Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 101 (18.12.1936)
- Date
- 1936-12-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 101,' 18 5(11. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 13 Auf dem Skopus Von unserem nach Palästina entsandten Sonderberichterstatter K. L., Jerusalem, Anfang Dezember Har Hazrophim, der ״Berg der Späher“, umgeben von tiefen Tälern, ist zwar nicht der höchste Punkt Jerusalems — die Gebäude der Jewish Agency in Rechawjah z. B. liegen etwas höher —, aber einer derjenigen, die den freiesten Ueberblick gewähren. Wie berauscht dieser Blick den Be- Sucher immer wieder! Auf der einen Seite die weit sich dehnende Stadt, deren altcertraute Silhouette jetzt durch manches neue Gebäude verändert ist, jenseits die Berge der Wüste Juda mit dem Toten Meer und der Jordansenke als Abschluß, die greifbar nahe erscheinen und besonders gegen Der Bauplatz für das Medizinische Institut auf dem Skopus. ’■'SSS£*—•> יי V**4! . ./<;־־! / ,׳ Sssä&J':״ Abend in dem wunderbarsten Spiel der Farben entzücken« Dahinter die Berge Transjordaniens. Abgegrenzt gegen das Leben im Lande und durch den weiten Ausblick dort mit ihm verbunden bietet dieser Punkt eine einzigartige Chance geistiger Konzentration, geheiligt durch die Fäden der Erinnerung und verpflichtend zugleich durch den Anblick des neuen Lebens, das unten in der Stadt und im Lande sichtbar wird. Die Hebräische Universität, deren Heimat dieser Ort geworden ist, stellt durch ihre Existenz immer wieder die Frage, ob sie, ob mit ihr das jüdische Volk dieser Aufgäbe gewachsen ist. Das Licht, das von Jerusalem wieder ausgehen soll und das zunächst für das jüdische Volk selbst ein Leuchtturm seiner Besinnung und Sammlung werden kann, es muß wohl nicht zuletzt hier auf dem Skopus aufleuchten, und die Menschen, die an dieser Stelle wirken, sollen Hüter der Flamme sein. Wenn überhaupt, dann ist hier der Ort, an dem sich die Idee des ״geistigen Zentrums“ realisieren kann. Wer auf die Frage, ob dies in unseren Tagen schon der Fall ist, eine ehrliche Antwort gibt, wird sie gewiß verneinen. Die Spuren der Erlösung, der Geist der ״Geulah“, sind im Lande nur selten zu finden, und sie sind auch auf dem Skopus wolil nur in kargen Momenten zu spüren. Dennoch bedeutet das Wort, das hier geschaffen worden ist, sehr viel, und es kann dem Lande als Ganzem und dem jüdischen Volk in allen Teilen der Welt viel bedeuten. Rechtschaffene und geistig wahrhafte Kleinarbeit auf vielen Gebieten der Wissenschaft, die Bereitstellung der technischen Voraussetzungen hierfür sind ein Faktor des Aufbaus, der nicht übersehen werden darf und den heute niemand mehr entbehren möchte. Was daraus einst werden soll — wer kann es sagen? Ob einmal jener Funke auf dem Skopus aufleuchtet, ist ebenso wenig zu prophezeien, wie wir über Das neue Meteorologische Observatorium den letzten und eigentlichen Sinn unserer Arbeit am Boden dieses Landes das letzte Wort schon heute sagen können. — Es gab eine Zeit, in der die Universität vom Jischuw nicht immer freundschaftlich behandelt wurde. Man beklagte die Isoliertheit dieser Institution, die fern vom Leben des Tages zu arbeiten schien. Das hat sich inzwischen sehr gebessert. Heute schätzt man die stille Arbeit der Wissenschaftler für die 1. andesentwicklung besser ein und weiß, daß z. B. bei der Bekämpfung menschlicher und tierischer Schädlinge die Universität Hervorragendes geleistet hat. Ein anderes Gebiet, das vor einiger Zeit in Angriff genommen wurde, ist die Abteilung für Pädagogik, die mit dem Jerusalemer Lehrerseminar kooperiert und einen Wissenszweig bearbeitet, der für die speziellen Bedürfnisse