Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 102-103 (23.12.1936)
- Date
- 1936-12-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 102/103, 23 XII. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 5 Die englische Monarchie Von unserem Berichterstatter J. K. London, 18. Dezember Der englische Thronwechsel und die aufgeregten Tage, die ihm vorausgiugen, haben es vor aller Welt recht deutlich werden lassen, welche Rolle noch immer diese Monarchie, scheinbar jeden konstitutionellen Einflusses beraubt, im Leben des englischen Volkes spielt. Da die englische Verfassung bekanntlich ungeschrieben ist und zum großen Teil auf Kon* Ycntionen und Gewohnheitsrecht beruht, das mit dem nationalen Leben von Tag zu Tag Schritt hält, gehört der Einfluß des jeweiligen Monarchen zu jenen dynamischen Faktoren, die das Geheimnis der britischen Staatskunst ausmachen. Es heißt oft, der König habe das Recht, informiert zu werden, zu beraten und zu warnen. Scheinbar sehr unbedeutende Ueberrestc einstiger Allmacht. Aber in einem so elastischen Staatsmcchanisnius, in dem ein stark entwickeltes Rechtsgefühl nie zum Buchstaben erstarrt ist, läßt auch diese Formel einer wirklichen Persönlichkeit auf dem Thron noch genug Spielraum übrig. Wie man weiß, spielte Eduard der Siebente eine wichtige Rolle in der europäischen Vorkriegspolitik. Es ist auch kein Geheimnis, dall er gegenüber dem Zaren Nikolaj sein Wort zugunsten der von Pogromen gehetzten russischen Juden einlegte, als er anläßlich einer Zusammenkunft in Reval im Jahre 1908 von den drei Rothschilds in feierlicher Adresse darum gebeten wurde. Mit Recht wurde erwartet, daß der ihm in vieler Beziehung so verwandte Enkel Eduard der Achte wiederum das Gewicht seiner Persönlichkeit in die politische Wagschale werfen würde. König Eduard unterhielt gute persönliche Beziehungen zu einigen prominenten englischen Juden, vor allem zu Sir Philip Sassoon, dem Unterstaatssekretär im L.uftfah rtininisterium; Beziehungen, die die faschistische Partei Sir Oswald Mosleys nicht daran hinderten, diesen König gleichsam für sich zu monopolisieren. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, so wird der neue König mehr im Hintergrund der Ereignisse bleiben. Georg VI. wurde stark mit dem verstorbenen Georg V. verglichen. Ein Mann der Pflicht und des Rechts. Es ist bezeichnend, daß selbst Georg V. ig seiner bescheidenen Zurückhaltung für die Juden von schicksalhafter Bedeutung wurde. Wie Profcssor K e i 1 h, der auf diesem Gebiet führende englische Rechtsichrer, hervorlicbt, hätte der König die Möglichkeit gehabt, die Ernennung Lord Readings zum Vizekönig von Indien abzulehnen. Es war eine durchaus ungewöhnliche Kandidatur, von dem sprunghaften Lloyd George aus Dankbarkeit für wertvolle Dienstleistungen vorgeschlagen. An der Spitze des Indischen Zivildienstes, auf den der höchste Ehrgeiz der exklusivsten englischen Nobilität von jeher gerichtet ist, ein Jude, und dazu einer, der mit dem weiteren Makel einer verhältnismäßig einfachen Herkunft behaftet ist! Es gehörte Mut dazu, dies zu bestätigen. Noch wichtiger war die positive Einstellung Georg V. zur Politik des Jüdischen Nationalheims. Keith schreibt, der Wunsch, den Juden zu helfen, mußte bei dem König auf Verständnis Stollen, in Anbetracht der zahlreichen jüdischen Freunde seines Vatdrs und infolge der Unterstützung des Planes durch Sir Herbert Samuel. Es ist anzunehmen, daß der pietätvolle neue König auch diese Traditionen seines Vaters und Großvaters fortsetzeii wird. Georg VI. wird im Laufe seiner Regierung mit der Judenfrage mehr konfrontiert werden als irgendeiner seiner Vorgänger. Es gehört nicht viel dazu, das heute vorauszusagen. Die Judenfrage geht um, auch in England und sogar im Empire. Die