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Jüdische Rundschau · 1936-12-08 · Heft 98 (8.12.1936) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 98 (8.12.1936)
Date
1936-12-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 98, 8. Xfl. 193« »Deutung des Chassidismus״ Von Professor I I ugo Bergmann, Jerusalem, Rektor der Hebräischen Universität. Selten wird es in dieser Zeit geschehen, daß ein Buch aut wenigen Setten so viele und so wichtige, für jeden einzelnen von uns wichtige, Gedanken enthält wie Martin ßubers kürzlich erschienene Schritt ״Deutung des Chassidismus“ (Schocken Verlag Kr. 43 der Bücherei). Es ist mir eine Pflicht der Dankbarkeit, wenn der Schreiber dieser Zeilen, der eine fachliche Kritik zu üben nicht befugt ist, cs unternimmt, die Aufmerksamkeit der Leser auf dieses Buch zu lenken. Ruber hat liier drei Arbeiten vereinigt, die früher als Vor- Worte anderer Bücher bzvv. als Vorlesungen gedruckt waren: Die Einleitung zum großen Maggid über ueist und Leib der chassidischen Bewegung, aus dem Jahre 1921 stammend, betrachtet den Chassidismus vom Glaubenswege der Menschheit aus; das Geleitwort der Gesamtausgabe der chassidischen Bücher, aus dem Jahre 1027, stellt den Baal Schein Spinoza und Sabhatai Zwi gegenüber; der Vortrag über sinnbildliche und sakramentale Existenz im Judentum, aus dem Jahre 1934, vergleicht die prophetische und die chassidische Glaubenshaitun g und entwickelt den für das Verständnis der Religion des Judentums grundlegenden Begriff des Sakraments. Der ohnehin komprimierte Inhalt der drei Arbeiten soll hier nicht referiert werden, nur auf einige für den heutigen Menschen entscheidende Gedanken sei liingcwiesen. Vorerst: die Stellung des Menschen in der Weit. Buber betont jenes Ineinandcrgcflochtensein des menschlichen und des göttlichen Schicksals, an dein die üblichen schematischen Auffassungen vom Diesseits und vom Jenseits zerschellen, indem der Autor bewußt ,,jenseits von Transzendenz und Immanenz“ seinen .Standort bestimmt. Der Gegensatz von Jenseilsrciigion und I )icssoilsreligioii, auf dem z. B. Mordcchai Kaplans kürzlich liier besprochenes Buch ״Judaism in tränsition*1 atifgebaut ist und von dem ,ins es eine Ncuorienticrung des Judentums als I)icsseitsreligion sucht, wird ganz hinfällig gegenüber einer Auffassung, die uns lehrt, daß der Mensch für das Schicksal Gottes in der Welt die Verantwortung trägt. ״Gott wollte eine freibestehende, ira ITeiheit erkennende, in Treiiieit liebende» in Freiheit wollende Anderlieit; er gab sie frei.“ ^Braucht Gott den Menschen zu seinem Werk? Er will ihn brauchen. Gott will zum Werk an der Vollendung seiner Schöpfung den Menschen braiiclicn; in diesen Satz ist die Grundlage der jüdischen Eriösungsk In e eiii/iifassen.“ I )ie Verbannung der Schcchina, Gottes WcUciinvoliming, ist ein wirkliches Ereignis. Gott leidet wirklich das Schicksal seiner Welt mit. Damit erhält natürlich die Weltgeschichte als Ueiisgeschiclite und das Leben jedes Einzelnen von uns den ungeheuren Sinn, an den man nur mit Zittern zu denken vermag. ״Die Weltgeschichte ist nicht Gottes Spiel, sondern Gottes Schicksal.