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Jüdische Rundschau · 1936-12-18 · Heft 101 (18.12.1936) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 101 (18.12.1936)
Date
1936-12-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 101. 18. XII. 1936 Musik des Pentateuchs Ein Vortrag von Prof״ Rosowsky in Wien Wien, Anfang Dezember Auf Einladung des ״Vereins zur Förderung jüdischer Musik“ in Wien hielt Prof. Dr. Saloinon Rosowsky einen inhalts- und aiifsciilulireichen Vortrag über d.e Ka,!Elationen der Bibel, Der bekannte Komponist und Mitbegründer der seinerzeitigen ״t ieselbehaft für jüdische Volksmusik* *‘ in Petersburg lebt seit zirka 11 Jahren in Jenisa'em und hat dort Studien über die bibiiseher. Kantilationen gemacht, die neuartige Ergebnisse von umwälzender Bedeutung zeitigten. 1111 Aufträge der 1 lebräisclien Universität hat nun Rasowskv die Ergebnisse seiner sicbenjährigen wissenschaftlichen Arbeit in einem Werk niedergeUgt, dessen vvissensehaftiielier und praktischer Wert für die Ent- Wicklung der Bibel-Rezitation, der jüdischen Musik und nicht zuletzt der rnusikalbelien Pr/ie!1u:1g unserer Jugend von ausschlaggebeiidcr Beiieiitung werden kann. Ls bestellt begründete Hoffnung, <iali das Werk in nächster Zeit erscheinen kann. Der Wiener Vortrag die me hauptsächlich der Orientierung über die Arbeit und die angewandte ForschuiigMuetliude. Der erste Teil bvhamleitv die Schabbat-Kantila* tion des Pentateuchs, und zwar vorderhand die polnischlitauisch-,isdikenasische A11-dnu׳ksfo1111, weil diese am vorbreitetsten ist und sich auch am leichtesten durch unser Halbtonsvstem und unsere Notenschrift interpretieren läßt. Die Bibel ist eine grolle!!! u s i k a! i s c h e L r b s c 11 a f t. Sie wird immer gesungi 11-ka11tiliert, Esra ordnete nach Rückkehr der Juden aus der babvlon׳. wheii Oeiangensciiaft im 5. Jahrlum* dert den re/itativischen Vortrag der Bibel an. I>ie Zeichen, die die Kantilationsarlen best an a:s11, heißen ״T rop“. Wir besitzen 2S Propte 1n.11. ein Teil davon steht über, ein Teil unter dem Worte. Sie leiben eine :׳rolle grammatikalische Bedcutn!! c ab u!einige-. .Mitte! zum liiidringrn in 11 11־.׳ Sinn einzehter I nie des Fileä-al/cs oder sogar ein/eliler M orte, gleichzeitig׳ können sic ab Notenzeichen der Juden des Altertums betrachtet w et den. Im t iegens.atz jedoch zur imitigen Noten- Schrift, wo jede Note einen!'11״ bedeutet, -teilt jedes Trop- Zeichen nn lircre Urne ׳dar, mam'hmaI sogar bis zu!3 Tönen, z. B. Schal-eliciet. Alle Judengruppeii in der Weit, Wo sie sich aiieii befinden in cgcii, besitzen mindestens (1 Kantilationstypen für die kv/itatinn der Blind: 1. I'ür die 3 Bücher Moses an! Sehabbat. '1. 1 ur dm 5 Biielier Moses an hohen Feiertagen, d. Für die Propheten (I laftarah). -1. Esther. 3. Ruth, Külteleih, Schir-I laseim im.!!. I.leha (die Klagelieder Jeremias). i Bis tragende | und;11n11״t von Rosowskvs Arlvitsmetliode ist die- Erforschung der Bibei-Tropen auf Orun׳i ihrer grtimmatikalisehen tieset/e. Die (ira!!!!nt!ker teilen du• 23 Tropen m trciincnde■ Akzente und bnuiciide Akzente. Zur präzisen Feststellung des imioTisciieii und rhythmischen Inhalts eines Trop suchte Rosowskv entsprechend der biologiselieii F'orsciiuiü'smethoile zimäelist nach der Zelle eines jeden Trop und wählte das ,.Sillug1־, welches die Kadenz jedes K.mtilationsfragim ntbildet, zum Ausgangspunkt, ״Die einfachste Form eines Phonemas ist ׳Jas Tonmaterial, weiches mit einem Jüdische Berufssorgfen Sucher B. Weinryb: Der Kampf um die Berufsunischlchtung. Ein