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Jüdische Rundschau · 1936-12-23 · Heft 102-103 (23.12.1936) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 102-103 (23.12.1936)
Date
1936-12-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seife t JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 102/103 23. XII. 1936 140 Jahre jüdische Schule in Halberstadt Wenn hier der Versuch gemacht wird, die Entwicklung einer der ältesten jüdischen Schulen in Deutschland, der jüdischen Schule in Halberstadt, damistellcn, so werden damit gleichzeitig anderthalb Jahrhunderte jüdischer Kulturgeschichte in Deutschland lebendig. Die Bildungslage des 18. Jahrhunderts ist durch den Versuch gekennzeichnet, eine Bildungsaristokrat 1c des Bürgertums zu schaffen. Dadurch wird die Kluft zwischen Gebildeten und Ungebildeten immer größer. Die soziale Lage weiter Bevölkerungskreise macht diesen die Teilnahme an den höheren Geistesgütern unmöglich. Wenn auch im jüdischen Kreise diese Kluft nicht so tief ist, das Streben der sozial höher stehenden Eltern ist auch liier lebendig, ihren Kindern eine bessere Schulbildung zu geben, als die alten jüdischen Schulen mit ihrem unsystematischen Unterrieht zu vermitteln vermögen. Die begüterten Kreise lassen ihren Kindern Privatunterricht erteilen, um sie so für den ״Eintritt in die Geistes• und Lebensgemeinschaft der Zeit“ vorzuberciten. Die Sorge um die Erziehung jüdischer Kinder aus mittellosen Kreisen veranlaßt den Halberstädter Kaufmann Hirsch Isaac Borchcrt, im Jahre 1795 eine jüdische Schule zu gründen, in der ״neben Bibel, Religion und Talmud auch deutsche Sprache, Rechnen und überhaupt die zuin gesdlschaftlichen Verkehr unumgänglichen Kenntnisse von einem Ober- und Unterlehrer unterrichtet, und die Schule von einer dazu geeigneten Administration von Zeit zu Zeit revidiert werden soll. Sie soll ganz besonders das spezifiscli Jüdische berücksichtigen, aber keineswegs die durch die Zeit für das bürgerliche Leben gebotenen Kenntnisse vcrnachlässigen“. Auch ein Scluilhaus stellt der edle Spender der Schule zur Verfügung. Im Jahre 1796 wird diese Schule eröffnet. So ist die Grundlage für eine in die Breite und die Tiefe wirkende Schulbildung geschaffen. Hie besondere Betonung des religiösen Momentes, die sich in der Lehrplangestaitung ausdriiekt, entsprach der Struktur der Halber- Städter Gemeinde. Hie starke Verbundenheit mit der Tradition, die den jüdischen Menschen dieser Epoche eigen ist, hat also auch in der Schule ihren lebendigen Niederschlag erfahren. Das Hineinwachsen der Juden in die Umwelt, das sich um die Wende des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzieht, veranlaßt auch eine stärkere Ab« Wendung der Juden vom Religionsgesetz. Es liriclit sich dia Auffassung Bahn, daß nur in der Vermittlung allgemeiner Bii« dungsgiiter der Segen erblühen könne. Hier wirkt der in der Epoche der Auiklärung gründende Fortschrittsgedanke bo• stimmend. Die Bemühungen, auch die Mädchenerziehung zu fördern, finden in der Halberstädter Schule im Jahre 1827 durch dia Angliederung einer Töchterschule ihren Ausdruck. Audi diese Schule baute sich auf der Basis der religiösen An« scliauung der Knabenschule auf. Aus der Halberstädter Schula 8' des Kölner Lehrerseminars, und Dr. Lange, Direktor der S. R. Hirsch-Scliulc in Frankfurt a. M., hervor. Das erzieherische Denken