“ Schöpfung und Erlösung sind so Anfangs- und Endpunkt des Weit- Schicksals. Sind sie wirklich Punkte in der Zeit? Bubers Antwort hierauf ist nicht ganz klar, er spricht von einer über die Zeiten ausgegossenen Messianität neben der endzeitlichen, analog?.11 der täglich sieh erneuenden Schöpfung, die neben der einmaligen Schöpfung steht. Doch an anderer Stelle wendet er sich im Namen der chassidischen Bot- Schaft gegen die Unterscheidung eitler Zeit als der messianisclien von den anderen Zeiten. ״Alle Zeit ist erlösungsunmittelbar.“ Die Gefahr scheint mir bei solcher Deutung nahezuhegen, daß die endzeitliche Erlösung neben der über die Zeiten ergossenen verflüchtigt wird. Ich erinnere hier an Hermann Cohen, der noch in seinem letzten Buche, in dem er nicht mehr vor den Paradoxien des Glaubens zurückschreckte, dennoch die Schöpfung dem ״Dunkel des Mythos“ zuschrieb und an ihre Stelle die ״Beständigkeit der Erneuerung an jedem Tage“ setzte, wahrscheinlich, weil sie ihm doch vom Standpunkt der Wissenschaft aus weniger anstößig erschien. Bubers eigene Stellung in der Frage wird in diesem Buche nicht klar. Das zweite Moment, das ich unterstreichen möchte, ist die großartige Durchführung des Grundgedankens der Religionsphilosophic Bubers in der Gegenüberstellung von Baal Schein einerseits, Sabhatai Zwi und Spinoza andererseits. Das Weltgeschehen, lehrt Ejjibcr, ist Zwiesprache zwischeu Gott und Menschheit, die Dinge werden dem Menschen zugereicht als Wort (äottes an den Menschen. Und wie Gott der Sprechende ist, so ist er der vorn Menschen Ansprechbare. ״Das Leben jedes Geschöpfs als Zwiegespräch, die Weit als Wort, — dns knnd/tigeben war Israel da. Es lehrte, es zeigte: der wirkliche Gott ist der Anrufbare, weil anredende Gott.“ Diese Lehre kam abgcwatidelt durch das Christentum an die Völker, [?׳über zeigt auf, wie zwei Linien der Entwicklung in Sabhatai Zwi einerseits, in Spinoza andcreiscits munden, dir beide von Jesus berkommen. Im Chassl* disrnns erhalt die Problematik Sabhatai Zwis und Spinozas ihre Antwort. Sabhnlai Zwi ist der letzte in der Reihe der Menschen, die sich selbst die Messianität zuerkannt haben und beschließt damit die Entwicklung, die mit Jesus begönnen hat. Die messi .mische Selbstmilleilung ist Zersprengung der Messianität, denn die Verborgenheit gehört nolwcndjg und wesenhafl /um Lcidenswerk des Messias. Der endzeitliehen Messianii.it gellt eine allzcitlichc, über die Zeiten ausgegossene voraus, ohne die die Welt nicht bestehen könnte. ״Messias, Sohn Josefs, erscheint von Geschlecht zu Geschlecht.“ Aber dieses niessianisdie Mysterium steht auf der Verborgenheit, und dämm bedeutet die Selbstoffeitbanmg des Messias den 'Jusammenbrueli. Der Chassidismus gibt dieser Entwickliuig-sriciitimg im Judentum seine Antwort, indem er sich gegen die inessianistis-clie Sclbstunterscheidung eines Menschen von den anderen Menschen, einer Zeit von den anderen Zeiten erhebt. Alle Zeit ist eriösungsunmittelbar» alles Handeln um Gottes willen darf messianisches Handeln heißen. Spinoza vollendet eine Entwicklungsreihe, die mit Jesus begann, dadurch, daß er sich unterwindet, Gott seine Anredbarkeit zu nehmen. Jesus hatte gelehrt, daß der Weg zum Vater nur noch durch ihn ging. In dieser abgewandelt«! Form empfingen die Volker die urjüdische Lehre von der An redbar• keit Gottes. Spinoza aber sah in dieser Anredbarkeit einen Malei. ״Der An red bare war ihm nicht rein, nicht groß, nicht göttlich genug. Der fundamentale Irrtum Spinozas war, daß er in der Lehre Israels nur eine Lehre vom Personsci* Gottes gegeben wähnte und sich gegen sie als eine Minderung der löttiichkcit stellte. Aber die Wahrheit der Lehre ist das Auch nersonsein Gottes^ und sie ist aller unpersonhaften, unanredbaren ,Reinheit‘ Gottes gegenüber eine Mehrung der Göttlichkeit.