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Jüdische Rundschau · 1936-12-18 · Heft 101 (18.12.1936) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 101 (18.12.1936)
Date
1936-12-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr.8ו,וסו xii. 936ז JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Aus der Jugendbewegung Der Lernmonat im Bröltalhaus Der uns übergebene Bericht, den wir nachstehend ver• öffentlichen, unterrichtet die Oeffentlichkcit über die Be- Strebungen, für die Jugendbewegung einen neuen F ührernachwuchs heranzuziehen, der über jüdische Kenntnisse und über Verständnis für die in der Jugendbewegung wichtigen allgemeinen Fragen verfügt. Es ist eine allgemein bekannte Erscheinung, unter ivclchem Führermangel unsere Jugend leidet. Wird doch das Lager der heramvachscnden Jugendlichen in Deutschland immer wieder durch Aus- Wanderung gerade der tüchtigsten Elemente geschwächt; auch die veränderten materiellen Verhältnisse, frühzeitige Bcendigung der Schule und Verringerung der geistigen Bildungsmöglichheilen wirken allmählich auf eine starke Veränderung des Bildes der Jugendbewegung hin. Es ist daher überaus zu begrüßen, daß die Reichsvertretung zusammen mit der Mitlelslcile und dem Fleichsausschuß der Jüdischen Jugendverbände einen i t 'cg gefunden hat, um Vertreter aller Jugendverbände in einen Lernrnonat hei gemeinsamem einfachem Lehen außerhalb der Stadt zusatnmenzufassen. Der Bericht Zeigt, daß der Lernmonat den Teilnehmern Anregungen auf sehr vielen Gebieten gebracht hat, und es ist zu hoffen, daß dies für die ganze Jugendbewegung Früchte tragen wird. Vielleicht wäre zu wünschen, daß nächstens eine solche Schalrmgszeit noch systematischer ausgebaut wird, und daß hei der Auswahl der Teilnehmer vor allem diejenigen berücksichtigt werden, die anerkanntermaßen geeignet sind, das in dem Kursus erworbene Material in ihren Bünden einem größeren Kreise zu vermitteln. Eine besonders erfreu liehe Erscheinung dieser /.ernzeiten liegt in dem friedlichen Nebeneinander und Miteinander von Mitgliedern der Bünde aller Schattierungen. Der Leiter der Veranstaltung, Prof. Kantorowicz, hat sich nicht nur um das Lernen und um die Schalung, sondern vor allem auch um die menschliche Atmosphäre im Brölialhaus verdient gemacht. Man kann wohl ohne Uebertrpibiing sagen, daß dieses Zusammcnscin der Jugend, erfüllt von Lerneifer und Gemeinschaftssinn, zu den erfreulichsten Ereignissen innerhalb des jüdischen Lehens in Deutschland gehört. Es folgt nun der Tatsachenbericht. (Red.) Der Reichsausschuß der Jüdischen Jugendverbände hat im Monat November einen Lernrnonat in Gemeinschaft mit der Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung veranstaltet. Hieran nehmen etwa 30 Juttgführer aus allen Bünden teil. Es war beabsichtigt, in diesem Lernrnonat einem Kreis von Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, sich unter Anlcitung von besten Sachkennern mit den Fragen zu beschäftigen, die für ihre Arbeit in ihren Bünden von Bedeutung sind. Das große Interesse und der Arbeiteifer der Teilnehmer haben gezeigt, daß der Reiehsausschuß mit dieser Veranstaltung einem großen Bedürfnis, das in allen Jugendbünden spürbar war, nachgekommen ist. Gerade in einer Zeit, in der infolge Alijali A. Haribrodt, Berlin C 2, Königstr.i.9 1 Uhren / Goldu. Silberwaren | und Hachscharah allerorts sich ein starker Mangel an älteren und geeigneten Führungskräften geltend gemacht hat, und Menschen zur Leitung der Erziehungsarbeit berufen wurden, die häufig nicht