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Jüdische Rundschau · 1936-12-08 · Heft 98 (8.12.1936) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 98 (8.12.1936)
Date
1936-12-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU NR. 98, 8. DEZEMBER 1936 Chanukkah-Betrachtung Das Anzünden der Lichter Es waren keine kleinen und keine leichten Siege, durch die sich die Juden unter den Makkabäern wieder die Herrschaft über ihre Hauptstadt und ihren Tempel errungen hatten. Es war ein Klein- und Großkricg, in dem sie vor- und nachher gegen die Truppen des Antiochus Epiphanes (den die Zeitgenossen auch Epimanes — den Wahnsinnigen — nannteil), sich behaupten mußten. Jahre hindurch standen die Wehrfähigen, Alte und Junge, unter den Waffen und im Felde. Der Makkabäer Juda, ein Kriegshcld sondergleichen, reihte Sieg an Sieg über den nach Zahl und Ausrüstung vielfach überlegetien Unterdrücker. Und sein Bruder Jonathan später brachte wieder Ordnung und innere Kraft in den jüdischen Staat. Trotzdem aber ist in die Erinnerung des jüdischen Volkes nicht etwa der Name irgendeiner Schlacht eingegangen, auch nicht die Schilderung dieser oder jener Heldentat, obwohl so thanche aufgezeichriet sind, sondern nur der Bericht von dem Qeiwunder im Tempel. Davon weiß nach zweitausend Jahren noch jedes jüdische Kind zu erzählen. Und davon zeugen die kleinen Lichter noch heute. Nicht von der Menschentat, die nur ״Zutat“ ist, sondern von dem geheiligten Geist, der die Lichter im Tempel brennen ließ — über das Maß des vorhandenen Oeles hinaus. Es kann kaum etwas Bezeichnenderes für die jüdische Mentalität geben als diesen Geist und diese Form des Chanukkahfestes. Wunder an Glaubensstärke und Heldenmut erfüllen die Geschichte der Anfänge der Hasmonäerzeit. Ins Ueberlcbensgroße recken sich die Gestalten Mattathias, des Vaters, und seines Sohnes Juda auf. Sie sind dramatische Helden und Oratoriumsfigiircn geworden. Gewiß, auch das jüdische Volk hat ihre Namen, Taten und Gestalten nicht vergessen. Aber das Fest, das an ihre Zeit erinnert, gilt dem Licht im Tempel und erglänzt in den bescheidenen von eins bis acht sich vermehrenden Lichtehen, die heute, wie immer, entzündet werden — ״um Deiner Wunder, Deiner Hilfe, Deiner Taten willen“, wie es im Chanukkahgebet heißt. Der Ruhm ist bei Gott, nicht hei den Menschen. Und die Feier, die man zu seinen Ehren begeht, sammelt sich in den Flammeben, durch deren kleines Lieht eine große Zeit, eine Zeit volkhafter Größe zu uns Späteren hcrübcrlcuchtct. In dieser Rückführung geschichtlicher Taten auf Gott einerseits und in der Erhaltung ihres Gedächtnisses durch die rührende, fast kindliche Sichtbarkeit der kleinen Lichter anderseits liegt mehr ״Jüdischkeit“ beschlossen als in vielen anderen Festesbräuchen. Es ist darin sowohl cfas Pathos wie auch die Naivität eines Volkes gekennzeichnet — das gleiche Pathos, das sich in dem Chanukkahlicd ״Maos zur jeschuati“ ausspricht, und die gleiche Naivität, die sieh bis in das Spiel mit dem Chanukkah-Tremlerle erstreckt. Die Waffen haben geklirrt und sich vom Blut der Feinde gerötet, Helden haben gekämpft und sich hingeopfert — nichts als flackernde, schwache Lichterflämmclien nähren die Erinnerung daran. Es steckt auch ein Gutteil jüdischer Melancholie und Resignation in diesem Fest, wahrscheinlich auch eine Nachwirkung der )!hreszeit, der trüben Regenzeit.... * Seltsam genug kontrastiert dazu, um von den Chanukkahpsalmen abzusehen, das Buch, das als Frucht der Makkabäerzeit in die Heilige Schrift eingegangen ist: das Buch Daniel. Das Seltsamste daran ist, wie stark und geradezu wie eigenmächtig es sich zu der