“ Dies hat Spinoza nicht gesehen. In der Absicht, den Gottesbegriff zu reinigen, verkündet er die aus sich seiende Substanz, zu der Du zu sagen ״Tollheit oder schlechte Lyrik wäre“. Man wird liier an Jacobis Polemik gegen Herder erinnern dürfen. Gegen Herders Versuch einer kosmotheisiisehen Religion, welche die Natur zum Gotte macht, wandte Jacobi ein, diese!Metaphysik sei nicht kühn genug, den Rationalismus zu zertrümmern, aber auch nicht stark genug, um auf das religiöse Bedürfnis zu verzichten und erzeuge so das Gespenst einer Religion, die uns zumutet, in dem Begriff einer blinden Gesetzlichkeit etwas Verehrung«־ würdiges zu sollen. Die Natur verbirgt Gott, sagte Jacob), und erst der Mensch offenbart Gott, indem er sich mit seinem Ich über die mechanische Natur erhebt. In Bubers Auffassung hat Spinoza mit der Metaphysik der unpersonhaften Substanz für die V&lker das Erbe de» Juden* SKIZZEN / Von G. Schofmann Am Rande der steiermärkischen Hauptstall Grat, im Vorort Wetzelsdorf, wo junge Bauern mit Liebe und Ehrfurcht den Hat ziehen, wenn der Einsame sinnend durch Wiesen und Felder streift, wo das Volk der Gräser im Winde sich neigt and die schlanken Eisenbahnschienen ihn ein Stück seiner Fußreisen legleiten, wo die blauen Berge ins Arbeitszimmer blichen, wenn am Schreibtisch der Einfall seine konzentrierteste Form findet — lebt nun seit 15 Jahren der hebräische Dichter G. Schofmann, der demnächst nach Palästina übersiedelt. Eine ausführliche Würdigung seiner eigenartigen dichterischen Erscheinung erschien am 14. Oktober 1932 in der Nummer 81/82 der ״Jüdischen Rundschau“. Wir sind nun in der Lage, einige Skizzen des lerähmten Dichters erstmalig in deutscher Sprache zu veröffentlichen■ DAS KIND Langsam gingen wir an einem Maitag durch Wiesen, Felder und Haine. ״Vati, ich aeh am Himmel Gott!“ ״Wo?‘ ״D«rt — dort da» Weiße!“ ״Wo??!“ ״Al>er dort ... siehst du nicht?“ ״Nein, mein Kind, ich aeh nicht.“ ״Schrecklich, nichts siehst du!“ IN DIESEN TR LIEBEN TAGEN Die Zeitungen, voll von Selbstmordnachrichten, erzählen täglich von Kauflcutea und Gewerbetreibenden, die im Existenzkampf fallen. Und das Nachrichtenklischce, das stets wiederkehrende, lautet: Da auf Läuten und Klopfen nicht geöffnet wurde, schöpfte die Hausbesorgerin Verdacht and verständigte die Polizei. Diese holte einen Schlosser, der die Tür mit Gewalt öffnete. Im Zimmer fand man .... Wie Soldaten, im Kampfe erschöpft, wanken die Mensehen durch die Straßen. Abgrundtiefe Schauer erblicke ich in den Augen jenes Händlers, der gerade dabei ist, mit dem Flederwisch den Staub von seiner Ware zu putzen. Werde ich morgen, übermorgen die stereotype Nachricht über ihn lesen? Das Herz verkrampft sich, wenn ich an meinen Jungen denke» den vierjährigen und verträumten! Was soll geschelten, wenn er groß wird?! Sieh, er läuft mir entgegen und trägt einen Hammer in seiner Hand. Da hebe icn ihn plötzlich zu mir empor, und während ich ihn an meine Brust drücke, denke ich voller Inbrunst: Za einem Schlosser will ich dich in die Lehre schicken, mein Sohn, zu einem Schlosser! In jener fernen, feindlichen Zukunft ... sei du