Ausschnitt aus der Geschichte der Juden i!1 Deutschland ( - Nr. 13 der Jüdischen Leseliefte, im Aufträge der Rciclisvertretung der Juden in Deutschland, herausgegeben von Adolf LeschniUer). Berlin 1936, Schocken-Verlag. Die vorliegende Schrift darf ein besonderes Interesse bennspruchen. In sehr klarer, wissenschaftlich wohlbegriindeter Weise schildert der V'erfasscr, wie der Gedanke einer Verändernng der Berufsgliederung der Juden in Deutscliland in den letzten anderthalb Jahrhunderten immer wieder aufgetaucht ist, immer wieder zu Versuchen und praktischen Unternehmung(׳;! geführt hat und doch niemals einen wirklieh Beachtenswerten Erfolg zeitigen konnte. Ursprünglich wurde die Idee von jenen Kreisen der aufgeklärten hohen Beamtenschaft vertreten, deren Werk die Emanzipations-ücsetzgelumg in Preulfcn und den anderen deutschen Staaten recht eigentlich gewesen ist. Die damalige Oberschicht der Juden griff sie gern a uf, um <1 e 1! Wünschen der nichtjüdischen P'.man/ipaforei! zu entsprechen und iiir eigenes Streben nach Aufgabe der jüdischen Sonderart durch Malinahmen auf dem Gebiete der suz ial-wirischaltliehen Struktur /;! 1mt<׳r-t!1t/!׳n. Zahlreiche Vereine wurden gegründet, um I :1 mi'.vii tscliuft und f landwerk unter den i-.raeiitischen (1i.1!!!1t׳n-sח,״-.״!!.״ zu befördern“. ihre mit grillten Lrwartutigen aui'g1־no11m11.׳ne '1 atigkeit führte jedoch nie zu ncnnenswirte« i'rggdmi-sen; denn die allgemeine Entwicklungstendi ri׳ des deut-ehen Wirfsciiaftslefiens ging ja im ganzen einsilbigen Worte verbunden ist. Und so forschte ich bei jedem einzelnen Trop nach den im Pentateuch vorhandenen einsilbigen Worten, ließ die Tropleser dieselben kantilieren und bemühte mich, die Melodien dieser Worte in Noten- Zeichen zu fixieren, verfolgte weiter die Entwicklung der ״tropalen“ Zelle in zwei-, drei-, vier- und fünfsilbigen Wartcn. (Seelissilbige Worte sind im Pentateuch eine ziemlich seltene Erscheinung.) Auf diese Art gelangte icli zu den sogenannten musikalischen Grundformen eines jeden einzelnen Trops, stellte die Assimiiationsgesetze und alle hieraus folgenden Prinzipien, auf denen ich nun das ganze Trop- System aufgebaut hatte, fest. In der Interpretation des ״Schwa na“ und der ״Chatafim“, welche die Grammatiker nicht als volle Silben betrachten, habe ich es vorgezogen, mit den Tatsachen zu rechnen: In der Kantilation sind ״Schwa na“ und die ״Chatafim“ musikalisch genommen, stets volle Silben. Es wäre daher gewiß interessant, die quantitativen Unterschiede der Silben im Notenbilde auszudrücken,... wenn diese Unterschiede sich tatsächlich in der Kantilation widerspiegeln würden. Aber in der Kantilation läßt sich eine ganz andere Erscheinung feststellen, näm'ich das Drängen der Silben des Wortes zur Tropsilbe. In diesem Laufe zum Ziel sind di« Silben aller Quantitäten gleich. Ich habe daher auch dem Meteg nur eine dynamische aber nicht kinetische Schattierung gegeben, weil auch die Metegsilbe in diesem Laufe mitgerissen wird.“ Wirkten schon die von Rosowskv während des Vortrages vorgesungenen einzelnen Typen absolut neuartig, so hinterließen die zum Schluß vorgesungenen größeren Partien der Bibel in ihrer einzigartigen melodischen Schönheit und rhvthmischen Verbundenheit mit dem Wort einen unauslöschlichen tieien Eindruck. Der wissenschaftliche Wert von Rosowskys Arbeit kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Es ist schon heute mit Bestimmtheit anzunehmen, daß daraus Rückwirkungen auf die vergleichende Musikwissenschaft, insbesondere auf die