Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 99 (11.12.1936)
- Date
- 1936-12-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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jodisch ז• RiiKin^rHAii Seife 3 Nr. 9?, 11. XII. 1936 Bei den Mammen in Mittelasien Die Madit des Geistes (Aus der Haftarah für Sdiabbat Cbanukkah) Einblicke in unbekannte orientalische Judenprobleme Von Dr. Walte r Fischei, Jerusalem Auch dieser Artikel (vgl. Nr. 87 vorn 30. Oktober 1936) ist die deutsche Wiedergabe eines hcbriiisc.hcn Vortrags, den nach seiner Rückkehr von Mittelasien Walter Fischet ■— eine besondere Autorität, auf dem Gebiete der orien* talischen Judenheil in Geschichte uni Gegenwart — im palästinensischen Radio gehalten hat. (Red.) Beobachtungen auf einer Reise 1. Von den vielen jiidisdien Typen und Gruppen, mit denen Jch während meiner Reisen durch Vorder- und Mittelasien zusammen getroffen bin, hat keine einen so gewaltigen und nachhaltigen Eindruck auf mich ausgeübt wie jene Gruppe von ״Anusim“, von Rarranen, die in einer Stadt Mittelasiens seit fast 100 Jahren leben und die trotz ihrer erzwungenen Zugehörigkeit zum Islam und trotz aller Erfüllung der islamischen Gesetze bis heute insgeheim dem Judentum verbunden blieben und ein erschütterndes Doppelleben als Juden und Moslems führen. Die jüdische Welt Europas verbindet mit dem Begriff ״Marranen“ meist nur jetre durch den Zwang des Christliehen Spanien und Portugal im 14. tind 15. Jahrhundert zum Christentum bekehrten Juden, die als ״Neuchristen‘‘ weiterlebten und im geheimen ihr Judentum bewahrten. Daß sich dieses Phänomen auch im islamischen Kulturkreis wiederholt hat und dem Forscher in Mittelasien Marranen in islamischer Aufmachung entgegentreten, war von der jüdisehen Qeffcntlichkeit und Geschichtsforschung bisher unbcachtet geblieben. Es war ein unerhörtes Erlebnis, als es mir nach manchen Mühen und Bemühungen gelang, diese Marranengemcinde aufzusuchen und mit diesen Glaubenshelden Tage und Wochen zu verbringen. Ich mußte allerdings die Befürchtungen und den Verdacht der Führer dieser Gruppe zerstreuen, die in der unerwarteten An״ Wesenheit eines Juden aus dein Westen in der Stadt ihres Leidens eine Gefahr für sich selbst erblickten. Noch höre ich die zitternde Stimme des geheimen Rabbiners dieser Gemeinde, der die bange Frage nach dem Zweck meines Besuches an mich richtete. Als ich hebräisch erwiderte: ״Fürchtet nichts, von Zion komme ich und meine Brüder suche ich “ — da gewann ich sein Zutrauen, und da erschlossen sich mir die Herzen aller. Viele Abende verbrachte ich mit den Ae!- testen dieser Gemeinde, die mir ihre ganz« Leidcnsgeschichte berichteten, Urkunden, handschriftliche Aufzeichnungen der früheren Generation brachten, ihre geheimen Synagogen zeigten usw., so daß sich vor mir die ganze Tragik einer vieltausendköpfigen Gemeinde, die einen heroischen Kampf um ihr Dasein zu führen hat, entrollte. dische Funke unter den Opfern dieser Zwangsbekehrung nicht erloschen. Und nachdem die erste Welle des Fanatismus verstrichen war und die inquisitorischen Maßnahmen der Geist• lichkeit diesen Neu-Mohatiimedanern gegenüber sich milderten, da wagten die Führer dieser Gemeinde an die Gebräuche ihrer jüdischen Vergangenheit wieder anzuknüpfen, Brith Mila, Scheehitah, Feiertage usw. zu halten, ein geheimes Bet• Din, eine eigene Chcwra Kadischah cinzurichten und sich int kleinen Kreis zum jüdischen Gebet wieder zu vereinigen. Die geheimen gottesdienstlichen Zusammenkünfte wurden im wesentlichen ermöglicht dank der Abgeschlossenheit des Hauses und der besonderen Stellung der Frau im islamischen Kulturkreis, in den Stunden des Gottesdienstes pflegte eine der Frauen der Gemeinde verschleiert vor dem Haus oder dem Hof zu sitzen, und so durfte kein Mann wagen, in das Grabstätte von Esra ha Safer am Tigris auf der Strecke Bagdad—Basra ■״**ג״ » mm «*wCy*»!»