der Mann, den die Polizei rufen wird, die Tür zu öffnen! DER TIERSTIMMEN-IMITATOR In den Weinstuben, die hier in den Bergen und Tälern 'zwischen Fruchtbäumen und Nadelbäumen verstreut sind, ist e r ein wahrer Lebensspender. Schon mit dem Glanz seiner Augen erfrischt er die Herzen, und Männer und Frauen umdrängen ihn. Er hat eine angenehme Stimme, und niemand verstellt wie er die steirischen Lieder zu singen und die steirischen Tänze zu tanzen. Dabei wird ordentlich getrunken. Aber zu höchster Begeisterung bringt er die Leute mit seiner Fähigkeit, Tiere zu imitieren. Er kräht wie ein Hahn» er wiehert wie ein Pferd, er muht wie eine Kuh. Aber sein stärkstes Können tritt zutage, wenn er das Grunzen des Schweines naclimacht: hier zeigt er sich als ganz roßer Künstler. Er steckt die Finger in den Mund, löst die Wangen auf, wird rot — und er quiekt wie ein natürliches Schwein. In solchen Augenblicken hört er auf, irgendwen um sich zu sehen, ein heiliger Geist beseelt ihn, und je verläßlicher, echter, volltöniger das Grunzen aus seinem Munde kommt, desto mehr flackert in seinen Augen das Göttliche! DER BADER KINKE Der alte Bauer Kunke ist trotz seinen siebzig Jahren noch gut bei Kräften. Er nährt sich von seinem Steinbruch, und jeden Morgen sitzt er auf seinem Wagen, der beladen ist mit Sand und Kieselsteinen und gezogen wird von zwei Ochsen. Das Alter kommt ihm nicht bei! Alle seine Freunde sind längst auf dem Ortsfriedhof versammelt, die Glocke der kleinen Kirche läutet immer wieder zu verschiedenen Begräbnissen — er aber kutschiert seine Ochsen, trügt eine alte, seit Menschengedenken zerfetzte Mütze, und nichts, nichts ändert sich an seinem Wesen: sommers nicht und winters nicht. An dem Tag aber, an dem er achtzig Jahre alt wurde, da setzte er sich eine neue Lackmütze auf den Kopf uhd begann alles von vorne. FRIEDHOF AM ABHANG Wie bemitleidenswert der Mensch ist, das tritt hie* besonders deutlich vor Augen: bei den grauen, zusarnmengedrängten Grabsteinen am Abhange des Berges. Es ist, als wären sie alle, die hier liegen, mit milden Kräften, keuchend und kämpfend zum Gipfel geklettert, gestiegen, und der unsichtbare Feind erschlug sie mitten im Steigen. So fanden sie am Abhang ihr Grab. MIT DEM STOCK Er war schon im vorigen Jahr alt und ging auf der Straße mit Greiseskräften. Nun ist er noch um vieles älter eworden, und sein Gesicht ist erdfarben; wie die Erde, zu er er heute morgen zurückkehren wird. Da schleicht er Füß an Fuß, schmalspurig, in kleinen Schritten und schwingt seinen Stock. Dreht sich dann um und schwingt seinen Stock nach der anderen Seite. Und plötzlich beginnt er sich im Kreis zu drehn, um sich herum, und schwingt den Stock nach allen Seiten. Ich weiß, gegen wen er sich wehrt, ich weiß .... (Ins Deutsche übertragen von Martin Rath Sprecher) hims hinweggenommen. Er half Ihnen, ״sich von Jenem Eingedrungenen zu befreien; die Tendenz des abendländischen eistes zu monologischem Leben wurde durch _ ihn entscheidend befördert — und damit die Krisis des Geistes überhaupt, als der in der Luft des monologischen Lebens glorreich verdorren muß“. Ob diese Charakteristik des abendländischen Geistes durch Buber nicht allzu einseitig ist? Jacobis Polemik gegen Spinoza — Herder zeigt, wie sich der abendländische Geist zur Wehr setzt, und man wird daran erinnern dürfen, daß Fichte seine Lehre ״umgekehrten Spinozismus“ nannte, indem er in Spinozas Lehre gerade das Moment einsetzte, das ihr fehlte: aas Ich. Buber stellt dar, wie der Chassidismus die Antwort auf Spinozas Lehre gab, indem er die Welt als Offenbarungsstätte Gottes verstand. Die Welt ist Sakrament. Dieser Gedanke des Sakraments ist das dritte Moment, auf das die Aufinerksamkeit gelenkt sei. Aus seiner umfassenden Kenntnis der Religionsgeschichte — in diesem Gebiete reicht vermutlich kein lebender Jude an Buber heran — weist Buber dem Chassidismus seinen Platz in der Entwicklung der Religionen Türkisch8 2 ARETTEN/i an. ״Der primitive Mensch ist ein naiver Pansakramentalist. Alles ist ihm voller sakramentaler Substanz, alles ist immerzu bereit, ihm sakramental aufzuleuchten. Er kennt keine Auswahl der Gegenstände und Tätigkeiten.“ Die Krisis alles primitiven Menschentums ist die Entdeckung des grundsätz־ lieh ״Nichtlieiligcn“, eines Gebiets, das sich immer mehr vergrößert. Alle gesellichtlichc Religion ist Auslese der sakramentaien Stoffe und Handlungen und rettet das Sakrament, indem sie den größten Teil der Welt als profan preisgibt. Damit aber ist in die Religion der Keim zu einer Krise gelegt, indem das Glaubenslcben auf eine abgegrenzte Sphäre beschränkt wird. Der Chassidismus ist der Versuch, der Welt ihr« Heiligkeit wiederzugeben, in jedem anflutenden Augenblick, in jedem begegnenden Ding das Göttliche, zu seiner Heiligkeit zu Erlösende zu erblicken. Ihm wird das gelebte Lehen ein Sakrament. Damit setzt der Chassidismus das erhabene Erbe jüdischer Vorzeit fort, er ist die Fortführung einer Kette, die in Wahrheit niemals unterbrochen worden ist. Der Zaddik der chassidischen Frühzeit ist nur eine besonders klar« Ausnrägung eines Urtypus jüdischer Religiosität, die aus biblischer Welt stammt und in eine künftige weist. Im neuesten Heft der ״Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums“ finden sich über jüdische Kunstübcrlieferung zwei Aufsätze. Raitel W i sc 11 n i t zer Bernstein bespricht die ״Messianische Hütte in der bildenden Kunst“. Sie zeigt, wie die Sukkah zum Symbol des messianisclien Friedens wurde; insbesondere findet sich die Vor- Stellung, daß aus der Haut des RJesenflsdtes Leviatan fei der Endzeit eine Hütte für die Fromme® hergerichtet werden wird. Voti hier aas wird das Vorkommen von Abbildungen des Leviatan erklärt. Ein Purimstück aus dem 17. Jahrhundert (das älteste uns erhaltene), bespricht B. Weinryb im glekhen Heft. Er *eigt, daß der Hanswurst auch in das Purimspiel seinen Einzug gehalten hat, daß man aber bald dazu überging, diese lustige Person mit Mardochai zusammenzuwerfen. Daneben enthält das Heft geschichtliche Untersuchungen. — Man abonniert die ״Monatsschrift“, indem man Mitglied der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Berlin wird und den jährlichen Mindestbeitrag von 10 M. m die Gesellschaft (Postscheckkonto; Berlin Nr. 7030) sendet Lindberghs Tragödie Rolf Nürnberg, ״Lindbergh, Hauptmann, Amerika“. Verlag Dr. Passer, Leipzig-Wien. Dieses Buch von den Männern Lindbcrgh, dem Flieget, und Hauptmann, der auf dem Elektrischen Stuhl starb, ist ein sehr erregendes und merkwürdiges Buch; man wird es schwerlieh in die großen Gruppen der Erzählungsliteratur glatt einreihen können. Im ersten Drittel ist es ein Epos, das Lindbergh-Epos; ein Heldenlied von der Technik und