Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 1 (1932)
- Issue
- 2 (2.1932)
- Date
- 1932-02-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr, 2־, Februar 1932 Banken - Zusammenlegung Das wichtigste wirtschaftliche Ereignis der letzten Zeit ist die mit Reichshilfe vorgenommene Fusion und Umorganisation der großen Geldinstitute, die nicht nur in der Zeit vor dem Kriege, sondern auch einige Jahre nach der Inflation die mächtigsten Pfeiler des Finanzkapitals in Deutschland darstellten. Mit dem Begriff der D-Banken war im Vorkriegsdeutschland die Kapitals- und Wirtschaftsmacht des Deutschen Reiches innig verknüpft; wenn es auch nicht ganz zutrifft, daß die Politik im Sinne der Bankinteressen geführt wurde — vielmehr haben oft, man erinnere sich an den Plan der Bagdad-Bahn, die Banken sich ins Schlepptau der Politik nehmen lassen —, so ist der Einfluß der Großbanken und ihrer Führer in der Epoche des liberalen Staates von außerordentlicher Bedeutung gewesen. Diese Bedeutung hat sich im Laufe der letzten Jahre stark zugunsten der Schwer- Industrie verschoben. Die Banken wurden allmählich aus ursprünglichen Herren industrieller Unternehmungen deren Sklaven, und nunmehr erlebt man im Gefolge der Wirtschaftskrise und als Begleiterscheinung des allgemein gesunkenen Vertrauens, nicht zuletzt von der politischen Seite her, eine Schrumpfung und noch weitere Konzentrierung des in den Banken organisierten Finanzkapitals. Charakteristisch ist, daß dieser Prozeß durch staatliches Eingreifen und mit Staat- Hcher Hilfe durchgeführt wurde. Und wenn auch bei den letzte12_Transaktionen, sowohl staatlicherseits wie auch von den Banken selbst, die Hoffnung zum Ausdruck gebracht wurde, daß man bei Eintritt günstiger Bedingungen wieder frei von Staatseinflüssen den Banken die ehemaligen Wirkungs- und Wirtschaftsmethoden einräumen werde, so kann man dazu nur sagen, daß diese Absichten vorläufig nur fromme Wünsche sind, welche erfahrungsgemäß sehr oft nicht erfüllt werden. Jedenfalls haben wir jetzt den Zustand eines gemischt-wirtschaftlichen Provisoriums, und ein Provisorium ist nach einem geistreichen französischen Ausspruch dauerhafter als alles andere. Das Problem der Großbanken wird irrtümlicherweise sehr häufig mit der jüdischen Gemeinschaft in Verbindüng gebracht. Natürlich werden auch jetzt von der nationalsozialistischen Presse die ״jüdischen Bankdirektoren* für die Inanspruchnahme von Steuergeldern für Bankenstützungen verantwortlich gemacht. Diese Angriffe sind demagogisch. Richtig ist, daß bei der Gründung vieler europäischer Großbanken und bei dem damit verbundenen wirtschaftlichen Aufschwung jüdische Menschen hervorragenden Anteil nahmen, richtig ist, daß ln der Vergangenheit einzelne jüdische Bankiers, was sich geschichtlich aus der Wirtschaftsrolle der Juden im Mittelalter erklären läßt, auf dem Geldmärkte bedeutenden Einfluß hatten. Dieser Zustand ist aber längst dahin. Die bedeutendsten Weltbanken in Amerika, England, Deutschland, Italien und anderwärts sind von jüdischem Einfluß frei. Ein weithin sichtbares Beispiel in dieser Hinsicht ist der amerikanische Morgan-Konzern. Einzelne jüdische Großbankiers haben noch heute an manchen Kapitals- und Börsenplätzen der Welt Bedeutung, aber dieser Einfluß ist verschwindend; die Zeit scheint für immer dahin zu sein, da eine Baronin Rothschild naiv, über völlig zutreffend sagen konnte: ״Es wird zu keinem Kriege kommen, mein Mann gibt kein Geld dazu.