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Jüdische Rundschau · 1936-12-23 · Heft 102-103 (23.12.1936) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 102-103 (23.12.1936)
Date
1936-12-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seife 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 102/103, 23. XII. 193« Das Echo des Sprichwortes Von Theodor Reik I. E* E׳,nfi uns> meiner jüngeren Schwester mid mir, eigentumlich mit den Sprichwörtern, die wir aus «len Gesprächen der Erwachsenen aufsclmappten. Manche verstanden wir sogleich. Wenn man sagte: ״Wirf die Katz wie du willst, fällt sie immer auf die Hiß“, so war das unmittelbar evident, vi ir wußten das, weil wir das Experiment einige Male selbst gemacht hatten. Warum aber sagte man das, wenn ein Gesprächspartner hartnäckig immer wieder auf einen Punkt zuruckkehrte? Ebenso selbstverständlich war 11ns die Redensart, die wir einige Male bei Tisch hörten: ״Man darf ein jüdisches Kind nicht Zusehen lassen“. Wir fanden das natürheb; wenn Eltern oder Geschwister etwas besonders Gutes bekamen,י sollten wir auch etwas abbekonwnen. Die tiefere psychologische Begründung, daß man das Kind so vor neidischen oder feindlichen Regungen bewahren wolle, haben wir natürlich nicht erfaßt. Ls gab Sprichwörter, die uns etwas unheimlich waren, wie etwa der Satz: ״Zwei Tote gehen tanzen“. Er wurde gebraucht, als davon die Rede war, daß ein armes Liebespaar die Absicht hegte, zu heiraten. Viele waren uns unverständlich und blieben cs lange. Was sollte es z. B. heißen, wenn man sagte: ״Schlepp mich, ich geh gern“? Diese Redensart bezog sich auf ein Mädchen, das sich besonders demonstrativ gegen einen Bewerber sträubte. Wie merkwürdig und uns Kindern unverständlich war etwa das Sprichwort: ״Jede Mutter ist eine Mutter“! Natürlich ist jede Mutter eine Mutter, da sie ein Kind hat. Daß hinter der Selbstverständlichkeit der Hinweis auf das psychologisch Wichtigste der Mutterschaft stand, war uns nicht zum Bewußtsein gekommen. \ om Merkwürdigen und Unverständlichen ist, glaube ich, heim einfachen Volk und hei den Kindern nur ein Schritt zum Komis«11 ־ en. Die meisten der jüdischen S p r i c 11 - Wörter und Redensarten, die wir 711 Hause hörten, erschienen uns in frühen Jahren mehr oder weniger komisch. Wir mußten über sie lachen wie über einen Witz. Die Unterschiede zwischen Witz und Sprichwort sind so deutlich, daß man manchmal übersieht, daß die beiden Erscheinungen ihrer wirklichen Entstehung und ihrer Wirkung nach Nachbarn sind. Es besteht ein genetischer Zusammenhang von deutlicher Art: es laßt sich erweisen, daß sieh manches Sprichwort aus einer komischen Anekdote oder einem Witz kristaliisiert hat. ״Eaule tische und Schlag dazu“ hörten wir manchmal. Der Ursprung dieses Sprichwortes ist deutlich eüug Anekdote oder eine komische Geschichte, in der ein Käufer schlechte Ware bekam und dann, als er seine Unzufriedenheit darüber äußerte, ,null noch Schläge. Andererseits verdankt eine Reihe von Witzen ihre Wirkung einer-komischen Darstellung oder Entstellung bekannter Sprichwörter und Redensarten. Im täglichen Lehen der Juden wird die Cirenzmarkicrung der benachbarten Phänomene des Sprichwortes und des Witzes oft undeutlich. Nachweislich erhielten Sprich- Wörter und Lehrsätze der tal inudischen oder biblischen Zeit später eine komische Anwendung oder Umwendnng. Man könnte hier «invvend.cn, daß man es ruhig der augenblicklichen psychischen Wirkung überlassen könne zu entscheiden, ob ein Sprichwort »der eine komische Geschichte oder ein Witz vorliegt. Allein auch dieses Kriterium wird oft unsicher: handelt cs sich in diesem Fall um ein pittoreskes Kleid, ein Narrenkostüm, das ein sonst ehrbares Sprichwort an gezogen hat, oder nur 11m einen Witz, der sich lehrhaft gebärdet, sich als Sprichwort verkleidet hat? Wir lächeln, als wäre der Unterschied von wenig Wichtigkeit. II. Ja, die meisten erschienen uns komisch. Oder