Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 101 (18.12.1936)
- Date
- 1936-12-18
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2653922-2654017--30030-2691586- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Beirut 2× ep/1047833
OCR text
S4״t« 14 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 101, 18. Xfl. 1936 UIHS€HA(J Soziale Fürsorge / M. Tumowaky-Pinner Jerusalemer Wohlfahrtsarbeit Seit Jahren kämpft das soziale Amt der Jerusalemer Gemeinde um Zentral isie* rutig. Bei seiner Gründung hatte es eine Fülle von unzusammenhängenden Vereinen und Wohlfahrtseinrichtungen vorgefunden, die irgendein Teilgebiet des gesamten Hilfswerks bearbeiteten oder eine einzelne Gruppe aus der Bevölkerung heraushoben. Das soziale Amt versuchte dies verwirrte Netz zu entwirren und von einem Zentrum aus zu ordnen, 11 m die Gefahr zufälliger und unvollkommener 1 lilfe, der Ungerechtigkeit und des Sclinia• rotzertunis zu mindern. Inhaltlich wurde das Prinzip der Familienfürsorge das Mittel 2ur Vereinheitlichung. Organisatorisch kam man — sehr wesentlich dank der persönlichen Autor!- tät der!7rau Szold — Schritt um Schritt, aber doch nur langsam weiter, da die Geldmittel zu gering blieben, um entscheidenden Einfluß über die einzelnen Institutionen zu erreichen. Immerhin hat sich das Bild in den letzten fünf Jahren von Grund auf geändert; die soziale Abteilung der Gemeinde nimmt in der Jerusalemer Wohlfahrtsarbeit heut die unbedingt überragende Steilung ein — und damit ist auch ihr Arbeitskreis unermeßlich gewachsen. W er au einem Vormittag das Amt aufsucht, erschrickt angesichts dieser langen dichtbesetz• ten Bankreihcn in dem Vorrauni, dieser kauernden und in Gruppen riisainiiicnsielicndcn Frauen, die oft viele Stunden lang warten müssen, bis sie ihre Wünsche den schwer arbeitenden Fürsorgerinnen vortragen können. Es sind an der! latiptsielle noch im letzten Monat mehr als $00 Besprechungen zu erledigen gewesen, trotzdem der weseralliehste Teil 11er Arbeit durch Besuche der Fürsorgerinnen in der Wohnung der 1 liifsbcdiirftigcn geleistet wird. Um dieser l!Überlastung lind den daraus erwachsenden Schaden entgegenzuwirken, und noch mehr, um einen engeren Kontakt zu der Bevölkerung m finden, wurde im letzten Halbjahr mit der Gründling lokaler Wohlfahrtssteileil begonnen. Neben der Zentralstelle arbeitet jetzt dis Amt in Nnclilath Joseph und ein weiteres in der Altstadt. Es ist der eiste Schritt zu einer neuen Dezentralisierung, diesmal aber zu einer rein lokalen, innerlich begründeten, die den Einfluß und den Wirkungskreis der Zentrale vergrößert. Auswirkung der Unruhen Das Büro in der Altstadt wurde während der Unruhe» begründet. Damals konnten die Hilfsbedürftigen aus der Innenstadt das entlernte Amt nicht aufsuchen, und andererseits konnte nur durch die organisierte soziale Fürsorge der schlimmsten Verelendung und dem Abiluten in Flüchtlingslager gesteuert werden. Es ist hier früher einmal kurz über die Jerusalemer Flüchtlingslager geschrieben worden. Ihre Zahl vermehrte sich in den folgenden Monaten. Im ganzen waren es 1704 Menschen, die ihre Wohnung in der Altstadt verheilen, um in Läger oder geschützter gelegene Privat- Wohnungen zu gehen. Der ()rund für die Flucht lag überwiegend in der Unsicherheit, aber auch in der wirtschaftlichen Not, in der Lebensmiltelknappheit und in den Erziehungsscltwicrigkcitcn, die durch den Schluß der Schulen und Kindergärten entstanden, Spontan hatte sich zur Abhilfe der Noflage aus den verschiedenen Landsmannschaften der Altstadt ein Ausschuß gebildet, der aber, ohne ausgebildete Kräfte arbeitend und durch viekcrlei persönliche Bindungen gehemmt, nicht vollen Erfolg haben konnte. Das Gemeindeamt verhandelte mit der Legierung und der Polizei, erreichte