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Jüdische Rundschau · 1932-03-01 · 3 (3.1932) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
1 (1932)
Issue
3 (3.1932)
Date
1932-03-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Monatsausgabe Nr. 3, Mürz 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 7 Literatur-Blatt Ein neues Herzl-Buch Von Emil Bernhard Cohn. In einer Zeit, die für die zionistische Bewegung in mehr als einem Sinne entscheidungs* und beinahe schicksalsvoll geworden ist, beschert uns Manfred Georg, seines Zeichens Journalist und führender Theaterkritiker Berlins, ein Herzl-Buch (Verlag Ralp A. Höger, Wien), von dem von vornherein gesagt sein soll, daß cs ein ganz ausgezeichnetes Werk von erstauiv• lieber Frische, Lebendigkeit und Warmherzigkeit ist. Der alte Kampfgenosse der ersten JahTe unserer Bewegung sieht vor sich die großen Tage der zionistischen Frühzeit erstehen und stellt mit innerer Bewegung fest, wie jung und lebendig alles geblieben ist, wie stark die Freude und wie tief der Schmerz um diesen großen Menschen, der wie ein Meteor durch die Atmosphäre der jüdischen Welt drang, ihr ein kurzes Leuchten bescherte, um schließlich im All zu versinken. Aber nicht bloß fyr uns, die den Menschen miterlebt und in sein Tun und HanÜfoln mit hineingerissen waren, sondern auch für das Geschlecht unserer Zeit scheint mir, kommt dieses Buch zur rechten Zeit. Zwar haben wir alten Kämpen oft und mit traurigem Kopfschütteln festgestellt, wie von Jahr zu Jahr Name und Gestalt des großen Führers in den Augen der Nachgeborenen verblaßte und immer weniger in der Oeffentlichkeit genannt worden ist. Die großen Tage der Balfour-Deklaration, die der Bewegung stärksten Auftrieb gaben, haben natürlich den Schöpfer des Ganzen zurück treten lassen, und während früher der ״große Führer“ nicht bloß Phrase, sondern stärkstes Argument in allen Versammlungen und Artikeln war, hat man ihn allmählich zwar nicht vergessen, aber doch ein bißchen zu den Klischees gelegt, um ihn zur alljährlichen Herzl-Feier hervorzuholen und dem Volke zu präsentieren. Und trotzdem ist er — und das zeigt Manfred Georgs Buch auf das deutlichste — eine lebendige Kraft geblieben, und gerade heute könnte dieses neue Buch für die zionistische Gegenwart und vor allem für ihre Jugend eine wahrhafte Erweckung werden. Wir sind heute alle so von der Weltkrise geschüttelt und so bis zum Rande mit dem Bewußtsein der Ohnmacht und des Umgeschwungenseins angefüllt, daß wir mit Trostlosigkeit und manchmal geradezu mit Schrecken die allgemeine Faulheit und Zagheit auf der einen Seite und auf der anderen die Verknöcherung der zionistischen Jungwelt festzustellen haben. Unter diesen Umständen ist es wirklich an der Zeit gewesen, das Bild des wundersamen Menschen neu zu gestalten, der in der engen Sabbat-Woche von sieben Jahren das zusammen gepreßte Leben eines Menschen führte, der an seinem eigenen Feuer verbrannt ist. Die einzelner. Etappen dieses Lebens sind in ihrem Ablauf zu bekannt, um hier wiederholt zu werden. Aber die Darstellung, die Manfred Georg an seine Aufgabe wagte und vermochte, ist so ausgezeichnet, daß man das Buch als eine zionistische Leistung ersten Ranges bezeichnen darf. Ob wir den suchenden journalistisch und literarisch irrlichtelierenden Herzl sehen, der sich noch nicht gefunden hat, ob wir den Blitzschlag erleben, der aus heiterem Himmel in seine jüdische Seele fuhr, ob wir die Besessenheit des Menschen sehen, der durch Dick und Dünn