•- 2»'•״ <־■ Innere des Hauses einzudringen. Am Schabbat pflegten sie ihre Gescliäftsläden im Bazar offenzuhalten, doch sie setzten ein Kind in den Laden, das einem Kunden erklären mußte, daß der Vater verreist oder die gewünschte Ware nicht vorhanden sei, um nur den Abschluß eines Geschäftes zu verhindern. Zum Scheine kauften sie zum Beispiel in den Peßachtagen Brot auf dem Markte, das sie dann an Arme verteilten, doch nicht selten ist es vorgekommen, daß der Verdacht der moslemischen Nachbarn sie zwang, Peßach und andere Feiertage zu verschieben. So bildete sich langsam ein Marranen tum, ein Doppelleben auf der ganzen Linie des religiösen Lebens heraus. Während sic Freitag früh, dem Ruf des Mueddin folgend, sich in der /Moschee versammelten, trafen sic sich Freitag abend in einem der verabredeten Häuser zum jüdischen Gebet. Der Moschee als ihrem offiziellen Versammlungsort stand die geheime Synagoge, dem Scheich als ihrem offiziehen Oberhaupt, stand der geheime Raw der Gemeinde gegenüber. Die Duplizität ihres Lebens kommt in nichts zu einem so deutlichen und dokumentarischen Ausdruck wie in den Heiratskontrakten der Marranenfamilien. Einer der Führer der asiati- - sehen Marranengemcinde 2. Es ist hier kaum möglich, das Leben dieser Menschen, so wie cs jetzt in Dokumenten und Handschriften im einzelnen verliegt, nachzuzeichnen. Vor hundert Jahren — 1838 — unter dem Druck einer fanatischen Geistlichkeit, wurde die ganze Gemeinde infolge einer Verleumdung zwangsweise zum Islam zu ״Neu-Musliins“ bekehrt. Sie mimten das islamische Glaubensbekenntnis aussprechen, dem Ruf des Mueddin in die Moschee folgen, die Fasttage halten, Koran und die Tradition studieren und selbst nach Mekka und Medina pilgern. Doch wenn auch offiziell die jüdische Gemeinde in dieser Stadt aufhörte m existieren, das besondere Judenzeichen, die Mikweh und Synagogen verschwanden, so war doch der jü- י״ןף*ד1ה־־־דכימ!5עה| ml Bi נאפסומגז מזרזםמזשל*יז=ימ ■,מיר®"«! ftrvp־#fx®|׳ 81>יי*,33ד־־דדו| וןןך-יר ניי־־־ידלו! 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Die Hochzeit eines Marrancnpaares erfolgte im geheimen mit Chupa und Kidduschin, wobei auch eine hebrä-!sehe ״Ketuba“, der traditionelle Ehekontrakt, geschrieben wurde. Solche Kctubath, die ich in größerer Zahl erlangen konnte, sind historische Urkunden erster Ordnung, da gerade sie die dokumentarischen Belege für die Fortexistenz der Marranengemcinde bieten. Beim Eingehen einer Ehe allerdings waren sie gezwungen, vor dem islamischen Gerichtshof zu erscheinen und auch eine Art islamischen Heiratskontrakfs zu schreiben. Solche Marrarienketuboth dokumentieren lins u. a. nicht nur die islamischen Namen der Marranen, ihre Berufe, ihre religiösen Titel (z. B. Hadji), sondern auch ein anderes hochinteressantes kulturgeschichtliches Moment. Die Unterschriften der Zeugen auf diesen islamischen Dokumenten sind nämlich zumeist in hebräischen Schrift- Zeichen abgefaßt! Trotz ihrem offiziellen Islamtum haben diese Marranen — übrigens bis heute — an der ihnen von früher vertrauten hebräischen Schrift festgehalten und trotz, dem Zwange der Umwelt sich nicht an das fremdsprachige Alphabet assimiliert. Diese Zähigkeit, mit der diese Marranen an den überlieferten Werten ihrer jüdischen Vergangenheit festhielten, vor allem diese Schriftkontinuität ermöglichte ihnen auch «len Kontakt mit den Juden in den anderen Ländern Asiens., in deren Mitte sie sich dann niedergelassen haben. 