Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 1 (1932)
- Issue
- 2 (2.1932)
- Date
- 1932-02-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 6 . Zcitichritten-Schau!; Um den AntfiemitUmni ׳■’.־■i letzten Zeit ist die Judenfrage ein beliebter Dis- . |M#*ipns8tpff in deutschen Zeitungen uncf Zeitschriften. Wenn ffijV/?'■. fs auch nicht möglich ist, alle derartigen Aeußerungen zu res}v:; ffotrtcren, so ajri doch auf einige wichtigere hingewiesen, die ' »US persönlichen oder sachlichen Oründen Beachtung verdienen. In «Ta ge-Buch“ vom 30. Januar veröffentlichte Heinrlen Mann einen Aufsatz ״Outgeartete Menschen“, Worin er feststellt, daß der Haß gegen die Juden eine Befried!- gung des deutschen Haßbedürfnisses in dieser Zeit ist, das •eines Gegenstandes außerhalb der Landesgrenzen nicht habbaft werden könne. Outgeartete Menschen aber haben für einander Skepsis und Bereitschaft zum Wohlwollen, und Deutschland sei darauf angewiesen, daß sich andere Völker so zu ihm Verhalten wie ein gutgearteter Mensch zum anderen. Heinrich Mann meint, daß die bisherigen antisemitischen Bewegungen »tets. völlig erfolglos verlaufen sind. Im Hauptteil des Artikels führt er aus, man habe noch niemals die Bedeutung eines Menschentypus m dem Grade übertrieben, wie es der Anti- «unit dem Juden gegenüber tut. Wenn man den Juden an allen möglichen modernen Einrichtungen die Schuld bei mißt, so sei darauf hinzuweisen, daß die luden in der Geschichte Europas niemals die Ersten bei einer Bewegung oder Entwickhing waren, sondern höchstens die Zweiten, immer nur Olieder . th. einer Kette, und auch dies meist nur mit Vorbehalten, da sie immer lieber auf seiten der Mehrheit standen. Wenn Antiaemiten behaupten, in Deutschland hätte das jüdische Bankkapitajden größten Einfluß, 80 sei demgegenüber darauf hinzu- Weisen, aaß erstens die Banken keine jüdische Einrichtung sind, •weiten! aber die mächtigste Gruppe Deutschlands mit dem größten Einfluß auf Politik und Wirtschaft nicht die Banken •jnd, sondern die R u h r -1 n d u s 11 i e, in der kein einzi- Ser Jude sitzt Am schlimmsten aber sei der Kampf gegen *n Jüdischen Intellekt‘', weil sich dahinter die Oeringschätzung des Intellekt• verbirgt, der in Wahrheit die höchste Stufe des menschlichen und die Basis jedes sittlichen Empfindens ist. Die . Antisemiten machen sich mitschuldig an allen sittlichen Unmög- Üchkdten, die auf die Entrechtung der Juden noch folgen würden.!Beklagenswerter als die Juden wären die Deutschen, die als einziges Volk des westlichen Europa im Antisemitismus noch immer eine ernste Verführung fänden. n. Einen sehr merkwürdigen Beitrag zu diesem Thema in kon־ tradiktorischer Form liefert die «Literarische Welt“ in flurer Nummer vom 12. Februar. Hier äußert sich Heinrich Jarcke als Antisemit, der die Juden aus theologischen Gründen verwirft, weil sie der Erscheinung Christis gewürdigt waren, aber Christus abgelehnt haben. Damit hätten sie ihr Schicksal für alle Zukunft gewählt ״Man kann nicht ohne Folgen die irdische Gestalt Christi hervorbringen und dann ein Volk werden, das in Handel und Finanz auf geht.