Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 97 (4.12.1936)
- Date
- 1936-12-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 97, 4. XII. 1936 Um die Religion Prof. Dr. Bruno Kisch, ״Gottesglaube und Naturerkenntnis“. Verlag S. Neumann, Frankfurt a. JVt. 1936. Dr. Nathan Birnbaum, ״Rufe. Sieben Aufsätze“. Uitgeverij ״Mcssilo“, Antwerpen 1936. Mit stärkerer Kraft als in vergangenen Jahrzehnten werden religiöse Auseinandersetzungen in unserer Zeit wieder aufgcnommcn. Einstweilen ist der Kampf der Orthodoxie gegen diejenigen, die sich vom Religionsgesetz gelöst haben oder nur in loser Beziehung zu ihm stehen, meist ein Kampf der Vergangenheit gegen eine anders gestimmte Gegenwart. Mit ancK'cn Worten: was von der Orthodoxie an Argumenten Walter Pr oskauer UU&-UHdwU Schicksalsfragen und Gottes- * mitwort ..M ״ Im besten Sinne aktuell für die Jaden der Gegenwart. — Hei Bramlus, Berlin W 50 vorgebracht wird, trifft vielfach deshalb nicht die Angesprochenen, weil es von einer ganz anderen Ebene herkommt, Mit besonderer Aufmerksamkeit wendet man sich deshalb Büchern mit religöscr Richtung zu, die über den gewohnten Rahmen hinaus Altes und Neues zu verbinden wissen. Mit besonderer Eindringlichkeit versucht Bruno Kisch, der Kölner Naturwissenschaftler, in einer Reihe von Kapiteln nachzuweisen, daß moderne Naturwissenschaft und der Glaube an die biblische Offenbarung einander nicht widersprechen, üottcsglaube und biblische Wahrheit, so ist seine Grundthese, sind nicht durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu widcilegen. So zeigt Kisch, daß die biblische Naturauffassung (/, B. die Anschauung der Bibel über die Entstehung der Arten) nicht im Widerspruch zu unserem naturwissenschaftlichen Wissen steht, weil die Deszendenztheorie noch nicht bewiesen ist. Dali /. B. im Schnplungsbericht von einem Nacheinander der Schaffung der Arten die Reale ist, ist nach Kisch ״eine Behauptung, die die Paläontologie wissenschaftlich ausreichend bestätigt hat“. Etwas verwundert ist man über den heftigen Kampf Kischs gegen Hacckcl und seine materialistische Betrachtungsweise; zumindest in der ( icisteswissenschaft hat man diese Linie längst seit iiher zwanzig Jahren verlassen. Was das Buch von Kisch vor allem aus/eiclmct, ist neben seiner vor/ügliclieii Bibelkcnntnis die Energie, mit der er, ein bekannter Naturwissenschaftler, sieh für die Sache der ungebrochenen Religion einsetzt, aus deren Ucbt'rlieferangen er viele schone Erkenntnisse auch für den heutigen Menschen heraushuh, in die er aber auch unleugbar manches hineinlegt, was de־׳ unbe'angene Betrachter nicht immer als berechtigt einschcn kann. Das Buch von Kisch gipfelt in der Forderung, daß alle Seiten jüdischen Lehens, ,,das Land als unser Land, (las Volk als unser Volk, jüdisches Geistesgut als unser Geistesgut'‘, von dem Bekenntnis zu Gott und Lehre getragen werden müssen und daß es heute gilt, diesen urjudischen verlorengegangenen Boden wieder- «!gewinnen und ein ״urwüchsiges Judentum wieder zu lernen und zu leben*‘. In der gleichen Richtung, wenn auch mit anderen Akzenten, liegt das Buch von B i r n b a u m, das eine Zusamtnenstcllung von Aufsätzen darstellt, die in der von ihm redigierten Zeitschrift ״Der Ruf“ erschienen sind. Was diese Aufsätze auszeichnet, ist der weltoffenc Blick des Verfassers, der immer wieder auf die Schwächen der Orthodoxie hinweist: ihre Weltfremdheit, ihre Zusammcnhanglosigkcit mit der heutigen Kultur und den breiten Massen, ihre Ablehnung mancher sogenannter ״weltlicher“ Werte und vieles andere, das ihr den Weg zu den Merzen versperrt. Als die vesentliehet» Forderungen Birnbaums sind hervorzuheben: der Ruf nach einer geistlichen Z e n t ra 1 a u t o r i t ä t, die in der Lage wäre, das jüdische Gesetz den Erfordernissen des Lebens wieder anzupassen, und die Forderung eines energisehen Vorstoßes in die jüdischen Massen: ״Sturm auf die Seelen der Aufgewühlten, der Suchenden!