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Jüdische Rundschau · 1932-03-01 · 3 (3.1932) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
1 (1932)
Issue
3 (3.1932)
Date
1932-03-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabc Nr. 3, Mürz 1932 Zur deutschen Judenfrage Za Qrabovtkys neuer ,,Politik4״ Dr, Adolf Grabowsky, der bekannte Herausgeber der ״Zeitschrift für Politik“ und Dozent an der deutschen Hochschule für Politik in Berlin, hat soeben ein großangelegtes Werk ״P o 1 i t i k“ veröffentlicht, in welchem er eine Theorie und ein System der Politik entwickelt. (Verlag Späth & Linde, Berlin W 10, M. 5,20.) Dieses Werk, das die Grundprinzipien politischen Denkens und Handelns klarzustellen und gegenüber andersgearteten Lebensgebieten abzugrenzen versucht, kommt gerade in dieser Zeit eines gesteigerten politischen Interesses sdir gelegen und ist geeignet, zu einer Besinnung auf das Wesen der Politik beizutragen, bei der man heute häufig Dilettantismus und Unerfahrenheit, sowie Mangel an theoretischer Schulung geradezu für einen Vorzug hält. Auch wer Grabowskys Anschauungen nicht in allem teilt, wird anerkennen müssen, daß hier ein geschlossenes geistiges Gebäude vor uns steht, mit dem man sich auseinandersetzen muH. Grabowsky begnügt sich aber nicht mit einer Prinzipienlehre der Politik, sondern im zweiten Teil seines Buches, das offenbar als eine Art Lehrbuch gedacht ist und dementsprechend auch in dem Handbuch ״Die Beamten-Hochschule“ erschienen ist, behandelt er die aktuelle deutsche Politik. Als letztes Kapitel des Ab- Schnittes ״Innere Politik“ bespricht er hier die J u d e n f r a g e. Auf den knapp vier Seiten, die diesem Gegenstand gewidmet werden, kann Orabowsky natürlich nicht die gesamte Judenfrage in ihren Zusammenhängen und ihrem Wesen aufrollen, sondern er beschäftigt sich damit nur insofern, als hier ein Element der deutschen Politik vorliegt, das im heutigen Deutschland eine nicht unbeträchtliche Rolle spielt. Da derVerfasser trotzdem Wert darauf legt, den tieferen Ursachen dieses Problems nachzugehen, ergibt sich notwendigerweise ein etwas fragmentarischer Charakter seiner Ausführungen. Ohne sich auf die Erörterung der ״Rassenfrage״ einzulassen, stellt Grabowsky fest, daß es eine bestimmte jüdische Mentalität gibt, die er folgendermaßen charakterisiert: ״Der Jude ist betont diesseitig und unmetaphysisch. . . . Die jüdische Lebensauffassung ist optimistisch, tragischem Heroismus und überhaupt der Tragik nähert sich der Jude ungern. . . . Dazu kommt, daß sein langes Fernsein vom Staatserlebnis ihn überhaupt unempfänglich gemacht hat für Kollektivitäten, ausgenommen diejenigen, die ihn unmittelbar angehen, wie die Familie oder die Religionsgemeinschaft. So ist er der typische liberale Fortschrittler geworden. . . . Angesichts dieser Eigenschäften kann man den Juden kaum einen typischen Orientalen nennen, und schon hieraus sollte man ersehen, wie vorsichtig' man mit den Rassentheorien sein muß.“ Nicht nur mit den Rassentheorien, sondern auch mit Völker- Psychologien dieser Art sollte man unseres Erachtens vorsichtig sein. Die Charakteristik von Orabowsky bewegt sich auf den Bahnen einer hergebrachten Meinung, gegen die oft genug die Gegenbeweise erbracht worden sind. Wichtiger aber als diese Einleitung sind seine Darlegungen über das Verhältnis der verschicdenen jüdischen Typen in Deutschland zum deutschen Staatsgedanken. Entsprechend seiner grundsätzlichen konservativen Einstellung verwirft Grabowsky den Typus des jüdischliberalen