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Jüdische Rundschau · 1932-02-01 · 2 (2.1932) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
1 (1932)
Issue
2 (2.1932)
Date
1932-02-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Monatsausgabe Nr. 2, Februar 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 7 Literatur ״Blatt Versuch einer Sinngebung (Josef K a s t e i n ״Eine Geschichte der Juden", Emst Rowohlt- Verlag, Berlin W 50.) Un far a **eher fun alle die ehmares. WrJ uns varbbibtn a naier ainahares, W׳u1 er «»et himmel un erd iberkehren Geloibt ist der un gebenscht soll der xueren, Wos wti verebigen eire treren Heilige, zweilausend jährige treren. (Chaim hachman Biälik Es ist kein Zufall, daß ein Unzünftiger über das Buch des nicht zur Zunft der Historiker gehörigen Josef Kastein referiert. ״Eine“ Oeschichte ist nicht ״die“ Oeschichte der Juden oder schlechthin Geschichte der Juden, sondern eine Geschichte, wie sie sich einem Menschen offenbart, der mit glühender Sehnsucht und wachen Sinnen versucht, sich in dem Ablauf von Schicksalen zurechtzufinden, von denen die Gemeinschaft, der er sich zugehörig fühlt, im Laufe von Jahrtausenden betroffen wurde. Daß ein solcher Versuch «aturnotwendig subjektiver Art sein und nicht die objektive Wahrheit, sondern nur eine zeitgebundene subjektive zutage fördern kann, ist selbstverständlich. Es ist überhaupt fragheb, ob es möglich ist, im Strom des Geschehens etwas Endgültiges über dieses Geschehen auszusagen. Auch über Vergangenes läßt sich nicht einwandfrei feststellen, welchen Sinn dieses Vergangene hatte. Denn auch das Gewesene ist nicht starr und einfach, sondern flüssig und vielfältig. Jede neue Zeit sieht das in den Zeiten Versunkene mit neuen Augen unter neuem Blickwinkel. Eine Erkenntnis der modernen Physik lautet, daß man innerhalb eines bewegten Systems, in welchem man sich befindet, über dieses System nicht aus- Zusagen vermag, wie und nach welcher Richtung es sich bewegt. Historie ist keine Naturwissenschaft. Trotzdem läßt sich auch auf sie mit einer gewissen Berechtigung diese aus physikalischer Ueberlegung gewonnene Erkenntnis anwenden. Aber es kommt ja nicht darauf an, unbewegliche Felsblöcke »ergangenen Geschehens aufeinanderzutürmen, sondern viel- «iehr darauf, aus Vorvergangenem, Vergangenem und Gegenwärtigem Impulse zu gewinnen zu neuer Orientierung. In dieser Hinsicht ist das zweite Werk Josef Kasteins (das erste behandelte Sabatai Zewi, den Messias von Ismir) eine der interessantesten und anregendsten Neuerscheinungen moderner Sinngebung der jüdischen Geschichte. Es sind, wenn man einen Begriff aus der musikalischen Produktion in diesem Zusammenhänge verwenden darf, Kompositionen um ein Grundthema: Das jüdische Volk. Eine Symphonie aus sechs Sätzen versucht die Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft seit den Tagen Abrahams bis zur Wiedererrichtung des Jüdischen Nationalheims in Palästina einzufangen. Jeder Satz ist untergeteilt. Essay reiht sich an Essay und das ganze Werk mutet wie eine neuzeitliche Saga an, in der hinter Meditation und psychologischer Einfühlung ein begeistertes glühendes Herz Akkorde schlägt. Kasfein ist in seinem Werke Partei. Das heißt, er liebt den Helden seines Epos mit leidenschaftlicher Glut. An keiner Stelle spricht er von seiner Uebesleidenschaft. Er gefällt