Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 1 (1932)
- Issue
- 3 (3.1932)
- Date
- 1932-03-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Monatsausgabe Nr. 3, März 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Nach der Reichspräsidenten-Wahl Hbdenborgt Sieg, Hitler« Niederlage and die Jadenfrage Das Ergebnis der Reichspräsidentenwahl hat gezeigt, daß die besonnenen Elemente in Deutschland noch immer die Mehrheit bilden und die nationalsozialistische Sturmflut noch keineswegs das ganze Volk überschwemmt hat. Die Erregung hatte sich in den letzten Tagen vor der Wahl so gesteigert, die nationalsozialistische Propaganda hat durch ihr Ausmaß und ihre Stimmkraft so sehr das Feld beherrscht, daß viele bereits das Augenmaß für die wahren Proportionen verloren hatten. Zwar glaubte man nicht an den sofortigen Sieg Hitlers, wohl aber waren die Schätzungen des Stimmenverhältnisses, die man in manchen Kreisen hören konnte, für Hitler relativ günstiger, als es nun das tatsächliche Ergebnis war. Durch die Wiederwahl Hindenburgs ist eine Möglichkeit der allmähliehen ruhigen Entwirrung der schwierigen Probleme Deutschlands und der Weltpolitik gegeben. Die schwere Beunruhigung der Welt, die ein nationalsozialistischer Sieg gebracht hätte, ist zunächst abgewendet. Das deutsche Volk wußte, daß die Gefahr eines furchtbaren Bürgerkriegs über Deutschland schwebt. Die Besonnenheit der Wähler, voran die politische Reife der deutschen Arbeiterschaft, hat diese Gefahr abgewehrt. Wenn die deutschen Juden dieses Resultat begrüßen, dann tun sic es gewiß nicht nur aus egoistischen Gründen, nicht nur, weil bei den verhetzten Instinkten der Masse sie unter den Hauptleidtragenden eines Bürgerkrieges und jeder politisch-hysterischen Explosion wären, sondern weil wir aus unserer tausendjährigen Leidensgeschichte ein besonders waches und voraussehendes Empfinden für den Jammer und das Elend mitbringen, die ein solches Chaos über die ganze Bevölkerung bringen müßte. Die Nationalsozialisten haben ihr Ziel nicht erreicht, Die Siegesfanfaren, mit denen sie in der letzten Woche das Volk' zu betäuben versuchten, haben vergeblich geschmettert, Ein so schneller, so beispiellos steiler Aufstieg, wie ihn Hitler für sich erwartet hatte, ist ihm nicht gelungen. Dennoch können wir nicht der Ateinung derer zustimmen, die glauben, daß der Nationalsozialismus jetzt aufs Haupt geschlagen ist und zusammenbrechen muß. Man wird gut tun, die weitere Entwicklung abzuwarten. Wenn man von den übermäßigen Erwartungen, die die Nationalsozialisten gehegt haben, oder die sie doch der öffentlichen Meinung aufzwingen wollten, absieht, so tnuß man sagen, daß die Ziffer von 11 300 000 Stirnmen, die für Hitler abgegeben wurden, immerhin ganz beträchtüch ist. Die Nationalsozialisten haben im Verlauf von anderthalb Jahren ihre schon im September 1930 überraschend große Stimmenzahl ungefähr um 80 <0/׳ erhöht, am letzten Sonntag haben etwa 28 0/0 der Wähler sich zu einem Programm bekannt, das bei ruhiger Betrachtung und nüchterner Analyse ganz absurd erscheinen muß. Die Nationalsozialisten sind eine Minderheit und haben keinen Anspruch auf die Regierung. Dies ist nun unumstößlich bewiesen. Aber jenseits des Politischen gibt es eine psychologische und soziologische Realität, und wir können an der Tatsache, daß diese Bewegung so groß werden konnte, nicht geringschätzig