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Jüdische Rundschau · 1936-12-30 · Heft 104-105 (30.12.1936) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 104-105 (30.12.1936)
Date
1936-12-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Saite 6 Gedächtnis Wir sind ein ״halsstarriges Volk“, ein Volk mit einem lange dauernden Gedächtnis. Weizmann vor der Royal Commission Versuchen wir, Weiznianns gewiß nicht beiläufig, sondern förmlich als Maxime vorgcbrachte Bemerkung, wir seien ein Volk mit einem ״halsstarrig“ dauerhaften Gedächtnis, näher zu untersuchen. Für den Normalfall ist alles klar, und sicherlieh sind wir nicht das einzige Volk mit Gedächtnis, sondern es ist in jedem Falle das Gedächtnis, das eine Gemeinschaft von Einzelnen zum Volk macht. Immer also wenn wir dem in unserer Lebenshaltung und Gemeinschaftsführung als Tradition dokumentierten Gedächtnis treu blieben, waren wir Volk, das jüdische Volk, und immer, wenn wir unser Gedächtnis schwächten, ging es mit uns als Volk bergab. Wir mochten uns dann das Gedächtnis anderer Völker in uns hinein suggerieren, es mochte uns dabei als Einzelnen mehr oder weniger gut gehen, wir konnten dann jeder als Einzelner in seinem Wirkungsbereich vortrefflich funktionieren, aber v o I k smäßig glich dann doch jeder dieser Einzelnen dem Präzedenzfall von Gedächtnisstörung, dem wahnsinnigen Juristen, Schau״ Spieler oder Mathematiker, der zwar alle seine Paragraphen, Rollen oder Logarithmen erstaunlich gut im Kopf und präsent, aber seine Adresse vergessen hat. Und eben das Vergessen seiner eigenen Adresse ist in solchen Fällen ein Hauptmerkmal der Abnormität, der Krankheit, und auch für unsern Fall ist es nicht unwichtig, daß ftir solche Krankheit nach den psychiatrischen Beobachtungen gerade Schauspieler für prädestiniert gelten: Schauspieler, deren Gedächtnis in allen spielbaren Pollen funktioniert und nur in der einen, ihrer eigenen Lebensrolle aussetzt. Das Entscheidende ist, daß gewissermaßen je zwei Ge״ dächtuissc vorhanden sind: mein Gedächtnis meiner selbst, nämlich meine Tradition, wie ich sie halte und behalte, und das Gedächtnis der andern an mich, nämlich meine Tradition, wie meine Umwelt sie sieht, oder ihre Tradition, sich zu mir zu verhalten. Der Krankheitsfall entsteht, sobald eine Korrektur des Gedächtnisses nur auf einer der beiden Seiten erfolgt, sobald also nur das eine oder das andere• Gedächtnis etwas erinnert oder vergißt. Der erste klassische Fali: Aegypten vergißt Joseph (es kam ein neuer Pharao, der von Joseph nichts wußte), die Kinder Israels alter konnten Joseph nicht vergessen, die Grundlage ihrer Existenz in Aegvptcn hieß: Joseph, aber da das andere, das ägyptische Gedächtnis ver* gaß, wurde ״Joseph׳‘, psychiatrisch gesprochen, zur Wahn- Vorstellung, zur fixen Idee und ist es, mit Unterbrechungen, bis auf den heutigen Tag geblieben; und da ,,Joseph“ die Grundlage ihrer Existenz, in Aegypten bedeutete, mußte die Korrektur des ägyptischen Gedächtnisses das Aufltörcn der josephsinäßigen Existenz der Israeliten in Aegypten bedeuten. Der letzte klassische I all: Ein Philosoph vergißt das Wort Jude. Er behauptete, am modernen (nichtzionistisehen, nichtreligiösen) Juden sei nur der Name Jude noch jüdisch. Falle das Wort ״Jude“ weg, so sei auch alles Jüdische, Judenfrage und Judenhaß vergessen. Angenommen, er