sich in der Rolle eines Deuters and Erklärers. Aber es ist die Liebe, die ihn die Oeschichte seines Volkes so und nicht anders sehen ließ. Josef Kastein ist kein Zünftiger. Er hat mutmaßlich wenig Quellenstudium getrieben und bat in seinem Buch darauf verzichtet, eine lückenlose Chronologie der jüdischen Geschichte zu geben. Es kam dem Autor wohl nicht darauf an, an die vielen kurzgefaßten Leitfäden jüdischer Geschichte einen neuen zu fügen. Er wollte, erkennbar in erster Linie für sich selbst, die Erfahrungen ordnen, die er aus der Lektüre jüdischer Geschichtswerke geschöpft hat Er wollte für sich eine Erklärung finden, warum und wieso die Situation der jüdischen Gemeinschaft in der Gegenwart so ist, wie sie ist und wollte für sich selbst den Nachweis führen, daß er in seiner jüdisehen Entscheidung den Weg gegangen ist, der von den Tagen jüdischen Geschichtsanfangs dem jüdischen Volke vorgezeichnet ist. Interessant ist ■die Entwicklung, die der Autor im Verlaufe seiner Arbeit innerlich durchmacht. Er beginnt mit folgendem Geständnis: , ”W‘.r können n»cht dazu entschließen, ein persöuliches göttli hes Watten vorauszusetzen. Wir können nur aus dem Ablauf der Tatsachen einen Sinn abstrahieren, einen Sinn m seiner Bedeutung als: innerer Grund. Gott hat nicht dieses Volk und diesen Sinn des Volkes gewollt. Das Volk wollte diesen Gott und diesen Sinn.“ Und auf der letzten Seite seines Buches, der 633., heißt es in den Schlußworten: ,,So stehen wir also da: Vielfach entartet und vielfach bemüht, vielfach geschwächt und vielfach vom übermäßigen Willen gespannt, vielfach befeindet und vielfach hoffend; mit unendlicher Vergangenheit, mit geringer Gegenwart und mit einer Zukunft, die nur in der Gestaltungskraft jüdischer Herzen eine Wirklichkeit־ hat So vom Wunderbaren und vom Grauenhaften, so vom Notwendigen und Zufälligen, so vom Ewigen und vom Zeitlichen ist diese Geschichte eines Volkes erfüllt, daß man ihr nicht nahen kann, ohne über alles Dogma der Religion hinweg im tiefsten Sinne gläubig zu werden. So helfe Gott uns weiter.“ An diesen zwei Zitaten erkennt man, wie ergriffen der Autor von seinem Werk, vom Gegenstände, den er behandelt und von der Verpflichtung ist, sich der Gemeinschaft verhaftet zu fühlen, der er sich zuzählt. Es ist ein hohes Maß von darstellender Kunst, daß diese innere Ergriffenheit nicht expressis verbis im Flusse der Darstellung zum Ausdruck gelangt. Die Diktion ist konzentriert und ruhig, aber in jeder Zeile, ja fast hinter jedem Wort fühlt man die motorische Kraft, die Zeile und Wort belebt. Und dies ist der größte Reiz der Kasteinschen Komposition. Das Andante nennt sjch ״Von der Entstehung der Theo■ kratie bis zur Herrschaft des Gesetzes“. Schon der zweite Satz ״Von der Begegnung mit Griechenland bis zur Begegnung mit dem Christentum“ ist Höhepunkt der Darstellung und des Gesamtwerks. Wie es kam, daß das Judentum Hellenismus und Christentum abgelehnt hat, um sich nicht selbst aufzugeben und zu verlieren und warum es als einziges im Altertum diesen Geschichtspbänomenen standhalten konnte, das arbeitet Josef Kastein so scharf und klar heraus, wie man es bisher wohl kaum so packend getan hat. Im dritten Teile ״Von der Ver- I treibung aus Palästina bis zur Besiedlung des Abendlandes“ sind die Abschnitte ״Das bewegliche Zentrum“ und ״Passive Geschichte“ glänzende