“ Damit rechtfertige sich 1 der Antisemitismus als letzte Konsequenz des jüdischen Verhalten•.. Jarcke polemisiert gegen den oben erwähnten Auf- •atz von Heinrich Mann, der das Judentum zu verharmtosen versucht habe, indem er die Juden als wenig produktiv grkllrt Es genüge, zwei Namen: Karl Marx und Sigmund Freud, zu nennen. Der Verfasser ist aber gegen jeden Pogrom, denn ein derartiges ״auserwähltes Volk“ dürfe, auch wenn es verflucht sei, nicht angegriffen werden, da sonst Gottes Rache den Angreifer ereile. Als jüdische Gegenrede auf Jarcke druckt die Zeitschrift" gleichzeitig eine Aeußerung von Simon Mediaa-AIvarez ab, der anknüpft an den Begriff der lAuserwähltheit“ und der «Säkularisation" und nachweist, daß neide Begriffe nicht auf diejuden beschränkt sind. Pie schlimmste Säkularisation sei die heute übliche Anbetung Verschiedener Nationalgottheiten, die schließlich so «seit fortfchreKef, daß Jede Partei und jeder Jugendbund seine eigene Religion hat und sich selbst vergottet. Diese Säkularipauon entspricht dem heutigen Weltzustand und hm nichts mit dem Judentum zu tun. Der Vorwurf Jarckes, der Jude Marx habe die ,gottgegebene Ewigkeit der Nation historisch rela- Öviert“, seT fcisch, denn dies habe die deutsche idealistische *!^‘*'™Uosophie getan, von der Marx das Ideal, daß die Nation *U* Duraigangsstufe zur Menschheit ist, übernommen hat. Aber der Antisemitismus seihst ist ״das Relative par excellence“. ^SP?-Untcr seinem Schlagwort werden die entgegengesetztesten Vorwürfe zusammengefaßt Der französische Konservative de Maistre habe vom Protestantismus eine Beschreibung geliefert, d|e wörtlich der Schilderung der Juden durch die deutschen Antisemiten entspricht In Wahrheit ist eben der Antisemitismus nur der Versuch, die eigene Unzulänglichkeit nach außen abzureagieren. Zum Schluß warnt der Verfasser dieses Artikels seinen Vorredner, er möge nicht vergessen, daß es sich hier nicht um einen Sport, sondern um wirkliche lebende Menschen handelt. ״Wie können Menschen dieses Maß von Bitterkeit ertragen, das Ihr in ihren Seelen unwissend aufhäuft 1“ Die Redaktion beendet diese fraglos interessante Debatte, aus der wir hier nur andeutungsweise einiges wiedergeben konnten, mit einer eigenen Stellungnahme. Die jüdische Oberschicht, so wird hier betont, arbeitet dem ״Dritten Reich“ vor, indem sie in ihren Betrieben keine Juden mehr anstellt. Den letzten Grund des Antisemitismus sieht der Verfasser dieser Bemerkung in der ״Anonymität des Ghetto“, die heute durch die ״Anonymität des Kapitals“ ersetzt wird. Getroffen werden können damals wie heute nur die, die ״außerhalb dieser Wälle“ stehen. Im Mittelpunkt des ganzen Problems steht aber, was gewöhnlich übersehen wird, das Moralische. Ebenso wie zur Zeit der Dreyfus-Affäre kann auch heute die Frage nur vom moralischen Gesichtspunkt entschieden werden. An dieser Frage, so schließt die ,,Lit. Welt“, sollte sich keiner der Beteiligten vorbeidrücken. C Die Universlt&tsfeler v Das Ereignis der ersten Promotionen an der Universität Jerusalem hat einen überaus starken Eindruck gemacht Auch die englische Zeitschrift ״Near East and Indiau beschäftigt sich aus diesem Anlaß ausführlich mit dem Wesen und heutigen Zustand der Universität, bcschreibt ihre □Uederung in Fakultäten und wendet sich dann an die Araber mit der Bemerkung, daß gerade die hebräische Universität eine Institution sei, die über kurz oder lang auch den Arabern zugute kommen müsse. Freilich höre man auch in manchen Kreisen Zweifel an der Zweckm ä ß i g k e i t der Pflege geistiger Werte in einem Lande, das so viel manueller Arbeit bedürfe. Dr. Magnes habe in •einer Rede gezeigt, daß er diesem Problem nicht blind gegenübersteht Sollten nicht alle Studenten, die jetzt an der ־/ Universität studieren, später Arbeit in Palästina finden, dann werden sie, so schreibt ,,Near East and India“, in die Welt hinausgehen, vküekht nicht mit mehr Kenntnissen als Stu- ,< deuten •öderer Hoc* chuien, aber mit einem Geist, der f'; ■ ein zigartjjf ־׳ a muß, da er von der jüngsten Universitzt des Ww, j.t für das älteste Volk der Welt geschaffen wurde, ervrorfra