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Jüdische Rundschau · 1936-12-30 · Heft 104-105 (30.12.1936) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 104-105 (30.12.1936)
Date
1936-12-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 104/105, 30. XII. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seile 7 Wie gestalte ich den icliabbat? Für Schabbat, 2. Januar Wochenabschnitt ״Schemot“ (II. B. M. I, 1-61) ■Für das Buch ״Schemot“, •dessen erste Sidra wir an diesem Schabbat lesen, wird uns das Werk ״Die Schrift und ihre Verdeutschung“ von Btiber und Rosenzweig ein« roße Zahl wichtiger Hinweise für das Verständnis beson• ers schwieriger Stellen geben. Für diesen ״Oneg Schabbat“ Ziehen wir insbesondere die Monographie von Franz Rosen• zweig ״Der Ewige“ heran, um die berühmte Stelle von der Offenbarung am Dornbusch uns Idarzuniachcu. Vom Text ausgehend, weist hier Roseimveig in Anlehnung an einen Aufsatz von B. Jacob ״Mose am Dornbusch“ (Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums 1022) nach, daß das bekannte אהיה אשר אהיה nicht besser wiedergego ben werden kann als mit ״ich werde da sein, als der ich da sein werde“. Weitere Bemerkungen zu dieser Stelle finden sich im gleichen Buche S. 163 in dem Aufsatz Martin Bubers ״Ueber die Wortwahl in einer Verdeutschung der Schrift“. Wir möchten empfehlen, nach einer eingehenden Besprechung der oben erwähnten Stellen den Vers II. B. M. 16,3 zu lesen. Man wird dann die Deutung Buber und Rosenzweig in ihrer Tiefe gerade an dem Vers 16,3 erfassen, wo das Volk anerkennt, daß die ihm einst gegebene Antwort Mosches auf ihre Frage ״Was ist’s um seinen Namen?“ ihre Berechti* gung hatte. Interessante Bemerkungen finden sich dann noch aut S. 348 und 340 zu den Steilen 5,7; 5,8 und 5,9 sowie S. 120 zu den Versen 2, 10 und 2, 23—25 unserer Sidra. I. E. Die Weiterentwicklung der Halacha (V) Die Exllarchen. Hand in Hand mit dem Aufschwung des geistigen Lebens unter den Oeonim ging die bürg erliehe Gleichberechtigung der babylonischen Juden, die ihren Ausdruck in der ihnen gewährten Autonomie fand. Das ganze /ivile, das private wie öffentliche Leben unterstand dieser Institution der Selbstverwaltung, an deren Spitze, neben dem geistlichen Haupt, dem Oaon, der weltliche Fürst, der Exilarch, stand. Während die öeonim an den beiden Akademiestädten Sura und Pumbaditha wirkten, war der Sitz des Exilarchen nach der Begründung des Kalifates in Bagdad. Der Exilarch war direkt dem Kalifen una seiner Regierung unterstellt und galt als der offizielle Repräsentant der Juden nach außen hin. Sein Titel war ליש גלותא ,,Haupt der Diaspora" und seine prunkhafte Hofhaltung glich in Vielem der anderer orientalischer Fürsten. Ihm obiag die Üeherwachimg der inneren Selbstverwaltungs-Institutionen jiidischen Lebens, worin ihn die geistigen Führer der Nation, die Geonim, unterstützten. Wir werden auf diese Epoche be• sonders einzugehen haben, zumal sie eine der intercssan• testen und lehrreichsten auf dem Gebiete jüdischen autonomen Lebens in der Diaspora ist. Geistige Opposition. Unter den geistigen Kräften, die sich zu jener Zeit regten und in schroffer Opposition zu der herrschenden talmudischen Richtung standen, war die Sekte Anans aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts, die ihre Fortsetzung und Ausläufer im Karüertum des 10. Jahrhunderts fand. Die geistige Grundhaltung Anans und seiner Anhänger war die eines starren