Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 100 (15.12.1936)
- Date
- 1936-12-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 100, 15. XII. 1936 Jugendalijah Von unserem nach Palästina entsandten Sonder- Korrespondenten K. L., Jerusalem, 29. November Das Interesse der jüdischen Oeffentlichkcit Palästinas — nicht nur der aus Deutschland stammenden Kreise —, besonders auch der Arbeiterschaft, gilt in unvermindertem Maße einem Teil der neuen Alijali, der durch seine Zusammensetzung und die Art seiner Einsetzung im Lande von Anfang an große Hoffnungen erweckte: der Jugendalijah aus Deutschland. Es ist nicht allein der von allen Gruppen des Jischuw anerkannten und geehrten Gestalt Miß Szolds zuzuschreiben, die sich mit ganzer und trotz ihren hohen Alters nie ermüdender Kraft für diese Sache einsetzt, daß der Jischuw eine so positive Beziehung zur Jugendalijah und — ihren Menschen hat, sondern auch der Haltung der Jugendlichen selbst, die sich im Lande viele Freunde erworben haben. Einige Ziffern Die Organisation der Jugendalijah hat im Lande bisher insgesamt 148! J ugcndliche betreut. Davon sind bisher 239 aus den! I ürsorgekreis wieder ausgeschiedcn, teils durch Ucbcrgang in andere Lebens Verhältnisse, teils durch Beendigung der zwei Jahre dauernden Ausbildungszeit. Dieser Teil der Ausgcschicdencn umfaßt bis jetzt etwa lad Jugendliche. Aus ihrem Kreise sind drei geschlossene Gruppen mit dein Ziele der Ansiedlung entstanden. Was die Frage der weiteren Ausdehnung dies e r A r b c i t betrifft, so reicht die Zahl der Ausbildungsplätze für einen jährlichen Turnus von 800—1000 Jugendlichen aus, d. 11. für insgesamt zirka 2*1:10 Menschen. Die Vcrwirklichung in diesem Umfange hängt in erster Linie von der Anzahl der für die Jugendalijah seitens der Regierung bcwilliglni Zertifikate ab. Bei der Lage der jüdischen Jugend in einer Reihe von europäischen Ländern muß daher die feste Erwartung ausgesprochen werden, daß die Regierung den Zertifikatsforderungen auf diesem Gebiete in gentigcndem Umfange entspricht. Daneben ist natürlich das Problem der Finanzierung nicht weniger bedeutsam; man darf aber hollen, daß diese Frage von den in Betracht kommenden jüdischen Gruppen gelöst werden wird, wenn die Voraussetzungen zur Erweiterung der Arbeit in Palästina selbst gegeben sind. E'rspruiiglieh beschrankte sieh die Jugendalijah auf die Unterbi iiuuing von Kindern aus Deutschland. Nunmehr ist der Wunsch, sic auch auf Jugend,iche aus anderen Ländein auszudehnen. positiv entschieden worden, und man wird damit zunächst in kleinerem Umfange beginnen. Im Rahmen der nächsten Jugi ndahjali-Xertifikatssehedule soll auch Polen Berücksichtigung finden. Daneben ist beabsichtigt, Kinder aus Litauen, der Bukowina und Karpathorußland im Rahmen der Jugendalijah zu erfassen. Das Schwergewicht der Arbeit wird aber auch weiter lim bei den aus Deutschland stammenden Jugendlichen liegen. Die E r f a 11 r 11 n g t• n, die man bei der Arbeit mit den Jugendlichen selbst gesammelt hat, ermöglichen heute ein viel sicheres Arbeiten als am Anfang. Der physische Zustand ist in den Gruppen durchweg gut. Die Zahl der Kranken überschreitet nicht das normale Maß, und durch eine sehr umfangreiche und individuelle Kontrolle ist dafür Sorge getragen, daß alle erforderlichen Maßnahmen in jedem Falle eingeleitet werden. Pädagogische Fragen Die neu in das palästinensische Leben eintrefenden Jugendliehen haben — erklärlich