hätte logisch recht (ein Verrückter mag so logisch denken können wie Aristoteles, sagt ein Psycholog), so folgte aus der Konsequenz dieses Mannes, der sich selbst nie mehr Jude nannte, tatsächlieh doch gar nichts, denn so unbedingt es ihm für sich auch gelungen sein mochte, das Wort, seinen Namen ״Jude“, seine ״Adresse“ aus seinem Gedächtnis auszumerzen, so hatte doch seine Umwelt nichts vergessen, der Name blieb ihm bei den andern, deren Gedächtnis eben nicht mitkorrigierte. Das Gedächtnis ist also korrigierbar. Es besteht durchaus nicht nur aus einer Sammlung und Schichtung von einmal gehabten und immer wieder reproduzierbaren Wahrnehmungen, Empfindungen, Vorstellungen, Ueherlieferungen, Glauben und Verhaltungswcisen, die alle etwa wie Tuchballen aufeinander fest gerammt daliegen, sondern auch damit notwendigerweise aus Umwdtbezidiungen, die alle korrigier¬ Bäume Von TAN'CHU.M (Uaganiah) Eine der ältesten und berühmtesten jüdischen Gemein• schaftssivdlungcn Palästinas ist die Kwuzah Dagnniah am Ausfluß des Jordan aus dem Tiberias-Sce. Daguniah, das eigentlich schon im ,,(>st jordimhmde“ liegt, trotzdem aber politisch noch zu Palästina gehört, hat eine heroische Gcschichte hinter sich, die sich auch in den berühmten UOumcn dieser Siedlung leibhaftig verkörpert. Wer heule die Pracht der Gärten und Haine in Uaganiah sieht, ahnt nicht, daß dieser Knien fleck einmal wüst und leer war und die herr• liehen Bäume allmählich von den Siedlern großgezogen wurden. In dem nachfolgenden Aufsatz erzählt einer der ältesten Siedler des Ortes die Geschichte dieser Bäume, Wenn du so auf Woche stehst, in der Zeit, wo noch keine Schüsse fallen, besonders in Mondnächten, bevor die gefährlichen Stunden kommen — dann drängt es dich, über etwas nachzudenken; eine gewisse Langeweile bringt dich dazu. Meistens sitze ich oder stehe ich mit dem Gesicht nach Osten, und die kahlen Berge blicken auf die weite Ebene herab — mir gegenüber leuchten nur vereinzelte Lichter aus dem Dorf oder aus der Polizeistation herüber, aber sie sprechen nicht zu meinem Herzen. Um meine Gcdanken anzuregen, bedarf es einer Verquickung von Erinnerungen, einer Menge von Bildern, und sie steigen vor mir auf, wenn ich mich nach Westen wende; dann erwachen Gefühle, erneuern sich Erinnerungen und geben stets wachsenden Stoff zum Nachdenken. Mein erster Blick fällt auf die Bäume mir gegenüber. In den Nächten ragen sie noch mächtiger empor und erwecken den Eindruck, als ob ihnen alles gehöre und sie über alles geböten. Und in meinem Geist verbinden sich Kwuzah, Bäume und Chawerim zu einem Begriff, und zuweilen scheint es mir, als ob die Bäume wichtiger seien als die Menschen. In diesen Augenblicken versuche ich, vor mir die Menschen vorüberziehen zu lassen, die im Laufe der Zeit bei uns waren. Aber sie ziehen nur ganz langsam an mir vorbei, während die Bäume — jene, die mit uns heute leben, und jene, di» in die Ewigkeit eingingen, wie auf deT Leinwand vor mir vorüberziehen. Ihre ganze Vergangenheit erstellt wieder in meinem Innern, ihr Leben und ihr Tod, jeder Baum und seine Zeit, Meine Gedanken beginnen mit dem ersten der Bäume und endigen mit dem letzten unter ihnen. Mit ihnen zusammen erwacht in mir die Erinnerung an die Menschen und an ilire Zeit, und es begleiten mich zu ihnen zurück dieselben Gedanken, die mich