Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 1 (1932)
- Issue
- 1 (1.1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Monatsausgabe Nr. 1, Januar 1932 Von der Balfour-Deklaration bis heute Von Dr. Ch. W e i 2 m a n n. Wir bringen nachstehend (in Anlehnung an ein Stenogramm) einen gekürzten Auszug aus der Rede, die Dr. Weizmann in der Pro Palästina-Veranstaltung in Köln am 22. XI. 1931 gehalten hat. Diese Rede scheint uns darum bedeutsam, weil der Mann, der 15 Jahre lang die zionistische Politik geleitet hat, hier einen gedrängten Uebcrblick über die Zeilverhältnisse gibt, unter denen er politisch arbeiten mußte. Red. Mehrere Vorredner haben hier an die Balfour-Deklaration angeknüpft. Es sei auch mir erlaubt, einige Worte darüber zu sagen. Diejenigen, die die Balfour- Deklaration im Jahre 1917 empfangen haben und den Wert und die Bedeutung dieses Dokumentes schätzen, konnten sich eines Oefühls nicht?rwehren, daß dieses Dokument uns verhältnismäßig leicht in die Hände gefallen sei, und ich selbst habe mich immer ein bißchen als ״Kriegsgewinnler“ gefühlt. Es bedurfte eines blutigen Streites, der die Welt erschüttert hat. Wir haben mitgestritten, die Juden kämpften auf allen Fronten, verloren überall und siegten nirgendwo. Durch eine Verkn&pfung und Verkettung von Umständen, über welche wir keine Kontrolle hatten, entstand eine Konstellation, aus der die Balfour-Deklaration floß. Seit 1917 fühlte ich, und ich glaube auch mancher meiner Freunde, daß diese Deklaration sozusagen in der Luft hing. Und wie es oft bei Juden in der Geschichte geschieht, man fängt mit dem Dach an und man baut das Fundament unter das Dach. Und so fühlte ich fortwährend, daß wir eine verhältnismäßig kurze Spanne Zeit haben, um das Fundament unter die in der Luft hängende Balfour-Deklaration zu bauen. Je schneller und je höher und je fester das Fundament gebaut wird, desto weniger wird die Balfour-Deklaration herunterfallen von der Höhe, auf der sie im Jahre 1917 war, zu der Höhe, in welcher sie sich heute befin4et. Zwischen der Realisierung eines Traumes, wie er in der Balfour- Deklaration gedacht wurde und zwischen der nackten Wirklichkeit, zwischen dem Wunsch und der Möglichkeit, ist eine große Distanz, und diese Distanz konnte nur ״von unten“, durch unsere Aufbau-Arbeit, verringert werden. Ist unsere Arbeit stark, so wird die Distanz kleiner. Es kam darauf an, die Höhe des Fundamentes zu vergrößern. Dies war schon 1917 klar, es wurde klarer, mir wenigstens wurde es besonders klar, ira März 1918. Im März 1918 kam ich nach Palästina mit der Balfour-Deklaration in meiner Tasche, begleitet, wie ich glaube — ich gebe mich keinen Uebertreibungen hin — begleitet von den Wünschen nicht nur des jüdischen Volkes, Sondern auch des englischen Volkes. Ich glaube, ohne Uebertreibung ־־־ und ich werde . 411*י״״ vielleicht nach ein oder zwei Jahren, wenn ich meine Erinnerungen an diese Zeit veröffentliche, beweisen, — daß kaum ein Jude in der modernen Zeit so hinausgesandt wurde in eine Mission, wie ich und meine Freuude im März 1918. Wir kamen nach Palästina, und wir fanden ein Palästina, ausgehungert, verwüstet, arm, und die Front donnerte noch zehn Kilometer von Jerusalem. Ich sah die Front, Kanonen, Militär, Kämpfe. Es war ein ungeheurer Unterschied zwischen der Balfour- Deklaration und dem Milieu, das ich dort vorfand. Ich dachte daran, wie es sein wird, wenn diese Front verschwindet, wenn Palästina nackt und arm, entblößt von den militärischen quasi ״Verschönerungen“, uns wieder entgegentritt. Wir werden einen langen, langen Weg gehen müssen, bis wir diese