* Die Zurückdrängung der Juden zeigte sich ganz deutlich auch bei der Wiener Kredit-Anstalt, die bis vor kurzem von Rothschild beherrscht wurde und wo jetzt nur arische Direktoren zugelassen werden. Vielmehr ist in der Entwicklung, die das Bankwesen in der letzten Zeit genommen hat, eine fortschreitende Tendenz zur Vertrustung des Finanzkapitals zu sehen. Ob diese Entwicklung zu einem Monopolzustand in der Kapitalsbewirtschaftung führen wird, wie etwa in der Petroleum-Weltproduktion, oder Ä1 einer allmählichen Verstaatlichung der Finanzinstitute, kann, wie die Dinge heute liegen, kein Mensch voraussehen. Jedenfalls schreitet ein Prozeß weiter, der das Bestehen kleinerer, individuell, unter den Bedingungen freier Konkurrenz wirtschaftender Einzelpersonen erschwert und allmählich unmöglich macht. Insofern ist diese Entwicklung bedeutsam für die jüdische Gemeinschaft, die sich hauptsächlich aus kleineren und mittleren selbständigen Existenzen zusammensetzt. Wenn die Wirtschaff allzu stark vom Staate kontrolliert wird, ohne selbst Staat zu sein, dann ist leicht die Verlockung denkbar, daß je nach politischen Gesichtspunkten die Wirtschaft zugunsten oder zum Schaden bestimmter Gruppen beeinflußt wird. Bei der durchgreifenden Bürokratisierung wird die mißliebige Minderheit ausgeschaltet. Ein Beispiel hierfür bildet der aus Polen bekannte, die jüdischen Wirtschaftspositionen vernichtende ״Etatismus“, der nur ein anderes Wort für Staatskapitalismus ist. , Für die Juden der Gegenwart ist die Frage der Um- Schichtung eine der wichtigsten, ln früheren Jahrhunderten hatten die Juden immerhin in vielen Fällen die Möglichkeit, wenn ihre wirtschaftliche Funktion in irgendeinem Lande entweder überflüssig geworden war oder als solche betrachtet wurde, in andere Gebiete der Diaspora zu ziehen, wo man den Juden, wenn auch nicht mit Sympathie entgegenkam, sie doch als einen für das Wirtschaftsleben des betreffenden Landes willkommenen und notwendigen Faktor schätzte. In der Gegenwart sind die Wirtschaftstendenzen nicht an Landesgrenzen gebunden. Die ehemalige Wanderung der Juden von einem Lande in das andere muß jetzt in der Diaspora ersetzt werden durch eine Abwanderung von einer Wirtschafts־ und Gesellschaftsform in eine sich durchsetzende, neue. Diese Erkenntnis, altes zionistisches Gedankengut, wird heute von den verschiedensten Richtungen — wenn auch nicht immer mit aller Konsequenz — akzeptiert. Das Mittel, den kommenden Entwicklungen gewachsen zu sein und ihre menschlich und jüdisch auf unsere Gemeinschaft destruktiv wirkenden Folgen abzubiegen, ist der Entschluß, im Wege der Selbsthilfe eine Normalisierung der jüdischen Gemeinschaft anzubahnen. Es ist auffallend, daß der russische Bolschewismus und der Zionismus in dieser Hinsicht die gleiche Stellung ein nehmen, indem sie das Juden- Problem durch Normalisierung und geschlossene Siedlung auf einem. Territorium zu lösen versuchen. Hierbei ist für die Frage, auf welchem Territorium und auf Grund welcher jüdisch-kulturellen Gegebenheiten dies geschehen soll, der Ausgangspunkt entscheidend. Daß wir als Träger des historischen Judentums im Bestreben, dieses historische Judentum zu erhalten und zu verjüngen, den Primat Palästinas aufgestellt haben, ist natürlich. Daß in der Sowjetunion