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Jüdische Rundschau · 1932-01-01 · 1 (1.1932) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
1 (1932)
Issue
1 (1.1932)
Date
1932-01-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Monatsausgabe Nr. 1, Januar 1932 JÜDISCHE RUNDSCHAU $cit£ 5 1' ■'־ ן ' - i fy Das Judentum und .Palästina ■ j Von Oscar Wassermann Direktor 0s׳u1r Wnssrrnxann ist Präsident des Deutschen ״Keren llnjessod“ (Palästina-Grundfonds), einer aus Zionisten und ,Nicht-;ionisten bestehenden Organisation;ur Förderung des jüdischen Palästina-Werkes. Er nimmt auch als einer der maßgebenden Vertreter der nichtzionistischen Juden innerludb der ,Je.msh Agency for■ Palestine״ eine führende Stellung ein. Das Mach folgende ist der Extrakt einer Hede, die Wassermann kürzlich bei einer Veranstaltung in Mannheim hielt. Red. In dieser schweren Zeit, in der wir leben, ist auch für uns Juden eine Weltenwemle gekommen. Vor mehr als 100 Jahren., nach der französischen Revolution 1780, hat eine Epoche für die Juden begonnen, die heute wohl zu Ende gegangen ist. Wir Juden sind aus dem Ghetto heransgekommen, voller Hoffnung, voller Glauben, nunmehr aus allen Nöten und von allem Druck befreit zu sein. Es war ein Irrtum, und es ist ein Irrtum, weil wir alle Hilfe, alle Fortschritte, alle Entwicklung nur von anderen erwarteten, die wir nur von uns selber erwarten durften. Was heute vor sich geht, ist eine Folge dieses Irrtums. Wir wollten unter Bewahrung unserer Eigenart, unter Bewahrung unserer Treue zum Judentum eindringen und uns ausbreiten im ganzen Lebensgebiet der Völker, mit denen wir leben. Es war nicht möglich. Wir waren Jahrhunderte im Ghetto, auf einzelne Berufe angewiesen, in sie hineingezwängt und haben, frei geworden, nicht vermocht, eine andere Berufsschichtung zu erzielen, weil die Emanzipation nur ein äußerlicher Akt war, weil der Jude verachtet war und blieb. ״Toleranz“ war für uns eine lobende Bezeichnung dessen, was uns entgegengebracht wurde. Duldung! Wir waren froh und zufrieden, wenn wir geduldet wurden, und wir haben uns gesagt, die Zeit arbeitet schon für uns. Die Zeit wird die Anderen aufklären, sie wird die Anderen in der Kultur, in ihrer Ethik verbessern, und dann wird man sagen, daß wir vollkommen gleichberechtigte Menschen sind. Wir haben immer den Fortschritt zum Besseren von Anderen er-, wartet und wir haben selbst nichts dazu getan. Wir können heute nicht wie früher, wie vor Jahrhunderten, Judenheit und Judentum gleichsetzen. Es sind heute ganz verschiedene Dinge geworden. Und wir müssen zugeben, daß für einen großen Teil von uns das Leben seiner jüdischen Inhalte vollkommen entkleidet worden ist. Wie ist hier ein Ausweg zu finden? Die Teile der Judenheit, die aut ihr Judentum verzichtet haben, sie fielen allmählich von uns ab. Das deutsche Judentum wurde vom Osten her immer wieder regeneriert; auch das hat jetzt aufgehört. Nun handelt es sich darum, etwas Erhaltendes zu finden, neue Ideale, neue Gedanken für das Judentum. Es fehlt uns jede zentrale Autorität, jeder Zusammenhalt, der es ermöglichen könnte, eine Regeneration der jüdischen Inhalte in unserem Leben zu scharfen. Eine Abhilfe gegen die Zersplitterung, um eine Besserung des Verhältnisses zu unserer Umwelt a 11 g e m e i n g ü 11 i g für die Juden anzubahnen. Es gibt nur eine Möglichkeit für die Juden der Welt, sich zu einer Einheit zusammenzuschließen, und das ist Palästina. Diese Einheit kann auf keinem anderen Weg zustande kommen, als durch den Palästinagedanken, den Gedanken eines Aufbaus