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Jüdische Rundschau · 1932-03-01 · 3 (3.1932) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
1 (1932)
Issue
3 (3.1932)
Date
1932-03-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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S.eitc 6י JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr. 3, März 1932 ׳¥ •ר?י' '׳;r 1' i, ׳ f: f■• tragenen Regierung entgegenstehen. Es liegt wohl ebenso auf der Hand, daß diese ohnehin schwierige Bildung einer volonte g&terale, mit der sich demokratisch regieren läßt, durch die Existenz starker nationaler Unterschiede bis zur Unmöglichkeit erschwert werden kann, wie daß die tiefen Eingriffe in das Leben jedes einzelnen Bürgers, zu denen der moderne Staat schon durch die wirtschaftliche Entwicklung immer mehr gezwungen wird, nur einigermaßen erträglich sind, wenn Volk und Regierung von ähnlichem Qeist erfüllt sind. (Daß es einen völlig einheitlichen ״Volksgeist“ und eine völlig homogene Bevölkerung nirgends gibt, braucht wohl nicht betont zu werden.) Es liegt deshalb durchaus in der Konsequenz des demokratischen Gedankens, daß z. B. Ein* wandenmgsstaaten wie Australien, Südafrika und U. S. A. immer mehr auf die, Wahrung der nationalen Homogenität der Bevölkerung bedacht sind und alle ״schwer assimilierbaren Eiemente״ — zu denen die Juden meist in erster Reihe gehören! — von vornherein auszuschließen trachten. Noch viel bezeichnender aber war die in ihrem Radikalismus großartige Aussiedelung der asiatischen Oriechen aus der neuen demokratisierten und jetzt national homogenen Türkei. III. Was ergibt sich aus den bisher angedeuteten Zusammenhängen für die Erkenntnis der deutschen Judenfrage? Zunächst die Feststellung, daß die Demokratie die pol itische Bedeutung der Fremd- und Andersartigkeit einzelner B e v öl k e r u n gs gr u p p e n nicht vermindert, sondern stark erhöht. Eine solche politisch relevante Andersartigkeit aber wäre bei den deutschen Juden selbst dann vorhanden, wenn sie ״nur״ eine Religionsgemeinschaft wären, — tritt doch sogar die politische Bedeutung des viel geringeren Gegensatzes zwischen Katholiken und Protestanten immer‘ wieder hervor. Welche Befangenheit in liberalem ״Aufkläricht״ (Hegel) gehört überhaupt dazu, vor das gewaltige Wort Religion ein ״nur״ zu setzen! Ueber Leben und Tod, Krieg und Frieden und eine Fülle ähnlich grundlegender Fragen denkt der deutsche Jude im allgemeinen anders als die Umwelt, — und zwar auch dann, wenn er den großen religiös-kulturellen Hintergrund, den Rahmen und Zusammenhang, in dem die jüdischen Wertungen einmal standen, längst vergessen hat. Daß dabei freilieh nicht ״nur״ die Religion, sondern die ganze psychophy- . sische Eigenart des Juden mitwirkt, braucht in diesem Blatte nicht betont zu werden. Aber trotzdem hätte diese Andersartigkeit der deutschen Juden bei ihrer verschwindend geringen Zahl einen so ungeheuerlichen Antisemitismus niemals auslösen können, kämen nicht auf beiden Seiten eine Reihe erschwerender Momente hinzu. Die Zusammenballung der Juden in den Großstädten, und besonders ihre starke Beteiligung an Presse und Literatur, Theater und Film, lassen sie einen unverhältnismäßig starken •politischen Einfluß ausüben. Vor allem ist es die Existenz der «)genannten ״Judenpresse“, d. h. der von Juden stark beeinfhißten Zeitungen und Zeitschriften, durch