muß wirklichkeitsbezogen seilt, Unsere Jugend strebt nach Erez Israel. Der Umbruch der Zeit hat auch den jüdischen Menschen den Innenweg nahe« gelegt. Die Quellen des jüdischen Geistes sollen in dep Unmittelbarkeit des hebräischen Wortes zum Kinde sprechen. Beide Forderungen erfüllt auch die Halberstädter Schule durch einen ausgedehnten Chumasch- und Tnach-Unterrfcht und durch Zugrundelegung palästinensischer Lehrbücher füg den obligatorischen hebräischen Sprachunterricht. Im An» fangsunterricht wird durch Graiumophonplatten das akustische Auf nehmen der hebräischen Texte erleichtert. Statt des fran« zösischen Sprachunterrichts steht heute Englisch an erster Stelle. Die heute stärker betonte handwerkliche Berufsarbeit wird im Handfertigkeitsunterricht vorbereitet. Die klcind Schule kann naturgemäß in der Gestaltung ihres Unterrichtsplanes freier verfahren und die Individualität des Kindes stärker berücksichtigen. Die Wirklichkeit des Lebens macht auch vor der Schule nicht halt. Die jüdische«! Lebensfragen sind heute allumfassend. 1111 Festhalten an der Tradition, in der werkenden Liebe für Erez Israel, in der Anerkennung der ewigen Werte der europäischen Kultur sehen wir dio große Aufgabe unserer jüdischen Schule. H erbert Sonn, Haiberstadt w ie gestalte leb den Schal»l»al? Für Schabbat, 26. Dezember Wochenabschnitt ״Wajechi" (I. B. M. Kap. 47, 28 — 50, 26) I. Wir werden uns an diesem Oueg Schabbat ausführiicher mit dem Jakobssegen befassen und festziisteilen suchen, inwiefern sich der jeweilige Segen für die Geschichte des betreffenden Stammes ausgewirkt hat. Es ist interessant, den Segen Mosis (V. B. M. Kap. 3 i) unter demselben Gesichtspunkt zu betrachten, wobei inan in den alten Kommentaren wichtige Hinweise finden wird. Besonders ist zu achten auf die Erklärung Raschis zum 1. Vers des 45. Kapitels, wo er ausführt: ״Jakob wollte das Ende offenbaren (d. 11. das genaue Datum der endgültigen Erlösung seinen Sühnen an geben), da hat sich die S-cheehina von ihm entfernt, und er begann von anderen Dinge« zu reden.“!11 einem sehr übertragenen Sinne kann mau hierin die Fruchtlosigkeit aller ,.Endziel- Debatten“ sehen, deren Lösung uns versagt ist. Es hat dennoch nie an Versuchen gefehlt, auf Grund geheimnisvolier, mystischer Zahlviispiclereien das Eintreten dieses קץ״. anzugeben, wobei man insbesondere Stellen aus dem Buche Daniel in dieser Linie zu deuten versuchte. II. Wir werden dann, da unsere Sidra die letzte des ersten Buches ist, einen Gesamtüberblick über das Buch ״Bereschit“ zu geben ver-mclten, unter Heraus;>rbeit:1ng der Linie, die vom ersten Menschen zu den zwölf Stämmen führt. Wertvolle Dienste leistet dabei der Kommentar von B. Jacob ״Genesis“, wobei insbesondere das Kapitel ״Die Erzväter“ heranni ziehen ist. (A hg .׳druckt im Sehocken-Ahnanach auf das Jahr W)h.) I, £, Die Weiterentwicklung der Halachah (IV) Die Ssaborairn. Als der babylonische Talmud abgeschlossen war, galt die Erforschung und Erläuterung des Alisclma-1extes als beendet. Damit war aber die Weiter- Entwicklung und Ausgestaltung der Halachah noch lange nicht zum Stillstand gekommen. Die Gclchrtengcncrationcn nach den Amoräern waren weiterhin um den theoretischen Unterbau des Gesetzes und dessen Deutung bemulif. Der nunmehr abgeschlossene Talmudtext erfuhr seine Erläuterung durch die im ft. Jahrhundert lebenden Gelehrten, die man