Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 98 (8.12.1936)
- Date
- 1936-12-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 2 JO DIS CH E RUNDSCHAU Nr. 98, 8. XII.!936 170 000 000 Russen ־verstreut und geht langsam Im neuen Rußland und seinen Idealen auf. Aber In unserem Sinne Ist das dortige Judentum verschwunden. Lord Peel: Senden die russischen Juden Delegierte zum Zionistcukongrcß? Dr. Weizmann: Der Zionismus ist in Rußland verboten. Er wird als eine konterrevolutionäre Bewegung, als llandreicher des Imperialismus betrachtet. Von Zeit zu Zeit entschlüpft ein Zionist aus Rußland. Es wäre vielleicht für die Kommission interessant, wenn Sie auf Ihren Ausflügen in Palästina einen oder zwei dieser Menschen, die aus Rußland unter Gefährdung Ihres Lebens entschlüpft sind, sprächen. Es gibt keine reguläre Einwanderung russischer Juden nach Palästina. Wir hatten große Schwierigkeiten, etwa 1200 zionistisclie Familien» die ihres Ideals wegen verhaftet und verbannt waren, aus Rußland herauszubringen. Praktisch genoitmicu kann das russische Judentum als tilied in der Kette der jüdischen (ierneinsehaften in der Welt als nicht hestehend betrachtet werden. Allerdings gibt es keinen offiziellen Antisemitismus. Antisemifismus ist in Rußland ein Verbrechen gegenüber dem Staat. Ob cs a־ic!1 kv.iit׳ Judenfcindschaft in der Praxis gibt, wissen wir nicht. Abgesehen von Rußland, glaube ich, ist meine Schilderang der Lage, in 11er sich d e Juden der Welt (mit Ausnähme derjenigen in den westlichen Ländern) befinden, im wesentlichen korrekt, und wenn ich mir die Bemerkung er- Lauben darf, neigt sie eher zur Unterschätzung. Sir Morris Carter: Sie meinen wohl Rumänien, Litauen, Lettland und Oesterreich? Ein Weltproblem Dr. Wcizmann: Wir denken, daß das Judenproblem nicht nur eine t rage »st, die die jüdische Gemeinschaft betrifit. Vielmehr ist es, wenn ich so sagen darf, eine Weltfrage von großer Hetleuhing, die zwar in erster Reihe die jüdischen Gemeinschaften betrifft, aber indirekt auch die ganze Welt an geht, ln dein von mir erwähnten Teil der Welt gibt es 0 (KM) (Ulf) Juden, die da/u verurteilt sind, von der Hand in den ,Mund zu leben, die heute noch nicht wissen, was morgen gesdiehen wirrt. Ich spreche auch gar nicht über den organisierten Antisemitismus. Lassen Sie uns an- 1!efirnen, daß das polnische Volk Juden gegenüber freundlieh eingekeilt ist. Es gibt alrer objektive Gründe, die in diesem Teil der Welt dazu führen, die Juden zu verdrängen und sie *um Freiwild der Welt zu machen. Ich würde gerne, meine Herren, Ihre Gefühle schonen, aber es ist zu wenig bekannt, was diese h 1X10 IKK) Menschen erwartet, ich vergleiche B. das Schicksal dieser jungen Männer und!'rauen — ich komme selbst: aus dieser sozialen Sc 11 iriit und kenne sie mehr oder weniger — mit dem Schick-?;11 der jungen Miuiuer und Prallen in den notleidenden Gebieten Englands. Ls gibt eine ziemliche Anzahl junger Mensehen in England, die nicht sehr glücklich sind, junger Menschen, die wissen, daß sic keine Beschäftigung finden können, daß das gewöhnliche Recht jedes!Menschen, von seiner Hände Arbeit zu leben, ihnen verwehrt ist. Ihre Lage ist düster, aber sie fühlen doch letzten Endes, daß hinter ihnen ein Staat steht, der sich tun sie kümmert, soviel er kann. Es gibt für sie eine Hoffnung, daß sich eine üclegenheit zur Arbeit bieten wird. Die Arbeitslosigkeit nimmt ab, sie können an die Reihe kommen. Ein