war cs nicht komisch, wenn man sagte: ״Wasch mir den Pelz, aber mach ihn nicht naß“? Das komische hatte aber häufig einen Beigeschmack, denn manche dieser Redensarten fanden wir abscheulich. Sie standen in grellem Gegensatz zu unserem Empfinden, aber auch zu der Mora! und zu den Anschauuiigen, die man uns in Schule und Haus beigebracht hafte. Man hörte 7. B. das Sprichwort: ״Ein Hendel (Huhn) schlach* teil und nicht wehtun“. Es schien uns natürlich, daß man dem Tier nicht oder möglichst wenig wehtmi sollte. Erst viele Jahre spül er verstanden wir» daß das Sprichwort besagen will, inan dürfe keine übertriebene Delikatesse und kein besonderes Zartgefühl haben, wenn man ein Ziel unbedingt erreichen will, es sei unvereinbar, etwas durchsetzen zu wollen und dabei immer zu zaudern, stall energisch zu zugreifen. Noch seltsamer schien uns eine andere Redensart. Es wurde von einer Person gesprochen, die wir als verhaßt kannten, und jemand sagte: ,,Wenn Gnu ihn lieber hat, soll er ihn zu sich nehmen“. W'ir verstanden das gar nicht. Daß Gott jemanden zu sich nimmt, den er liebt, daran war nichts Sonderbares. Warum war das aber in so sonderbarem Ton gesagt worden? Wir verstanden viel später, daß cs sich um einen euphemistisch ausgedrückten T (xieswunsch handeite, und fanden das abscheulich und dies uni so mehr, da er in Zusammenhang mit dem ,.lieben Gott“ gebracht wurde. Auf das energischste widersprach unserem Empfinden auch das Sprichwort: ״Wer ist gut zu sich, ist gut zu «len anderen“. Man hatte uns doch gelehrt, man solle nicht gut zu sich sein, solle nur gut zu den anderen sein, seine ׳selbstsüchtigen Interessen zu itircn Gunsten unterdrücken. Dieses Sprichwort lehrte fast das Gegenteil. Es war eine lange Zeit nötig, um die psychologische Berechtigung dieser Worte einzuseheti. Was so paradox schien, enthüllt« erst spät seine verborgene Wahrheit und Weisheit. Die Beobachtung des eigenen und des fremden Lebens zeigte, daß cs nicht möglich ist, das eigene Interesse in einem zu großem Ausmaße gegen das fremde zu vernachlässigen. Eine zu grolle Rücksicht auf den anderen muß dazu führen, daß man sich später an diesem anderen oder einem anderen für einen solchen Verzicht oder eine zu große Aufopferung ״rächt", daß man unbewußt den eigenen bösen oder rachsüchtigen Instinkten freien Lauf läßt. Manchen dieser Redensarten versagten wir entschieden unseren Glauben. Wie sollte man auch glauben: ,,Zurücksagen heißt Beieid igcnwollen?“ Das hieß doch: wenn man jemandem eine kritische oder verletzende Bemerkung, die man über ihn von einer dritten Person gebürt hatte, wiederholte, habe man die Absicht, den Betreffenden zu kränken oder herabzusetzen. Nichts in uns schien eine solche Meinung zu bestätigen. Eine solche Bemerkung zu wiederholen, schien 11ns eher ein Freundesdienst zu sein, der Bericht davon eine Gefälligkeit. Die praktische Menschenkunde späterer Jahre ließ aber die Wahrheit jenes Wortes erkennen: die analytische Psychologie hob den scheinbaren Widerspruch durch den Hinweis auf unbewußte feindselige Tendenzen im Ich aut. Einen Sonderplatz nahmen die Sprichwörter ein, die sich auf die F a in i 1 i c bezogen — auch sie meistens uns Kindern unverständlich oder unserem Fühlen widersprechend. Da wurde 7. B. mit Beziehung auf ein in Zwist geratenes Ehepaar gesagt: ״Sie zanken sich gar nicht: der Dalles schlagt sich.“ Das Jargonwort ״Dalles“, das wir wohl kannten, bedeutete Armut, materielles Elend. Das Leben zeigte dann, einen wie großen Anteil eine beengte finanzielle Situation an der Entstellung ehe- Melier Konflikte hatte. Der ״gesunde Menschenverstand“ in uns sträubte sich, anzuerkennen, daß der Wunsch: ״Der Reichste sollst du sein in deiner Familie“ einem Fluch gleichkam. War es nicht schön, der Reichste in seiner Familie zu sein, hatte man da nicht die beste Gelegenheit und Möglichkeit, arme Familienmitglieder zu unterstützen, ihnen das Leben leichter zu gestalten? Wir wußten noch nicht, daß der Reichste in einer jüdischen Familie zu sein soviel bedeutet wie: ewige Sorgen zu haben, wie mail mit den vorhandenen Mitteln allen helfen kann, soviel wie: niemals des eigenen Reichtums froh werden, weil das Familiengefühl es nicht erlaubt, zu genießen, wenn es nahen Verwandten soviel schlechter geht. Manche solcher Redensarten fanden wir empörend wie jenes olt zitierte: ״Wenn der Vater dem Sohn gibt, lachen beide; wenn der Sohn dem Vater gibt, weinen beide.