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Jüdische Rundschau · 1932-01-01 · 1 (1.1932) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
1 (1932)
Issue
1 (1.1932)
Date
1932-01-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Monaisausgabe v , % * ..y■• JÜDISCHE RUNDS CH A1 ‘■l&M Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland Redaktion und Verlag: Berlin W15, Meinekestraße 10 / Telefon: J 1 Bismarck 7165 Januar 1932 Nummer 1 Unsere Monatsaasgabe Ein Wort zur Einführung Die Monat&ausgabe der ״Jüdischen Rundschau“ soll Kreise über die zionistische Bewegung unterrichten, die im allgemeinen keine Gelegenheit haben, den Zionismus unmittelbar kennenzulernen. Ueber den Zionismus wird viel gesprochen und geschrieben, aber nur selten erreichen objektive und auf Sachkenntnis beruhende Dar- Stellungen die deutsche Oeffentlichkeit, Es gibt hierfür zwei Hauptgründe: einmal die heute so mächtige Feindschaft gegen Judentum und jüdische Entwicklung, zweitens'die innerjüdische Auseinandersetzung. Dem immer stärker werdenden Antisemitismus erliegen nach unseren Erfahrungen häufig stimmungsgemaß auch solche Nichtjuden, die bemüht sind, sich von Vorurteilen freizuhalten. Die Judengegner können sich nicht vorstellen, daß das jüdische Volk einen echten, auch von ihnen zu würdigenden Emeuerungsprozeß durchmacht und suchen in dem schweren Ringen der Juden um ihre nationale und kulturelle Wiedererstehung in Palästina nur solche £rscheinungen wieder zu finden, die eine Aenderung ihres grundsätzlich antijüdischen Standpunktes überflüssig machen. Es ist sehr schwer, Andersartiges zu verstehen und die besonderen Gesetze des Werdens in einer Gemeinschaft zu würdigen, deren Gegenwart nicht leichter zu begreifen Ist als ihre einzigartigen geschichtlichen Voraussetzungen. Es paßt nicht in die gern geglaubte Theorie, daß die Juden ihrer Natur nach Zwisehenschichtler sein müssen, daß ihnen die Wahre schöpferische Originalität fehlt und daß ihnen also auch uie' Eigenschaften abgehen, ' iii denen die Voraussetzungen für selbständige Geistigkeit und für eigenartiges Leben liegen. Ferner erschweren die Spannungen innerhalb der Judenheit ein klares Urteil über die Bedeutung und über die wahren Ziele der zionistischen Bewegung,, Emanzipation und Assimilation waren die Ideale, die im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert im Leben der Juden die Hauptrolle spielten. Von dem. historischen Prozeß der Eingliederung der Juden in den Staat erwartete man die volle Lösung der Judenfrage. Ein Preis für die Rezeption war die weitgehende Trennung von den Erinnerungen und Hoffnungen der jüdischen Gesamtheit. Die liberale Aera hat, wie in manchen anderen Dingen, so auch in der Judenfrage zu rationalistisch, zu mechanistisch gedacht. Sie hat das Wesen und die Tiefe der Judenfrage verkannt. Der heftige Antisemitismus der Folgezeit ist vielleicht teilweise als Reaktion auf diese'n Irrtum zu werten. Da in dem Zeitraum zwischen 1789 und 1900 die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Stellung der Juden eine erhebliche Verbesserung erfuhr, ist es kein Wunder, daß ein großer Teil der Juden die Weltsituation der Emanzipationsepoche im eigenen Verhalten testhalten möchte. Die zionistische Bewegung, die im Gegensatz zum ,,Assimilationsjudentum“ entstanden ist, wird naturgemäß als