Essays über zwei der wichtigsten Teil- | Probleme jüdischer Historie. Der vierte Teil ״Von der 6panischen Epoche bis zur Vertreibung aus dem Westen“ rückt in den Mittelpunkt das Wirken der jüdischen Geistesheroen der arabisch-jüdischen Symbiose. Im fünften Teile ״Von der Be- Siedlung des Ostens bis zur Entstehung der Krise“ kommt Kastein auf sein Lieblingsthema, den Messianismus, zu sprechen. Was er im Abschnitt ״Herz und Gehirn“ des fünften Teiles über die Reaktion des jüdischen Westens und des jüdischen Ostens auf den erstarrten Rabbinismus zu sagen weiß, ist neuartig, wenn auch in manchen Details anfechtbar. So schematisch scheint uns diese Epoche nicht zu sein, wie Kastein sie auffaßt. Im letzten Teile ״Vom Kampf um die Gleichberechtigung bis zur jüdischen Renaissance“ behandelt Kastein Probleme, die in die Gegenwart hineinragen und unseren jüdischen Alltag bestimmen. Die Kapitel über die Emanzipation, über Antisemitismus und schließlich die Darstellung der jüdischen Renaissance-Bewegung werden am leidenschaftlichsten bejaht und abgelehnt werden. Immerhin sind auch in diesen Kapiteln in aphoristischem Gewände Erkenntnisse verstreut, die man sonst in der Literatur über Judentum und in der jüdischen Publizistik nicht zu finden vermag. Die Entstehung des Antisemitismus, der Judenhaß als Problem der Nichtjuden, die große Illusion der Emanzipation und ihrer Folgeerscheinungen, all das verdient gelesen und noch einmal gelesen zu werden. Immer wieder leuchtet in Kasteins Buch die Bemühung des Autors durch, den Sinn der jüdischen Geschichte in einer Formel zu fassen. Ansätze zu einer derartigen Formulierung finden sich in allen Sätzen seiner Komposition. Im fünften Teile erst gibt Kastein folgende Quintessenz: ״Die Konstituierung der jüdischen Gemeinschaft als eines Sondervolkes geschah im Begriff und Zeichen der Theokratie. Staat und Gemeinschaft dienten dem Versuch, dieses Ziel zu verwirklichen. Auf diesem Wege, auf dem das haltlose Tasten und die visionäre Zielstrebigkeit sich Wechselse!tlg ablösen, wird schon sehr früh ein Gedanke von ungeheurer Fruchtbarkeit begriffenr Der Mensch ist imstande, Ideen aus sich zu entlassen, die so groß sind, daß das summierte und massierte Leben von vielen Generationen nicht ausreicht, um eine Wirklichkeit entsprechend dieser Idee zu formen. Mit einem Ziel ausgerüstet, das von seinem Entstehungspunkt her den Charakter des Religiösen, des Heiligen tragt, steht der Mensch aus der ständigen Verfangenhe’t in Unwilligkeit, Ichsucht böser Vereinzelung und Not öfter im Versagen als im Erfüllen, ist sein Weg zur Erfüllung hin weit öfter ein Weg zur Auflösung. In dem Augenbl’ck, in dem der Mensch begriffen hat, wie zwangsläufig auf allen Wegen des Bemühens das Versagen, das Zurückfallen, das Nlcht-volIkommener-Werden angetroffen wird, in diesem Augenblick wird der Begriff der Erlösung geboren. Nicht aus dem Gefühl der Verworfenheit und der Sünde, sondern aus der Demut, die darum weiß, daß die schöpferische Gewalt menschlicher Ideen größer, mehr und anderes ist als die Summe seiner geistigen Fähigkeiten. So entläßt das Judentum aus sich den Erlösungsgedanken in dem Augenblick, in dem der Staat, die Gemeinschaft, in der das Bemühen vor sich geht, zerbrach. Dieser Gedanke war national und universal zugleich, politisch und religiös in einem, irdisch und himmlisch in zusammenfas&ender Konzeption.