vorübergehen. Um die weitere Entwicklung und die weiteren Chancen des Nationalsozialismus zu beurteilen, müßte man mit den inneren Verhältnissen der Partei genauer vertraut s.ein als wir es sind. Manche erwarten, daß sich nach der Enttäuschung der Reichspräsidentenwahl Zersetzungserschei- Mutigen im nationalsozialistischen Lager zeigen werden. Dies ist plausibel, wenn man bedenkt, daß der Großteil der nationalsozialistischen Wähler in jugendlichem Alter steht und wahrscheinlich in politischer Naivität die Großsprecherei der Führer für bare Münze gehalten hat, so daß jetzt eine Ernüchterung eintreten müßte. Andererseits ist die nationalistische Ideologie in dieser Jugend fest eingewurzelt. Wir Juden haben keinen Anlaß, hier Voraussagungen zu machen, und wir habet! auch keinen Anlaß, besondere Triumphgesänge anzustimmen. Die Lage ist nach wie vor sehr ernst, sowohl für Deutschland im allgemeinen als auch insbesondere für die deutschen Juden. Man darf nicht vergessen, daß ein Mann es ist, der im wesentlichen dieses Resultat jetzt herbeigeführt hat, eine fraglos ungewöhnliche Persönlichkeit, Deutschlands Grand Old Man, ein Mann von 85 Jahren. Und wer die Schwierigkeiten der politischen und wirtschaftlichen Lage sieht, wer die Klippen der bevorstehenden außenpolitischen Entscheidungen und die Notwendigkeit neuer unpopulärer finanzpolitischer Maßnahmen voraussieht, wird nicht mit Sicherheit sagen dürfen, daß die Welle des Radikalismus bereits endgültig gebrochen ist. Wir können nur mit Genugtuung feststellen, daß die Erschütterung der gesamten Kulturposition Deutschlands verhütet wurde und die Staatsmacht fest in den Händen der verfassungstreuen Gruppen bleibt, ■daß die bürgerliche Ordnung und die nienschliehen Freiheiten in Deutschland nicht vernichtet werden können. Wir können nur hoffen, daß auch die Wahlen zum preußischen Landtag, die eine der praktisch bedeutsamsten Entscheidungen zu bringen haben, an dieser Lage nichts ändern werden. Das deutsche Judentum jedoch hat am 13. März wieder einmal den Spiegel seiner Lage vorgehalten bekommen. 11'1/a Millionen Deutsche haben sich für eine Politik entschieden, die als einen ihrer markantesten Bestandteile die — auch formelle — Entrechtung der deutschen Juden enthält. Es braucht hier nicht wiederholt zu werden, mit welchen rassenkundlichen Verstiegenheiten und antisemitischen Hetzereien die nationalsozialistische Propaganda seit zehn Jahren arbeitet. Man darf aber auch nicht in den Irrtum verfallen, anzunehmen, daß die Mehrheit des deutschen Volkes den Nationalsozialismus wegen seines Antisemitismus verworfen hat. Gewiß sind die Nationalsozialisten auch in der Formulierung ihrer antijüdischen Forderungen so weit gegangen, daß der Eindruck der Unseriosität dieser Partei dadurch bestärkt wurde; aber bei sehr vielen Wählern, die jetzt gegen den Nationalsozialismus gestimmt haben, war sicher- Kch nicht dessen Judenfeindschaft der ausschlaggebende Grund für die Ablehnung. Manche Juden werden uns jetzt vorrechnen, daß es gar nicht so viele Antisemiten gibt, zumal ja auch in der NSDAP eine Anzahl von Wählern nicht in erster Linie der Judenpunkt interessiert. Solche Beschwichtigungsmanöver wären fehl am Ort. Man wird vielmehr nicht fehlgehen, wenn man behauptet, daß die Ziffer der mehr ode! minder ausgesprochenen Antisemiten in Deutschland wahrscheinlich weit größer ist als die der natio-!