Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 102-103 (23.12.1936)
- Date
- 1936-12-23
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 102/103, 23 XU. 1936 JOD IS CH t RUN ח SCH Aff Seife 15 Fahrt durchs Land Von unserem nach PalSatina entsandten Sonderberichterstatter K. L., T e 1 - A w i w, im Dezember Eine Reise durch das Land ist in diesen Wochen von besonderem Reiz. Nach den langen Monaten der Unruhen, die kaum einen Gast, der nicht aus zwingenden Gründen diesen oder jenen Punkt aufsuchen mußte, aufs flache Land brachten, wird man als Tourist von den Fremden drauiien besonders herzlich begrüßt. Es ist aber nicht nur dies, was die Fahrt gerade jetzt sehr anziehend macht; auch das Erlebnis der Natur, die zu Beginn des Winters von eigentümlicher, herber Schönheit ist, fesselt stark. Mag auch der Frühling in* Palästina, der das Land in weiten Teilen mit einer üppigen Vegetation überzieht, von besonderer Schönheit sein, der Herbst, in dem die Farben der Landschaft liervortreten, mit den Brechungen des Sonnenlichtes auf den Felsen der Berge, ist kaum weniger anziehend. Und wenn gerade die ersten Regen über das Land gegangen sind, keimt ein zarter Hauch jungen Grüns in vielen Tälern, und hier und da finden wir die ersten Blumen, die dem harten Boden entsprießen. Die Sicherheitsvcrlüiltiiisse auf dem Lande sind natürlieh auch jetzt noch gespannt. In den jüdischen Siedlungen finden wir überall die erforderlichen Verteidigungsmaßnahmen. Auf den Dächern fallen die dort aufgestapelten Sandsack- Brustwehren besonders auf. in den arabischen Gegenden sieht man ein starkes militärisches Aufgebot, das in Kraftwagen und auf Motorrädern die Landstraßen sichert. Dennoch ist noch nicht alles so, wie es sein sollte, zumal ja der Schritt vom ״politischen‘‘ Terroristen zum gewöhnlichen Straßenräuber nicht immer groß ist. So wurden erst in diesen Tagen in der Nähe von Tulkerem eine Reihe von Autos von Banditen angehalten, und die Insassen wurden beraubt. Dennoch denkt man, wenn man durch das Land fährt, eigentlich wenig an diese Dinge, so stark ist der Eindruck der Natur, die in ihren Gegensätzen immer wieder bezaubert, so stark sind auch die Eindrücke, die gerade in dieser schweren Zeit von den Siedlungspunkten ausgehen. In den Bergen Fährt man von Jerusal em nach Norden, so passiert man auf der uralten Straße, die auf dem Bergrücken entlang führt und so viele historisch bedeutsame Ereignisse in ihrer Geschichte gesehen hat, eine Reihe von Punkten, die heute besonders interessant sind. Nicht weit von Jerusalem, dennoch aber sehr einsam gelegen, begegnen wir Kfar I v r i, das strategisch schlecht gebaut ist und schwere Monate hinter sich hat. Die Frage des natürlichen Schutzes gegen Angriffe ist im früheren Stadium der Kolonisation überhaupt zu wenig beachtet worden, so daß viele Siedlungen in dieser Hinsicht sehr ungünstig liegen. Erst seit den Unruhen von 1929 schenkt man dieser Frage bei der Anlage neuer Siedlungen stärkere Aufmerksamkeit. Man hat in Kfar Ivri Siedler mit einem Eigenkapital von etwa £P 300 angcsiedelt, darunter auch einige Menschen aus Deutschland, und will jetzt den Punkt erweitern. Die Siedler beschäftigen sich in der Hauptsache mit Milchwirtschaft, doch leiden sie daran, daß der zur Verfügung stehende Boden zu gering ist. Nicht sehr weit von diesem Ort entfernt fahren wir an Ataroth vorüber, jenem Punkt, der durch eine tragische Verknüpfung von Zufällen während der Unruhen zwei Mensehen verloren hat. Man hat hier verschiedene Versuche mit Obstkulturen unternommen und will diese Siedlung ausbauen. Eine wunderbare Oase haben christliche Araber, die in Amerika waren und dort Geld erworben haben, rings um Ramallah geschaffen, dem Ort der Radiostation. Eine beinahe italienische Landschaft bietet sich dem Auge; Terrassen, mit Obstbäumen besetzt, zeigen, was man aus dem so karg erscheinenden Bergland machen