“ Daß bei einen! Mann wie Birnbaum aus jeder Zeile eine außerordentliche Güte hervorleuchtet, ist selbstverständlich für jeden, der ihn kennt, So glauben wir, daß die beiden angezeigten Bücher typisch für die heutige Lage der Religion sind, die ihr Recht auf einen Totalnatsanspruch in sieh fühlt, aber doch zugleich sich darüber klar wird, daß die bisherige Form religiöser Propaganda nicht mehr genügt. Dr. N. Die kürzlich bei uns besprochene Dissertation von A. Berger: ״<iemeinsehaft und Gesellschaft in der Geistesgeschichte des Judentums“ ist als Buch im Verlag Kcdem, ('har!! dien bürg, heriitisgekommcn. Zu der Besprechung ״Halachischer Midrasch“ (״J. R.“ Nr. OP) ist nach/utragen, daß seit 13')I noch weitere Sifre- Ausgaben 13()() und 1391, sowie 1025 ein Neudruck der venezianischen Ausgabe von 1515 erschienen. Schach Bearbeitet von J. Miese• Schach in Palästina Aus dem im Oktober abgehaltenen Turnier zu Tel-Awiw um die Meisterschaft von Palästina ging (wie bereits geincldet) Czerrriiak mit 81/2 Zählern aus zehn Partien in glänzender Weise als erster Sieger hervor. Er hat keine einzige Partie verloren. Den zweiten und dritten Preis teilten Blaß und Foerdcr mit -f- 6(4, den vierten und fünften gewannen gemeinscliaftlieh Kleinstein und Labunski mit + 6. Dann folgten: Dobkin 5(4, Macht 41־ ׳ Weil 31/2, Rauch und Mendelcvitsch 3, Rosenbaum 1(2• Nachstehend geben wir eine der interessantesten Partien dieses Turniers. Atechins Eröffnung. Dobkin Well Weiß Schwarz X. c2—c4 S g8—f6 2. c4—05 S (6—<!5 116—15) 8 4׳1—02 .3 4. d2—<14 d7—cl0 5. r5Xd6 07Xd6 Meist wird mit dem Königsbauern ivicdcrgcrvonimcn, aber auch der Textzug ist recht wohl spielbar. 6. (14—-d 5 . Diese Behandlung der Eröffnung sieht vielversprechend aus. ihr Wert wird aber gerade durch den Verlauf dieser Partie in Frage [׳('stellt. R7—R6 L i'8—g7 L g7Xd4 7. L cl—03 3. I. c514־—3׳ S. DdlX(14 N'tm hat Weiß, wie cs scheint, das Ziel seiner Wünsche er• reicht: Schwarz mußte seinen wich'igen Konigslatifer abtuu- (eben, lind der schwarze Königsiliigcl ist durch g7—g0 gc- «liwärht. Das weitere Programm lir Weiß lautet also offenbar: ange Rorhade und dann Bau- .׳rnsturm auf dem Knnigvfl'igfl. Die Partie nimmt aber sogleich -ine überraschende Wendung. >. 0—0 10. S bl—c3 .... besser ist S bl-—<12. 10. c7—05! Ein geistreiches und durchaus uichhalt iges Manöver, wodurch Schwarz erhebliche Gcgcnchancen erlangt. 11. d5Xc6 .... Auf das Nehmen dieses Bauern durfte sieh Weiß nicht einlasscn. Nach 11. I) d4—(12 würde dann Schwarz das Spiel mit f7—f5 fiirtsctzcn- 11 . S b8—c6! Das ist die sehr interessante Pointe des ganzen Manövers. Weiß befindet sich nun ,.zwisehen Scylla und Charybdis“. -Nimmt er den f-Bauern nicht, sondern spielt 12. D (14—ci2, so folgt 12. L c8—c0, 13. 1>2—113. und Schwarz hat seinen Vorsprung in der Entwicklung. 12. e6Xf7f . Diese Fortsetzung wird durch den weiteren Verlauf der Partie drastisch widerlegt. 12 . T f8Xf7 13. D <14—(12 D c!8—eBf! 14. K cl—dl .... Hätte Weiß im 10. Zuge den Springer nach d2 gezogen, so würde er das Feld c3 für die Dame frei gehallt haben und -02 geschehen Stellung nach dem 11. Zuge von Weiß es hätte jetzt L flkönnen. 14. L c8—~e6 15. S c3— d5 S c6—c5! 