aus ihrer bisherigen Situation iii der Golafi, ihren Idealen und Vorstellungen und ihrem Alter _— einen sehr starken Willen zur physischen Arbeit. Mari will unter allen Umständen arbeiten. Viel geringer ist zumeist die Beziehung zur geistigen Arbeit,, zum Lernen. Es kommt deshalb besonders in der Anfangszeit daraut an, die Jugendlichen zu diesem Teil ihrer Ausbildung hinzutühron. Das Prinzip der Jugendalijah ist dabei, unter allen Umständen die geistige Fortbildung der Jugendlichen sicherzustellen, selbst unter Ueberwindung starker persönlicher Widerstände. Die H e b r a i s i e r u n g der Gruppen ist naturgemäß ver* schieden weit fort gescliriiten, je nach der Zeit ihres Hierseins und nach den Verhältnissen ihres Unterbringungssatzes. Im ganzen kann man jedoch festsfeilen, daß sie gelingt und in manchen Fällen sogar beinahe vollkommen geglückt ist, z. B. bei der in Schech Ahrejk zur Ansiedlung gekommenen Gruppe. Ueber die geistige Haltung und die Interessen der .Menschen läßt sich natürlich wenig Einheitliches aussagen. flies hangt sehr stark von der pädagogischen Führung und dann י von; Ort des Lebens ab. Allgemein kann man nur sagen, daß der Wille 7un! Leben als Arbeiter sehr stark ist, und dal» (in 1;< wis'uir L. o k a 1 p a t r i o t i s m u s die Jugendlichen erfaßt, der sie mit dem Mesdiek, der Wirtschaft ihres neuei! Heimatortes stark verbindet. I in organisatorisch besonders schwieriges Problem stellte bisher die Unterbringung religiöser Jugendlich er dar, für die es keine genügende Zahl geeigneter Plätze gab. Aus diesem Grunde mußte man für sie eine städtische Gruppe in Haifa schaffen. Nunmehr steht es fest, dal) bei KlarChassiditn im Lmek Sebnlun ein religiöses Jugenddorf geschaffen worden Et, das eine große Anzahl Jugendlicher aufnehmen kann. Die Verwirklichung dieses Planes steht dicht bevor. Für die geistige Erziehung der Jugendlichen bestehen Arbeitspläne, die vom Wand ihrer Erzieher, der Madrichim, aufgestellt werden. Der Ausbau dieser Pläne, für die kaum Erfahrungen aus anderen Zusammenhängen vorliegen, ist natürlich noch in keiner Weise abgeschlossen. Nicht weniger wichtig als die der Arbeit zugrunde liegenden Plane ist dabei das Milieu des Arhdts- und Lebensortes, das die pädagogische Atmosphäre (larstellt. Die pädagogische Erfahrung und Einstellung, die der Kibbuz arzi des Haschomcr Hazair, der eine Reihe von Gruppen mitgenommen hat, besitzt, hat sich in diesem Zusammenhänge als besonders wertvoll erwiesen, ln gewissem Umfange werden die Ergebnisse der Arbeit auch durch die Zusarninensetzung der Gruppen bestimmt, die ja zum Teil mehr oder weniger geschlossen aus bestimmten Jugendbünden in Deutschland stammen. Daß die Eingliederung der Jugendlichen in das palästinensische Leben auch im geistigen Sinne relativ weitgehend geglückt ist, zeigt 7. R. die Tatsache, daß die aus der Jugendalijah entstandenen Gruppen sich geschlossen dem Noar üwed angegliedert haben. Wirkung der Unruhen Die »Monate der Unruhen brachten der Organisation der Jugendalitah im Lande naturgemäß besonders verantwortungsvolle Aufgaben. Es wurde dafür gesorgt, daß kein Jugendlichcr die Kwuzoth verließ und notwendig werdende Reisen unter Einhaltung aller Vorsichtsmaßregeln gemacht wurden. Obwohl die Kontrolle über die Ausführung dieser Anordnung nicht einfach war, wurde sie überall mit Verständnis befolgt, und es gab in der ganzen Zeit keinerlei ernsthafte Zwischenfälle. Auch in den Kwuzoth