^!sozialistischen Stimmen. Man muß nicht gleich Pogromist sein, wenn man die Juden als fremd empfindet und nicht liebt. Nichts wäre verfehlter, als wenn die Juden oder diejenigen Presseorgane, die hauptsächlich von Juden geschrieben und gelesen werden, jetzt auf die Idee verfallen würden, im Tone allzu intimer Vertraulichkeit sich mit den 18»/* Millionen Wählern, die für Hindenburg gestimmt haben, zu identifizieren. Auch diesseits der Grenzlinie war man besorgt, sich nicht in der Judensache zu exponieren oder gar durch Juden kompromittieren zu lassen. Herr von Hindenbürg legt auf Schmeicheleien aus jüdischem Munde, die ihm seine Feldherrntugenden und seine deutsche Treue attestieren, sicherlich keinen Wert. Die deutschen Juden sollten auf a.ndere Weise zeigen, daß sie Sinn für Würde und Mannesfugend haben. Sie werden gut tun, ihre Situation so zu sehen, wie sie ist. Die Wahl von Hindenburg zum Reichspräsidenten ist ein deutsches Ereignis, kein jüdisches. Die Judenfrage wird dadurch nicht beseitigt. Wenn es Juden gibt, die jetzt erleichtert aufatmen und das Gefühl haben, es sei nun wieder alles beim alten, der Spuk sei verzogen, die Gefahr gebannt, dann wäre es traurig um die Juden bestellt. Die Erfahrungen im Deutschland der Nachkriegszeit, die sich den Erfahrungen in anderen Ländern anreihen, zeigen, daß die Judenfrage besteht, auch wenn sie zeitweilig verschieiert ist. Es ist Sache der Juden, sich auf sich selbst zu besinnen und die Gestaltung ihres Schicksals selbst in die Hand zu nehmen, solange es noch Zeit ist. Ein selbstbewußtes, entschlossen für sich selbst einstehendes Judentum, das seine eigene Situation ernst nimmt und die Verpflichtungen seiner mehrtausendjährigen Geschichte zutiefst fühlt, wird auch innerhalb der deutschen Welt mehr Achtung und Beachtung finden als ein Judentum, das sich haltlos und hemmungslos den Stimmungen des Tages verschreibt. Wir kennen den Typus des Juden, der nur darauf wartet, befreit aufatmen zu können, wenn durch eine politische Entscheidung allgemeiner Art eine momentane Gefahr gemildert scheint, so daß man getrost alle wirklichen Probleme wieder zurückstellen kann. Die Klärung der Judenfrage in Deutschland wird noch viel Denken und viel Arbeit erfordern; sie bleibt als große Aufgabe vor uns, alseine Aufgabe, die in ihrem wesentlichen Kern unabhängig ist von der jeweiligen politischen Konjunktur und die nur von uns selbst einer Lösung nähergebracht werden kann. Die politische Atmosphäre Deutschlands und Europas ist von einem momentanen Albdruck befreit. Es ist eine Atempause gewonnen, die in der großen Politik zur Anbahnung der bevorstehenden Entscheidungen und zur Vorbereitung der aus der soziologischen Umwandlung des Volkskörpers sich ergebenden Veränderungen genut2ri werden muß, die aber uns Juden dazu dienen kann, durch intensivste Arbeit, durch Analyse unserer eigenen Lage und Entwicklungstendenzen, durch aufrechtes Bekennen und organisierte Selbsthilfe, durch fruchtbare Auseinandersetzung mit den wirkenden Kräften und Ideen unserer Umwelt — unter Verzicht auf atavistische, wirkungslose und für ein feineres Empfinden peinliche Zugehörigkeits-Beteuerungen — und schließlich durch Errichtung des Baues für die Zukunft unseres Volkes, an der Herbeiführung eines Zustandes zu arbeiten, der würdiger und für alle Teile befriedigender sein wird als der gegenwärtige. Amerikanische und deutsche