welche die deutsche Judenfrage gerade in der Demokratie, in der ja die Presse eines der wichtigsten Organe politischer Willensbildung darstellt, zu einem Politikum ersten Ranges wird. Daß die jüdisehen Journalisten fast durchweg nach Kräften bemüht sind, die Interessen der deutschen Gesamtheit zu vertreten, ist gewiß richtig, — aber in der Auffassung dieser Inter- <ssen werden sie von ihrer jüdischen Geistesart und zum Teil auch von besonderen Bewußtseinsmomenten, wie der Angst vor dem Antisemitismus, bestimmt Geständen sie nun diesen Tatbestand sich und anderen offen ein, und schrieben sie in dem Bewußtsein, als deutsche Juden zur Meinungsäußerung in der Regel genau so legitimiert zu sein wie die anderen Bevölkerungsgruppen, — so wäre die Problematik der Situation gewiß nicht gelöst, aber erleichtert und vor allem entgiftet. Freilich würden sich aus einer solchen Ehrlichkeit auch gewisse Gebote des Taktes und der Zurückhaltung in bestimmten Fragen von selbst ergeben. Dagegen muß die unwürdige Art, in der viele jüdische Journalisten ihre Abstammung als ״partie honteuse“ behandeln und durch Namensänderung usw. zu verbergen suchen, immer wieder Argwohn und Verdacht erregen und zu den bekannten ״Entlarvungen״ Anlaß geben. Auf nichtjüdischer Seite aber haben Not und Niederlage und vor allem die immer wiederkehrenden außenpolitischen Demütigungen einen Zustand furchtbarer Ueberreizung geschaffen, die sich nicht in Aktionen gegen das Ausland entladen kann, aber irgendein Ventil braucht. Die in der Nachkriegszeit nur allzu oft bewiesene Unfähigkeit, dem Druck des Auslands einen geschlossenen nationalen Willen entgegenzusetzen, ja auch mir für den inneren Bedarf eine starke demokratische Regierung zu bilden, hat dann ein geradezu krankhaftes Minderwertigkeitsgefühl hervorgerufen, dem jeder irgendwie fremdartige Einfluß schon als eine Bedrohung des eigenen Wesens und der notwendigen Einigkeit erscheint. Erst unter solchen Umständen konnte die Existenz je eines Juden zwischen hundert Deutschen zu einer ganz Deutschland aufwühlenden Frage werden, erst unter solchen Umständen konnte auch die (von Stapel ״Antigennanismus״ genannte) Haltung einzelner hemmungs- und bindungsloser jüdischer Literaten als furchtbares Komplott gegen die Ehre der deutschen Nation erscheinen. Und erst auf diesem Boden konnte endlich eine Agitation Wurzel fassen, die uns zu Sündenbocken für Mißstände machen will, an denen ganz andere Leute schuld sind. Aber selbst, wenn man von all solchen im heutigen Deutschland einmalig hinzutretenden Faktoren absieht, bleibt grundsätzlich festzusteilen, daß die Demokratie, weit ent• fernt, die Judenfrage in den Ländern der Oaluth zu ״lösen“, sie im Gegenteil verschärft, eine Reiht wichtiger neuer Einzelfragen aufwirft und einen Zustand teils schafft, teils bloßlegt, der die Bedeutung des zionistischen Ausweges erhöht Ein George Washington-Wald in Palästina. Aus New York wird berichtet: Eine im Pennsylvania-Hotel abgehaltene außerordentliche Konferenz der Bezirksvorsteher des Jüdischen Nationalfonds für ganz Amerika, an der mehrere tausend Per- Eukalyptusbäumen und Kiefern zu pflanzen. Juden und Nichtjuden der Vereinigten Staaten sollen zu diesem Werke beitragen. Präsident Hoover sandte an die Konferenz eine Bot- Schaft, in der er seiner tiefen Genugtuung über die Verewigung des Namens seines großen Vorgängers auf