Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 1 (1932)
- Issue
- 2 (2.1932)
- Date
- 1932-02-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/10855476-10855472-2653351--015-2691662- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
׳;Seite. 4־ JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr. 2, Februar 1932 Das neue Protokoll der Mandatskommission Ein Bericht des deutschen Vertreters l>r, Ruppel Anläßlich der Tagung des Völkerbundsrates i«♦ soeben das Protokoll der 21, Session der Permanenten Mandatskommission des Völkerbundes (26. Oktober bis 13. November 1931) *von der Publikationsabteilung des Völkerbundes herausgegeben worden (Preis 10 sh.). Das Protokoll enthält wie immer den Bericht der Kommission an den Rat, sowie diesmal auch den ,Spezialbericht über den Vorschlag der englischen Regierung, betreffend die Emanzipation von Irak. Die Berichte der Kommission sind vom Völkerbundsrat angenomm9n worden, insbesondere wurde die Aufhebung des Irak-Mandats am 28. Januar vom Rate genehmigt. Das vorliegende Protokoll enthält eine Reine wichtiger und interessanter Diskussionen, die für die Beurteilung des Mandats- Systems als solchem wichtig sind. An erster Stelle ist hier die •Debatte über die Aufhebung des Irak-Mandates zu erwähnen. Bekanntlich handelt es sich dabei um den ersten Fall 4er Aufhebung eines A-Mandates, also eine Frage, die für die anderen A-Mandatsländer (Syrien und Palästina) von größter Bedeutung ist. Wir haben bereits mitgeteilt, daß die Mandats- Icommission sich dem Vorschlag der britischen Regierung, das Mandat für beendet zu erklären, nicht widersetzt hat, doch sind im Laufe der Debatte zahlreiche Zweifel an der Richtigfcelt und Zweckmäßigkeit dieses Schrittes laut geworden. Die Mandatskommission legte auch besonderen Nachdruck auf die J>ei der Aufhebung des Mandates notwendigen Garantien. Palästina hat in dieser Session der Mandatskommission nur eine untergeordnete Rolle gespielt. In der Eröffnungsrede "hat der Präsident. Martin TJjeodoli, die Stellungnahme der letzten Völkerbunds-Vollversammlung erwähnt, worin darauf hingewiesen wird, daß seit den Unruhen von 1929 die Ruhe in Palästina nicht gestört wurde und der Hoffnung Ausdruck gefeben wird, daß die Anstrengungen der Mandatarmacht, d i e üdische Einwanderung zu erleichtern, ohne die Rechte der arabischen Bevölkerung zu beeinträchtigen, von Erfolg gekrönt sein mögen. Weiter wurden im Verlaufe der Tagung verschiedene Petition en behandelt, darunter eine Petition der Agudas Jisroel, deren Prüfung für die nächste Session verschoben wurde, eine Petition der Arabischen Exekutive, die die üblichen Einwendüngen gegen das Mandat erhebt und die daher von der Mandatskommission als unvereinbar mit den Bestimmungen des Mandats zurückgewiesen wurde, sowie eine Reihe von kleineren Angelegenheiten. Ein besonderes Interesse verdient die Behandlung einer Beschwerde, die zwar auch nur eine Nebenfrage betrifft, aber zu charakteristischen Aeußerungen Anlaß gan. Es handelt sich um die Eingabe eines gewissen Israel Ami kam vom 8. Juli 1931, der als palästinensischer Bürger darüber Beschwerde führt, daß in hebräischen Buchstaben abgefaßte Telegramme von den pa« lästinensischen Telegraphenämtem nicht angenommen werden. Den Bericht über diese Petition erstattete im Plenum der Mandatskommission das deutsche Mitglied der Kommission Ministerialdirektor Dr. Ruppel. Amikam führte in seiner Petition aus, daß gemäß dem Mandat die hebräische Sprache eine der offiziellen Sprachen Palästinas sei und