“ Das Gefühl sagte uns deutlich genug, daß die hier vertretene Meinung falsch sein müsse. Waren wir nicht jederzeit bereit, dem geliebten Vater alles zu gehen, jedes Opfer für ihn zu bringen? Und doch behauptete das Sprichwort, nur dem Vater falle es leicht, ja es freue ihn, dein Sohne zu geben, der Sohn aber empfinde es schwer, für der! Vater sorgen zu müssen. Wie so oft bezieht sich auch hier das Sprichwort der Judensorgen auf unbewußte seelische Regungen. Ueber die Meinung dieser Redensart geht es noch hinaus, wenn manchmal versichert wurde: ״Die Liebe des Vaters geht zu seinen Kindern, die Liebe der Kinder geht zu ihren Kindern.11 Ein solcher Ausspruch war uns sicher nicht einmal dem Wortsinne nach gleich verständlich. Dann aber war es uns wieder selbstverständlich, daß die Liebe der Eltern auch ihren Eltern gilt, fühlten wir doch diese Liebe stark in uns selbst. Das Leben bewies später die Richtigkeit auch dieses Sprichwortes. Die analytische Lehre von der unbewußten Identifizierung wies dann den Weg zum psychologischen Verständnis der Tatsachen.! O 0 11 hatte einen merkwürdigen Platz in diesen Redensarten. Das eine Sprichwort versicherte, daß Gott allmächtig sei wie das oft gehörte: ״Wenn Gott will, schießt ein Besen.“ Die Funktion des Besens als Schußwaffe schien uns gewiß komisch. Es ging uns auch nicht ein, warum Gott einen Besen einer solchen Verwendung zuführen wolle, da er in seiner Allmacht ein Gewehr oder einen Revolver sich entladen lassen konnte. Dann wieder hörten wir eine Redewendung, die so klang, als wollte sie Gottes Macht ernsthaft in Zweifel ziehen wie den Seufzer: ״Gut, Gott wird helfen, aber wer hilft, bis Gott hilft?“ Wer anderer als er sollte in der Zwischenzeit helfen, wenn es nötig war? UL Wenn man sich solcher früh gehörter Sprichw5׳rfer und Redensarten erinnert, stellt sich manchmal auch das Bild der Personen ein, von denen man sie gehört hat. Und manche liehe Schatten tauchen auf und manche gehaßte. Die Eltern, andere Verwandte, Freunde und Bekannte des Elternhauses haben solche Redewendungen gelegentlich gebraucht. Die meisten aber haben wir vom Großvater gehört. Von ihm muß ich einiges erzählen. In meiner Erinnerung lebt er als ein sehr alter, großer Mann mit weißem Flaar, auf dem immer ein Käppchen saß, und einer Brille, über die hinweg er uns anschaute. Ich sehe ihn noch, wie er in einem altmodischen und nicht besonders sauber gehaltenen Sclilafrock durch die Zimmer ging, häufig aus einer kleinen schwarzen Dose Tabak schnupfte und in Jüdisch-Deutsch sprach oder schrie. Man hat mir später berichtet, er sei ein bekannter oder gar berühmter Talmtidist gewesen, ich selbst weiß noch, daß häufig jüdische Gelehrte und Fromme zu ihm kamen, um mit ihm zu lernen und zu diskurieren, denn ihre keineswegs gedämpften Stimmen hörten w׳ir noch spät in der Nacht in unseren Zimmern. Den größten Teil seines Lehens hatte er als Kaufmann Und Talmudgelchrter in einem an der österreicliiscli-ungarisehen Grenze gelegenen Dorfe verbracht, in dem es eine Art Ghetto gab. Wir Kinder haben unsere Ferienmonate oft dort (Nagy-Marton, heute als Mattersburg zu Oesterreich gehörend) zugebracht und uns über die seltsamen Sitten una Gebrauche in der kleinen Judctigemeinde gewundert. Wir wurden vom Großvater angeieitet, an den religiösen Zeremonien teilzunehmen, die wir nur mangelhaft verstanden, die auf uns aber einen nachhaltigen Eindruck machten. Neujahr, Versöhnungstag, Eingang