Störenfried empfunden, der die Juden an dem Aufgeben ihres Judentums verhindert. Der Zionismus ist jedoch keine Wülkür-Angelegenheit. Er entstand mit Notwendigkeit ,in einer Zeit, als die entscheidende von ihm verkündete Wahrheit bereits offenbar geworden war, die Wahrheit, daß die Juden nicht nur durch die Religion geeint sind, sondern daß diese Religion zugleich den Inhalt ihrer Volkskultur ausmacht, daß sie ein Volk sind und niemals aufgehört haben, als erkennbare Gruppe in der Welt zu leben. Die Juden sträubten sich vielfach gegen die Anerkennung der Tatsache ihrer Sonderart,%weil sie in ihr eine Gefährdung ihrer staatsbürgerlichen Stellung sahen. Diese Befürchtung ist unrichtig und muß es sein. Dern deutschen Volk kann nicht damit gedient werden, daß Juden von ihrer eigenen menschlichen Art sich distanzieren. Gewiß wird es einzelne Juden geben, denen ein voller Uebergang in eine andersartige menschliche Gemeinschaft gelingt; diese aber hören auf, Juden zu sein. Die Judenfrage wird immer durch die Juden bestimmt, denen dieses Aufgehen unmöglich ist und durch die, die es grundsätzlieh ablehnen. So y/enig wie heute noch der Grund- 8atz cuius regio eius religio aufrechter halten werden kann, so wenig können große Staatsvölker dem Grundsatz cuius regio eius natio huldigen. Ein anständiger Staat darf von keinem Bürger Heuchelei und Charakterlosigxeit verlangen,״ er wird Menschen, die ihrem Wesen in ihren Lebensäußerungen Rechnung tragen, riiiiÜä nicht mißtrauen können. Die Juden erstreben in Deutschland keineswegs die Stellung einer ״nationalen Minderheit“, aber sie müssen verlangen, daß ihre geschiehtlieh und blutmäßig bedingte Sonderstellung respektiert, ja für die deutsche Staatsgemeinschaft fruchtbar und nutzbringend gemacht wird. Es besteht kein Wider- Spruch zwischen nationalem Judentum und vaterländischer Verbundenheit. Wer sich selbst die Treue hält, trägt die wichtigste Voraussetzung für gutes Bürgertum in sich. Der Zionismus steht in fortwährender Auseinander- Setzung mit den Zeitströmungen, mit den das Judentum bedrohenden und verächtlichmachenden Judengegnern, sowie mit den antizionistischen Kräften innerhalb des Judentums, glicht in serviler Unterwürfigkeit, nicht mit Loyalitätsbeteuerungen, sondern in Würde und Offenheit will er diese Auseinandersetzung führen. Mit Ungeduld und mit Gewalt kann man90 ׳ schwierige, durch jahrhundertelange Verbindungen und Entwicklungsprozesse entstandene Probleme ebensowenig lösen wie durch die Vogel-Strauß-Politik des Nicht-Sehen-Woilens oder durch Ableugnung des Bestehens dieser Probleme. Wir verlangen volle Gleichberechtigung und Anerkennung unserer Menschenwürde im Staatsleben, nicht ״obwohl“ wir Juden sind, sondern im vollen' Bewußtsein dieses Sachverhalts. Und wir selbst sind bemüht, durch den Zionismus die Lösung der heute die Welt bedrückenden Judenfrage anzubahnen. Darum können wir \uch für den Zionismus iuleresse von Nichtjuden bean״ Sprüchen. Es soll in Deutschland nicht so sein, daß der nächste Nachbar oft nicht weiß und versteht, was ein Jude denkt und will, und daß man die phantastischsten Legenden konstruiert über Dinge, von denen nichts verheimlicht wird, die klar zutage liegen für jeden, der sehen und hören will. Die zionistische Bewegung hat ,ein konkretes Ziel: die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Der Zionismus will in friedlicher Arbeit Juden in Palästina ansiedeln und den jüdischen Menschen durch Einordnung in ein eigenes Gemeinwesen von dem Druck der Verfolgungen befreien. In Palästina leben heute 175 000 Juden, von denen 100000 in den letzten zehn Jahren ins Land gekommen sind. Es ist eine Weltorganisation geschaffen worden, die überall organisierte Mitglieder hat und hinter der Millionen von Juden stehen. Es gibt in Palästina jetzt etwa 120 jüdische Siedlungspunkte auf dem Lande. 