seiner Idee maitresse folgt oder schließlich sehen, wie diese weite Seele die fernsten Menschen einzufangen, zu umfangen und zu bezaubern versteht, — das alles ist klar, volkstümlich und so dramatisch gestaltet, daß man das Ganze mit atemloser Spannung liest, und wenn man es miterlebt hat, mit tiefer Rührung seine Jugend wiederholen darf. Im Einzelnen ist zu loben, daß der Verfasser mit dem Tode Herzls nicht aufhört, dem tragischen Widerspiel seines Sohnes ein treffendes Kapitel weiht und auch noch im Kielwasser seines Helden fahrend die Leistung der Erben weiterzuführen und zu würdigen versteht. Alles in allem eine Leistung, für die wir Manfred Georg Dank wissen müssen und die vor allem in einer Zeit, wo die jüdische Jugend und auch die zionistische fasziniert nach dem Osten blickt und in den kollektivistischen Lösungen vielfach das Heil zu erblicken vermeint, sehr zur rechten Zeit gekommen ist. Es geht heute nicht mehr nur darum, daß wir nach Geld, Geld, Geld schreien, um mit äußersten Kraftanstrengungen das Schifflein den Leinpfad stromaufwärts zu ziehen suchen, sondern, was wir wieder haben müssen, ist die Fähigkeit zur letzten Hingabe an die Idee, einer Hingabe, wie sie Theodor Herzl uns einmalig und groß gezeigt und verwirklicht hat. Wenn irgendeine Gestalt unserer Geschichte beweist, daß ein Volk ohne Helden nicht leben kann, so ist es seine Gestalt, und die Jugend von heute mag in schwerer Zeit von ihm lernen und erkennen, daß eine Bewegung und ein Endziel wie das zionistische ohne die alte ״Messirat nefesch“ nicht vorangebracht werden kann. Dem Autor aber, der uns das Buch beschert, gebührt der volle Dank nicht bloß der Zurückschauenden auf das, was sie milerlebt, sondern auch der Vorschauenden auf das, was sie noch erleben wollen. Neue Musik ־ Perspektiven ״The Near East and India" widmet einem in London erschienenen Buch ״HebräischeGesängePalästinas", herausgegeben von M. Bannister, eine überaus freundliche Besprechung. Wenn auch, so schreibt das Blatt, die meisten der hier veröffentlichten Musikstücke Anklänge an ursprüngliche^ Heimatländer der Juden, wie Ukraine, Rumänien, Jemen, entvi halten, so ist doch ein origineller Zug unverkennbar. Die künf- | tige jüdische Musik in Palästina dürfte sich mehr nach der orientalischen Richtung hin entwickeln, und die Zeitschrift verspricht sich gerade von solchen Einflüssen, die sich zum Teil bereits in den vorliegenden Stücken zeigen, große Möglichkeiten einer neuen musikalischen Einwirkung auch für den Westen, wofür freilich auch ein neues System der Notation gefunden werden müßte. Literarische Palästina-Nachrichten. Der zweite Band der hebräischen Uebersetzung von G. B. Shaws ״Intelligente Woman's Guide to Socialism" ist soeben im ״Mizpah-Verlag“ in Tel-Awiw erschienen. — Der ״Stibel-Verlag" hat eine Uebersetzung von Andre Maurois׳ neuem Buch ״Wandlungen der Liebe" herausgebracht. — Ein Band Gedichte von Shimon G i 0 s b u r g ist bei ״Achim" (vereinigt mit ״Dwir") erschienen. — ״Die religiöse Arbeiterbewegung" ist der Name eines Buches von G. Amiowak, das von der ״Thora w’Awodah-Organisatiort" herausgegeben wurde. — Josef Roths Roman ״Hiob" ist in einer hebräischen Uebersetzung von J. Lamdan erschienen. Ungewisses Deutschland Ungewisses Deutschland. Zur Krisis seiner bürgerlichen Kultur. Von Pierre Vidnot. Aus dem Französischen von Eva Mertens. RM. 3.