die sachlichen Qualifikationen gehabt haben, waren die Arbeitsgemeinschaften über pädagogische und wissensmäßige Fragen besonders notwendig. Der Lernmonat, der von Herrn Professor Ernst Kan* torowicz mustergültig geleitet wurde, stand deswegen auch unter dem Motto: Wir wollen lernen und nicht debattieren. Erst nach der Aufnahme und Verarbeitung des gebotenen Stoffes war an eine Auseinandersetzung in weltanschaulichen Fragen, für die gerade in den Bünden die für heute so wichtigen Voraussetzungen fehlen, geschaffen. Professor Kantorowicz zeigte in seiner Arbeitsgcmeinschaft über Gesellschaftslehre zunächst einmal, wie man sich überhaupt wissenschaftlich einen Stoff erarbeiten soll, ln einem mit besonderer Aufmerksamkeit angenommenen Referat von Dr. Friedrich ßrodnitz wurden die Aufgaben und Formen jüdischer Gemeinschaftsarbeit in heutiger Zeit gezeigt. Ein Kurs von Boris Eisen st ädt über die zionistische Bewcgung führte zu den Aufgaben, die heute insbesondere der jüdischen Jugend gestellt sind. Professor Bond ץ sprach in seiner pädagogischen Arbeitsgemeinschaft über ״Die Situation des Jüngeren“, die ״Grundlagen jeder Erziehung“ und die ״Bültdische Haltung“. Daß die Kurse von Martin Buber über die ״Auscrwähhmg Israels“ und die ״Weltreiigionen“ von allen mit größtem Interesse aufgenonmie» wurden, braucht nicht besonders hervorgeltoben zu werden. Dr. Liebeschütz sprach über die Methode der Vermittlung von Gcschichtswissen in den Bünden, ein Problem, das heute für die Tarbutarbcit der Bünde von größter Bedeutung ist. Er wies darauf hin, daß eine echte Beziehung zwischen dem Lehrenden und dem Stoff unbedingt erforderlich sei, und daß das Ziel für diese Arbeit der Bünde weniger in einer Wissensvermittlung bestellt als darin, im jugendlichen Menschen das Interesse zur selbstiindigen Erarbeitung des Stoffes zu erwecken. Dr. Paul E p ps tc_i n hielt eine Arbeitsgemeinschaft über ״OruiuMementc der Wirtschaff“ ab. Rudi Baer sprach über ״Wirtschaftliche, kulturcllc und politische Grundlagen des Palästina-Aufbaus“. Die Arbeitsgemeinschaft über Zionismus und Palästina-Fragen wurde durch ein großangelegtes Referat von Dr. Robert Weit sch über Probleme des Vorderen Orients ergänzt, in dem die großen Linien der Entwicklung der Orient-Politik und Am. i'bot«; Herbert SoDue&ftld '*SS# der Staaten im Vorderen Orient aufgezeigt wurden. Neben weiteren Arbeitsgemeinschaften von L)r. Eschelbach er über ״Das Verhältnis zwischen Jude und Mitmensch nach den Lehren des Talmuds und Schulchan Aruch“, über ״Jüdische Zentren“ von Eisenstädt und Dr. Eppstein, über ״Die Aufgaben der jüdischen Jugendbewegung“ von Dr. S o in m e rf e 1 d, hat besonders der Kursus von Direktor Karl Adler über Musikpflcge alle Teilnehmer begeistert. Das Singen in den Bünden als gemeinschaftsbildendes Moment wird durch die Methoden und Anregungen von Karl Adler von allen Kursteilnchmern weit mehr als bisher in ihrer praktischen Bundesarbeit berücksichtigt werden. Eine ganze Reihe von Wettbewcrben (Zeichnen, Singen, Komponieren usw.) sorgten für_ Abwechslung. Unter Leitung von Dr. Kurt Lewin wurden jeden Morgen Gymnastik und Waldlauf gemacht. Nach dem Erfolg dieses Lernmonats erscheint es dringend erwünscht, daß der Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände in Verbindung mit der Mitfelstelle für jüdische Erwachseneiiln'ldung recht bald wiederum eine solche Vcranstaltung durchführt. Die gesamte Arbeit der Bünde wird dadurch eine große Unterstützung erfahren. Hardi Swarsensky ״Elias“ In hebräischer