Palästinas besonders wichtig ist. Auch die B i 1 d u n g s k u r s e, die seitens der Dozenten der Universität in den Städten Palästinas für breitere Schichten der Bevölkerung veranstaltet werden, haben zur Stärkung des Kontaktes beigetragen, der nicht zuletzt in den immer zahlreicher werdenden Besuchern aus dem Lande und in finanziellen Leistungen des Jischuw zum Ausdruck kommt. Ganz neuerdings ist das Radio eine beliebte Stätte populärwissenschaftlicher Vorträge der Dozenten geworden. Eine Universität kann man gewiß nicht nach dem äußeren Rahmen beurteilen, in dem sie existiert, da sie ein geistiges Gebilde ist, das von lebendigen Menschen repräsentiert wird. Dennoch wissen wir, wie wichtig für einen moder* nen wissenschaftlichen Betrieb die Schaffung der technischen Voraussetzungen ist, die er nötig hat. Der Besucher der Universität betrachtet daher mit besonderem Interesse den Fortschritt, der in dieser Beziehung zu konstatieren ist. Das große, im Laufe der Zeit schon stattlich gewordene Hauptgebäude ist im letzten Jahre durch den Vorbau einer lichtoffenen Terrasse erweitert worden, und es ist dort ein sehr schönes Laboratorium entstanden. Ein ganz neues Gebäude ist das Meteorologische Observatorium, das der Forscher Mosche Wilbuschewitsch, einer der ältesten und markantesten Pioniere des Landes, aus eigenen Mitteln erbaut hat, in dem er selbst lebt und arbeitet, während die Universität einige Räume zur Benutzung in diesem Haus hat und später einmal das Eigentum an ihm erhalten wird. Vom Dache dieses Hauses bietet sich heute der schönste Rundblick nach allen Seiten des Skopus. Es ist vielleicht mehr als eine persönliche Eigenart des Schöpfers dieses Hauses, daß an seine Tür der Text des ״Schma Jisroel“ angebracht ist.... Jenseits des Haupteinganges zur Universität liegt das von Erich Mendelsohn neu erbaute Klubhaus. Ursprünglich sollte mit den zum großen Teil von einem Tel-Awiwer Freunde der Universität gespendeten Mitteln ein Studentenheim gebaut werden, doch entschloß man sich später zu diesem Neubau. Das Haus enthält einen sehr schönen Saal, der für festliche Zwecke wie auch für Vorlesungen benutzt wird. Sodann wird gerade in diesen Tagen die Mensa academica eingerichtet, und schließlich gibt es einige Aufenthaltsräume für Dozenten. Es ist ein architektonisch gelungener Bau, der praktisch von großem Nutzen sein dürfte. Auf dem Gelände der Universität schließlich werden die Erdarbeiten für die Gebäude des medizinischen Zen« trums durchgeführt, und in etwa zwei Jahren sollen die Häuser des Krankenhauses und des Schwesternheimes vollendet sein. Was dies nicht allein für die Entwicklung der Universität, Mosche Wilbuscheivitz in seinem Arbeitszimmer im Meteoro• logischen Observatorium. Foto•! Uoo L»ndaner, Joru.ilem (3) sondern für das ganze Land bedeuten wird, kann nur der ermessen, der den Umfang des Sanitätswerkes im Vergleich zur jüdischen Bevölkerung des Landes richtig einschätzt! Ueberhaupt ist in jedem Falle erforderlich, das Geleistete mit den Voraussetzungen der Arbeit in Beziehung zu setzen. Die geisteswissenschaftlichen Fächer leiden z. B. sehr darunter, daß noch immer kein eigenes Gebäude für sie besteht. Sie müssen daher in den vorhandenen Häusern zu Gaste sein, da die Naturwissenschaften erklärlicherweise für Laboratorien und Sammlungen von einer zureichenden Unterbringurig abhängen. Leider sind die materiellen Voraussetzungen der Arbeit äußerst schwierig. Ein Jahresbudget von rund 87 000 Pfund muß zum weitaus größten Teile von der Universität selbst aufgebracht werden, während in anderen Ländern entweder der Staat durch große Zuschüsse oder Stiftungen aus ihren