Juden Erregung in Amerika über die nationalsozialistische Bedrohung Die amerikanisch-jüdische Wochenzeitung ״Opinion“ äußert sich in einem redaktionellen Artikel über die Beziehung des amerikanischen Judentums zur Lage in Deutschland. Das Blatt hebt hervor, daß die Lageder jiiden in Deutschland sehr bedrohlich ist, weil nach der militärischen, politischen und ökonomischen Katastrophe, die das deutsche Volk durchgemadit hat, ein Jahrzehnt lang systematisch dem Volke eingeredet wurde, daß die Juden an allem Un־ g l ü c k s c h u Id s i n d. Es scheine, daß diese Giftsaat irgendwelche Früchte treiben müsse. Aus diesem Grunde nimmt, so schreibt das Blatt, das amerikanische Judentum stärksten Anteil an der Lage der deutsehen Juden. Wenn Deutschlands Aerger über seine Gläubiger dazu führen sollte, daß Hitler zur Macht kommt und wenn er sein tolles Judenprogramm verwirklicht, dann werden die amerikanischen Juden, sowie die übrigen luden der Welt zu stärkstem Protest genötigt seih. Die amerikanischen Juden wünschen, es möge sowohl in Amerika als auch in Deutschland bekannt werden, daß sie ihre ganze Macht fürdie bedrohten Rechte ihrer auswärtigen Stammesgenossen ein setzen werden. Der Nationalsozialismus erscheint nicht nur den 41/3 Millionen Juden Amerikas, sondern dem ganzen amerikanischen Volke als mittelalterliche Barbarei, und es wäre zu bedauern, wenn als Folge der Durchführung eines solchen Programms eine antideutsche Stim mung in Amerika entstünde. Sollte es zu Ausschreitungen gegen die Juden kommen, wie sie jetzt häufig voti nationalsozialistischer Seite angekündigt werden, dann ist zu befürchten, daß in Amerika eine organisierteDeutschenfeindschaft um sich greift, die die Schwierigkeiten Deutschlands nur vermehren würde. Im Anschluß an diesen Artikel veröffentlicht das darauffolgende Heft der Zeitschrift ״Opinion“ Aeußerungen verschiedener jüdisch-amerikanischer Führer über die Lage der deutschen Juden. Zwölf verschiedene Persönlichkeiten, die alle Kreise des amerikanischen Judentums repräsentieren, geben ihrer lebhaften Besorgnis über die Situation der deutschen Juden Ausdruck. Die Nachrichten über die skrupellose fanatische nationalsozialistische Agitation sind begreiflicherweise auch nach Amerika gelangt und haben bei den dortigen Juden eine immer steigende Erregung hervorgerufen. In den Zuschriften, die ״Opinion“ veröffentlicht, tritt klar zutage, daß die amerikanischen Juden eine entschiedene Aktivität zugunsten der deutschen Juden entfalten wollen. Es wird darauf hingewiesen, daß eine Gruppe von fast fünf Millionen Menschen, die das amerikanische Judentum darstellt, eine erhebliche politische und Wirtschaftliehe Kraft ist. Das Schicksal der deutschen Juden sei nicht eine deutsche Angelegenheit allein, denn das Schicksal der emanzipierten Juden in allen Ländern stehe gleichzeitig dabei auf dem Spiel. Darum müßten die amerikanischen Juden sich ihrerseits an die Mächte der Welt wenden, um sie auf die hier drohenden Gefahren aufmerksam zu machen. Hitlers Antisemitismus. Der ״Völkische Beobachter“ vom 30. März ist dem ״Menschen Adolf Hitler“ gewidmet. Das Blatt enthält auch einen von der Nationalsozialistischen Korrespondenz verbreiteten Artikel von Dr. Joseph Goebbels, in welchem auf die ״Juden- und Marxisten-Presse“ geschimpft wird, die Hitler als ״wütenden Judenfresser und sinnlosen Radaumenschen“ darstellc. ״Wenn