schlecht• hin Ssaboraitn (vom aram. סבר, die Nachdenkeiiden und Prüfenden) nannte. Ihnen oblag es, das von den Amoräern Ucberlieferte zu überprüfen und teilweise zu ergänzen. Die Geonlrn. Eine weitere Etappe in der Entwicklung der Halachah bildet die Eorscherarbeit der üeonim, deren Wirklingszeit vom Ende des 6. Jahrhunderts bis 1010 geht. Das Wort ״Gaon“ bedeutet in diesem Zusammenhänge einen Titel, und zwar den Titel, den die Schulhäupter in Babylonien in der nachssaboräischen Epoche geführt haben. Hatte sich schon zur Zeit der Amoräer der Schwerpunkt des jüdischen Lebens langsam nach Babylonien verschollen, so war die geistige Hegemonie der babylonischen Juden zur Zeit der Geonim zur feststehenden Tatsache geworden. Viel dazu beigefragen hat der äußere Aufschwung, den das babyloliische Judentum zur Zeit der Perserherrschaft, besonders aber später unter dem Kalifat von Bagdad nahm. Die talnuidischen Akademien in Sura und Pumbaditha hatten nicht nur die Aufgabe, den Talmud zu interpretieren und seine Gesetzgebung zur Grundlage des religiösen und bürgerlichen Lebens zu machen, sondern sie iiaftcn auch gesetzgeberische Funktionen auf dem Gebiete der Selbstverwaltung und galten, gleich dem früheren Synhedrion in Jerusalem, als die obersten Gerichtshöfe in Sachen der Rechtsprechung und der Rechtentscheidungen. Ihre gesetzgeberischen Entscheidungen, die an alle jüdischen Gemeinden des Kalifats in Asien, Nordafrika und Europa geschickt und als verbindlich anerkannt wurden, führen die Bezeichnung ״Rcsponsen” (Teschuwotli ha-Geonim). Dem Gaonat unterstand auch die Organisation des Gerichtswesens in den Provinzen des Reiches sowie eine Reihe anderer verwaltungsmäßiger I unktionen. Dieser Apparat neben dem des Exilarchats erforderte naturgemäß einen größeren Kostenaufwand, der durch Steuereinnahmen und Spenden gedeckt wurde. — Einige hervorragende Geonim (besonders des 10. Jahrhunderts sind hervorzulieben: so etwa S a a d j a, der 928 in Sura wirkte, und von religionsphilosophischer Bedeuhing ist und die beiden Häupter Pumbadithas, S c 11 e r i r a (968) und dessen Sohn Hai Oaon (998) (der ״Schema Brief“ enthält wertvolle historische Ueberlieferungen). Literatur: Enc. Jttd. Bd. 7 unter Geonim, Grätz und Dubnow Bd. III § 60 ff._ J. M. Jüdische höhere Schulen Wie das Breslauer ״Jüdische Gemeindeblatt'‘ berichtet, sprach Direktor Dr. Harry Abt vom Jüdischen Reform- Realgymnasium Breslau auf einem Elternabend über ״Die scnulreehtliche Lage für jüdische Schüler an höheren Lehranstalten“. Er bemerkte, daß zwei jüdische Schulen in Hamburg, zwei in Frankfurt a. M., sowie je eine in Köln, Leipzig, Fürth und das Reform-Realgymnasium in Breslau, iin ganzen also acht Anstalten, als höhere jüdische Schulen anerkannt seien. Es sei wenig bekannt, daß das Gesetz zwischen (Teppiche / Möbelstoffe / Gardinen I BLUMENFELP, NUrnbarg, AtUarttraBe 36 J geschützten (Frontkämpfer-)Kindern und nichigeschützfen (Nicht-Fronfkämpfcr-)Kindern unterscheide. Diese Frage werde bei der Umschulung von den Grundschulen in die Sexta des Reform-Realgymnasiums akut. Denn in unbeschränkter Zahl dürfen nur geschützte Kinder übernommen werden, für die nichtgeschützten setzt dagegen das Oberpräsidium jedes Jahr eine Quote fest. Achnlich seien die Bestimmungen bei der Umschulung aus einer anderen höheren Schule in die übrigen Klassen; hier bedürfen die