Sprache. Zu unserer Notiz in Nr. 100 über die Prager Aufführung des ״Elias“ in hebräischer Sprache schreibt uns der Dirigent der jüdischen Chor- und Orchestervereinigung, Leo Kopf, daß er bereits im Jahre 1912 in Lodz mit dem dortigen ״Hasamir“ (jüdische Chor- und Oreliestcrvereinigung) den ״Elias“ in hebräischer Sprache in einer Uebcrsetzung von dem inzwischen verstorbenen Ch. Janowsky zur Uraufführung gebracht hat. Jüdische Kunstlehrstätte. Zu der Veröffentlichung über die Gründung einer ״Jüdischen Künstle 11 rstätte“ bittet die Reichsvertrctiing noch um folgenden Nachtrag: Aus den Angaben über die wirtschaftliche Lage muß hervorgehen, ob die Aufbringung der Ausbildu ngskosten aus eigenen Mitteln für die Dauer der Ausbildung gesichert ist. Alll'iATOJ? ALLIGATOR Le d UNSERE Berlin, Tauen!?:חייו•- Hamburg■, Jungf«! Köln a. RH., Hoho .StroB«15 1 ׳ Essen, Limbcrkr rv.< mH,- )0 WupporUl.Klb Essen, Am Hauptbahnhof 10 Bochum, Kortumstraße 67 Frankfurt - M., Roßmarkt 15 Zent mir: Offenbach a. M. rfeld. Her ״,״־Straße 36 VEKKAUFSGE S C H A FT E : .tmft16 ״ nstit13• ״ Briefe an die Redaktion Sdmeurs Lebcrsctzerin Jerusalem, 4. I >■ /:;,über Sehr geehrte Redaktion! Nachdem der Abdinck de., prachtvollen Kunun>!*andre“ in den Sp.! der ״jüdi ■rlicn Riind-ch.urי :־ ־ :! St:! ist, glaube i־'h im N.u;:■ u u« ler I.C'Cr zu handeln, \um:,!■;, der Ucht'rsel zci in, l'ib <<!׳'׳ Fischer, herzlichen 1! ..י. iur ihre ausgezeich n e ־ t: LVuer- .-e;z11n;4 ahs'attc. Ich habe den ״I’amin:‘* im Original gelesen und weiß daher, mit welcher J.irhe um! welchem Kiaf!iblun£3vc! in ׳> 1 י o n d 1 e V. eb orlra״!mg £ eworden i>T. Wenn der Di-iiit-r Schnüur jetzt auch bei dr!ו Juden in Deul.-clilanT popn!,1r £('word<־n ist, so hat. er d.e-> in hohem Maße seiner Inter- ן;ein zu danken. (נ. Z. Klötzel ״Talbfio“!< Ht. ,,T.'dMio‘* ist somit dh t! ז!r!;e W'ii'drr^abe der 1 tkm [ ׳. e.! ׳ i: icn:u.v.־״iaT; Ara- 1hu־n Worte iur Tiberias, den 6. Dezember 1036 Sehr ״eehrm Reduktion! ln Nr, 95 der J. K," v־.;n 27. v, Mbr.tchicii' -.׳• •. , den ״ Bi ie'en" den : r : s '־־■.־■ n 111!m׳cu de-! i e: rn J.! - v.! - tan, daß da-. ,,T.i-,«' iß. d;D di(■ 1 6 ,!;£1! ׳• e:1 ׳.! j jlut qrbraueheii und <d <'.■ urspm:!eie he iorm d׳ -■! i 1־ 1 (ob! .«i-eben ־׳ , semir i-t hen Sih.g [!׳ ׳׳ .-! rnii.'M-. Dies v-l au! d!:• i und /,uur au.-. <lr:n; . si-drni Dialekt de. .V •.־ ־ ״Iv *r!trn hierher■!“ h■ , - ־ ■ r ״Tadil h h־־n!". Dt h k ./- fahi'cr die-en Ja״dn1t .• , I.:, -. land £׳■t.aach! h.!i>en . ־. , . , r. nunrcichr sein Ur-pn;:..׳ kh:r- ,, k נ;;:;;■י I'.׳- von lh׳־rn Lowifan £e- Adc;׳־!::;: <br Wort- .-׳ ־ :n;; v t ׳ i! :5. d׳m h.iu , zu. ״Dah׳;:״‘!:ei׳ de׳■׳ aui der!־ ׳/ ׳ ׳ -r! >:::׳!■!} eüi'pfuht sinnpemalJ unserem rr- , seine £0!.׳!::׳ Drhe!; r.1[11׳n׳£ drin Worte "*לבא" Die l muandlmrjn (]<>־; Kon- "•:.!:,!ב"־ חס" in einea H-Laut e־:! ־ der :d!'.n meinen Dm-!• ־ :;rn ׳ £ zu e-rhen dem Hebiä- .s ia : 1 und dem Arabisdien. Schah).׳!! Theodor Z. H aTbwrgef Juden und Jüdisches im Rundfunk Freitag, 18. Dezember: f. : (10-13), 12: M.vcrbeer (BuscnotK-n); 12.45: Selima L-iael v Kob. Henri Om1|..H:ne. — Pari: PTT. (431), 21.30: Tii.i.in .'■o ״ml. — m.kinix I3״־j). 13.35: Aus der «:honen i lelcna vdii 1' :10.1111־. — SiraCImig (340). 20.15: ״Proplirl“ von Me.erbooi, — J.>10:0j.0 (30G), 13: U. a. MeyerlrecT. —! Wien (507), 22: U, a. 1 1:! :;!!.״:i,. Sonnabend, 19. Dezember: io. -,1 (322), 17: Wngncr.Konzrrt. Alexander Kipnis si״״t. — 1';.,״ I (470). 17.55: ,.Koifrpatnaiiil«'־, Schauspiel von Fr. Lan״cr. .. 10.!.