Mensch kann sehr viel Leiden ertragen, wenn er einen Hoffnungsstrahl vor sich sieht. Das können leider die jungen Männer und Frauen in den Gebieten, die ich erwähnt habe, nicht erwarten. Es gibt niemanden, der sich um sie kümmert, eine feindliche Welt umgibt sie. Sie sind zum Untergang verurteilt und verzweifelt. Von meiner frühesten Jugend an habe ich gegen die destruktiven Strömungen im Judentum gek ä m p f t, aber es Ist heute fast unbegreiflich, wie wir diese zerstörenden Tendenzen in der jungen Generation, die in der von mir geschilderten Lage lebt, vermeiden können. Gibt man ihnen keine Hoffnung, zu irgendeiner Zeit — einem von fünf, einem von zehn, einem von zwanzig — eine Zuf 111 c h t s s t ä 11 e irgendwo zu finden, wo sie arbeiten und ihr Seibstbewu&lsein wiedergewinnen können, wo sie sich selb t au!'richten und der Welt ln die Augen schauen können, kann man dies nicht, dann kann man für sie auch nicht die Verantwortung übernehmen. Es i?t kein Wunder, daß heute ein Zertifikat nach Palästina in diesen Statten als ein höchstes Glück betraihtet wird. Liner von zwanzig, einer von dreißig bekommt <•% und es ist die Erlösung dieses Volkes gleichbedeutend mit 1 Ycihcit und mit der Möglichkeit, zu leben und zu arbeiten. 1 k’sv. egen wird Palästina so aufmerksam betrachtet, lind deswegen wachen sie m! ängstlich darüber, ob die Tore dieses Landes offen oder geschlossen sind. Ich glaube, ich habe genug gesagt, um zu zeigen, warum die Juden eine spezielle Behandlung verdienen, ich will nur tun oder zwei Beispiele geben, tun zu illustrieren, wie diese läge geschaffen wurde. Lassen Sie 1ms Polen nehmen. Ais Polen einen Teil des russischen Reiches bilclele, war es <31 r vv ertliche Teil dieses Reiches, der industriellc Teil. I'•? war die Br ticke zwischen den unendlichen Domänen Rußlands und dem Rest von Europa. Juden lebten in diesem Teil. Sie beschäftigten sich zumeist mit Handel, Gewerbe und Industrie. Ich glaube, ich übertreibe nicht, daß in den Städten Warschau, Lodz und Lublin usvv. zumindest 100000 Familien in diesen Industrien beschäftigt waren. An westeuropäische in Standard gemessen, war es eine primitive Industrie, aber an ihrem eigenen Standard gemessen eine erfolgreiche. Die Konfektion war in jüdischen Händen, die Textilindustrie war jüdisch, 11. a. m. Der Markt für diese Produktion, die sehr billig war, war in Rußland. Der jüdische Fabrikant verkaufte seine Waren bis nach China und Sibirien, ■das offen vor ihm lag. Es war kein sehr einträgliches Leben, aber man konnte dabei noch existieren. Mit dem Kriegsende und der Entstehung Sowjetrußlands verschwand dieser Markt eines Tages, und die Industrie, die sich nunmehr nur nach innen richten konnte, halte keine Existenzmöglichkeiten. Sie könnt!■ nicht mit westlichen Ländern konkurrieren, und so wurden diese Menschen aus der Wirtschaft verdrängt. Mit der Bildung des polnischen Nationalstaates begann eine allmähliche Organisierung eines polnischen Mitte Island es, der die von Juden geführten Industrien übernahm. Die polnischen Bauern, die in großer Zahl während der Arbeitssaison über die Grenzen Polens auszuwandern pflegten, werden jetzt dazu ungehalten, zu Hause zu bleiben. Außerdem verstaatlichen die Polen jetzt verschiedene Handels/weigc, wie Alkohol, Holz, Oetrcidehandel u. dgl. Lord Peel: Bedeutet das, daß die Juden in diesen Handelszweigen nicht beschäftigt werden? Dr. Weizmann: Ja. Die Juden wurden