Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 102-103 (23.12.1936)
- Date
- 1936-12-23
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 14 JHDISCH8 RUNDSCHAU Nr. 102/103, 23. XII. 1936 Ausstellung jemenitischen Kunstgewerbes in Jerusalem Am ersten Tag Clianukkah wurde in Jerusalem eine Ausstellung jemenitischen K u 11 s t g e w e r b e s durch die ״Sliani Ltd.“ eröffnet. Diese Gesellschaft, deren Aktiemnehrtieit sich in Händen des palästinensischen Zweige* der Wizo befindet, ist seinerzeit 211 dem ausschließlichen Zweck gegründet worden, diese eigenartige jüdische Volkskirnst dadurch zu erhalten, daß mail für ihre Erzeugnisse einen ständigen Absatz schuf. Vor allem waren •es die zahlreichen Touristen, die von ihrer Reise nach Erez Israel gern etwas nach Hause brachten, was nicht nur im besten Sinne des Wortes ״Tozercth haarez־“ war, sondern darüber hinaus das Erzeugnis einer uralten, rein jüdischen künstkrischen Ueberliefcrung. Da in diesem Jahre die Touristen zum größten Teile ausgeblieben sind, die ״Shani Ltd.“ ihre Sil bersch miede, Sticker und Strohflecliter aber vveiterbcschäftilgte, so hat sich ein größerer Lagerbestand angesammelt, für den man jetzt unter dem palästinensischen Publikuin Absatz sucht. Man darf hoffen, daß die Ausstellung diesen ihren Zweck erfüllen wird. Denn sie vereinigt zwei äußerst suggestive Vorzüge. Einmal ist sie durch die Dekoration*- künstlerin Frl. L. Marcusy in ebenso geschmackvoller wie übersiclttjicher Weise zusammengestellt worden. Sodann zeigt sie deutlich, in welch mannigfacher Weise sieh diese ״Volkskunst“ in Verbindung mit den modernsten Erzeugnissen der Bekleidungsindustrie, der Innenarchitektur usw, vereinigen läßt. Die Jcmenitcn-Kunst umfaßt drei Hauptgebicte: Strohflechtend, Stickerei und Arbeiten in Edelmetallen. In allen drei (id-sieten wird nach alten, überlieferten Mustern gearbeitet, die durch außerordentliche Zartheit der Formen wie der Farben auffallcn. Infolgedessen passen sich diese jemenitischen Dinge leicht ihrer Umgebung an. ohne je ihren besonderen (,liarakter aufzugeben. So wird das bunte Strohgeflecht mit seinen zarten PastclIUincn sich in jeder Form — als Matte, Wamibcliang, 1 hitersatz, Korb, neuerdings auch als Lampenträger -- einem Interieur einfügen und ihm eine besondere N״te geben. Und wenn unsere Damen klug sind, so machen sie ans ״Jeineniten-Stiekerei“ eine große Mode, die nicht mir ״national“, sondern auch außerordentlich schön wäre. Die Ausstellung zeigt Beispiele von Kleidern, deren kostbares Material und moderne Fasson erst durch die wunderbaren Stickereien ihren vollen Wert erhalten. Und da diese Art Nadci,arbeit bisher trotz vielfacher Versuche unnachahmbar geblieben ist, so wurde diese jüdische Mode eine Exklusivität besitzen, wie andere Moderichtungen sic vergehlieh zu wahren suchen. («Icii hes gilt für den jemenitischen Schmuck, diese zicriillote aller I ilignuurbciten. Er wird seiner Trägerin einen unnachahmlichen Reiz verleihen, und selbst!'rauen, die für den All lag die einfacheren Formen moderner Juwelierarbeit bevorzugen, werden mm ״großen Abendkleid‘׳ gern diese sills,am festlichen, exotisch anmutenden Ohrgehänge, Armbamler, Ring!» und Broschen tragen. — Neben heutigen Arbeiten sind auf der Ausstellung; eine Anzahl besonders kostbarer antiker Stücke jemenitischer Kunst zu sehen, die allein schon ihren Besuch lohnen. C. Z. Kloetzel Engländer reisen nach Jerusalem ״ln the Steps of St. Paul.