Assimilanfen, als dessen bezeichnendste Erscheinungen er auf der einen Seite den modernen ״anarchistelnden Literaten“, auf der anderen Seite den philiströs-bürgerlichen Juden sieht. Diesem liberalen Juden steht der Zionist gegenüber, der mit den geschichtlichen Gewalten und gesellschaftlichen Kräften stärker vertraut Ist und einen größeren Enthusiasmus besitzt. Nach Grabowskys Meinung sind die Zionisten nicht geschichtsschaffend genug, um ein neues Gemeinwesen ein richten zu können und ״haben aus diesem Ornnde in Palästina versagt“. Aber im Vergleich zum liberalen, losgelösten Judentum sind sie als viel positivere Kräfte anzusprechen und könnten daher auch in Deutschland zu den staalsaufbauenden Elementen zählen, wenn sie, wie Grabowsky meint, eben nicht Zionisten wären. Es ist interessant zu beobachten, wie ein Schriftsteller, der Politik nicht auf Grund abstrakter Deduktionen, sondern auf dem Boden der Geschichte, mit voller Berücksichtigung der als Realitäten vorhandenen geschichtlichen Kräfte, gemacht wissen will, bei der Beurteilung konkreter Fragen, hier der Judenfrage, doch in jene Qeisteshaltung hineingerät, die er selbst in andern Fällen verwirft. Denn seine Theorie, wonach der zionistische Jude als aktiver deutscher Staatsbürger zu bejahen wäre, wenn er — nicht Zionist wäre, gibt keine Aussicht auf eine Lösung der Frage, sondern ist nur eine neue geistreiche Fiktion. In Wahrheit ist eben auf Grund der jüdischen Geschichte, die diese bestimmten Teile der Juden nach Deutschland geführt und hier dem deutschen Leben eingefügt hat, der Juda eindeutig deterruiniert, und er kann kein anderes Geschichtsbewußtsein haben, als das s e i n e r Geschichte, also ein jüdisches, wenn dies Bewußtsein echt sein soll. Grabowsky glaubt — im Gegensatz zu seiner sonstigen Anschauung — gerade bei Juden, daß es. ihnen möglich ist, eine aus der ״Erkenntnis“ einer Notwendigkeit, aus ״Vernunft“ und Ueberlegung konstruierte Position nun auch wirklich einzunehmen. Warum versagt gerade hier Grabowskys Sinn für die Dignität des Historischen und Volkhaften? Die Aufgabe des schöpferischen Politikers, der an die Judenfrage herangeht, ist nicht die, ein Wunschge bilde aufzustellen, nämlich das eines geschichtsbewußten Juden, der nun deutsches GeschichtsbewuBtsein hätte, sondefn aus dem nun einmal gegebenen Material das beste auch für den deutschen Staat nützlichste zu machen. Dies besteht aber augenscheinlich darin, das Staatsgefühl, das Verständnis für geschichtliche Kräfte, das im Juden, und zwar gerade im zionistischen Juden, auf Grund seiner Verbundenheit mit der jüdischen Geschichte und den jüdischen Hoffnungen vorhanden ist, auch für das deutsche Gemeinwesen nutzbar zu machen. Ein in seiner Vergangenheit und in der Treue zu seiner Blutgemeinschaft wurzelnder . Jude wird auch in dem Staat, dem er angehört, ein nützlicher und wertvoller Bürger sein. Man wird dann bei dem Juden, dem dieses Verhältnis gleichfalls besondere, nicht immer verstandene Pflichten auferlegt, neue staatsbejahende Kräfte wecken und das Verhältnis von Juden und Nichtjuden könnte durch das erlösende Gefühl einer nicht diffamierenden Wahrhaftigkeit entgiftet werden. Aber man wird dieser spezifischen Situation nur dann gerecht werden, wenn man sie eben in ihrer unvergleichlichen Eigenart erkennt und würdigt. Daß dies cm Abweichen von der allgemeinen Schablone fordert, ist nicht zu leugnen; aber gerade dies kann man sich im Falle des Judentums nicht ersparen. Gewiß müssen Deutschtum und Judentum, wie Grabowsky betont, zu einer wahren