die geschützte Zufuhr von Lebensmitteln, erwirkte die provisorische Aufnahme der Schulkinder in den außengelcgcnen Schnlen und organisierte ihre Hin- und Rüekbefürderung in speziell uberwat:Ilten Omnibussen; es siedelte die Familien aus den jüdisch-,arabisch gemischte» Vierteln in die rein jüdischen Stadtteile um; es half durch Gclduntcrstiitzungen den Altruisten über •die schwere Zeit hinweg. Wahrend der Unruhen ist die schon oft gestellte 1 rage neu aufgeworfen worden, ob die jüdische Altstadt mir ihrer immer wiederholten (lef.ihrdmig, mit ihren schlimmen Mohn- und üesundhcilsYerhaltiiissen, mit ihren Erziehuiigssdnvieri ״leiten überhaupt gehalten werden soll, oder ob der längst begonnene natürliche Prozeß der Aussiedlung in die geschlosserten indischen Außenbezirke zu fürdern ist. Diese Frage ist bisher aus religiöstraditionellen und aus nationalen Gründen negativ beantwortet worden. Damit nimmt aber die Oeffentliclikeit auch in gesteigertem Maße die Verantwortung für die soziale Situation der Altstadt-Bevölkerung auf sich. Eine tiefergehende Einwirkung, vor allem eine intensive Arbeit unter den Kindern und Jugendlichen, ist durch das soziale Büro allein nicht zu! erhoffen. Dagegen kann eine solche Eirnvirkung von einem Nachbarschaftszentrum ausgehen, in den Kindergarten Kinder- und Jti* gcndkltibs, Unterweisungen für die Frauen und der Ausbau einer nachbarschaftlichen Hilfe die gesamte Lebenshaltung des Umkreises beslimmen können. Ein solches Nachbarschaft*- Zentrum ist ini Zusammenhang mit dem sozialen Büro in der Altstadt geplant, aber erst in der Vorbereitung. Die Arbeit in Nadilath Joseph Verwirklicht Ist diese Idee in der zweiten Zweigstelle des sozialen Amtes, in Nadilath Joseph. Das liier entstandene und sich weiter ausbauende Settlement verdankt seine Ent- Stellung Helene Hannah Thon, die sich seit langem für die Settlement-Idee emsetzt. Das Amt liegt in einem neueren Stadtteil, der direkt an die Ärgsten Armenviertel Jerusalems anschließt, ,wenige Schritte entfernt liegt die Schechunath hapachim (Das ßfechviertel), ein wenig dahinter Scheare Racliamim (Das Tor des Erbarmens). Auch wer schon viele Armen- Wohnungen Jerusalems sah, erschrickt vor dem Elend dieser Schechunoth, Auf dem unbenutzt liegenden Boden ausländischer Spekulanten haben sich die Aermsten (gegen Entrichtung einer nicht unbedeutenden Pacht) Wellblech- Hütten errichtet. Die Fensterlöcher sind ohne Glas; die Wände glühen im Sommer und im Winter fließt der Regen durch die mit alten Ziegeln kaum gedeckten Dächer. Die Räume sind klein und beherbergen kinderreichste Familien (meist erst vor kurzem eingewanderte orientalische Juden). Zwischen den Häusern sind Gänge, auf denen sich nur schwer zwei Menschen ausweichen können. Die Luft ist verpestet. Wasser muß eimerweise gekauft werden. Die Straßen sind voll von Kindern, die in keinem Kindergarten und keiner Schule Unterkommen konnten, oder die zu Hause helfen müssen. Auf den winzigen Vorplätzen liegen Alte ausgestreckt auf der Erde. Ucberall sieht man Einäugige und Augenkranke. Dazwischen steht manchmal eine schöne Frau mit dem anmutigsten Lächeln und ein bezauberndes Kind; oder ein Blumen- und Gemüsegärtdien entwickelt sich auf der abgesparten Fläche von einem Quadratmeter. In der Fürsorgestelle drängen sich die Petonten; monatlich finden hier drei- bis vierhundert Besprechungen statt. Die Statistik des Monats Oktober zeigt, daß in diesem einen Monat 56 Familien sich neu hierher wandten. Von den Besprechungen (die allerdings densclben Fall des öfteren behandelten, so daß ein genaues Bild fehlt), betrafen 117 Wohn- und allgemeine Lebensfragen, 49 die Ucberweisung von Kranken an die Hadassah oder ihre Unterstützung, 26 die Bitte um Arbeitsbeschaffung resp. die