Erforschung der Musik des Altertums, des Gregorianischen Chorais entstellen. Darüber hinaus erstrebt Rosowskys Arbeit eine Verbesserung, Vereinheitlichung und Vervollkommnung der Kantilationen des Trop in den Synagogen auf Grund dieses genau aus gearbeiteten Phonemas, ferner die Schaffung einer völlig neuen Grundlage für die Unterweisung der Bibel in den jüdischen Schulen. I־‘iir uns jüdisclie Musiker bedeuten die Ergebnisse Rosowskys jedoch ein Material, das nicht ohne Einwirkung auf die Entwicklung der jüdischen Musik bleiben kann. Vielleicht wächst auf diesem Boden ei« einheitlicher Stil, der endlich der Zerrissenheit und Tradition«;• losigkeit unserer heutigen Musikproduktion ein Ende macht. Prof. Rosowsky sind wir für seine hingebungsvolle aufopfernde Leistung zu höchstein Dank verpflichtet. Joachim Stutschewsky 19. Jahrhundert in Richtung einer immer blühenderen Entfallutig der kommerziellen Berufe, hinter denen Ackerbau und Handwerk zuriiektraten und für die gerade die Jude« aus historischen Gründen eine besondere Veranlagung besaßen. Die Umsdiiclitungsbesticbungen liefen jenem Wege, aut dem die Juden in Deutschland im Zeitalter der Kommcrzialisierung und Industrialisierung der Wirtschaft zu Wohlstand und Ansehen gelangten, gerade entgegen, und fanden höchstens noch in der philanthropischen Erziehungsarbeit, in Waisenhäusern und ähnlichen Stiftungen einen schmalen Platz, ohne selbst dort vor Fehlschlägen bewahrt zu bleiben. Mancherlei Bestrebungen idealistischer, Icbcnsrefortnerisclier Art, die aus der Jugendbewegung einporwuclisen, blieben Bestrebungen; erst der zionistische Gedanke, mit seiner Forderung nacli Normalisierung des jüdischen Volkslebens überhaupt und dem tatsächlichen Bedürfnis des Palästina- Auf haus nach manuell ausgebüdeten Einwanderern hat der Uinschichtiingstendcn/. einen Raum eröffnet, in dem ihre Verwirklichung nicht die Erfüllung eines weltfremden Postulates blieb, sondern den Notwendigkeiten des praktischen Lebens entspricht. Weinryb zeigt deutlich, wie der Verstiidterungsprozeß der Judenlieit entscheidend durch den allgemeinen Urbauisierungsvorgang bedingt ist, den die deutsche Bevölkerung durchmachtc, und wie eine grundlegende Verändernng der jüdischen Berufsstruktur nur in einem Lande möglich ist, dessen Ökonomik von den Juden scllist 1kstimmt oder wenigstens mitbestimmt wird. — Das Büchlein sei der Lektüre Jedes einzelnen empfohlen, nicht zuletzt auch den Jugcndbüiiden, für deren Bildungsarbeit es stark herangezogen werden sollte. Dr. Walter GroB Juden in Japan Die ״Deutsche Wo c 11 en s ch au“, Berlin, bringt nachstehenden Bericht: ״Die sonst so hellsichtigen und hellhörigen Japaner scheinen der Jude 11 frage noch wenig Bedeutung beizumessen, obzwar sie doch die warnenden Beispiele der Zer- Setzung Europas und Amerikas vor Augen haben sollten. So ist, nach Ausführungen des ,Welt-Dienst‘, kürzlich der diemalige Musikdirektor der Mannheimer Oper, der Jude und Freimaurer Josef Rosen stock, als Leiter des ,Neuen Symphonieorchesters‘ in Tokio, des größten Orchesters Japans, engagiert worden. Zuletzt hat Rosenstock die OperiuuHührimgen des ,Jüdischen Kulturbundes‘ in Berlin geleitet. Am 1. März ist der bekannte jüdische Freimaurer Dr. Paul W cingartc n, Professor an der Wiener Mnsikakademie, ebenfalls nach Japan abgereist, wohin er für zwei Jahre als Leiter einer Meisterschule für Klavier an der dortigen Musikhochschule berufen wurde. Auch jüdische Wissenschaftler bezieht Japan seit einiger Zeit im großen aus Europa. Der I lauptsclirittniacher für die Musikjudvn in Japan ist offensichtlich der Pianist Leo Sirota. — Japan erfreut sicii bereits eines reichen Segens an ,Auserwählteu‘, die den Weg für Nachschübe ebnen und Keimzellen bilden, den gesunden Kern des japanischen Volkes zu zerstören und von innen heraus zersprengen sollen.