damals beweg ten, als wir sie pflanzten, und in den Jahren ihres Wachstums. Da ist des Pfefferbaum. Es sind hier unsere ersten Bäume ז JÜDISCHE RUNDSCHAD Nr. 104/105, 30. XII. 1936 bar sind. Es ist ja bekannt, daß der Einzelne — und ebenso das Volk — aufgespeicherte Wahrnehmungen nachträglich mehr oder weniger bewußt, manchmal oder meist nach Bedarf, umformt oder umfärbt, so daß vergangenes Geschehen, Geschichte, Vorgeschichte eigentlich nie mehr das ״tatsächlich“ Geschehene, sondern das Geschehen bedeutet, wie es sich jeweils als Gedächtnis, also gefärbter, geglaubter, geformtcr Gcdächtnisinhalt reproduzieren läßt. Soweit die Fürbung und Formung innerhalb des Gedächtnisses nur den Einzelnen oder das einzelne Volk berührt, ist sie unbedingt und ״gesund“, sobald sie von den Korrekturen innerhalb des Gedächtnisses der anderen Partei abweicht, diese aber noch angeht, ist sie ״krank“. Der dann eingelretene Zustand wird Geisteskrankheit genannt; schon Schopenhauer hat jede Art von Wahnsinn als Gedächtniskrankheit erklärt, und der Psjchiater b«schränkt sich wohl auf die Deutung, daß das Band Unser neuer Roman In der nächsten Nummer beginnen wir mit der Veröffentlichung einer Erzählung von LEO HIRSCH ״Joseph wird nicht verkauft“ Die Geschichte behandelt in der Form der Fieber-Phantasie eines kranken Knaben ein aufregendes Erlebnis aas der Zeit des großen Krieges in einem Ort der ehemaligen Provinz Posen an der russisch-deutsdien Grenze. zwischen dem Denken des Kranken und der Wirklichkcitsweit: sein Gedächtnis, diese ״Summe von Zeichen für Wahrnehmungen der Außenwelt“ zerrissen ist. Der Psychiater sieht als ״Ursache“ nur Materielles, eine Erkrankung der ״körperliehen“ Organe an. Der Nichtmediziner ist in der absoluten Bestimmung dessen, was geisteskrank besage, nicht ganz so sicher, und eine Norm für geistige Gesundheit ist, abgesehen davon, daß jede Mehrheit von Menschen sie sich praktisch erzwingt, nicht zu geben; so daß mancher Wahnsinnige wie mancher in positiver Richtung des Geistes Abnorme, beispielsweise ein Genie, behaupten darf, die andern seien walmsinnig und hätten kein Gedächtnis. Soweit hätten wir also unser Gedächtnis in eine Art von System gebracht, aber es bleibt trotzdem ein paradoxer und peinlich schwieriger Fall. Es wäre nicht einmal leichter, wenn wir statt eines Volkes ein einzelner Mensch wären. Nehmen w׳ir an, dieser einzige Jude, nennen wir ihn Joseph, lebt im pharaonischen Aegypten zunächst normal, nämlich im Einklang seines eigenen Gedächtnisses mit dem ägyptischen. Nun kommt der neue Pharao, der von Joseph nichts weiß, das ägyptische Gedächtnis an Joseph also korrigiert, so daß kein Einklang mehr zwischen den beiden Josephs-Gedächtnissen besteht. Also muß Joseph nun auch sein Gedächtnis seiner selbst korrigieren, er muß sieh normalisieren, aber wie? Nehmen wir an, er könnte sein Gedächtnis soweit tilgen, daß er ohne Adresse verbliebe, also nicht mehr der Joseph wäre, aber doch noch wäre, so könnte alles wieder normal sein, falls sein Da-Sein, aber nicht mehr Joseph-Sein, dem Gedächtnisstand dieses Pharao entspräche. Wie aber, wenn es nicht entspräche oder wieder ein neuer Pharao käme, dessen Gedächtnis anders wäre, also von jenem Joseph sehr wohl wüßte, wie er vorher als der ursprüngliche Joseph war? So bliebe Joseph immer noch eine neue Korrektur