4. Was dieser Gemeinde vor hundert Jahren geschah, ist kein lokalbcdingtes Ereignis geblieben, sondern hatte weitgehende f olgen für «lie gesamte Gestaltung jüdischen Schicksals in Mittelasien. Die Katastrophe dieser einen Gemeinde wurde nämlich Ausgangspunkt einer umfassenden jüdischen Wanderbewegung. Es ergoß sich nunmehr ein Strom von flüehtcmlcn Marranen aus dieser Stadt in alle Richtungen awt der Suche nach einem von Bedrückungen und Fanatismus freien Zufluchtsort in den Nachbargegcnaen. Und so wie die Bewegung der spanischen Marranen zu ihrer Zeit oder die europäisch-jüdische Auswanderung heutzutage — so veränderte diese Wanderbewegung der asiatischen Marranen die Da kam der Bote, der mit mir redete, zurück und weckt* mich, wie einen, der aus seinem Schlaf geweckt wird, und sprach zu mir: »Was siehst du?" Und ich sprach: ״Ich schaute und sieh, ein Leuchter, ganz aus Gold und eine Schale oben darauf, und seine sieben lichte daran, sieben und sieben Zufluferöhrdien zu den Lithfen, die oben darauf waren. Und zwei OelbSume an ihm, einer rechts von der Schale und einet zu ihrer Linken." Und ich hob an und sprath zu dem Boteni der mit mir redete, und sprach: ״Was sind diese, mein Herr?" Da hob der Bote, der mit mir redete, an und sprach zu mir: ״Weifet du denn nicht, was diese sind"? Und ich sprach; ״Nein, mein Herr!" Da hob er an und sprach zu mir: Dies ist das Wort des Ewigen an Serubbabel, besagend: Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, allein durch meinen Geist 1 spricht der Ewige der Scharen. Sedwrja 4, 4-6 Verdeutscht von Harry Torczyntrr jüdische Landkarte Asiens — und sogar des Westens — ganz wesentlich. W'cr, mit den Problemen orientalischer Judenhcit ver״ traut, mit offenem Blick durch die Länder Mittelasiens fährt, dem begegnen in nirinchen Stadien, sei es in Irak, Iran, Afghanistan, in Merv, Samarkand, Buchara oder gar in Indien (Bombay) Ablagerungen, Splitter jener asiatischen Marranenbewcgung, die selb•.! noch heute•, im Jahre nicht zum Stillstand gekommen ist. Viele bereits bestellende Gemeinden in den genannte;! Ländern wurden durch den Zuzug solcher Marranen, die• dort dann wieder /u ihrem Judentum zurückkehrteri, vergrößert und manche neuen jüdischen Siedlungen entstanden durch sic meist längs der Strecke berühmter Karawam:nsiralk-11. Der M a r r a n e n d iaspor a im Osten ist es mit zu verdanken, daß diese Marranen die wohlhabendsten unter dein asiatischen Juden geworden sind. Gerade w eil sie als Muslims oder ״Nctmiuslims“ betrachtet wurden, waren sic von all den Beschränkungen, denen die Juden in anderen Städten dieses asiatischen Kontinents unterworfen waren, befreit und sic konnten sich wirtschaftlich ungehindert entwickeln. Als Hiitul-!er in Teppichen, I eilen, Stoffen und Antiquitäten führte ilir Weg sie 1t« die Handelszentren Asiens und die auf den Karawanenstraßen gegründeten Marranen-Kolonien waren die gegebenen Stützpunkte ihrer Tätigkeit. Ucberall trafen sie geflüchtete Glaubensgenossen und dank der Solidarität erlebt«« sie eine ökonomische Blüte, die zu ausgedehnten intornationalen Handelsbeziehungen auch nach dem Westen hin führte. Und hier muß erwähnt werden, daß der Auswanilerungsstrom der Marranen sich auch nach dem Westen hin erstreckte. Schon auf meiner früheren Reise erfuhr ich von der Existenz einer Siedlung asiatischer Marranen Jn London, und es war ein merkwürdiges Bild, als ich dort im Westen mit den Marranen des Fernen Ostens zusammentreffen konnte. Ihre Zahl beträgt etwa 150 Seelen und trotz ihrem offenen Bekenntnis zum Judentum leben sie verängstigt und bangend, getrennt seihst von der sephardischen Gemeinde in London, — unterhalten aber einen regen Verkehr mit ihren Lcidensbrüdern in den Ländern Mittelasiens. 