“ Prof. Dr. Bohrend Pick, der bekannte Archäologe und Numismatiker, wird am 21. Dezember 75 Jahre alt. Gelieimrat Pick hat vierzig Jahre laug die Leitung des 1712 gegründeten: Münzkabinetts des Herzoglichen H a u s e s in Gotha innegeliabt, die bis tief in das neunzehnte Jahrhundert hinein die bedeutendste numismatische Sammlung in Deutschland gewesen ist. Die 1931 erschienene Festschrift für Prof, Pick führt über hundert Publikationen auf, in denen er seit seiner richtunggebenden Dissertation im Jahre 1SS4 Probleme der Altertums- und insbesondere der klassischen Münzkunde mit neuen Erkenntnissen und in größter Akribie behandelt hat. Charakteristisch für Picks Methodik ist seine Betrachtung der Numismatik nicht als isolierte Wissenschaft, sondern als historisches, wirtschaftswissenschaftliches und archäologisches Quellgcbiot Zu Picks Hauptwerken zählt der erste Teil des Miirmverkcs (Corpus ntunmorum) der Berliner Akademie der Wissenschaften ,,Die antiken Münzen Nordgriechenlamls“ und ,,Die Münzkunde in der Altertums- Wissenschaft“. Der Jubilar wirkte zuerst als Univcrsitätslehrcr in Zürich, dann in Jena. Im fahre 1935 ehrte ihn die Royal Numismntic Society, die ihn bereits 1S99 zum Ehrenmitglied gewählt hatte, durch Verleihung iiirer Medaille. Zur Zeit beschäftigt sich der Gelehrte vorzugsweise mit einigen a 11 j ii d i s c 11 c n Münzen, deren Inschriften er z. T. ganz neuartige Deutungen gibt. Neue ״Giljonot“-Hefte. Von der bewährten von Nissan und Betty Berggriin licrausgcgchunen Schriftenreihe ״G i 1j o!1 o t“ liegen nun Heft 4 und 5 vor. Sie enthalten Lrzähhingen aus der neuhebräisclien Literatur, und zwar Heft 4! Erzählungen von Perez, M. J. bin Gorion, Frischmann, Alexander Süßkind Rabinowitsch und Barsiiai; Heft 5: zwei Lrzähhingen von Perez und eine längere Erzählung von Smilausky, der auf diese Weise bei 11ns als Erzähler eingefiihrt wird. Es werden dem hebräischen Unterricht mit diesen Heften wertvolle Erzählungen geboten, wenn auch der künstlerische Wert der cinezlncn Stücke durchaus verschieden ist. Aus denn Stoff seien genannt: Jüdische Feiertage, Chassidim und Mitnagdim, aus der Friilizeit des Zionismus 11. a. Aus diesen hebräischen Unterrichtsgesprächen werden sich zwanglos geniigend Themen zur schriftlichen Bearbeitung ergeben. Beide Hefte enthalten im Anhang zuverlässige Wörterverezicbnisse; Heft 5 — zum ersten Male — auch hebräische Wortcrklärungen. Diese sollten in den nächsten Heften erweitert werden, da sie den! Lehrer eine unterrichtlicl 1c Hilfe bieten. Sie können so in die Benutzung des hebräisch — hebräisch geschriebeneu Wörterbuches einf!ihren — dem Endziel eines jeden fremdsprachlichen Unterrichts. Heft 5 enthält im grammatischen Anhang eine Uebcrsicht über die Konjugationsklassen, auf die durch ein Ziffcrnsystcin im Wörterverzeichnis Bezug genommen wird. Die Ausstattung der Hefte ist mustergültig. Die neuen ״Giljonot“ erfüllen alle Forcierungen, die man vom sprachmetliodisclien Gesichtspunkt aus an solche Lektiirehefte für Fortgeschrittene stellen muß: zuver* lässige Textausgaben, kulturkundliche Bereicherung, Möglichkeit zur mündlichen und schriftlich en Bereicherung, Er- Fassung der Sprache. Dr. Eli es er L. Ehr mann Im Cireoio mtisicale letterario in M a i 1 a n d, Via PasquTrolo 12, gab Sascha Alexander einen (itsangsabend, Hans Bae’r begleitete ausgezeichnet. Regina Schein, die jugendliche talentierte Cellistin, konzertierte mit Erfolg in Wien, Budapest, Mailand, Amsterdam und Zürich. d'nli!01111 nur Wc-i'ii aus Fk-iscäi und Blut, zweibeinige (iisi 1!