angesichts des dort geltenden Primats der Verwirklichung des Kommunismus andere Wege gegangen werden, ist vom Standpunkte der Sowjetleute begreiflich. Wir glauben, daß — ganz abgesehen von allen nationalen Gefühlsgründen — aus zwingenden Gründen der Wirtschaftsentwicklung heute der Aufbau eines wirtschaftlich normal strukturierten jüdischen Gemeinwesens in Palästina, und auch in der Diaspora, eine Um- Schichtung erforderlich sind, um die Erhaltung des jüdischen Volkes unter allen Wirtschafts- und Gesellschaftsbedingungen zu sichern. m. w. Konvention gegen Antisemitismus Von Dozent Dr. Guido T e d e s c h i (Rom) Aus Italien kommt die Anregung zur Schaffung einer internationalen Konvention gegen acn Antisemitismus unter de* Auspizien des Völkerbundes. Alle der Konvention, beitretende» Staaten sollen sich verpflichten, eine strenge Gesetzgebung gegen antisemitische Ausschreitungen und alle Formen von Judenhaß zu schaffen. Den Gedanken einer solchen Konvention entwickelte als erster der im internationalen Rechtsleben bekannte Dozent an der Universität Rom Dr. Guido Tedeschi, ein Jude, Verfasser grundlegender Werke über Zivilrecht. Dr. Tedeschi veröffentlichte unter dem Titel ״Für eine i 111 e r n a t i o ־ nale Konvention gegen den Antisemitismus“ in der Monatsschrift ״Israel“ (Florenz) einen Aufsatz, den er auch der_״Jüd. Rundschau“ zur Verfügung gestellt hat. Tedeschis Ausführungen gipfeln in folgenden Anregungen: Die in den verschiedenen Ländern gegenwärtig geltenden Gesetze zur Bestrafung der Aufhetzung eines Teils der Bevölkerung gegen den anderen haben sich als durchaus ungenügend zur Abwehr der Angriffe auf Ehre, Leben und Eigentum der Juden erwiesen. Neben den objektiven Verhältnissen tragen an diesen Zuständen auch die Sentiments der Richter bei, die, wo es sich bei der angegriffenen Partei um Jude» handelt, sich nicht entschließen können, die ganze Strenge des Gesetzes walten zu lassen. Diesen Uebelständen kann nur eine spezifische Gesetzgebung begegnen, die. in einer internationalen Konvention der Mächte einen Rückhalt hat. Eine solche spezielle Gesetzgebung bildet kein Novum in der Geschichte: In der Vergangenheit haben manche Päpste spezielle Gesetze gegen Juaenverfolgung geschaffen, so z. B. Innocenz IV., der in verschiedenen seiner Bullen den .Judenverfolgern mit Exkommunikation und Vermögens-Konfiskation gedroht hat; in ähnlichem Tone waren die diesbezüglichen Dekrete der Päpste Gregor X. und Paul III. gehalten. Der polnische König Kasimir IV. hat in seinen ״Privilegien“ für die Juden auf Peinigung von Juden sogar die Todesstrafe gesetzt. Welche Meinung man auch über das Sowjetregime in Rußland haben mag, eines muß man anerkennen, daß antisemitisehen Erscheinungen aller Art dort außerordentlich scharf zu Leibe gegangen wird. Ebenso wie dort antisemitische Ausschreitungen als ״antirevolutionäre Sabotage“ geahndet werden, müßten die übrigen Staaten mit Fug und Recht antisemitische Ausschreitungen als ״a n t i s t a a 11 i c h e“ Unternehmungen ahnden, denn in der Tat untergraben antisemitische Akte die Festigkeit des Staates nach innen und sein Ansehen nach außen. Vielen Staaten würde es aus innerpolitischen Ursachen schwer fallen, isoliert eine solche Gesetzgebung zu schaffen. Wird aber die Angelegenheit auf einen internationalen Boden gestellt, so wird es den einzelnen Staaten leichter fallen. Den