Symbiose gelangen. Wenn aber Grabowsky meint, der Zionismus habe ״die Aufgeschlossenheit des deutschen Judentums für das Deutschtum“, sein ״Verständnis für das deutsche Wesen“ vermindert, so spricht er hier einen offenkundigen Irrtum aus. Der Zionismus hat deutsche Juden, die Zionisten wurden, zu einem Verständnis des deutschen Wesens und der deutschen Geschichte befähigt, das vorher nicht vorhanden war. Während assimilatorische Juden alle deutschen Aeußerungen nur unter dem Gesichtspunkt des Verhältnisses zu ihnen selbst, also gewissermaßen opportunistisch betrachten mußten, weil sie darauf angewiesen waren, eine bestimmte Art Deutschtums, die sich nach ihrer Meinung mit ihrem Assimilations-Judentum vertrug, zu proklamieren, hat erst der postassimilatorische zionistische Jude das Deutschtum mit voller Unbefangenh ei t aufzunehmen vermocht. So z, B. haben Zionisten schon vor 25 Jahren die Werke der großen nationalen deutschen Denker und Schriftsteller ״entdeckt“. Man hat aus Fichtes Reden, aus Lagardes Deutschen Schriften, aus Ulrich von Hutten, ja aus den deutschen Mystikern Verständnis für Volkstum, für charakterliche Haltung, für die geheimnisvollen Mächte der Verbundenheit und nationaler Schöpferischkeit geschöpft. Wir haben also hier in einem gewissen Sinne das umgekehrte Verhältnis wie das von Grabowsky gewünschte: Aus deutschen Quellen wurde jüdischer Nationalismus gespeist, und wir glauben, daß dies die einzige anständige und wertvolle Beziehung zwischen deutschem und jüdischem Nationalismus sein kann, weil sie von der Affektbelastung der assimilatorischen Position befreit ist. Aus einer solchen Beziehung kann echtes Verständnis erwachsen, und es ist trotz der ungeheuren Erschwerungen, die der deutsche Antisemitismus mit sich bringt, auch heute bei zionistischen Juden zumindest in demselben Maße vorhanden wie bei den von Grabowsky sogenannten ״deutsch-empfindenden“ Juden. Die Meinung, daß der geschäftliche Niedergang des deutschen Judentums darauf zurückzuführen wäre, daß die deutschen Juden infolge des Zionismus sich in geschäftlichen Dingen zp wenig auf deutsche Bedürfnisse einstellten, zeugt von einer Naivität gegenüber ökonomischen Vorgängen, die wahrschein־ lieh auf die einseitig politische Denkungsart Grabowskys zurückzuführen ist. Die Diskussion der deutschen Judenfrage ist durch Grabowskys diesem Thema gewidmetes Kapitel nicht entscheidend gefördert worden, obwohl er vielleicht der Mann wäre, auch diese Frage mit entdeckerischem Elan anzupacken und unter prinzipiell neuem Aspekt zu behandeln. Er hat die Gelegenheit versäumt, in den deutschen Kreisen, die sein Buch studieren werden, Verständnis für die spezifische Eigenart des Juden- Problems zu erwecken. Dies ist um so mehr zu bedauern, als er nahe daran war, den fruchtbaren Gedanken der Notwemdigkeit der Anerkennung eines jüdisch-geschichtlichen Sonderbewußtseins zu verwerten. Aber da er mitten auf diesem Wege stecken blieb, ist für die Klärung des Problems nur wenig geleistet worden. a. h. Hermann Vänblry Zu »einem hundertiien Geburtslage Am 19. März 1932 jährt sich zum hundertsten Male der Tag, an dem Hermann Vämbery, oder wie er damals hieß: Hersch Wamberger, zur Welt kam, ein Mann, der in der zweiten Hätte des 19. Jahrhunderts in der Erforschung und der Politik des Orients eine bedeutsame Rolle spielte. Der großen Menge war er bestenfalls als reisekühner Rassen- und Sprachenforscher bekannt, um so geläufiger klang aber sein Name in den diplomatischen Kanzleien Europas, stand er doch als Vorposten des Foreign