ausgeschaltet, und das ist die innere Bedeutung von Oberst Becks Bemerkung, daß es eine Million Juden zuviel gibt, da ihr Platz tatsäenlieh von hereinströmenden Polen eingenommen wird. Dieselbe Sache wiederholt sich in kleinerem Maßstab!51 den and eien Ländern, die ich erwähnte. Psychische Folgen Das Ist, meine Herren, die heutige Lage eines großen Teiles der Juden in der Welt. Was den westen anbetrifft, so könnte ich sagen, daB, obgleich keine ökonomischen Probleme in dieser Schärfe, wie ich sie für den Osten geschildert habe, Vorkommen, so herrscht dort mit einigen Aus* nahmen doch ein unangenehmes Gefühl. Immerhin ist es leicht, ein Jude in England zu sein! Aber der Antisemitismus, der früher an der Weichsel haltmachte, erreichte bereits den Rhein und schreitet noch immer fort. Er dringt auch über den englischen Kanal, Er ist nicht so akut, daß er unser Leben unerträglich gestaltet, aber er Ist da. Was sich ip Deutschland ereignete, ist die Schritt der unsichtbaren Hand an der Wand auch für den Rest der Welt, Die Tragödie ist in ihrem Umfang viel kleiner als die polnische. Sie hat einen übersehbaren Umfang. Aber das Drama der Situation der Juden in Deutschland besteht darin, daß es sich um eine westeuropäische Gemeinschaft handelt, die in einem zivilisierten Staate lebt, faktisch früher als ein integraler Bestandteil des deutschen Lebens angesehen wurde, und eine sehr beachtenswerte Rolle im ökonomischen und intellektuellen Leben des Landes spielte. Sind doch die jüdischen Gemeinden am Rhein mehr als tausend Jahre alt. Aber eines schönen Tages, fast Über Nacht, war all das zu Ende. Dies ist eine Warnung auch für die Juden im Rest Europas. Von Zelt zu Zeit werden diese Versuche in Frankreich und sogar in England nachgeahmt. Ein nicht unberechtigtes Unbehagen verbreitet sich innerhalb der Juden, Ich hoffe, es wird nur dabei bleiben. Aber sehr oft sagen wir uns selbst: Dies kann ja nie in England oder Frankreich Vorkommen. Und doch habe ich letztens selbst während der Ernennung Blums zum Ministerpräsidenten auf den Straßen von Pa• ris die Worte: ״Nieder mit den Juden!“ gehört. Es kann ja sein, daß es sich nur um leeres Gerede handelt, aber angenehm ist das nicht. Es gibt einem ein ungemütliches Gefühl» daß man ewig Gegenstand von Analyse und anatomischer Untersuchung ist, und auf die Frage antworten muß, ob man ein Recht zu leben hat oder nicht. Darf ich noch eine Tatsache zur Illustration mei- 51er Darlegungen anführen? Als das wahnsinnige Attentat auf Seine Majestät den König Stattfand, war sechs Stunden lang der Name des Täters unbekannt. Jeder Freund, den ich während dieser sechs Stunden traf, stellte mir die gleiche Frage, und seine erste Reaktion war: ״Um Gottes willen, hoffentlieh ist es kein Jude“. Das ist charakteristisch für unsere Nervosität. Kein Engländer fragte, wie sein Name war: Smith oder Jones. Wir aber können es uns sogar nicht leisten, daß ein Verrückter ein Verbrechen begeht, denn dieser Akt würde uns allen zur Last gelegt werden. Wir sind auf der ganzen Welt für jeden einzelnen von uns verantwortlich. Ich könnte in meiner Schilderung der gespannten Lage der heutigen Judcnheit noch weiter fortfahren. Wir tun unser Bestes, um zu einem integralen Bestandteil derjenigen zu werden, in deren Mitte wir uns befinden, aber wir werden es nicht. Dieses Gefühl ist einer der Gründe, die die Juden in der Weit durch Jahrhunderte hindurch und speziell in