Vorrang, einen Antrag zur Schaffung einer Internationalen Konvention gegen den Antisemitismus zu stellen, hätten die englischen Juden, die sich schon bisher ihrer in verschiedenen Ländern verfolgten Glaubensgenossen mit großem Mut angenommen haben, über eine starke aktive und einflußreiche Organisation für Ehren- und Rechtsschutz der Juden verfügen und so hervorragende Persönlichkeiten wie den jetzigen Innenminister Sir Herbert Samuel in ihrer Mitte zählen. Viele Regierungen, die durch staatsschädigendc antisemitische Aktionen fortwährend beunruhigt werden, müßte eine internationale Konvention, di« die Bekämpfung de» Antisemitismus erleichtert, geradezu begrüßen. Der Präsident des tschechoslowakischen Senats Über Palästina. Die Prager ״S e I b s t w e h rc< veröffentlicht kürzlieh eine Sonderausgabe über das Werk des Keren Hajessod, die unter zahlreichen Kundgebungen führender jüdischer und nichtjüdischer Persönlichkeiten der Tschechoslowakei auch eine Kundgebung des Präsidenten des tschechoslowakischen Senats und führenden Mitgliedes der tschechoslowakischen Sozialdemokratic Dr. Franz Soukup enthält. Soukup schreibt‘: ״Wir in der Tschechoslowakei verfolgen mit dem höchsten Interesse die Entwicklung der Kolonisationsarbeit in Palästina und wünsehen dem großen Werk der Regeneration aus ganzem Herzen volles Gelingen. Denn mit Erstaunen und Bewunderung sehen wir heute auf all das, was in den letzten zehn Jahren in Palästina. geschehen ist, und es erscheint uns wie ein modernes Wunder. Es wächst ein neues Palästina jüdischer Bauernarbeit als wichtige Etappe in den internationalen Weltbeziehungen. Ein Palästina, das auch den versklavten arabischen Fellachen Freiheit bringt, ein Land des Friedens, der Arbeit, der sozialen Gerechtigkeit. Die bisherigen Erfolge sind ein Beweis dafür, daß diese Arbeit nicht nur gerecht, sondern auch erfolgreich geführt werden wird, und wir sind eins mit der Kulturmenschheit in der Hoffnung, daß die neue gesunde, bewundernswürdigt und heroische junge Generation des jüdischen Volkes in Palästina in ihrer Entwicklung gesichert werden und für immer ein Pfeiler sein wird, der die Weltzivilisation im Kampf um eine neue bessere Gesellschaft und wahre Humanität stützen wird.“ Ueber Franz Rosenzweig. In der ״Schule der Jüdischen Jugend“ sprach Rabbiner Dr. Ignatz May bäum vor einem kleinen Kreise ernsthaft denkender junger Menschen über ״Franz Rosenzweig und die jüdischen Positionen des 19. Jahrhunderts“. Aus seinen scharf gliedernden und beschwingten Worten stieg die unvergessene Gestalt des allzu früh Vollendeten aber eben doch: Vollendeten — wieder auf und es ergab sich, wie unendlich viel dieser Einzige unserer Jugend zu sagen hat — gerade durch seine nicht immer leicht durchschaiibare Stellung zu den jüdischen Positionen seiner Umwelt. Wenn er die Orthodoxie theoretisch ablehnt, das Gesetz, das den Juden vom Juden trennt, so hat er doch eben dies Gesetz selbst praktisch zu verwirklichen gesucht — das Gesetz, dem wir nur entlaufen, das wir aber nicht ändern können. Wenn er sich vom Liberalismus schied, dem er entstammte, so hat er ihm doch seine Bedeutung und seinen Weg im 19. Jahrhundert zugewiesen. Und wenn er zionistischen Theorien sich nicht anschließen konnte, wenn er die ״geliebte Gefährdung“ seines Judentums durch das Deutschtum nicht missen mochte, so strömte doch seines