“ Von H. V. Morton, Rieh. 8־ Cowan Ltd., London. 440 S. »A Journey to Jerusalem.“ Von St. John Ervine. Hamislt Hamilton, London. 366 S. ״The Road to Nazareth.“ Von John Gibbons. Robert Hak & Co., London. 320 S. Diese drei voneinander sehr verschiedenen Bücher haben zweierlei gemeinsam. Die Palästina-Reisen, die in ihnen beschrieben werden, wurden in der Zeit unmittelbar vor den Unruhen unternommen, die von Mr. Gibbons sogar während der Unruhen selbst. Und alle drei Bücher sind von Autoren geschrieben, di« in England ein großes Publikum in den verschiedenen Kreisen naben, Mr. Morton, ursprünglich bekannt durch seine ausgezeichneten Bücher über die englische Landschaft, veröffentlichte im vorigen Jahre ein Buch: ״In the steps of the Master“, das als eine Lebensbeschreibung Christi eine ausgezeichnete Schilderung Palästinas in sich schloß. Mr. St. John Ervine ist der bekannte Theaterkritiker des Londoner ״Observer“ einer konservativen Sonntags- Zeitung von hohem kulturellem Rang. Mr. John Gibbons endlich ist ein katholischer Autor, dessen Reisebücher weite Verbreitung gefunden haben. _ Eine weitere, für uns bedauerliche Gemeinsamkeit dieser drei Bücher ist es, daß ihre Verfasser von dem modefnen jüdischen Palästina so gut wie nichts geselten haben. Mr. Morton hatte ein bestimmtes Thema, das ihn schnell aus Palästina, wo er eine Pilgerschaft ״in den Spuren St. Pauls“ begann, schnell hinausführte. Mr. Erv i n c hatte sich einer jener ״Rundreisen“ angeschlossen, die Palästina in wenigen Tagen ״abmacht“ und kaum Zeit für die religiös-historischen Stätten läßt. Mr. Gibbons, de'r die Absicht hatte, die heiligen Orte zu besuchen, wurde wider seinen Willen durch das Erlebnis der Unruhen in den poütischen Strudel Palästinas gezogen, den er redlich zu durchschwimmen versuchte. So hat er wenigstens Tel-Awiw zu sehen bekommen, das seine beiden Kollegen nicht besuchtcn. Mr. Mortons Buch steht den aktuellen Dingen am fernsten und es steht in ihm am wenigsten über Palästina. Dem Gegenstände seiner Schilderung folgend, macht sich der Autor schnell auf den ״Weg• nach Damaskus“. Indessen enthält dieses Buch sehr viel, was den jüdischen Leser in ruhigeren Zeiten interessieren, wenn auch oft zum Widerspruch Jiarausfordern könnte. Seine Schilderung Jerusalems ist lesenswert und enthält frappierende Einzelheiten. So wenn er feststellt, daß das sogenannte ״Schafs-Tor“ dasjenige war, durch das die Opfertiere in den Tempel gebracht wurden — und daß bis zur Eroberung durch die Engländer der Markt für Schafe und Ziegen vor diesem Tor abgehaltcn wurde: eine Jahrtausende alte Markttradition, die heute leider nicht mehr existiert Auch In Mr. St. John Ervines Buch nimmt der Palästina gewidmete Teil nur einen verhältnismäßig kleinen Raum ein. Hält *ich Morton streng an sein Thema, so schweift Ervine mit größter Lebhaftigkeit immer wieder von ihm ab. Dem verdanken wir es, daß er, aut der üblichen Reiseroute von Galliiäa nach Jerusalem, sich nicht nur an das Wenige hält, was er sieht, sondern eine sehr entschiedene Meinung über das Kernproblem des Streifes um Palästina abgibt. Er ist entschieden pro-zionistisc’b. Aber wichtiger als diese Tatsache scheint mir die GrunÖfdimmung zu sein, aus der seine Erkenntnis fließt. Es kann nicht oft genug betont werden, wie stark die Haltung weiter Kreise des englischen Publikums von einem falschen Romantizismus — ״sentimcntallity“ — beeinflußt wird, den Persönlichkeiten wie Miß Gertrude