Konservatismus, indem er nur das biblische Gesetz, gelten lassen wollte, dagegen aber die mündliche Lehre und die Anpassung des Gesetzes an ,die Erfordernisse des I cbens konsequent abiehnte und als eitles Menschcmverk verwarf. Seine Richtung kann also als eine antitalmudische bezeichnet werden, die cigentlieh erst im 10. Jahrhundert in den Karäern größere Ver- Breitling unter den Juden gefunden hat. Einige Parallelen aus der früheren jüdischen Geschichte sowie aus dem zeitgenössischen Islam sind lehrreich. Vor allem werden wir uns an den Kampf, der einige Jahrhunderte früher auf jüdischem Boden die zwei mächtigsten Richtungen, die Pharisäer (die Peruschim) und die Sadduzäer (die Zedokiin) miteinander geführt haben, zu erinnern haben. Audi liier war die Frage nach der Auslegung des Gesetzes und der Geltung der mündlichen Ueberliefcrung von Bedeutung, wobei natürlich nicht übersehen werden darf, daß im Gegensatz zu der Zeit Anans und der späteren Karäer politische Motive, Fragen über Wesen und Aufbau des judäisclien Staatswesens eine Rolle spielten. Im Islam kämpften damals zwei starke Richtungen miteinander: die Schiiten und die Sunniten. Während die Anhänger der Sunna den Koran zu deuten, zu erklären und an die Erfordernisse des täglichen arabischen Lebens auzupassen suchten, hielten sich die Schiiten starr an den Buchstaben des schriftlichen Gesetzes. — Es ließen sich hier gewisse Betrachtungen über die Bedeutung des Talnituls für die Entwicklung und Erhaltung des Judentums anschließen, während das weltfremde, den wahren Lebensbcdingungen kaum anpassungsfähige Karaertum immer mehr von der historischen Bühne verschwand und heute nur noch eine unansehnliche, dein Absterben geweihte Gruppe bildet. Literatur: Enc. Jud.; Dubnow 111, §8 61 u. 62. Weitere Literatur daselbst. J.M. Postschlüsse nach Uebersee * Vom 30. Dezember bis 6. Januar (Abkürzungen: PA. =» Postamt; BPA. ־=־ Balinpostamt; FII1. — Flughafen) Palästina. Schilf: 1. 1. Hamburg (PA. 1) 15 Uhr: 2. 1. Hamburg (PA. 1) 15 Uhr; 5. 1. Frankfurt a. M. (BPA. 19) 19 Uhr; 6. 1. München (BPA. 1) 9 Uhr. - Bahn: 31. 12.; 2. 1.; 4. 1. München (BPA. 1) 9 Uhr (Leitverincrk: ״via Belgrad—Aleppo“), — Luft: 30. 12.; 2. 1.; 6. 1. Berlin (PA. C 2) 6 Uhr; 31. 12.; 3. 1. Berlin (PA. C 2) 10 Uhr; 31. 12.; 2. 1.; 2. L; 5. 1. München (BPA. 1)!8 Uhr, Vereinigte Staaten von Nordamerika. Schilf: 31. 12. Hamburg (PA. 1) 8 Uhr; 31. 12. Berlin (PA. C 2) 8 Uhr zu ״Hansa“ 1. 1. Cherbourg. — 4. 1. Hamburg (PA. 1) 19 Uhr; 5. 1. Berlin (PA. C 2) 8 Ulir zu ״Aquitania“ 6. 1. Cherbourg. — 1— MAGISTER KIRSCH—. Der gute llkttr Magister-Likörfabrik, München VII In Berlin zu beziehen durch die Welngroflhandlung Bernhard Brauer, BürgstraBe 9 / Rut: 514340 6. 1. Hamburg (PA. 1) 19 Uhr; 7. 1. Berlin (PA. C 2) 8 Uhr zu ״Bremen“ 8. 1. Cherbourg. — Luft: Fahrten des Luftschiffes ״Hindenburg“ und Nachbringefliigc von Köln zum Dampfer finden bis auf weiteres nicht statt. Südamerika. Schiff: 31. 12. Berlin (PA. 1) 20 Uhr; 1. 1. Frankfurt a. M. (BPA. 19) 8 Uhr zu ״Highland Brigade“ 2. 1. Boulogne. - 2. 1. Berlin <PA. C 2) IS Uhr; 3. 1. Frankfurt a. M. (BPA. 19) 8 Uhr zu ״Alfina“ 5. 1. Marseille. — Luft: 30. 12. Berlin (PA. C 2) 21 Uhr; 30. 12. Frankfurt а. M. (BPA. 19 oder Flh.) 24 Uhr Deutsche Lufthansa. — 2. 1. Berlin (PA. C 2) 9 Uhr; 2. 1. Frankfurt a. M. (BPA. 19 oder Flh.) 13 Uhr Air France. Südafrika. Schiff: 30. 12. Köln (BPA. 10) 21 Uhr zu ״Baimoral Castle“ 1. 