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Jüdische Rundschau · 1932-01-01 · 1 (1.1932) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
1 (1932)
Issue
1 (1.1932)
Date
1932-01-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr. 1, Januar 1932 fort Seite :4 ESN.'• m; m. m ■ Ki* V Aus dem nationalsozialistischen Lager Die gegenwärtig in Moabit unter dem Vorsitz des Landgerichtsrats Ohnesorgedurchg'e führtenBerufungsverhandlangen gegen die Nationalsozialisten ,die am Kosch Haschanah Juden und andere Passanten auf dem Kurfürstendamm überfallen und verprügelt haben, finden in der Öffentlichkeit eine viel geringere Resonanz als die beiden vorhergegangenen Prozesse erster Instanz. So sehr in der Berufungsinstanz noch versucht wird, durch alle möglichen juristischen Manöver den, ersten Eindruck abzuschwächen und so sei;*» man dabei auch auf die Wirkung des Zeitablaufes spekuliert, der schließlich die Erregung zum Abflauen bringt, kann man doch wohl sagen, daß für die O e f f e n 11 i c h ־ keit deT Charakter der Vorfälle auf dem Kurfiirstendamm bereits unbezweifelbar feststeht. Auf nationalsozialistischer Seite rühmt man sich gelegentlich dieser Heldentaten. Auf jüdischer Seite wird keine noch so fein gesponnene Verdrehung die Ueberzeugung erschüttern, daß es sich hier um .eine organisierte Judenhatz gehandelt hat. Die Angeklagten verfolgen in diesem Prozeß wieder die Taktik, sich als Unschuldslämmer hinzustellen. Die Führer der S. A,, vor allem .Graf Helklorf, verteidigen sich mit der Versicherung, sie hätten, von den geplanten Demonstrationen nichts gewußt und ihre S. A.-Leute seien ganz zufällig an jenem Abend auf dem Kurfürstendamm zusammengeströmt. Für die jüdische Oeffeptlichkeit ist es schließlich gleichgültig, ob dieser oder jener S. A.-Führer persönlich für die Sache verantwortlich ist. Bei einer 80 disziplinierten Gruppe wie der S. A. kann man es jedenfalls schwer verstehen, daß die Leute gegen den Willen ihrer Führer zu einer solchen Aktion ausbrechen. Für die Zukunft aber ist es außerordentlich wichtig, daß nicht derartige Ereignisse geschehen, und man nachher zuläßt, daß alle Führer und verantwortlichen Personen ihr Nichtwissen betonen und ihre Hände in Unschuld waschen. Auf diese Weise kann jede Ausschreitung riskiert werden. Es scheint wenig männlich und.wenig ritterlich, wenn die Führer und Täter einer solchen beschämenden Aktion nicht auch offen die Verantwortung für ihr Vorgehen tragen. Im übrigen setzten die Nationalsozialisten ihre Tätigkeit auch im Auslande weiter fort. Ueber die außenpolitische Tätigkeit von Hitlers Attache Rosenberg, der kürzlich in London war, brachte die ״New York Times״ einen beachtenswerten Bericht. Danach habe Herr Rosenberg in London gesagt, Deutschland müsse den ganzen europäischen Osten einschließlich S&drußland für die Ansiedtyng von Deutschen zur Verfügung bekommet. ״New York Times“ bemerkt hierzu, daß gegenüber derartigen ״verrückten“ Plänen sich alle anderen Nationen, insbesondere England und Frankreich» zusammenschließen müßten. Interessant ist auch eine Erklärung des Senators Borah, der bekanntlich in der Reparationsfrage einen sehr deutschfreundlichen Standpunkt einaimmt. Da die Nationalsozialisten sich mehrfach auf Borahs Aeußerungen berufen haben, hat dieser in Amerika eine Erklärung veiöffentlieht, worin er seiner entschiedenen Verurteilung aller rassenhetzerischen Tend e 1p z e a Ausdruck gibt und erklärt, er wolle mit Bewegungen dieser Art nichts zu tun haben. Der ״Völkische