Balfour-Deklaration zur Wirklichkeit machen. Und so begann von 1917 über 1918, durch 1919 über 1920 über die Ratifikation und Durchführung des Mandats, ein zäher tagtäglicher Kampf, ein Kampf um das Fundament, für die Balfour-Deklaration. Es würde viel Zeit in Anspruch nehmen, den Kampf zwischen 1918 und 1921 bis zur Ratifizierung des Mandats zu schildern. Es entstand das Dokument, das an und für sich schon ein Kompromiß war. Das Mandat war ein Kommentar zu der Balfour-Deklaration und alle Weißbücher, die darauf folgten, waren Kommentar auf Kommentar, und es drohte uns manchmal die Oefahr, daß die Balfour-Deklaration wegkommentiert werde. Es galt nun durch eigene Kraft diesen Kommentaren entgegenzuarbeiten, und die Kraft lag nicht in der englischen Regierung, im englischen Volke, sondern in unseren Reihen. So sahen die Dinge aus, als wir im Jahre 1920 an die Arbeit gingen. Langsam entstand dieser Bau, ein kleiner, ein bescheidener, aber wie ich glaube ein gefestigter Bau. Es entstand der jüdische Boden, das jüdische Dorf, es entstanden die Sprache, die Schule, der Lehrer, der Pionier, der Industrielle, kurz «die Typen, die zu einer normalen Gesellschaft gehören. Und das in einer so bitteren Zeit, in einem Lande, das voll von Schwierigkeiten war. Ueber diese Schwierigkeiten einige Worte. Ebenso wie die physischen Schwierigkeiten, die sich aus der Naturbeschaffenheit des Landes Palästina ergeben, Tat- Sachen sind, die man hinnehmen mußte, genau so konnten wir nichts dafür, daß eine ganze Menge Judengemeinschaften zerstört waren und unsere Stärke wesentlieh beeinträchtigt wurde. Und ebenso entstanden in der politischen Situation der Welt Schwierigkeiten, die wir kaum erwartet hatten, mit denen wir aber rechnen mußten. Zunächst — ich sage das nicht als Verteidigung der Tätigkeit oder der Untätigkeit der Mandatarmacht — entstand ein anderes England. Es kam ein anderes England aus dem Kriege heraus als das England, welches in den Krieg hineingegangen ist. Das, was sich heute in England abspielt, ist eine unmittelbare Folge des Krieges. England hält an seinen Besitzungen in der Welt ■Hi heute weniger zähe fest, als es vor dem Kriege der Fall war. Wenn man bedenkt, was heute z. B, in Indien vorgeht, das tatsächlich die Achse und der Lebensnerv des britischen Imperiums ist, und die Konzessionen, die im Jahre 1930 die englischen Parteien aller Schattierungen dem indischen Volke zu machen bereit waren, von denen sie im Jahre 1914 nicht träumten, von denen sie auch im Jahre 1918 nicht träumten, so sehen wir, daß eine tiefe Veränderung im britischen Imperium vor sich gegangen ist, und der Prozeß ist noch lange nicht zy Ende. Das mußte naturnotwendig auf uns einwirken, auf uns, die wir eigene Interesseii in Palästina hatten.. Darum befanden wir uns in einer fast tagtäglichen Krise in unserem Verhalten zu der englischen Regierung. Wir wollten, daß die englische Regierung wollte. Der Wille beim englischen Imperium war aber viel schwächer geworden, und darüber hatten wir keine Kontrolle. Wir suchten, und mit Recht, den Engländern zu beweisen, daß Palästina für sie von grundlegender Bedeutung ist. Aber wir werden uns anpassen müssen, nicht einem imperialistischen England im alten Sinne, das seine Besitzungen von Gibraltar bis zum Indischen Ozean ausgedehnt hat, sondern einem neuen England, das seine Völker zusaminenhält als eine freie Verbindung der Nationen. Deshalb ist unsere Politik in Palästina von anderen Grundsätzen diktiert. Das berührt eine andere Frage, die auch zu den objektiven, von uns unabhängigen, Schwierigkeiten gehört, unser Verhältnis zum arabischen