Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 102-103 (23.12.1936)
- Date
- 1936-12-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 102/103, 23. XII. 1936 J0DISCHE R11Nn<:rHA.n Seife 3 Franz Rosenzweigs 50.Geburtsiag Gedenken an einen zu früh Verstorbenen Am 25. Dezember wäre Franz Rosenzweig 50 Jahre alt geworden. Er ist am 10. Dezember 1929, kurz vor Erreichung des 44■ Lebensjahres, gestorben, ln diesem kurzen Lehen, dessen letzte Jahre überdies durch eine schwere Krankheit belastet waren, hat dieser Mann ein Werk geschaffen, das für die Entwicklung des Judentums in Deutschland im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts repräsentativ ist, auch wenn nur ein kleiner Kreis es aufgenommen hat. In der Figur Rosenzweigs vollzieht sich die Umkehr aus der weltlichen, mit europäischer Bildung bis zum Rande gefüll• ten Sphäre, zum J udenium; freilich zu einem Judentum, das — wie es in der jüdischen Geistesgeschichte häufig der Fall war — seine Zusammenhänge mit der geistigen Welt, in der Rosenzweig auf gewachsen ist, nicht vorleugnen kann. Der überreife Intellektualismus einer ganzen Generation sehnt sich zurück nach den Urquellen des geistigen Seins, nach der Begegnung mit dem Absoluten, nach einem Leben, in dem die göttliche Gegenwart realisiert wird. Rosenzweigs Leben nach seiner Erkrankung, ein für jeden Betrachter unbegreifliches Phänomen, ist nur zu verstehen aus der frohen Gotterfülltheit, die über alle Hindernisse und Schrecken der Materie Herr zu werden vermag, ln Rosenzweig, der aus dem wohlhabenden jüdischen Bürgertum herkam, aus einem assimilierten Kreise, in dem der Ucbertrill zum Christentum beinahe als normal empfunden wurde, der dann später mit offenem Geiste alles Jüdische in sich auf nahm und trotz seiner soziologischen Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe allen jüdischen Gruppen vorurteilslos und in freier Kritik gegenüberstand, bahnte sich etwas ivie ein überparteiliches Judentum an; ein lebendiges und aufgeschlossenes jüdisches Leben und Denken, das die erstarrten Gruppcn-Schranken und die Vereins-Maschinerie zu durchbrechen imstande gewesen wäre. Hätte Rosen zweig 1933 noch gelebt und wäre er körperlich gesund gewesen, dann hätte vielleicht die innere Geschichte des Judentums in Deutschland eine andere Wendung genommen. Es gehört zu den schweren Schicksals Schlägen unserer Gemeinschaft, daß eine solche Persönlichkeit nicht zur vollen Entfaltung im Leben gekommen ist. Das Werk jedoch, das er uns hinterlassen hat, enthält einen noch lange nicht genügend gewürdigten Schatz. Ob man nun mit seinen spezifischen philosophischen Anschauungen übereinstimmt oder nicht — mit Rosenzweigs Philosophie hat sich kürzlich Dr. Ludwig Feuchtwanger in bemerkenswerter Weise auseinandergesetzt —, was Rosenzweig zu den Fragen des jüdischen Lebens zu sagen hatte, und vor allem die Art und Weise, wie er an die jüdischen Dinge heranging, sind für die heutige Generation junger Juden in Deutschland, die sich eine ganz neue Situation erarbeiten muß, ein unvergänglicher Leitstern. Rosenzweigs Werk, vor allem ״Der Stern der Erlösung", die in dem Sammelband ״Zweistromland" vereinigten Essavs und die veröffentlichten Briefe gehören zu den wichtigsten füdisehen Büchern unserer Zeit. Als ein besonderes geistiges Ereignis muß die Entstehung der Bibelübersetzung erwähnt werden; Martin Buber macht in einem seiner letzten Bücher Mitteilungen darüber und schildert die Arbeitsweise Rosenztveigs. Die Jehuda II alevp - Uober Setzungen Rosenzweigs sind