16. b2—b3 T ,18—c8 17. T al—el S b6Xd5 18. c4Xd5 Tc8Xclt 19. K dlXcl T f7—c7f 20. K cl— dl . Falls 20, K cl—bl (b2), so 20.. L c6—15 mit der Drohung T «7—c2. 20. ... . L c(5—f5 21. D d2—c3 De8—17! 22. S gl—13 . Schwatz hat seine Angriffschaucen vortrefflich ausgenutzt; eine auch nur einigermaßen befriedigendc Sjiielweise für Weiß dürfte nicht mehr vorhanden sein. 22. S e5Xf3 23. D 03Xf3 L f5—g4! Der Todesstoß. 24. D (3Xg4 D f7Xd5f Weiß gibt auf, denn auf 25. K dl—c 2 folgt 25. T c7— c2f, 26. K 02—c3, T c2—cäf und matt in wenigen Zügen. Eine vom Führer der schwarzen Steine ausgezeichnet gespielte, sehr wertvolle Partie. Aus jüdischen Schachvereinen Städterücksplel Breslau-—Brieg. Nach einem unentschiedenen ersten Kampf in Breslau trafen am 18. November in Brieg die Mannschäften der jüdiwhen Schachvereinigungen von Breslau und Brieg im Rückspiel aufeinander, das an neun Brettern durehgefiihrt wurde und die diesmal bedeutet!!! stärker aufgestellte Breslauer Mannschaft .sicher mit 71: 2/יJ :׳!'unkten siegreich sah. Lediglich an den ersten beiden Brettern (!) konnte Breslau keinen Sieg erzielen. Geberra.sehendcrwcise wurde der Breslauer Spitzenspieler Harnik von l)r. Böhm (Brieg) geschlagen. Harnik, der an diesem Tage schwacher als ■ .KarcI Palästinensisches Liebeslied gehört von A. HarzfcUl, Erez Israel Alle Rechte Vorbehalten Nachdruck verboten Ch. Winawcr drf - ta " ja ׳71 __- ... *ehr Je - .<0(7 }a.J kteJL׳־)/•«.e--de-efy4 *>/׳.*// *{v 4 “fe־j i-ך־ .. - deh_ mi-A'ff! id.e. dr d i—4Jr- J. J sr))e - AcA) j. Id *eh* - f-j. nt-d - efyd. reefyj— n t - e rrtj n <i 4. :«ף===ך== -J\tr, *J jrfyc-id-ta d.}j ar/f ,rar_adjrfe. - Ja t, *70׳ d . mad-fa zbV.va . re.— . ___ Wie ein Vogel auf freier FIcicI’ Ahnte ich nichts von trüber Zeit; Doch dann kamst du, und mit dir kam das Leid. Doch dann kamst du, und mit dir kam das Leid. Doch dann kamst du, — und ich ward schwach, Du zogst mich zu dir, ~ ich gab nach. Du warst es, der die Treue mir versprach. 1)11 warst es, der mir Wort und Herze brach. (Deutsche Nachdichtung von Mascha Kaleko) lllllllllllllllMlillfillfllllllllllllllllllillllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllffl gewöhnlich spielte, verlor bald nach Beginn einen Bauern und Dr. Böhm verstand diesen Gewinn durch glänzendes Findspiel zum Siege zu verwerten. Am zweiten Brett konnte Krale (Brieg) gegen Biclschowsky (Breslau) nach schönem Spiel ein Unentschieden und damit einen weiteren Punkt für Brieg erreichen. Durch die kürzliehe Vereinigung der Schachabteilung des Bar Kochba Breslau mit der Jüdischen Schachvereinigung Breslau hat die letztere eine weitere wertvolle Verstärkung erhalten und wird auch zu dem kommenden Schachkongreli in Frankfurt einige Vertreter entsenden. Dbg. Am 29. November spielten in Düsseldorf die Schachmann, schäften von Makkalii Düsseldorf und M.-GladbacL gegen die starke Mannschaft der Schachgemeinschaft Gelsenkirclien im Schild. E5 war ein vollkommen ausgeglichener Kampf. Die Entscheidung fiel erst in letzter Sekunde, und zwar am 1. Brett, wo sich die bekam!, teil Spitzenspieler Dr. Löwcntlial, Gelsenkirclien, und Flörsheim, M.. Gladbach, einen scharfen Kampf lieferten, der zugunsten des letzteren endete. Hierdurch siegte Makkabi Düsseldorf und M.-Gladbach mit 11(2:10)4 Punkten. Nathan Bistritzki, der hebräische Autor des von! Kultur, bund angeführten Dramas ״SchabbathaJ Z ’ w i f“j richtete an den Uebersetzer dieses Bühnenstückes ins Deutsche ein Schreiben, in dem er sich u. a. auch über die deutsche Uebertragung äußert. Wir entnehmen diesem Schreiben f01gende charakteristische Sätze: ״Nachdem ich die mir vom Kulturbund übersandte deutsche Fassung meines Dramas ,S, Z.