Volk. Sie wissen, es leben heute in Palästina 700 000 Araber. Wenn sie die zionistische Vorkriegs-Literatur lesen, so ist darin fast kein Wort über die Araber zu finden. In Herzls Memoiren werden sie kaum ein- oder zweimal erwähnt. Aber sie waren im Lande und saßen im Lande seit tausend Jahren. Durch den Krieg wurde überall die nationalistische Bewegung aufgepeitscht, und heute träumen die Araber von einem Imperium, das vom Euphrat bis zum Atlantischen Ozean reichen soll. Ob es ein Traum bleiben oder ob es Wirklichkeit werden wird, weiß ich nicht zu sagen. Wir müssen uns jedenfalls mit ihnen auseinandersetzen. Wir sagen den Arabern, euer ״Nationalheim“ ist zu unterscheiden von euren Rechten in Palästina. Das Nationalheim der Araber liegt in Damaskus, in Bagdad, liegt vielleicht in religiöser Form in Mekka, und Medina, in denjenigen großen Zentren arabischen Lebens, wo eine gewaltige arabische Kultur geblüht hat. Sie blüht in Bagdad, in Damaskus, aber nicht in Jerusalem, das nur für die jüdische und christliche Welt eine Bedeutung hat. Anders steht es mit euren Rechten im Lande. Die sollen nicht geschmälert werden. Wir bauen nicht das Nationalheim auf dem Rücken eines anderen Volkes. Wir sagen den Arabern ganz offen: wir wollen mit euch zusammen Palästina aufbauen, wenn ihr wollt. Wir haben ein Recht auf unser Nationalheim in Palästina; Ihr habt das Heini schon jetzt im Lande. Wir wollen euer Heim nicht schädigen, im Gegenteil, wir wollen es durch unseren Bau und unsere Entwicklung stärken und fördern. Wir wünschen uns mit den Arabern auseinanderzusetzen, wenn es nach mir ginge — ich spreche hier nur meine eigene Meinung aus — auf dem Grundsatz des paritätischen Verhaltens zu allen Erscheinungen des Lebens in Palästina. Ich weiß nicht, ob das je gelingen wird. Ich weiß nicht, ob die Araber das verstehen werden. Ich zweifle noch, ob die Juden es heute verstehen. Wir sind von den Krankheiten der Zeit angesteckt. Millionen von Juden sind heute heimatlos, und ich verstehe den teuflischen ungeheuren Druck, unter welchem jeder von uns lebt und arbeitet. Aber gerade dieses Druckes wegen gilt es heute, auch um einen großen Preis, um den Preis großer Konzessionen, mit dem arabischen Volke Frieden zu machen. Wenn Friede ist in Palästina, so glaube ich, eröffnen sich für uns Perspektiven, die vielleicht heute noch nicht ganz sichtbar sind, aber morgen sichtbar sein werden. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich darüber streiten, wie viele Juden das zukünftige jüdische Palästina enthalten wird. Mir kommt es heute darauf an, das Maximum von Menschen hereinbringen zu können. Pessimisten sagen, das jüdische Palästina kann eine halbe Million Menschen aufnehmen, Optimisten sagen, es kann zwei Millionen aufnehmen. Die technische Wissenschaft macht so ungeheure Fortschritte, daß man die Fassungskraft des Bodens nicht endgültig angeben kann. Welche aber auch die Ziffer sein wird, sie wird nur einen Teil des jüdischen Druckes erleichtern. Es werden noch immer mehr Juden in den Ländern der Unterdrückungsvölker leben müssen als das Maximum dessen, was wir nach Palästina hineinbringen können. Wir werden immer hungrig und durstig sein nach weiterem Platz. Wie ist weiteres Land zu finden? Hat man das Werk aufgebaut — wie groß oder klein es auch sein mag —, so ist eine Kraftquelle entstanden von ungeheurer moralischer Bedeutung für die Juden der Welt und für die Welt selbst; und die Gemeinden oder Gemeinschaften, die in Palästina entstehen, werden sozusagen der Schlüssel zu einer Tür werden. Um eine Tür zu öffnen, braucht der Schlüssel nicht