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Jüdische Rundschau · 1936-12-08 · Heft 98 (8.12.1936) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 98 (8.12.1936)
Date
1936-12-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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1Q.12.1S35 JÜDISCHE 7 7 / Preis 25 Rpf. RUNDSCHAU fccfcrlftleltang,Verlag 0• AnxoigeDVcrwaltnnp BurilnW 15, Melnekestr.ltl PtfVnit Sammil ■־ Nammar J1 (Biimarck) 9031״ — Bezugspreis einschließlich Bestellgeld[ je Monat RM 2,—, je Vierteljshr RM 5,75, bet Abholung RM 1,88 biw. RM S39. — Postscheck Konten der Vertriebs - Abteilung! Berlin 71573 (für Groß Berlin), Berlin 17392 (für das übrige Reich), in Füllen höherer Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter Bexugsgebührea. — Ericbelnt jeden Dlemtag and Freitif. BERLIN כ-ד כסלו תרצ״ז DIENSTAG, 8. DEZEMBER 1936 Gltltlgi Annelgenprelellate Nr• 5. Die 12 gespaltene mm Zeile 20 Rpf., föt Familien ־ Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen its bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewähr geleistet Gelegenheit»- anzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck •Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9 — 18 Uhr. Annahmeschlufi für die Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die F reita? - Ausgib« Mittwoch 13 Uhr. (Für Familien-Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das jddIsche Volk die Schaffung einer Öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Jüdisches Plaidoyer Volles stenographisches Protokoll der Zeugenaussage Welzmanns vor der Kgl. Kommission Im Zeichen des Glaubens Die Aussage, die Dr. Weizmann als Vertreter des jüdischen Volkes vor der Kgl. Kommission in Jerusalem in der öffentlichen Sitzung gemacht hat, liegt uns nun im vollen Wortlaut vor. Das Tribunal unter dein Vorsitz von Lord Peel verwandelt sich hier in die Vertretung der Welt-Oeffentlichkeit schlechthin, denn die Rede Dr. Weizmanns ist weit mehr als die Darlegung eines politischen Interessenstandpunktes in einem speziellen Streitfall. Sie ist ein großangelegter Versuch, einer nicht voreingenommenen ()Öffentlichkeit in wenigen Strichen ein Bild der Judenfrage zu geben, wie sie sich auf dem Hintergrund des Weltgeschehens abzeichnet. Diese Aussage ist ein klassisches ״zionistisches“ Dokument geworden, denn sie hat die Merkmale, die das Wesen der zionistischen Erkenntnis ausinachcn: nicht Jammern und Klagen über das Elend der Juden, nicht Rachegefühle gegen Judenfeinde, sondern der unendlich mühevolle Versuch, die Dinge zu verstehen, wie sie sind, den uns oft fast unentwirrbar erscheinenden Knoten zu entwirren, eine Erleichterung des drückenden Problems durch schöpferische Tat zu finden, die den Juden selbst eine Aufgabe setzt und die Welt von Bitternis und schwerer Last befreit. Dies ist ein überaus schwieriges Unternehmen, das große Kräfte und noch größere Geduld erfordert, eine Aufgabe für ein Volk, das an große Zeiträume gewöhnt ist. Wir sprechen hier nicht über die praktischen Einzelheiten, auch Weizinami hat in diesem öffentlichen Teii seiner Rede nur in sehr allgemeiner Form von den praktischen Problemen (wie Einwanderung, Bodenfrage, staatsrechtliche Form, Verfassung) gesprochen, die wohl den Fachrcferenten überlassen bleiben; gewiß liegen auf diesem Gebiete noch besondere Komplikationen, weil es sich darum handelt, einen gerechten Ausgleich mit den Ansprüchen des arabischen Volkes zu finden und ein harmonisches