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Jüdische Rundschau · 1932-01-01 · 1 (1.1932) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
1 (1932)
Issue
1 (1.1932)
Date
1932-01-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausg&be Nr. 1, Januar 1932 ״,־’Seite 6 Weizmann ״Abend in London Am 7. Dezember abends fand im Grosvenor House, Park Lane, zu London ein von der Jewish Agency und der Zionistischen Organisation veranstaltetes großes Bankett zu Ehren von Dr. Chaim Weizmann statt. Es war dies die glänzendste Veranstaltung, die die englische Judenheit seit einer langen Reihe von fahren gegeben hat. Prominente englische Staatsmänner aller Parteien und Führer der Judenheit in der ganzen Welt vereinigten sich zu einer Huldigung für den früheren Präsidenten der Jewish ’ Agency. Etwa 700 Persönlichkeiten nahmen an dem Dinner teil. Den Vorsitz führte Lord Reading. Lord Reading sprach zunächst Worte der persönlichen Bewunderung für Dr. Weizmanns Charakter und seine staatsmännische Leistung. Sodann schilderte er ausführlich Weizmanns Lebensgang, seine Verbindung mit dem Zionismus und sein öffentliches־ wirken seit dem Jahre 1917. Hierbei spielte der Redner auch auf die Kritik an, die Weizmann erdulden mußte, wie jeder im politischen Leben stehende Mann. Niemand dürfe aber vergessen, daß Weizmann unüberwindlich scheinende Hindernisse überwunden hat, weil er nie schwankte und nie den Mut und den glühenden Glauben an seine Sache verlor. Unter Hinweis auf die jüdische Bevölkerung Palästinas sagte Lord Reading, indem er hervorhob, dies sei ״die einzige politische Anspielung, die er an diesem Abend machen wolle“: diese Menschen haben Anspruch auf Sicherheit unter der Aegide der britisehen Regierung. Die Balfour-Deklaration werde immer ein Beweis der Gerechtigkeitsliebe des englischen Volkes sein, wenn auch in der Praxis die Wege einer Mandatarmacht nicht Immer glatt sind. Als zweiter Redner sprach der frühere Minister der Kolonien und konservative Führer L* S. Amery Er sagte u. a.: Wir huldigen heute einem hervorragenden Manne. Gelehrten, Staatsmann, Diplomaten, einem Manne, mit dem sich wenige vergleichen können, der seine hohen Gaben in.den Dienst eines rein idealen Zieles gestellt hat. Wenn es je eine idealistische Bewegung gegeben hat, so war es der Traum, den in der ganzen weit verstreut lebenden Juden ein Kulturzentrum, ein eigenes Nationales Heim in dem Lande ihrer Väter zu schaffen. In einer kritischen Zeit der englischen Geschichte hat sich Großbritannien verpflichtet, das Jüdische Nationalheim zu fördern. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die glauben, daß das Britische Reich seinen Zenit überschritten hat und der Auflösung entgegengeht. Im Gegenteil, ich glaube an eine Erneuerung des Reiches durch neue Formen, durch biegsaniere konstitutionelle und wirtschaftliche Bindungen, an ein Wachsen des inneren Zusammenhalts und des äußeren Einflusses des Reiches. In keinem Teil der Welt ist dieses Wachstum unseres Einflusses wichtiger für uns und wahrsch ein lieh fruchtbarer für die Wohlfahrt der Menschheit als in diesen alten Ländern zwischen Mittelmeer und Indien, die die •Wiege der Zivilisation waren. In diesem Wachstum ist Palästina durch seine Lage der strategische, wirtschaftspolitische und geistige Schiüsselpunkt, aber es kann diese seine Funktion nur dann erfüllen, wenn seine verborgenen Möglichkeiten auf allen diesen Gebieten entwickelt werden. In dieser Aufgabe sind die Juden unsere einzigen möglichen Verbündeten, ^ebii gie sind ein großes Volk, das bereit ist, sein,Geld, seine