durch uns, nicht im Sinne des pas- 8iven Messianismus, der das Heil ruhig erwartet, sondern im Sinne selbsttätiger Arbeit, im Sinne des Einheitswerkes aller Juden. Daß dieser Gedanke der richtige ist. das ist bewiesen. Der Palästinagedanke innerhalb des Zionismus hat es vermocht, viele dem Judentum Entfremdete und Verlorengewesene wieder für das Judentum und jüdische Gedanken zu begeistern. Auch das Zweite ist bewiesen; Wir sind in der Lage, ein Land als Juden zu kolonisieren. In wenigen Jahren ist in Palästina eine Landwirtschaft entstanden, die zwar noch verbesserungsfähig ist, die aber zeigt, daß der Jude, der in der Jeschiwah saß, aer Jude, der in Lodz mit Kleidern gehandelt hat. ein Bauer werden kann, daß er durch seinen Elan, durch seinen Enthusiasmus es fertiggebracht hat, in dem ihm vollkommen ungewohnten Beruf etwas Gutes zu leisten. Wir haben in Palästina in wenigen Jahren eine Stadt errichtet, die heute 46 000 Einwohner hat. Tel־Awiw, eine Stadt, in der nur Juden wohnen, eine Stadt, in der vom Bürgermeister, vom Richter bis zum Straßenkehrer, Polizisten und Nachtwächter, nur Juden sind. Diese Stadt ist so gut verwaltet wie irgendeine Stadt bei uns, so gut und auch so schlecht. Sie hat auch Schulden gemacht; aber es waren nicht zu viele Schulden, und sie sind inzwischen bezahlt worden. Diese Stadt habe ich vor vier Jahren gesehen. Da war dort eine Krisis, wie sie jetzt bei uns ist. Es waren die Läden, es waren die Fabriken stillgestanden und es herrschte große Arbeitslosigkeit. Ich habe mir damals gesagt: Hierher diese Stadt zu setzen, ohne Hinterland,’ ohne Hafen, ohne Küste, nur gestützt auf die Orangenpflanzungen, die in der Nähe sind, — wie kann man da helfen? Und es i s t der Stadt geholfen worden: nicht weil die Regierung ihr geholfen hat, oder von außen Hilfe kam, sondern weil damals 38000 Juden Tag und Nacht sich gesagt haben, wie kommen wir aus der Misere heraus? Und sie sind herausgekommen. Die Stadt ist heute ohne Arbeitslosigkeit und es ist in der ganzen Stadt keine Industrie zusammengebrocheu, und wir wollen hoffen, daß sie weiter nicht mehr unter der Krise zu leiden hat, als es gegenwärtig der Fall ist. Wer sich fUr Palästina interessiert, wer wirklich Anteil an dem nimmt, was dort geschieht, im Geiste mitarbeitet und die Arbeit dort unterstützt, empfängt mehr von Palästina, als er gibt und geben kann. Er sieht dort ein werdendes Land, ein Land mit jüdischer Besiedlung, ein Land, in dem Juden leben und arbeiten können, nicht wie bei uns, obwohl sie Juden sind, well man tolerant, noch tolerant ist, sondern weil sie Juden sind und als solche ihrer Arbeit nachgehen. Es ist etwas in der Welt selten Gewordenes, das aber ln Palästina besteht und bestehen wird. Die Araberfrage, die sehr ernst ist, konnte bisher nicht gelöst werden. Nicht weil das Gefühl der Araber so sehr gegen uns arbeitet, sondern weil wir auch da das Heil von außen erwarten, von der englischen Regierung, vom Völkerbund, nicht nur von uns selbst. Weil wir nicht selbst aktiv genug sind. Der Araber verachtet den Juden nicht, sondern er fürchtet ihn, er glaubt, daß der Jude ihn aus dem Lande herausjagt. Da wir d i e s n i c h t wollen und auch nicht können und dies auch aus sittlichen Gründen nicht sollen, so kann es nicht schwer sein, wenn man es ehrlich will, einen Weg der Verständigung zu finden. Der Fanatismus schwindet rasch. Versuche, einen Boykott zum Entstehen zu bringen, sind fehlgeschlagen. Es zeigt sich, daß die Feindseligkeiten immer nur periodische sind. Man fürchtet in Berlin und London die Ueberfälle