Beil und ״Lawrence of Arabia“ geschaffen haben. Es ist erfrischend, einmal aus englischem Mund Worte wie diese zu hören: ״Wenn ich einen Engländer von den ,edlen‘ Arabern schwärmen höre, und mich der schmutzigen, untüchtigen, habgierigen Bakschisch-Jäger erinnere,, die ich überall sah, bekomme ich es mit der Wut.i Soweit ich erkennen kann, verhimmeln diese Leute den Araher, während sie den Juden bemakeln nur deshalb, weil der Jude fleißig, unternehmend und mündig ist und es ablehnt, sich wie ein Schoßhündchen begönnern zu lassen, während der Araber dem europäischen Ueberlcgenheitsgefühl schmefcheit...." Hier berührt Ervine in der Tat den Kern des Problems, den die Haltung so vieler Engländer in der Palästinafragc bildet. Wir wünschen nichts weniger, als daß in der englischen öffentlichen Meinung ein unberechtigtes Vorurteil gegen die Araber entstehen möge, wie cs heute zu einem großen Teil gegen die Juden existiert; aber wenn die nüchterne Anschauungsweise eines St. John Ervine sich etwas mehr gegen den mißverstandenen Araber-Enthusiasmus der Lawrence-Nachbeter durchsetzen würde, so würde das zur Lösung des Palästina-Problems viel beitragen können. Mr. John Gibbons ist der einzige unserer drei Verfasser, der die Unruhen miterlebt hat — sehr gegen seinen Willen, der auf eine fromme Pilgerfahrt gerichtet war. Aber einmal in diesen Hexenkessel geraten, ist er entschlossen, die Dinge von beiden Seiten kennen zu lernen. Dabei bemüht er sich in der sympathischsten Weise, fair zu sein. Und da er ein lebhafter Schilehrer ist und nicht ohne Humor, so wird auch der jüdische Leser seinem Buche Geschmack abgewinnen, trotz mancher — wohl unvermeidlicher — Irrtümer. Besonders interessant für uns sind die Schilderungen von der ״anderen Seite“, so aus dem Jaffa der Streiktage. Und da ,seine Reise Sich auf Transjordanien und Syrien ausdehnte, gewinnt man auch ein Bild über die Stimmung dieser Nachbarländer während der Unruhen. Am besten liest sich aber seine Schilderung Tel-Awiws, dieser ״einzigartigen“ Stadt, von der er, der bekannte englische Schriftsteller, bis zu seiner Ankunft in Palästina nicht einmal den Namen gekannt hat! C. Z. Klötzel Kunst in Haifa Die Haifaer Kunst- und Kultursaison ist nun in vollem Gange. Auf dem Gebiete des Theaters sind die gewohnten Gastspiele zu verzeichnen, bei denen letzthin das ״O h e 1“ und das ״Matatc“ mit ihren Neueinstudierungen vertreten waren. Das ,,Teatron lvri“,das in Tei-Awiw mit ״Sturm im Wasserglas“ herauskam, hat — wie sich jetzt herausstellt — mit der früheren Haifaer Gründung nur den Namen und zwei Schauspieler gemeinsam, doch ist dafür in Haifa eine neue Schatispiclcr-Theatergruppe im Entstehen, über die noch zu berichten sein wird. Bcrlinskis im Haifaer ״Artnon“ erstmalig für Palästina heraus gebrachte hebräische Einstudierung von ״Emil und die Detektive“, in der Berünski seihst die einzige Frwaehsencn-Roile spielt und die Jungen von Haifaer Kindern dargestcllt werden, ist mm auch in Tei-Awiw gezeigt worden, und ihr Erfolg gab bereits Anlaß zu einem neuen Projekt für ein Kinderstuck. Au Soiuierercignissen außer den zahlreichen Clianukkah- Veranstaltungen seien erwähnt die P 11 o t o a 11 s st e 11 u n g Walter Zadeks im ״Bctheim‘* über .,Die Unruhen im Dkl•'. Ausstellung Jemenit Feh er KunstgeWerbearbeiten bei Ringarts und der Bromöldrucke von Dr. P. S. Meyer und T. S. Trori über ״Palästina, Land und Leute“ bei Nagler, sowie die Serie von Feiern