daß darum die Nichtannahme hebräisch geschriebener Telegramme cjne eklatanteVerletzungdes Mandats bedeute. Die Palästina-Regierung, die diese Petüion an die Mandatskommission übersandte, begleitete dieselbe mit Bemerkungen, in denen dargelegt wird, daß die Annahme von in hebräischen Buchstaben geschriebenen Telegrammen mit großen technischen Schwierigkeiten und Vroben Kosten verbunden wäre; die Mehrkosten würden sich auf jährlich 4500 Pfund belaufen. Wohl müsse bei richtiger Interpretation der Mandatsbestimmungen die hebräische Sprache in gesetzgebenden Versammlungen, bei Gerichten, bei Ein- *gaben an die Regierungen u. ä. m. zugelassen werden, dies bedeute jedoch noch nicht, daß die Regierung bei einer kommerzieflen Unternehmung, wie es die Post ist, verpflichtet sei, den Gebrauch von allerlei Buchstaben ohne Rücksicht auf den finanzjcllen Effekt zuzulassen. Das oberste palästinensische Gericht hatte bereits einmal entschieden, daß die Nichtannahme hebräisch geschriebener Telegramme dem Mandat nicht widerspricht. Telegramme in arabischen Buchstaben werden zur Befordemng angenommen, weil die arabischen Buchstaben im Internationalen Telegrammverkehr zwischen arabischen Ländern anerkannt sind. In seinem Bericht an die Kommission bezweifelt Dr. Ruppel die Richtigkeit der von der Palästina-Regierung angeführten Entscheidung des palästinensischen Obersten Gerichts; eine solche Entscheidung sei für die Mandatsinstanzen nicht maßebend. Die Frage müsse vom Standpunkt der Gleich- _ e r e c h t i g u n g aller offiziellen Landessprachen betrachtet werden. Ist es den Arabern erlaubt, in arabischen Buchstaben geschriebene Telegramme abzusenden, warum soll man den Juden verbieten, ihre Telegramme in hebräischen Buchstaben abzusenden? Die Tatsache, daß die arabischen Buchstaben im internationalen Verkehr zugelassen sind, ist für die Frage an sich nicht von Belang. Mehr ins Gewicht fällt die Tatsache, F daß Palästina als die nationale Heimstätte für das jüdische Volk anerkannt ist und daß die Regierung gemäß dem Mandat verpflichtet ist, die Schaffung einer jüdischen Heimstatte zu erleichtern. Dr. Ruppel erinnert an die prinzipielle Konklusion, die sich die Mandatskommission in ihrer 17. Session hinsichtlich des Palästina-Mandats zu eigen gemacht hat, nämlich daß man zwischen dem Endziel des Mandats und dessen unmittelbaren Aufgaben unterscheiden müsse, wobei für die Erreichung des Endziels keine Frist festgesetzt werde, und behandelt dann die Sprachenfrage vom Gesichtspunkt dieser Konklusion. Die britische Regierung, führt er aus, weist aut praktische Schwierigkeiten hin. Es sei möglich, daß die Schwierigkeiten kleiner sind als man glaubt. Es sei nicht zu verstehen, wie die Regierung glauben könne, daß man bei Annahme hebräisch geschräebener Telegramme die Angestelltenzahl bei den Telegraphenämtern verdoppeln müßte; sind denn nicht auch jüdische Telegraphenbeamte in entsprechender Zahl vorhanden? Wohl leben wir heute in einer Zeit der Krise, in der Sparen oberstes Gesetz ist, aber der Beschwerde der jüdischen Bevölkerung liegt ein ernstes Motiv zugrunde. Gewiß wird die Frage mit der Zeit wieder auf der Plattform erscheinen, dann werde die Regierung die prinzipielle Seite der Frage nach dem Grundsätze der Gleichberechtigung aller Elemente der Bevölkerung in Betracht ziehen. Zum Schluß stellte der Referent folgenden Antrag, der auch von der Kommission akzeptiert und in den Bericht an den Völkerbundsrat aufgenommen wurde: ״Nach Prüfung der Petition von Herrn Israel Amikam und