der Araber viel mehr, als man sie in Palästina fürchtet. Wir dürfen 11ns nicht einbilden, daß die Besiedlung In Palästina leicht ist. Das Land ist schwierig und es bedarf eines großen Enthusiasmus und großer Opfer- Willigkeit, um es so zu besiedeln, daß wir damit uns selbst und der Welt zeigen, was Juden — nicht als Händler und Vermittler — sondern in der Urproduktion und im Aufbau in allen Zweigen eines natürlich geschichteten Lebens leisten können. Wir können in Palästina ein geschichtliches Werk verrichten. Wir können hier dem Judentum eine neue Zukunft schaffen und das ist es, weshalb jeder Jude, wie er auch religiös eingestellt ist, wie er politisch denken mag, sich an diesem Werk beteiligen soll. Es ist keine Sache von heut und morgen. Als die Juden aus Aegypten zogen, da brauchten sie 40 Jahre, um nach Palästina zu kommen. Man konnte es auch damals schneller machen, aber e$ ist gesagt worden, daß die Juden, die in Aegypten gelebt haben und die von ägyptischer Kultur waren — die keine schlechtere Kultur war, nur eine andere —; daß diese Juden nicht ein neues eigenes Land aufbauen konnten, erst die nächste Generation war dazu bestimmt Alle Achtung vor dem Manne aus Lodz, der heute den Boden bebaut. Er hat gute Resultate. Aber erst sein Sohn, der auf dem Boden aufgewathsen ist, der die Geheimnisse des Bodens und des Knmas kennt, wird das leisten, was geleistet werden muß. Die Universität mag die besten Professoren aus den jüdischen Kreisen der ganzen Welt an sich ziehen, eine wirkliche Bedeutung wird sie für das jüdische Leben erst in der Zukunft gewinnen, wenn sie jüdische Hörer hat, die aus dem Lande herauswachsen, die das Leben Palästinas von Geburt her erlebt haben. Wir sind gute Deutsche und wollen gute Deutsche bleiben. Aber unser Deutschtum leidet nicht, wenn wir aus lautersten Gründen, aus Gründen der Abstammung und Vergangenheit, dafür arbeiten, daß wir auch eine Zukunft haben. Eine Zukunft, die uns das Judentum neu gestaltet, eine Zukunft, die vom jüdischen Leben wieder Inhalte erhält, und die es zum zweiten Mal erreicht, daß von Zion aus der Welt Großes gegeben werde. Nicht nur uns, nicht nur den Juden der Welt, sondern der Welt soll die jüdische Arbeit;n Palästina dienen. Juden und Deutsche in, Rumänien Minderheiten *ekreiär Rrandsch Gatt der Jüdischen Gemeinde Geernowüg Der Unterstaatssekretär für Minderheitenwesen der rumänisehen Regierung, Herr Brandsch, der gleichzeitig Führer der deutschen Minderheit in Rumänien ist, war bei seinem Besuch in Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina, einen Tag lang Gast der Jüdischen Gemeinde, die ihm zu Ehren einen Empfang veranstaltet hat. Der Präsident der Gemeinde, Dr. Gutherz, hielt eine Begrüßungsansprache. Unterstaatssekretär Brandsch erwiderte u. a.: ״Die jüdische Minderheitennation gehört zu den stärksten völkischen Gemeinschaften ln Rumänien, ich stand dem jüdischen Volke seit jeher sympathisch gegenüber. Es Ist etwas eigenes um dieses Volk, das in den Jahrtausenden der Ge* schichte mehr zu leiden hatte als je ein anderes, das sich aber trotzdem die geistige lind sittliche Kraft, die ihm von je innewohnte, erhalten hat. Ich muß bekennen, wäre ich ein Jude, ich wäre stolz auf meine Abstammung. Mögen die Juden auch weiter treu Zusammenhalten, um eine starke religiöse und nationale Minderheit zu bilden. Ich bin während meiner. Öffent• liehen Tätigkeit immer für die Interessen der Judenschaft ein* getreten und werde auch weiterhin alles, was in meinen bescheidenen Kräften steht, für sie tun. Ich werde insbesondere