selbst wurde dafür gesorgt, daß die jugendlichen keine gefährdeten Posten bezogen, und bei der Wacht nur dort in Erscheinung traten, wo ihnen keine Oefahr drohte. Der geistige Einfluß dieser schweren Zeit auf die Jugendlichen war sehr stark. Sic wurden sich des Ernstes der Lage bewußt, und überall trat das jüdischarabische Problem in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Im Gegensatz zu manchen Erscheinungen, die unter der Jugend des Landes zu beobachten sind war der erzieherische Einfluß dieser Zeit auf die auf dem flachen Lande lebende Jugend ünstig. So selbstverständlich auch die Selbstverteidigung gegen ngriffe, die man nicht provoziert, erscheint, so sehr ersehnt man eine friedliche Beziehung zum Nachbarn und empfindet, daß das Schicksal des Aufbaus für die Dauer von der wiederherstellung des nationalen Friedens abhängt. Die erzieherische Beeinflussung wird am sichtbarsten von den Madrichim der Gruppen getragen. Fast alle aus Deutschland zusammen mit den Gruppen gekommenen Madrichim sind gescheitert und mußten auf Wunsch der Gruppen seihst ihr Amt aufgeben. Der Kibbuz Arzi hat von Anfang an die Madrichim für die von ihm angenommenen Gruppen aus seinem Kreise gestellt. Man ist jetzt insgesamt dazu übergegangen, mir noch palästinensische Mad,LT1i111 zu nehmen, die z. T. früher aus Deutschland eingewandert sind, z. T. aus anderen Kreisen stammen. Diese vermögen einen stärkeren Kontakt zwischen den Jugendlichen und den Chawerim der Kwuzoth und Kibbuzim und ihre pädagogische Autorität zu wahren. Nach langen Verhandlungen ist man vor einiger Zeit dazu übergegangen, auch in den M oschwe Ü w d i m, den Arbeiter-Einzelsiedlungen, Jugendalijah unterzubringen. Ursprung• lieh wollte man für die Jugendalijah in ihnen Gemcinschafts- Häuser bauen, was die Siedler jedoch ablelinten. Man begnfigte sich daher mit der Schaffung eigener Schul- und Klubräume für die Jugendlichen, die im übrigen bei den einzelnen Siedlern wohnen. Die Madrichim sind hier für den Unterricht und die allgemeine Betreuung verantwortlich. Die Kontrolle über die Unterbringung und Arbeit der Kinder wird mit Hilfe von Frauen der Siedler durchgeführt. Vorzüge der Unterbringung in den Moschwe Owditn sind eine besonders gute fachliche Ausbildung, scliulmäßigerer Unterricht, rasche Hebraisierung innerhalb der Siedlerfamuien und vielfach auch bessere Verpflegung. Nachteile gegenüber dem Leben in der Kwuzoth sind schwierigere Kontrolle, Unterschiede in der Behandlung und Spannungen, die sich aus der Unterbringung in Einzelfamilien zwischen den Jugendlichen und den Erwachsenen leicht ergeben. Das letzte Wort über diese Dinge wird aber erst gesprochen werden können, wenn weitere Erfahrungen vorliegen. Schwerer Anfang Trotz alfen außerordentlichen Erfolgen, die das Werk der Jugendalijah in Palästina gehabt bat, darf man die immer wieder von den einzelnen Gruppen zu überwindenden Sch w i crigk eiten nicht unterschätzen. Mögen auch die Jugendliehen selbst den Trieb zur Selbständigkeit haben, so bleibt das Problem der Trennung von den Eltern dennoch bestehen. Dabei hat man es verstanden; die Gefahren zu vermeiden, die einer Jugend drohen, die irgendwie öffentlich befürsorgt wird. Die Jugendlichen selbst haben das Gefühl, Träger des Aufbaus zu sein und der jüdischen Gemeinschaft später das abstatten zu können, was jetzt für sie aufgewandt wird. Die Wanderung von Jugendlichen aus Europa nach Palästina, die in diesem