JnteUigenz und seine Seele hierfür einzusetzen. Uebergehend Auf die Gegensätze zwischen Juden und Ara- :bern in Palästina, sagte der Redner, es sei für den Erfolg ^Großbritanniens in Palästina unerläßlich, daß — ungeachtet unseres unerschütterlichen Treue Verhältnisses zu den Juden — wir mit GeduM und Ausdauer das Wohlergehen der arabischen Bevölkerung fördern und sie für den Gedanken eines gemein »amen palästinensischen Patriotismus gewinnen, an welchem Juden und Araber mit gleichem Stolz .und gleichen Vorteilen Anteil haben, ln dieser Aufgabe erwarten: wir auch Hilfe, von den Juden. Der.Minister für die Dominions J. H. Thosuu führte, seine Worte direkt an Weizmann richtend, u. a. aus: Klar und entschieden sagten Sie: ich bin Jude, ich bin Zionist, aber nicht das allein: ich will dafür kämpfen, daß mein Volk eine Heimat hat. Ein Mann, der so viel von seinem Leben, seiner Kraft und seiner Liebe für diese Sache hergibt, ist wert, von yns geehrt y.u werden. Als ich noch Kolonienminister war, fragte man mich einmal, ob ich projüdisch oder pro-arabisch sei. Ich antwortete; Ich bin p r o - p a 1 a s t i n e n s i s c h. Denn ich glaube, die Errichtung eines jüdischen Heims in Palästina bedeutet nicht eine Benachteiligung der Araber. Ich glaube, daß der Genius Ihres Volles, seine Liebe und Hingabe für eine Sache nicht die arabische Sache zu schädigen braucht und auch nicht wird. Ich glaube, daß Ihr Ideal nicht Feindseligkeit ist, sondern Zusammenarbeit. Nicht nur als Mitglied der Nationalen Regierung, sondern auch als Mitglied der Arbeiterpartei — diese Etikette mag man mir streitig machen, deren Geist nimmt man mir nicht — sage ich ihnen, Dr. Weizmann, Dank für das, was Sie getan haben. Sie haben uns ein edles Beispiel gegeben, indem Sie Ihr Leben der großen Sache eines großen Volkes und einem großen menschlichen Ideal geweiht naben. Die zionistische Bewegung hat durch Ihre Verbundenheit mit ihr an Stärke gewonnen. Die heute noch ungeborenen Oenerationen werden Ihrem Namen huldigen. Sokolow« Trh&kjpruch auf Reading Nahum Sokolow brachte den Toast auf den Vorsitzenden des Abends, Lord Reading, aus. Namens der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency gedachte der Redner zunächst der engen Verbundenheit dieser zwei Körperschaften mit England und dankt dann Lord Reading, Amery, Thomas, Elliot und den anderen Anwesenden für ihr Erscheinen. Die Freundschaft solcher Männer ist für uns eine Stärkung in der Erfüllung unserer Pflichten und unserer Opfer. Uebergehend auf die Persönlichkeit des Vorsitzenden sagt Sokolow: Wir Juden bewundern unsere genialen Männer, sie sind in schweren Seiten unser Trost. Es sei ein besonderer Vorzug, in England, diesem klassischen Land der großen Politik, als Staatsmann sich durchzusetzen. England ist bis heute die hohe Schule der Staatskunst, wo Mäßigung, Geduld, inneres Gleichgewicht mit unerschütterlicher Treue festgehalten werden. Aus diesem Grund hat auch das jüdische Volk darauf bestanden, daß Englarid das Mandat erhält Wir vertrauen auf Englands Staatskunst und darum sind wir glücklich, daß auch der jüdische Geist einen gewissen Anteil an ihr hat Dies verkörpert sich in der Gestalt Lord Readings. Er (der ehemalige Vizekönig von Indien) ist einer der großen Hersteller der Einheit von Ost und West. Dieser Einheit gilt auch unsere Arbeit• in Palästina. Unsere Schwierigkeiten in Palästina sind vorübergehend, ihre Vorteile sind dauernd. Unsere Arbeit wird allen Teilen der Bevölkerung dienen, ebenso wie dem jüdischen Volk und der Mandatarmacht. Sie ist bestimmt, ein