Aufstellung von vierhundert faschistischen Kandidaten, von der jetzt so viel gesprechen wird, wird über kurz oder lang den Eintritt einer neuen Partei in das politische Leben Englands nach sich ziehen und mag eines Tages den König vor neue Situationen stellen. Es ist in ungewöhnlichen und kritischen Augenblicken, daß die Machtreserve des Königs an Bedeutung gewinnt. (Das letzte Beispiel dafür war die nafionale Krise im Jahre 1931.) In dieser schwierigen Zeit ist es für die englischen Juden eine gewisse Beruhigung zu wissen, daß ein König auf den Thron berufen wurde und besonders auch eine Königin, die bei wiederholten Gelegenheiten gezeigt haben, daß sie die jüdischen Bürger als völlig gleichberechtigt anerkennen und behandeln. An den offiziellen Zeremonien aus Anlaß der Thronbesteigung wirkten auch Juden in ihrer Eigenschaft als Staatsbürger mit. An der Thronfolgetagung des Privy Council im St. James-Palast, in der die Formalitäten der Abdankung und Ernennung vorgenommen wurden und wo Georg VI. seine erste Rede als König hielt, nahmen von Juden u. a. Sir Herbert Samuel, Sir Philip Sassoon und Alderman Pollitzer als Vertreter der City of London teil. Die Anwesenden unterzeichneten die historische Proklamation, die die Thronbcsteigung verkündete. Di-c Vereidigung der Parlamentsabgeordneten auf den neuen König fand am vergangenen Sonnabend statt. Unter der ersten Gruppe von Abgeordneten, die nach den Privy Councillors an den Präsidialtisch traten, befanden sich — um mit der ״Times“ zu reden — ״mehrere Mitglieder jüdischer Nationalität, die während der Eidesleistung nach jüdischer Sitte Kopfbedec kungen trugen“. * Der Board of Deputies of British Jews hat in seiner am 20. Dezember abgehaltenen Sitzung der Absendung folgender Hukligungsadresse an König Georg VI. und Königin Elisabeth zugestimmt: ״Der Board of Deputies of British Jews entbietet gemeinsam mit der Anglo Jevvish Association in Vertretung der Juden des Britischen Reiches S. M. König Georg VI. und I. M. Königin Elisabeth seine Glückwünsche anläßlich der Thronbesteigung Seiner Majestät. Die beiden Körperschaften richten gemeinsam an Seine Majestät eine Adresse der Treue und Ergebenheit.“ ״Das Recht auf die Heimat“ Weiztnanas Rede als Broschüre Die Zionistische Vereinigung für Deutschland und der Keren Kajemeth Lojisrael haben gemeinsam unter diesem Titel als Broschüre die Rede veröffentlicht, die Weizmann als Präsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency vor der Royal Commission in Jerusalem gehalten hat. Die Rede wird damit der gesamten jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, über unseren Leserkreis hinaus, zugänglich. Wir sind überzeugt, daß diese Publikation einem allgemeinen Bedürfnis entspricht, das sich schon nach der ersten Vcröffentlichuug in Nr. 98 unseres Blattes lebhaft geäußert hat. Die Broschüre enthält ein kurzes Vorwort, zwei Bilder und ein biographisches Nachwort über Weizmanns zionistische Ent- Wicklung. Sie kann von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Berlin W 15, Meinekcstraße 10, Postscheck-Konto Berlin Nr. 8091, zu dem außerordentlich niedrigen Einzel- Verkaufspreis von 10 Pfg. pro Stück zuzüglich Porto bezogen werden. Die Liebe nach dem Tode (Ein Midmsdi zum Wodicnabsthnitt für Sdiabhat, 26. Dezember) Alle Seelen werden nadi dem Tode des Leibes entkleidet und sie können sich nicht mehr darein hüllen. Audi die Seelen der Gerechten nldit. Allein die Seele unseres Vaters Jakob ist auch nicht eine Stunde nackt geblichen; die Hülle schwebt über ihr allezeit. Wann Immer es Jakob danach verlangt, wird seine Seele von dem Kleid umfangen. Und wenn die Drangsal der Verbannung über Israel schwer lastet, hüllt sich Jakob In das Gewand und bitte! vor der Gottheit um