und Ausgang des Schabbats haben in uns starke Spuren hinterlassen. Noch gehen mir damals gehörte uralte Synagogalgesängc manchmal durch den Sinn. Als seine Frau starh, übersiedelte der Großvater, damals schon alt und etwas gebrechlich, 711 uns in die räumlich beschränkte Wiener Wohnung. Der Tag seines Einzuges ist mir noch erinnerlich, weil das erste, was er tat, uns sehr verwunderte. Auf der Kredenz stand eine Marmorbüste, die w0׳hl Apollo «der Minerva darstellte. Sie muß dem Großvater bei seinem ersten Rundgang durch die Wohnung sogleich auf- TürkischS J gefallen sein. Er zog einen Sessel heran, stieg schwerfällig hinauf und schlug der Büste mit einem Hammer die Nase ah. Diese unverständliche Handlung hatte natürlich ihre religiöse Begründung: mein frommer Großvater konnte es nicht dulden, daß in der von ihm bewohnten Wohnung Abbilder waren, die nach jüdischem Gebot verpönt waren. Nach dieser Aktion begann der jahrelang andauernde und erbitterte Streit zwischen Großvater und Vater, ein Konflikt, der nur längere oder kürzere Waffenstillstände erlaubte. Es gab lange und heftige Debatten über die Religion, ihre Ziele und Bcrechtigung, ihre Stellung zu Kultur und Fortschritt. Es führte keine Brücke von einem Ufer zum anderen, zwischen den Standpunkfen eines bckchriingscifrigen Gottgläubigen und eines Unreligiösen. Es gab auch viele und erregte Diskussionen über das Einhalten der religiösen Vorschriften in der Küche, auf deren rituelle Untadelhaftigkeit der Großvater bestand. Mein Vater konnte zwischen Empörung gegen diese Tyrannei und dem Mitleid mit dem alten, einsamen Mann von seinen freigeistigen Ansichten nicht abgehen. In dem Konflikt zwischen dem Vater und dem Mann litt meine Mutter sehr. Wir Kinder begannen, den Großvater mehr und mehr zu hassen. Manche Erinnerung aus frühester Zeit sagt, daß wir ihn doch geliebt und bewundert haben, daß seine manchmal fremdartige Zärtlichkeit einen Widerhall in uns gefunden haben muß. Nicht immer hatten die Debatten zwischen Großvater und Vater einen so heftigen Charakter. Es gab auch ruhige, ja sogar freundschaftliche Gespräche, und ich weiß, daß manche der komischen oder witzigen Aussprüche des alten Mannes den Vater herzlich lachen ließen. Der Gegensatz der Anschauungen brachte es freilich meistens mit sich, daß am Ende das Gesprach doch abgebrochen wurde. Noch steht die Gestalt des alten Mannes vor mir in der Stunde, da mein Vater starh. Er war betend in das Zimmer getreten, in dem der so viel jüngere Mann starr lag und batte vor allem dem religiösen Brauch entsprechend den Spiegel verhängt und die Fenster geöffnet, damit die Nescliome, die Wenn Sie noch kein ständiger Leser unserer Zeitung sind, abonnieren Sie bitte mittels des untenstehenden Bestellscheins des einzige jüdische Blatt in Deutschland, das in jeder Woche zweimal erscheint, die JÜDISCHE RUNDSCHAU Neuhinzutretende Abonnenten erhalten das Blatt auf Wunsch einen halben Monat kostenlos zugesandt Briefanschrift! Berlin W15, Meinekestr. 10 Fernruf:?190 31 * Telegramme! Orghip Postscheckkonten der Vertriebsabteilung für Bestellungen aus Groß-Berlin: Berlin 715 73 w dem Reich: Berlin 173?2 j°biscbb «0*OSCHa Seele des Verstorbenen, aufwärts steigen könne, ln der Folgezeit muß er immer wortkarger und düsterer geworden sein. Er starb nicht lange danach in einem religiös gerich«• teten Verfolgungswahn. Von diesem tyrannischen, gehaßten und doch bewanderten Großvater habe ich viele jener jüdisehen Sprichwörter gehört. ■Was für den Tag gesprochen, wird manchmal nacH vielen Jahren widerhallen. Was wir damals als Kinder an Sprichwörtern und Jargonredensarten aufgeschnappt hatten, wurde rasch ״vergessen“, sank in eine seelische Tiefenregion, aus der es erst spät wieder auftauchte. Rätselhaft wie dip Gründe, die ihr Verschwinden bestimmten, sind die Motive, welche diese Redensarten wieder zur Oberfläche drängten. Oft ist es nicht erkennbar, ob es in