übrig. Wie aber, wenn ihm, Pharao, überhaupt kein Joseph, überhaupt keine Gedächtniskorrektur entspräche? Wenn es also nicht um Josephs Gedächtnis, sondern um seine Existena ginge? Aber ist denn zwischen Gedächtnis und Existenz ein Konflikt oder auch nur ein Unterschied? Und wenn es nur einen einzigen Juden gäbe — es gibt nur einen einzigen Juden, und jeder von uns ist dieser einzige Jude. Das Zeichen des ״Wahnsinns“ wäre außer den medizinlsch materiellen und den psychologischen Merkmalen die Minorität. Setzen wir den grotesken Fall, daß eine bestimmte Krankheit von den tausend Menschen einer Gemeinschaft ncunhundcrtundncunundncunzig ergreift, so würde der einzig Gesunde, der Tausendste, allein der Kranke, da ja die Krank* heit zur Norm, zur Gesundheit geworden wäre. Wir Juden sind der Welt gegenüber fast immer in Galuth-Zeiten die Minorität. Andererseits sind wir unter uns Juden doch wieder die Norm; bei welchem Juden demnach eine Störung, ein« eigenwillige Korrektur des Judengediichtnisscs eintritt, der ist für uns abnorm. Doch das Gesetz, unter dem wir an* getreten, das so halsstarrig dauerhafte Judengedächt• n i s, ist dermaßen über alle Gesetze der Logik, Psycho״, Patho- und Soziologik hinaus machtvoll, daß es nicht einmal auf unsere Majorität angewiesen ist. Unserem Gedächtnis ge* nügen die unerkannt lebenden sechsunddrcißig Gerechten, um den Bestand unserer Welt zu erhalten. Denn, soviel Ge* dächtnisse es auch gibt, nur auf das eine, eigene Gedacht* nis kommt es letztlich an. Leo HirscU Vom Wesen des jüdischen Witzes handelt eine Abhand• lung, die der bekannte psychoanalytische Forscher Theodor־ R e i k im ״Almanach der Psychoanalyse 1937“ (Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien) veröffentlicht. Reik ist1 durch persönliches Erlebnis dem Wesen des jüdischen Witzes auf die Spur gekommen. Er hat vor inehr als 15 Jahren in Berlin bei Reinhardt das Schauspiel ״Die Juden“ des russi* sehen Autors Eugen Tschirikow (der übrigens Nichtjude ist) gesehen. Dieses Drama schildert das jüdische Elend im za•* ristischen Rußland und die innerhalb einer orthodoxen Fa»׳ milie durch das Eindringen weltlicher Tendenzen entstan•: denen Konflikte. Reik berichtet nun, daß ihm aus diesem von! düsterer Stimmung erfüllten Drama nichts anderes im Ge•׳ dächtnis geblieben ist als eine Reihe witziger Anekdoten«, Die Erklärung liege darin, daß der durch die Schrecken des Dramas entstandene Affekt unbewußt auf die in dem Stück enthaltenen Scherzworte verschoben wurde. Was während der Fortführung dieser Szene an Empörung und Trauer wacU; geworden war, hatte sich von der Handlung des Dramas los*! gelöst und an die drei scherzhaften Anekdoten gehängt, als; ob sie alle seelische Bedeutung des Dargestellten in sich beherbergten. Diese Verschiebung ist, wie Reik meint, kein! Zufall, sondern die Folge der Tatsache, daß diese Gestalten in ihren Scherzen unmittelbarer zum Menschen sprechen als in ihren Klagen. Durch die von Leid erfüllten Scherzworte erscheinen die Gestalten des Dramas unmittelbar als Glieder einer langen Kette von Geschlechtern, die bis zu den Pro•! pheten und den Sprüchen der Väter zurückreichen. Es taucht darin die letzte Menschensehnsucht und -Schwermut; auf. Hiervon kommt nun der Verfasser zu allgemeinen; Folgerungen über das Wesen des jüdischen Witzes. Demi Psychologen zeige