durch eine in der Schocken - Bücherei erschienene schöne Auswahl einem großen Publikum zugänglich geworden. Ueber Rosenzweig ist in diesen Jahren viel geschrieben und gesprochen worden. Es wäre ein besonderes Vordienst und eine Ehrenpflicht der führenden Instanzen des deutschen Judentums, wenn es ihnen gelänge, das Werk dieses Mannes breiteren jüdischen Schichten zugänglich zu machen und seinen Geist vor allein in der Erziehung der jüdischen Jugend zur Geltung zu bringen. Dadurch könnte ein Teil des Lebensprogramms, das zu erfüllen Rosenzweig nicht vergönnt war, von denen, die sein Erbe zu verwalten haben, verwirklicht werden. Dies wäre eine geeignete Feier des 50. Geburtstages. (Vgl. auch S. 19.) Foto: Archiv Aus Rosenzweigs Werken Organisches Judentum Wir haben gelernt, daß mit der paragraphierten BerecH• tigung der Einzelnen wenig gewonnen ist. Solange man de« Einzelnen zwar unter Umständen als Einzelnen gern mit« wirken läßt, aber doch immer nur, indem inan gegenüber der Tatsache seines Zugchörcns zur Gemeinschaft nachsichtig ein Auge zudrückt, solange ist alles, was der Einzelne er* reicht, selbst wenn er die Zugehörigkeit zu uns nicht ver« leugnet, höchstens materiell gesehen ein Nutzen für die Ge« meinschaft, ideell gesehen aber nicht bloß kein Nutzen, sondern geradezu ein Schade. Die Gemeinschaft selber muß in eindruckvollcr Zusammenfassung nach innen wirksam, nach außen sichtbar werden, damit sie nicht trotz unserer persönlichen Anhänglichkeit, sowie wir heraustreten, uns von der Außenwelt als ein bestenfalls harmloser Makel nachge« sehen wird. Nicht die Judenschaft zwar, wie die Reaktionärs der Mitte des 19. Jahrhunderts wollten, gilt es organisch zu verkörpern, aber das Judentum. Nicht judenschaftliche, son» dern jüdischgeistige Organisationen gilt es zu schaffen. Der Geist des Judentums verlangt nach eigenen Heim- und Pflege« statten. Das jüdische Bildungsproblem auf allen Stufen und in allen Formen ist die jüdische Lebensfrage ■des Augenblicks, (Aus ״Zeit ist’sl“; Offener Brief an Hermann Cohen) Der Wille zum Judentum ... Denn das Höchste läßt sich nicht planen. Ihm gegen« über ist Bcrcitscin wirklich alles. Nur Bereitsein, nichts anderes können wir dem jüdischen Menschen in uns, den wir meinen, entgegenbringen. Nur den ganz leisen Ruck des Willens — schon im Wort ״Willen“ liegt beinahe zu viel; wirklich mir jenen ganz leisen Ruck, dem wir 1ms geben, wenn wir in einer wirren NX Vit einmal still vor uns hin ״wir Juden“ sagen und damit zum erstenmal jene unendliche Bürg* Schaft übernehmen, die der alte Spruch meint, der jeden Juden für jeden Bürge sein läßt. Nichts anderes als dieser einfache Entschluß, einmal nt sagen: ״Nichts Jüdisches ist mir fremd“, wird vorausgesetzt — auch das wieder kaum ein Entschluß, sondern fast mir ein ״kleiner Ruck“, ein Um-sich« und In־sich־schauen. Was der einzelne schauen wird, wer wollte ihm das Voraussagen! (Aus ״Bildung und kein Ende“) Der Sabbat Erlösung soll die Ruhe bedeuten, nicht Sammlung 7.11 neuer Arbeit ... Das Fest der Schöpfung ist das Fest def Vollendung. Indem wir cs feiern, treten wir in der Schöpfung über Schöpfung und (h'fcitbarung hinaus . .. Der Sabbat ist das Fest der Schöpfung, aber einer Schöpfung, die um der Erlösung willen geschah, f r ist offenbart am Ende der Schöpfung und als der Schöpfung Sinn lind Ziel. Deswegen feiern wir das Fest des uranfii»glichen Werks nicht am ersten Schöpfungstag, sondern an ihrem jüngsten — am siebenten ^'ao■ (Aus ״Der Stern der Erlösung“) Die hebräische Sprache Die