Beobachter“ weiß zu meiden, daß -sich in Schweden und in Öen Nitderianden eine nationalsozialistische Partei nach dem Vorbild der deutschen gebildet habe, gleichfalls ausgesprochen antisemitisch. Zugleich scheint man durch Emissäre In verschiedenen Ländern den schlechten Eindruck, den die antisemitische Brutalität des Nazi-Programms macht, übertünchen' zu wollen. Während in Deutschland auf dem nationaiisäschen Aerzte-Kongreß ein Professor die Schaffung eines ,,Gesetzes zur Scheidung der Rassen“ vorschlägt und in verschiedenen Publikationen betont wird, daß den Juden die Vo 1l bürgerschaff im künftigen Deutschen Reich abzusprechen ist, wird gleichzeitigim Ausland eine ganz andere Dreiteilung gegeben. Wir haben kürzlich aus dem Londoner ״Spectator“ die Zuschrift des Nationalsozialisten Hans Jürgen Schucht aus München wiedergegeben, der der englischen Oeffentlichkeit auseinandersetzt, der Antisemitismus der Nazis wende sich lediglich gegen die ״aus dem Offen eingewanderten Neureichen“. Im Inlan^ ist man schon etwas offener. Ein führender NationalsöziaÜst, Hermann Esser, der Chefredakteur des ״Illustrierten Beobachters“, spricht in seinem Neujahrsartikel offen aus, es bleibe nichts anderes übrig, ״als das Staatsbürgerrechtder Juden in Deutschland aufzuheben“. Wir versagen es uns im allgemeinen, in der ״Jüdiqchen Rundschau“ Zitate aus nationalsozialistischen Blättern zu bringen, weil man zu viel damit zu tun hätte, alle Stilblüten 2u registrieren und weil diese Aeußerungen ohnedies zur Kenntnis der Oeffentlichkeit gelangen. Wir glauben, daß eine jüdische Zeitung heute vor allem positive Aufgaben hat und die Diskussion mit Aeußerungen des vulgären Antisemitismus Ist ja aussichtslos und unmöglich. Dennoch möchten wir in diesem Falle einen Absatz aus Essers Artikel wiedergeben, damit unsere jüdischen Leser auch außerhalb Deutschlands einen Eindruck davon bekommen, was sich die Juden aus Deutschland heute gefallen lassen müssen. Herr Esser schreibt; Mi. ״Ja, 6agt man da, die Juden sind doch auch Menschen, die tragen doch auch Menschenantlitz und haben ein Recht auf Gleichberechtigung. Dem kann man entgegenhalten, daß ja schließlich, auch der Wolf ein Tier ist und cs deshalb noch lange niemand einfällt, ihn mit anderen Tieren, nämlich Schafen, zusammen in einen Pferch zu sperren. Uebrigens sind die Indianer und die Hottentotten einschließlich der Menschenfresser auf den Inseln des Stillen Ozeans auch Menschen, und doch fällt es niemand ein, einen von ihnen ernstlich zum Minister des Innern oder vielleicht zum Bürgermeist er vorzuschlagen, wobei die Menschenfresser und die Hottentotten, gar nicht zu sprechen von den Indianern, immer noch tausendmal sympathischere Menschen sind als jene Mißgeburt der Weltgeschichte, die sich allen Ernstes berufen fühlt, gleich die Völker der ganzen Erde aufzufressen oder zum mindesten sie für alle Zeiten sich dienstbar zu machen.“ Wir sind weit davon entfernt, den ganzen jungen deutsehen Nationalismus mit solchen Aeußerungen zu ideatifizieren. Wir wissen sehr wohl, daß ein großer Teil der id earfstisChen deutschen Jugend im nationalen und nationalsozialistischen Lager steht liftd daß diese jungen Menschen eine geistige und sittliche Wiedergeburt ihrer Nation •ersehnen. Was■ aber sagt dieser teil .der nationalsozialistischen Bejpvegung dazu, daß Unflätigkeiten der hier zitierten Art fortgesetzt von der nationalsozialistischen Presse veröffentlicht werden? Wir haben zwar, wie gesagt, in einer englischen Zeitschrift eine