wurde. Immer, 80 schließt das Blatt, wird f . «ג einen Platz für den geistig Gebildeten geben, und vielteknt bei den Juden »ehr als bei jedem anderen Volke. ■ v . Ueber. die Promotionsfeier berichtet auch das Organ der;1-, deutschen Templer, die in Stuttgart erscheinende ״warte jy;׳*׳: de* Tempels«! df* wir folgenden Absatz entnehmen: ״Die £׳־ jüdische Nationalhvmne schloß die Feier, der man nicht ohne Anteilnahme beiwohnen konnte, wenn man daran dachte, was sie für das jüdische Volk bedeutet: Eine eigene Universität, die nun ihre ersten Jünger herangebildet hat und eine eigene Sprache! Kein Wunder, wurden die Promovierten so begeistert begrüßt und beglückwünscht, war das Ganze doch zugleich, ein Beweis dafür, was man erreichen kann, wenn man ernstlieh will, den Glauben daran hat und zusammenhält.“ * Erziehung zum Selbstgefühl Professor Einstein, der sich gegenwärtig in Amerika aufhält, veröffentlicht, wie Stephen Wise in ״Opinion“ mitteilt, in der letzten Nummer der Zeitschrift ״The Crisis“ eine Botschaft an die amerikanischen Neger. Stephen Wise weist darauf hin, daß hier aus den Lebenserfahrungen eines Juden brüderliche Worte an eine unterdrückte Rasse gerichtet werden. Einstein spricht die Warnung aus, Minoritäten könnten sich infolge des suggestiven Einflusses der Mehrheit mit dem ihnen entgegengebrachten Vorurteil abfinden und schließlich sich selbst als minderwertig betrachten. Dieser andere und wichtigere Aspekt des Uebels. so fährt Einstein fort, kann durch engeren Zusammenschluß und durch bewußte Erziehung und Aufklärung innerhalb der Minorität selbst bekämpft werden. So kann die Emanzipation der Seele der Minorität erreicht werden. — Man wird Stephen Wise zustimmen müssen, wenn er seine Bewunderung dem Manne ausspricht, der in so mutiger Weise sich auf die Seite der Unterdrücktet! und Verachteten stellt. ♦ Urteile über Pal&sHna Professor Paul Rohrbach, der kürzlich aus Palästina zurückgekehrt ist, veröffentlicht in mehreren deutschen Zeitungen Reisebriefe über den Orient, worin er sich auch mit der Palästinafrage befaßt. Nach Meinung Rohrbachs versucht England, in Palästina eine möglichst national gemischte Bevölkerung zu haben, um das Land dauernd beherrschen zu können. Aus diesem Orunde habe man auch den deutschen Templern nach dem Kriege ihren Besitz zurückgegeben. Vor allem aber sei dies der Hauptzweck der Politik des Jüdischen Nationalheims. Der letzte moslemische Kongreß sei ein geschickter Schachzug Englands gewesen, um seine Stellung in der islamischen Welt zu starken. Darum solle auch der Jerusalemer Kongreß zu einer Dauerorganisation gemacht werden. Für die zionistische Siedlungsarbeit sei freilich von einer solchen Institution nichts Günstiges zu erwarten. Auf Grund persönlicher Anschauung betont Rohrbach, daß die zionistische Siedlung zweifellos einen großen moralischen Erfolg bedeutet, wenn er auch in materieller Beziehung noch gewisse Zweifel hat. Die Zeitschrift ״Der Orient“, herausgegeben von Dr. Lepsius, Deutsche Orient-Mission, Potsdam, Roonstraße 13, widmet ihr 6. Heft (Dezember 1931) Palästina. Der leitende Aufsatz ist von Pfarrer Emil Lind (Speyer) geschrieben, dessen vorzügliches Palästina-Buch wir kürzlich angezeigt haben. Dr. Lind teilt seine Betrachtungen über ländliches Volksleben in Palästina in drei Teile: 1. Bei den Beduinen, 2. bei den Fellachen, 3. bei den Chaluzim. Das kurze Kapitel über Chaluzim zeigt freundliches Verständnis für die besondere Situation und besonderen Aufgaben dieser Menschen. Ein Beitrag des bekannten Palästina-Fachmannes Oberstudiendirektors Eberhard befaßt sich mit dem