den dazu gehörigen Bemerkungen der britischen Regierung hält die Mandatskommission es nicht für richtig, in dieser Sache eine Empfehlung an den Völkerbundsrat weiterzugeben, doch hofft die Mandatskommission, daß die Mandatarmacht von Zeit zu Zeit die Frage neu priif e n wird, um festzustellen, ob die technischen und finanziellen Schwierigkeiten, die bisher die Annahme von Telegrammen in hebräischen Buchstaben verhindert haben, noch vorhanden sind. Die Kommission wird sich freuen, von der Mandatarmacht informiert zu werden, sobald diese Frage endgültig geregelt ist.״ Die Pläne des Ex-Khediven Durch die Veröffentlichung der angeblichen arabischen V e rständigungsvorschläge für einen jüdisch-arabischen Ausgleich in Palästina ist der Name des Exkhediven Abbas H i I m i in den Vordergrund des Interesses getreten. An dien Besuch, den Abbas Hilmi in Palästina, Syrien und der Türkei machte, haben sich schon seit Wochen verschiedenste Kombinationen geknüpft, die auch in der Weltpresse ihren Widerhall fanden. Besonders häufig wurde Abbas Hilmi als Prätendentfür den syrischen Thron bezeichnet. In der letzten Zeit war Palästina der Ort mehrerer politischer Besuche, und es ist begreiflich, daß dies allerhand Ger ü c h t e entstehen ließ, wobei schwer nachzuprüfen ist, ob an diesen Gerüchten etwas Wahres ist. Vom zionistischen Standpunkt ist dazu nur zu sagen, daß man sich hüten muß, diese Dinge einfach zum Gegenstand journalistischer Sensationen und hemmungsloser Diskussionen zu machen. Die Frage der jüdisch-arabischen Verständigung ist seit Jahren akut, und jedem einsichtigen Zionisten ist längst klar geworden, daß sie die Kernfrage der zionistischen Politik bildet. Die starke Nervosität, die in manchen zionistischen Kreisen entsteht, wenn von dieser Frage die Rede ist, dürfte zum großen Teil darauf zurückzuführen sein, daß man keinen praktischen Weg einer solchen Politik sieht und daher das Thema mehr zum Gegenstand innerzionistischer Kämpfe machen möchte. Längst ist jedoch betont worden, daß es sich bei dieser Frage heute nicht mehr um Deklarationen des ״guten Willens“ handeln kann, sondern um den Versuch, technische Möglichkeiten für eine staatsrechtliehe Lösung zu finden, die den Frieden im Lande wiederherstellt und dadurch eine ruhige und stetige Entwicklung auch des Jüdischen Nationalheims möglich macht. Unter diesem Gesichtspunkt wird mit aller Gewissenhaftigkeit jeder Vorschlag zu prüfen sein, der wirklich ernsthaft von verantwortlicher Seite vorgebracht wird, und man wird dabei die schwerwiegenden Folgen einer akzeptierenden ebenso einer ablehnenden Haltung im Auge behalten müssen. Es ist bisher noch immer nicht aufgeklärt worden, ob die unter dem Namen von Ajbbas Hilmi segelnden in 20 Punkten zusammengefaßten einen realen Charakter haben, oder ob es sich nur um eine literarische Arbeit (oder gar um eine Fälschung) handelt. Im Zusammenhang aber mit der Rolle, die Abbas Hilmi dabei spielen soll, erhalten die Informationen erhöhtes Interesse, die in der palästinensischen Presse noch vor der Veröffentlichung der Abbas Hilmi-Vorschläge an seinen Besuch in Palästina geknüpft wurden. Die arabische Zeitung ״Feiestin“ teilt mit, sie habe über das ״Geheimnis“ des Besuches von Abbas Hilmi, sowie der Reise des High Commissioners nach Aegypten und des Gegenbesuches des ägyptischen Premierministers Sidki Pascha in Palästina, Untersuchungen angestellt und aus zuverlässiger Stelle folgendes erfahren: Diese Besuche sind verknüpft mit dem Plan, Abbas Hilmi zum König von Palästina (und nicht von Syrien, wie es zunächst hieß) zu machen. Dr. Machmud Asmi (ein ägyptischer Journalist, der mit einer russischen Jüdin verheiratet ist und schon seit mehreren Jahren freundschaftliche Beziehungen zu zionistischen Kreisen unterhält, auch jetzt mit Abbas Hilmi in Palästina war — Anm. der Red. der ״J. R.