--. Societäts-Verlag, Frankf. a. M, 1931. Nationalismus und Evangelium. Von Heinz-Dietrich Wendl a n d. ״Die Furche", Erstes Heft 1932. RM. 2.40. Furche Verlag Berlin. Deutsche allein. Schnitt durch die Zeit. Von Franz Schau- Wecker. RM. 6.50. Frundsberg-Verlag Berlin 1931. Der Nationalsozialismus. Quellenkritische Studie seiner Staats- und Wirtschaftsauffassung. Von Dr. Walther Scheunemann. RM. 3.--. Der Neue Geist Verlag Berlin NW 87. Hitlers Weg. Eine historisch-politische Studie über den Nationalsozialismus. Von Theodor Heuss. RM. 2.80. Union Deutsche Verlagsgesellschaft Stuttgart 1932. Hitler. Eine Biographie in 134 Bildern von Hans Diebow und Kurt Goeltzer. (Bilddokumente der Zeit Bd. I.) Verlag Tradition Wilhelm Kolk Berlin 1931. BUcherel des Ständestaates. Herausg. Dr. W. Longert.!.Heft: Irrungen des Marxismus. Von Othmar Spann. Erneuerungs-Verlag, Berlin-Wilmersdorf. — ״Ständisches Leben". Blätter für organische Gesellschafts- und Wirtschaftslehre. Ebendort. Die Erschütterungen, die Deutschland heute durchmacht, sind vielleicht nur aus geistiger Distanz richtig zu erkennen und zu bewerten. Ist doch mit der ״antiliberalen“ und antirationalistischen Welle, die vor allem die jüngere Generation erfaßt hat, die ganze Grundlage einer verstandesmäßigen Argumentation ins Wanken geraten, so daß Wort und Gedanke nicht mehr der adäquate Ausdruck des inneren Vorgangs zu sein scheinen. Der Glaube an die bürgerliche Kultur ist geschwunden, der Zustand trägt alle Merkmale des ״Provisorisehen“, der Unsicherheit, und so nennt auch der junge Franzose Pierre V i e n 0 t seine Studie mit Recht ״Ungewisses Deutschland“. Gerade aus dem Vergleich mit der Stabilität des konservativen französischen Bewußtseins ergibt sich für Vi6not ein fruchtbarer Ausgangspunkt, und so ist sein kleines Büchlein ein wirklich bemerkenswerter Beitrag zur Charakteristik der heutigen europäischen Geisteslage. Er nat lange in Deutschland gelebt und gut beobachtet, und seine Schilderung der Atmosphäre, aus der vor allem der Nationalsozialismus emporgewuchert ist, vermag bei aller Vorsicht des Urteils, deren der Autor sich befleißigt, die Sachlage klarer zu machen. Obwohl Vi£not die Judenfrage nicht berührt, ist doch auch für das Verständnis dieses Punktes aus seinem Buch manches zu gewinnen. Mitten in die weltanschauliche Problematik, die steh aus dem Aufstieg des neuen Nationalismus ergibt, führt der Aufsatz von Wendland in dem letzten Heft der ״Furche“ (in dem auch Günther Dehns Nachwort zum Hallerschen Universitätskonflikt abgedruckt ist). Wendland kritisiert den neuen Nationalismus und Nationalsozialismus vom Gesichtspunkt der Barthschen Theologie und gelangt bei aller Anerkennung der positiven nationalen Momente doch zu einer scharfen Ablehnung des Nationalsozialismus. Der vom Evangelium her denkende Mensch habe zwar mit dem Liberalismus und mit der aufklärerischen Ethik nichts zu tun, aber er verwirft auch das Diesseitsideal der heroischen Ethik und verurteilt den politischen Utopismus (denn ohne Realismus gibt es keinen ernsten politischen Willen), er wendet sich ab vom naturalistisehen Rassenwahn und lehnt die Vergottung des Staates ab. Interessant ist die Charakteristik des Nationalsozialismus als pseudomessianischer Bewegung; und es sei auch noch bemerkt, daß dieser Aufsatz, ganz abgesehen von seiner tiefen Analyse des deutschen Problems, für jede nationale Bewegung Nachdenkliches zu sagen hat. Unter den nationalen Schriftstellern, die von der Rassenideologie frei sind, nennt Wendland auch Franz Schauwecker. Dessen Buch ״D e u t s c h e a 11 e i n" ist eine Spiegelung des rasend hereinbrechenden