Umfange einen historisch einmaligen Vorgang darstellt, bildet schon heute ein nicht mehr fortzudenkendes Glied im Aufbau des Landes und gehört damit zu den wichtigsten Errungenschaften, die Palästina durch die Arbeit von Juden aus Deutschland empfangen hat. Werbt filr ״Mosnajim“. Die palästinensische literarische Monatsschrift ״Mosnajim“, die während der Unruhen ihr Erscheinen «instellen mußte, soll nunmehr wieder zu erscheinen beginnen. Der Verband der Jüdischen Schriftsteller Palästinas (Tcl-Awiw, P. O. B. 50), der die Zeitschrift herausgibt, ersucht uns um Abdruck eines Aufrufes, in dem zum Abonnement aufgefordert wird. Wir iioffcn, daß der Aufruf der Herausgeber Erfolg haben wird, denn es wäre Zweifellos ein großer Verlust für die hebräische Publizistik unserer Tage, wenn diese bedeutende Zeitschrift, die stets aut besonders hohem Niveau stand, nicht imstande wäre, weiter zu existieren. Dies wäre auch ein Armutszeugnis für die moderne hebräische Sprachbewegung. Bibel im Radio Im ״öawar“ schreibt, wie uns aus Tel-Awiw berichtet wird, der Musikkritiker der Zeitung, M. Rabinowitz: Jede Woche am Freitagabend sendet das Radio die Haftarah der Woche. Viele hofften in der Melodie der Verlesung originale jüdische Schöpfung zu finden und setzten besonders ihr Vertrauen auf den Vorleser Jizchak Epstein, der sowohl der Melodie wie der Aussprache voll gerecht wird. Die melodiöse und reizvolle Art des Vortrags nahm beim ersten Male alle Hörer gefangen. Freilich erlahmte später das Interesse etwas durch die Monotonie der hergebrachten Vortragsweise. Aber diese Ermüdung des lnfcrcsses ist nur aufs Schuldkonto des Hörers zu setzen, dessen Ohr für diese Art von Musik ungeübt und durch die fremden Begriffe von Musikalität verdorben ist. Die Verlesung der Haftarah ist eine besondere Art von Musik. Sie strebt nicht danach, Kunst um ihrer selbst willen zu sein. Sie begnügt sich mit der Aufgabe zu illustrieren, sie will nur dem Worte dienen, das der Mittelpunkt des Vortrags ist. Nur ganz große Komponisten sind diesen Weg gegangen. Bei Händel und Bach findet man Rezitative, die sich in ihrem Geiste der Melodie der Thoraverlesung nähern. Freilich scheinen auch diese Rezitative vielen Hörem ״trocken“. Aber wer etwas von Oratorien versteht, atmet aut, wenn er die einfache Melodie des Rezitativs vernimmt. Nur daß der Text der Oratorien sieh nicht mit dem der Propheten oder der Psalmen vergleichen läßt. Flier sind die erhabenen Worte, der sittliche Gedanke der Kern der ganzen Schöpfung, und die ״trockene“ Melodie ist nur dazu da, ihn zu unterstreichen. Vor etwa drei Monaten, während der Unruhen im Lande, als nur-mutige und starke Charaktere ihre Trauer über den gesetzlosen Zustand am Schabbat überwinden konnten, verlas Dr. Jizchak Epstein am Freitagabend statt des Prophetenabschnitts den Psalm 120. Er sang nicht, er las, aber die verhaltene Melodie, die die Verlesung begleitete, offenbarte die Schönheit des Textes und unterstrich jedes Wort und jeden verborgenen Hinweis. ״Zu IHM in meiner Bedrängtlieit rufe ich und er antwortet mir. Du, rette meine Seele vor der Lügenlippe, vor der trügerischen Zunge! — Was wird er dir eben, was dir dazutnn, trügerische Zunge? Eines Helden feile, gespitzt, (1instcrkohIen"dazu.... O wehe mir, daß ich gegastet in Meschech, angewohnt bei Kedars Gezeiten! Lang genug hat meine Seele gewohnt bei dem Hasser des Friedens: ich bin Friede, aber ob ich's auch rede, sie sind des Kriegs.