Besorgung von Darlehen, acht die Hcimuntcrbringung verwaister oder ge-!.!Erdeter Kinder, 259 — also in diesem Monat des neuen Schulbeginn* die weitaus größte Zahl — die Einordnung von Kindern i« Schulen oder Kindergärten. Das Schulproblem Wenige im Büro verbrachte Stunden teigen eindringlich die Situation und die Unzulänglichkcit des Schulaufbau* gegenüber den drängendsten Forderungen. Da kommt eine Neucinwanderin aus Persien, eine saubere Frau mit astdünnen Armen und Beinen, an der Brust einen Säugling, neben sich einen augenkranken 5j;ihrigen Jungen und ein 4jähriges Mädchen, das aus verlorener Zärtlichkeit und Hunger dauernd an dem Säugling herumküßt und seine kleinen Fingerspitzen absaugt. Zwei größere Geschwister sind zu Haus bei dem kränklichen Vater geblieben. Diese Menschen sind seit vierzehn Tagen iin Lande; sie wohnen alle zusammen bei früher cingewandcrten Vcrwandten, die bisher zu Vieren in einem Raum schliefen. Es ist alles für sic zu beschaffen — Wohnung, Möbel, Kleidung und vcr allem Arbeit. Jetzt aber will die Trau zunächst die Kleinen im Kindergarten unterbringen, damit sie selbst freier wird, und damit die Kinder das erste Hebräisch lernen, Von der Straße wegkommen und ein warmes Mittagbrot erhalten. Das Amt bemüht sich in ihrem Interesse, aber bisher war es erfolglos. Seit Jahren sind die Jerusalemer Kindergärten zu klein für den Bedarf der Stadt. Die Hilfsorganisationen, die sie tragen müssen, seitdem der waad Leumi die budgetäre Verantwortung für sie ablehnt, leisten Außerordentliches (kaum irgendwo können öffentliche Kindergärten pädagogisch und hvgicnisch besser geleitet sein), aber die Platzzahl ist hinter dem Bedarf der Netieimv.mderung weit zurückgeblieben. Es ist in den Büros der Kindergärten und in den sozialen Acmlern eine Alltagserscheinung, daß Mütter weinend davorstehen und die Aufnahme ihrer Kinder verlangen. Daß es in diesem Jahr zu öffentlichen Demonstrationen der Mütter kam, bis die budgetär ungesicherten Kindergärten überhaupt wieder eröffnet wurden, ist bekannt. Anders liegt die Frage bei einer zweiten Frau, die ein 6jährige* Mädchen in die Schule bringen will. Hier wäre die Aufnahme möglieh, aber die Schulkonimission verlangt ein monatliches Schulgeld von 10 Piastern (zirka 1,50 M ). Die Frau behauptet, allerhöchsten* 5 Piaster bezahlen zu können. ״Aber du hast ja einen Jungen in der Talmud-Tliora, für den du auch 10 Piaster bezahlst.“ ״Das ist etwas anderes; das ist ein Junge; da bezahlt mein Vater.“ Es ist schwer zu erkennen und muß vor dem Bericht der sozialen Stelle an die Schulkommission genau nachgepriift werden, ob hier Not oder mangelnde Erziehung der Familie vorliegt. Ein Mädchen gilt als geringer, seine Schulerzieliung als weit unwichtiger als die eines Jungen, und das öffentliche Schulwerk könne leichter schenken als die Talmud-Tiiora. Aber hundertfältig wiederholt sich in den A«intern dasselbe Gespräch. Es mag sein, daß nicht wenige von den Bittenden noch einen kleinen Betrag von ihrem jämmerliehen Einkommen absparen können — aber die Forderung nach der freien Volksschule drängt sich auf. (Nur Tcl-Awiw hat sie bisher erfüllt.) Wenn die Gemeinschaft den sozialpädagogischen, den sozial-hygienischen und den volkswirtschaftlichen Wert des Schulbesuchs erkennt, so wird sie die Schulen ausreichend ausbauen und die Grundschule schulgcldfrci machen müssen. Dabei muß zugestanden werden, daß das Schulwerk des Waad Leumi in den letzten Jahren, seitdem eine Zusammenarbeit mit den organisierten Fürsorgestellen möglich ist, die Zahlder Freistellen utia der ermäßigten Plätze stark vergrößert hat. Im letzten Jahre hatten in Jerusalem 19,7 */o aller Schüler in den Volksschulen Freiplätze, 48,7»/« bezahlten einen geringen Betrag in Schulbuchsen — ein