nichtgeschützten Schiller der besonderen Genehmigung des Oberpräsidenten. Bei der Um- Schulung aus einer Mittelschule ist, auch für die geschützten Schiller, außer einer solchen Genehmigung noch die Abiegung einer Prüfung notwendig. Direktor Abt führte weiter aus, daß die Uebernaftme von Schülern aus sogenannten Familienkursen keinesfalls gestattet sei. «Tuden und Jüdisches im Rundfunk! Mittwoch, 23. Dezember: Wien (507), 12: Ottenbach: U, a. Ouverw lürc zu ״Orpheus“: 14: Seliallplatk-n: Polonaisen von Chopin, Kiibinstcin spielt. — Oote d’Azur (235), 14.40: Meyerbecr: Fakkelzug. — Luxemburg (1304), 15.05: U. a. ״Samson und Dalila“« — Prc-ßhurg (299), 10.10: U. a. Weinbcrgcr. — Post«: Paris«■ (312). 19: Jüdische Sendung. — Hilversum!1 (301), 20.55: U, a. Mendelssohn. Donnerstag, 24. Dezember: Paris (1648). 13.15: U. a. Faurf: Shp• lock; 17: U. a. Mendelssohn: Aus dein ״Somimernachtstraum“,ן .-x!nur Mcyrowitz dirigiert. — Ninies (201), 20.10: U. a. Offeix ן Fach: ״Großlierzogin von Gerolstein“. Freitag, 25. Dezember: Paris BTT. (431), 11: U. a. Mendelssohn■ 1 Burleske Ouverliire. — Bordeaux (278), 11.45: Mendelssohn: Früh«׳ lingslied. — Beromünster (540), 12.40: U. a. Goldmark: Nacht« sliiek und Festmusik. — Foste Parisiet» (312), 13: Ilalcvy: Attti der ״Jüdin“. — Ile de France (219), 18.45: U. a. Ottenbach. Paris (1648), 21: U. a. Mendelssohn: ״Der Tag des Herrn“, mm Brüssel (484), 22.15: U. a. Meyerheer: Walzer. Sonnabend, 26. Dezember: Paris PTT. (431), 16.30: Mendelssohn• ״Ball der Blumen‘•. — Straßburg (349), 17: tJ. a. Lieder vaa< Gustav Mahler. — Wien (507), 17.45: Goldmark: Drei Sätze au■ der Suite für Violine und Klavier, op. 11. — Paris Pli. (431)5 21.35: Ottenbach: ״llotfnianns Erzählungen“ (1J|x־rnube!Ir.tyungU — Ile de France (219), 21.45: U. a. Offenbach. —• 22.10: Weiß*ן Aus der ״Dreigroschenoper“. Montag, 28. Dezember: Luxemburg (1304), 12: Mendelssohn: Ouve*q tiire zu ״Die Fingalshöhle“. Dienstag, 29. Dezember: Luxemburg (1304), 13.45: Ottenbach: OuvHI* iure zu: ״Die Schöne Helena“. Vom Reiclisausschuß jüdischer Jugendverbände. Aul' Grund eines Beschlusses des Führerrates des Reichsaus• Schusses ist Hardi Swarsensky neben Dr. Bruno Sont« merfeld in die Geschäftsführung des Reichsausschusse#! eingetreten. Der kurze Freitag Bialiks ,.Jom haschischi hakazar“ NACHERZÄHLT VON DR. S. •SAMUEL Diese Wochr ist der härteste Freitag des Jahres. Aus diesem Anlaß gehen wir nachstehend die Nacherzählung einer Geschichte von Biiitih wieder, die den Samen ״Der kurze Freiing" führt. Die Geschichte ist in deutscher lieber• Setzung in das vt,n uns bereits angezeigte Siinirnciluich ״Jildisches lest — JiidtMiicr lirtiuch" (Jüdischer Verlag, Berlin) auf genommen. Den Slujj zur nachfolgenden Skizze erhielt der Dichter von Eiijahu Leu'in; sie wurde gelegentlich der Gedächtnisausstellung in Tel-Aiviw 1935 auch dramatisiert, die Bühnenbilder schmückten die Halle, in der die Bünte des Dichters den Besucher grüßte. (Red.) Stets war es eine quälende Sorge für Rabbi Lipa, den Anforderungen des Freitag gerecht" zu werden, und den Schabbat in der rechten Stimmung zu begrüßen; wieviel mehr in den lichtarmen Wintermonden, wo man immer in Gefahr schwebt, dem heiligen Tage etwas von seiner Weihe zu rauben. Unübersehbar war das Pensum an solch einem kurzen Freitag. Rabbi Lipa ließ es ja nicht beim Pflichtebet bewenden; er hatte