“ Kastein steht seinem Volke und der Geschichte seines Volkes nicht objektiv gegenüber. D. h. er tut nicht so, als ob er objektiv wäre. Denn in Wahrheit gibt es bei der Analyse des eigenen Ich keine Objektivität. Wenn es möglich wäre, daß ein Anatom seinen eigenen Körper seziere, so hätte dieser Anatom ungefähr die seelische Haltung, die Kastein bei der Dar- Stellung seines Themas hat. Aus diesem Grunde ist Kasteins Buch letzten Endes in gewissem Sinne eine Apologie des Judentums und des jüdischen Volkes. Doch ist diese Apologie keine ״Abwehr“, sondern ein Bekenntnis zur eigenen Art, zum eigenen Schicksal und der Ausdruck einer Verpflichtung gegenüber der eigenen Gemeinschaft. Kastein hütet sich, wie er an einer Stelle betont, allzu ausführlich auf die Martyriologie der jüdischcn Geschichte einzugehen. Trotzdem konnte er nicht umhin, immer wieder von den schrecklichen Erlebnissen zu berichten, denen die Juden, besonders im Laufe der letzten zwei Jahrtausende, ausgesetzt waren. Daß er hierbei immer wieder auf die Kirche zu sprechen kommt, die ״ein Schuldkonto an• wachsen ließ, zu dessen Begleichung bis heute nichts geschehen ist“, ließ sich nicht und konnte er nicht vermeiden. Kasteins erstes Werk, Sabbatai Zewi, hatte einen großen buchhändlerischen Erfolg. Dieser wird zweifellos auch der zweiten großen Publikation aus Kasteins Feder beschieden sein. Schon heute geht das Buch von Hand zu Hand. Juden und Nichtjuden greifen danach, weil sie sich sehnen, eine Darstellung des Ursprunges, des Weges und Zieles einer Gemeinschaft kennenzulernen, die im Mittelpunkte des Interesses, der Be־ kämpfung und aller geistigen Auseinandersetzungen steht. Auf die Fragenkomplexe jüdisches Volk und Judentum wirft Kasteins ״Eine jüdische Geschichte“ helles Licht. Es ist nicht das natürliehe Licht eines Himmelskörpers, aber gleich einer Jupiterlampe rückt es die Bühne, auf der das jüdische Volk wandelte, litt und jetzt strebt, scharf in das Gesichtsfeld des Beschauers. ni. w. Bialik-Woche In Wien. Der Besuch Bialiks in Wien gestaltefe sich, wie uns berichtet wird, zu einem großen Ereignis für das Wiener Judentum, Der Dichter wurde am Bahnhof von den Präsidien der Wiener Kultusgemeinde, der Bnei Brith-Logen und zahlreichen Delegationen jüdischer Kultur- und anderer Institutionen Oesterreichs empfangen. Fast die gesamte Tagespresse Wiens berichtete ausführlich über den Empfang Bialiks und widmete dem Dichter und seinem Werk spaltenlange Aufsätze, ln Interviews an die Vertreter der Inlands- und Austandspresse berichtete Bialik über den Erfolg seiner europäischen Reise zur Propagierung des hebräischen Buches, die au'h den Zweck seines einwöchigen Aufenthaltes in Wien bilde, wo ein großzügiges Arbeitsprogramm zu absolvieren ist. Von Wien wird Bialik am 2. Februar nach Palästina zurückkehren. Der Sohar in deuiicher Sprache Dr, Ernst Müller, der bereits seit mehreren Jahren ala Uebersetzer verschiedener Abschnitte des Sohar in die deutsche Sprache bekannt geworden ist, hat soeben einen starken Band §. . . . -־ eingeschätzt werden. Ist doch das Wort ״Kabbala* in aller: Munde, ja es wird sogar häufig durch allerhand Tagespolemik und Zeitungsschreiberei geschleift, aber man kann wohl ruhig sagen, daß es wenige Dinge gibt, bei denen die Menschen, die das Wort gebrauchen, von dessen wahren