׳ 11 :ס'׳, die aßen und tranken w iu gewöhnliche Sterbliche, aber - in ihren Kelden war etwas, das crseliiittertu und aiifuühitr! Wie gewuitig war doch die neue Melodie, von zwei Siiininen;:esungen: ,,(le,denke 1111 ׳er zum Leben!“ Der 311-11'1 nn ht Hille bei seinem Schöpfer, «r klammert siili ,;n ihn und ruf!; ,,Gedenke unser! Gedenke unser!“ Eine 111.1■!01:0• ,öiiimnierdröhnt: ,,Der König hat Freude am Lel>1׳ns|.׳1׳mlen “ - Jeder Gedanke an irdische Dinge, jede Unheilige Begung \erstummt. Die draußen Stellenden sind von Sehen und I '.luTuri ht ergriffen. Kin jeder von ihnen würde ein Jahr seine״ Lebens Umgeben, wenn die Tür sieh auftäte und er in das Haus eintrelen dürfte. Ob, wie Ihjneideten sie den Sohn des Seimeiders, der in der Stube weilte und die Singenden sah, während sie, die anderen, außerhalb der Stätte stehen mußten. * So gingen die Tuge hin, und an jedem Abend wnr das Haus des Schneiders umringt von Lauschenden, Liebhabern des Gesanges. Das Gedränge wurde immer größer, jeder wollt« dem Fenster näher sein, und das Volk begann, sieh die Plätze für die Feiertage in diese!« Betiuius zu sichern; •inan sprach davon, daß man in dies«« Jahr noch zehn Reihen werde hin/.ufügen müssen. Eingeweihte wußten von einer Melodie für das Gehet ״lleut willst du uns stärken“ zu erzählen, die dor Kantor vorbereitet hatte und der man, auf den Füßen sichend, hundert Jahre sollte zuhiiren können, ohne zu ermüden. Die vom zweiten Bethaus wurden nun unruhig und sannen auf Abhilfe. Was nützte es, daß das Hans jetzt in seiner neuen Gestalt beinahe einem Prachtbau glich, wenn die Leute in dor Stadt der Meinung waren: Achtet, weniger auf die Schönheit der Wände und der Fenster als auf den Vorbctcr, der in diesem Hause wirkt. Und, die Wahrheit zu sagen; auch in ihnen hatte sieh mittlerweile das Verlangen nach richtiger Gesangskunst geregt, besonders seitdem die Melodien der Sängers!har in ihr Ohr gedrungen waren. Also machte sich der Vorsteher des Tcm(>els gleichfalls auf und reiste in die Kreisstadt; und auch ihm gelang es, einen guten Fang zu tun. Er wurde nämlich mit einem Vorlieter einig, der als ein Großer in seinem Beruf galt Der sang freilich allein, ohne Chor, dafür hatte er eine Stimme von ungeheurer Kraft, die die Zuhörer mit sich riß, und war darin dem anderen Vorbetcr überlegen. Der neue Mann kain an einem der letzten Schakbule vor dem Neujahrsfest, um sein Können zu /,eigen. Die sländigen Besucher des Bethauses erschienen alle vollzählig, gespannt und neugierig, um der ״Begrüßung der Prinzessin Sehabbat“, wie sie nun dargeboten werden sollte, bciz.uwohnen. Das erneuert« Bethaus erstrahlt« ^im Glanz der Lichter; die Männer hatten ilire seidenen Kaftans an, und die Gesichter glänzten in freudiger Erwartung. Die Gerneinde war hoffnungsfroh gestimmt, und die Vorsteher fühlten sich siegessicher. Am Betpult stand ein Mann in aufrechter Haltung, mit einem neuen Betmuntel angetan, und die Augen der Versammelten waren auf ihn gerichtet. Bald wird der Gesang ertönen, bald... Ein Beter, der sich verspätet hatte und die Tür aufmachle, wäre von den anderen für die Störung der feierlichen Stille fast umgebracht worden. Der Vorbeter schaute gerade und unbeirrt in das große Gebetbuch, das vor ihm auf geschlagen Ing. Und nun erklang es: ״Laßt uns singen dem Herrn! Faßt uns jauchzen vor dem Felsen der Hilfe!