den letzten 100 Jahren bewegt hat, eine Lösung dieses Problems zu suchen. Wir wollen bis zu einem gewissen Grade die jüdische Lage n o r m a 1 i s i e r e n.. Wir sipd stark genug, um Unsere identitat zu wahren, eine Iden(ita| ■ui gencris, unähnlich derjenigen anderer Nationen. Wen« man von den Engländern, Franzosen oder Deutschen spricht, so versteht man darunter einen bestimmten Staat mit einer bestimmten Organisation, Sprache, Literatur und einem gemeinsamen Schicksal. Das ist allen klar. Wenn man vom jüdischen Volke spricht — hat man vor sich ein Volk, das überall eine Minorität, nirgends eine Majorität ist, bis zu einem gewissen Grad mit dem Volk, unter dem es lebst, identisch, und doch nicht identisch. Es ist, wenn ich so sagen darf, ein körperloses Gespenst und des'halb verdächtig. Verdacht nährt Haß. Es sollte einen Ort ln der Welt geben, ln Gottes weiter Welt, wo wir imstande sein würden, zu leben und entsprechend unserem Wesen uns zu äußern. Dort wollen wir unseren Beitrag an die Zivilisation der Welt in unserer eigenen Art leisten. Vielleicht würde man uns dann besser verstehen, und unser Verhältnis zu den anderen Rassen und Völkern würde sich normaler gestalten. Wir würden nicht immer in der Defensive verbleiben oder ar zu offensiv werden, wie es immer bei einer Minorität er Fall ist, die sich stets in der Defensive befindet. Verzeihen Sie, wenn ich mich bei dieser Frage aufhalte, aber ich dachte, daß es wesentlich ist, daß ich dies so klar mache wie nur möglich. Lord Peel: Bitte nehmen Sie sich soviel Zeit, wie Sic benötigen. Volk des Gedächtnisses Dr. Weizmann: Danke sehr. Wa* hat also diese eigen tümlichc Mentalität der Juden erzeugt, die ich als eine Art körperloses Gespenstes bezeichnet habe? Ein Wesen und doch kein Wesen. Ich glaube, daß der Hauptgrund, der diese eigentümliche Lage geschaffen hat, in der Anhänglichkeit an die Tradition zu suchen ist Wir sind ein ,,halsstarriges Volk“, ein Volk mit einem lang dauernden Gedächtnis. Wir vergessen nie, sei es unser Glück, sei es unser Unglück. Wir haben nie vergessen. Diese Standhaftigkeit, die die Juden durch die Jahrhunderte unsäglicher menschlicher Leiden erhalten hat, ist in erster Reihe der physischen und psychischen Anhänglichkeit an Palästina zuzuschreiben. Wir haben dieses Land nie aufgegeben. Wir haben die babylonische Zerstörung überlebt, wir über״ dauerten die Römer, wir leisteten einen ziemlich schweren Widerstand, und Rom, das die halbe zivilisierte Welt verdaut hat, konnte uns nicht verdauen. So oft wir auch nur die geringste Gelegenheit hatten, schufen wir eine Gemeinschaft und eine Literatur. Wenn sich die Kommission die Mühe nehmen würde, das Leben der Juden in Palästina in der nachrömlschen Zeit zu studieren, so würde sie finden, daß es in den IQ Jahrhunderten, die seit der Zerstörung Palä* stinas als einer jüdisch-politischen Einheit vergangen sind, nicht ein Jahrhundert gegeben hat, ln dem die Juden nicht den Versuch gemacht hatten, zurückzukehren. Es ist ein Irrtum, wenn man denkt, daß diese 1900 Jahre eine leere Zeitspanne gewesen sind. So war es nicht. Als die materiellen Pfeiler der jüdischen Gemeinschaft zerstört wurden, trugen die Juden überall, wohin sie kamen, Palästina mit sich in ihren Herzen und in ihren Köpfen. Dies äußerte sich in unseren Gebeten. Im Londoner East End betet ein Jude Im Sommer um Tau und im Winter um Rege« für die ganze ■Welt, als ob er noch Immer in