Nachkriegsgeschehens in der Seele eines jungen Menschen. Dies ist auch eine Erklärung dessen, was heute in Deutschland vorgeht und das viele nur nach seinen abstoßenden Seiten beurteilen. Man muß so ein Buch lesen, um zu begreifen, was diesen jungen Menschen geschehen ist, die in ihren entscheidenden Lebensjahren, mit aller Sehnsucht nach Größe im Herzen, in die Hölle einer zerrütteten Welt gestoßen wurden. Der Abscheu vor der in Schmutz und Elend zerfallenden, von Zynismus und Unglauben infizierten Zivilisation drängt diese jungen Menschen zu einer Erneuerungsleidenschaft, deren Feld der neue Nationalismus ist, der eben wegen dieses stark gefühlsmäßigen Ursprungs so verschwommen romantisch ist. Der Antrieb zum Nationalsozialismus und seine Abwehr liegen auf zwei verschiedenen Ebenen, denn die Affekte, die für die Bewegung ausschlaggebend sind, lassen sich mit Logik kaum beseitigen. Aber da der Nationalsozialismus heute doch nicht mehr bloße Romantik, sondern auch Politik sein will, wird er sich auch der strengen theoretischen Prüfung־ stellen müssen. Einen Veisuch der sozusagen ״wissenschaftlichen“ Untersuchung dieser Bewegung macht Dr. Scheunemann in seiner gründlichen Arbeit, die die nationalsozialistischen Quellen unter die Lupe nimmt und sie vom Standpunkt marxistischer Wissenschaft beleuchtet. Es fällt nicht schwer, die Wider- Sprüche im ökonomischen Programm der Nationalsozialisten, insbesondere ihres ״Sozialismus“ aufzudecken, wobei Scheunemann auch den Gegensatz ״schaffendes“ und ״raffendes“ (״jüdisches“) Kapital entlarvt. Das Kapitel über Antisemitismus ist bei Scheunemann kurz; er betont vor allem die Undurchführbarkeit des Judenprogramms der NSDAP, und seiner sozialistisehen Grundeinstellung gemäß scheint er auch zu meinen, daß die Nazis sich auch mit jüdischen Kapitalisten gegen die Arbeiter verbinden werden, wenn er dabei freilich auf die Freundschaft Hitlers ״mit Lord Rothermere alias Stern“ hinweist, so ist ihm ein arger Schnitzer passiert, der beweist, daß auch sein M£terial nicht durchaus einwandfrei ist. Theodor Heuß gelangt bei dem Versuch, die geistigen Väter der Ideologie des Nationalsozialismus zu finden, aut die drei Namen H. St. Chamberlain, Spengler und Othmar Spann. Die drei Grundelemente des Nationalsozialismus wären demnach Rassegedanke, Diktaturglaube, berufsständische Jdeologie. Was zunächst den letzten Punkt anlangt, der vielleicht am wenigsten allgemein bekannt ist, so sei auf die Schriften von Othmar Spann verwiesen, die im Erneuerungs-Verlag Berlin-Wilmersdorf erscheinen, insbesondere seine Zeitschrift ״Ständisches Leben", worin der Gedanke einer ständischen Gliederung auf allen Gebieten systematisch entwickelt wird. Dieser auf romantische und vielfach mittelalterliche Vorbilder zurückgreifende Gedanke wird als die Erlösung von Kapitalismus, Demokratie und Marxismus hingestellt. Demgemäß gilt auch das erste Heft der populären Schriftenreihe Spanns einer Polemik gegen den Marxismus. Die Forderung einer organischeren Gestaltung des Volkslebens, wie sie Spann vertritt, kann gewiß nicht einfach mit dem Nationalsozialismus identifiziert werden, aber ihr Antiliberalismus, gelegentlich verknüpft mit Ausfällen gegen den als ״jüdisch‘* geltenden traditionszerstörenden Geist, schafft eine Brücke. Was nun den Rassegedanken betrifft, so beschäftigt sich H e u ß da¬ 1&1 1 [ ja? Vät mit in einem Kapitel, das nicht nur wegen seiner Ablehnung des Antisemitismus, sondern auch wegen seiner Kritik an den üblichen