“ Man glaubte einen Löwen brüllen zu hören; 1» war, als sänge nicht ein Einzelner, sondern die versammelte Menge zu Gott, dem Felsen der Hilfe. Wie konnte aber dieselbe Stimme auch klagen und heulen, als es zu den Worten kam: ״Vierzig Jahre litt ich um dieses Geschlecht“ — der Schöpfer selbst schien mitzuweinen und Lot gleichsam um Erbarmen, — ״sie aber kannten meine Wege nicht“. Da mußten sich die Leute fragen: Warum wollte das Volk damals Gottes Wege nicht kennen? Warum? Aber nun erscholl es wieder aus der Kehle des Mannes: ״Singet dem Herrn ein neues Lied!.Die ganze Erde singe dem Herrn! Singet dem Herrn, preist seinen Namen!“ Der Singende stellt die Frage und gibt auch die Antwort. — ״Die ganze Erde lobsingt dem Herrn!“ — Die Gemeinde stand da wie verzaubert und vergaß Welt und Geschehen. Eine Ewigkeit hätten sie so stehen mögen und nicht von der Stelle weichen, wenn der Vorbeier in ihrer Mitte verbliebe und das Lied des Schabbats sänge. Man denkt ■n kein Vorher und «tn kein Nachher, Last und Not sind wie ausgelBscht: ״Erwe!ist dem Horm seines Namens Ehre, es mögen die Himmel jubeln und die Erde frohlocken“. War es eine menschliche Stimme, was sie da hörten, oder das Rauschen und Toben von Mcercswcllcn? Die Wände des Hauses schienen zu wanken, und die Fenster zitterten; auch das Betpult glaubte man beben zu sehen, und die Menschen suchten sich aneinander zu lehnen, um nicht umzufnllen. Das war kein einfacher Vorbot er mehr, der Mann war ein /Guiberer! Wer an diesem Empfang der Königin Schabbat nicht tcilgenomtncn hat, der hat die Ankunft des heiligen Tages niemals wirklich erlebt! Wieder geriet die Stadt in Aufregung; am Tag darauf, an dem eigentlichen Sclmbbnt, wnr von nichts anderem die Rede als von dem neuen begnadeten Vorbetcr. Viele von seinen Zuhörern kamen zusammen und tranken zu seinen Ehren viel Met und Wein. Jubel und Freude herrschten bei der Gemeinde des erneuerten Tempels darüber, daß ein solcher Lcviatan ihr leilgeworden war. Am Sehabbatausgang wiederum begannen abermals die Vorbereitungen und Ücbungcn des andern Kantors und seines Chors. Und abermals verfehlte der gemeinsame Gesang seine Wirkung auf die Ilörer nicht; wie an den früheren Abenden war das Haus umstellt und umringt. Sie sangen gerade die Introduktion: ״Vor dem. Geheimnis der Weisen und Vorständigen!“ Man glaubte eine Levitenschar singen zu hören- Kaum aber hatte der Gesang auf dieser Seite geendet, als der neuangekommene Vorbetcr, der in dem Hause eines reichen Mannes auf der gegenüberliegenden Seite (1er Straße Wohnung genommen hatte, seinerseits die Stimme erhöh! den Körper schaukelnd und die Seele in den Gesang legend- Auch vor diesem Hause stellten sich bald zuhörende Mensehen auf. Die Stimme des Vorbeters zerschnitt die Luft und sc'hnicUertc mit Wucht die Worte heraus: ״Wer ist wie du, allmächtiger Gott? Und wer gleicht dir?“ — Es wnr, als hörte die Welt diesen Preis des Herrn zum erstenmal, als hätte eben erstder Mensch angefnngen, das Lob seine.! Schöpfers zu singen. Von beiden Seiten der Straße ertönte jetzt Gesang, und die Gemeindo wurde hin und her gerissen. Das Gemüt dos V'011(es neigte bald hierhin, bald dahin. Die, die die Wohnung des Vorbeters umstanden, waren gewiß, daß ihm der Vorzug zu geben sei; die andern hielten lest dafür, daß nur dem Sängerchor der Preis gebühre. (Schluß folgt) t

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