1. Southampton nach Kapstadt, Johannesbürg und Pretoria. — 5. 1. Hamburg (PA. 1) 19 Uhr; 6. 1. Frankfurt a. M. (BPA. 19) 19 Uhr zu ״Guilio Cesare“ 8. 1. Marseille nach Kapstadt, Johannesburg und Pretoria. — б. 1. Hamburg (PA. 1) 19 Uhr; 7. 1. Köln (BPA. 10) 8 Uhr zu ״Windsor Castle“ 8. 1. Southampton nach Kapstadt, Johannesburg und Pretoria. — Luft: 1. L; 5. 1. Berlin (PA. C 2) 22 Uhr und München (BPA. 1) 24 Uhr. Zeitschrift Palästina, Herausgeber (i. E.) Adolf Böhm, Wien. Die Dezember-Nummer der Zeitschrift enthält einen Aufsatz von Dr. Alfred Marcus über TransfCTproblem und Palästinawirtscliaft. Dr. Abraham Werber entwirft in seinem Aufsatz den Plan eines Instituts für Wasserfragen, einen detaillierten Gründungsplan für ein solches Institut. Dr. Stefan Krauß gibt in seiner Untersuchung über die Kinder der Altstadt von Jerusalem ein interessantes Bild von den traurigen Verhältnissen, unter denen die orientalischen Juden leben. Der Hauptteil der Zeitschrift ist der Königlichen Kommission gewidmet. Die Verhandlungen sind möglichst wörtlich wiedergegeben, um eine feste Grundlage für spätere Erörtertingen zu haben. An Stelle des verstorbenen Dr. J. Adler schreibt von nun an Dr. A. Michaelis in der Rundschau allmonatlich über Wirtschaft. Mit reichhaltigen Nachrichten und Daten und interessanten Buchbesprechungen schließt das Heft. | Minna Schwär z| Mit der Gestalt von Minna Schwarz, die am 26. Dezember verschied, war immer etwas Festliches verbunden. Nicht nur, weil diese Frau eine seltene Genußfähigkeit besaß und es verstand, Feste zu feiern und zu bereiten. In sehr alltägliche Sitzungen, in jeden Kreis wußte sie die Stimmung des Froh-Bewegten zu tragen. Sie hat, schon allein durch ihr Dasein, Kindern und Alten, Arbeitenden und Feiernden Freude gebracht. ln jungen Jahren war Minna Rosenau (״eb. ain 25. Noventber 1859 in Kyritz, Pommern) zu beruflicher Tätigkeit nach Berlin gekommen und fand in dem Kaufmann Meyer Schwarz bald den Lebensgefährten. Eigene Kindei blieben ihr versagt, aber sie schuf sich ein Reich fraulichen Wirkens, das in jeder Hinsicht verständnisvolle Förderung des Ehegatten fand. Besonders verbunden war Minna Schwarz der Idee und Arbeit der B'ne Brith, und ihr ist es vor allem zu verdanken, daß dort die Frauenarbeit ihren eigenen fruchtbaren Boden fand. So liat sie in den Schwestcrnvcrluinden, dem Altersheim in Licliterfclde, dem Erholungsheim in Oberroch• witz tatkräftig mit gewirkt, aber ihre eigentliche Schöpfung war der Frauen verein der Berliner li'ne Brith mit dem Mütter- und Säuglingsheim, das — im Jahre 1911 mit 3 Belten begonnen — 22 Jahre hindurch unzäliligen Müttern und Kindern ztun Segen wurde. Dieses Heim war auch die erste staatlich anerkannte jüdische Ausbil* dungsstätfe für Siiiiglingspflegerinnen. Als Minna Schwarz im Jahre 19:33 unter dem Zwange der Zeit die erste Zweckbestimmung ihres Heims in der Brunnenstraße aufgehen mußte, stand es bei ihr fest, daß die Pforten dieses 1 lafens nicht geschlossen werden durften. Weit aufgetan hat sie sie für die Menschengruppe, die der Umschwung besonders traf, die sich nicht mehr zurechtfinden konnten in der Welt, die ilire Kinder ins Weite ziehen sahen: für die Alten! Und es gelang ihr, irn Berliner Norden ein Heim zu schaffen, in dem Schönheit und Freude ihre Stätte fanden, vor allem seitdem sie selbst — nach dem Tode ihres Gatten — in ihrem ״.Minmi-Scliwarz-I leim“ lebte. Auch damit zog sie sich nicht zurück von der Welt, immer