Nationalitätenp r o b 1 e m im heutigen Palästina. Der Verfasser schildert den jüdischen und arabischen Standpunkt mit großer Objektivität und kommt zu dem Resultat, daß das Land für beide Völker genügend Raum und Lebensmöglichkeit bietet. Die Schlüsselfrage der ganzen zionistischen Politik sieht der Verfasser in der Beziehung der Juden zu den Arabern. Es komme darauf an, daß die luden erkennen, daß das Palästinaproblem keine ״reine Judensache״ ist, sondern daß sich hier zwei National- Bewegungen begegnen. Wenn auch heute die extremen Araber große Schwierigkeiten bereiten, erblickt der Verfasser doch die künftige Losung in einem Zusammenwirken der beiden Völker, ohne freilich die tragischen Komplikationen zu verkennen. In der ״Zeitschrift für Völkerrecht“ XVI, Heft II, veröffentlicht Ernst Marcus einen überaus interessanten und instruktiven Aufsatz ״Zur Theorie und Praxis des Mandatssystems״ Mit Recht weist der Verfasser auf den großen Unterschied hin, der zwischen A-Mandaten und anderen fB- und C-) Mandaten besteht und es schwer macht, alle diese Gebilde unter eine einheitliche Kategorie zu bringen. Aber auch zwischen den einzelnen A-Mandaten bestehen gewaltige Unterschiede, die das ganze Wesen der Institutionen betreffen; man denke nur an die Bestimmuneen über das Jüdische Nationalheim im Palästina- Mandat, die dieses Mandat in die Nähe der B-Mandate rücken. Der Verfasser beklagt die unpräzise Fassung des Art. 22 des Völkerbundpaktes, die wohl aus der Vorgeschichte des Völkerbundes zu verstehen ist, aber die exakte juristische Interpretation des Mandatssystems außerordentlich erschwert. Den zweiten Teil des Aufsatzes nimmt eine vielen Lesern gewiß sehr willkommene Bibliographie der wichtigsten Schriften über das Mandatssystem in Anspruch. Kleinere Arbeiten werden nur aus dem deutschen Sprachgebiet erwähnt, wobei der Wunsch ausgedrückt wird, daß eine umfassende Bibliographie von einem der großen Institute für Völkerrecht bald veranlaßt wird. Marcus versteht es, die einzelnen Werke und Schriften mit wenigen Sätzen treffend zu charakterisieren, so daß sein Ueberblick eine vorzügliche Orientierung gewährt. Von ausländischen Werken weist er besonders hin auf das Buch des amerikanischen Staatsrechtlers Wright über das Mandatssvstem, sowie auf eine Reihe französischer und englischer werke (Van Rees, Bentwich). In einer Nachbemerkung über die Praxis des Mandatsrechtes betont der Verfasser, daß die Mandatskommission gezeigt hat, daß sie es mit ihren Aufgaben ernst nimmt; sie paßt sich in immer geschickterer Weise ihren Funktionen an. Dabei erwähnt der Verfasser die Herausarbeitung ״eines Rechtsprinzips, dem heute alle Kolonialmächte beipflichten: Die für weiße Siedlungen notwendigen Gebiete dürfen nirgends den Umfang des zur Ernährung der eingeborenen Bevölkerung unerläßlichen Ackerlandes über Gebühr beschränken“. Es ist für Zionisten besonders belehrend, daß hier in einer staatsrechtlichen Arbeit auf die allgemeine Geltung dieses Satzes hingewiesen wird, dessen — freilich vielfach irrige — Anwendung auf Palästina zu schwierigen Auseinandersetzungen geführt hat. Steigende Keren Hajessod-E ngänge. Das Hauptbüro des Keren Hajessod teilt mit, daß an Spenden im Monat Dezember 1931 £ 21 647 gegen £ 18 351 im November und 16 205 im Oktober eingeflossen sind. An den Oe. amteiuuahinen des ersten Quartals des laufenden Budgetjahres in Höhe von £ 56 204 sind die Vereinigten Staaten mit £ 16 628, England mit £ 10 753, Südafrika mit £ 8729 und Polen mit £ 4002 Beteiligt. Die Vergleichsziffern für das Quarta! Oktober-Dezember 1930 und 1929 etragen £ 43 091 bzw. £ 59116. Die Eingänge sind also erheblicn höher als im letzten Jahre. Das Hauptbüro hat an sämtliche Komitees und an alle seine Delegierte die Mahnung gerichtet, in den kommenden Monaten die Aktionen auch dort, wo sie bisher aufges hojen werucn mußten, unter binsatz aller Kräfte durchzuführen. Monatsausgabe Nr. 2, Februar 1932 mm" ״ ״',' ״ ' ' —. ... ■...u......