der aktuellen Situation be״ stimmte Anknüpfungspunkte dafür gibt. Unsere Selbstbeobachtung meldet uns nicht, daß wir in unserer Erinnerung nach solchen Sentenzen gesucht haben: sie stellen sich ein. Daß die Nachwirkung solcher früh gehörter Sprichwörter bedeutsanier wird als die Wirkung, das Echo wichtiger als der Ton, soll an einem Einzelbeispiel gezeigt werden. In der analytischen Arbeit war ich auf die Wirkung seiner seelischen Tendenz aufmerksam geworden, die ich in den Aeußerungen der Nervösen und Gesunden verfolgte. In dem Konflikt zwischen starken Triebregungen, die aus biologisch bedingtem Gründen auftauchen und den von der Kultureiitwicklung bestimmten Gegenstrebungen, die ihre Unterdrückung und Verdrängung durchsetzen wollen, haben sich die verpönten Impulse ein unbewußtes Ventil geschaffen: Es ergibt sich unter der Wirkung der beiden gegensätzlichen Kräfte eine Aeußerungs- und Ausdrucksmöglichkeit, die sich in Inhalt und Form als ihre Kompromißaktion erkennen läßt, als ein unbewußtes Geständnis jener verborgenen Trieb• r«gungen. Die seelische Tendenz, die sich in Kompromißleistun* gen solcher Art durchsetzt, nannte ich unbewußten Gestandniszwang. Ihr zu-anghafter Charakter ergibt sich zum größten Teil aus der triebhaften Natur der ursprünglichen verdrängten Impulse, aber auch aus dem starken Druck des reaktiven Schuldgefühles. Der Aeußcrungsdrang solcher von Bewußtsein ferngehaltener Triebregungen hatte unter dem Einfluß besfiininter Kulturfaktoren zur Entwicklung des Geständniszwanges geführt, der alle Zeichen seines Ursprunges aufweist und sich als ein Mittelweg zwischen Verschweigen una Dar- Stellung präsentiert. Einige Zeit, nachdem ich (1926) die gewonnenen Erfahrungen und Einsichten in einem Buche ״Geständuiszwang und Strafbedürfnis“ formuliert hatte, fiel mir eines schönen Tages eine jener Redensarten ein, die ich solange vergessen hatte und die mein Großvater oft gebrauchte. Wenn der Vater, verletzt durch Bemerkungen in einer jener erregten Debatten, den Großvater allein ließ, hörten wir jenes Sprichwort oft. Der alte Mann wiederholte dann seufzend: ״Wenn man lebt, darf man nix reden. Wenn man tot ist, kann man nix reden.“ Wir Kinder lachten heimlich, denn wir hielten uns an den Wortsinn dieser Bemerkung und sahen darin nur eine Banalitiit. Wir bedachten w׳e!1ig, daß sich aus der Konstatierung die Frage ergab: w a n n soll inan denn dann reden, wann kann man sich dann äußern? Die Erinnerung an jene Redensart w׳ies mich aber auf die seelische Entstehung meiner Theorie vom Geständniszwang, dessen Kompromißcharakter durch das Zusammen- und Oegeneinanderwirken biologischer und kultureller Gegebenheiten bedingt wird. Spät erklingt in uns, was früh um uns herum erklang. Wir verwundern uns, meine ich, nicht genug darüber, daß solche früh gehörten Worte nach langer Pause wieder in uns auftauchen, daß Ausdrücke über unsere Lippen gehen, die wir in längst entschwundenen Kinderjahrcn und seither nie mehr später gehört haben, daß 1ms Sentenzen in den Sinn kommen, die unserem Bewußtsein sonst fremd sind, und Redensarten auffauchen, die uns abhanden gekommen waren und die wir vergeblich in unserem Gedächtnis gesucht hatten. Man ist erstaunt, wie wenn man nach langer Zeit unvermutet einem Kinderfreund begegnet wäre. Es ist, als hätte sie ein anderer gesprochen und doch sprach sie das Ich, ein uns entfremdetes Stück Ich. Jene halb komischen, halb ernsthaften Redensarten, die lange in unbekannten Tiefen schliefen, kehren öfter wieder, je älter wir werden, verlangen Gehör und Gehorsam. Wollen sie uns an die Kinderzeit erinnern, an Eltern und Großeitern, von denen wir sie einmal gehört haben? Sie mahnen uns daran, daß avir uns auf den Weg zu machen haben, den sie gegangeii sind. Sie rufen uns zu den Vätern, lange ehe wir zu ihnen versammelt werden. (Aus einer vorbereiteten Sammlung ״Der ferne Klang"X

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