jüdischen Abwehrmethoden lesenswert ist. Die Juden, so sagt Heuß, lassen sich manchmal ohne Not das Niveau des Kampfes von dem Oegner aufzwingen, da Kühle oder Schweigen wirksamer wäre als gegenbeweisende Empfindlichkeit. Mit einer Freimütigkeit, die vielen Juden die Augen öffnen könnte, stellt Theodor Heuß fest, daß die Abwehr des Antisemitismus durch Aufzählung jüdischer Kulturleistungen und sonstige ״glanzvolle Statistiken“ völlig unwirksam bleiben muß. Die groteske Gegenüberstellung eines an« sehen Idealtyps und eines jüdischen Untermenschentyps wird von Heuß gebührend charakterisiert. Trotzdem muß man sagen, daß sein der Judenfrage gewidmetes Kapitel keineswegs die Tiefe oder aas wahre Wesen dieses Problems er* schöpft, was offensichtlich auch nicht seine Absicht Ist, da er diesen Punkt nur als einen von vielen kurz behandelt und sich im wesentlichen der Kritik der politischen und wirtschaftlichen Programmteile des Nationalsozialismus widmet. Diese Art Literatur trifft aber den Nationalsozialismus offenbar gar nicht auf seiner Ebene. Er bekennt sich bewußt zu den primitivsten Methoden der Agitation, er fordert von seinen Anhängern nicht Denken, sondern Unterordnung, er ist nicht primär ideologisch, sondern gefühlsmäßig und militaristisch aufgebaut. Das Bilderbuch ״Hitler“ zeigt deutlieh, auf welche Weise Anhänger geworben werden sollen. Durch prächtige Schau, durch Massenwirkung, durch Abbildung des Führers in allen möglichen Positionen, die freilieh auf den Nichtgläubigen oder Außenstehenden nicht immer überzeugend und anziehend wirken, durch die Bildung einer Legende, die durch sinnliche Wahrnehmung eingepräfft wird. Es muß sich nun zeigen, ob in einem Stadium, wo der Nationalsozialismus bereits gebildete und intellektuelle Kreise in seine Reihen gezogen hat, diese Art unproblematischer, von jeder Verpflichtung zum Denken befreiender Agitation sich lange fortsetzen läßt. Bei allem Verständnis für die in dieser Zeit stürmischer Umwälzungen entstandene, als ״Ungewißheit" in Erscheinung tretende seelische Erkrankung kann man nicht glauben, daß dies das endgültige Stadium des nationalen Erneuerungswillens eines im Kern gesunden Volkes sein soll. ־ v n Volkes >״ y Die konservative Wochenschrift ״Der Ring“, deren Schriftleitung kürzlich, wie hier berichtet, mit erfreulicher Energie gegen die antisemitische Hetze Stellung genommen hat, veröffentlicht eine Aufsatzreihe von Dr. Hans Prinzhorji über den Nationalsozialismus, die im allgemeinen sicherlich Ernst und geistiges Niveau besitzt. Leider nimmt der Verfasser darin zur Judenfrage eine durchaus unbefriedigende Stellung ein. Im letzten Aufsatz, der sich mit den moralischen Verpflichtungen des Nationalsozialismus befaßt, empfiehlt Prinzhom diesem vor allem mehr ״intellektuelle Redlichkeit“ im Sinne Nietzsches und mehr Gerechtigkeit gegen Leistungen des Oegners, um dann auf ״eine Fehlstelle im Gesinnungskodex“ der Nationalsozialisten, nämlich auf die übliche Beurteilung von Persönlichkeiten auf Grund ihrer körperlichen oder statistischen Eigenschaften statt nach ihren seelischen und charakterlichen Qualitäten, zu sprechen zu kommen. ״Rassenfragen sind in der Tat wichtig und müssen offen behandelt werden. ,Aber man darf sich ein paar indiskrete Wahrheiten nicht verhehlen: statistisch dürfte nach meinen Erfahrungen ein nicht unerheblicher (offenbar ein Druckfehler statt: ״nur unerheblicher“ A. P.) Teil unserer städtisehen Mitmenschen weiter als drei Generationen rückwärts frei von semitischem Einschlag sein. Daß d i e m i t 25 b i s 12 v. H. angemischten Individuen die heftigsten Reinheitsdoktrinäre sind, ist oft behauptet worden — meine Erfahrungen bestätigen es.