Zuschrift gelesen, die den wahren Sachverhalt zu vertuschen versucht,, aber noch niemals in Deutschland selbst eine Aeußerung gebildeter Nationalsozialisten, die — bei allem Festhalten an ihrer Gesinnung — gegen diese unwürdige, unernste und unsittliche Form antisemitischer Propaganda sich gewendet hätte. Es scheint, daß man so sehr von der Wirksamkeit des Radau-Antisemitismus als Agitationsmittel überzeugt ist, daß man bereit ist, sich seiner ohne Gewissensskrupel in allen Formen zu bedienen. ״Die Jüdische Hochfinanz will Deutschland hellen!4* Die auf dem äußersten rechten Flügel stehende englische ״National Review“ kämpft unentwegt gegen Deutsche, Juden und Bolschewisten, Im Dezemberheft wird die eng^ fische Regierung und Hochfinanz wegen ihrer Bemühungen, Deutschland vor dem Zusammenbruch zu retten, heftig angegriffen. In Wahrheit, so meint die ״National Review“, die in den letzten zwölf Jahren offenbar nichts gelernt hat, sei England keineswegs am Wohlergehen Deutschlands inten־ essiert, das überall sein schlimmster Konkurrent sei. Aber die d e u ts ch - j ü d i s ch c n Londoner Bankiers, die in der City eine gewaltige Macht bildeten, hätten, ebenso wie ihre Brüder in New York, riesige Summen in ihrem ״geistigen Vaterlande“ investiert, und leider auch Engländer zu der• selben Torheit verleitet, und jetzt versuchter! diese Kreise, die englische Politik zu den größten Anstrengungen zu treiben, nur damit sie nicht durch einen deutschen Zusammenbruch ihr Geld verlören! — Dieser Angriff, der übrigens im Ton von der bei uns eingerissenen Verwilderung noch weit ent• fernt äst, zeigt die ganze Absurdität der jüdischen Lagel Während der ״Völkische Beobachter“ in jeder Nummer gegen die ״internationale jüdische Hochfinanz“ als gegen den schlimmsten, auf den Ruin Deutschlands Einarbeiten• den Feind hetzt, greifen die englischen Chauvinisten dieselbe jüdische Hochfinanz an, weil sie Deutschland partout helfen wolle! Was die Juden auch immer tun mögen — es ist nichts als Verrat. ״Imperare necesse est . . ." Wir haben in der ״Jüdischen Rundschau״ Nr. 84 vom 30. Oktober d. J. in einer Betrachtung über den National- Sozialismus daraut hingewiesen, daß sich in dieser Bewegung heute verschiedene Strömungen mischen, da — offenbar unter dem Eindruck ihres politischen Massenerfolges — intellektuelle Kreise der deutschen Jugend sich parteimäßig mit dem Nationalsozialismus verbunden haben. Wir sagten, daß mit diesen Kreisen, die nicht einfach mit dem Radau- Heldentum identifiziert werden dürfen, eine ernste Auseinand er Setzung von unserer Seite erstrebt werden müsse. Im Verlauf dieses Artikels mußten wir dann auf die Antwort Hinweisen, die Wilhelm Stapel, Herausgeber der Zeitschritt ״Deutsches Volkstum“, uns auf unsere Frage, wie denn die Intellektuellen in der nationalen Bewegung über die Kurfürsiendamm-Krawalle denken, gegeben hat. Wir haben die ״Die wahren Schuldigen“ übersenriebene Notiz von Stapel, in der er unseren Fragen eine Reihe von Gegenfragen, betreffend das jüdische Verhalten, entgegensetzte, so verstanden, daß er damit sagen will, die Juden seien ״die wahren Schuldigen“ auch dieser Unruhen, weil die Stellungnahme verschiedener liberaler Zeitungen, die Herr Stapel einfach mit Judentum identifiziert, nicht in seinem Sinne gewesen sei. Stapels Antwort schien uns aber so charakteristisch zu sein, daß wir sie bereits in der darauffolgenden Nummer 85 vom 3. November ün vollen Wortlaut zur Kenntnis unserer Leser brachten, Nim veröffentlicht Stapel im