“), habe es unternommen, die zionistischen Kreise für diesen Plan zu gewinnen. Auch die Besuche Lord Readings in Palästina, seine Begegnungen mit den Juden, mit Abbas Hilmi, mit dem Emir Abdullah und mit der ägyptischen Regierung waren Glieder in der Kette dieser politischen Aktion, dem Abbas Hilmi den Königsthron oder das Emirat über Palästina zu verschaffen. Jetzt sei man damit beschäftigt, auch die Zustimmung Frankreichs zu gewinnen. Der Emir Abdullah, der selbst nach dem palästinensischen Königsthron gestrebt hat, habe auf sein Ziel verzichtet, da er fürchtet, der Aufgabe, sowohl die Juden als auch die Araber zufriedenzusteilen, nicht gewachsen zu sein. König Fuad von Aegypten habe gewisse Bedenken, weil Palästina zu nahe an Aegypten liege und Abbas Hilmi als ehemaliger Khedive von Aegypten auch nach dem ägyptischen Thron zu streben scheine. Auch der französische Hochkommissär von Syrien, Ponsot, habe gewisse Bedenken. Aus diesem Grunde sei Lord Reading in Aegypten geblieben, und die Reise des High Commissioners nach Aegypten, sowie seine Gespräche mit König Fuad, mit dem Ministerpräsidenten Sidki, der zwischen Fuad und Abbas Hilmi vermittelt, diene derselben Sache, ebenso der Gegenbesuch Sidki Paschas in Palästina, sowie die telegraphische Einladung Ponsots an Sidki, ihn in Beiruth zu besuchen. Was die Stellung Englands betrifft, so scheine England vor allem den Wunsch zu haben, den Intrigen des Exkhediven ein Ende zu machen, indem es seinen Ehrgeiz befriedigt. Ferner wolle England auf diese Weise die Palästina-Frage, die mit zunehmender Zeit immer mehr kompliziert wird, lösen. Was die Juden betrifft, fährt ״Felestin“ fort, so verstehen sie schon, daß ihr Traum der Gründung eines Juden- Staates nicht verwirklicht werden kann. Die englische Politik wird ihnen dazu nicht verhelfen, die jüdischen Geldgeber beginnen, ihre Taschen zu verschließen, und eine jüdische Mehrheit in Palästina sei nicht zu erreichen, da die Araber sich damit nicht beruhigen werden und die ganze moslemische Welt sich dann gegen den Zionismus wenden würde. Daher sei es besser, die palästinensischen Verhältnisse so zu regeln, daß sie sowohl die Juden als auch die Araber befriedigen. Worüber sich die Juden mit dem Exkhediven auf der einen Seite und mit der britischen Regierung auf der anderen Seite geeinigt haben, ist uns, so schließt ״Felestin“, nicht bekannt. Aber Dr. Asmi und verschiedene englische politische Persönlichkeiten haben den Juden die Versicherung gegeben, daß das geplante Programm sie befriedigen wird. Dr, A r 10 s 0 r o f f hat in einer Pressekonferenz der Jewish Agency in Jerusalem erklärt, seines Wissens habe weder die britische Regierung, noch die Regierung Palästinas irgendwelche Kenntnis von Vorschlägen, betreffend eine arabischjüdische Round Table-Konferenz. Die sogenannten Abbas Hilmi-Vorschläge seien zweifellos eine Mystifikation. Ferner wird aus Palästina gemeldet, daß die Arabische Exekutive am 17.Februar eine Sitzung abgehalten hat, auf welcher eine Erklärung abgegeben wurde, daß die Arabische Exekutive von diesen Vorschlägen keine Kenntnis hat. Finanzaktlon in U.S. A. Am 18. Januar fand im Hotel Astor in New York unter dem Vorsitz von Morris