dahin wirken, daß die Autonomie' der Jüdischen Gemeinde, welche der Hort ihres nationalen Eigenlebens ist, aufrecht* erhalten bleibt. Ich werde auch weiter den Standpunkt vertreten, daß die Regierung nicht berechtigt ist, sich in interne Organisationsfragen der Jüdischen Gemeinde einzumischen.1’ Herr Brandsch war auch Gast der ״Jüdischen Reichspartei״. Der Begründer der Reichspartei, Dr. Mayer Ebner, unterbreitete dem Staatssekretär die jüdischen Forderungen hinsichtlieh Linderung des ungeheuren Steuerdrucks, Aenderung des Staatsbürgerschaftsgesetzes u. a. m. Deputierter Dr. Manfred Reifer unterbreitete die Forderungen der Juden Auf dem Oebiete der Schule, der Jüdischen Gemeinden, der Sonntagsruhe des Kooperativwesens und des Vereinslebens. Dr. Reifer verlangte im Namen der Juden eine Vertretung im Unterstaats- Sekretariat für Minderheiten. Deputierter Dr. Diamant ersuchte Herrn Brandsch, sich für eine Berücksichtigung des städtischen Elements bei der Durchführung der Konvertierung einzusetzen. Staatssekretär Brandsch erklärte in einer Antwort, er begrüße es vorbehaltlos, daß die Juden sich aufnationaier Grundlage organisieren. Wenn die Juden heute noch nicht die ihnen gebührende Stellung unter den Völkern erreicht haben, so sei dies darauf zurückzuführen, daß sic Jahrzehnte hindurch die‘ Pflege ihrer nationalen Eigenart unterlassen haben. Die jüdisch-rumänischen Deputierten Dr. Max Diamant und Dr. Manfred Reifer erhielten vom Deutschen Volksrat in Czernowitz ein Schreiben, in welchem den genannten Depntierten der Dank der am 20. Dezember im Deutschen Hause abgehaltenen Versammlung und auch des Deutschen Volksrates dafür ausgesprochen wird, daß sie in offener Kammer- Sitzung bzw, in der Schulkommission des Parlaments sich für die Erhaltung des Czernowitzer Deutschen Gymnasiums in seinem vollen Umfange eingesetzt haben. — In dem Schreiben wird zum Ausdruck gebracht, daß die Haltung der jüdischen Deputierten in erster Linie vom Gerechtigkeits- und Solidaritätsgefühl mit allen Minderheiten des Landes diktiert war. Ein bezeichnender Vorfall ereignete sich am 9. Dezejpdyr. in der rumänischem Kammer. Der ״Altmeister‘4 des rurfttrthsehen Antisemitismus, Prof. C u z a, hielt eine seiner hetzerischen Reden gegen die Juden. Er bezeichnete dabei den Völkerbund als eine ,J u d e n 1 i g a“ und schloß seine Red« mit einer Apotheose Hitlers, dessen Programm für die rumänischen Antisemiten vorbildlich sei. Cuza gab die teierliehe Erklärung ab, daß niemand in der Welt die innige Zusammenarbeit zwischen den rumänischen Antisemiten und Hitler verhindern werde. — An dem Kongreß der christlichen Studenten Rumäniens in Sibiu (Hermannstadt) nahm auch eine Delegation national• sozialistischer Studenten aus Deutschland teil, deren Führer, Karl Motz, die rumänischen Studenten aufforderte, sich an den Nationalsozialisten in Deutschland ein Beispiel zu nehmen. Derselbe Herr Motz soll in einer Unterredung mit Staats- Sekretär Brandsch erklärt haben, daß der Nationalsozialismus gegen das Nationaljudentum nichts einzuwenden hat und vor ihm ״den Hut ziehe“. Ob die Fernwirkung der Nazis in Rumänien im Interesse der deutschen Sache liegt, muß jedenfalls bezweifelt werden. . Das Märchen Tel-Awiw Samttag am Strand — Eiskaffee und Fische — Engländer und Jemeniten - Kultur und Kamele AG, Tel-Avviw, im Dezesmber. Samstag Nachmittag. Tel-Awiw. Vom Strand, der sich wie ein weißer Streifen von den getürmten Eckhäusern Jaffas bis zum Jarkon hinunterzieht, ist kaum etwas zu sehen. Von einem Ende zum andern deckt ihn eine riesige