dem Präsidentenstuhl im Heiligen Lande Ausdruck gibt. Auf der Konferenz wurde auch ein Zustimmungs-Telegramm des High Commissioners für Palästina, Wauchopt, verlesen. Die ״jüdische Republik“ in Biro-Bidschan Kommunistische Sirenen - Ges&nge Die kommunistische Partei versteht besser als irgendeine andere Macht oder Gruppe der heutigen Welt die Kunst der Propaganda. Sie weiß überall das richtige Schlagwort des Momentes herauszuspüren, und wenn sie ein Programm für eine unterdrückte Gruppe oder ein Volk aufstellt, so kann man sich darauf verlassen, daß dies ein Beweis für die in dem betreffenden Volk wirklich vorhandene Sehnsucht ist. ln einer Welt, wo gegen berechtigte Forderungen alles Wind und taub zu sein scheint, ist eine Macht, die die große Bedeutung der Sehnsucht von Millionen Menschen zu würdigen weiß, gewiß als weitsichtig anzuerkennen. Was die Juden betrifft, so hat die kommunistische Partei frühzeitig erkannt, daß die Nationalisierung des Judentums in den letzten 30 Jahren so stark fortgeschritten ist, daß man, um die jüdischen Sympathien in größerem Maß stab für sich zu gewinnen, den Juden nationale Ziele in Aussicht stellen muß. Es ist besonders interessant, dieses Symptom des Wandels der Zeiten zu beobachten, denn noch vor einigen Jahrzehnten vermochten Regierungen mit nichts die Sympathien der Juden so sehr zu gewinnen wie mit dem Versprechen, ihre Nationalität zum Verschwinden zu bringen. Zumal seit der internationalen Anerkennung der zionistischen Ziele durch Balfour-Deklaration und Palästinamandat war es klar, daß eine Gegenaktion zur Gewinnung der jüdischen Freundschaft nur durch Proklamierung eines konkurrierenden Zieles bewirkt werden könnte. Da aber auf dem Boden der Sowjetunion kein Ort liegt, der dem jüdischen Volke heilig und mit ihm historisch verbunden wäre, ergab sich die Notwendigkeit, rein abstrakt das Ziel eines ״jüdischen Staatswesens״ aufzustellen und gleichzeitig den Zionismus als ״reaktionäre״ Bewegung scharf zu bekämpfen. Wir haben hier die Erneuerung eines in unserer Geschichte wohlbekannten Gegensatzes, nämlich des Gegensatzes zwischen Zionismus und Territorialesrous. Diesen Konflikt gab es lange, bevor eine Sowjetunion existierte. Er ist nur dadurch modifiziert worden, daß durch den Kommitnismus das ideelle Ziel der ״Verwirklichung des Sozialismus“ mit dem Gedanken des ״Nachtasyls״ (Nordau) kombiniert wurde. Aber auch der Gedanke einer ״jüdischen Republik״ innerhalb der Sowjetunion hat bereits eine Geschichte. In seinen ersten Stadien führte er den Namen ״K r i m - P r o j e k t״, und nichts ist charakteristischer für das Schicksal dieser Bestrebungen, als die Tatsache, daß dieser Name, der 1925 die Parole zu erbitterten Kämpfen innerhalb des Judentums (insbesondere in Amerika) abgegeben hat, heute bereits vergessen und jüngeren Adepten dieser Judenstaats-Idee vermutlich ganz unbekannt ist. In zionistisehen Kreisen war die Stellungnahme zu diesem Projekt schon 1925 geteilt. In Deutschland überwog bei den Zionisten die Meinung, daß die Reproduktivierungsbestrebungen der Juden in der Sowjetunion als eine Erleichterung der jüdischen Lage positiv bewertet werden müsse und daß daher das ״Krim-Projekt“ von Zionisten um So weniger bekämpft werden sollte, als sich die damit verbundenen, als Gegenstoß gegen den Zionismus gemeinten Judenstaats-Hoffnun gen ohnedies bald genug als Irreführung