Erbarmen für sein Volk. Aus: ״Die Sagen der Juden" Ciesamme.lt von Micha Josef bin Gotton Das neue Amerika Hans F. Kidcrlcn: Fahrt ins neue Amerika. Hanseatische Verlagsanstalt Hain bürg. Die gegenwärtige Entwicklung in Amerika, das an der Schwelle einer neuen Epoche stellt, und, wie der Verfasser des vorliegenden Buches sich ausdrückt, den ״Kampf tun das Erbe des Liberalismus״ führt, erweckt mit Recht das Interesse der alten Welt. Kidcrlcn, der acht Jahre in Amerika gelebt hat, gibt in feuillctonistischcr Form zahlreiche interessante Schlaglichter auf die Verhältnisse des heutigen Anterika, die Politik Rooscvclts und die verschiedenen Neben- Strömungen. Dabei wird natürlich auch das amerikanische Judentum behandelt. Die amerikanischen Juden und besonders die jüdische Bevölk, rung New-Yorks, das jüdischer sei als Palästina, werden naht gerade wohlwollend gesellildert. Das Verhältnis des weißen Amerikaners zum Juden nennt der Verfasser zwie-paltig: Einerseits sei der Jude dem Amerikaner tinaiigeiielini -- der Verfasser beschreibt die verschiedenen Er-el1(׳im111gsformen des amerikanischen Antisemitismus —, andererseits ״ist die Ideologie des Lan* des der Frcilieit so tief in das Blut und Gehirn des ganzen Volkes eingedrungcn, daß cs sich nicht nur zu keinen einschneidenden und dann möglicherweise erfolgreichen Maßnahmen gegen das Vordringen der Juden entschließen kann, sondern sogar in ehrlichen Synipathiegcfühlcit zerfließt, sobald der Jude in ein Zetcrinordiogeschrei über irgendwelche Verfolgungen aushricht״. — Was das politische System Amerikas betrifft, so meint der Verfasser, daß die politische Maschinerie im wewiiiüclieii von dem ,,Boss“ in Gang erhalten wird, der har jedes Idealismus sei (worin der Verfasser auch den maßgebenden Unterschied z. B. zwischen Juden und Ariern sieht); in dieser Verallgemeinerung wird man diesem Urteil schwerlich /iistimmen können. — Im übrigen sei gestattet, einen kleinen Irrtum zu korrigieren: die Geschichte von den sieben fetten und den sieben mageren Jahren stammt nicht aus der Zeit Moses, sondern aus der Zeit Josephs. _ h. Die Wanderbücherei des Preußischen Landesverbandes- Der Preußische Landesverband besitzt die wertvolle Einrictitung einer W a n d e r b ii c 11 e r e i, die er durch die kleinen Gemeinden schickt, um damit weiteren Kreisen, die von den Bibliotheken in den Großstädten abgeschlossen sind, jüdisches Bildungsgut zugänglich zu machen. Die Bücherei umfaßt etwa 800 Bände, die sich über die Gebiete Belletristik, Biographie, Geschichte, Palästinakunde, Kunst, Religion und jüdisch-politische Strömungen u. a. erstrecken. Soeben ist nun im Verlag Berthold Levy, Berlin, ein Katalog dieser Bücherei herausgekonimen, der vor allem dadurch ausgczeicltnet ist, daß er kurze Inhaltsangaben und Charakteristiken de* einzelnen Werke gibt, so daß dadurch dem Benutzer der Bücherei der Gebrauch noch erleichtert wird. Ohne ins einzeine zu gehen, ist zu sagen, daß dieser Katalog ein vorzügliches Hilfsmittel für jeden sein wird, der eine Auswahl seiner Lektüre zu treffen hat. KANTOREN KftiEqiüil Erzählung von Micha Josef bin Gorion (Berdyczewski) DEUTSCH VON RAIIEL BIN GORION (Schluß) Am nächsten Tage brach der Stroit der Parteien offen aus. Die Stammgäste des Bethauses schrien das Lob ihres Vorbeters, die der Synagoge priesen die Sängerschar und ihren Leiter. Die Sorgen um das tägliche Brot, die doch niemals aiilhören, und die Sorge um das Heil der Seele, die jedes Jahr den Monat vor den hohen Feiertagen bis zum Rande ausfüllen, verblaßten und traten in den Hintergrund — so sehr hatten der Ehrgeiz und der Wille, den andern zu besiegen, beide Parteien ergriffen. Leut«, die ni-c eine Ahnung von Musik halten, wurden über Nacht Kenner und Sachverständige