Erträgnissen die Universitäten erhalten. Das Propaganda-Departement der Universität stellt dementsprechend ein praktisch besonders wichtiges Glied der genannten Universitäts-Organisation dar. Wenn man hört, daß z. B. manche Fachbibliotheken, die den einzelnen Instituten angegliedert sind, einen Jahresetat von 10 Pfund haben, so wird man ermessen können, mit welchem Maß von Idealismus Dozenten und Studenten hier arbeiten müssen. Auch die Universitäts- und Nationalbibliothek arbeitet übrigens unter nicht leichteren Bedingungen. Das Problem der Erweiterung des Baues steht mahnend vor der Tür, da in sehr kurzer Zeit der Unterbringungsmöglichkeiten des Magazins erschöpft sein werden. Es ist hier nicht der Ort, über den tatsächlichen Stand der Universitätsarbeit zu berichten. Zur geisteswissenschaftliehen und mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät ist die medizinische Präfakultät hinzugetreten, die später einmal zur medizinischen Fakultät erweitert werden soll. Es ist der Universität gelegentlich vorgeworfen worden, daß sie ein Abbild europäischer bzw. europäiseh-amerikanischer Vorbilder sei, und daß sie noch keinen eigenen Stil geistiger Arbeit entwickelt habe. An dieser These ist gewiß viel Richtiges. Bedenken wir aber, auf welchen Lebensgebieten überhaupt ein eigener Stil in diesem Lande von uns geprägt wurde! Geduld und Ausdauer und ein großes Maß an Zurückhaltung tun uns not, wenn wir diese Frage stellen. Dennoch kann nicht übersehen werden, daß auf dem Skopus wissenschaftliche Leistungen vollbracht worden sind, die ins Gewicht fallen und eigenartig sind. Auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte z. B. sind eine Reihe von Arbeiten erschienen, die einen neuen Standpunkt begründen. Es ist eine Betrachtung der Entwicklung von Ost nach West, während die bisherige Tradition der Forschung die umgekehrte Blickrichtung hatte und dementsprechend auch zu anderen Resultaten gelangte. Auch die Beschäftigung mit den Unter- Das neue Klubhaus der Universität. Foto: Bernheini, Jerasulem Strömungen der Volksgcschichte, mit den gleichsam ״unoffiziellen“ Kräften des Volkslebens hat hier eine Stütze gefunden. Daß gerade in dieser Zeit der politischen Spannung eine große Gemeinschaftsarbeit der Universität, die Edition des arabischen Klassikers AI Baladhuri, ihre ersten Ergebnisse gehabt hat, kann gleichfalls als symbolisch bedeutsam vermerkt werden. Es ist klar, daß all dies nur Anfänge sind. Wie alles in diesem Lande stellt hinter ihnen ein starker Glaube, der gewiß immer und immer wieder von Zweifeln geplagt wird. Eines aber stellt fest: Das Werk auf dem Skopus wächst! Es ist als Statte der Eorsdiuug auf einer Reihe von Gebieten wichtig geworden, und es gibt auch einer gewissen und dauernd steigenden Zahl von Studenten die Möglichkeit der Ausbildung. Was das bedeutet, haben gerade die Juden Deutschlands in den letzten Jahren erfahren, in denen die Universal! zahlreichen Wissenschaftlern aus Deutschland eine neue Wirkungsstätte geboten hat und auch eine Anzahl Studenten aus diesem Lande aufnaiim. Heute stellt die Universität vor großen Plänen. Die Vorbereitung der medizinischen Fakultät wurde bereits erwähnt Eine ״akademische Stadt‘‘ soll auf dem Skopus entstehen, in der auch Wohnungen für die dort Tätigen vorgesehen sind. Die große Ringstraße, die die Behörden rings um Jerusalem bauen wollen, wird dicht an dem Gebäude vorbeiführen, ohne es zu zerteilen. Der schon längere Zeit geplante Rosenbloom-Gcd.k:htnisbau wird nunmehr verwirklicht werden, wodurch die geisteswissenschaftlichen Fächer endlich eine eigene Unterkunft finden werden, Die Arbeit hat auch während der