Herzens heißester Quell dem reichen jüdischen Leben entgegen, das der Zionismus im fast erstarrten Juden des neunzehnten Jahrhunderts entfachte: unter den Zionisten fand ja dieser ״Nicht-Zionist“, wie bekannt, die ״besseren Juden“, und den Zionismus des Siddur und des Machsor — den hat er nie vergessen. Besonderer Gewinn des Abends war die Diskussion, die sich hinterher in engerem Kreise noch stundenlang fortsetzte und wesentliche Punkte der schon beginnenden ״Rosenzweig- Philologie“ zur Sprache brachte. Noch größerer Gewinn aber wäre es, wenn der Wunsch des Redners Wahrheit würde: wir alle hoffen, daß die von seiner Frau vorbereitete Ausgabe von Franz Rosenzweigs Briefen bald ans Licht gelangt — und dadurch die denkerische und menschliche Entwicklung dieses einzigen Menschen, dessen heldenhaftes Leben und Sterben unserer jüdischen Jugend heut schon fast zum Svtnbol ward, in ihrer ganzen Lebensfülle aufs neue vor uns aufersteht. BathHillel. ..........imtimui.iiiiihhiiuiiiiiiii.niimiini.... Der Sdmecsturm in Palästina Der heftige Sturm, der zwischen dem 7. und 12. Februar in Palästina tobte, hat dem dortigen Leben für mehrere Tage das Oepräge gegeben, was auch in den Zeitungen zum Ausdruck kommt. Einige Einzelheiten verdienen Erwähnung. So z. B. hat der neu gebaute und noch unvollende Hafen in Haifa zum ersten Male seine schützende Funktion erfüllt, indem er ein großes Schiff innerhalb seiner Wellenbrecher aufnahm und auf diese Weise vor dem Sturm bewahrte, und zwar den vielen Palästina-Reisenden bekannten Lloyd-Dampter ,,Vienna“. Ferner wird gemeldet, daß eine Anzahl von englischen Militär-Flugzeugen auf ihrem Weg von Bagdad nach Kairo zu einer Notlandung gezwungen waren, wobei drei Flugzeuge verloren gegangen bzw. verunlückf zu sein scheinen. Große Genugtuung hat natürlich er ausgiebige Regenfall hervorgerufen, ln Jen!״ 8a!em, um dessen Wasserversorgung für den kommenden Sommer man ernstliche Sorgen hatte, hatte der Regen bereits am 10. Februar ungefähr den Stand des Vorjahres erreicht. Ein besonderes Ereignis war der Schneesturm. Ganz Jerusalem ist von einer Schneedecke von mindestens 5 cm Höhe bedeckt. Seit dem Winter 1919/20 gab es nicht mehr so viel Schnee in der Stadt. Dies ist natürlich für Palästina eine Sehenswürdigkeit. Es wird berichtet, daß viele Ausflügler speziell nach Hebron fuhren, um den Schnee zu sehen, der dort in besonders großen Mengen gefallen sein soll. Wenn man von Haifa mit aem Auto nach Jerusalem fährt, ist die Landschaft bis etwa Nablus vollständig grün, von da an verwandelt sie sich in eine Winterlandschaft mit leuchtender Schneedecke. Die Jerusalemer Jugend vergnügt sich ausgiebig mit Schneeballschlachten, ein seltenes Vergn&gen, das man so sehr ausnützte, daß, wie die Blätter melden. die Polizei sogar einige Verhaftungen vornehmen mußte, weil die ״Kämpfe“ schließlich zu wild wurden. Für viele Kinder in Jerusalem war der Schnee ein völlig neues, bisher nur aus Büchern bekanntes Phänomen. Es wird aber hervorgehoben, daß die einzigartige Landschaft Jerusalems in ihrem weißen Gewand einen besonders schönen Anblick bot. Freilieh bringt angesichts des Umstandes, daß es in den meisten Häusern keineHeizanlagen gibt, diese Kälte viele Unannehmlichkeiten mit sich. Besonders die ärmeren Schichten der Bevölkerung haben schwer zu leiden. Der Kälteschaden in den Pflanzungen, die durchwegs im