■■.»■«..■1. ... ..I 1 «. in M<j. 11. Der Helldorf-Prozeß Das Urteil in dem Prozeß gegen die wegen des Ueberfailes am Rosch Haschanah angeklagten Nationalsozialisten ist so ausgefallen, wie man nach dem schleppenden Verlauf des Prozesses erwarten konnte. In dieser bewegten Zeit, wo taglieh neue Eindrücke und neue Probleme auf die Menschen ein* stürmen, liegt es nahe, daß eine Angelegenheit, die fünf Monate zurückliegt, allmählich das Interesse verliert und der unmittel* bare Eindruck verblaßt. Auch liegt es nahe, daß bei einer Massenaktion, bei der viele Hunderte uniformierter Personen beteiligt waren, es im Laufe der Zeit immer schwerer wird, die einzelnen Täter zu agnoszieren und juristisch vollgültig nachzuweisen, daß gerade diese Person sieb ganz bestimmter Taten schuldig gemacht hat. Für die jüdische Oeffentlichkeit ist auch die Strafe, die dieser oder jener jugendliche Demonstrant zugemessen bekommt, von sekundärem Interesse. Worauf es ankommt, ist die Oesamtbeurteilung dieser Vorfälle und die Art und Weise, wie man damit ins Oerieht geht. Vor allem ist natürlich die Frage der Organisierungund Leitung des Ueberfalles auf Juden von Bedeutung. Niemand kann doch ernstlich glauben, daß Hunderte von Nationalsozialisten rein ״zufällig“ am 12. September auf den Kurfürsten dämm kamen und dort spontan die aus der Synagoge kommenden Juden attackierten. Irgend jemand muß doch diese Aktion organisiert haben. In diesen entscheidenden Punkten hat das Gericht versagt. Es kam zu: dem Ergebnis, daß den Führern der beteiligten S.A,, Grafen1 HelldorFund seinen Adjutanten, die Leitung der Aktion nicht nachgewiesen werden kann. Wer a b e r hat den Ueberfall organisiert? Wir haben hier nicht in juristische Argumente einzutreten, zumal da uns der Wortlaut des ganzen Urteils noch nicht vorliegt. Wir haben nur die politische Wirkung abzuschätzen. Und da muß leider gesagt werden, daß das Urteil jn hohem Maße das Verhalten jener Nationalsozialisten rechtfertigt, die sich während der ganzen Verhandlung über das Oericnt und den Prozeßgegenstand offen lustig gemacht und diese Art der Ahndung schwerer Roheitsakte verspottet haben. Das Gerieht findet zwar, was freilich das mindeste war, was in einem noch geordneten Rechtsstaate von ihm erwartet werden mußte, Worte der Mißbilligung für die Ueberfälle des 12. September, aber es kleidet diesen Tadel in verhältnismäßig milde. Worte und läßt es auch an Entschuldigungsgründen für die jungen Leute nicht fehlen, ohne der Kernfrage, wessen Werkzeug diese Jugendlichen waren, ernstlich zu Leibe zu gehen. Wenn wir uns die Frage vorlegen, ob dieses Urteil eine nachhaltige Abschreckungswirkung gegen die Wiederholung ähnlicher Exzesse besitzt, so muß man leider etwas skeptisch sein. Da in dem Prozeß Revision eingelegt wurde, so wird sich die endgültige Erledigung der Angelegenheit wohl noch einige Zeit hinziehen. Kleine Nachrichten Die jüdische Industrie in Palästina hat im letzten Jahre einen gewaltigen Aufschwung genommen. Nach den letzten statistischen Mitteilungen hat sich die Produktion der Oelfabrik ״Schemen“ im Jahre 1931 um 20 0/0 gegen 1930 vergrößert. Die Zementfabrik ״Nescher“ hat ihre Produktion um 10 0/0 gesteigert und die Haifaer Mühlen (,,Grands Moulins“) um 15—20 0/0 