Zusammenleben mit diesem die gesamte Nachbarschaft Palästinas beherrschenden Volke vorzubereiten. Aber die prinzipiellen Linien der zionistisehen Anschauung sind von Weizmann klar herausgearbeitet worden. Wir feiern in diesen Tagen die Erinnerung an die Makkabäer, die um die Erhaltung des Volkes und seines Glaubens in einer sehr gefährdeten Lage kämpften und als Minderheit gegen eine große Mehrheit siegreich blieben. Ihr Sieg, vom Standpunkt der damaligen Politik gesehen ein geringes lokales Ereignis in einem abgelegenen Bergland, hat unvorstellbare Folgen für die Weltgeschichte gehabt. Oft ist darauf liingewiesen worden, daß die jüdische Tradition an diesen! Fest weniger die Kriegstaten als solche verherrlicht, als vielmehr die unbedingte Treue dieser kleinen Schar zu ihrem Gott und ihrem Volke und das Wunder der überlegenen Kraft, die der Glaube verleiht. Das jüdische Volk hat in einer zwei Jahrtausende wahrenden Entwicklung dann immer stärker die geistige Seite betont. Wenn wir heute dieses Fest feiern, so tun wir es in dem Bewußtsein, daß es auf diesen Glauben ankonnnt, der das Unmöglich- Scheinende möglich macht. Dieser Glaube weht uns aus den Worten Weizniaims entgegen. In einer Zeit großer Verwirrung innen und außen geht es darum, wie er sagte, die Energien unseres Volkes nicht in das Lager der Verneinung drängen /u lassen, sondern sie mit aller Macht für den Aufbau zu sammeln. In diesem Geiste feiern wir auch dieses Jahr das Chanukkah-Fest. Uebermittelt durch Der kleine Saal, in dem die Sitzungen der Kommission stattfinden, ist mit in- und ausländischen Pressevertretern und einigen geladenen Gästen überfüllt. Dr. Weizmann erschien in Begleitung der Herren M. Schertok und Leonhard Stein, die während seiner Zeugenaussage hinter ihm sitzen (siehe das von der ״J. R.“ in Nr. 96 veröffentlichte Bild). Pünktlich um 10.30 Uhr wird die Sitzung von dem Vorsitzenden, Lord Peel, mit folgender Frage eröffnet: Lord Peel: In welcher Eigenschaft erscheinen Sie hier? Dr. Weizmann: Als Präsident der ״Jewish Agency for Pal estine“ und der Zionistischen Organisation. Lord Peel: Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie uns ausführlicher sagten, wie die .,Jewish Agency for Palestine“ zusammengesetzt ist und in welchen Beziehungen sie zur Zionistischen Organisation steht. Die Jewish Agency Dr. Wehmann: Es ist Ihnen sicher bekannt, daß die Schaffung einer ״Jewish Agency for Palestine“ im Mandat vorgesehen ist. Ihre Aufgabe besteht in der Beratung und Zusammenarbeit mit der palästinensischen Administration in wirtschaftlichen, sozialen und anderen Fragen, die die Schaffung des Jüdischen Nationallleims betroffen. Das Mandat bestimmt auch, daß die Zionistische Organisation die Zusammenarbeit aller Juden anstreben soll, die keine Zionisten im eigentlichen Sinne des Wortes sind und die nicht in jeder Hinsicht die zionistische Weltansenauung teilen und alle jüdischen Probleme nicht im gleichen Lichte sehen, die aber am Aufbau Pal ä - s t i n a s interessiert sind. Kurz nach der Bestätigung *des Mandats haben wir die ^forderlichen Schritte un- 1ternommen und konnten im Jahre 1929 die heute bestehende Jewish Agency schaffen. Die Jewish Agency setzt sich aus zwei H ii 1 f t e n zusammen. Die eine Hälfte besteht aus der Zionisti- Dr. Weizmann Fot«: Arch» sehen Organisation und die andere aus verschiedenen Gruppen von Juden, die nicht in der Zionistischen Organisation vereinigt sind, aus Juden in Amerika, England, Polen, Deutschland