30 000 Juden haben sich im Laufe der letzten zehn Jahre in Dörfern niedergelassen; sie haben großenteils bessere Lebensbedingungen aufgegeben, um sich aus eigener Kraft durch ihrer Hände Arbeit eine menschlich gesündere Existenz zu schaffen. Durch die jüdische Arbeit und Intensivierung der Wirtschaft wird das vernachlässigte Land erschlossen und kann bei Aufwendung entsprechenden Kapitals Raum für viele Tausende neuer Ein- Wanderer bieten. Das Interesse am jüdischen Siedlungswerk zeigt sich auch darin, daß nach dem Krieg etwa 800 MilKon־en Mark von jüdischer Seite in Palästina ,investiert worden sind, von denen über 160 Millionen Mark von Juden in aller Welt als Spenden für öffentliche Fonds und Einrichtungen gegeben wurden. Zugleich mit dieser äußeren Entwicklung hat sich dort Aus dem Inhalt: Von der Balfour-Deklaration bis heute, Von Dr, Ch. Weizmann Das Judentum und Palästina. Von Oscar Wassermann Zionismus und Zeitströmungen Judentum und Krise des Abendlandes Aus dem nationalsozialistischen Lager Deutsche und Juden in Rumänien Das Wunder der Stadt Tel-Awiw Das CV-Kind in der Schule, Von Gustav Krojanker Im Literaturbl&ft: Dem fünfzigjährigen Stefan Zweig Bücher und Zeitschriften ein kulturelles Eigenleben überraschend schnell ausgeprägt, upd das Interesse der Allgemeinheit am jüdischen Palästina oeriAt nicht zuletzt darauf, daß die soziale Struktur und die kulturell« י■׳'■ ־׳ Geschlossenheit des jüdischen Lebens in Palästina naturgemäß nirgendwo im jüdischen Leben anderer Lander ein Analogen findet. Das jüdische Nationalheim ist völkerrechtlich durch daa m 50$$׳' Palästina-Mandat von 1922 garantiert worden. Im Namen des Völkerbundes übt England das Mandat der Verwaltung 8u8. Alle ' dem Völkerbund angehörigen Staaten haben die gleiche Mög- ■ lichkeit zur Einfuhr ihrer Erzeugnisse. Die deutsche pjöc׳ fuhr nimmt in den letzten Jahren den zweiten (früher sogar ersten) Platz ein, und es ist kein Zweifel, daß große Steige•• rungsmöglichkeiten für die Einfuhr deutscher Waren bestehen, zumal Deutschland auch palästinensische Produkte <die vorzüglichen, jetzt auch sehr billigen jaffa-Orangen uua Qrapefruit) atifnimnft. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß in cwr Einfuhr von Büchern Deutschland weitaus an erster Stelle steht, ein Zeichen, daß gerade deutsche Kultur in diesem Lande jüdischer Siedlung starke Resonanz findet. Palästina wird Im Vorderen Orient im Laufe der nächsten Jahre eine immer größere Rolle spielen. Haifa wird zum größten Hafen des östlichen Mtttefr meeres ausgebaut, die schnellen Verbindungen mit dem Irak und mit Aegypten erhöhen die wirtschaftliche und politische Bedetir; tung des Landes. *Schon heute ist Palästina der Verkehrsknoteß- ״•׳־•“-•••• . ~ . . .." . erhebliche Handelsbeziehungen unte'rhalten, werden in imoafcf höherem Maße ein wichtiges Bindeglied zwischen