anläßlich der Wiederkehr des Gründlingstages der Histadruth in Haifa und den Siedlungen der Umgebung, die in einer großen Aufführung im ״Orah“ mit Ansprachen und verschiedenen Darstellungen gipfelte. Das Haupttätigkeitsfeld für Kunstschaffende i& aber naturgemäß nach wie vor das musikalische. Hier betätigte *ich er Juval-Chor unter Sußmann in einem Clianukkah- Konzert; das Kelirendtsche Orchester gab sein erstes Konzert dieser Saison und der Bariton Vittorio Weinberg sang, am Flügel von Frank Pollak begleitet, ein buntes Programm aus alter und moderner italienischer Musik, Arien, den Liedern eines fahrenden Gesellen von Mahler und hebräischer Musik. Die Saison auf dem Karmel schließlich wurde fortgesetzt durch einen Katitmermusikabend im Teltsch-Haus mit Bernstein (Klavier), Zeliuk (Violine) und Rubinstein (Cello) und mit Musik von Mozart, Händel, Bach und Mendelssohn. Alfred Markus, Haifa Konzerte in Haifa. Im Rahmen der Kulturabende, welche von der Gemeinde Beth Israel (Rabbiner Dr. Elk) an jedem Schabbatausgpng veranstaltet werden, fand am 5. Dezember ein Konzert des Haifaer Komponisten Prof. Abileah statt, in welchem der Komponist ״Palästinensische riabimah• Premiere: ״ Schwer zu sein ein Jud Tel-Awiw, Mitte Dezember 1936 J. D. B e r k 0 w i t z verarbeitet die■.(• \'ca t'.le Schalom Aleji lieniN zu einem Prolog und drei Akten, FR ne Gruppe des I iabimaii •Repertoires wird damit fn-rc:ek•_rt. in der ,.Aim b:!“, ..Der Sdlat/״ ,‘׳Grüne Fehler‘, r und sein Sehn״, ,,her kurze Freitag“, ״Das Fidl“ und andere Stücke dinst 4 tjetiun, die Glieder einer, wie uns scheint, überlangen Kette von Ghetto-Romantik — Tragik oder Komik — bilden, warnend es m keinerlei Aufnahme eines hebräischen UrteM•Stuckes kommt, oder eines Dramas, das sich um (ic- Stallung pahhiiH'nMsclier Probleme muht. Daß wir dies vorwumlett und mit der gleichen Konsequenz erneut fcststclien, mit der itabmiali zu dieser ״Linie“ (nach einem kurzen Ausflug in 111e Welt der Klassiker) zurückkehrt, möge man uns nicht verargen, zumal in diesen Tagen das — nach ,,Sth.ibbatai Zwi“ — zweite hebräische Drama (von Avigdor f fnimuri) wiederum von einem anderen Theater heraus* gebracht wird. Zweifellos ist der traurige Sinn des Stoßseufzers ״Schwer m sein ein Jud׳“ niemals so von den Juden der ganzen Welt erfaßt worden, wie in unseren Tagen. Der Einfall Scliaiom Alejchems, zwei Freunde — Jude und Nichtjude — die Rollen tauschen zu lassen, konnte ergiebig genug sein für eine Tragikomödie, der über das Zeitgebundene hinauf dichterische Gestaltungskraft innewohnen sollte. Der gutmütige Iwanow händigt dem jüdischen Klassen* kameraden Schneursohn seine Papiere ans, um ihm den Weg zur Universität freizugeben, die dem Juden versperrt wäre, trotz hervorragender Begabung, für welche die ״Goldene Medaille“ des Abiturienten Zeugnis ablegt. Iwanow seinerseits übernimmt die Papier« — und damit die Iden• tität — Schneursohn*. um ihm den Beweis zu erbringen, wie ״leicht es sei ein Jud׳ zu sein“. Hier schließt der gut• gebaute Prolog, der für den weiteren Ablauf des Vcrwcchs• lungsspiels Hoffnungen erweckt, die vom Autor leider nicht erfüllt werden. Berkowitz verlieft sich in Milieu-Malerei, bringt — wie schon in früheren Arbeiten — ein jüdisches Zeremoniell, diesmal einen ״Seder“ auf die Buhne, wobei der Anstrich von Ironisierung und Profanierung immer ein wenig haften ♦leibt und vergißt über alledem das Wesentliehe: die Härte jüdischen Schicksals zu