und anderen Ländern, die an Palästina interessiert sind. Ich würde Euer Lordschaft gern ein Exemplar der Verfassung der Jewish Agency, aus dem Sie die Struktur der Agency ersehen können, überreichen. Es gibt einen Council der Jewish Agency, der aus 50 ״/o Zionisten und 50 ״/o Nichtzion isien besteht. Dieser Council wählt ein Administrative Committee, das nach dem Fifty-Fifty-Prinzip zusammengesetzt ist. Die zionistischen Mitglieder werden durch den jede zwei Jahre zusammentretenden Kongreß gewählt. Ke nichtzionistischen ״Palcor“, Jerusalem Mitglieder werden in den meisten Fällen durch ihre entsprechenden Gruppen bestimmt. Lord Peel: Sind das immer die gleichen Persönlichkeiten? Dr, Weizmann: Im großen und ganzen ja. Lord Peel: Hat das Administrative Committee seinen normalen Sitz in Palästina? Dr. Weizmann: Das Administrative Committee fiat eine Exekutive, die hier versammelt ist. Zur Zeit zählt die Exekutive 8 zionistische und 3 nichtzionistische Mitglieder. Lord Peel: Hat diese Exekutive ihren ständigen Sitz in Palästina? Dr. Weizmann: Mit Ausnahme von 2 oder 3, die in London leben, die jedoch auch sehr beweglich sind. Ich selbst verbringe die Hälfte meiner Zeit in London, und die Hälfte hier, und wenn es notwendig ist, komme ich stets hierher. Lord Peel: Werden die Geschäfte durch die hiesige Exekutive geführt? Dr. Weizmann: Ja. Diese werden in Palästina durch die hier ansässigen Exekutivmitglieder geleitet. Zwei oder drei Exekutivmitglieder sind fast immer in London ansässig. Lord Peel: Sowohl Zionisten wie Nichtzionisten? Dr. Weizmann: Im Augenblick gibt es keinen Vertreter der Nicht/ionisten in London, aber das ist nur ein Zufall. Lord Peel: Sie sprechen also hier nicht nur als Vertreter der Jewish Agency, sondern auch im Namen der Zionistisehen Organisation? Dr. Weizmann: Jawohl. Ich bin Präsident beider Körperschäften. Sir Horace Rumbold: In welcher Weise beeinflußt die Zusammensetzung des Administrative Committee die Exekutive? Sie sagten, es gäbe dort nur drei Nichtzionisten gegen acht Zionisten. Dr. Weizmann: Die Nichtzionisten haben das Recht, acht Mitglieder zu wählen. Lord Peel: Ist es richtig, daß wir das Dok um ent, das ich jetzt in Händen habe und welches ein Memorandum über die zur Diskussion stehenden Fragen ist, im Namen der Jewish Agency erhielten? Enthält dies auch das Dokument, das uns in London vor unserer Abreise überreicht wurde? Dr. Weizmann: Ja. Lord Peel: Bitte, Dr. Weizmann, setzen Sie Ihre Erklärung fort. Dr. Weizmann: Ich möchte ihnen die Grundlagen der Bewegung, die ich die Ehre habe, heute vor Ihnen zu vertreten, darlcgen. Ich werde mich bemühen, Ihre Freundlichkcit nicht zu mißbrauchen und so kurz wie möglich darstellen, worauf sich die zionistische Bewegung aufbaut. Vor allem möchte iclt Sie mit dem jüdischen Problem, wie es heute besteht, bekannt machen. Die Judenfrage Es ist ein zweifaches Problem: Es ist ein Problem., das am besten in einem Wort ,msgedrückt werden kamt: Heimatlosigkeit eines Volkes. Dabei liegt es mir daran, fcstzustcllcn, daß es wohl einzelne Ju len und einzelne jüdisehe Gruppen gibt, die eine Heimat haben, und manchmal auch eine bequeme Heimat Wenn man an die kleinen jüdif sehen Gemeinschaften in Westeuropa, wie z. B. England, Frankreich, Schweiz, Italien, Belgien und Holland denkt, sind diese jüdischen Gemeinschaften, verglichen mit denjenigen der Juden in Zentral- und Osteuropa, recht gut daran. Dann gibt es noch die große jüdische Gemeinschaft in Amerika, die