Sinn so wenig ahnen, wie dieses. Müller hat bereits vor Jahren ein aufschlußreiches Buch über Wesen, Komposition und Oedankenwelt des Sohar (im Verlag R. Löwit, Wien) erscheinen lassen. Nunmehr wird( durch seine Uebersetzung zum erstenmal einem weiteren deutschlesenden Publikum Gelegenheit geboten, in das merk* würdige Werk selbst, das auf ale Entwicklung des Judentums׳ . einen so außerordentlichen Einfluß gehabt hat, Einblick zu ־/. nehmen. Dieses Buch hat seinen festen Platz und einzigartigen Rang in der jüdischen Qeistesgeschichte. Es hat auch außerhalb, des Judentums schon vor Jahrhunderten die Geister auf das. tiefste erregt. Die Kabbala hat bekanntlich führende Qeister der Renaissance inspiziert und auf mysti90h-philosophischeLehren. auch außerhalb des Judentums starken Einfluß gehabt. Später; beim Vordringen der Aufklärung, wurde sie außerhalb dea Judentums ebenso wie innerhalb des Judentums heftig un» kämpft, Aber nicht nur wegen seiner historischen Bedeutung ist das Buch Sohar für uns wichtig, nicht nur als ein. Quellen werk zum Verständnis der jüdischen Qeistesgeschichte, sondern ea־ wird durch seine Gedankentiefe und seine politische Schönhrit vielen Lesern auch heute unmittelbare Erleuchtung und Erhebung gewähren. Die Uebertragung ist ein Meisterwerk der Uebersetzungskunst. Die grundlegenden Soharste.len sind stöft* lieh in sieben Abschnitte gruppiert, alle vorkommenden Bibelstellen sind am Rande naengewiesen. Die Ausgabe ist mit An* merkungen versehen, in denen unter anderem die Buchstaben- und Zanlenmystik sowie Beziehungen zur modernen Qeheim- Wissenschaft behandelt sind. Zwei genaue Indices ermöglichen die inhaltliche und textliche Uebersicht und Benützung. Die Zeichnungen für den Buchschmuck hat der bekannte Graphiker־ Uriel Birnbaum entworfen. Das Werk, das 408 Seiten umfaßt und 20,— M. kostet, ist im Verlag Dr. Heinrich Glanz. Wien V1II, erschienen. Wir werden uns noch eingehender damit zu befassen haben. _ BOcberschan »Oer tödliche Hamanlunu•." In der jüdischen Bücher• reihe der ״Editions Riedei“‘ 7, Place St. Sulpice, Paris, die schon eine ganze Reihe von guten und wertvollen Büchern herausbrachte, erschien soeben ein interessantes Werk von Hans Kohn ״L'Humanisme Juif“ (Preis lb Fr. 2.60 ־=־ M.). Es ist eine Sammlung von 13 Essays, die m ihrer Art einen einzigartigen Ueberblick über die Geistesgeschichte des moder• nen Judentums des letzten Jahrhunderts bieten. Die Einleitung bespricht die geistigen Wurzeln des modernen Juden* tums, als welche der Autor in Anlehnung an Buber den Chassidismus und die Autklärung erkennt. Im übrigen reichen nur die zwei folgenden Aufsätze, nämlich über Heinrich Heine und über die Entwicklung des französischen Judentums, in vorzionistische Zeit zurück. Die weiteren teile des Buches gehören unmittelbar zur Geschichte des jüdischen Natioaalismus, Es genügt, die charakteristischen Ueberschriften der Kapitel hier anzuführen, um ein Bild von dem Aufbau und der Vielseitigkeit des Büchleins zu geben. Der erste Haupt* teil, .,Das abendländiscne Judentum“, enthält folgende Mono* grapnien: 1. Heinrich Heine oder die Dämmerung aes modernen jüdischen Bewußtseins, 2. Aut den Wegen des französischen Judentums, 3. Henri Franck oder das Wiedererwachen des jüdischen Bewußtseins, 4. Andr6 Spire oder der moderne Jude. Im zweiten Hauptteil ״Auf der Suche