Dezemberheft seiner Zeitschritt ״Deutsches Volkstum“ eine Glosse, die überschrieben ist ״Die Antwort der Jüdischen Rundscha u“. Seine Glosse zerfällt in zwei Teile. Im ersten Teil wirft er uns vor, daß sich unsere Behandlung der Kurfürstendamm- Krawalle nur auf jüdische Schilderungen stützte und daß unser Appell an die intellektuellen Antisemiten, von den Brutalitäten jener Ueberfälle abzurücken, den Zweck haben konnte, derartige verurteilende Aeußerungen rechtsstehender Persönlichkeiten im Plakfoyer der Gerichtsverhandlung gegen die Angeklagten auszunützen. Die Gefragten seien nicht sicher gewesen, ob ״die Frage in rein ethischem Interesse gestellt war und daß die Antwort nicht agitatorisch .!usgenutzt würde“. Stapels Gegenfragen in seinem Oktoberhef hätten den Zweck gehabt, zu einer ״tiefer dringend n Aussprache anztiregen“. Nach dem Leitartikel in Nr. 84 (also zufällig gerade jenem Artikel, wo wir selbst die Notwendigkeit einer ernsten Auseinandersetzung mit den denkenden Kreisen des Nationalismus befürwortet haben) sei es aber nun ״erwiesen“, daß uns an einer redlichen Auseinandersetzung nichts liege. Unsere Darstellung von Stapels Antwort sei eine Fälschung, denn Stapel habe nicht das gemeint, was wir verstanden haben. Er sagt nicht ״Mißdeutung“, er sagt ״Fälschung“, und fügt hinzu: ״Der wirkliche Inhalt meiner Antwort wird den Lesern der ״Jüdisehen Rundschau“ verschwiegen.״ Nun sei jede Diskussionsmöglichkeit von uns zerbrochen worden. ״Mögen die Leser der ״Jüdischen Rundschau“ die Lüge, die ihre Zeitung über mich verbreitet, glauben — was kümmert das mich? Imperare necesse est, disputare non“. So weit wäre alles noch verständlich. Nun folgt aber der zweite Absatz, worin Stapel sagt, seine Antwort sei geschrieben gewesen, bevor er Nummer 85 der ״Jüdischen Rundschau“ in Händen gehabt hat, in der seine Bemerkung vollinhaltlich abgedruckt ist. Er veröffentlicht aber dennoch die bereits geschriebene Antwort, ״da sie für die Gegenseite aufschlußreich ist, auch in ihren nunmehr überholten Teilen“. Wir haben dazu folgendes zu bemerken: Stapel muß schon aus unserem Artikel in Nr. 84, noch mehr aber aus der Veröffentlichung in Nr. 85 entnommen haben, daß wir eine ehrliche Diskussion führen wollen und uns nichts ferner liegt, als die Stellungnahme der Gegenseite zu verbergen oder zu entstellen. Wir haben ohne jede Aufforderung Stapels und ohne zu ahnen, daß er die indirekte Darstellung in Nr, 84 als ״Fälschung“ bezeichnen würde, seine Bemerkung 'im vollen Wortlaut aogedruckt, ein — wie wir wohl sagen können — seltener Fall bei heutigen Pressediskussionen, wo die Presse aller Parteirichtungen nur die eigene Meinung abzudrucken pflegt, den Gegner aber nicht zu Worte kommen läßt. Als das Dezemberheft des ״Deutschen Volkstum“ erschien, hatte Stapel beide Nummern der ״Jüdischen Rundschau“ vor sich. Aus pädagogischen Gründen, weil es für uns ״aufschlußreich“ sein Kann, veröffentlicht er trotzdem die aut einer zugegebenerweise irrigen Meinung aufgebauten Bemerkungen des ersten Teiles, wo er uns als bewußte Fälscher bezeichnet Wir sind weit entfernt von ״Moralismen“, die uns Stapel zuschreibt. Aber hier reicht unser Verständnis für die Form einer Auseinandersetzung nicht aus. Es sei denn, daß man von vornherein von der Verworfenheit des Diskussionsgegners so überzeugt ist, daß ihm gegenüber nichts schlecht und unfair genug ist. Wollte Stapel den Lesern des ״Deutschen Volkstums“ zeigen, wie unanständig Juden sich benehmen könnten, obwohl sie sich zufällig in diesem