wirtschaftlich und bis zu einem gewissen Grad politisch und moralisch in einer zufriedenstellenden Lage ist. Wenn Sie jedoch die Linie weiter östlich verfolgen, finden Sie die Juden in einer wirtschaftlichen und politischen Lage, die, wenn ich mir gestatten darf, etwas zu sagen, was nicht im mindesten übertrieben ist, etwas ist, das weder Leben noch Sterben ist. Wiire die Situation in Europa heute so, wie sie im Jahre 1911 vor dem Kriege war, und stünden die Wege Europas und der Welt im allgemeinen offen, so wären wir Zeugen einer Judenwand erung, die wahrscheinlich viel größer gewesen wäre, als die der Vorkriegszeit. Und diese Wanderung war keineswegs klein. Im Jahre UM wunderten aus Rußland, das damals Polen umfaßte, etwa 1201)00 Juden in einem Jahre aus, zumeist nach Amerika. Diese Einwanderer konnten dort in den hoch entwickelten Indtistiien tintergehraeiit werden und fanden ihre Existenzmöglichkeit meist sofort nach ihrer Ankunft. Dies, meine Herren von der Konimissinn, kann heute nicht mehr geschehen. Die Welt ist geschlossen, und wir hörten letztens den polnischen At1l״ nm111i~t! r, < liierst Beck, in einer seiner Aetißerungen in (iciif «;!;.:011, daß es eine M i 1 I i o n J 11 <1 e n zuviel in Pol e 11 gibt, I \ ist hier nicht der Ort, in eine Diskussion mit < י ber-t Hak eia/u!1 eten darüber, warum gerade eine Million luden. Sind sie doch Bürger Polens und mit diesem 1 atide seit tausend Jahren eng verbunden. Haben sie doch das wechselvolle Schicksal der polnischen Nation miterlelu und ihm alles im gleichen Maße wie die Polen selbst geopfert. Warum soll!11,in gerade sie als überzählig hervorlicbett? I >! , I age 111 der Welt durfte dein Obersten Beck wie jedem ge,., deten /.citungsk-ser bekauilt sein. Wohin können sie gehen? Gibt es einen ( >rt in der Welt, der rasch eine .Million Menschen absorbieren kann? Soll der arme polnische Bauer, der diese Erklärung seiner eigenen Regierung höit, nicht glauben, daß diese Juden ihm im Wege stellen und daß er sie 1 (»werden mit 15? Ich will die Zeit der Kommission mit der Schilderung der Lage der Juden in Deutschland nicht in Anspruch nehmen. Diese Dinge sind allgemein bekannt. Polen und Deutschland zusammen umfassen etwa 3 (>00 000 Juden. Gehen wir weiter und nehmen wir die Juden Rumärtietts, Lettlands, Litauens und Oesterreichs. Ein vollständiges Bild jüdischen Elends rollt sich vor unseren Augen auf. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß etwa 6 000 tlitO in diesem Teil der Welt leben — ich denke dabei nicht an die Juden in Marokko, Persien und Jemen, die noch stumm sind — die dazu verurteilt sind, an Orten zu leben, in denen sie nicht erwünscht sind. Die Welt ist für sie geteilt in Gegenden, in denen sie nicht leben können, und in solche, in denen sie unerwünscht sind. Lord Peel: Beziehen sich die in Polen geschilderten Verhäifnisse auch auf die anderen Länder, die Sie erwähnt haben? Dr. Weizmann: Mit gewissen Abstufungen kann man diese Frage bejahen. Lord Peel: Und was ist mit Rußland? Die Lage in Rußland Dr. Weizmann: In bezug auf Rußland: es gibt dort etwa 2 000 000 Juden, aber wir stehen in keiner Verbindung mit 'ihnen. Rußland ist heute ein geschlossenes Land. Zur Zeit hat sich dort die Luge materiell gebessert, aus dem einfachen Grunde, daß dielenigen, die durch den neuen Staat nicht . absorbiert werden konnten, ausgestorben sind oder vernichtet wurden. Die jüngere Generation ist unter die

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