“ Prinzhorn empfiehlt auch hier mehr intellektuelle Redlichkeit und fordert, man solle ״sich selbst oder die nahen Freunde, in deren Ahnentafel oder Antlitz ein noch so diskreter Schimmer des Orients erscheint“, nach dem inneren Wert und nicht nach der statistischen Blutmischung schätzen. ,.Wer darin versagt — schlimmer noch, wer unredlich mit sich und anderen umgeht, gehört unter Aufsicht, damit er nicht aus Borniertheit, Bosheit und Lüge Unheil im Geist der Werte anrichte und für die Dummen arbeite. Ritterlichkeit gegen fremde Art, also bewußte Duldung, wo Leistung oder Person von Rang sich erweisen, gehört zum Ehrenkodex jeglicher star.ken Volkheit.“ Leider kommt aber Prinzhom nach diesen gewiß nicht üblen Mahnungen zu folgendem Schluß: ״Wegen des Ueberhandnehmens der a n t i a r i s c h e n H —׳ Red. ״J. R.“) Be• wegung seit Kriegsende“ sei eine offene Regelung der ludenfrage notwendig; ״aber abgesehen von den soeben gestreiften Gesichtspunkten, die den meisten nicht grob und schematisch genug sind, scheiden sich die nationalistischen Wortführer des Antisemitismus danach, ob sie die Judenfrage innerhalb eines als christlich weiterzuführenden Staatswesens zu ordnen gedenken oder nicht. Im ersten Fall erledigt bekanntlich die Taufe d as Problem,“ — Natürlich ist über diese ״Lösung“ des Problems hier kein Wort zu verlieren. Wohl aber sind derartige Auslassungen geeignet zu zeigen, wie wichtig es sein wird, dem fairen Teil aer deutschen Nationalisten Klarzumachen, daß gerade auf dem Boden eines stolzen Judentums am ehesten ״Leistungen und Personen von Rang“ erwachsen müssen, die auch dem anständigen Oegner Hochachtung abzwiijgen. _ A. P. Schalom Asch im Londoner Pen-Klub. Der Londoner Pen-Klub veranstaltete zu Ehren von Schalom Asch einen Empfang. Schalom Asch sprach vor den englischen Schriftsteilem über die besondere Form der durch Moral und Ethos geheiligten jüdischen Tradition, über das Spezifikum des jüdischen Lebens in den jüdischen Zentren Osteuropas, von dem schöpferische Männer wie J. L. Peretz. Schalom Aleichem, Bialik u. a. m. ihren Stempel erhalten haben. Der bekannte jüdisch-englische Schriftsteller Louis Oolding, Autor des Romans ״Magnolia Street“ der die jetzige Buchsensation in England ist, führte den Vorsitz. Er erzählte, daß er selbst Kind von in England eingewanderten russischen Juden sei. Von seinen Eltern habe er noch das Jiddische gelernt, mit welchem er Schalom Asch begrüßen könne. Er befurchte aber, daß sein Jiddisch stark an das Hochdeutsche anklingt, das er vor einigen Jahren in Deutschland, wo er ״Magnolia Street“ schrieb, erlernt hatte. Dieses Hochdeutsch aber hielten die Hitlerleute offenbar für jiddisch, denn einmal, als er sich dessen in einem öffentlichen Lokal bediente, nabe ihm ein Hitlermann ein Bierglas an den Kopf geworfen. An dem Institut für orientalische Sprachen an der Lernberger Universität wurde ein Lehrstuhl für hebrätsch eingerichtet, so daß von nun ab Magisterprüfungen für hebräisch abgelegt werden können. Die Stadtverwaltung der Brüsseler Vorstadt Ander-!echt, die eine zahlreiche jüdische Bevölkerung besitzt, beschloß, bei dem in diesem Stadtteil befindlichen belgischen Museum für Archäologie und Folklore eine hebräischjiddische Abteilung zu schaffen.

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