Falle nicht so benommen haben? In der Erinnerung seiner Leser bleibt: Jude — Fälscher. Semper aliquid haeret... Imperare necesse est? Das ist der Geist von Versailles! Das ist die Haltung des Mächtigen, der den ühnmächtigen nicht anhört und das Schwert des Brennus auf dte Wage wirft. W i r wünschen nicht, daß der unselige Geist von Versailles die Welt regiert und zwischen Völkern ausschlaggebend sei; wir lehnen ihn ab, wer immer der gerade im Einzelfalle Mächtige und Hybride sei. Doppelte Buchführung in moralischen Dingen muß sich rächen. Oft scheint es, daß Stapel und seine Gruppe, die das Amt von geistigen Führern verwalten, Gefangene der in ihren Mitteln nicht wählerischen politischen Bewegung sind, der sie sich augeschlossen haben. Im übrigen betrachten wir die an die Kurfürstendamm- Krawalle angeschlossene Diskussion mit Wilhelm Stapel als beendet. Aber wir glauben, daß noch Gelegenheit sein wird, nnit Wortführern des deutschen Nationalismus über die von ihnen unverstandene, ganz schablonenhaft aufgefaßte Judenfrage manches ernste Wort zu sprechen. Auch tiefe Gegensatze können geklärt werden. Aber vorher muß man 'sich über die erkenntnisstörenden Affekte klar sein. Aus diesem Grunde haben wir uns mit der letzten Aeußerung von Stapel beschäftigt, weil auch wir sie für ״aufschlußreich“ halten. ״Die Judenfrage als Gegenwartsproblem.“ Ueber dieses Thema veranstaltete die ״Gesellschaft zur Förderung des jüdischen SiedlungsWerkes in der USSR. (Geserd)“ am 13. Januar eine Kundgebung im Logenhaus, die ein sehr zahlreiches Publikum angelockt hatte. Reden hielten u. a. die kommunistischen Redakteure Bruno Frey und Otto Heller. ’Iuteressant, weil äußerst charakteristisch, war die Rede einer Dame, offenbar amerikanisch-bundistischer Herkunft, die als Vertreterin des ״Ikor“ in Biro-Bidschan war und nun die Herrlichkeiten dieses Landes in den verlockendsten Farben schilderte. Die ganze Skala typisch kleinbürgerlicher Idyllik wurde dabei entwickelt, angefangen von dem Besitzesstolz des jüdischen Proletariers, der endlich ein ״eigenes Dach“ über dem Kopf hat, bis zu den pausbäckigen Kindern und der begeisterten Schilderung des ״bärtigen Juden mH der Schußwaffe“, der endlich in seinen alten Tagen mit dem Gewehr umzugehen gelernt hat und sein Eigentum zu verteidigen weiß. Alle Register der Sentimentalität wurden da §' das von vornherein alles gläubig hinnimmt, was den Stempel kommunistisch trägt. Daß die Schilderungen der Vortragenden sehr weit von kommunistischer Weltanschauung entfernt waren und vielmehr auf die Mentalität des Kleinbürgers spekulierten, wurde nur einem Teil der Zuhörer, nämlich den zahlreich vertretenen Zionisten, bewußt. Die ״Geserd“ ver• stehen die Propagandamethoden der zionistischen Fonds bis ins kleinste zu kopieren. Aber wenn man für Biro-Bidschan eine Art romantischer Begeisterung zu entflammen sucht, so muß man sich erinnern, daß noch vor einigen Jahren dieselbe Idealisierung für die Krim betrieben wurde, und daß zwar eine Judensiedlung selbst in den Urwäldern Sibiriens eine sehr verdienstliche Sache ist, wenn sie gelingt und einigen tausend Juden eine landwirtschaftliche Existenz sichert, daß aber der Versuch, dem jüdischen Volk als ganzem eine Biro-Bidschan-Romantik zu predigen, den Begriff Biro- Bidschan in naiver Weise in einem Atem mit dem Begriff Zion zu nennen, ja gegen Zion auszuspielen, ein kindliches Unternehmen ist. Aus Reklamegründen hat man bekanntlich im vorigen Jahre ein paar jüdische Kommunisten aus Argentinien, aus