Zahlungsmodus, der durch die Möglichkeit wöchentlicher oder sogar täglicher Einzahlung für die Unbemittelten eine erhebliehe Erleichterung bedeutet. Die Durchschnitt»« Zahlung betrug 1,799 Pfund im Jahr, während die Zahl ungspflicht gestaffelt bis zu ll Pfund heraufgeht. (Weggela**en ist bei dieser Be- «prechutig die ungewöhnlich günstig geschiehtete Schule in Betn-hakcrem.) Auch besteht der Grundsatz bei entsprechender Prüfung durch die Fürsorge überhaupt kein Kind wegen Zahlungsunfähigkeit abzuweisen. Aber selbst wenn dies Prinzip voll durchgeführt würde, so blieben doch gerade die Kinder der Aermsten in sehr vielen Fällen ohne Unterricht, weil die Klassen fehlen, die ältere Anfänger und Neueinwanderer aufnehmen können. Noch eine andere Seite des Schulproblems beleuchtete der folgende Fall: ein grobschlächtiger Mann, Brotverkäufer auf den Straßen der Altstadt, kam mit einem 8jährigen Jungen in die Fürsorgestelle und forderte freie Schulbücher für seinen Jungen. Als die Fürsorgerin von dem nicht ganz Unbemittelten einen Zuschuß verlangte, führte der Mann seinen aufweinenden Sohn mit einem groben Griff aus dem Büro, Indem er drohte: ״Nun gut, dann gebe ich ihn in die Mission,“ Später schickt* er doch den Jungen mit dem geforderten Betrag, aber die Drohung ist autschlußreich. Sehr oft wird sie wahr gemacht. Man rechnet heute mit 800 jüdischen Kindern Jerusalems in den Missionsschulen, Alle gemachten Versuche, diesen Zustand zu ändern, müssen erfolglos bleiben, solange das jüdische Schulwesen den sozialen Forderungen nicht genügt _ Arabische Welt / Michael Asiaf fahr des Erfolges Das Ende des Jahres 1936 wird ln der Geschichte des arabisch sprechenden Orients als der Abschluß einer wichtigen Periode bczeichnet werden: im ägyptischen Parlamente wurde die Debatte, betreffend die Bestätigung des anglo-igyptischcn Vertrags, beendet; in Syrien werden Vorbereitungen zu Wahlen, die hauptsächlich die Bestätigung des Vertrages zwischen Syrien und Frankreich zum Ziele haben, getroffen; die Verhandlungen zwischen Frankreich und Libanon sind günstig abgeschlossen; zwischen Irak, Saudien und Jemen wird eifrig wegen Stärkung ihrer gegenseitigen Verbindungen verhandelt; in Kairo werden mit einem Abgesandten König Ibn Sauds Ver- Handlungen wegen Beseitigung der Gegen- Sätze zwischen Aegypten und Saudien. — die Aegypten veranlaßt haben, offiziell die Herr- Schaft der Wahabiten im Hedschas nicht anzuerkennen. — geführt: auch die Fäden eines Bündnisses zwischen Türkei, Afghanistan, Iran und Irak waren am Vorabend des Um- Sturzes im Irak daran, sich zu vcrflechten; das ist ein mächtiger Erfolg für ein Jahr, wenn es auch klar ist, daß der Erfolg das Ergebnis eines achtzehnjährigen internationalen Ringens nicht nur In Asien allein, sondern im ganzen Umkreis der Weltpolitik ist Aegypten Es gibt keinen besseren Beweis für den Bestand einer, an diesem Erfolge mitwirkenden, besonderen Konstellation ais den Vertrag zwisehen England und Aegypten. Solange in den Verhandlungen zwischen England und Aegypten der internationale Faktor noch keine beschieunigende Rolle spielte, konnten beide Parteien während einer Zeit von 54 Jahren zu keiner Übereinstimmung gelangen I Beide Parteien konnten auf viele Dinge, deren Bedeutung nach den. Verhältnissen der Zeit zweifellos groß war, deren Gewicht aber in Anbetracht der großen internationalen Gefahr nachher nichtig wurde, — seinerzeit nicht verzichteii. Das nationale Prestige ist im auferstehenden arabischen Orient ein Ding von Bedeutung, doch welches Gewicht hat es in Anbetracht der Gefahr, die nationale Position überhaupt zu verlieren! Und auch England Hat begriffen, daß sich viele Dinge geändert haben: Die kommenden 54 Jahre werden nicht den vorangegangenen 54 Jahren ähnlich