5. ViAz?;׳. Die Marranengemcinde in London stellt die letzte und! enffernteste Abzweigung dieser Wanderbewegung dar und symbolisiert zugleich die weittragenden Folgen der Zerstörung jener einen Gemeinde in Mittelasien. Doch die Haupt Station dieser so umfassenden Wanderbcwcgtmg von Asien nach Europa ist nicht London — sondern — J c - rusalcml Hier befindet sich eine Gemeinde von solchen Marranen, die vor 40, 50 Jahren bereits das Gallith mit der Heimat vortauscht haben. Die Gründüng dieser Gemeinde in Jerusalem geht auf jüdische Mekkapilger zurück, auf solche, die gezwungen waren, diese islamische Pflicht zu erfüllen, tun ihre islamtreue zu beweisen. Ich lernte solche Menschen in Jerusalem, in London und überall i!1 Asien kennen!11111 ihren Berichten zu lausch on, war eine seelische Ersehnt• terung ohnegleichen. Als diese nach Jerusalem 0״• kotnmcneit Marranen 11 m Aenderung ihrer moslemischen Namen in hebräische an״, suchten (z. B. Abdallah in Abraham, Ali in Ephraim usw.), dachten viele, daß es sich um zum Judentum iibergdrctcnei Mohammedaner handelte. Wer aber das asiatische Marranenproblem kennt, weiß, daß sich hier nichts weiter dokumentiert, als die offene Rückkehr von ״Anusim“ zu iliremi Volke und zu ihrem Lande. In den letzten Jahrzehnten, nachdem die Botschaft von der Renaissance des jüdischen Volkes auch zu diesen fernen Marranen gedrungen war, hat der Sfrorn der Auswanderer nach Jerusalem stark /!!genommen. Es leben heute mehr als 500 Menschen dieser Gruppe in Erez Israel. In der Tat liegt die Lösung des asiatischen Marranenproblcms nicht in der Flucht nach irgendeinen! sicherer erscheinenden Zufluchtsort in Asien, sondern in der allmählichen Transplantation der in den verschiedensten Zentren Mittelasiens verstreut lebenden Marranen nach Erez Israel. Der kürzlich verstorbene Rabbi der Marrancngemeindc inJeru• salem. Verfasser mehrerer,: liturgischer Werke Fotos; Mr. Waller Fiickel, Jeruiatezq Auswanderung nach Paraguay. Entgegen anders lautenden Nachrichten teilt der lliifsverein der Juden in Deutschland mit, daß nach authentischen Informationen keinerlei Emigranten außer bona fiele Landwirten bis auf weiteres nach Paraguay zugelassen werden. mm Zukunft ihrer Kinder Ärt LMDSCHILHEIIFLNEIIZ HÖHERE SCHULE UND IHTERNAT 1. Für Knaben und Mädchen von 6—18־ Jahren 2. Schulbildung bl• *um AMturiacn - individuelle Förderung 3. Unter Leitung bewährter Pädagogen — deutsche, italienische, englische Lehrkräfte 4• Studienberechtigrung in fast allen Staaten 5. Hauswirtschaft, Stenographie, Schreibmaschine 6. Werkunterricht (Hol!• u. Metallarbeiten, Buch» binden), Gartenarbeit 7. Vorbereitung für AaawanderungslBnder ־־־*• Unterricht auch i. Hebräisch, Arabisch, Spanisch 8. Sport — hausärztliche Überwachung — gute Verpflegung — Villen mit modernem Komfort 9. Schönste Umgebung, gutes Klima — Musik 10. leitgem. Honorar — keine Transferschwierigkeit. Neuaufnahmen jederzeit Auskünfte und Prospekte durch die Leitung Oberreg.־ Rat a.D. Dr. Werner retser Florenz. Villa Pazzi, Plan dei G.uiiari