Menschenmenge. Man liegt auf den Segeltuchslühlen, sitzt im Sand, drängt sich vor der Veranda der Polizei, wo das Stadtorchester mit Einbiuch der Dunkelheit seine Blechmusik erklingen läßt, schiebt sich langsam und geduldig mit Frau, Kind und Kinderwagen am Wasser entlang, hin und zurück. Tel-Awiw macht seinen Schabbath-Spaziergang. Man wundert sich: wieviel Hunderttausende faßt diese Stadt? Zwei, drei, vier, eine halbe Million? Und man besinnt sich mit Mühe, daß es nur einige Zehntausende sind und vor wenigen Jahrzehnten nur ein paar Tausende waren. Dieses Tel-Awiw ist eben ein seltsames Produkt. Weit hinten in der Nähe des Jarkon, der immer noch wie vor der Gründung der Stadt ungenutzt ins Meer fließt und über den hier am Strande auch heute noch keine Brücke führt, versandet das Menschengewimmel. Es wird still, ein paar einsame Spaziergänger, und dort im seichten Wasser in den Schaumwellen eine einzelne Gestalt. Sie hat nichts mit dem ruhigen Müßiggängertum des Schabbath ein paar Minuten weiter zu tun, sie macht ihre Arbeit, eine Arbeit, die wohl seit Jahrtausenden auf dieselbe Art gemacht worden ist. Es ist ein Fischer, der da bis an die Hüften im Wasser steht. Um den Oberkörper einen zerschlissenen Kittel, die Beine bloß, auf dem Kopf ein längliches Tuch als Turban. Im Sand liegt ein aus Stroh geflochtener Korb, in den die Fische kommen, wenn — mit Gottes Hilfe — sich welche fangen, ln der Hand hat er ein Netz, das ausgebreitet kreisrund ist und gerade wie eine Tischplatte. Rundum trägt es Eisenringe, die es beschweren und im Wasser zusammenziehen. Das ist alles. Das Netz wird genau geordnet, damit es sich nicht verknote, mit immer demselben geübten Schwung im seichten Wasser in einem Kreis ausgeworfen, nach ein paar Sekunden wieder zusammengezogen, an Land gebracht, ausgebreitet geprüft. Fast immer bringt es Wasserpflanzen mit, Tang, Algen, manchmal auch einen Fisch. Off ist er nicht größer als ein Daumen, bei einem besonderen Glücksfall lang und dick wie ein Kinderarm. Ob groß oder klein, er wandert in den Korb, der Fischer geht, ein paar־ Schritte weiter, das Netz wird geordnet, ausgewörfen, es beginnt alles von neuem. An manchen Tagen kann man die stille Gestalten der Fischer in Abständen voneinander, wie Säulen im Wasser stehen sehen, jeder mit seinem Netz in der Hand, seinem Korb hinter sich, geduldig und naß Fischchen auf Fischchen einsammelnd. Es ist um Sonnenuntergang, die vielen kleinen Restaurants am Ufersteg beginnen sich zu füllen. In dem neuen großen Cafe gegenüber der Badeanstalt sitzt man vor Eisgetränken in den Korbstühlen. Der endlose Strom der Spaziergänger beginnt zurückzufluten, Männer, Frauen, Kinder, Kinderwagen. Die Bevölkerung der ״ersten jüdischen Stadt“ — und hat doch heute etwas von Levante. Neben dem Hebräischen klingen ungezählte andere Sprachen; jene Jemenitenfarniüe, deren zahlreiche Mitglieder schon nach europäischem Muster gekleidet sind, spricht arabisch, jene zwei jungen Sefardinnen französisch, der kaukasische Jude mit der Pelzmütze russisch, die zwei jungen Araber im europäischen Kostüm und Fez, die auf einen Bummel aus Jaffa gekommen sind, englisch, die dahinter kommende Familie aus Marokko spaniolisch. Nur die Kinder, ob sie nun aus Jemen, dem Kaukasus, Paris oder New York stammen, spielen unweigerlich hebräisch mitein־ ander, was auch die Eltern untereinander sprechen mögen. Sonderbar, daß Tel-Awiw in der Woche einen viel einheitlicheren, viel hebräischeren Charakter trägt als am Schabbath; vielleicht weil sich in diesen wenigen Nacnmitiagsstunden alles hier