sein, wenn es noch überhaupt möglich ist, Perioden nach Jubiläen zu rechnen, im Verhältnisse zu den Kräften, die im Mittelländischen Meere erschienen sind, hat England keine Aussicht, seine Positionen zu behaupten, wenn ihm Aegypten feindlich bleibt. Der italienischenglische Streit hatte also die Rolle eines Ehest iffers und Brautführers zwischen England und Aegypten. Die in beiden Landern bestehende Opposition gegen den Vertrag wird nichts erreichen, in Wirklichkeit fesselte Engiand in voraus die Opposition, indem es an den Verhandlungen die Führer aller ägyptischen Parteien — mit Ausnahme der extrem nationalen, deren Einfluß in Aegypten gleich Null ist, — teilnchmen ließ. Alle Partelcn verstehen, daß in der Welt eine latente Kriegsgefahr bestellt. Sollte Aegypten sich jetzt gänzlich von England befreien, war« es nicht imstande, sich als selbständiger Staat zum Kriege vorzubereiten. Darum ist es auf einen Bundesgenossen wie England angewiesen. Syrien Derselbe Faktor, der England den ägyptischen Nationalisten näherbrachte, näherte auch Frankreich an die Nationalisten In Syrien. Und auch hier war es eine gegenseitige Annäherung. In beiden diesen Fragen gab es noch eine Analogie: in Aegypten war es die Frage des Nachbarlandes — Sudan, in Syrien — die Libanonfrage. Doch auch die syrischen Nationalisten verstanden — ähnlich wie ihre ägyptischen Genossen —, daß es keine Zeit ist, sich eben jetzt zu versteifen. F)ie Frage des Anschlusses vom Libanon an Syrien ist zwar eine aktuelle Lebensfrage, vielleicht mehr als die Frage de* Anschlusses de* Sudan an Aegypten, denn ohne Libanon bleibt Syrien ohne Küste und Häfen (der Hafen von Alexan- Um Verzögerungen zu vermelden, bitten wir dringend, Manuskripte und Einsendungen, die für die Redaktion bestimmt Rind, nicht an Ein zeipereonen, sondern an die Redak« tion zu adressiere». dretfe befindet sich im äußersten Norden von Syrien in türkischer Umgebung und im Bereiche der türkischen Irredenta), doch die Gegnerschaft gegen die politische Vereinigung mit Syrien ist unter den Christen des Libanons, insbesondere den Maronilen, so groß, daß nicht anzunclimen ist, daß die französischc I’olitik, auch die der Volksfront, Syrien in seinem Streite mit den Söhnen des Libanons unterstützen wird. Wenn nun auch die Opposition gegen den Vertrag in Syrien stärker ist als die Opposition in Aegypten, wird es ihr nicht gelingen, das in Paris zustande gekommene Uebereinkommen zu zerschlagen. Die Maronitcn des Libanons verstanden cs gleichfalls, daß auch sie sich beeilen und eine vollendete Tatsache schaffen müssen, traten deshalb in Verhandlungen mit den Vertretern Frankreichs in Beirut und gelangten im Verlaufe einiger Tage zur Uebereinstimmung in allen Fragen. Und es ist möglich, daß, bevor noch die Ratifizierung des Vertrage* zwischen Syrien und Frankreich vollzogen wird, der libanonische Staat mit allen äußerlichen Merkmalen der Selbständigkeit entstanden sein wird. Alle arabischen Länder frei Mit dem Abschluß der Verträge mff Syrien und Libanon wird die Emanzipation aller, von der Türkei abgetrennten, arabischen Länder zu Ende gebracht werden. Von dem Flächenraum von zirka 1200 000 Quadratmeilen, welchen die Araber bewohnen, verbleibt nur noch «in kleiner Flächeiiraum von zirka 10 000 Quadratmeiien des westlichen Palästina, in dem die Araber keine Selbständigkeit genießen und in dem das Mandat augenscheinlich noch lange Zeit in Geltung bleiben wird. Und wenn auch die die anderen Mandate abschaffenden Verträge eine Unmenge von Mängeln und Scharten aufweisen, die noch in Zukunft die interessierten Parteien beschäftigen werden, unterliegt es keinem Zweifel, daß die arabischen Länder einen bedeutenden Schritt dein selbständigen, nationalen Leben nähergekommen