Hitler“, schreibt Goebbels, ״gegen die Juden kämpft, dann nicht, weil er einem Öden und eistlosen Antisemitismus huldigt, sondern weil er im Juden a s Sinnbild des deutschen Verfalls erkannt hat“. Judenfrage und Demokratie Von Dr. Arthur Prinz. I. Das lawinenartige Anwachsen des Antisemitismus bringt den meisten deutschen Juden nicht nur eine schwere Bedrohung ihrer Existenz, sondern auch eine tiefe Erschütterung ihres politischen Weltbildes. Denn unter der demokratischen Verfassung, die von Hugo Preuß entworfen und von dem größten Teil der deutschen Judenheit mit Begeisterung auf-• genommen wurde, ist ein Judenhaß aufgekommen, wie ihn Deutschland seit Generationen nicht mehr gekannt hat. Im Kaiserreich litten wir wohl unter einem staatlichen und gesellschaftlichen Antisemitismus, der uns von den Offizier- und Beamtenstellen fernhielt und unser Ehrgefühl kränkte, lebten aber in Sicherheit und wachsendem Wohlstand und erhofften uns das Beste von der siegreichen Kraft ״fortschrittlicher“ liberaler und demokratischer Gedanken. Jetzt aber ist die Weimarer Verfassung, die uns auf dem Papier, besonders in den Artikeln 128 und 135—137, alles gebracht hat, was das jüdische Herz begehrte, über 12 Jahre in Kraft, und Juden sind wirklich mehrfach zu den höchsten Staatsämtern aufgestiegen, aber im Volke selbst greift ein furchtbarer, bis zum Vernichtungswillen gesteigerter Judenhaß um sich -- und. auf welche Aenderung der Staatsform sollen wir noch hoffen? Enttäuscht, bestürzt, rat- und verständnislos steht der im Central-Verein organisierte Teil der deutschen Juden dieser Entwicklung gegenüber, die in der Tat die liberale Fortschrittsideologie grausam deutlich widerlegt. Doch selbst im zionistischen Lager, das sich über die Schwere und den grundsätzlichen Charakter der Judenfrage keine Illusionen gemacht hat, herrscht noch wenig Klarheit über die jüngste Entwicklung, die meist viel zu einseitig auf Wirtschaft-, . liehe Faktoren zurückgeführt wird (wie vor allem die Verelendung des Mittelstandes und die Ablenkung seiner antikapitalistischen Ressentiments auf die Juden im Interesse bestimnrter Unternehmerschichten). Demgegenüber ist gerade der spezifisch politische Zusammenhang, d. h. die Bedeutung der Demokratie für die Gestaltung der Judenfrage, bisher kaum erkannt worden. Hierüber Klarheit zu schaffen, ist dringendes Gebot in einer Zeit, in der nicht nur die geistige Führung der deutschen Juden mehr als je den Zionisten obliegt, sondern in der die Judenfrage bei uns Züge annimjtrt, die wahrscheinlich auch in anderen wichtigen Ländern, wenn ׳ auch weniger kraß, bald zum Vorschein kommen werden. II. Obwohl eines der ältesten Völker, sind die Juden bisher gegen politische Neuerungen nicht skeptisch, nicht mißtrauisch, ja nicht einmal nüchtern-realistisch geworden, sondern empfangen sie meist mit glühender Begeisterung oder blindem Abscheu — es sei nur an die kritiklose Ueberschätzung des. Völkerbundes durch cfie meisten deutschen Juden erinnert. ' So wurden auch an die Einführung der Demokratie Hoffnungen geknüpft, die notwendig mit Enttäuschung enden mußten. Die Hauptursachen dieser übersteigerten Erwartung sind nicht schwer zu finden, Einmal war der Antisemitismus der früher herrschenden Schichten, besonders des Hofes und des Adels,, wohl geeignet, . uns eine Staats Umwälzung sympathisch zu machen, — und dies um so mehr, als die nun