lange Litaneien davor ttnd wichtige ernstücke danach zu erledigen; auch gab es häufig gerade an* Freitag einen ״d i n tora“, und selten kam er zum Morgentrunk, ohne daß auch schon der Mittag nahte. Die altersschwache Uhr schien es daun besonders eilig zu haben, die wenigen Nachmitiagsstumlen vor Sctiabhat abzuschnurren, als müßte man da nicht ein Bad nehmen, Nägel schneiden, Tabak für Schabhatausgang zerreiben. Je ängstlicher aber einer ist, desto lieber spielt ihm der böse Zufall einen Streich. So* kam unser frommer Rabbi Lipa einmal zu einer unfreiwilligen Scbabbatenfweihung. Es war ein allzu kurzer Freitag; und Rabbi Lipa hielt noch nicht einmal beim Pflichfgebet. Da knirscht die Haustür, und mit einem kalten Windstoß tritt Kutscher ftvan prustend ins Zimmer, wickelt umständlich einen Brief aus dem Brustlatz, und reicht ihn unsertn Rabbi hin. Nichts Gutes ahnend, entfaltet ihn dieser, erkennt die Schriftzüge des reichen Pächters Reb Götze vom Nachbardorf, und findet sich eingeladen, als ״Saitdek“ auf der heutigen Brith-Milah- Feier des ersten Enkels zu fungieren, den die jungverheiratet(: Tochter ihren Eltern geschenkt. Was war zu tun, zumal die Einladung dreifach unterstützt war; durch ein Geldgeschenk, durch eine fette Gabe für die Küche und die Ueberlassung eines Pelzes für die Reise. So wirft sich denn Rabbi lipa mit Hilfe der Rebbezin in seine besten Kleider, besteigt den Schlitten, und hält nach glatter Fahrt zu guter Stunde vor dem Festrtause. Hier wimmelt es bereits von Gästen; es gibt heiße Getränke; man gelangt auch zum gemeinsamen Gebet, und die eigentliche Feier kann beginnen. Als der Säugling gebracht wird, muß jeder Verwandte nach seinem Grade geehrt werden; auf den schreienden Kleinen wird wenig Rücksicht genommen; man ist froh, wenn er hinter der Tür verschwunden ist. Denn nun beginnt das Festmahl mit seinen Vor- und Nachspeisen und den fetten Genüssen, viel zu fetten, als daß sie nicht den Durst mächtig erregt hätten. Reb Götze bat vorgesorgt; der süße Branntwein, der ״wie Oel durch die Kehle rinnt“, fließt in Ströme«, und die Wirkung bleibt nicht aus. Der überglückliche Großvater ist bald i« seligster Stimmung; er fällt tränenden Auges Rabbi Lipa tun den Hals, weiß diesen durch ein immer erneutes ״le-chajjim“ zu einem immer neuen Gläschen zu ermuntern, bis dieser schweren Kopfes und wie gelähmt an allen Gliederit sich nicht mehr vom Platze rühren Kann. Da schlägt die Uhr 3; es ist wie eine letzte Mahnung des Himmels. Soll Rabbi Lipa vor Torschluß sein Städtchen erreichen, so ist keine Minute zu verlieren. Da auch Iwan in der Küche sich festgetrunken bat, so kann der Schlitten nur mit Hilfe der Gäste fahribereit und mit Kutscher und Fahrgast bemannt auf den Rückweg gebracht werden. Ob er sein Reiseziel erreichen wird? Bald hat das sonst so lenksame Pferd gemerkt, daß es Peitsche und Zügel heute nicht za! fürchten hat; so trabt es denn bei einer Wegscheide in verkehrter Richtung mitten in ein Schneegestöber hinein, einem finsteren Walde entgegen, bis es über ein Hindernis stolpert, den Schlitten ins Wanken bringt und die beiden Insassen in einen Schneehaufen schleudert. Auf geschreckt und ernüchtert müssen diese schnell entdecken, daß die Nacht längst angebrochen und keine andere Wahl geblieben ist, als entweder in der zunehmenden Kälte umzukomtnen, oder umzttkehren, um eine menschliche