sind, vorausgesetzt, daß der Aufbau im Innern von demselben Glück begleitet werden wird, von dem sie in ihrem äußeren Kampfe durch ihre Schlagkraft und dank den günstigen internationalen Bedingungen begleitet wurden. Der innere Ausbau aber ist keine besonders einfache und leichte Sache. Die kurze Vergangenheit des selbständigen Irak kann es beweisen. Denn das Ziel der arabischen Selbständigkeit ist der moderne Staat, während die Mehrheit der arabischen Einwohner noch zur Gänze, zur Hälfte oder zu einem Drittel Beduinen sind: eine Einwohnerschaft, die der Ordnung eines modernen Staates widerstrebt (Abteilungen eines modernen Heeres zerstören die Herrschaft der Stamme, als einer vollständigen Lebenseinheit, die auch das Kriegswesen umfaßt; das moderne Steuersystem trifft die primitive Einwohnerschaft ...). Besonders bedrohlich ist in diesen Ländern die Frage der Minderh eiten und der religiösen Sekten: der Schiiten und Sunniten im Irak; der Schiiten und Sunniten einerseits und der Walihabitcn (einer extremen sunnitischen Sekte) anderseits — In Arabien; der Moslims und Christen in Syrien und im Libanon; der Kurden und Assyrier im Irak; der Drusen, Türken, Alauniten (extreme Schiiten) und Armenier in Syrien. Diese Zusammenstellung genügt, um zu beweisen, wie viele innere Gefahren die junge arabische Selbständigkeit bedrohen. Diese Gegensätze machen die schwachen Grundlagen der arabischen Staaten schwankend und ziehen internationale Einmengungen und Verwicklungen nach sich; denn verschiedene europäische und asiatische Staaten interessieren sich für die durch eigene Kraft nicht geschützten arabischen Flächenräume. Vor einigen Monaten waren wir Zeugen von Verbrüderimgsdcmonstrationcn zwischen den Führern Syriens und dem Maronitcnpatriarchcn. Es erschien damals dem objektiven Beobachter, ais ob eine moslimischchristliche Front gegen Frankreich im Entstehen begriffen sei. Aber kaum war die Frage der syrischen Selbständigkeit akut geworden, löste sich sofort die Freundschaft auf und die Unruhen in Tri pol i und Beirut nehmen eine bedrohliche Gestalt an. Die Kriegsangst Auch vor den arabischen Staaten, die schon vorher ihre Selbständigkeit erworben haben, stehen schwere Fragen. Deren bedeutsamste ist die: womit begegnen sie dem Kriege, der in der Luft fängt? Die abessinische Lehre schreckt die jungen arabischen Staaten, die für den schrecklichen Tag des Gerichtes noch nicht vorbereitet sind. Die Araber haben vom Weltkriege — bis auf die Gegenwart — große Wohltaten genossen, doch ihr zivilisatorischer und militärischer Fortschritt ist nicht nur im Vergleich zu den jungen Staaten in Europa, sondern auch int Vergleich zur Türkei und zu Iran (Persien), deren guten Absichten den. Arabern gegenüber im Augenblick der Entstehung einer neuen Welt nicht zu trauen. Ist, — ganz nichtig. Darum sind wir auch Zeugen eifriger Verhandlungen zwischen Bagdad, Riad und Sanaah. Es heißt, daß deren Ziel ein Schutzbund zwischen diesen arabischen Staaten ist, wenn auch klar ist, daß der Schutz — ohne fremden, europäischen Rücken dahinter —- wertlos sein wird. Inzwischen fachen diese Verhandlungen die panarabischen Sehnsüchte an und bei jeder Gelegenheit, wie im fälle der arabischen Unruhen in Palästina, entflammt die panarabische Solidarität, die zweifellos auch als politische Stoßkraft dient. Jedenfalls ist es heute klar, daß die Araber für den kommenden Krieg bereit sein wollen zumindest durch innere Verständigung, ergänzt durch eine Uebereinkunft mit Ihren gefährlichen Nachbarn: Türkei und Iran. Diesem Ziele soll der Vierband — Türkei, Afghanistan, Iran und Irak —, der noch einer Ergänzung und Ausbreitung bedarf, um den ganzen selbständigen arabischen Flächenraum zu umfassen, dienen. (Schluß de« Palüstin»-Tefls> / \ ÜÜWtt