‘ gelesen habe, empfinde ich es ais ein wahres Herzens• Riir*har7 Buchhandlung Martin Salomon I■# 14 V# I I W I ■ Berlin NO *3, N#u« KönigflraO•?» / Taiaphon: E 3 2635 bedürfnis, Sic zu Ihrer großartigen Leistung zu beglück• wünschen. Ich habe den Eindruck, daß Ihre Uebertragung keine Uebcrsetzung schlechthin, sondern eine künstlerische Nachdichtung darstellt. Sie ist äußerst genau und gibt doch in nicht geringem Maße jenen Rhythmus wieder, der dem Original eigen ist — ein bewundernswertes Zusammen• treffen, das man nicht häufig bei Uebcrsetzungen findet Uebcrhaupt zeugt Ihre Arbeit von großer Treue und außerordentlichem Verantwortungsgefühl der gestellten Aufgabe gegenüber. Weiß ich doch am besten, wie schwer es war, dieses Drama in andere Sprachen zu übertragen, und erst recht — ins Deutsche. Wenn cs Ihnen trotzdem gelungen ist, diese Schwierigkeiten in hohem Maße zu überwinden, so gebührt Ihnen besondere Anerkennung.“ Städtchen sausen. Kaum entzündet, ohne Künste und ohne besondere Anstrengungen flammt das Birkenholz, geraclcswegs frisch vom Walde, in! Ofen auf, steigt der Hauch im Morgendümmer aus den Schornsteinen zum Himmel. Amerikanische Knrtoffcln, schwere, stattliche Kartoffeln werden geschält; wenn sie zu kochen beginnen, platzen appetitliche, mehlige Risse auf. Eindringlich knirscht der lange, nachdenkliehe Brunnen Schwengel auf dem Marktplatz. Tage der Fülle im Städtchen. Unter den Marktleuten auch Juden aus der fernen Umgegend, braungebrannte Dorf- Jude» in Buuernka puzen. Aus ihren offenen Pelzmänteln, die schief von den Schultern herabhängen, weht ein fremder Geruch ins Städtchen, Geruch von Petroleumöfen und ewigen Wäldern, die bis zu den polesisehen Sümpfen reichen — und weiter. Ein solcher Dorf jade, der gekommen war, um den neuen Rabbi zu sehen, hatte außer einem Sack Erbsen eine große Gans nutgebracht, eine weißfedrige Gans. Als die Alle ihr die Füße aufgebunden hatte, steckte sie Kopf und Hals zugleich in den Hühnerstnll und fraß der Henne ■das Futter weg, selbstbewußt und seclenruhig wie fette und gleichmütige Wesen, wenn sie sich ül>er Eigentumsrechte anderer hinwegsetzen. ,,Mit diesen da werdet ihr sie masten!“ Der Bauer wies mit dem Peitschenstiel auf den Sack Erbsen, indem er abwechselnd zu dem hohen Bücherschrank aufsuh, der bis zur Decke reichte und zur Rebhezin empor. In dem feinen, schwarzen Sammetkleide erschien ihr Gesicht noch zarter, ihr lockiger Scheitel noch goldener. Die alte Wirtschafterin hafte ihre Kupfcrhrille auf die Nase geschoben, eine Handvoll Erbsen aus dem Sack gegriffen und mit sich beschlossen, daß ״solche“ Erbsen für etwas ganz anderes aufbewahrt werden, für Freudentage, Glückwunscbzciten! Sie wiegte den Kopf vergnügt hin und her, nahm die Brille ab und legte sie ins Etui zurück. Als die Rebhezin abends bei der Lampe saß und mit der Hand Über diese etwas feuchten, glatten Erbsen strich, überlief sie ein ungckannler süßer Schauer. Noch einige Wochen und dann kamen zarte, entwöhnte Kälbchen und die ersten Milchprodukte. Auf dem Käse, der in breiten llauemgcläßen hereingebracht wurde, lag manchmal eine dünne Reifsehicht, die heim Abnehmen leise knisterte. Ehe man ihn knetete und zu Laiben formen konnte, mußte er an den Ofen gestellt werden, bis er zergangen und weich w!1 r. Dann durchzog das Haus ein besonderer säuerlicher, frischer Duft; der erste Bote vom nahenden Frühling. Leicht wie gleitende Schlitten flogen jetzt die Tage dahin. Schließlich kamen auch die Abgesandten der Jeschiwoth im