und urteilten mit strenger Miene und gefurchlcr Stirn über hohe und tiefe Stimmlagen, über Ausdruck und Akzent. Ja, noch mehr: Gerade und rechtschaffene Menschen, die nie über den Nächsten hcrz.u/.iehen pflegten, verloren jetzt jede Gewalt über sich und begannen offen den Vorbeter der andern Partei zu verunglimpfen. Iin Bethaus munkelte man, daß die ״Chorknaben“ Ketzer und lockere Zeisige seien. In der Synagoge wiederum erdreistete man sich zu behaupten, daß der neue Vorbeter in seiner Jugend seihst nichts anderes gewesen sei als ein Mitglied ihres Chores. Als dies einer von den Anhängern des Vorbeters vernahm, erhob er seine Hand gegen den Verleumder und versetzte ihm eine schallende Ohrfeige. So wurden die Tage, die der Buße und Einkehr gewidmet sein sollen, zu Tagen des Hasses und der Feindschaft; ja, auch Mitglieder einer und derselben Familie konnten wegen der Sänger in wütenden Streit geraten und zu unversöhnlichen Gegnern werden. Man stelle sich vor: Ein junger Mann, der bei seinem Schwiegervater Kostgänger war, hatte an dem Vorbetör Gefallen, der Vater seiner Gattin wiederum wollte von diesem nichts hören und ließ nur die Sängersehar mit ihrem Leiter gelten. Ein anderer Fall: Einer wollte für die Feiertage einen Platz in der Synagoge mieten, die Ehefrau aber legte ihr Veto ein und sagte, nur der Vorbeter könne singen und greife ihr richtig ans Ilerz. Die Schächter, deren Art es sonst ist, jedem Hausvater um den Bart zu gehen, waren jetzt ganz ratlos, denn sie wußten nicht zu antworten, wenn man sie fragte, welcher Gottesdienst ihnen besser gefalle, der mit dem Vorbeier oder der mit dem Chor? SeLbst der Rabbiner des Ortes, der, schlau und geschickt, wie er war, mit Beinen Leuten umzugehen wußte, war in Verlegenheit und fand keinen Ausweg in diesem Konflikt... Einen Begriff davon, wie es in diesen Tagen in der Stadt zuging, können wir uns machen, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß die Hälfte des Volkes zu David hielt, die andere aber zu seinem Sohne Ahsaloin, und bcidcT Kricgslager sieh in einer und derselben Stadt befunden hätten... Aber nicht nur in der Stadt waren die Gemüter uneins, nein, auch in den Dörfern ringsumher, wo immer ein Jude ansässig war. Städter, die mit den Dorfieuter» schon früher Fühlung hatten, kamen zu ihnen ins Haus oder schickten extra Boten, die ihnen Zureden sollten, für die Feiertage Plätze im voraus zu bestellen, die einen zum Besuch der Synagoge, die andern zum Gottesdienst im Bethaus. Geschah es wiederum, daß ein Jude aus dem Dorfe in die Stadt kam, so zerrten ihn die Parteien hin und her. Mancher Mann vom Lande, auf den seit jeher die Synagoge ein Anrecht gehabt hatte, erlag den Zuflüsterungen derer vom Bethaus; und umgekehrt kam es vor, daß Stammgäste des Bethauses sich überreden ließen, einen Platz in der Synagoge zu mieten, weil es nur dort den richtigen Gesang zu hören gebe. Es kamen die Tage der Bußgobete, und der Kampf wurde nur noch heftiger. Am eigentlichen Gerichtstage aber, am Neujahrstage, da das Widderhom ertönt und die Herzen zu erwecken sucht, erschien der Satan und verwirrte ganz und gar die Geister. Niemand dachte daran, daß es der Tag war, an dem die Eintragung in das himmlische Buch erfolgt, Gericht für den einen und Gnade für den andern — nur ein Gedanke beherrschte Sinn und Verstand: kraft des eigenen Vorbeters die Gegenpartei zu besiegen! Heimliche Kundschaf(er liefen von einem Gotteshaus zum andern und berichteten von jedem Gebet und jeder Melodie, ob sic gelungen waren oder nicht. Und als das Volk den Gottesdienst verließ, gingen die Gruppen grußlos aneinander vorbei: wie auch kann man seinem Nächster ein gutes Jahr wünschen, wenn man keinen Frieden im Herzen hat! Die Besucher der Synagoge wie übrigens