reicher wurde der Kreis ihres Wirkens. Unzählige Verbände: Frauenbund und Lamlcsverbana, Tovnbee-1 lall, Gentral-Verein und Keren Hajessod — um nur einige zu nennen — verlieren in ihr die treue Mitarbeiterin. Die jüdische Gemein- Schaft mußte mit Minna Schwarz wieder einen Menschen!!ergeben, dessen Vergehen alles umspannte, was lebendiges Judentum heiß’.. Ilannah Karminskl Zum Tode Geheimrat Heilbergs Man schreibt uns aus Breslau: Der Tod des Geheim- Tals Heil borg, 11 hei den in der vorigen Nummer der ״Jüdischen Rundschau" kur/, berichtet wurde, hat hier allgemeine Teilnahme hervorgerufen. I leilberg war eine überragende Persönlichkeit von ungewöhnlichen Cirihen, ein glünzender Jurist und fortreiBender" Redner, ein Mann von universaler Bildung, vor allem aber ein vornehmer, gütiger, allzeit hilfsbereiter Mensch. Als wissenschaftlicher Jurist hat er in Wort und Schritt an der Auslegung des geltenden Rechts und an seiner Wciterbiklmii׳ mitgewirkt, Fs ist bezeichnend, daß Heilberg einer der ersten war, die das wichtige, jetzt gesetzgeberisch geregelte, Thema der Wahrheitspflicht von Partei und Anwalt eingehend behandelte (11. a. als Berichterstattet des Anwalttages 1913). Von größeren Arbeiten sei sein Kommentar über die pri vatrechtliehen Bestimmungen des Friedensvertrages genannt. Den jüdischen Dingen hat Heilberg, der übrigens von seiner Oymnasialzcit her die hebräische Sprache beherrschte, zunächst ferugestanden. Er war darin ein echtes Kind seiner Generation, welche die Be* deutung in der großen Kommunal- und I.andespolitik, den Kampf um. allgemein-menschliche Ideale für wichtiger hielt, als. Arbeit in der jüdischen Gemeinschaft. Als aber nach dem Kriege der neutrale Keren Hajessod begründet wurde, schloß er sich sofort an. Fr hot die erste Breslauer Keren- Flajessod-Konferenz geleitet und auch als Mitglied des deutsehen Pro-Palästin - .; s die Sache des jüdischen I'a—t lästinp-Aufbatis gefördert. 1 teilberg hiuterlälit zwei Tochter,! von denen die eine mit dem aus Breslau stammenden frühe«! ren Staatssekretär Dr. 1 laus Schaffer, jetzt Leiter des Kreuger-Konzerns in Schweden, verheiratet ist, während die andere in der jüdischen Zentralwohlfahrtsstelle arbeitet. Mädci könnten von ihren Erlebnissen in dieser Allee erzählen! Ich beneide euch darum, liebe Biiuine, daß ihr alles wißt und nichts erzählt. Wie leid tut es mir, daß nicht wenige unter euch kümmern oder ganz fehlen. So weit hätte doch die Gleichgültigkeit nicht gehen düiTen. — Wie idvllisch war doch der Halbkreis, in dem die Alice endete. Er war auserselien zur Chuppe, wenn Menschen von uns miteinander die Ehe schließen wollten. Aber ich glaube, daß mir einem Paar dieses Glück zuteil wurde. Wie glücklich sind wir heule, wenn wir die Kinder gemeinsam mit uns arbeiten sehen! Der Halbkreis ist nicht mehr. Nur ein Ueberrest von ihm blieb, w ie ein Gedenkstein. Ihn wenigstens wollen wir hüten. Dort in den lieblichen Winkeln stehen Zypressen und EukalyptusbäUune. Wie stolz sie dastehen! Am Ufer des Jordun wurden sie gepflanzt. Wer hat wie sie Freude und Frohsinn in unser Leben gebrach(? Zu ihnen kamen wir, um zu ruhen, zu lesen, zu plaudern nach dem Bade — vor dem Wachtdienst und nach ihm. Hier war der gemütlichste Platz. liier baute die Jugend im Sommer ihre Hütte, in der sie ihre freie Zeit verbrachte; hier schlief sie nach frohem Tummeln in der Allee. Die Bäume hörton, was in ihr vorging. Was den Eltern nur schwer gelang, fiel