schwer oder groß zu sein, er muß ins Loch hineinpassen und richtig geschliffen sein. So betrachte ich das friedliche Palästina, das unter den Auspizien der öffentlichen Meinung der Welt steht, als einen Schlüssel, der ein Gebiet öffnet, das vom Jordan zum Euphrat und vom Euphrat zum Indischen Ozean gehen kann. Das alte Mesopotamien hatte Millionen von Menschen, heute krankt es daran, daß es zu wenig Menschen hat. Es kann auf zwei Wegen kolonisiert werden: entweder auf den imperialistischen Wegen ״London—Bagdad“ bzw. ״Berlin—Bagjvtf ^n\ Ai\ & dad“ oder aber es kann kolonisiert werden durch friedliche Zusammenarbeit der Elemente, die in jenen Ländern gegeben sind. Wir haben mit den Arabern vor Jahrhunderten zusammengearbeitet und wir werden mit ihnen weiter Zusammenarbeiten. Das ist nach meiner Ueberzeugung der tiefere Sinn unseres Verhaltens zu den Arabern. Noch verstehen sie es nicht, noch scher! sie in uns diejenigen, die sozusagen als der Arm europäischer Staaten dastehen, um ihr Land in Beschlag zu nehmen. Diesen Furchtkomplex haben zum Teil wir selbst in ihnen entwickelt. Manche Rede, die ein unvorsichtiger begeisterter Zionist vom Podium schwingt, genügt, um diesen Furchtkomplex zu steigern. Durch manche Diskussionen, die wir untereinander führen, wird unser Weg doppelt schwer gemacht. Ich gÄube, was ich angedeutet habe, ist bereits heute in Umrissen sichtbar. Entweder werden wir dieses Werk ausführen, oder das Judentum ist in Gefahr. Da ich aber an die Ewigkeit des jüdischen Volkes glaube, so bin ich überzeugt, daß wir auch diese Zeit des Uebergangs überwinden werden. Judentum undKrise des Abendlandes In der amerikanischen Zeitschrift ״Harpers Maga• zinc“ veröffentlicht Professor William Orton einen sehr bemerkenswerten Aufsatz über die Judenfrage in Amerika. Er schildert zunächst den ständig wachsenden Druck des Antisemitismus, dem der Jude auf der Schule und Universität, wie im ganzen gesellschaftlichen und beruflichen Leben ausgesetzt sei: dem Antisemitismus der Berufskollegen im Betriebe, dem Antisemitismus der Arbeitgeber, und selbst jüdischer Arbeitgeber, die zumindest für den Außendienst lieber Christen einstellten, dem Antisemitismus der Liefe•■ ranten, die gegen jüdische Kunden besonders rigoros zu sein pflegten, dem Antisemitismus der Kunden, die sich voreinander ei.tsehuldigten, daß sie überhaupt beim Juden kauften und den Juden nur selten weiter empföhlen, und nicht zuletzt dem Antisemitismus eines der größten amerikanischen Bankhiiuser. Auch ein jüdischer Lehrer, Arzt oder Zahnarzt habe es schwer, sich durchzusetzen. Wenn die Juden unter diesen Umständen vielfach die größten Anstrengungen machten, um selbständig zu werden, so liege dies weniger an dem vielbcredeten jüdischen Individualismus als einfach an dem Gefühl, nirgends ankommen zu können. Aber leider verringerten sich die Möglichkeiten, sich selbständig zu machen, aus Gründen der objektiven Wirtschaftsentwicklung. Orton untersucht dann in geistvoller Analyse die IJr- Sachen des ungeheuer angeschwollencn Antisemitismus und findet eine wichtige Ursache für jenen prinzipiellen Antiseinitismus, der in der deutschen Hitlerei gipfele, im Kriege selbst, für den sich die Juden nirgends in gleichem Maße begeistert hätten wie die Wirtsvölker. Weil der Jude häufig ein schwer zu behandelnder Soldat und ein *hartnäckiger Pazifist sei^ ja die ganze Weltanschauung, die dem nordischen Menschen den Kriejr annehmbar mache, oft leidenschaftlich bekämpfe, erhebe ich in jeder nationalen Krisis der Verdacht des ״Verrates“ gegen den Juden, und ziehe schon aus der^ kleinsten unorthedoxen, d. h. von der herrschenden Meinung abweichenden Handlung, seine Nahrung. Ja selbst die Verfehlungen einzelner Juden auf wirtschaftlichem Gebiet würden sofort benutzt, um zu sagen: ״Natürlich — es sind ja nicht seine Gesetze, die er verletzt!