wirren Zeit verhält, wie voll und groß es ist von Distanz, wie triebhaft großartig es sich zu, wie wir es heute bezeichnen, welthistorischer Ausweitung und Ausdeutung der aktuellen Anlässe erhebt. Trost und Aufmunterung wird nicht aus der Nähe und aus billiger Parallelität herangeholt, sondern aus der Tiefe und Hintergründigkeit längst vergangener und schon mythisch gewordener Zeit. Und fast noch merkwürdiger ist, daß es mitten Im Aufstand eines Volkes die Größe und Heiligkeit Einzelner, nämlich Daniels und seiner Genossen, in den Mittelpunkt rückt — nicht um diese zu glorifizieren, sondern um jedem Kämpfer Vorbilder vor Augen zu stellen. Und zugleich wird um alle Kämpfer für die Ehre des Ewigen und für die Reinheit des Volkes ein riesiger Kreis geschlagen, der die Vergangenheit und die Zukunft und sogar das Ende der Zeiten umschließt. Man kann nicht scharf genug den Gegensatz herausstellen: die kleinen Lichter, in denen das Tempelwunder zur naiven Anschauung gebracht wird — die eine Seite, die großartige danieiische apokalyptische Vision — die andere Seite. Wiederum, rührende Kindlichkeit und erhabenstes Pathos des Glaubens neben-, in- und übereinander. Es sind die Elemente des jüdischen Wesens, von denen die ganze jüdische Ueberlieferung bestimmt wird: das schüchterne, fast scheue Ausweichen von der Glorifizierung von Menschentat und die gewaltige Hingabe an die Stimme Gottes, die aus ihrer unbegreiflichen Höhe bis in die letzten W'inkel hinein ertönt — aussagt und aufklärt. Das Buch Daniel, das wohl schon niedergeschrieben war, als das Licht im gereinigten Tempel wieder leuchtete, he- Weist die heroische Stimmung der makkabäischen Kämpfer. Sie haben sich aus den Dörfern und kleinen Städten ins Gebirge geflüchtet, in die Höhlen und sonstigen Unterschlüpfe, warten hier auf Zuzug, auf Befehl zum Kampf, der Sieg oder Tod bringen soll, sind zur Selbstaufopferung bereit und 'denken und träumen inzwischen ihre«! und dem gesamten Schicksal nach. Es gibt nicht mehr Tag und Nacht für sie, denn sie müssen sich im Dunkel verborgen halten, in den Höhlen und Klüften, in denen Wirkliches, U11- und Ucberwirklichcs sich für ihr Gesicht und Gehör seltsam mischt. Das ist die Umwelt und die Situation, da einem von ihnen die Visionen Daniels sich riesengroß einprägen und auftürmen. Wie klein und scheinbar noch ohnmächtig ihre eigene Schar ist, so groß stellt sich die der Feinde Israels dar: Assur, Babylon, Perticn und nun die Uebermaeht dieses Epiphanes, des, wie sein Name sagt, ״Erschienenen“, der in den entschlossenen und erschlossenen Gemütern in den Höhlen die gewaltigsten Erscheinungen des Himmels und der Erde auslöst. Wiederum ist es rührend, wie vor die Kämpfer im Dunkel, vor die Rebelien für Gott und Glauben Superlative von Geschöpfen und Gebilden aus Gold, Silber, Erz und Ton treten. Der Widersacher wird nicht verkleinert, aber als nochi größer Chanukkah ist eins der wenigen brauchlosen Feste; cs hat vielmehr einen geschichtlich-nationalen Charakter, zu dem die religiöse Phantasie nur wenig hinzugetan hat. Der Anlaß des Chanukkahfestes — obschon es sich um einen Sieg der Juden bandelt — ist auch gar nicht dazu angetan, diese Tage religiös besonders auszuschmücken. Die Wahl der Haftarah am Schabbat Chanukkah, in der die große Absage des Propheten Sccharja gegen die Gewalt verkündet wird, zeigt deutlich, wie gemischt die Siegesgcfühle sind, mit denen die Juden den Makkabäer-Ereignissen gegenüberstanden. Immerhin empfinden wir das Lichterauzünden zumindest als eine Art religiöser Handlung, und es herrscht vielfach keine klare Vorstellung darüber, in welcher Reihenfolge dieses Anzünden