“ Jizchak Epstein nahm sich eine gewisse Freiheit bei der Verlesung dieses Abschnitts. Er sprach ein Wort zweimal und sogar dreimal: ״O wehe mir, o wehe mir, daß ich gegastet in Meschech ., . ich bin Friede, ich bin Friede, aber ob ich's auch rede, sie, sie, sie sind des Kriegs.“ Ein einförmiges Rezitativ begleitete die Worte. Es verzichtete von vornherein auf jegliebe Unterstreichung. Und gerade dadurch gelang es, jedem Wort sein Gewicht entsprechend seiner Aufgabe im Verse zu geben. Gerade deshalb wirkten diese Wiederholungen natürlich, selbstverständlich, notwendig. Es ist eben eine besondere Art von Musik. Wer nur den Bau der Melodie verfolgt, wird schnell enttäuscht werden und sich langweilen. Und weil dieser Hörer eben nicht den Schlüssel zu dieser Welt hat, wäre es gut, ihm das Rezitativ an einem Psalm zu erklären, und die Verlesung durch Dr. Jizchak Epstein könnte dabei helfen. Der Name ״Palästina1׳ Die Zeitschrift ״Palestine“ in London weist darauf hin, daß der Name ״Palästina“ als Bezeichnung für das Land untrennbar mit dessen Beziehung zu den Juden verbunden ist. Unter der Herrschaft der Römer, Griechen, Araber und Türken war Palästina immer ein Teil Syriens und nicht als besonderes Land kenntlich. Man könnte Palästina historisch definieren als den Teil von Syrien, welcher von Juden oder judaisierten Kanaaniten bewohnt war. Es ist daher selbstverstündlich, daß unabhängig von der jetzigen Bevölkerungszahl der politische Begriff Palästinas auch heute wieder mit den Juden verbunden wird. Wenn das englische Kabinett unter Llovd George und Balfour ein Versprechen betreffs Palästina machte, so könnte dies nur im Zusammenhang mit den Juden geschehen. _______ Barmüwah-Termine: Am 19. Dezember (5. Teweih): Haus Levy, Solm von Max Levy, Tel-Awiw, GordonstraSe 25 (früher Berlin). THEATRON IVRI »Sturm iin Wasserglas” von Bruno Frank Tel-Awiw, Ende November In Berlin und London brachte es die Satire zu Serienerfolgen. In Tel-Awiw tritt der seltene Fall ein, daß unabhängig von den Wirkungen des Manuskripts, die Zcitgeschehnisse einer Aufführung, die seit langem geplant war, noch verstärkt zu Hilfe kommen. Ein frei erfundenes Sujet — Wahl eines Bürgermeisters — wird durch Tagesereignisse, die im Mittelpunkt des Interesses stehen, unterbaut. Die Zeit schafft liier ״Zeit-Theater“. Das Publikum quittierte dankbar die zahlreichen Pointen, die der Autor verteilte, sicher nicht ahnend, von welcher Aktualität sie gerade für dieses Auditorium werden würden. Die Berliner Juden erinnern sich des Stückes aus der Ku I tu r bu n d-Aufführung, bei der Rosa Valet ti die Hauptrolle spielte. Die Handlung sei kurz rekapituliert. Dr. Thoß kandidiert für den ßtirgermeisferposten. Seine Wahl scheint absolut gesichert. Ein Journalist besucht ihn wegen eines letzten Interviews vor dem Wahltag und wird Zeuge einer unliebsamen Auseinandersetzung zwischen dem Stadtrat und einer ״Frau aus dem Volke“, die nicht in der Lage ist, für ihren ״Toni" Hundesteuer zu entrichten. Statt des Interviews erscheint in der Presse eine ausführliche Schilderung des Vorfalls, aus der nur unschwer das Resümee gezogen wird: Thoß mangelt es an Verständnis für die Note des kleinen Mannes, und er ist daher weder fähig noch würdig, den Posten eines Stadtoberhauptes zu bekleiden. Begleiterscheinungen: Frau Thoß verliebt sich in den Journalisten, während nie Ehe des Zeitungsherausgebers Quilling einer ernsten Krise ausgesetzt