Palästina wäre, Und die Jahreszeiten und Feste sind doch alle palästinensische Jahreszeiten und palä« stinensische Feste. Und als uns Rom zerstörte, da trat der geistig». Führer der jüdischen Gemeinschaft vor den römischen Heer« führer und sagte: ״Ihr habt uns vernichtet, aber gebt uns doch einen Winkel, wo wir unsere Gesetze studieren kön. nen“. Der Ort wurde bewilligt, er hieß Jawne und ward zu einem geistigen Zen (rum, in dem wir unsere Schulen hatten und unser Leben fortsetzen konnten. Und die Häupter dieser Schulen sind zu den geistigen Führern nichtt nur des palästinensischen Judentums, sondern der gesamte» Judcnheit geworden. Wir ersetzten das materielle und rpolP tische Palästina durch ein geistiges unzerstörbares Palästina] Unsere Sehnsucht fand ihren Ausdruck in einet großen wclt-4 liehen und geistlichen Literatur. Und später, so oft sich die' Gelegenheit dazu bot, gab es tatsächliche Bewegungen von Massen von Juden nach Palästina. Als die Juden am Ende des 15. Jahrhunderts aus Spanien vertrieben wurden, wanderten sie in die Welt, und 200 000 von ihnen wandten sieh dem Osten zu. Wir haben den freundlichen Empfang, der uns damals durch die mohammedanische Welt bereitet wurde, nicht vergessen. Wir kamen in die Türkei und von dort nach Palästina und schufen hier Gemeinden. Die1 Stadt Tiberias, die zerstört war, wurde in jener ZeiE durch einen Juden, der sehr einflußreich am türkischen Hofe war, wieder atifgcbaut. Sie ist zu einem damalige!* Tel-Awiw geworden. Eine jüdische Stadt auf Ruinen aufgebaut! Sie wurde 100 Jahre später wieder einmal durch die Araber zerstört, in einer den heutigen Geschehnissen nicht unähnlichen Weise. Und 100 Jahre später durch jüdische Anstrengung wieder aufgebaut. Vier jüdische Städte, Jerusalem, Safed, Tiberias und Hebron wurden zu großen Zentren des Lernens und entwickelten sich vom Nichts zu Gemeinden mit manchmal 20 000 Einwohnern. Die dunkelste Zeit, als das jüdische Palästina am tiefsten lag, war nach den Kreuzztigen. In all diesen Jahren gab es nie einen Augenblick, ln dem wir Juden nicht versucht hätten, nicht nur durch Gebete, moralische und religiöse Anstrengungen, sondern tatsächlich nach Palästina zu gehen. Im 17. Jahrhundert entstanden die messianischep Bewegungen halbrcligiöscn Charakters, die gewissermaßen Vorläufer der modernen zionistischen Bewegung van heute waren. Es gab einen Juden in Smyrna, Sabbatai Zwi, der sich selbst zu einem Messias proklamiert«. Er hatte eine Vision, dcrzufolgc er glaubte berufen zu sein, die Juden zu■ rück nach Palästina zu bringen. Und überall in der Welt Bammelten sich Juden, Bankiers, Händler, einfaches Volk usvv. um diesen Mann. Auch die n i c h t j ii d is « h e Welt war überzeugt, daß die Zeit der Rückkehr der Juden nach Palä- 3tina unter der Führung dieses eigentümlichen Mannes gekommen sei. Dies war der Grund der Einladung Crom. Wells an die Juden, nach England zu kommen. Einer Tra< dition entsprechend wird der Messias erst an dem Tage erscheinen, an dem die Zerstreuung der Juden vollendet ist, Es gab keine Juden in England. So erteilte ihnen Crom? weil die Erlaubnis, 11 ac 11 England znriickzu? kehren, damit die Zerstreuung vollendet ist. Das war 300 Jahre vor der Balfour-Dekiaration. Im Laufe der folgenden 300 Jahre wurde oft in dar Aussprüchen vieler Engländer der Hoffnung auf die Rückkehr der Juden nach Palästina Ausdruck gegeben. Int vergangenen Jahrhundert war diese Ueberzeugung