demonstrieren, an der Figur des Nichtjurien, dessen These es zu begegnen gilt. Dann, daß dieser sich in die Tochter seiner jüdischen Wirts• leute verliebt und ihretwegen nun wirklich zum ludentum übertreten möchte, verwirrt -zwar die Fäden de» Knluls! hat aber mit dem ״Problem“ nichts zu tun. Iwanow widerlegt zu sehn, warten wir vergeblich drei Akte lang. Er scheint sich in seiner Haut sehr wohl zu fühlen, abgesehen davon, daß er — das Jiddische gern erlernen möchte. Zum Schluß jedoch wird es ernst: Iwanow wird unter Anklage des Rituahnordcs vom Sedertisch weg verhaftet. Der echte Schneursohn lüftet in diesem Gefahrcnmomcnt das Geheimnis ihres Personaltausches, und man nimmt auch ihn gleich auf die Wach« mit. Der jüngste Sohn der Familie aber, die um den Tisch versammelt bleibt, fragt aus der Haggadah: ״Worin unterscheidet sich diese Nacht von allen anderen Nächten?“ Damit senkt sich der Vorhang zum letzten Male und verhindert so, daß uns vom Schicksal unserer Helden noch etwas vermeldet wird. Dort, wo die witzige Dialektik des Epikers Schalom Alejchem hindurchleuchtet, reagiert da» Publikum dankbar auf eine so entstehende Koinödicnstimmting, die den Wert der Aufführung ausmacht. Sie hcrauszu&rbeiten, gelingt dem Regisseur Zwi Friedland besser, als den Ernst der jiidisehen Situation, um die es eigentlich geht. Im Prolog wird hiervon noch am meisten spürbar. Wie so oft bei Schalom Alejchem, stehen alte und junge Generation sich gegenüber. Die Vertreter der ersten sind hier vor allem die Eltern der ״tilia hospitalis“. Sie wissen um das ״Atmerwähltsein“, das gleichzeitig ein ״Ausgestoflenscin“ bedeutet, sie tragen es als Lohn oder Fluch mit Freude oder Schmerz, aber Sie sind behutsam und leise geworden, auch dann noch, wenn Stolz oder Eitelkeit Spott oder Selbstironie durchbrechen. Leider jedoch waren, durch Aeußerlichkeiten verdeckt, nur Ansätze zu solcher Gestaltung spürbar. Frau Händler spielt wieder ein ״enfant terrible“ und hat in dieser neuen Hosenrolle viel Erfolg. Die Abiturienten von gestern und Studenten von tnorgen dürften etwa zwanzigjährig sein. Trotz vieler Bemühung um Elastizität gelang es den darstellenden Herren und Damen nur teilweise, den Zuschauer von solcher Jugendlichkeit zu überzeugen. Die geschlossenste Leistung bietet A v i t a 1 als Schneursohn, während Meskin zwar die Gradheit und Warmherzigkeit dieses — etwas überbetont-blonden Iwanow glaubhaft macht, dafür aber — da die Rolle mit ihm unglücklich besetzt ist — viel an Frische, natürlichem Humor Und Sorglosigkeit schuldig bleibt. Das Bühnenbild des Malers Rubin (mit drohendem russischen Adler und Kirchentürmen, die über der Kulisse des Interieur* sichtbar werden), tribt gute Spielmöglichkeiten. Manfred Gei» Musik“ In Originahverken mit Unterstützung des Vokalquartetts Heman, des Instrumcnialenscmbies Familie Abileah und der Solisten Frau Beer (Mezzosopran) sowie des zwölfjährigen Nathan Goldring zu Gehör brachte. Eingangs erläuterte Prof. Abileah seine eigens für seine palästinensische Musik von ihm geschaffene Kompositionstheorie. Mit vier Tonleitern, die sich durch die Verschiebung der halben Töne innerhalb der Tonreihen unterscheiden, schafft er ״die vier Tonarten der Propheten, Gebete, Lobgesänge und der Priester“ und bildet durcli die Anwendung dieser vier Tonreihen seine Melodik. Das Programm hot eine anschauliehe Demonstration der Theorien des Komponisten und seines musikalischen Schaffens. Wirkungsvolle Chöre — wundervoll die Hatikwah — wechselten mit Solo- und Instrum cntalvorträgen. Wie die Texte der Lieder meist dem Gebetschatz entnommen sind, trägt die Vertonung — wenn auch eigene Prägung —- doch synagogalen Charakter Besondere Erwähnung aus der reichen Vortragsfolge verdienen das von dem 12jährlgen Goldring entzückend vorgetragene ״Ja ribbon olam“, die wirkungsvolle Wiedergabe des ״Gesang aus dem Hohen Lied“ (Frau Beer) und ״Sichronoth ha Galüth“ (Instrumentalenscmble). Prof. Abileah, der Selbst am Klavier saß, erntete mit seinen Mitwirkenden, die durchweg Hervorragendes leisteten, begeisterten Beifall. — Im Rahmen einer Chanukkahfeier fand als nächste Veranstaltung der Gemeinde ein SymphoniekonzCrt der ״Haifa-Orchestra-Society“ (Dirigent Edgar Behrendt) statt, in dem Werke von Haydn (2. Symphonie), Mozart (Kleine Nachtmusik) und Bizet (Ärlesicnnc) zu Gehör gebracht wurden« Herr Behrendt hat in dem Orchester, dem keine Berufsmusiker angehören, einen Klangkörper geschaffen, der mit erstaunlicher Exaktheit den Intentionen seines Dirigenten folgt Die Wiedergabe der einzelnen Programmnummern war ausgezeichnet. Der begeisterte Beifall der Zuhörerschaft, die der Saal kaum zu fassen vermochte, war ein Dank an die Ausführenden, zugleich aber auch für Herrn Rabbiner Dr. Elk, der es durch die Einrichtung der Kulturabende jedem, wie er auch sozial gestellt sein möge, ermöglicht, künstlerische Darbietungen zu genießen. In der Chanukkahfeier, die dem Konzert voranging, hielt Herr Dr, Salomofl eine tiefempfundene Festrede. Dr. F. G. Die Leihbücherei der Histadruth Haifa. Zu dem großen Komplex um das Verwaltungsgebäude der Haifaer Histadruth gehört such das ״Bethenu“. das Haus der Arbeiter. Im Parterre enthält cs die ״Mitbach Poaltm“, die Arbeiter■ tküche, im ersten Stock ist die Arbeiter-Bank und im zweiten Stock ist der große Lesesaal, in dem eine große Zahl von Zeitungen und Zeitschriften (unter den deutschsprachigen auch die ״Jüdische Rundschau“) zur freien Benutzung ausliegen, und die Leihbücherei: die Borochow-Bibliothek. Anfang dieses Jahres hatte die Bücherei 450 feste Leser. Trotz Abwanderung eines Teiles und dem sonst sinkenden Interesse um diese Jahreszeit wuchs die Leserzahl bis Mitte des Sommers auf 550 an, von denen 97 0/0 Mitglieder der Histadruth sind. Die Zahl ist weiter im Steigen und hat bereits zur Folge gehabt, daß die A u s i e 1 h 81un de n pro Tag verdoppelt werden mußten. Die Bücherei enthält heute gegen 8000 Bücher, davon über 400 Neu- *«Schaffungen von diesem Jahr, und dazu 1800 Bücher in deutscher Sprache — ein Geschenk an die Bücherei. Der Anteil der verschiedenen Sprachen an der Bücherei ist folgender: 40 ס/י der Bücher sind hebräisch, 34 0/0 deutsch, 13 ס/י׳ jiddisch, 9 0/0 russisch und 4 0/0 englisch. In letzter Zeit ist der Anteil der jiddischen Literatur, der Zusammensetzung der Alijah entfprechend, gestiegen, und neuerdings macht sich auch das Verlangen nach polnischer Literatur bemerkbar. Von dem Bestand an hebräischen Büchern entfallen etwa 45 0/0 auf "Werke der schönen Literatur, 27 "/o auf Wissenschaftliehe Werke, t5q0׳ auf Zeitschriften und 13 0/0 auf Jugendschritten. In den anderen Sprachen ist der Anteil der schönen Literatur höher, nämlich bei jiddisch und englisch 70 °/0, bei deutsch 76 0/0. Bei den Ausleihungen entfallt der größte Prozentsatz auf die schöne Literatur; auf wissenschaftliche Werke entfallen 10 ס/י und auf Jugendschriften 9«/». Alfred Markt»« i