der jüdische Witz in seiner Entstehunjfj denselben Vorgang der Affektverschiebung. Da* durch wird auch eine Eigentümlichkeit des jüdischen Witzes! erklärt: man lacht wohl über ihn, doch er ist zumeist nicht heiter. Diese unbewußte Affektverschiebung überträgt sich von dem Schöpfer des jüdischen Witzes auf seine Hörer. Die Komik des jüdischen Witzes wird durch die stumme Miterregung der tragischen Kraft verstärkt. Vielleicht hätte der Autor hier noch der speziellen Funktion der Ironie׳ edenken können, wodurch auf das Thema Hoch manches iclit fällt. — Neben Reiks interessanter Studie findet sich in dein Almanach noch?ine ganze Anzahl von Beiträgen, die einen Einblick in die Gedankengänge und Forschungen! der Psychoanalyse gewähren. Darüber hinaus ist manches von allgemeinerem Interesse, wie z. B. ein Brief von Sigmund Freud an Romain Rolland, in dem ein eigentümliches Erleb-j nis in Griechenland beschrieben wird. ewesen und bedeuten uns etwas ganz Besonderes. Mit ihnen egann auch unser Wachstum. An diesem Platze keimten die Anfänge unserer heimatlichen Kultur, und von liier aus erwuchs uns ein neues Leben. Die Pfefferbaume erwecken die Erinnerungen an die landwirtschaftliche Mädchenschule in Kinereth. Damals hatten wir es noch nicht gewagt, uns selbst an die Pflanzung eines Baumes zu machen, und überließen es Fachleuten. Wenn man heute die letzten dieser Bäume betrachtet, spürt man eine gewisse Trauer. Sie bieten ein Bild des Alters, der Würde, und jeder Sturm beugt gleichsam ihre Gestalt und droht sie zu entwurzeln; während sie selbst ihr Urteil gleichmütig auf sich zu nehmen scheinen. Und wie eigenartig: gerade diejenigen unter ihnen, denen es am besten geht und die mehr Nahrung und Pflege empfangen, leiden am meisten und bersten am leichtesten; und jene, die etwas abseits stehen und nicht viel Nahrung abbekommen, behaupten ihren Platz, Und jetzt fällt mein Blick auf die mächtigsten Bäume. Hoch aufgerichtet, gleichsam mit Greisenhaaren, stark und fest stehen sie da, wie Soldaten, wie wenn es ihre Aufgabe wäre, über Bestand und Tradition zu wachen, und man fühlt ihnen gegenüber eine gewisse Achtung; So sind die Palmen und Datteln. Manchmal scheint es, als ob sie alt seien, geschwächt, mit lang herabhängendem Haar —, und manchmal wieder, wenn man sie schneidet, werfen sie ihre trockenen Zweige ab, die so welk herunterhängen, und sind wieder jung wie früher. Manchmal strahlt von ihnen «ine besondere Freude aus, wie wenn sie sagen wollten: ״Schaut, das neue Chadar- Ochcl hier mit seinen vielen Menschen — es ist gut bewacht. Setzt euch nur neben uns, legt euren Kopf an uns, und es wird euch nichts geschehen.“ — Die Datteln breiten ihre Anne auch über das alte Wohnhaus aus, wie wenn sie verkünden wollten: ״Ihr da drin habt jahrelang unter der Südsonne gelitten und konntet nach schwerer Arbeit eure Mittagsruhe nicht finden. Wir erinnern uns noch gut, wie ihr euch in dem Saal da oben hin und her wälztet, einer auf dem Tisch und einer unter dem Tisch, wie ihr mit den Fliegen kämpftet, die euch den Schlaf raubten, — jetzt kamen wir euch zu Hilfe. Ruht euch aus, damit «uch die Arbeit leichter wird.