Unruhen, die bekanntlich aus den Reihen der Dozenten und Studenten eine Anzahl von Opfern gefordert haben, auf keinem Gebiete geruht. Die l äge der Universität auf dem Skopus und der relativ lange Weg dahin, der unsicher war, beleuchten eine erhebliche Erschwerung der geregelten Tätigkeit, die dennoch aufrecht erhalten wurde. ★ Ist es eine ״Thorr‘, eine echte Lehre, die von hier aus ins Volk dringen kann, von der vor bald 12 Jahren Bialik bei der Eröffnung der Universität gesprochen hat? — Niemand darf es wagen, diese Frage eindeutig zu beantworten, da es sich stets erst in späteren Geschlechtern ־zeigt, ob ein Wort — gesprochen zu den Miticbenden — eine ״Thora“ ist, die verpflichtend und wirklich lebensgestaltend wirkt. Wir müssen es gestehen: Unser Empfinden gellt nicht dahin, daß eine solche ״Lehre“ schon da ist oder sicli auch nur andeutet. Dennoch sind wir nicht entmutigt — und wollen denen, die auf dem ״Berge der Späher“ wirken, auch nicht den Mut rauben, der sie zum Schaffe!! befähigt —, weil wir glauben, daß durch diese Arbeit ein Teil des Schuttes hinweggeräumt wird, der über der Sache unseres Volkes liegt und und sie uns selbst manches Mal imkciimlidi erscheinen läßt, wenn wir sie mit dem Bilde einstiger Größe und Erhabenheit vergleichen. V'orbereiter, Wegbahncr sind darum wolil jene, die an dieser Stätte arbeiten, nicht weniger als die Bauern auf den Feldern Palästinas. Wir — und sie — tragen den Glauben und die Sehnsucht in uns, daß hinter dieser harten Arbeit einst jenes Wort hervorbrechen möge, das von diesem Punkte der Welt — und nur von diesem - ertönen und das Volk wirklich wieder um sich versammeln kann. Ein Jahr ״Beth Jisrael“ Ans Haifa wird uns berichtet: Die Vereinigung ״Feil! Jisrael“ in Haifa schaut aut das erste Jahr ihres Bestehens zurück. Sie ist von einem Kreis religiös und zionistisch in gleicher Weise interessierter Mensehen ins Leben gerufen worden (Rabb. Dr. E! k, Dr. M. Pi eßner, Dr. N. Glotzer u. a.j. ״Beth Jisrael“ hat sich eine der wichtigsten Aufgaben gestellt, die es im Rahmen des Aufbaus zu lösen gibt: Religion und Leben, Ucberlieferung und kulturelle Entwicklung miteinander zu verbinden. Eine beträchtliche Zahl von Menschen hat sich der Ver« einigung angeschlosscn; ein großer Saal im Zentrum des Hadar dient als räumlicher Mittelpunkt der kulturell-religiösen Arbeit. Außer den Gottesdiensten finden Vorträge und Aussprachen über Fragen und Probleme der Religion und Weltanschauung statt. Besonderes Gewicht wird dabei auf die Einführung in T’nach und Haggadali als religiöse Quellen gelegt, unbeschadet ihrer historischen und volkskundlichen Bedeutung. Die Vereinigung Rißt sich die Jugendarbeit beson« ders angelegen "sein. Sic hat Jugendiiachmittage eingerichtet und hat jetzt eine Jugcluibibliothck eröffnet. Äußer den spe« zifisch religiösen und weltanschaulichen Vorträgen will sie als volkspädagogisches Werk im weiteren Sinne den Zugang zu den Werten der allgemeinen Kultur vermitteln. 111 Verbindüng damit versucht sic einen besonderen Beitrag zur Gestaltung des Schabbat durch Ausgestaltung des Mozac-Schabbat zu geben. So veranstaltet sie wöchentlich am Schabbat-Abend gute Konzerte, literarische und pädagogische Vorträge, Lichtbildcrdarstcllungcn usw. zu billigstem Eintrittsgeld. Die kirnstlerischen Organisationen Haifas wie auch die einzelnen Kiinstler selber unterstützen die Vereinigung selbstlos in ihren Bcmühun gen. ״Befh Jisrael“ sucht jetzt die berufstätige Jugend in besonderen Lese-, Sing- und Aussprache-Abenden zusammenzufassen. Die Eröffnung eines allgemein zugänglichen Lesesaals und einer Handbibliothek wird in den nächsten Wochen erfolgen.