das meiste Volk gingen am frühen Nachmittag zum Fluß, um das Gebot des Abschütlclns der Sünden und der Versenkung derselben ins Wasser zu erfüllen. Die vom Bethaus verrichteten auch dieses Werk gesondert und wählten dazu den Brunnen... Während der zehn Bußtage, die zwischen dem Neujahrs- und dem Versöhnungsfesle liegen, ging der Kampf der Meinungen weiter: auf dem Marktplatz und an jeder Straßenecke wurden die beiden Kunstarten miteinander verglichen und gegeneinander abgewogen. Der Vorbeter hatte den Sieg errungen mit dem Vortrag des Gebetes ״Lasset uns singen“, der Chorleiter mit der Sängersehar hatten ihr Publikum mit dem Gesang des Liedes ״Ö stärke uns heute“ bezaubert. So wurden diese beiden Liedanlänge zu Losungsworten der beiden Parteien, gleichsam das Schibolet und Sibolet der biblischen Zeit Der hohe Tag der Vergebung der Sünden und der Entsühnung brach an; aber er schürte nur noch mehr das Feuer der Leidenschaften. Keine stille Andacht, kein Seelenerguß vor dem Herrn des Alls war za spüren, sondern die Mächte des Kampfes und der Fehde zitterten deutlich in den heiligen Handlungen. Der Vorbeter, der allein sang, glaubte durch( seiner Stimme Kraft die AYclt aus den Angeln zu heben. Die Sängerschar wiederum war sieh dessen bewußt, daß ihrer viele waren, und wer sollte ihre gesammelte Stimmkraft übersehreien können: Die Säulen des Bcthauscs schlenen zu beben, als der Kantor mit seiner mächtigen Stimme rief: ״Der König, der auf dem hohen erhabenen Thron© sitzt!“ Und gl eieli darauf, wie um (las andere Prinzip offenbar werden zu lassen, erscholl der Gesang des Chores: ״Durch den Mund der Rechtschaffenen! Durc h die Worte der Gerechten! Durch die Zunge der Frommen!" Lud die Wände der Synagoge widerhallten von den Tönen. Allein ... es gab ja hier gar keine Rechtschaffenen, keine Gerechten, keine Frommen und Heiligen, sondern Gegner, VA idcrsacher und Feinde! Oh, wer kennt nicht die Gewalten des Neides und Ehrgeizes, die Sucht, tun jeden Preis Sieger im Kampfo zu sein! * Das Ende war, daß beide Vorsänger mit regelrechten schriftlichen bindenden Verträgen festangestellt, wurden, ent- . יי י ■ יי י י ’ .. und auch die' der Synagoge war gezwungen, dasselbe zu tun. So vergrößerten sich die Ausgaben der Gemeinde um das Vierfache, die ,Stadt wurde fast arm darüber, das Volk murrte, denn Musik und Gesang setzten sich in schwere Steuern um. Wenn man bei Familienfesten zur Verschönerung der Feier Musikanten gebrauchte, so wurde streng darauf geachtet, daß ja die vom Bethaus nicht den Vorsänger der Synagoge holten und umgekehrt. Der frühere alte Verbet er wurde fast zum Bettler, und man machte ihn aus Mitleid zum Aufseher der Kleinkinderschulen und zum Verwalter ihres leeren Säckels. Kein Band verband die beiden Lager, keine Brücke führte von einem zum andern. Mittlerweile gingen viele Veränderungen in der Stadt vor; Gemeindevorsteher mußten demissionieren, und andere traten an ihre. Stelle. Der Gutsherr, dem Grund und Boden der Stadt gehörten, ein leichtsinniger Magnat, verkaufte seinen Besitz einem Griechen. Staatsereignisse von 1111 geheurer Bedeutung gingen im Reiche vor. Eine neue Militärgesetzgebung für Juden wurde erlassen, cs brach der russischtürkische Krieg aus. Aber mitten in den Diskussionen darüber, wer von den Kriegführenden den Sieg erringen werde, klang noch die alto Frage nach, welchem von den Vorsängern der Vorzug zu geben sei: dem Einzelnen oder der Gruppe? Individuum oder Gemeinschaft? Was wiegt mehr? Was ist höher zu hewerten? Der Gesang, der aus der Brust eines Einzelnen kommt, der Erguß einer Seele, oder ein Chor von vielen, die vereint ihren Schöpfer anflehen? Die Frage ist damals in der kleinen Stadt nicht beantwortet worden, aber in der großen Welt ebenfalls nicht.