Heiligkeit des Hebräischen hat nie Heiligkeit in jenem genauesten, aber eben im Jüdischen überwundenen Sinne der Abgeschlossenheit bedeutet ... Mit anderen Worten: das Hebräische war trotz seiner Heiligkeit nie bildnishaft erstarrt, sondern ist immer lebendig geblieben ... Das Leben der ewigen Sprache aber vollzieht sich genau wie das des Volks nicht in einer solchen Folge von Loden und Auf« erstchungcn, durch die alles Irdischlebendige sein Leben, allein über die /!!gemessene Spanne der natürlichen Dauer dehnen kann, sondern es ist Niclitstcrbcnkönncn, Nichtsterbeji« wollen, Nichtsterbeiulurten ... Hebräisch Lesen heißt: Bereit* sein, die ganze Erbmasse der Sprache anzutreten. (Aus einem Aufsatz ״Neuhebräisch?“) Szenenbilder aus Sir James Barrie’s ״Der Knabe David״ Aufführung in London J. K., London, den 17. Dezember Die Londoner Erstaufführung des Davidstückes gestaltete sich, wie schon die Uraufführung in Edinburgh, über die hier kürzlich berichtet wurde, zu einem hervorragenden Ereignis. Ein neues Stück — und gar ein Bibelstück — des 74jährigen James Barrie mit der Bergner in der Titelrolle, Bühnenbilder und Kostüme von Augustus John und Ernst Stern, Produktionsleiter Komisarjevsky und Gesamtleitung in den Händen von JVir. Cochran, eine solche Vereinigung prominenter Namen bedeutet selbst für London etwas Ungewöhnliches. Die Zeitungen geben lange Listen mit den Namen des glänzenden Auditoriums und beschreiben die Garderoben anwesender Damen. Aber alles das kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Beifall erheblich hinter dem Begeisterungssturm des schottischen Publikums zurückblieb. Dabei hatten der Dichter selbst und der Regisseur noch wichtige Veränderungen vorgenommen. So wird der Riese Goliath nicht mehr auf die Bühne gebracht. Besonders auch im letzten Teil ist manches verbessert worden. Die Traumbilder von Davids Zukunft sind szenarisch entschieden wirkungsvoller, wenn auch noch immer etwas fremd und aus dern Rahmen des Stückes fallend. In seiner märchenhaften, elfischen Gestalt ist der Davidknabe — mehr Kind als Knabe — durch und durch ein Geschöpf des Dichters von Peter Pan und seiner Traumweit. Diese Mischung naiv-unschuldiger Ausgelassenheit und eines hochmütigen von •Gott-Besessenseins wird von der Bergner vollendet dargestellt. Wer mit biblischen Er- Wartungen an das Stück herangellt, wird allerdings etwas enttäuscht sein, daß dieser David so wenig unseren gewohnten H eldenv orstelhnigeii entspricht. Anders mit Saul. Hier wird der״ bekannte Konflikt- Stoff überzeugend bearbeiiet. In seinem Stolze vergißt Saul, wem er seine Gral1!(' verdankt, und erweist sieli deshalb eines Herrschers unwürdig. Daneben verläuft die Spannung zwischen Alter 1!mi ewiger Jugend. Mr. Godfrcy 1 carle tritt in dieser Saulrolle in der neuen Bearbeitung noch mehr in den Vordergrund. Mit der Bergner und ihm, scheint es, steht und fällt das Stuck. In den kleinerem Rollen, teilweise frei vom Dichter erfunden, glänzen vor allem Sir John Martin-Harvcy als Samuel und Leon Quatcnnaine als Ophir. Es Ist anzunelmicii, daß ״Der Knabe David“ weiter im ]Mittelpunkt der Londoner Theatersaison stehen wird. Schott jetzt ist ein erheblicher Teil der Plätze für Monate ausverkauft. •4 Plffe ■ ’ Links: David erzählt im Kreise seiner Brüder, wie er den Löwen und den Bären gelötet hat. — Mitte: David kommt auf einem Esel ins Lager Sauls geritten. — Rechts: Der Prophet Samuel (Sir. John. Martin Harvea), betritt das. Haus. lsaist um Qfich David SU bmhen* ' 0du.« r1) ״״), l״ü־j k.w. s־m2) .־)