zur Macht drängende Arbeiterschaft zum Teil von Juden geführt wurde und den Antisemitismus durchaus ablehnte. Die Erinnerung an die großen Segnungen, die wir der französischen Revolution verdanken, und die Vorstellung, daß jede Zurücksetzung der Juden der Idee der demokratischen Gleichheit widerspreche, taten ein Uebriges. Und endlich mußte auch der Pariamentarismus, das ״government by discussion“, in hohem Maß dem Rationalismus und der dialektischen Begabung und Schulung der Juden angemessen erscheinen. Aber wenn man aus solchen Gründen die größten Hoffnungen auf die Demokratie setzte, so verwechselte man zum großen Teil Liberalismus und Demokratie, — eine Verwechslung, die freilich aus dem viele Jahrzehnte hin,- durch gemeinsamen Vordringen dieser beiden Strömungen historisch verständlich und auch in der nichtjüdischen Welt oft festzustellen ist*). Schon der Parlamentarismus, der sich zur Zeit seiner Einführung bei uns bereits überall im Abstieg befand, ist keine wesentlich demokratische, sondern eine der Welt des Liberalismus zugehörige, auf dem Glauben an Diskussion und Oeffentlichkeit beruhende Institution, — wie Carl Schmitt in seiner hervorragenden Schrift über ״Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus“ (2. Aufl. 1926) klargestellt hat. So haben wir jetzt in Deutschland eine schwere, vielleicht tödliche Krise des Parlamentarismus (wie des Liberalismus überhaupt), während sich die Demokratie in anderen, unmittelbareren Formen wahrscheinlich als durchaus lebenskräftig erweisen wird. Aber darauf können wir nicht näher eingehen. Ungleich bedeutungs- und verhängnisvoller ist für uns Juden die Verwechselung zwischen der demokratischen und der überalen Gleichheitsidee. Es ist keineswegs so, daß die ״Gleichheit all dessen, was Menschenantlitz trägt“, zur demokratischen Gedankenwelt gehörte — im Gegenteil! ״Die Gleichheit aller Menschen als Menschen“, so erklärt Carl Schmitt, ״ist nicht Demokratie, sondern eine bestimmte Art Liberalismus, nicht Staatsform, sondern individualistisch-humanitäre Moral und Weltanschauung“. — ״Jede wirkliche Demokratie beruht darauf, daß nicht nur Gleiches gleich, sondern, mit unvermeidlicher Konsequenz, das Nicht-gleiche nicht gleich behandelt wird.“ Zur demokratischen Gleichheit gehört also eine bestimmte Gleichheit der Substanz. Diese kann in der Uebereinstimmung religiöser Uebcrzeugungen bestehen, wie z. B. bei den englischen Sektierern des XVII. Jahrhunderts, oder in bestimmten physischen und moralischen Qualitäten, wie der ״virtus“ der klassischen Demokratie. Aber ״seit dem 19. Jahrhundert besteht sie vor allem, in der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation, in der nationalen Homogenität“. Welche gewaltige Bedeutung gerade dieser Art substantieller Gleichheit für einen demokratischen Staat zukommt, wird vielleicht am ehesten klar, wenn man sich die ungeheuren Schwierigkeiten vor Augen hält, die selbst bei weitgehender nationaler Gleichartigkeit der Bevölkerung infolge der tiefen wirtschaftlichen und sozialen Gegensätze der Bildung einer aktionsfähigen (d. h. in sich leidlich geschlossen nen), aber andererseits vom Willen der Volksmehrheit ge- *) Diese mangelnde Unterscheidung zwischen Liberalismus und Demokratie findet sich leider auch in der bemerkenswerten neuen Broschüre von Dr. G. Krojanker; ״Zum Problem des neuen deutschen Nationalismus“, bes. S. 27.