erweisen werden. Dies hat sich auch bewahrheitet. Aber die unermüdlichen Sowjetpropagandisten ruhten nicht. Zwar verstummte das Gerede von einer ״jüdischen Republik in der Krim״, aber es tauchten neue Parolen eines jüdischautonomen Bezirkes in der Ukraine auf. Später wurde plötzlieh der neue Name Biro-Bidschan ins Volk geworfen. Mau glaubte zunächst an einen Witz, aber die Sowjet- Propaganda hielt an diesem Projekt fest und ihrer unermüdliehen Aktivität ist es gelungen, sogar das Wort Biro- Bidschan populär zu machen. Am eifrigsten sind dabei natürlieh die jüdischen Kommunisten, die heute bereits eine Art Legende von Biro-Bidschan geschaffen haben, sich bemühen, dieses Land in den Köpfen und Herzen der Juden an die Stelle Zions zu setzen und zu diesem Zweck alle Methoden der zionistischen Palästinapropaganda, soweit es sich dabei um praktische Kolonisationsfragen handelt (denn Geschichts- und Gefühlswerte lassen sich natürlich nicht so leicht übertragen) getreu zu kopieren. Der momentane Stand dieser Propaganda ist der, daß man an dem Biro-Bidschan- Projekt als kommunistischem Judenstaats-Projekt festhält. Natürlich wäre vom zionistischen Standpunkt auch gegen eine Ansiedlung von mehreren tausend Juden in Ostsibirien, falls sie technisch möglich ist, nichts einzuwenden, und als Nationaljuden begrüßen wir gewiß auch eine dieser Siedlung verliehene Autonomie; aber daß die kommunistische Propaganda diese Siedlung als einen Gegen- Spieler von Palästina behandelt wissen will, ist natürlieh aus tausend Gründen, die nicht dargelegt zu werden brauchen, zurückzuweisen. Was ist nun eigentlich in Biro-Bidschan geplant? Kornmunistische Propagandisten sprachen von Zehntausenden von Juden, die alljährlich dort angesiedelt werden sollen, ja man stellte dieses Gebiet sogar als das günstigste Einwanderungsland für arbeitslose Juden anderer Länder dar. Sogar in Deutschland wird mit der Behauptung, man würde etwa zweitausend Juden aus Deutschland noch in diesem Jahre nach Biro-Bidschan bringen und dort ansiedeln, für die Sache Stimmung gemacht. Der Zweck ist klar, man will mit dieser Propaganda von den deutschen bürgerlichen Juden Geld bekommen, und es soll auch wirklich an einzelnen Orten, z. B. des Rheinlandes, gehingen sein, wobei die Hoffnung der deutsch-jüdischen bürgerlichen Assimilanten, auf diese Weise die Ostjuden loszuwerden, eine Rolle spielen soll. Wenn auch einige jüdische Kommunisten aus Reklamegründen nach Rußland gebracht werden, so ist doch ohne weiteres klar, daß an eine wirkliche jüdische Auswanderung nach Sibirien nicht zu denken ist. Die JTA. verbreitet jetzt ein Interview ihres Moskauer Vertreters mit dem Präsidenten der Sowjetunion, Kalinin. Was Kalinin hier sagte, wird manchen naiven Leser überaus befremden, und ein eigentümliches Licht auf das Biro-Bidschan- Projekt werfen. Es scheint nämlich, daß man sich von der Kolonisation selbst keinen großen Erfolg mehr verspricht und darum dem Projekt einen neuen Sinn unterlegt. Nicht mehr die Rettung tausender jüdischer Existenzen und ihre Ueberführung in produktive Berufe ist jetzt der Hauptzweck, sondern die prinzipielle Verleihung einer staatsrechtlichen Form an die jüdische Nationalität Sowjetrußlands. Diejenigen assimilatorischen Kreise, die in Westeuropa und Amerika die jüdische Kolonisation Rußlands als ״rein wirtschaftlich philanthropisches Unternehmen״ unterstützt haben und sie dem ein nationales Judentum postulierenden Zionismus gegenüberstellten, werden jetzt eines besseren belehrt Auch Sowjetrußland vermag nur durch einen Appell an den nation a 1 e n Selbsterhaltungstrieb diese jüdische Aktion durchzuführen. Aber zugleich enthüllen sich die winzigen Dimensionen der neuen jüdischen Republik. Hören wir, was Kalinin zu sagen hat: ״Laut Beschluß des Zentral-Exekutivkomitees, sagte Kalinin, soll sich in Biro-Bidschan die Gründung einer jüdischen Republik spätestens Ende 1933 vollziehen. Nicht ausgeschlossen ist es, daß die Gründung noch vor diesem Endtermin geschieht. Es ist nicht notwendig, damit zu warten, bis die Juden in diesem Territorium die Mehrheit der Bevölkerung bilden. Die Krim z. B. ist eine tartarische Republik, obwohl die Tartaren dort nur 20 % der Ge- Samtbevölkerung ausmachen. Warum sollen nicht Russen, Ukrainer und andere Nationalitäten ebensogut in einer jüdisehen Republik leben, wie Juden in der Ukraine, in Weißrußland und in anderen nichtjüdischen Republiken leben. Werd e n 10 000 b i s 15 000 Juden in Biro-Bidschan konzentriert sein, dann wird die Vorbedingung der Proklamierung von Biro-Bidschan als jüdischer Republik gegeben sein. Die Gründung einer jüdischen Republik in Biro-Bidschan, fuhr Kalinin fort, wird nicht allein für die 50 000 oder 100000 Juden, die sich in den nächsten Jahren dort ansiedeln werden, sondern auch für die etwa drei Millionen in der Sowjetunion und, in einem gewissen Maße, auch für die Juden in anderen Ländern von großer nationalpolitischer Bedeutung sein. Nach einer Pause von vielen Hunderten Jahren werden die Juden wiederum ein Staatsvolk werden. Sie werden ihre Vertreter im Zentral-Exekutivkomitee und in anderen hohen Regierungsorganen haben. Bis jetzt figurieren die Juden in den Regierungsämtern nicht als Vertreter der jüdisehen, sondern der allgemeinen Bevölkerung. Haben die Juden eine nationale Republik, so werden die Vertreter dieser Republik -- auch wenn der eine oder der andere derselben nicht Jude sein sollte — als jüdische Repräsentanten gelten. Die Proklamierung derjüdischen Republik, sagte Kalinin, erweckt in den Herzen von Tausenden von Juden ein nationales Staatsgefühl. Ein Staatsvolk sein, gleichberechtigtes Mitglied unter anderen selbständigen Völkern in der Sowjetunion, ist bewußtes oder noch im Unterbewußtsein schlummerndes Ideal eines großen Teiles der Juden. Das Hereinströmen von ausländischen Juden nach Biro-Bidschan und die stets anwachsenden Gesuche von Juden aus kapitalistischen Ländern, ihnen die Einwanderung nach Biro-Bidschan zu erlauben, ist nicht nur darauf zurückzuführen, daß diese Juden unter der Wirtschaftskrisis, unter Faschismus und Antisemitismus leiden, sondern auch darauf, daß die Aussicht, an dem Aufbau der jüdischen nationalen Republik mitarbeiten zu können, eine Lockung für sie darstellt.“ Aussichtslose Angebote Zahlreiche deutsche Juden glauben die ihnen durch die feindliche Umwelt drohende Gefahr mit einem Vergleichsangebot bannen zu können: Ihr verschont uns, wir geben euch die Zionisten und Ostjuden preis. Ein Beispiel nur von vielen: ln einer rheinischen Stadt sagte kürzlich ein Studienrat 17jährigen Schülerinnen im Unterricht, er billige das Programm Hitlers insoweit nicht, als dieser die alteingesessenen Juden entrechten wolle, während der Ausweisung der Ostjuden zuzustimmen sei. Darauf erhob sich die Tochter eines jüdischen Gemeinderepräsentanten, trat dem Lehrer bei und berief sich auf gleiche Aeußerungen ihres Vaters. Als eine Mitschülerin, die Tochter eines Ostjuden, widersprach, erklärte der Studienrat, Juden, die er mit Namen nannte, hätten ihn zu seiner Ansicht gebracht. Diese Juden irren. Die Antisemiten werden das Angebot nicht annehmen. Sie haben auf dem Kurfürstendamm nicht zwischen Ost- und Westjuden, zwischen Zionisten und C.