Office Wache in dem unausgesetzten, atemlosen Ringen zwischen Rußland und dem britischen Reiche um den Besitz des Ostens und in der Politik rings um den ״kranken Mann“, wie damals das ottomanische Reich genannt wurde. Dieser kleine Jude, der aus den ärmlichen Verhältnissen einer ungarischen Judengasse der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts hervorgegangen, sich durch das Gymnasium durchhungerte, nachher, einem neuen Mezzofanti gleich, eine Sprache um die andere verschlang, dann als Lehrer nach Konstantinopel ging, wo er zum Islam übertrat und als Bettlerderwisch durch die damals noch unbekannten Wüsten Asiens zog, der nach seiner Rückkehr nach Europa, wo er zwischendurch das Christentum annahm, reich an Ehren und Vermögen, als Hoch- Schullehrer^ Forscher und Orientpolitiker, geliebt in England, geschätzt in der Türkei und verhaßt in Rußland, die Freundschaft des Königs von England und des Kalifen aller Gläubigen erwarb, dieser kleine, in seiner äußeren Erscheinung durchaus unansehnliche Jude war eine ganz besonders anziehende, interessante Persönlichkeit. Für uns Juden bestand seine größte Bedeutung darin, daß er Theodor Herzl den Weg zum Sultan Abdul Hamid ebnete. Er verbrachte Monate in Konstantinopel, um seinem geliebten jungen Freunde die Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Uneigennützig tat er es, der Sache des Judentums dienend, dem er äußerlich wohl längst untreu geworden war, von dem er aber in seinem Innersten niemals loskommen konnte. Und so fiel es Herzl nicht schwer, den Juden in ihm wachzurufen. ״Sie sind einer — schrieb er ihm einmal — ich bin auch einer. Darum haben wir uns so schnell und voll verstanden. . . .“ Denn Vämbery trug eine jüdische Seele im Herzen, wenn auch freilich die eisernen Krallen des Galut sie zerfleischt hatten. Ludwig Bato (Wien). In ״Petit P a r i s i e n“ vom 7. März veröffentlicht E1 i 2 F a u r e , einer der repräsentativen Denker des zeitgenössischen Frankreich, unter dem Titel ״Palästina, der geistige Gipfel der Menschheit“ einen begeisterten Artikel, der aus Jerusalem, vom 22. Januar 1932 datiert ist. In schwungvollen Worten faßt Faure die Bedeutung der Ideen zusammen, die ihren Weg aus Palästina in die Welt genommen und das ethische Bild der Kultur entscheidend mitgeformt haben. Er erwähnt die Tätigkeit der neuen jüdischen Siedler und preist begeistert die ewige Energie, die sich in dem Aufbauwillen des jüdisehen Genius ausdrücke. Die Wiederbelebung der hebräischen Sprache ist ein charakteristisches Kennzeichen dieser jüdisehen Renaissance. Die jüdischen Siedler knüpfen auts neue ein Band mit den Völkern der Erde und ihre Antwort nach dem Sinn ihrer Arbeit ist: Wir opfern uns, um in unserer oder in den kommenden Generationen ein Werkzeug zu schmieden, und dann erst werden wir davon reden können, daß wir mit den anderen Völkern auf gleichem Fuße stehen. Wenn das jüdische Ziel erreicht ist, dann, schließt Faure, wird man nicht mehr nötig haben, die Klagemauer mit jüdische!! Tränen zu netzen und man wird in harter Anstrengung und fruchtbarer Arbeit den materiellen und geistigen Bedarf der Gemeinschaft erwerben. Drei Tote Aristide Briand Um den verstorbenen Aristide Briand trauert nicht nur Frankreich, sondern die ganze Kulturwelt. Auch das jüdische Volk und die zionistische Bewegung verliert in ihm einen aufrichtigen Freund. In Briand war die Idee des Wohlwollens, der Benevolentia verkörpert. Briand war der Vertreter einer Idee und nicht eines Parteiprogramms. Wenn man Briand reden hörte oder wenn