leuchtendes Beispiel einer durch harte Arbeit und ungestörten Frieden errungenen Wiedergeburt zu werden. Möge das Interesse des Zionismus und da9 Großbritanniens niemals als verschieden angesehen werden! Möge niemals ein Gegensatz zu den realen Interessen des arabischen Volkes entstehen, dessen Fortschritt und Wohlergehen für uns alle von größtem Wert sind! Möge die Saat der Zwietracht, die durch Vorurteile und Unvvissenheit ausgestreut wird, niemals im heiligen Boden Palästinas dauerndes Wachstum finden! Dr. Welzmamu Rede Dr. Weizmann dankt zunächst für die ihm gewidmeten freundlichen Worte und führt aus, unsere Bewegung stehe heute wieder wie vor 25 Jahren am Scheidewege. Die Welt macht eine schwere Krise durch, voll Not und Anstrengung, vergleichbar nur mit der Zeit des Weltkrieges, aber ohne jene § roßen Hoffnungen für die Zukunft, die die Menschheit am nde des Krieges gehabt hat. Aber trotzdem wage ich zu sagen, daß unsere Bewegung die stärkste aufbauende Kraft im Judentum geblieben ist, und was heute um uns herum geschieht, ist nur ein neuer Beweis für die große Rolle, die die Bewegung im jüdischen Leben der Zukunft zu spielen hat. Dr. Weizmann entwirft dann ein eindrucksvolles. Bild der jüdischen Lage in den verschiedenen Ländern der Welt Er befaßt sich insbesondere mit dem Judentum in Sowjet-Rußland und den Vereinigten Staaten von Amerika. In Rußland ist das Judentum in Auflösung, in Amerika leben die Juden nach einer Zeit kurzer Blüte heute in schwerer ökonomischer Not mit allen Erscheinungen des fjaluthlebens. Man könnte die Lage der Juden in der Welt heute so kennzeichnen, daß man Sagt, sie sind in den einzelnen Ländern eingeklemmt ohne die Möglichkeit eines physischen Entrinnens una suchen daher einen Ausweg durch Anschluß an die nichtjüdische Welt. Dies stärkt alle zentrifugalen Kräfte und bedroht das jüdische*Leben mit einem endgültigen Zerfall. Kein anderes Volk des Welt steht einer derartigen Gefahr gegenüber. Aber wir wissen aus der jüdischen Geschichte, daß selbst beim Untergang großer Teile des, Volkes, ja seiner Mehrheit, immer ein Rest zurückblieb, der sich dem Prozeß der Auflösung und Assimilation widersetzte und im heroischen Kampf sein eigenes Wesen in der Geschichte auszuprägen strebte. Das kleine Palästina ist der Leitstern der jüdischen Hoffnuhgen durch Jahrhunderte. Unmittelbar nach dem Kriege glaubten wir unsere Träume erfüllt, wir glaubten, wir würden unseren rechtmäßigen Platz auf eigenem Boden erhalten Und der Erniedrigung des Galuth ein Ende machen; heute nach zehn Jahren größter Anstrengung finden wir uns immer noch auf der Schwelle, bedrängt von allerlei Schwierigkeiten und Enttäuschungen, die aus der Diskrepanz von Ideal und Wirklichkeit. fließen. Dennoch haben wir in diesen zehn Jahren Gewaltiges in Palästina geleistet, das auch von kolonisatorisehen Autoritäten anerkannt wird, Was aber in der Zukunft? Redner entwickelt an der Hand der Experten-Gutachten den Gedanken, daß noch 50 000 landwirtschaftliche Siedler, und das würde bedeuten: eine halbe! Million Juden in Palästina angesiedelt werden können. Dies ist zwar noch nicht die Lösung der Judenfrage, aber ein gewaltiges, aller Mühe wertes Werk. Es ergeben sich dann aber noch Perspektiven einer zukünftigen Entwicklung des Vorderen Orients, die gar nicht abzuschatzen sind. Eine Vorbedingung für die Durchführung dieser Pläne ist freilich die aktive Unterstützung der Mandatarmacht. Eine zweite Vorbedingung ist eine Verständigung zwischen uns und den Arabern (wobei Dr. Weizmann die an anderer Stelle dieser Ausgabe wiedergegebenen