kann, wenn die Mittel und der Wille vorhanden sind, um das Land zu entwickeln. Das Beispiel von Ramallah ist für die jüdische Arbeit in den Bergen wichtig, die bisher nur einen kleinen Umfang hat, aber ohne Zweifel eine der großen Zukunftsaufgaben für unsere kolonisatorische Arbeit darstellt, deren Vorbcrcitung heute unsere volle Aufmerksamkeit beanspruchen sollte. Nablus, das alte Sichern, von den Bergen Ebal und G aisim flankiert, Zentrum der arabischen Agitation, gleicht einem Militärlager. Auf den Straßen exerzieren Soldaten, überall stehen Drahtverhaue, Schotten gehen in Gruppen bewaffnet durch die Straßen. Der Ernst der Lage wird an diesem Punkte besonders eindringlich demonstriert. Nicht weit vom Wege sehen wir die Ausgrabung des alten Königspalastes. Nataniah — naue Stadt am Meer Ueber Tulkerem fahren wir in Richtung zum Meer nach der neuen Stadtgründung Nataniah. Die Straße von der Bahnstation Tulkerem nach diesem Sicdlungspunkt ist im Bau. Regierung und Sicdlungsgcsellschaft haben sich finanziell an Ihr beteiligt. Wir kreuzen dort Neubau der Straße von Haifa nach Tel-Awiw, die an der Grenze des Gebietes von Nataniah «ntlangführt. Nataniah selbst, mitten in die Dünen hineingebaut, macht einen im ersten Augenblick sehr überraschen* den Eindruck: Vorzüglich asphaltierte Straßen, ein Stadtgarten Oas neue Kino in Nathania. f*u: z, Uagtt mit Blumen und Bäumen, die Synagoge, ein noch nicht ganz fertiggestelltes Volkshaus und Kino und zugleich der Kampf mit dem Flugsand, der herübergeweht wird und das Geschaffene zu bedecken •droht. Die schöne Steilküste am Meer führt zum Strand hinab, der heute noch einsam ist, nach den Plänen aber zu einem Badestrand ausgebaut werden soll. Der Treppenweg, der zum Strand hinabführt, ist gerade im Bau. Der Ort hat heute einen halbslädtischen Charakter. Es leben zirka 3500 Menschen hier, darunter 1300 bis 1500 Erwerbstätige. Knapp die Hälfte von ihnen ist in den Pardessim der Umgebung beschäftigt, die andere Hälfte beim Bau, in der Industrie und in verschiedenen anderen Arbeitszweigen. Von den Industriebetrieben ist eine Konservenfabrik zu nennen, die von einem früheren Königsberger Zionisten gegründet wurde und neben Gemüsen und Früchten auch Fische verarbeitet, die zum Teil aus Tiberias kommen, zum Teil späterhin in Nataniah selbst gefangen werden sollen. In der Stadt sind 3000 Bauplätze vorhanden; 500 sind bisher bebaut. Anschließend ist eine landwirtschaftliche Zone geplant, und zwar zum größeren Teil Pardessim, zum kleineren Teil Gemüsefeldcr. Die Pläne für die Straßen und öffentlichen Gebäude liegen für den gesamten Stadtbezirk vor; 49 ״> des Bodens sind für öffentliche Zwecke reserviert. Seit einiger Zeit sind aucli eine Reihe von Regierungsinstitutionen für den Scharon hierher verlegt worden, da der Weg nach Tulkerem für die jüdischen Bewohner des Gebietes mit Gefahren verknüpft war. Am Ort arbeiten zum größten Teil jüdische Arbeiter; Maabarolh (Emek Clivjerj. FotasR. W eitieniteiu »u• יי 'f 50 bis 60 Araber haben teilweise auch während der Unruhen weiter gearbeitet. Die Verwaltung wird durch die Siedler selbst durchgeführt, während die Gründung seitens der Ge- Seilschaft ״Hanotaiah“ erfolgte, die den Boden erworben und parzelliert hat. Die Hoffnungen, die sich an diese Stadtgründung knüpfen, basieren in der Hauptsache auf der Entwicklung des Scharon. Man glaubt, liier eine Landstadt schaffen zu können, die wirtschaftlicher Mittelpunkt eines ausgedehnten Pflan- Zungsgebietes sein wird und auch gewisse Industrie aufnimmt. Das auf dem Gebiete des Ortes errichtete ständige Truppenlager hat der Stadt erhebliche wirtschaftliche Vorteile verheißen. Scliließ'kh besteht der Wiiie, an dieser Stelle einen Badeort zu scliaifcn, der besonders günstige natürliehe Voraussetzungen besitzt. Ob sich diese Hoffnungen verwirklichen werden, kann heute gewiß noch nicht gesagt werden. Was