“ — Und nun die verschiedenen Bäume hinter der Küche. Jeder will größer sein als der andere. Sie wetteifern miteinander, wie sie sich der Kwuzah nützlich machen können, — aber ohne Eifersucht und Mißgunst. Der eine beschirmt das Wellblechdacli, damit die da drin es bei der Arbeit nicht so heiß haben, ein anderer beschützt den Weißkäse, wieder ein anderer die verschiedenen Gemüse. Ein Baum trägt auf seinem Rücken Putzeimer und Putzlumpen, eia anderer — Besen und Bürsten. Früher, als der Küchen׳■ betrieb noch nicht so geordnet war, diente ein Baum als Fleischerladen; man bängte die Fleischstücke an ihm auf! und ein alter Scpharde bearbeitete sie kunstgerecht. Zwei! Bäume beherbergen Blechkanister, und auch die Mülltonne! ist inu Schatten eines Baumes wohl geborgen. Da ist eiai Baum, der in der Fülle seines Vertrauens zur Kwuzah so* ar erlaubt, daß man unter ihm allerlei Gerümpel, leere ticke, ja sogar Müll versteckt. Selbstverständlich ist jener Baum, unter dem die Bananen für die Kinder hängen, mit seinem Schicksal besonders zufrieden. Ein schönes Los hat auch die Kiefer, die den Menschen immer in den Mund schaut, wenn sie nach der Mittagspause Tee trinken. Auch, der Oelbaum hinter der Bäckerei hat wahrhaftig Grund, stolz zu sein. Er hat viel zu erzählen. Er wurde nicht seiner Früchte wegen, noch seiner Schönheit willen gepflanzt. Seine Hauptaufgabe ist, einen Vorhang zu bilden — nämlich um alle die vielen Dinge zu verbergen, die kein Auge erblicken soll. Früher beschattete er das Mädel, das die Töpfe spülte. An seinen Zweigen trocknen schmutzige Säcke, hängen, Eimer. Er dient als Warnungszeiclien für unsere Kutscher! Achtung, hier sind die Ausgußlöcher; die Tiere könnten stolpern. Endlich ist auch der Bäcker dem Baum zu Dank verpflichtet; unter ihm kann man gut Kisten und leere Fässer stellen, und auch der alte Kühlschrank braucht schließlich ein Ruheplälzchen. All diese Aufgaben erfüllt dieser Baum« Die Bäume um die Küche beweinen ihre Brüder, die starben und in die Ewigkeit eingingen, und auch wenn icB an die großen, weitverzweigten Johannisbeerbrotbäume• denke, die ihren Platz dem neuen Chadar-Ochel räumen mußten, dann weine ich leise. Auch unsere erste Allee weiß etwas zu erzählen von all dem, was an ihr vorüberzog. Sie ist der Zeuge für unsere erste Liebe zum Baum, für unseren, festen Willen, unseren! ersten Siedlungspunkt im Jordantal schön zu gestalten. Wer vorüberzog und wer zurüekknm, wurde in dieser Allee mit! offenen Armen empfangen. Tausende von Menschen zogen durch sie. Man spört in ihr schon eine gewisse Müdigkeit., Vom vielen Getriebe, vom Straßenstaub und aus Mangel an Pflege starb ein Teil ihrer Bäume — unter schwerem! Abschiodsschmerz. Und die übrigen klagen und murren!1 ״Schaut her“, sagen sie, ״ist das der Lohn, den wir ver*j dienen?“ — Sie haben recht und ihre Klage war nicht um•5 sonst. Etwas hat sich schon gebessert. Und nun die zweite Allee, die wir so lieben, welch« sich zum Ufer dos Jordan hinunterzieht. Auch sie birgt für׳ uns und unsere Kinder eine Fülle angenehmer Erinnerungen.) Sic war mit uns in Freud und Leid. In ihr gingen wir auf und ab in den verschiedensten Lebenslagen. Hier erging icH mich mit den besten Freunden, mit denen wir unsere Arbeit in der Kwuzah begonnen hatten, mit denen zusammen wir diese Bäume gepflanzt hatten und die nun Daganiah schweren Herzens verließen. Die Bäume dieser Allee lauschten unserer schmerzlichen Unterhaltung. — Und wie viele Jungen und•

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