Oedanken darlegt) und drittens der unbeirrte Glaube an das zionistische Ideal. Pa- Iästina gibt dem ganzen jüdischen Volke unschätzbare Werte, deren größter vielleicht das Wissen ist, daß in Palästina eine immer steigende Zahl von Juden die Möglichkeit haben, normal, gesund und produktiv zu leben, als freies Volk, kraft eigenen Rechtes und nicht aus Duldung; mit ihrer eigenen Religion und Sprache, mit ihren eigenen Sitten und Bräuchen — eine Nation im besten Sinne des Wortes. Die schdfiiichen Boiirhaften Auf dem Bankett wurden Botschaften von Staatsmännern und führenden Juden verlesen, aus denen wir folgende Bruchstücke wiedergeben: Ministerpräsident MacDonald: Abgesehen von seiner Arbeit für die Sache des Jüdischen Nationalheims in Pa- Iästina, die ein Beispiel praktischen Idealismus׳ gibt und die Bewunderung aller, die ihn kennen, weckt, wira Weizmanns persönliche Freundschaft von allen, die mit ihm in Berührung gekommen sind, hoch geschätzt. Stanley Baldwin, Vizepremier und Führer der Konservativen Partei: Ich freue midi, eine Gelegenheit zu haben, wenn auch nur durch diesen Brief, meine Hochachtung für Dr. Weizmann zum Ausdruck zu bringen, der, inspiriert durch den romantischen Realismus seines Volks, durch seine Arbeit für das Jüdische Nationalheim in Palästina gezeigt hat, was mit Energie, Phantasie und Idealismus geleistet werden kann. David Lloyd George: Gerne wäre ich dabei gewesen, wo man einen der größten Männer, die aus dem Weltkrieg emportauchten, ehrt. Seine hervorragenden Dienste sowohl für Israel wie für das British Empire bilden einen unzerstörbaren Teil der Geschichte. Arthur Henderson: Ich begrüße die Gelegenheit, meine Bewunderung zum Ausdruck zu bringen für die ausgezeichneten Dienste, die Dr. Weizmann der Sache des ’Jüdisehen Nationalheims erwiesen hat. Sir Herbert Samuel, Minister des Innern der Nationalen Regierung: Wenn man die letzten 16 Jahre überblickt, die Zeit, während der ich mit Dr. Weizmann und seinem Werk eng verbunden bin, scheint es: wunderbar, wieviel geleistet wurde. Endlich wurden die Aspirationen, die lange in jüdisehen Herzen latent waren, in hohem Maße erfüllt. Die schwierige Aufgabe, ein Nationalheim für die Juden in Palästina zu gründen, ohne Ungerechtigkeit gegen die bereits das Land bewohnende Bevölkerung zu begehen, sondern vieimehr mit guten Resultaten auch für diese Bevölkerung, ist ein gutes Stück vorwärts auf dem Wege zur Vollendung gebracht worden. Um dieses Unternehmen zu überwachen und zu stützen, wurde, zum ersten Male in der Geschichte; eine permanente Organisation ins Leben gerufen, die die Ge^ samtheit der zerstreuten Mitglieder des jüdischen Volkes darstellt. Dr, Weizmanns Name wird in der Geschichte als der eines großen aufbauenden Staatsmannes leben. Botschaften wurden ferner verlesen vom jetzigen Lord Balfour, General Smuts (Südafrika), Felix War bürg (New York), Direktor Oscar Wassermann (Berlin), Rabbi Kook, Prof. S. Alexander, Dr. Cyrus Adler, Kurt Blumenfeld; Emanuel Neumahn, der Palästina-Exekutive der Jewish Agency, verschiedenen zionistischen Verbänden u. a. m. anderen Gruppe hören, und alle über biblische Themen. Es gibt eigentlich nichts, worüber man sich in dieser Stadt nicht belehren könnte, — wenn einem daran liegt* angefangen von sozialen Fragen (die werden besonders häufig, gern und breit Behandelt) ms zu Astronomie und Elektrotechnik, Sport und Kunstgeschichte, Säuglingspflege und Psychoanalyse, Hygiene und und und. Wer sich wirklich einmal durch all die Vorträge In Tel-Awiw durchfressen könnte, der würde es sicher vöf Bijdung kaum