Litauen und anderen Ländern mit großem Pomp nach Rußland gebracht, und jetzt wird dem staunenden Volk in Versammlungen verkündet, daß Rußland ״zum ersten Male in der Geschichte nicht ein Land der jüdischen Aus- Wanderung, sondern ein Land der jüdischen Einwanderung“ geworden ist. Daß man die Auswanderung aus Rußland mit Gewalt verhindert, und daß, würde den russischen Juden Bewegungsfreiheit gegeben, viele tausende zweifellos auswandera würden, wird dabe« ebenso wenig betont, wie die Tatsache, daß man die * Exponenten des wichtigsten Auswanderungsgedankens, die Zionisten, in die sibirischen Kerker steckt ־und durch Terror auszurotten versucht. In Rußland selost gibt es viele tausende hungernder Juden, die durch den Umbau der Wirtschaft ihre Existenz verloren haben. Wir haben stets anerkannt, daß die Sowjet-Regierung für das hierdurch entstandene Problem einen Ausweg sucht, und sie wird noch viel zu tun haben, um diese jüdischen Massen in der Produktion unterzubringen. Ist es nicht ein bißchen lächerlich, wenn demgegenüber mit großen Ziffern einer angeblich bevorstehenden ״jüdischen Einwanderung nach Rußland“ renommiert wird? Aber bei der Großzügigkeit der kommunistischen Propaganda kann man annehmen, daß die Sowjet-Regierung sogar etwas derartiges inszeniert und sich Geld kosten läßt, Diese Unternehmungen dienen ja im Grunde anderen Zwecken. Ohnedies muß man sich die Frage vorlegen, was die ganze Geserd-Propaganda in Deutschland bezweckt, denn Geld für Geserd-Zwecke wird man außer vor. Kommunisten wohl nur von ganz Dummen und in dieser Zeit in Deutschland über- Haupt schwer bekommen. Otto Heller hat in seiner Rede mit erfreulicher Offenheit gesagt, worum es sich handelt; Um einebesondere Variation der kommunistischen Propaganda. Man weiß, daß die Juden durch die dreißigjährige Arbeit des Zionismus zum Verständnis der Judenfiage erzogen worden sind, also versucht man, um sie zu packen, ihnen weiszumachen, daß der Kommunismus die ludenfrage löst. In Wahrheit ist den Leuten die ludenfrage gleichgültig. ״Es geht uns dabei nicht um jüdische Dinge“, sagte Otto Heller, ״sondern wir wollen durch Aufrollung dieser Frage unsere kommunistische Arbeit in Deutschland weiterbringen.“ Dies ist unzulässig. Wir haben an dieser Stelle weder für noch gegen den Kommunismus Stellung zu nehmen; aber er möge seine Propaganda in Deutschland nicht auf Kosten der Juden und nicht unter Herein- Ziehung der ludenfrage betreiben, für die er in Wahrheit keine Lösung besitzt, die in der kommunistischen Welt ebenso wie in der kapitalistischen Welt besteht und nach ihren eigenen inneren Gesetzen behandelt werden muß. Dies wird auch dadurch nicht aus der Welt geschafft, daß Otto Heller beteuert, er habe ״wissenschaftlich die ludenfrage zersetzt und zersägt“. Das Wort ״Wissenschaft^ kehrt in seinem Munde so oft wieder, daß man schließlich meinen muß, vor dem größten Gelehrten der Welt zu stehen. Es scheint schwer glaubhaft, daß Versammlungen von solchem Niveau in Berlin ein jüdisches Publikum finden, auf das sie Eindruck machen könnten. Citruspflanzungen. Einer eingehenden Erhebung zufolge, die Ben Israel in ״BousFnai“, der Zeitschrift der PflanzeT-Organisatkm, veröffentlicht, beträgt die Fläche der jüdischen Pflanzungen in Palästina jetzt 65 320 Dunam, die sich folgendermaßen verteilen; 37 private Siedlungen 50860 Dunam, 25 Keren Hajessod-Siedlungen 1055 Dunam, 4 Pica-Sledhingen 3115 Dunam und Mikwe Israel 300 Dunam. L

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