Siedlung zu erreichen. Wohl schießen dem Rabbi Erinnerungen durch den Kopf, wie fromme Schabhatverehrer durch Wunder vor Entweihung des Sehabbats bewahrt wurden. Doch wer darf auf ein Wunder rechnen, ohne zuerst auf Rettung bedacht zu sein? So ließ er es denn geschehen, daß das Wägelchen unter Iwans strengerer Leitung sich wieder in Bewegung setzte, begrüßte zerknirschten Gemüts itn stiüen <Dn Sehabbat, und war froh, noch vor Mitternacht in eitern cn'legenen jüdisehen Gasthause einhehren zu können, wo die Wirtsleute längst in tiefem Schlafe lagen. Im leeren Zimmer erinnert noch manches au den Schab• bat Gastwirt Piewka machte keinen Ansptudt auf besondere Frömmigkeit, aber die kupfernen Leuchter, in denen dia Kerzen niedergebrannt sind, standen noch auf dem Tische, das glänzende Tischtuch wies Bröckelten von Weißbrot aut. Hier war Scliabbat begangen worden, und er, der gewissen« hafte Rabbi, hat den Schabbat entweiht! Bittere Vorwürfe, ja Tränen der Reue steigen in ihm auf. Wie wird er fortan die Augen erheben können, wie vor den Seinen, vor der Gemeinde, vor Gott dastehen? Ein großes Welt iiberkommt ihn; er meint sterben zu müssen, das Strafgericht Gottei bereits nahe zu fühlen. Er legt ein ernsthaftes Sünden« bekenntnis ab, stammelt Gebefsverse in wirrem Durcheinander. Als er gegen Morgen vor Ermattung entschläft, schrecken ihn böse Träume. Mit dem Morgengrauen treibt es Piewka in die Gast« stube; er ist neugierig, wer so spät bei ihm eiugekchrt wäre? Er traut seinen Augen nicht; er muß sich mehrmals davon überzeugen, bis kein Zweifel möglich: es ist niemand andern als Rabbi Lipa. Unmöglich also, daß heute Schabbat sei! Eher hat sich der Kalender geirrt, oder Sonne, Mond und Sterne sind in Verwirrung geraten, ehe denn Rabbi Lipa in den Ruhetag der Welt hincingercist wäre. So rächt sich die Gewöhnung an eine nichtjüdische Umgebung, daß eit! schwacher Mensch wie Piewka aus der Rechnung kommt, die für den Juden die wichtigste ist; einen Alltag zum Schabbat, demnächst Gottes Weinetage zu Werktagen macht! Der Schande ttnd dem Spott muß aber vorgebeugt werden. Rasch rafft unser Gastwirt die Spuren des Sehabbats fort, rüttelt die Hausleute aus dem Schlafe, und treibt Frau, Tochter, Gesinde, zumal Knecht Jokim, mit groben Worten an die Arbeit. Er selbst macht sich am Brotteig zu schaffen, die andern werden zum Ofen, zürn Samowar, zum Holzklotz geschickt; der Lärm weckt unsern Rabbi, der mit Schrecken wahrnimmt, was er angcrichtet. Sollte er vielleicht in den Sonntag hinein geschlafen haben? O nein! Nicht genug damit, daß er selber gesündigt, er hat arglose Juden zur Sünde verleitet! Piewka will den Rabbi höflich begrüßen; doch diese? nimmt keinen Gruß entgegen. Als Iwan meldet, daß der Schütten zur Abfahrt bereit steht, erhebt er keine Widerrede. Ohne Abschied nimmt er Platz und hat nur noch das Stoßgebet, erst bei Nacht und Nebel zu Hause zu sein. Aber wie freundlich leuchtet heute die Sonne, ״der Weg sprang ihm ordentlich entgegen“. Die Leute kamen gerade vom Nachmittagsgebet zurück, da sehen sie ihren Rabbt Lipa in sich zusammengesunken ins Städtchen fahren! — Respekt also vor dem kurzen Freitag! Und Ehre dem Dichter Ch. N. Bialik, dem großen Schabbatfreunde, der uns auch mit dieser kleinen Erzählung das ״Hüte und Gedenke“ einschärfen wollte. _ \ 4

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