>:! (3421, 20.30: U. a. Kubinstcin. —t Budapest (550), 22.4,.:!.׳.! Im. Sonnlaj;, 20. Dezember: ] s;m; .:1:(1304), 8.15: Schal J pl. Ef. a. Mendelssohn: Ouvc!■.,. ,0״ ,.!■: ,! r.■! 1R■•־. — Wen (507), 13.05c U. a. Mo.-.zkowski. -- \\. : .1!13.>9). 15.15: 10. a. Kuh im,(ein. — Monte Ceneri (257), '׳).־. : l . M ־/k13.15 ::;).׳»״: th a. Rubinstein. — Lyon (40:1, I׳.; M, 1::! .!.־: V. a. 1 luvcri.iire zu ״Sommernaidusiraimi15 .׳.׳2 .71 3! ::■,(( -״ .•׳ t iir:!ßiiu■ Rezitaiion. Monlag, 21. Dezember: \V.,r i.m ■ 1 - ,10.3 .- 1׳c: a. M!ihaud. —< Radio-Palis (1648), 1'׳ ■־: I, ... K ... '. . Rennr, (2.-0). 20.30: U. a. Oifenhach. — P- ׳■) ־■:.mO!',15s. 21.'y): P. a. Mo zkowskL — KitlflUirm (200). '2! :■׳ I . i > - - i\ .*:1׳>-C' 110• (251), 23.15: Schallpl. U. a. Jchmii M׳ Die Landesfagun« der A!<u<1.35 Jisroei in Deutschland findet vom 2. bis 5. Januar 10 i'/ in In! Im statt. KANTOREN Erzählung >on!Micha Josef bin Gorion (Berdyczewski) DEUTSCH VON RAMEL BIN GORION Die Stadl, Ln der sich Nachstehendes begeben hat, war keine Stadt, die man eine ״Mutter in Israel“ nennen könnte, aber sie war auch keine von den allerklcinsten, und du fändest in ihr alles, was ziun Wesen einer Judenstadt gehört. Doch nein, nicht alles war da: die Stadt ermangelte eines Kantors, In der Kette der Geistlichkeit fehlte ein Glied, es fehlte an dem Vorbeter, dem Gesangskundigen, an dem, der vor das Lesepult tritt und das Volk durch seine Stimme erfreut. Zwar gal) es da einen närrischen Mann, der dieses Amt zur Not verrichtete; seine Stimme klang aber nicht viel anders, als wenn man in einen Topf hineinbÜLst. Er sprach den Segen über die Neugeborenen und summte das Gebet, das Setdenruhe für die Totem herbeifleht; man konnte es sich anhören, ohne vor Scham zu vergehen. Doch wagte er es nicht, sich vor das Pult zu stellen, denn die Betenden hätten Reißaus genommen und ihn im Gotteshaus allein gelassen. Dabei hatte die Stadt auch noch zwei Bethäuser: das eine für die vornehmeren Leute und die Sehrirtbeflissenen, das andere für die schlichten Bürger, die Handwerker und das Volk. Das war übrigens mit ein Grund dafür, daß die Gemeinde keinen Vorbeter anstellte: denn zwei wenn auch noch so gering zu besolden, war sie nicht in der Lage, und einen halten — um den würden sich die Parteien reißen, und die Eifersucht, die schon an sich zwischen den beiden Gotteshäusern bestand, würde nur noch größer werden. Also fungierten als Vorbeter an Wochentagen Privatleute, und zwar: solche, die Trauer hielten für entschlafene Blutsverwandte und ohnehin täglich das Bothaus aufsiichen mußten. An Neumonds- und Schabbattagen wiederum wurden Männer aus der Gemeinde, die nur halbwegs im Besitz einer Stimme waren, gebeten und genötigt, Vorbeterdienste zu leisten. An den Festtagen und besonders an den hohen Feiertagen des Herbstes endlich hatten seit altershcr einige auserwiihlte Persönlichkeiten das sozusagen verbriefte Anrecht auf die Reproduktion, gewisser Partien der Liturgie: dem einen ״gehörte“ das Abend״el>ct, dem anderen die Morgenandaelit, und ein Privileg für sich war die Rezitation der Zusatz- und Schlußgebete am Versölinungstag. Der Besitz eines dieser Vorrechte galt höher, als z.ur Verlesung des ThoraabschniUes mitaufgerufen zu werden, und wer diesen Rechtstitel'besaß, verteidigte ihn mit aller Gewalt und war nicht leicht bereit, sich ihn ohne weiteres nehmen zu lassen. Und nun begab es sich, daß ein richtiger Kantor in die Stadt kam und bald nach ihm noch ein zweiter. Also wurde der Ort, der in puncto Gesang so