nach einem jüdischen Humanismus“ finden wir: 5. J. L. Perez oder die jüdische Mystik, 6. Theodor HerzI oder die jüdische Politik, 7. Nathan Birnbaum oder die jüdische Gläubigkeit, 8. der jüdische Liberalismus oder die jüdische Emanzipation, 9. Reubeni, Fürst der Juden (Max Brods Roman) oder die jüdische Ethik. Schließlieh enthält der dritte Hauptteil ״Humanismus und Judentum4 folgende Kapitel: 10. Moses Heß oder der neue Nationalismus; 11. Achad Haam oder der ethische Nationalismus, 12. A. Dt Gordon oder der schöpferische Nationalismus, 13. Martin Buber oder der religiöse Nationalismus. Auch das 14. und Schluß* kapitel ״Nationalismus und Humanität“, beschäftigt sich mit der Figur Martin Bubers, der diese Synthese schuf. Wir glauben, daß dieses Buch schon wegen der Fülle seiner Anregungen und der Geschlossenheit seiner Gesamtkonzeption auch In Deutschland Leser verdient, zumal wir in deutscher Sprache eine ähnliche Arbeit bisher nicht besitzen. Jüdische Stoffe in deutscher Gestaltung. (O. Baltzer ״Judith in der deutschen Literatur“ — W. 4irus, ״Ahasverus der ewige Jude“. — Beide Verlag Walter de Qruyter, Berlin und Leipzig in der Sammlung Stoff- und Motivgesch. der Dtsch. Literatur hrsgg. von P. Merker und G. Lüdtke.) Das sorgfältig durchgearbeitete Buch von Baltzer krankt an der rein formalen Gliederung des ausgedehnten Gebietes, das epische Gestaltungen und Dramen in chronologischer Folge unterscheidet. So kommt eine sehr material reiche und gründliehe, aber doch motivgeschichtlich allzu unergiebige Zusammen- Stellung der Judith-Darstellungen zustande. Bei anderer Anordnung wären die Möglichkeiten des Judith-Motivs deutlicher zutage getreten. Dankenswert ist die Ausdehnung der Frage auf die musikalischen Bearbeitungen des Stoffes und das Verzeichnis der Judith-Aufführungen seit 400 fahren, das uns die dankbare Aufnahme des biblischen Stoffes lebendig vor Augen führt. — Nach anderen Gesichtspunkten gliedert W. Zirus sein Thema. Sein Buch über Ahasverus den ewigen Juden (in derselben Bücherreihe erschienen) beginnt zwar auch chronologisch bei dem Volksbuche von 1602 und seinem Motivkreise; aber es wendet sich dann beherzt zu den Möglichkeiten der Stoff- Gestaltung, behandelt zunächst den Ewigen Juden als Stoff — aen Wanderer, den Zeitkritiker, wie er u. a. auch bei Goethe erscheint, den Leidenden und den Retter — und geht dann zu der Erweiterung des Stoffes durch neue Situationen über. In einem letzten Abschnitte wird dann der Ewige Jude als Idee zu erfassen gesucht. Merkwürdig ist, daß im Gegensatz zu der von Zirus selbst gekennzeichneten Dürftigkeit der überlieferten Sage (die ja übrigens auch gar keine jüdische Sage ist!) die Ausgestaltung im jüdischen Sinne* die Beleuchtung der Probleme des Judentums an der Hand dieser Gestalt viel lebendiger und ertragreicher ist als bei dem viel reicheren Judith-Therask. Nicht nur die historische Situation — Jerusalems Fall — son* dern vor allem die symbolhafte Ausdeutung der Ahasver-Qe* stalt für den Juden aller Zeiten hat von Goethe, Bö me, Jod, Jacoby bis zu den Ahasver-Gestalten von Mauthner, Toller, Mühsam immer neue Gedankenkreise und Wandlungen berührt/ so daß es last scheint, als ob der dürttige Stoff ein wenig von der Ewigkeit des Judenvolkes in sich aufgenommen habe... —bs. ■yi L ״ v4W

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