Rothenberg und unter Teilnahme des Präsidenten des American Jewish Committee und des Administrative Committee der Jewish Agency Dr. Cyrus Adler, ferner Felix Warburgs und anderer prominenter amerikanischer Nichtzionisten, die der Jewish Agency angehören׳, die Landeskonferenz des Keren Hajessod statt, der 600 Delegierte, Zionisten und Nichtzionisten, aus allen Teilen der Vereinigten Staaten beiwohnten. Es wurde beschlossen, im Verlaufe des Jahres 1932 2 500 000 Dollar für die Fortführung des jüdischen Aufbauwerkes in Palästina aufzubringen. : Tel-Awiw bekommt ein Museum (Von unserem palästinensischen Korrespondenten.) gl Tel-Awiw, 9. Februar 1932. ״Tel-Awiw bekommt ein Museum.“ Als die Nachricht vor einiger Zeit bekannt wurde, haben wir, zumindest viele von un$, die Sache nicht sehr ernst genommen, vielleicht auch die Köpfe geschüttelt. Museum — da denkt man an die Riesengebäude von Berlin, von Paris, Rom, Florenz. Was kann Tel- Awiw, diese neue und nicht reiche Stadt, dem an die Seite stellen? Wird das nicht wieder eines der mit viel Bombast be- Sonnenen Unternehmen, das zuviel Publizität bekommt und ann enttäuscht? Und haben wir nicht eigentlich andere und größere Sorgen? Jetzt steht das Museum kurz vor seiner Eröffnung. Und .wenn man, bevor noch der Vorhang aufgeht, Gelegenheit hat, .einen Blick hinter die Kulissen zu tun, dann staunt man, freut sich, tut Buße für seine Ungläubigkeit. Es ist natürlich nicht 80, daß man hier plötzlich den Palazzo Vecchio aus dem Boden gestampft hätte. Aber was da ist, präsentiert sich als ein vernünftiger, gut aussehender Anfang, dem man den Respekt nicht versagen kann. Die Initiatoren dieser Sache scheinen ihren Weg zu kennen. Und das ist nicht wenig. Als zentraler Mann steht hinter dem Unternehmen der langjährige Bürgermeister von Tel-Awiw, Meir Dizengoff. Er stellte dem Museum sein Haus zur Verfügung, richtete es dementsprechend ein, installierte Werke aus seinem Priyatbesitz. Eine .Gesellschaft der Museumsfreunde wurde gegründet, Verbin״ düngen angeknüpft, mit den Sammlungen begonnen. Es soll hier ein Zentrum für jüdische Kunst entstehen, aber auch das weite Feld allgemeiner Plastik und Malerei, der Graphik und des Kunstgewerbes soll nicht zu kurz kommen, soweit es ir. dem gegebenen Rahmen möglich ist. wenn man das Haus betritt, dessen Fenster auf die Baumreihen des Rothschild-Boulevards hinaussehen, tritt man in eine Aftnpsphäre besonderer Art. In diesen einfachen Räumen, mit ihrer stillen Belichtung, den vorsichtig abgetönten Leinenwänden, von denen sich die Bilder in langen Reihen abheben, fühlt man sich wie in einer guten Kunstausstellung kleineren Stils. Man entdeckt bei dem Vergnügen, das man empfindet, plötzlich wieder sein ״europäisches“ Herz, das man hier im Orient, den man lieben gelernt hat, manchmal vergißt. Was bisher hier zusammengekommen ist, macht einen erfreulichen Eindruck: neben Werken palästinensischer Künstler, Werke von Pasternack, Chagall, Struck, Kissling, Klaus Richter und anderen. Aus dem Besitz des holländischen Sammlers Levin in Antwerpen sind ein Vlaminck, ein Ensoor, ein Utrillo nach Tel- Awiw gewandert. In einer Ecke begrüßt man mit warmer Freude eine alte italienische Glasmalerei, in einer anderen eine Pute Kopie des David von Verrocchio aus dem Barghello in lorenz. In den Schränken werden die Mappen mit Graphiken aufbewahrt, die in wechselnden Ausstellungen erscheinen sollen. Und noch eine Befriedigung erwartet den, der vor der Eröffnung in das Haus dringen darf, ln einem der Säle findet man