lange Zeit als verwaist anzuschen war, mit, einemmal mit Kuastgesang geradezu gesegnet. Das kam aber so. Den Sommer über hatten die Leute gut verdient, und Behagen und Zufriedenheit herrschte allenthalben. Da sahen sich die vom großen Bethaus ihren Tempel an, und er gefiel ihnen nicht mehr. Die Wände waren schwarz, das Dach schadhaft; sie beschlossen, das Haas zu erneuern. Ein jeder spendete etwas von seinem Gelde, man mietete Hundwerker; die Ritzen und Spalten wurden verkittet, ein neues Dach errichtet, die Wände verputzt und gestrichen. Der Fußboden wurde mit glasierten Ziegeln ausgelegt, die Stufen repariert., neue Fensterscheiben eingesetzt und die Bänke rot gebeizt. Das Haus wurde richtiggehend schön und gereichte den Bürgern zur Freude. Es wurde gerade Anfang des Monats Elul fertig, zur Zeit, wo die Vorbereitungen für die hohen Feiertage beginnen sollten. Nun sprachen die Vorsteher des kleiaeren Bethauses bei sich: Jetzt wird die Sippe über uns obsiegen! Wenn die großen Gebeltage anheben, -werden die, die nie recht gewußt haben, welchem von den Gotteshäusern der Vorrang zu haben, welchem von den Gotteshäusern der Vorrang zu Eeben ist, na, und ganz besonders die lieben Leute vom ande, die bald da, bald dort ihr Gebet verrichten, dem erneuerten Haus <kn Vorzug geben, und wir sind die Geclemütigtcn. Sic begannen na: h/tideiihen, wie der Niederlage zuvorzukoRimcn, und — sie wTlicIcn aui einen Ausweg! Eines Tages fuhren die Vorst,■'ht des ’! cm!>ebiiens in aller Stille in die benachbarte Krv:׳ -i.idl; dm-l \ erpllielileten sic einen Kantor, der wegen sein!: Tiielilighe 11 bekannt war, daß er an den Festtagen den (;,.■.:esdienst bei i 11 neu leite. Der Mann traf bald mit seiner S,.::4erwir.tr ei 11 und begann, die Gesänge ein/usludiereu. 1 j! staunte der gatue Ort, denn so etwas hatte es noch tti. at gegeben! Der Neuangekommene, ein Vierziger, klein \״n Wiklm und dunkel im Gesicht, wurde beim Gemeinde\niMclter cinqunftiert; seine Gehilfen, flotte, nicht ühertniilkg Itoimm■ Burschen, im Alter von achtzehn bis dreißig .1,ihren, wurden in einigen Bürgerhäusern, darunter sohlien wohlhabender I landwerksleute, UntergcbraeliL Ein Schneider, der für die Gutsbesitzer der Gegend arbeitete lind meist in tlett Häusern der Herren selbst beschäftigt war, überließ den Sängern seinen Arbeitsraum zur Abhaltung der Proben. Er rechnete sich das -zu großer Ehre an. Der erste Abend kam. Ein klarer, nächtlicher Himmel mit strahlendem Vollmond hing über der Stadt. Die Jugend spazierte durch die Straßen; die reine Abendluft kann auch an Werktagen junge Menschen aus den Behausungen locken. Das Haus des Schneiders aber wurde regelrecht umlagert, und aus den Fenstern der umliegenden Häuser lehnten sich die Leute heraus; denn die Uebungen sollten beginnen. Und nun ertönte in der Stille eine^ weiche, Behende Stimme: ״Lasset uns singen von des Tages Macht!“ Es klung, als würde ein lange gehütetes Geheimnis offenbar. Die Stimme wiederholte den Vers, und eine zweite Stimme, eine höhere, fiel ein und sang allein die Worte: ״Lasset uns singen, lasset uns singen!“ Eine dritte Stimme riet: ״Den heil’gen, den heil’gcn“, und nun erscholl es plötzlich aus vielen Kehlen: ״Den Tag!“ und die ganze Stadt widerhallt« von den Klängen. Die Menge, di« das Haus umstand, nahm immer mehr zu. Der Gesang schien Wellen zu gleichen, die -von ferne kamen, und war wie ein Rätsel und ein Wunder zugleich. Die Menschen, die da ihre Stimme» ertönen ließen, waren

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