zusammen drängt, was in der Woche in den verschiedenen. Stadtvierteln und Arbeitsstätten voneinander getrennt ist. Bei den Kindern kann man genau studieren, wie der ״Palästinensische Schmelzliegel“ arbeitet . . . Die Sonne geht unter; am Wasser, wo es still geworden ist, hebt sich die Silhouette eines Esels ab. Er steht da, so geduldig, so nachdenklich, so klug und in sein Schicksal ergeben, wie es nur ein Esel kann. Neben ihm kniet die Gestalt eines Mannes im Sande. Das Gesicht nach der Riehtung von Mekka gewandt, gibt er sich, unbekümmert um die oben vorbeiströmende Menge, seinen Gebetsübungen hin, kniet, richtet sich auf, berührt mit der Stirn den Boden. Als er fertig ist, nimmt er dem Esel seinen Korb ab, kommt den Steg hinauf und fängt an, vor den Eisgetränken seine eben gefangenen Fische feilzubieten, dem Engländer vor seinem Bier, der geschminkten * Dame am Nebentisch. Schließlich weist ihn der Kellner hinaus, das CaW soll doch europäischen Anstrich haben; das ist nicht leicht, in dieser Ecke am Mittelmeer... Vielleicht ist es auch gar nicht nötig? Der Fischer schüttelt erstaunt den Kopf und gehorcht. Unten wartet geduldig der Esel. Beobachtet man Tel-Awiw am Abend, so tut man gut daran, sich zu erinnern, daß man in einer Stadt ist von einigen vierzigtausend Einwohnern, in einem nur halb entwickelten Kolonisationslande, in einer Ecke der Mittelmeerküste; man bekommt dann die richtige Perspektive. Der ״Europäer“ in der Stadt pflegt darüber zu klagen, daß es hier zu wenig ״Anregung“ gäbe. Er träumt von den Hauptstädten des Kontinents, von einer Aufführung hier und einem Konzert dort. Vielleicht hat er recht, Aber vielleicht gehört er auch zu jenen, die auch in Berlin und New York darüber jammern, daß ״nichts los ist“ und daß man ״nirgends hinzugehen hat“. Schließlich sind die Veranstaltungen nicht für jene dünne Schicht da, die alle Jahre ihre Europareise macht. Und wenn man sich einmal vor eine der Anschlagsäulen stellt und sie eingehender prüft, sie ,noch zusammenhält mit der Tageschronik der Zeitungen, so ist man verblüfft, verblüfft zumindest über die Quantität des Gebotenen. Tel-Awiw hat zwei Tonfilme, das heißt, vier, manchmal sechs Vorstellungen am Tag, Dazu einen Sturnmfilm, im Sommer kommt von jeder Sorte noch ein Freilichtetablissement hinzu. Dazu kommen: zwei Theatertruppen, eine Kleinkunstbühne, ein Symphonieorchester, das jede Woche einmal Konzerte gibt, Gastspiele von auswärtigen Künstlern, Sängern, Pianisten, Geigern, Tänzern, Es giot Zeiten, wo einem vor der Anhäufung von ״Kunst“ etwas bange ist. Es gibt freilich ein gutes Abwehrmittei: man bleibt zu Hause und schließt zur Vorsicht die Fenster vor den von überallher eindringenden Klängen der Grammophone, die die Straßen unentgeltlich mit Opernarien, chassidiscnen Gesängen, Jazz und Hawaigitarren versorgen. Man soll aber nicht denken, daß mit diesen Konzerten, Theatern, Kinos usw. das Programm erschöpft wäre. Wir wollen auch nicht von dem immer noch blühenden Ver- Sammlungsfanatismus sprechen. Schließlich kann jeder hingehen oder wegbleiben, und das ist gut so. Aber es gibt ein anderes und großes Kapitel: das sind die wissenschaftlichen Vorträge. Ein Teil davon -1das läßt sich nicht leugnen — schmeckt auch etwas nach Politik. Nur so ist es zu erklären, daß die einzelnen politischen Parteien ihre eigenen Kurse haben. Man kann an einem Abend einen Vortrag der Arbeiter, einen des Misrachi, einen def jtiigemeinefi Zionisten, und wenn man Glück hat, noch von dieser und jener

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