sind die Katzenellenbogen, Michael und wie alle anderen kleineren jüdischen ״Wirtschaftsführer“, die in der letzten Zeit von sich reden machten, armselige Figuren, von denen es sich angesichts der Milliaraen-Schiebungen Kreugers gar nicht verlohnt, auch nur ein Wort zu verlieren. Diese Feststellung erfolgt etwa nicht zu dem Zwecke, um die falliten, mit den Stratparagraphen in Konflikt geratenen jfidisehen ״Wirtschaftsführer“ zu exkulpieren, oder um darzütun, daß nichtjüdische Spekulanten noch schlimmer sind als jüdische, sondern um an diesem Beispiel zu zeigen, daß all diese Fäulniserscheinungen der Spekulation ein Ergebnis der gegenwärtig in der Welt herrschenden Verhältnisse sind. Wenn auf der letzten Tagung des Preußischen Landesverbandes Jüdi״ scher Gemeinden der Sprecher der Liberalen symbolisch an seine Brust schlug und ein Sündenbekenntnis als Jude &t» legte, daß so viele Juden in der letzten Zeit in üble Wirtsenaftsprozesse verwickelt waren, wodurch die Juden am wachsenden Antisemitismus sich mitschuldig gemacht hätten, 96 war diese rein phraseologische Deklaration völlig unangebracht Denn wenn in der Oeftentlichkeit im Zusammenhang mit derartigen Erscheinungen Juden verhältnismäßig oft genannt weiden, so liegt das daran, daß infolge der eigentümlichen Situation der Juden diese auf das Gebiet des Handels und Geldwesens stärker gedrängt wurden als andere Bevölkeruncsteile. Nicht die jüdische Spekulation ־und der jüdische Handel beruhen auf unsoliden Grundlagen, sondern die gesamte kapitalistische Wirtschaft scheint in ein krisenhaftes Stadium gelangt zu sein, das vergebens nach Beruhigung und Stabilisierung sucht. Die Juden sind in den allgemeinen Strom, mithmeingerissen, und da hilft kein platonisches Bedauern, sondern nur der Versuch, das ganze jüdische Leben auf prinzipiell neue Grundlagen zu stellen, es aus der abnormalen ökonomischen und sozialen Struktur, die das Galuth mit sich bringt, zu befreien. Denn aych für das Judentum gilt der Grundsatz, daß der bewußte Wille zu Veränderung und Aufbau am Anfang der befreienden Tat stehen muß. Nicht durch einfaches Gehenlassen und begleitende Worte moralisierenden Bedauerns kann man der Sache gerecht werden. Es entspricht der oberflächliehen, unhistorischen, atomistischen Auffassung des jüdischen Liberalismus, daß er nirgends den Dingen aut den Grund zu sehen vermag, oder aber die wahre Lage auch nicht sehen will, weil er eben vor der Konsequenz, die Judenfrage aufzurollen, zurückschreckt. Trotz Kreuger und anderer arischer Spekulanten wird die Demagogie fortfahren, besonders diejenigen Wirtschaftsdelinquenten, die Juden sind, als charakteristische Figuren des Uebels der Zeit hinzustellen. Dies ist nicht nur bequem, es scheint auch für weite Kreise der Völker eine plausible Erklärung zu sein, weil diese eine starke Beteiligung der Juden in Handel und Geldgeschäft sehen. Es handelt sich aber um viel Komplizierteres, auch wenn die Menschen sich leichte Ausflüchte suchen. Die Weltlage nach dem Krieg ist durch die politischen Folgen des allgemeinen Mißtrauens aufs äußerste gefährdet. Man ist häufig unter dem Einfluß der sogenannten materialistischen Oeschichlsauffassung geneigt, uneingeschränkt den Primat der Wirtschaft als bewegenden Faktors der Geschichte anzuerkennen. Heute zeigt sich, daß ohne weitsichtige, vernünftige Politik auch die Wirtschaft nicht gedeihen kann. Letzten Endes sind die schweren Störungen im Wirtschaftsleben der Völker die Folgen einer Gesinnung, die alles Heil von Gewalt und Machtanwendung abhängig macht und in dem Verhältnis von Volk zu Volk aut Grundsätze der Zivilisation verzichtet, die sie in der Beziehung von Mensch zu Mensch als selbstverständlich zu bezeichnen pflegt. Solange einseitiger Macchiavellismus die Beziehungen zwischen den Nationen bestimmt, wird der Weg zu einem friedlichen Ausgleich, zu einer Wiederherstellung des Vertrauens und zu einer Besserung auch der wirtschaftlichen Zustände nicht gegeben sein. Und in dieser Weltlage, wo man nie wissen kann, von welcher Seite plötzliche Ueberraschungen drohen, wird es auch immer wieder Wirtschaftsdelikte geben, mittels derer wankende Säulen des Wirtschaftslebens ihre Fundamente künstlich sichern wollen, bis sie schließlich doch der Zusammenbruch trifft. Das alles sind Dinge von weit größerer Reichweite als jüdischer, sie haben mit dem Judentum nichts zu tun, aber daß man auch bei diesem Anlaß gerade auf Personen j ü d i s c h e r Herkunft mit Fingern deutet, mag uns ein Memento sein. j. r. Die Jüdische National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem erhielt von Herrn Karl J. L ü t h i, dem Leiter des Schweizerischen Gutenberg-Museums in Bern, den folgenden Brief: ״Sehr geehrter Herr Direktor! Heute lasse idi eine Kiste mit Büchern und Broschüren fzirka 300 Stücke) an Sie abgehen, mit der Bitte, Sie möchten aie Schenkung auf meinen Namen lautend annehmen. Verschiedenes davon werden Sie wohl schon besitzen, aber ich hoffe doch, daß einiges für Ihre Bibliothek von Wert sein wird. Ich freue mich 1m Oedanken, in Jerusalem meine viele Jahre gehütete Judaica- Sammlung zu wissen, als ein zwar ganz oescheidener Zuwachs Ihrer Bibliothek, aber als ein Zeichen dauernder Freund- Schaft zum Judentum und seiner Heimat im Lande der Heiligen Väter der Bibel. Ich hoffte in meinem Leben immer, einmal das Heilige Land betreten zu dürfen; ich habe aber diesen sehnsüchtigen Gedanken beinahe begraben. Um so mehr freut es mich, daß wenigstens ein Teil meiner Bücher für immer in Israel Eingang finden wird. Dem Lande wünsche ich von Herzen ״Schalom al lisracl“. Mit dem Ausdruck vollkommener Hochachtung begrüßt Sie ein Freund der ewigen Heimat Israels, Karl J. Lüth i, Bibliothekar, Leiter des Gutenbergmuseums.“ Der Dramatiker David Pinsky begab sich am 5. April von New York nach Palästina.

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