wird, da Alice Quilling ihr Herz fast an den ״heroischen" Bürgermeister in spe verliert. Die Aufführung unter Regie Bruno Fränkels verrät erfolgreiche Kleinarbeit und hat viel Tempo. Vor allem ist sie dadurch bemerkenswert, daß hier wieder einigen beabten Bühnenkünstlern Spiclmöglichkeiten gegeben werden, n erster Stelle: Rose Lichtenstein, den Berlinern noch in bester Erinnerung, erst wenige Wochen im Lande, hat sich überaus schnell und mit bewundernswerter Energie den Weg zu den hebräischen ״Brettern“ gebahnt und bewährt sich auch auf diesem, ihr noch fremden Boden, als Darstellerin von Qualität, mit der von nun ab das palästinensische Theater zu rechnen haben wird. Abraham Sklarscb als Journalist Burdach: ein ehelicher Junge, nicht ohne Charme, echt im Ton und •sparsam in der Geste. Nissan Schmueli umgeht geschickt die Oefahr, aus diesem Dr. Thoß eine Karikatur zu machen. Er wirkt absolut — wenn auch vielleicht für eine Komödie allzu -יglaubhaft, ehrgeizbesessen, begabt, ein zielbewußter Draufgängei, Ruth Klingen Stadtratsgattin ist gut angelegt, aber man vermißt die warme Menschlichkeit, die von dieser Gestalt ausstrüincn soll. Maxim Sakaschanski bemüht sieh in einer Charge sehr um die Disziplin, die im Ensemblcspiel nicht entbehrt werden kann. Wenn Frankel einerseits den Dr. Thoß etwas zu sehr mit Bedeutung beschwert, so wirkt der Zeitungsherausgeber des Schauspielers Freitag allzu unseriös. Die Schauspielerin Altbach — di« schon früher ihre Begabung unter Beweis stellte — hat zwar irn Dialog ausgezeichnete Momente, verwechselt aber im ganzen die Leichtigkeit, die die Komödie verlangt, mit einer zu dick aufgetragenen, etwas ekstatischen Komik. Die Bühnenbildnerin Esther Lurie arbeitet mit knappsten Mitteln, nicht immer, zum Beispiel im Gerichtsakte, zum Vorteil der Bühne. Das geschmackvolle Mobiliar des ״Cultivated Home" stellt in einem zu krassen Gegensatz zu einem sehr primitiven Bühnenbau. Der Titel dieses Kollektivs, ״Theatron-Ivri“ allein, würde schon dazu verpflichten, der hebräischen Sprache größte Aufnierksamkeit zuzuwenden, wenn dies nicht für alle Bühnen an sich eine generelle Forderung wäre. Leider jedoch muß festgestcllt werden, daß die verschiedenen Dialekte der Ursprungsländer in einem derartigen Maße hörbar sind, daß die Grenze dessen, u׳as unter Berücksichtigung aller Scliwierigkeiten geduldet werden kann, weit überschritten wird. Wenn das ״Theatron-Ivri־‘ Wert daraut legt, über die Kreise der jüngsten Immigranten hinaus ein palästinensisches Pubhkum zu gewinnen, dann muß es seine allernächste Aufgabe sein, für eine einwandfreie Diktion unter Anleitung eines Sachverständigen Sorge zu tragen. Manfred Geis Keine Rundfunkübertragung des Toscanini - Konzerts Entgegen der Ankündigung sollen die Konzerte des neuen Sinfonie-Orchesters unter der Leitung von Toscanini nicht durch den Rundfunk übertragen werden. Huberman bat seine Zustimmung zu der Uebertragung mit der Begriindung verweigert, daß es notwendig sei, in Palästina ein Publikum zu sichern, das die Konzerte besucht und sich nicht damit begnügt, zu Hause ihre Uebertragung zu hören. Dieses Argument ist fraglos richtig, aber es gilt nicht für die Juden außerhalb Palästinas, denen Gelegenheit gegeben werden sollte, durch Vermittlung eines europäischen Senders auch einmal eine Radio-Uebertragung aus Jerusalem zu hören, wie wir es in der vorigen Nummer der ״J. R. angeregt haben. tSchluß des Palästina-Teils) V