die abgelehnten Biider. Hier findet man — in einer Anhäufung von Schrecknissen — den Beweis, daß das leitende Komitee ründlich die Sendungen sortiert, die aus den verschiedenen ändern einlaufen. Wenn diese Vorsicht der genauen Auslese weiter geübt wird, dann ist ein anständiges Niveau der Kunstwerke gesichert. Ist dieser Anfang nun in der Tat eine Rechtfertigung des Unternehmens? Vielleicht könnte man die Frage nur zweifelnd bejahen, wenn es sich um eine reine Kunstsammlung handelte. Denn sie wird in nächster Zeit sicher bescheiden bleiben und immer nur sehr kleine Ausschnitte aus dem unübersehbaren Gebiet der Künste umfassen. Aber es kommen wichtige andere Momente hinzu. Schon heute sind die Aussichten für eine Be- Schickung dieses Museums viel besser als in irgendeiner anderen Stadt von der Größe und Bedeutung Tel-Awiws. Erkündigt man sich über die Herkunft der einzelnen Stücke, so erhält man einen handgreiflichen Beweis von der lnterterritorialität der Judenheit. Und man empfindet von neuem, wie sich unsichtbare Fäden spinnen zwischen diesem kleinen Städtchen am Mittelmeer und den verschiedensten Ecken der Welt, von wo schon heute, kurz nach der Gründung des Museums, Künstler und Sammler ihre Beiträge senden. Una weiter: man beschränkt sich bei dieser Sammlung ,nicht auf Originale. Dieser weise Beschluß des Kuratoriums öffnet weite gut gangbare Wege. Wenn es wirklich gelingt, eine große Anzahl guter Reproduktionen hier zusammenzubringen — und die Güte der Drucke läßt ja heute kaum mehr etwas zu wünschen übrig — so ist etwas Bedeutendes hier für die Jugend getan. Für unsere Generation genügt es, wieder einmal die Luft einer Ausstellung zu atmen, ein paar Bilder zu sehen, um die Säle des Vatikan, des Dogenpalastes, des Louvre, der Sammlungen halb Europas wieder im Geiste vor sich zu sehen. Hier aber wächst eine Generation heran, denen nicht nur die Paläste und Kirchen von Florenz, Venedig und Rom, die Tempel von Pästum und die Säulen der Akropolis kein klarer Begriff sind, sondern die niemals Meisterwerke der Kunst in einem Museum gesehen haben. Nur die dünne Oberschicht, die im Auslande studiert oder Erholungsreisen macht, kennt auch Kunstwerke. Sie braucht uns aber nicht zu interessieren; worauf es ankommt, sind die Tausende, denen diese Welt verschlossen bleibt, wenn sie nicht in Palästina selbst etwas sehen können. Da könnte eiiie solche Sammlung, besonders wenn sie noch mit einer Kunstbibliothek — wie es in der Tat geplant ist — verbunden ist, sehr erzieherisch wirken. Jüdische und allgemeine Kunst, diese Begriffe enthalten für den Durchschnittseuropäer meist eine Begrenzung auf Europa, vielleicht noch — seit einigen Jahrzehnten ־־־ mit Aegypten. Was ״östlich von Suez“ liegt, ist ein Gebiet für Spezialisten. Für Palästina geht das nicht an. Hier treten als Kunstwerke neben die Kirchen Roms die Moscheen von Damaskus und Jerusalem, neben die Reliefs der Griechen die Fayencen der Perser. Auch in diese, auch für viele Erwachsene Palästinas noch unbekannte Welt, die Jugend einzuführen, Abbildüngen zu sammeln, entsprechende Vorträge und Führungen zu veranstalten — das wäre eine lohnende Aufgabe. Vielleicht erscheinen solche Ausblicke überheblich und verfrüht. Schließlich — so wird vielleicht mancher sagen — es sind ja nicht mehr da als ein paar Zimmer mit ein paar Bildern. Aber vor kurzem war auch das nicht da. Und gerade diese Idee, die sich jetzt in ihrem ersten Kern in dem Museum verwirklicht, dürfte in weiten Kreisen auf Verständnis und Interesse stoßen. 1