man gar das Glück hatte, ihn persönlich kennenzulernen, dann empfing man den Eindruck eines Mannes, der weniger zeitgebunden war als alle anderen Staatstnänner, die in .der Politik des Alltags größeren Einfluß hatten als Briand. Weit über die Interessen seines eigenen Volkes emporgewachsen, hatte Briand die feine Witterung für ewige allmenschliche Kulturwerte. Diese Gabe, abgesehen von zweifellos vorhandenen realpolitischen Erwägungen, ließen Briand einen entschiedenen Anhänger der zionistischen Be- Strebungen sein. Stets war Briand im Laufe von vielen Jahren aereit, auch den Juden Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und sich für die Errichtung des Jüdischen Nationalheims in Palästina cinzusetzen. Aber nicht die Tatsache allein ist ausschlaggebend, daß et sich als französischer Minister- Präsident oder als französischer Außenminister willig den zionistischen Bestrebungen zur Verfügung gestellt hat; vielmehr war bei dieser seiner Grundhaltung das Wie entscheidend, das alle seine Schritte und Maßnahmen kennzeichnete. Man übertreibt nicht, wenn man behauptet, daß die Sache des Jüdischen Nationalheims für Aristide Briand eine Herzens׳■ sache gewesen ist: die Einfachheit und Liebenswürdigkeit, mit der der vielbeschäftigte Staatsmann sich Zeit abzuringen verstand, um manchmal viele Stunden zionistischen Angelegenheiten zu widmen, hinterließen bei allen, die mit ihm in diesen Fragen zu tun hatten, diesen Eindruck. Das Andenken Briands wird in der ganzen Welt geehrt werden. Auch bei uns Juden wird Briand in liebevoller Erinnerung als ein Gerechter unter den Völkern fortleben, der in seiner großen Menschlichkeit Verständnis hatte für die Bedeutung des jüdischen Volkes in der Kulturgeschichte der Welt und für das Werk der jüdisehen Sammlung zur Schaffung eines Mittelpunktes für die Judenheit und den jüdischen. Geist. Charles Gide Charles Gide, der soeben im Alter von 85 Jahren verstorbene französische Nationalökonom, war seit Jahren ein warmer Freund der Idee des Jüdischen Nationalheims in Palästina. Gide hat sich für die zionistischen Probleme sehr interessiert und vor allem den Experimenten einer neuen sozialen Schichtung des jüdischen Volkes, sowie neuer Gemeinschafts- und Siedlungsformen lebhafte Aufmerksamkeit zugewandt. War er doch der unermüdliche Vorkämpfer des Genossenschaftsgedankens, der Idee der ״Cooperation“, in Frankreich, und in Palästina sah er besonders starke und eigenartige Ansätze zur Verwirklichung dieser Idee. Charles Gide hat auch über diese Fragen mehrmals Aufsätze und Abhandlungen veröffentlicht, die zum Teil in der Pariser ״Revue juive“ und auch in der von Martin Buber herausgegebenen Zeitschrift ״Der Jude“ erschienen sind. Wie vielen noch erinnerlich sein wird, hat Prof. Gide persönlich an der Eröffnungsfeier der Hebräischen Universitat Jerusalem am 2. April 1925 teilgenommen. Die Erscheinung des greisen Gelehrten und seine hinreißende, von jugendlichem Feuer erfüllte französische Ansprache haben damals die größte Begeisterung des Publikums ausgelöst. Gide hat in seiner Rede seiner Bewunderung für den Zionismus Ausdruck gegeben und dessen Bedeutung für die Verbindung von Ost und west geschildert. Die Universität Jerusalem, so sagte er, werde nicht nur für Palästina da sein, sondern sie sei ein Symbol für die ganze Welt und alle Völker: Ex Oriente lux — ex Oriente lex, so schloß er damals seine Rede. — Der Verstorbene war ein Onkbl des großen französischen Dichters Andrö Gide. Hermann Gunkel Hermann Gunkel ist, 70 Jahre alt, gestorben. Der