Tale liegen, war jedoch gering. Poststempel mit dem Abzeichen der Levante-Messe. Von der Post Tel-Awiw wird jetzt ein besonderer Stempel mit dem Abzeichen der Ausstellung, dem fliegenden Kamel, und der Einladung, die Ausstellung in Palästina zu besuchen, benutzt. Der Stempel ist in hebräisch, englisch und arabisch gehalten. Die Post ln Jerusalem und Haifa wird demnächst gleichfalls alle Post mit einem solchen Stempel stempeln. Jedes Land darf nur seine eigenen Jaden hauen Altbekannt ist die weitläufige antisemitische Praxis, die sich im Grundsatz äußert: Haust du meine Juden, hau ich deine Juden. Es ist aber festzustellen, daß jedes Land peinlieh darauf bedacht ist, sich das Privilegium auf die eigenen Juden nicht entwinden zu lassen. Vor einigen Tagen passierte es, daß Nationalsozialisten in Königsberg jüdische Passanten polnischer Staatsbürgerschaft überfielen und mißhandelten. Wie die amtliche polnische Telegraphen- Agentur meldet, hat nun der polnische Generaikonsu I beim Oberpräsidenten von Ostpreußen Beschwerde eingelegt und gefordert, daß man in Zukunft dafür Sorge trage, daß polnische Staatsangehörige in Königsberg nicht belästigt werden, in der nationalsozialistischen Presse Ostpreußens wird nun höhnisch darauf hingewiesen, daß in Polen in der letzten Zeit schwere Ausschreitungen gegen Juden vorgekommen sind und daß es darum grotesk anmutet, wenn die polnische Regierung im A u s I a n d e Juden zu schützen sich bemüht, die sie in ihrem eigenen Lande nicht genügend schützt. Daran erkennt man, daß die Nationalsozialisten sich im jüdischen Fragenkomplex sehr wenig auskennen. Vogelfrei sind mitunter die Juden eigener Staatsbürgerschaft, keineswegs aber Juden, welche Bürger fremder Staaten sind. In Fällen, wo Juden im Auslande ungerecht behandelt und geschädigt werden, beeilen sich die Heimatregierungen mit besonderem Eifer nachzuweisen, daß sie aui der Wacht stehen und die Rechte ihrer Staatsangehörigen mit allen Mitteln wahrzunehmen bereit sind, ln polnischen Zeitungen, nicht nur Regierungsblättern, sondern auch in Organen der polnischen Rechtsopposition, wird aus Anlaß der Königsberger Vorfälle die Forderung erhoben, daß die polnische Regierung in allen Fällen, in denen polnische Staatsangehörige in Deutschland benachteiligt werden, zu Repressalien greifen solle, woraus hervorgeht, daß durch derartige Ausschreitunfjen der Nationalsozialisten für deutsche Staatsbürger im Ausande unliebsame Schikanen folgen können. Das Wilnaer Kreisgericht verurteilte Bronislaw Szemiaszko wegen Teilnahme an den antijüdischen Ausschreitungen in Wilna zu einem Jahr Gefängnis. Dies ist der erste Fall der Verurteilung eines Nichtjuden wegen Teilnahme an dem Wilnaer Pogrom, dagegen wurden bis jetzt vier Juden zu je 11/2 Jahren Gefängnis und einer zu einer kleineren Strafe wegen angeblicher Mißhandlung von Nichtjuden verurteilt. ln verschiedenen Teilen Polens wird seit kurzem die antijüdische Boykottpropaganda mittels Flugzeugen geführt. Am 23. d. M. hat ein Aeroplan massenhaft Flugblätter mit Aufrufen der ״Liga vom Grünen Band“ auf die Straßen Krakaus geworfen. Auch die Städte Lublin und Biala-Podloska wurden mit Boykottaufrufen von Flugzeugen aus überschwemmt. Verantwortlicher Redakteur: Dr. Werner Bloch, Berlin-Wilmersdorf. Verlag: Jüdische Rundschau G. m. b. H., BerlinW15. Druck von Siegfried Srholem, Berlin - Scheneberg.