Städtchen an, edle Männer mit Bärten, in rabbinisehen Prachtmiinteln. Mit besonderem Hammer, an dem auch nicht der kleinste Rostfleck war, nahmen sie die verschiedenen Blechbüchsen ab, ordneten die kleinen Münzen reihenweise auf dem Fische. Nackt und leer blieb die Stelle zwischen den Nägeln an der weißen, feuchten Wand. Im Wochenabschnitt war jetzt das Ende von Pharaos Starrsinn gekommen und seiner Weigerung, die Kinder Israel ziehen zu lassen. Die Plagen kamen Schlag au£ Schlag, schwer und mit unerwartet schlimmem Schluß. Nach dreitägiger Finsternis die letzte, die niedcrschmetterndc Plage: das Sterben der Erstgeborenen, völlige Verwirrung. Mitten in der Nacht werden Mosche und Aharon vor den Pharao gerufen; eilig, überstürzt müssen die Kinder Israel heraus, noch che der Brotteig säuern kann. Als sie bei Pi-IIachiroth vor Hanl Zefon lagern, trifft allerdings noch ein unliebsames Ereignis ein. Sie sehen auf und siehe, Aegypten hinter ihnen 11er! Aber im selben Augenblick kommt Hilfe. Die Wasser spalten sich, und vor den Verfolgern wird das Meer zum Festland, Pharaos Rcitersehar sinkt wie ein Stein in die Tiefe, und siegreich ziehen die Kinder Israel weite!־. Es war am Morgen des Schablmth Schiruh. An den Fensterscheiben im Bethaus schmolz die Eisschicht während des Betons, Die 1■ ״■־־•:nfal'endcn Sonnenstrahlen I ׳• •xLiicnci die zwei!•,"■'־'■ ■ I öw-cn, die sieh, wie gי ין״; ' '!.׳ ■ Rinder auf de,‘ Höhe der heiligen Lade, über dem Verbarg dnhinstvc■ ■> An. Das Deboralied wurde gelesen; ״Lauter als die Wasserverteiler zwischen den Brunnen, verkündet man dort die Gerechtigkeit Gottes.“ Vom Himmel her wird gekämpft, die Sterne in ihren Bahnen kämpfen gegen Sisra. Mittags, als man die Türe öffnete, um den Vögeln Brei hinzuwerfen, drang ilir Zwitschern 111s Haus und verbreitete ringsumher eine andere Stimmun(׳, Frühlingsstimmung. Nun mußte er kommen! Zeichen des nahenden Frühlings waren auch die neuen Ilolzgcräte, die — noch etwas später — aus den Dörfern zum Verkauf hcrcingcbracht wurden. Jetzt holte man die roten Rüben aus den Winkeln hervor. In reinen Leinenschürze« kamen die Frauen, mit den eisten Fragen in bezug auf die Peßachvorschriften. Während der Rabbi oben am Tische in den Büchern forschte und sann, konnten sie sich an der jungen Rebhezin nicht satt sehen, die jetzt nach der Entbindung schlank und eher noch größer erschien und so schön war in ihrem weiter., faltigen Kleide aus feiner Wolle, von großstädtischer Eleganz und frauenhafter Anmut zugleich. Eines Tages trat die Itebbezin in diesem Kleide aus dem Hause, ein dünnes, gehobeltes Brett in der Hand, das nur von einer jungen Esche sein konnte. Die tropfenden Gärten lagen in schimmerndem Licht. Hinter den Zäunen krähten junge Hühnchen frühlingiicli klar und kurz. Die junge Rebbczin hob das Brett empor, machte oben an der Mauer ein Zeichen an der Stelle, wohin das Regal zum Trocknen der Käselaibe kommen sollte und schlug dann mit eigener Hand die Nilgel ein. Die Hammerschlüge weckten den Säugling in der Wiege auf. Er strampelte gegen die Decke und brachte dabei ährtliehe Laute hervor, wie das Frühlingsbäclilein, das am nahen Abhang he^abrauschte. Als die Rebhezin diese Laute vernahm, eilte sie in die Gemeindestube zurück, trat an die kleine Wiege, die ganz ebenso duftete und aus demselben Holze war wie die Peßachgeräte, beugte sich darüber und blickte hinein. Auf ihren Lippen erschien ein Lächeln, das nach und nach ihr ganze? Gesicht erleuchtete, dieses Lächeln, das erste, was wir, die Kinder des Rabbis von Schuschikowka. auf dieser Welt erblickt haben.