aushalten. Die Quantität ist unerschöpflieh, an Vortragenden fehlt es nicht, an Organisationen, die die Vorträge arrangieren, ebensowenig; ob die Qualität immer §ut ist, das bleibe dahingestellt, und manchmal denkt man an as Heinesche Gedicht ״Die Menge tut es״. Es wäre intercssant, einmal zu untersuchen, was bei all dieser Wissen- Schaft, die hier verbreitet wird, in Vorträgen, Zirkeln, Seminaren, Abendkursen, wirklich herauskommt. Aber das ist ein langwieriges und schwieriges Unternehmen. Und die Zusammen8iellung alles dessen, was man an einem Abend in Tel-Awiw sehen, hören, lernen kann, ist fraglos aut den ersten Blick verblüffend . . . Es wird jetzt früher still in der Stadt am Abend. Vielleicht liegt es daran, daß es kaum eine Einwanderung gibt!uid die ״Alteingesessenen“ nicht mehr nächtens so viel her- Umschweifen wie die ״Neuen״. Oder es gibt weniger Geld für den Einkauf neuer Orammophonplatten oder das von der Stadtverwaltung erlassene Gesetz der Nachtruhe übt seine Wirkung. Nach elf, spätestens nach zwölf merkt man wieder deutlich, daß es doch im Grunde nur eine kleine Stadt ist, friedlich, einigermaßen heiter und bescheiden. Und als ob alle Kinos und Vorträge und Grammophone der Welt ihnen nichts anhaben könnten, zieht über den leeren Asphalt eine Kameikarawane. Sie sieht phantastisch aus und bewegt sich mit einem leisen fegenden schleppenden Geräusch. Sie hat Zuckerrohr geladen und die langen Stengel mit ihren grünen elastischen Enden bilden an den Hinterbeinen der Tiere einen zweiten künstlichen Schwanz, der jenes leise fegende schleppende Geräusch erzeugt, und die Schritte der Breiten Hufe verdeckt Von weitem sehen die Tiere aus wie riesige Waue mit hängenden grünen Schweifen. Sehr gemächlich ziehen sie über die leeren Straßen. Sie brauchen keinem Auto auszuWeichen. Von zwölf Uhr nachts bis fünf Uhr früh haben sie die Stadt für sich. Dann wird der Orient von neuem durch ein etwas verzerrtes levantisiertes und sehr lebendiges Europa Verdrlfcgt V V. Der erste Regen Von unserem palästinensischen Korrespondenten. Draußen strömt es, rieselt es, gluckst es. Vor den Fenstern zieht das Wasser seine grauen Fäden. Das Meer ist fast versteckt in der undurchsichtigen, dampferfüllten Atmosphäre. Neben dem Bürgersteig wälzt sich ein kleiner Oießbach. Man meint es zu sehen und zu hören, wie die Erde auf dem freien Platz da drüben■ das Wasser einsaugt. Was auch immer vom Himmel herunterkommt, ist in wepigen Minuten verschwunden, eingesaugt, verbraucht, Das ist der erste Regen. Für jeden Palästinenser ist er ein Ereignis. Für den Dörfler und den Städter, für reich und arm, groß und klein. Man spricht schon Wochen vorher von diesem großen Tag. Moeate hindurch hat jeder nur schwer die Hitze ertragen, hat gerechnet, wie lange diese heiße Zeit noch andauern könnte und sich getröstet: nur noch sechs Wochen, ein Monat, nur ein paar Tage. Und dann wartet man. Und wenn das köstliche Naß wirklich da ist, dann freuen sich die Großen und tanzen die Kinder auf der Straße. Nach ein paar Tagen scheint wieder die Sonne und die Welt sieht aus wie frisch gewaschen und neu bemalt. Der Staub von Häusern, Straßen und Plätzen ist fortgespült, die Bäume, befreit von der grauen Schicht, die sich seit Monaten darauf gesammelt hat, sind wieder frisch und grün. Menschen und Tiere vergessen ihre Sommerträgheit. Alles wird lebendig und unternehmungslustig. Wir sitzen fröhlich lächelnd und horchen auf den Regen, als Besuch aus Europa erscheint. Der sieht naß aus, enttäuscht und durchfroren. Als er unsere vergnügten Gesichter sieht und unsere