mit dein Namen des Lord Shaftesbury und Pal ine rs ton verbunden. Wenn Sie, meine Herren, Rischon le Zion, eine unserer schönsten Kolonien, besuchen, werden Sie dort einen der Gründer der Siedlung treffen, der Ihnen über die ersten Schritte erzählen wird und über die Hilfe, die dea Kolonisten seitens des englischen Konsuls gerade׳ bei den ersten Bodenkäufen zuteil geworden ist. Großbritannien und Palästina Ich beabsichtige nicht, eine Beschreibung der Ver* bundenheit Großbritanniens mit dieser s p ziel len F rage während der letzten 300 Jahre zu gebenJ Ich kann nur sagen, daß nach meiner Ueberzeugung die Balfour-Dekiaration nur ein letztes Glied Ist fn der Kette der Versuche, die von England gemacht worden sind, um unserer Sache zu helfen. Bevor ich schließe, möchte ich zwei oder drei Begebenheiten erwähnen, die der Balfour-Dekiaration vorangingen. Als wir unsere Arbeit im Jahre 1897 am ersten Zionistenkongreß begannen, da versuchte der damalige Führer der Bewegung, Dr. Herzl, mit dem Sultan wegen des Rechtes auf Rückkehr nach Palästina• zu verhandeln. Der Sultan sagte in seinen üblichen Weise weder ja noch nein. Aber die jüdische Frage wurde von Tag zu Tag schwieriger, und 1903 gab es einen Pogrom auf Juden in K i s c h i n e w, dem eine Pogromwelle auf Juden in anderen Städten Rußlands folgte. Die Hoffnungen, von der Türkei etwas Definitives zu er* halten, wurden immer kleiner, und der Führer der zionistisehen Bewegung hoffte ja immer, daß eines Tages England helfen wird. Josef Chamberlain war gerade von seiner Tour in Afrika zurückgekehrt und offerierte den J u ■ den ein Land, das man damals Uganda nannte. Die mächtigste Regierung der Welt behandelte sehr ernst unsere Bewegung,, die noch sehr weit von der praktischen Vorwirklidning ihrer Bestrebungen entfernt war. Ein Territorium wurde uns angeboten, das fast so groß ist, wie das Mandatsgebiet, 8000 Quadratmeilcn. Und soweit es mir bekannt ist — ich war nie dort — ist es ein gutes Land. Und wir hatten unseren Kopf in der Schlinge. Und doch, als dieses Angebot vor den Zianistcnkongrcfi gebracht wurde, entstand eine . das Land zu entsenden, um es kennenzulcmen. Die Minorität bestand meist aus osteuropäischen Juden. Wir lehnten ab! auch ich gehörte zur Minorität, und zwar aus einem Grunde: Es ist nicht Palästina, es wird es auch nie werden Wir schlugen damals einen Brief an Chamberlain vor, d.19 wir ihm für seinen Vorschlag außerordentlich dankbar sind! daß wir ihn aber ablehnen müssen. Wir warteten zweitausend Jahre, wir können auch einige Jahre mehr warten, und wenn die Zeit kommt, wird Gott sein Versprechen einlösen. Letzten Endes war das Angebot abgeleimt worden, und 12 oder 13 Jahre später hat Arthur James Baifaur, der Minister- Präsident des Kabinetts, das Uns dieses erwartete Angebot gemacht hat, uns die Bal'four-Deklaration erteilt- Lord Peel: Sie meinen wohl das Kabinett vom Jahre 1907? Dr. Weizmann: Nein. Dasjenige von 1903. Lord Peel: Ganz richtig. (Fortsetzung Seite 6) Hauptachriftleiter« Dr. Robert Weltsch, Berlin - Charlottenborg (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Loewenstein, Berlin W 18. Anzeigenlciter und verantwortlieh für den Inhalt der Anzeigen: Hermann W i n n, Berlin VV IN Gültig Anzeigen - Preisliste 8 vom L April 1938, Verlag und An* zeigenverwaltung: Jüdische Rundschau, Berlin W 15, Meinekestr- Dt A. November 35 125. —י Druck: Siegfried Schalem, Bln.-Schönebeq} I t