zu geschehen hat. Bereits im Talmud (im Traktat Schabbat, Fol. 21 b) gibt es eine Diskussion hierüber, die im Anschluß an eine Diskussion über das Anzünden des Schabbatlichtes entstanden ist. Es wird von Interesse sein, diese Talmudstelle einmal im Wortlaut kennenzulernen: ״Die Rabbanan lehren: Ein Licht der Chanukkahlampe für einen und seine ganze Familie; die Pflichtbeflissenen brennen ein Licht für jede Person; die hervorragend Pflichtbeflissenen brennen, wie die Schule Schammajs sagt, am ersten Tage acht Lichter und an den folgenden Tagen je eines weniger, und wie die Schule Füll eis sagt, am ersten Tage ein Licht und an den folgenden Tagen je eines mehr. Ula sagte: Hierüber streiten im Westen zwei Amoraitn: R. Jose b. Abin und R. Jose b. Zebida. Einer sagt, der Grund der Schule Schammajs sei: entsprechend den folgenden Tagen, und der Grund der Schule Hilleis sei: entsprechend den verstrichenen Tagen; der andere sagt, der Grund der Schule Schammajs sei: gleich den Farren am erscheint das Außermenschliche, erscheinen die Boten aus der Höhe und Tiefe der Zeiten und Welten. Durch sie wird das Dunkel gebrochen und hinweggerafft und der kleinen Schar der Blick freigegeben in die Helle der Vorsehung, die in sieh trägt: Geschichte und Gericht. Die Kämpfer werden ,״sehend“. Und nach den apokalyptischen Ungeheuern an Tier und Baum — Baum und Tier, die das Land, die Welt überwachsen — erscheint der ״Mann in Leinwand“ und bringt wie einst dem trauernden und fastenden Daniel, so jetzt den Kämpfern in den Höhlen Tröstung und Ermutigung. Sie tun aus ihren düstern Winkeln heraus einen Blick in das Schicksal. Dies ist das Lichtwunder vor demjenigen im Tempel zu Jerusalem. Das große und das kleine Licht fließen in ein einziges LeucFiten zuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiii« WIE LEBEN! Von Ilse Blumenfhal-Weiß Und dennoch rufen aus des Abgrunds Grauen Das Wort, das Meere wie mit Feuer sengt. Und noch aus Martergruben Himmel bauer Bis aller Seufzer Strom die Sterne trfinkf. Und noch aus Zorn und gellem Donnerdröhnen Das Wort vollenden, darin ER ersteht, und noch des Aufschreis Stimme übertönen Mit der Verkündung herrlichem Gebet. Und dennoch wissen: nicht des Erdreichs Wolle Erstickt der Flamme rauschende Gewalt. Wir leben: aus des Wortes Wettergrollen, Wir leben: aus des Wortes Urgestalt, Wir leben: auf der Welten Bretterstufen Von Ewigkeit und Elend zugedeckt. Wir leben! Dennoch! und ־wir rufen, rufen Das U׳׳or/, das Ahnen noch und Enkel weckt. Hüttenfeste, und der Grund der Schule Hillels sei: beim Heiligen erfolge es aufsleigend und nicht absteigend..,. Die Rabbanan lehren: Es ist Gebot, die Chanukkahlampe draußen vor die Tür hinzustellen; wer in einem Obergeschosse wohnt, stelle sie vor das Fenster hin, das nach der Straße liegt. Zur Zeit der Gefahr stelle man sie auf den Tisch, und dies genügt. Raba sagte: Jedoch muß man noch eine zweite Lampe haben, um sich ihres Lichtes zu bedienen; ist aber im Zimmer eine Flamme vorhanden, so ist dies nicht nötig. Für einen angesehenen Mann aber ist eine zweite Lampe erforderlich, auch wenn eine Flamme vorhanden ist.