-V.ern unterschieden. Die ausländischen Juden erfreuen sich, das zeigte sich in Königsberg, des Schutzes ihrer Heimatsregierung, und die Alteingesessenheit Rathenaus behütete ihn nicht vor den Kugeln der Mörder. Je höher ein Jude steht, um so mehr ist er dem Angriff ausgesetzt. Wohl aber schadet es der jüdischen Gesamtheit, wenn die Mehrheit der Juden die Minderheit dem Haß der Umwelt preisgibt: die Ostjuden, die treu der Art ihrer Väter sich auch im Gewühl der Großstadt von Kaftan und Schläfenlocken nicht trennen, und die Zionisten, die ebensowenig ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Volke verbergen. Jeder Jude ist dem jüdischen Schicksal verfallen. Die andern dehnen das Ungünstige, das sie aus jüdischem Munde über Juden hören, auf alle Juden aus. Als Adressaten des erwähnten Vergleichsangebots werden naturgemäß einflußreiche Persönlichkeiten und amtliche Stellen bevorzugt. Je maßgeblicher der Empfänger solcher Erklärungen ist, um so stärker wird durch diese die jüdische Gesamtheit gefährdet. Aber nicht nur zur Befestigung der eigenen staatsbürgerlichen Position, auch zu Zwecken innerjüdischer Auseinandersetzungen haben deutsche Juden häufig bei den Behörden die z. B. für das Gebiet der jüdischen Gemeindesatzung unerhebliche Loyalität der Zionisten und Ostjuden gegenüber den Interessen Deutschlands angezweifeit oder bestritten. Die dadurch über d;e deutsche Judcnhcit heraufbeschworene Gefahr wurde erhöht, wenn derartige Erklärungen nicht von privater, sondern von jüdischamtlicher Seite ausgingen. Alles, was auf diesem Wege seit Jahrzehnten versucht worden ist, ist erfolglos geblieben. Doch in Zeiten gesteigerten Judenhasses und vermehrter Gefahr sollte es sich ein jüdischer Gemeindevorstand zweimal überlegen, ob es nützlieh ist, die Entrechtung der Ostjuden in der Gemeinde und andere Ungerechtigkeiten durch Eingaben folgenden Inhalts von der Regierung zu erwirken: nicht große Kreise der Gemeinde träten diesen Entrechtungen entgegen, sondern nur eine kleine Gruppe, die völkisch eingestellt sei und ihr Deutschtum leugne, während der überwiegende Teil der Gemeinde sich mit dem Deutschtum treu verbunden fühle. Diese unrichtige Charakterisierung der Zionisten durch den Vorstand der größten jüdisehen Oemeinde Westfalens, Dortmund, wird vielleicht den Zionisten schaden, aber sicherlich nicht mehr als ihren jüdischen Gegnern. Nach dem Erscheinen der ״Erklärung deutscher Juden״ versprachen die Führer des deutschen Judentums, solche Behauptungen über die Zionisten nicht mehr aufzustellen. Die Ansicht, diese Zusage entspringe besserer Einsicht und werde gehalten werden, hat sich, nicht nur in diesem Falle, als falsch erwiesen. Es erscheint uns gerade in dieser Zeit notwendig, auf die Aussichtslosigkeit der Preisgabe jüdischer Minderheiten durch die jüdische Mehrheit hinzuweisen. Harry Epstein.

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