Tod dieses Mannes, der bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1927 als ordentlicher Professor in Halle das Facn der alttestamentlichen Wissenschaft vertrat (vorher in Gießen und Berlin), lenkt den Blick auf die höchst bedeutsame Wandlung, die durch ihn und seine ״religionsgeschichtliche Schule“ die Erforschung des biblischen Geisteslebens erfuhr. Die philosophisch-literarkritischen Bemühungen um das biblische Schrifttum, die mit ihrem großen Führer Wellhausen, eine Generation früher überwiegend auf die Analyse der vorliegenden Texte eingestellt gew־esen, wurden so überhöht durch das allseitige Interesse an der geistigen Kultur des Volkes der Bibel. Die Literatur erwuchs zum Ausdruck des nationalen Daseins überhaupt; die schriftlich vorliegende, mehr ein zufällig übriggebliebener Bestand denn abgeschlossenes Ganze, wies hin aut lange Zeiträume mündlicher Tradition. Es dehnte sich gleichsam hinter der sichtbaren Oberfläche ein gewaltiger Hintergrund, aus dessen Durchforschung das Aufgezeichnete erst Sinn und Zusammenhang erfuhr. So hat Gunkel die literarische Gattungsforschung eröffnet, ist aus Bruchstücken und Ueberbleibseln zu Sagen, Legenden und anderen Formen der Geisteshaltung Alt-Israels durchgestoßen und hat den Umfang dieses Lebens für uns entgrenrt. Dazu gehörte natürlich die Kraft liebevoller Einfühlung, hingebungsvolles Verständnis für einen Geist, in dem ein gut Stück von der Macht instinktiv empfunden wurde, die den Einfühlenden selber geformt hatte. Das Gewesene erwachte so zu neuem Leben. Man darf sagen, daß gerade dieser lebendige herzliche Anteil, den Gunkel an den Helden und am seelischen Dasein des biblischen Volkes nahm, seinen Werken, so Wissenschaftlieh solide und sorgsam bedacht sie sind, ihre anziehende Lebendigkeit gegeben hat. Im Einzelnen galt seine Mühe besonders der Mythen- und Sagenforschung (״Schöpfung und Chaos“; Kommentar zur Genesis; ״Die Sagen der Genesis“), der hebräischen Erzählungskunst, dem Märchen im Alten Testament. Besonders bekannt geworden ist — neben dem Genesis-Kommentar — sein Psalmenkommentar, der ebenso wie seine Publikationen über die Propheten feinstes Eindringen in die altisraelitische Frömmigkeit zeigt. — Die Ueberzeugung von der universalen Bedeutung des biblischen Geistes war das Fundament seines eigenen persönlichen Lebens. Max Wiener. Dr. Weizmanns Memoiren. Der jüdische Journalist William Zukerman, Londoner Vertreter verschiedener Blätter, veröffentlicht in amerikanischen Zeitungen einen ausführlichen Berieht über ein Interview, das ihm Dr. Weizmann vor seiner Abreise nach Südafrika gewährt hat. Dabei hat ihm Dr. Weizmann mitgeteilt, daß er gegenwärtig mit der Abfassung seiner Memoiren beschäftigt ist. Jeden Tag, so heißt es darin, schreibt er an diesem Werk, und er scheint sich für die Sache sehr erwärmt zu haben. Die Memoiren beginnen mit dem Jahre 1902 und behandeln die damalige zionistische Situation, die erfüllt war von dem Kampf der ״demokratischen Fraktion“ und dem beginnenden Uganda-Konflikt. Bis jetzt hat Weizmann bereits die Abschnitte bis nach der russischen Revolution von 1905 beendet und nähert sich der Darstellung seiner englischen Zeit. Zukerman meint, daß nach den Andeutungen Weizmanns zu schließen, diese Selbstbiographie eines der packendsten Bücher unserer Zeit sein wird. Vsmafwortluher Redakteur: Dr. Werner Bloch, Berlin-Wilmersdorf. Verlag: Jüdische Rundschau G. m. b. H., Berlin W15. Druck von Siegfried Scholem, Berlin - Schöneberg.

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