bis jetzt geschaffen wurde — der Beginn der Arbeiten datiert seit 1029 —, zeugt von großer Initiative und bedeutendem organisatorischem Geschick. Es ist auch gewiß nicht zu befürchten, daß sich das Beispiel Afulehs, der Stadtgründung im Euiek Jcsreel, an diesem Punkt wiederholen wird; Afuieli wurde zu einem Zeitpunkt gegründet, in dem die Möglichkeiten für städtische Entwicklung bei weitem nicht so groß waren wie heute, und schon jetzt kann man feststeilen, daß das Tempo der Entwicklung Nataniahs nicht mit dein warnenden Beispiel Afulehs verglichen werden kann. Dennoch bleibt naturgemäß die Frage offen, inwieweit neben dem relativ nahen Tel-Awiw mit seinen vorstädtischen Trabantenorten diese Gründung in dem Umfange, in dem sie .angelegt ist, Lebensaussichten besitzt, besonders wenn Tel-Awiw und Haifa durch die Vollendung einer direkten Verbindungsstraße einander nähergerückt sein werden. Das neue Emek - Mittelstandssiedlung aus Deutschland Eine Fahrt in dieser Jahreszeit nach Wadi Chawarith oder — wie es heute heißt — ins Emek Chefer ist nicht ganz ohne Schwierigkeiten. Ausgebaute Straßen gibt es hier nicht, und die Reise erfordert daher die ganze Akrobatenkunst unserer Chauffeure und viel Widerstandskraft auch seitens des Wagens, der eine besondere Relastungsprobe auszuhalten hat. Vor wenigen Jahren ein nur von Beduinen bewohntes und hier und da oberflächlich beackcrtes Gebiet, reiht sich heute in dem vom KKL erworbenen Landstrich eine Kette von Siedlungspuuktctt aneinander, die gewiß in ihrer Entwicklung noch am Anfang stehen, aber bereits weite Strecken des Landes unter Kultur genommen haben und dieses allmählich in einen fruchtbaren Garten verwandeln. Wir fahren die Straße in der Nähe des Meeres entlang. Die ehemaligen jüdischen Legionäre sind in A b i c h a i I angcsiedelt. Es folgen G i w a t C h a i m, eine Siedlung des Haschomer Hazair, und die Kwuzah Maabaroth. Wir kreuzen den Alexanderbach, den Iskanderune, und fahren teils an Pardessim vorbei, die als Windschutz hohe Rizinushecken haben, teils an Feldern, die noch unbebaut sind und hier und da ein paar Beduinenzelte tragen. Die hoch aufgeschossenen, rasch wachsenden Rizinusstauden, die hebräisch ״Kikajon“ heißen, lassen uns die Erzählung vom ״Kihajon“ im Buche Jona verstehen, wenn auch das Tempo des Wachstums dieser Pflanze nicht so rasch ist, wie es an jener Stelle geschildert wird. Rabbiner Ucko mit einigen Zöglingen der ״Ahatvah". Foto: Loa Land&aev So kommen wir nach Kfar Jedidjah. Hier sind Einwanderer aus Deutschland angcsiedelt. Die Häuser des Ortes liegen freundlich auf eine Anhöhe verstreut. Der Punkt umfaßt bisher 24 Siedler, Jeder von ihnen hat ein Kapital von £P 300—500 eingebracht. Das Haus nebst Stall und Wasserinstallation wurden seitens der deutschen Abteilung der Jewish Agency auf den Boden gestellt, bevor die Siedler eintrafen. Jeder von ihnen hat 171/5 Dunam Land. Das Kapital, das zur Schaffung dieser Siedlung erforderlich war, ist bekanntlich durch eine Spende ägyptischer Juden zusaninu■!!gekommen, und der Name der Siedlung erinnert an Philo, der in Alexandrien lebte. Man hat den Siedlern von jeder Bodenart, die auf dein Gebiet der Siedlung vorhanden ist, etwas gegeben, um ihnen die Beteiligung an den verschiedenen Kulturen zu ermöglichen. Das hat zwar gewisse Vorteile, aber auch den Nachteil, der mit Streubesitz allgemein verknüpft ist. Es wird liier eine intensive üeniisehtwirtsehaft betrieben, d. 11. Vidiwirtschaff (Hühner und Kühe), Gemüse-, Futtcrbau und Pardeß oder Weinberg. Der Pardeß wird erst im kommenden'Jahre angepfiaiizt werden, und zwar zunächst drei, später fünf Dunam pro Siedler. Die Existenz der Siedler wird jetzt z. T. durch Außen;!rbeit ermöglicht. Allerdings ist ein erheblicher Mangel an Außenarbeit in der letzten Zeit eingetreten, da die Bautätigkeit in dieser Gegend schwach ist. Der Dienst als Gaffirim und Arbeit am