Europa lind ׳ dem Vorderen Orient bilden. In Erkenntnis der Bedeutung des jüdischen Palästinaw.td(* hat sich am 15. Dezember 1926 das ,.Deutsche Komitee Palästina“ gebildet, dem deutsche Politiker aller Richtung“ sowie Wissenschaftler und Künstler angehören, ein Zeichen i v v. das vom Parteistandpunkt unabhängige Interesse m der ’ V4D^JJ anvertretenen Sache־. Folgender Leitsatz’ enthält־ ^**A־*«*^'‘' tigsten Teil des Programms des Pro Palästlna-Korait«$: Deutsche Komitee Pro Palästina zur Förderung der.jtigjbäpj* '׳t^Ü Paläitinasicdiung wird in der Ueberzeugung, daß der Anfpftti det Im Palästinamandat vorgesehenen Heimstätte für d»; ■61 dische Volk als ein Werk menschlicher Wohlfahrt und Gesittäwr Anspruch auf die deutschen Sympathien und die tätige Anteil? ' nähme der deutschen Juden hat, bemüht sein, die deutsche Oeffentlichkeit über das jüdische Kolonisationswerk in Palästina aufzuklären, die Beziehungen zwischen Deutschland und Palästina zu pflegen und allgemein die Erkenntnis zu verbreiten, daß das jüdische Aufbauwerk in Palästina ein hervorragende* Mittel für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des Orients, für dk Ausbreitung deutscher Wirtschaftsbeziehungen und für die Versöhnung der Völker ist.“ ‘ Eine kritische Würdigung der zionistischen Bewe» gung ist nur möglich! auf Grund sachlicher Informationell über die geistigen Grundlagen der Bewegung, über daa in Palästina geschaffene Werk und über seine Zukunft*״ Chancen. ■Die Monatsausgabe der ״Jüdischen Rund* schau“ soll auch׳ Fernerstehenden eine Orientierung hier״ über erleichtern. In ihr werden allmonatlich eine Reihe Artikeln und Darstellungen, die im Verlauf de* Monats in der (zweimal wöchentlich erscheinenden) Nor- - mal״Ausgabe veröffentlicht wurden, gesammelt; und zwar werden 901che Beiträge ausgewählt, die übler die bloße Tagesaktualität hinaus grundsätzliche Darlegungen oder allgemeine Schilderungen enthalten. Wit wollen al90 den Lesern der Monatsausgabe Einblick gewähren in das wirkliche zionistische Leben und Denken. Die ״J. R.“ ist hauptsächlich für Zionisten geschrieben, und unsere Leser haben also einen Ausschnitt aus der zionistischen Gedankenwelt vor sich. Wir glauben, daß gerade dieses Kennenlernen einer Bewegung, wie sie wirklich ist, für diejenigen, die sich unvoreingenommen informieren und eine Sache nach allgemeinen Wertmaßstäben beurteilen wollen, von einigem Reiz sein wird. Aus der Viel״ gestaltigkeit des Ausblicks, aus der offenen Besprechung von Fortschritten und Rückschlägen kann der außenstehende Betrachter fühlen, daß der Zionismuj nicht eine konstruierte künstliche Angelegenheit, sondern eine Sache des Lebens ist. Die Judenfrage ist heute so stark im Mittelpunkt deutscher Diskussion, sie ist so sehr umstritten und wird meist so sehr ver-» kannt und verzerrt, daß es auch für Nichtjuden wichtig sein muß, zu erfahren, wie Juden, die keine bloße Apologetik treiben, sondern ihr Schicksal aktiv gestalten wollen, darüber denken und was sie tun. Diese Kennt״ nis zu erleichtern, dazu möge unsere Monatsausgabe dienen, und wir werden uns besonders freuen, wenn wir direkte Beweise erhalten, daß unser Versuch nicht vergeblich war. Kurt Blumenfeld, Vorsitzender der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. :־ ' *y;c* mm L

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