den Baumen leicht. Ihr Einfluß, den W’ir bei uns selbst so deutlich spüren, wirkt« besonders auf die Jugend. Vergebt und verzeiht uns, liehe Bäume, daß wir euch im Stich gelassen haben, wie wenn wir euch nicht mehr brauchen würden. So ist es nicht Ihr wißt, daß es nicht; unsere Schuld war. Wir weinen 11m euch, ihr mächtigen Giganten, daß ihr durch den Ratschluß des Schiclcsnfs fallen mußtet, und wir versprechen euch, ar. eurer Stelle neue zu pflanzen. Und wieder stehen die allerersten Bäume mir vor Augen: Die Aepfel, Birnen, Aprikosen, Quitten und andere. Mit wieviel Liebe und Hoffnung haben wir sie betreut, und sie bemühten sich, unsere Mühe zu lohnen, und zeigten uns stets ein freundiiclies Gesicht. Doch plötzlich schrumpften sie zusammen und verwelkten, denn sie konnten sich in unserem Tal nicht halten; schweren Herzens trugen wir sie zu Grabe. Statt ihrer grünen Rasenflächen, die jetzt unser Leben verschönern. — Hier •wuchst auch der erste Pardeß, an den wir große Hoffnungen knüpften. Unermüdlich widmeten wir ihnen unsere Kraft und Pflege, jenen Zitrusbaumen, den Pionieren des Pardeß in unserem Tal. Sie wiesen uns den Weg. Jetzt blieben nur einzelne von den allerersten übrig; wenn auch sie in ein besseres Jenseits eingehen werden, können sie Zeugnis oblegen von unseren heutigen Fruchtgürten. Sie werden erzählen, daß große Nationen der Welt den köstliehen Geschmack ihrer Frücht® kosten und sich daran erfreuen. . Und ihr, geliebte Bäume, Kinder unseres Tales, die ihr den liebsten aller Namen tragt, den Namen von Josef Bussei. Es ist nicht eure Art aufzufallen, und deshalb schweigt ihr. Ach, ihr denkt sicherlich schlecht über uns. Wir haben uns sehr an euch versündigt. Aber ihr wißt ja, wie ihr uns beschämen könnt: Wachst und verzweigt euch, breitet eure Zweige und Ausläufer nach rechts und links und peitscht uns damit, so oft wir in euer Wäldchen treten. Bitte verzeiht uns. Durch euch führt sicherlich ein Weg zu ihm, zu Josef, unserem Gefährten. Uekermittelt ihm durch eure Wurzeln oder durch eure Wipfel, daß wir das Werk fortführen, das er begann, daß wir schon ein bißchen weitergekommen sind, seit er von uns ging, und daß wir noch vieles Vorhaben. Auch der Oel- und Mandclbain tritt vor meine Augen. Mandel- und Oelbaum! Ihr lebt nicht mehr, aber ihr wäret uns Wegweiser bei der Anlage von Pflanzungen in diesem Tale. Ihr wart ja auch Kinder des Landes, und jeder Pfad in ihm ist euch bekannt. Lieber Oelbaum! Wie sehnten wir uns danach, deine gute Frucht auf unseren Tisch zu bringen und unsere Speisen mit deinem herrlichen Oel zu vermengen. Auch du, Mandel, wie lieb warst du uns. Du w׳arst uns der erste unter den Frühlingsboten, und deine Früchte glänzten freudig über unseren Häuptern. Noch grün verschlangen wir sie im Vorbeigehen. Bis heute gedenken wir der Tage, als wir deine harte Rinde abscliälten, und wir stehen beschämt vor dir und können kaum den Mund aufmachen, denn mit unseren eigenen Händen haben wir dich ausgehauen. ״Aber auch im Zorn lasse Erbarmen walten“ — Vergiß nicht, wie wir zur Zeit der Heuschreckenplage keine Mühe und kein Geld scheuten und alles taten, was in unserer Macht stand, um .euch vor diesem schrecklichen Feind zu retten. Mit weißen, reinen Tüchern bekleideten w׳ir euch — mit Binden umwanden wir euch, und erretteten euch vor dem Tode. — Jetzt bauen wir herrliche Gemüse an euerem Platze. Ihr habt an Wassermangel gelitten. Aber jetzt haben wir Beregner