dem Mann, der sie meisterhaft, mit starkem Herzen und klarem Hirn auf einen Gipfel trieb; das Epos unserer Zeit. Im letzten Drittel ist es die Kriminalgescliiclite von der Entführung des Lindbergh-Sohns; die Nachgestaltung einer amerikanischen Verbrecherjagd, die in diesem Ausmaß, in dieser Vehemenz bis dahin auch das Land der klassischen Gangster-Abenteuer nicht erlebt hatte; der Strafprozeß; nach dem Urteil: die Dokumente vom Kampf um Hauptmanns Kopf, um zwei Thesen, von zwei höchsten Staatsfunktionären gleich leidenschaftlieh verfochten: dem Generalstaatsanwalt, der auf einem alten Stück Holz (einem Teil der berühmten Entfiihiungsleiter), bedient von dem phänomenalen Holzsachverständigen Köhler, einen beispielhaften Indizienbeweis auftürmte, die Geschworenen und sämtliche Revisionsinstanzen von der Alleinschuld eines Entführers und Mörders überzeugte; andererseits dem Staatsgouverneur Hoffman, der bis zuletzt nur an die Mitschuld Hauptmanns und an die Mittäterschaft verborgener Helfershelfer glaubte. Schließlich das Erlebnis der letzten ungewissen Stunden vor der Hinrichtung, die noch erhitzt wurden von den Hunderttausenden im Volk, von den zwei Parteien, die hinter Wilentz, dem Staatsanwalt, und hinter dem Gouverneur Hoffman in ungezählten Petitionen, Manifesten, Protesten für die beiden Thesen demonstrierten; una ganz zuletzt die Exekutionsszene — so endet das dritte Drittel dieses aufwühlenden Buchs. Zwischen dem Epos aber und der Kriminaltragödie ersteht Amerika. Der Schauplatz, wo die Taten der beiden Männer reiften; die genial« Leistung, und das Verbrechen. Auch die Atmosphäre der Weltrekorde und der Weltsensationen. Der arme Postflieger Charles Augustus Lindbcrgh liebte seine Heimat Amerika, ihre elementare Urkraft, den Ursprung höchster, schier unbegrenztet menschlichen Möglichkeiten. Dann stieg er auf in seinem Flugzeug zur kühnsten, im Bewußtsein unserer Weit auch triumphalsten Tat eines einzelnen. Der Ruhm des gestern Namenlosen braust durchs Universum: das Heldenlied unserer Zeit. Im Pariser Palast des amerikanischen Botschafters überrascht, am fünften Tag nach der Landung, der Hausherr seinen Gast vor dem Kamin: Lindbcrgh verbrennt die eingelaufenen Briefe, tausende, zehntausende, darunter die verführenden Angebote der größten Verleger, der bedeutendsten Fluglinien, der reichsten Frauen; Dokumente verbrennen da. die Millionenwerte darstellen. An dieser Stelle auch wird Nürnbergs Reportage, ein Abenteurerbuch, zum Roman. Den Helden, den wir bis dahin bewunderten» den sehen wir vou nun an als Menschen; der Mensch Lindbcrgh wittert, denn er kennt seine Heimat, die Tragödie. Man wind ihn entmenschlichen, zum nationalen Symbol erhöhen, alle Scheinwerfer der Erde auf ihn richten. Einem namenlosen Lindbcrgh, der im Schatten lebte, hätte man weder seinen Menschen, sein Ich geraubt, noch sein Kind. Der hell und grell umstrahlte Lindbcrgh, von einer jauchzenden Nation auf den höchsten Denkmal Sockel Amerikas gestellt, entfesselte die Federn der Reporter, entsicherte die photographischen Linsen, weckte die Habgier, die verbrecherischen Impulse seines Oe gen״ spielen. So steht zwischen dem ersten Drittel des Buches und dem letzten, zwischen Epos und Kriminalfall, mit dem Titel ״Amerika“; die Tragödie des Menschen Lindbergh. M.L. \ t

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