“ Orton bringt das Anwachsen des Antisemitismus mit der großen ethischer» und religiösen Krise der Gegenwart in Verbindung. Wenn in Amerika eine wahre Erbitterung gegen jeden herrsche, der sich irgendeine Abweichung von der herrschenden Meinung und Haltung zuschulden kommen lasse, so liege das im Grunde an dem tiefen UnsicherheitsgefüUJ, an der Krise aller überlieferten Werte und Anschauungen. Die fortschreitende, ja fast vollendete Auflösung der amerikanischen Familie, der ganze, von immer mehr Menschen als sinnlos empfundene amerikanische Lebensbetrieb erzeugten ein Gefühl der Schwäche in dem D־urchschnittsamerikaner, das in Erbitterung umschlage beim Anblick der sehr fremden, noch voller Energie steckenden, am Wert des Lebens gar nicht zweifelnden, vitaleren und auch in ihrem familiären Zusammenhang kaum erschütterten Juden. Orton selbst hofft, daß gerade aus dieser ungebrochenen Vitalität und Lebensbejahung überaus heilsame jüdi sehe Einflüsse auf die amerikanische Umwelt hervorgehen werden, ja daß die amerikanischen Juden eine große ethische Mission erfüllen würden. — Wenn man beim Lesen dieses Aufsatzes oft den Eindruck hat, daß der Verfasset die Juden viel günstiger sieht, als sie wohl sind, und daß er insbesondere die Kräfte unterschätzt, die zum Zerfall, 7.11 r Auflösung, zur Assimilation im schlechtesten Sinn treiben, — so tritt um so klarer die ungeheuere Bedeutung hervor, die eine wirkliche innere Wiedergeburt des Judentums, mit großen ethischen und religiösen Leistungen, für die ganze abend: ländische Welt gerade in der heutigen Kulturkrise haben müßte. An den Artikel von Prof. Orton knüpft der bekannte Rabbi Mordechai Kaplan, ein um geistige Belebung des amerikanischen Judentums ständig bemühter Führer des ameri• Manischen Zionismus, eine interessante Betrachtung in der neuen amerikanischjüdtachen Wochenschrift ״Opinion“ (her* ausgegeben von Stephen Wise’s Sohn James Waterman Wise). Kaplan stellt ein neues ״Elektra“-Drama des auch in Deutschland bekannten amerikanischen Schriftstellers O’Neill dem gleichfalls ins Englische übersetzten Roman ,,Hiob“ von Josef Roth gegenüber. In dem neuen Elektra־ 1>rama sieht er ebenso wie in der gleichnamigen antiken Tragödie den Ausdruck abendländischer W e 11 a n - schauuhg, des Schicksalsglaubens, der 1 ebensverneinung. Der Hiob-Roman von Roth sei demgegenüber eine Aeußerung des ganz andersartigen jüdischen Grundgefühls, das auch im biblischen Buch Hiob zutage tritt, der über alle Leiden und Prüfungen hinweg sich durchsetzenden L e b e!1 s - bejah ung. Während das Griechentum, dessen später Erbe liier der amerikanische Dramatiker ist, das Leben des Menschen als eine Art Falle auffaßt, in der der Mensch rettungslos gefangen ist, sieht der Jude in Schicksalsschliigeii nicht eine Verdammnis, sondern eine Prüfung Gottes. Der Mensch bewährt sich darin, daß er Glauben und Geduld auch dann bewahrt, wenn die Rettung durch das ״Wunder“, auf das er ־wartet, zunächst ausbleibt. Dieser jüdische Glaube an das Wunder ist aber nichts anderes als der G 1 a u b e a n d i e schöpferischen Kräfte der Lebens, die im gegebenen Augenblick auch das Unerwartete, Noch-nicht-Dagewesene hervorbringen können, Hier liege der Sinn der These von Prof. Orton, daß der jüdische Geist der Lebensbeiahung die abendländische Kultur aus ihrer gegenwärtigen schweren Erschütterung retten kann.