an!gestellt, die den Boden schön bewässern. Auch stolze Gebäude erstanden hier: Schule und Beth-Gordon — unser junges Geschlecht wird hier erzogen. Zu eurer Zeit gab cs nur einzelne Kinder — jetzt wachsen nnd sprießen sie wie das Grün des Feldes. Aber auch ihr wurdet nicht völlig verdrängt. Ein einzelner Oelbaum blieb mitten im Gefilde und erfüllt eine heilige Aufgabe. Er wacht über die Seele eines Mädchens, das hier einem unglücklichen Zufall zum Opfer fiel. Ihr kanntet sie, denn zu eurer Zeit geschah es. Noch zwei Bäume sind der Erwähnung wert, die zwei Euknlyplusbäume, die der verstorbene Mosch« gepflanzt hat, am Ufer des Jordans, in Um-Dsehurin. Die beiden kleinen Bäume erzählen »ne viel .von jener Zeit und von der damaligen Bewüsserungsmoiliiiat. Aber mich sie fielen auf dem Altar des Aufbaues des Landes. (Jordanregalierungen.) Von dem Wäldchen gegenüber Hclhunia blieben nur diese beiden zur Erinnerung. So oll ich hinüberblicke auf dio großen Bäume im Westen v״n l’eihania, scheinen sie mit. unseren beiden Bäumen z.u wetteifern. Ich erinnere midi noch gut, wie wir das Wäldchen am ■Icrilan pllunzlen. In Blccheimerik schleppten wir Wasser rum Gießen — und jetzt ist alles aus. Da waren noch zwei Reihen Feigenbäume — in etwas eigenartiger Lage. Sic :-landen nicht am Anfang des Feldes, noch in der Mitte, 1!״H1 am I'.mle. Sie standen einfach so da. Wenn ich ab 1!1,1׳ zu zu ihnen kam, um Feigen zu pflücken, schämten sic sich otlciiMihrikh. •Sic hntten volles Verständnis dafür, daß cs ihre Aufgabe sei, Früchte zu tragen, aber ihrer Fiiiihto waren herzlich wenig und auch der Geschmack war nicht bcsoiuler.s. Ihr Kummer darüber bekümmerte stets muh mich, ich litt mit ihnen, daß sie es nicht; besser konnten. Daher kam uns ilu■ Versagen gar nicht so sehr zum ILwußtsein; sie starben in der Stille, und wir führten das l eid ei nur nützlicheren Bestimmung zu.. Wer auf das Jord.inufcr blickt, dort wo Schleus®, Brücke und Straße uns von den Bäu inen am Ufer trennen, — der empfängt den. Eindruck, als oh die Hiiume freiwillig zur Seite getreten seien, um der Straße Platz zu machen. Ihre Anfänge reichen in die 'Fuge des Weltkrieges zurück, als Arbeitslosigkeit und Hunger im Lande herrschten. Damals arbeitete der verstorbene Josef, der mit der Arbeitssuche betraut war, einen Plan aus, Stufen anzulegen als eine Art von Terrassen auf unserem Jordnnul'cr, und Eukalyptusbäume zu pflanzen. Nie werden die Erinnerungen verblassen, die diese Bäume in uns erwecken, Erinnerungen an schwere Zeilen, die über uns und überhmipt über den Arbeiter im Lande hinweggingen, — Daa Wäldchen war unser erster Traum: Wir träumten davon, in dem Sumpf Eukalyptusbäume zu pflanzen, am uns vor der Malaria zu schützen, die schwer an uns zehrte. Ira Kriege pflanzten wir tutsächlieh Bäume in den .Sumpf, alter die Türken kamen, bauten die Brücken, das Wasser stieg und schwemmte alle Selzlinge hinweg — ihr Andenken sei gepriesen. Und hier ist nun das Wäldchen unseres Friedhofes. Da sind die Baume, die dio Gräber unserer Verstorbenen beschirmen — ein heiliges, ehrfürchtiges Zittern erfüllt «ns. Ihr, liebe Bäume, schmiegt euch für immer an die Gräber; unter euren Aesten, Zweigen und Blättern ruhen die ewigen Geheimnisse. Ihr verbindet die Lebenden mit den Toten. Wer ist so beständig wie ihr. —• Mit euch leben wir in Ewigkeit. — (Aus dem Hebräischen übersetzt von M. Pieter, Deganiah) 1

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