gegen 1930. Trotz der Errichtung einer Zementfabrik in Tripolis hat die Nachfrage nach palästinensischem Zement wegen dessen Qualität in Syrien nicht nachgelassen. Professor Einstein und Frau werden Ehrengäste bei einem vom Jüdischen Nationalfonds in L 0 s A n g e I e s für den 28. Februar angesagten Bankett sein. Die letzten Nachrichten aus Palästina besagen, daß in den letzten zwei Wochen in den verschiedenen Gegenden des Landes, darunter auch im Emek und im Jordantal ziemlich ausgiebige Mengen Regen gefallen sind. Diese sehnlichst erwarteten Regentälle geben die Hoffnung, daß die gefürchtete Gefahr der Mißernten abgewendet wird. Dagegen sind beim Landwirtschafts-Departement in Jerusalem neue Alarmmeldungen über das massenhafte Auftreten von Feldmäusen eingelaufen und das Regierungs-Departement bereitet sich auf einen heftigen Abwehrkampf dagegen vor. Lady Erleigh, die Tochter von Lord Melchett und Schwiegertochter von Lord Reading, und Colonel F. H. Kisch, der frühere politische Leiter der Zionistischen Exekutive in Palästina, sind am 11. Februar in Palästina eingetroffen. Lady Erleigh begab sich in die Villa Mond in Migdal. Bei den in der Nähe von Nablus (Sichern) betriebenen Ausgrabungen stieß man auf •eine von den Juden errichtete mächtige Mauer, an die die Römer zur Zeit des Herodes das Forum gebaut hatten, ferner auf Gräber mit zahlreichen Gold- und Silbergegenständen, sowie Glasgefäßen, auf einen ausgezeichnet erhaltenen, aus Stein gebauten Wasserleitungskanal und auf ein römisches Mausoleum mit steinernen Särgen. Am 1. März werden die Werkstätten der palästinensischen Eisenbahn, die bisher in Kantara sich befanden, nach Haifa überführt Die neuen Gebäude in Haifa sind bereits fertiggestellt. Angrenzend an die Eisenbahn-Werkstätten wurde eine Flächte von 700 Dun am von der Regierung zur Errichtung des Zentralflughafens Pa- 1 ä s t i n a s bestimmt. Der High Commission er Sir Arthur Wauchope hat am ״Neujahrsfest der Bäume“ (Chamischa assar b'schwat), am 23. Januar, auf der Farm des Herrn Broza in Moza bei Jerusalem eine neue Baumpflanzung eingeweiht. Dr. Arlosoroff, der den High Commission er begleitete, hesurhte mit Wauchope dann noch die Kwuza Dilb (Kirjat!. anawim) sowie die Mädchenfarm bei Jerusalem. Im Jahre 1931 kamen, wie jetzt mitgeteilt wird, 4075 Juden, 1245 Christen und 1211 Moslems nach Palästina. In dem gleichen Jahre verließen 666 Juden, 573 Christen und 107 Mos- Fems das Land. Der englische Polizeirichter von Jerusalem, Cressal, hat am 19. Februar die 32 Personen, die am 30. Januar wegen Teilnähme an einer angeblich kommunistischen Freiluftversammlung verhaftet wurden, freigesprochen. In der Urteilsbegründung wird das Vorgehen der Polizei außerordentlich scharf getadelt. Die Zionistische Föderation Australiens hat mit dem Jüdisehen Nationalfonds ein Abkommen getroffen, betreffend Pflanzung eines Waldes in Palästina auf Boden des KKL,, der den Namen Monash-Wald zum Andenken an den vor kurzem verstorbenen General Sir John Monash tragen soll. Monash war bekanntlich ein treuer Jude und Förderer des Palästinawerkes. In Cluj (Klausenburg) wurde die vom Jüdischen Nationalverband für Transsylvanien gegründete Volksuniversitat feierlich eröffnet. Die palästinensische Frauen-Petition an die Abrüstungskonferenz trägt Unterschriften von 8545 Frauen. Auf Einladung des Instituts für höhere internationale Stu* dien in Genf wird der frühere Oberstaatsanwalt Palästinas, Norman Bentwich, Mitte 1932 in GenF eine Serie Vorlesungen über das Thema ״Die Entwicklung der ottomanischen Kapitulationen in der Türkei, Palästina und Aegypten“ halten.