Freude über die Ströme grauen Wassers, ist er einigermaßen erstaunt. Er hat eben ganz andere Begriffe über ״Schönes Wetter״. Und uns wird durch diese Reaktion erst klar, wie stark sich unsere, der Palästinenser Begriffe in diesem Punkte von den europäischen unterscheiden. Nicht die Sonnensondern die Regenfrage. wird entscheidend, Für den Landwirt, besonders auf unbewässertem Boden, ist sie einer der wichtigsten Faktoren für Erfolg und Fiasko. Kommt der Frühregen zu spät, so verzögert sich die Bestellung; ist er zu stark, so kann man tagelang nicht hinaus auf die Felder, die sich in einen unergründliehen Sumpf verwandelt haben, und die Arbeit stockt. Ein fahr der Dürre bedeutet für den primitiven Teil der Landwirtschaft in Palästina noch heute eine der schwersten Oefahren und führt manchmal zu gewaltigen Umwälzungen. Der Beduine zieht manchmal mit seinen Herden dem Regen einfach nach. Und es ist erst einige Jahre her, als die Regierung sich genötigt sah, einen ganzen Stamm aus dem Süden nach Norden zu bringen, weil seine Weidegründe verdorrt waren und Hungersnot drohte. Mit alten und modernen Mitteln — es bleibt immer wieder dasselbe, der Jahrtausende alte Kampf um das Wasser... Was Damaskus für den Bewohner der wüste und der weniger gesegneten Landstriche zu einen־. Paradies machte, war nicht nur sein Reichtum, seine Bauten, «eine Bazare, seine Fruchtgärten, sondern das kalte reichliche Wasser, das durch die Stadt fließt, seine Gärten durchströmt und aus der Wüste einen Fleck des Segens und der Fruchtbarkeit hervorzaubert. Nicht umsonst malt sich der Moslem sein Paradies nach dem Vorbilde dieser Stadt als ein Garten mit Früchten, Schatten und rieselndem Wasser... Was gebe man in Jerusalem, der trockenen, verbrannten Felsenburg, für dieses Rieseln! Freilich, heute ist die Stadt modern, aas ״alte״ Jerusalem versinkt mehr und mehr neben dem neuen. Der Tourist, der sich in einem der Hotels den S.aub der Fahrt herunterwäscht, wird wenig daran finden, daß er so viel Wasser zur Verfügung hat als er wünscht. Aber dieses ״neue“ Jerusalem kämpft um sein Wasser einen fast ebenso schweren Kampf, wie des alte. Es schöpft das Wasser aus seinen traditionellen Zisternen, es leitet es auf uralten Wegen aus den Teichen des Königs Salomo, es läßt seine unbemittelten Bewohner, dieses bunte Gemisch aller Völker der Levante und des Orients von Sonnenaufgang an in langen Reihen vor den städtischen Wasserzentralen anstehen, um ein paar Liter Wasser zu ergattern. Freilich hat man sich zu modernisieren gesucht; Wasser aus einer Quelle der judäischen Wüste heraufgeleitet, die salomonischen Teiche wiederhergestellt, Leitungen gelegt: organisiert. Es will noch immer nicht alles in Ordnung kommen. Sind die Regen ungenügend oder lassen sie zu lange auf sich warten, so droht die Not. Ein Fasten wird eingesetzt, um Regen zu erflehen, aus Judäa Tollen die langen Züge mit den Tanks herauf, um wenigstens Trinkwasser heranzubringen; die Leitungen öffnen sich nur alle drei, alle vier Tage, una für die arme Masse, die in engen Vierteln in Häusern ohne Leitung zusammengedrängt ist, reicht es nur knapp zum Trinken, von Waschen ganz zu schweigen. Eine großzügige neuartige Anläge ist notig, um Jerusalem wirklich normal zu versorgen und solange sie fehlt, harrt die Bevölkerung ängstlich, durstig der ersten Regen. Draußen strömt es und rieselt *es. Die durstige Erde nimmt das Naß auf, eine neu« Zeit bricht an. Die Bestellung auf den Feldern besinnt, in den Plantagen reifen die Orancren. das Vieh _

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