“ (Ucberseizt von Lazarus Goldschmidt, Jüdischer Verlag, Berlin.) Es ist noch hinzuzufügen, daß, wie stets in den Entsc'neidüngen (der Talmud gibt ja niemals Entscheidungen, sondern nur Erörterungen) die llalacha nach der Schule Hi! lei geht, so daß also richtig die Lichter in aufsteigender Zahl, mit dem ersten Licht beginnend, angezündet werden. Die Forderung, den Chanukkahicuehter sichtbar für die Umwelt ans Fenster zu stellen, ist ein Ausdruck nationaler Solidarität; das ganze jüdische Volk soll auf diese Weise seine Verbundenheit mit seiner großen geschichtlichen Vergangenheit dokumentieren. Deutlich wird diese Forderung, wenn man sich eine geschlossene jüdische Siedlung, sei es im alten Babylonien, sei cs in!.:indem des Ostens, vorstellt, wo ganze Straßenzüge des ״Städiels״ von diesem acht Tage hindurch zunehmenden Lichtei glanz erstrahlen. In einer Großstadt, wo Juden mir vemn/clf wohnen, bleibt von einer solchen Demonstration natürlich nichts mehr übrig. In Ei'ez Israel dagegen ist das An/unden der Lichter eine öffentliehe Feier, und es gibt allenthalben moderne Mcnoroth neuer Art, die von hohen Platzen und Türmen die ganze jüdische Siedlung überstrahlen. N. sammen: Chanukkah — ״Einweihung“. Demi auch die Herzen sind nun aufs neue geweiht. * Das Buch Daniel (und in Abstand davon auch das Bucli Esther) beweist, daß in der makkabaischen Zeit noch der biblische Geist und die biblische Kraft lebten. Geist und Kraft wuchsen aus dem Glauben und aus dem heimatlichen Land wie aus einer doppelgesichtigen und doch einheitlichen Existenz. In Gott leben und im Lande leben, darin erschöpfte sich die Freiheit und die Würde des jüdischen Lebens. Das Buch Daniel, so heißt es, war seit dem Exil zu Babylon ״versiegelt“. Die Entsicgeiung geschah durch die Tat und durch die neue Begründung des Volkes zur Vision. Es gab und gibt im jüdischen Bereich keine Tat ohne visionäre Erhöhung und Hintergründigkeit. Das heißt: Die jüdische Geschichte ist an die göttliche Verdichtung und Verklärung gebunden. Noch im i(>. Jahrhundert haben die heimlichen Juden das Spanien der Inquisition in danielischem Geist mit daniclischem Namen genannt: ״den glühenden Ofen“. hs. Boris Kader: Lachen und Weinen. Aus dem jüdischen Leben. Bertliold Levy-Verlag, Berlin C 2. Boris Kader, durch russische und jüdische Arbeiten längst kein Unbekannter mehr, legi hier ein hübsches, schmales Bändchen Erzählungen vor. Sie spielen fast alle in der ״alten Heimat“, im jüdischen Städtchen, dessen getnüthaft schlichter Grund knapp und lebensvoll gezeichnet ist, Einfache, rührende Figuren und Geschehnisse werden am wirkungsreiehsten erzählt, so die Geschichte vom Schuster Asriel und seinem Weib, die kein Kind haben und sich aut die innigste Weise alles absparen, um eine Thorarolle schreiben zu lassen, oder die Skizze vom Reh Tcwclc, dem einfältig guten Rabbi, der Etrogim einkauft, oder die vom stemmen jisclmwnik. Schwächer ist die Wirkung, wenn Kader dies Milieu verläßt, die Bäume des Heiligen Landes oder, mit Verzicht auf Psychologie, westlichere Schicksale schildert, wenn die im Druckbild überbetonte Freifagsbez.eichnung an Stelle der Stimmung tritt. Aber das besagt wenig gegen die Tat- Sache, daß hier eine Sammlung echt jüdischer und vielfach ergreilender Motive mit herrlichem Anteil schlicht vorgetragen ist, mit Bildern wie dem vom einzigen Mitnagged in der chassidischen Gemeinde: ״Stellt euch, meine lieben Leser, folgendes Bild vor: Eine große Schul, in der, bis auf einen, nur Kohanim vorhanden sind. Die Kohanim, in ihre Talcßim cingeliüllt, duchenen. Die hundert Arme zu dem Kopt des Eine«, Nichtkohen. ausgestreckt....״ L h. l11l1liMtl1!1M1!iM11111111l11[tt1llti11M1i111ii!11t11!lutH{1l1MU(Hlllt1<!lttt1n1Et1!!ttM(HU(1t1111ff!1ll111H1nM1 l!111!ttfMM1!!!t!ut1li11f111tHMM1H1tt11H!1t1fi11nn11f 1T111111HtH11!1Hn1MMh:!!:׳iMiM:1 ו1;ו11ו!ח>!חח1וו1וו>!וח!1;!!1!1)1;;ו!::חוו>[1ו:וןווח!<'1ו1חח:!!::ו;ןח lillllfl Chanukkah in der Stube und in der Natur Anz&tiden der Menoran• Eine elektrische Mcnorak in einer Siedlung Erez Israels• Foto•; fc!IU GoliUebmidt, Muuheio — Herbert Sonnonfoldl

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