Cliaussecbau sind z. T. an die Stelle der Bauarbeit getreten. Die Gesamtgröße der Siedlung ist auf 43 Vollstellen und 4—5 Hilfsstellen (für Handwerker und andere Berufe) bcrechnet. Der Uirbtand, daß bisher erst 24 Siedlcrstelien besetzt sind, erschwert den Siedlern das Tragen der öffentliehen Lasten erheblich. Es ist jedoch verhältnismäßig sclnvierig, wirklich geeignete Kandidaten für diesen Sicdlungspunkt zu bekommen. Die Menschen müssen jung sein und nach den bisherigen Erfahrungen mindestens EP 700 Eigenkapital haben, um ohne weitere Hilfe existieren zu können, abgesehen davon, daß sie in den Kreis, der liier lebt, hineinpassen müssen. Die Siedlerkooperative hat ein Vorschlagsrecht gegenüber der deutschen Abteilung bei der Aufnahme von Siedlern. Sie regelt im übrigen den Ein- und Verkauf der Produkte. Die Siedler sind längstens P'2 Jahre an diesem Punkt. Es ist ein ganz vorzügliches Menschenmaterial, das mit großem Elan an die Arbeit gegangen ist. Dennoch ist diese nicht ohne Probleme. Die Belastung durch die Kosten der Häuser, die £P 270 betragen, ist erheblich. Dazu kommt, daß die Frage der Anleitung und der Wirtschaftsplanung Sorgen macht. Dies ist wohl aucli eine der Ursachen dafür, daß gerade dieser Punkt noch nicht voll besetzt ist, während die meisten anderen Siedhingspunkte, die für Juden aus Deutschland gewh.itien wurden, keine freien Stellen mehr bähen. Es handelt sich zum grollen Teil liier nicht um erfahrene Landwirte, Mindern um Menschen, die nach nur kurzer Ausbildung aiige-ledelt wurden. Hinzu trat, daß die Siedler nur allmählich kamen und auf diese Weise die Eilt- Wicklung der Siedimig gehemmt wurde. Dennoch ist die Stimmung durchaus / u v erstellt! 1 c 11. Man glaubt, daß man die ersten Sdnueiigkeiten, in denen man heute naturgemäß noch steck!, mit Ausdauer überwinden kann, und hofft, daß man alliii dilieh mit wachsenden Erfahrungen auch sorgenfreier leben vsud. I)er Goundhcitszustaml ist Verhältnismäßig gut; die Malaria, die früher im Emek Cliefcr sehr stark herrschte, hat in diesem Jahre in Kfar Jedidjah keinerlei Falle hervorgerufen. Das, was bisher an diesem Punkte — wie an manchen anderen — geleistet Wieden ist, stellt ohne Zweifel ein großes Aktivum für die Finw,uideriing aus Deutschland dar. Es hat sielt gezeigt, daß in einer Gegend, deren Schwierigkeiten für mittelständisclic Kolonisation außerordentlich hoch eingeschätzt wurden, Sudler Fuß fassen können, die aus einem ganz anderen Milieu stammen. So klar man hier die Probiente erkennt, die noch zu bewältigen sind, so sehr hat es sich gezeigt, daß die Kraft dieser Menschen ausreicht, um irn Boden Fuß zu fassen. Es wird gewiß möglich sein, ihre Beratung noch starker ausztibaueti, als es bisher schon der Fall war; man wird auch bei der Erweiterung der Arbeit auf die Kapitalsgrundlage stärker sehen, um Enttäuschungen in dieser Richtung zu vermeiden. Dieser Siedlertyp aber, der Menschen des Mittelstandes und zum großen Teil bisher intellektueller Berufe aufs Land bringt, kann als besonders erfreulich und hoffnungsreich betrachtet werden, und es wäre zu wünschen, daß in dieser Richtung trotz allen vorhandenen Schwierigkeiten weitere Möglichkeiten erschlossen würden. Im Emek Chefer sind bisher 16 land Wirtschaftliehe Punkte geschaffen worden, die auf 32 000 Dunam Bodenfläclie 3000 Stelen ernähren. Die Kette der Siedlungen zieht sich von Nathania bis in die Gegend von Rechowoth hin. Leider wird unsere weitere Reise in dieser Richtung dadurch unmöglich gemacht, daß ein schwerer Lastwagen, der Holz geladen hat, dicht vor uns in einem Wadi umstürzt, Wir sehen noch Kfar W i t k i n, den größten Moschaw des Landes, der ISO Menschen umfaßt und eine besonders eindrucksvolle Pionierleistung darstellt, die unter den schwersten äußeren Bedingungen gesell,affen worden ist, und Kehren dann über Nathania und Tulkerem zurück in das Bergland. (Schluß folgt)[