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Jüdische Rundschau · 1936-12-04 · Heft 97 (4.12.1936) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 97 (4.12.1936)
Date
1936-12-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 97, 4. XII. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 ״Sommernachtstraum“ Kulturbund Einige Anspielungen besonders am Schluß des Stückes lassen vermuten, und die Ueberlieferung bestätigt diese Vermutung, daß der junge Shakespeare nach mehreren dratnatischen Fingerübungen seine erste große und der Unsterblich• keit würdige Komödie für eine aristokratische Hochzeit am Hofe Elisabeths geschrieben hat. Was der große Pan unter den Dichtern auch noch an Zaubereien vollbracht haben mag, dieser Festcharakter unterscheidet das Werk von allen seinen späteren. Komödien. Und darum braucht es auch Musik und Tanz, ein Oesaintkunstwerk, das uns aut alle Arten ent• zückt, bunter als ein Regenbogen, leichter als die Luft, dabei tief und bedeutend — eben ein Traum. Es soll gleich gesagt werden, daß sich diese Wirkung gestern auch eingestellt hat; es war ein Volltreffer, der beste Abend, den das Theater des Kulturbunds bisher gebracht hat. Die Ehe der Shakespcarcschcn Komödie mit der Men• delssohnschen Musik dauert nun schon über kuiulcrt Das ״Spektakulwri“ mi - * Jahre, und sie Ist sehr glücklich geblieben. Der damals noch sehr junge Meister Felix hat sicli da ein Denkmal dauernder als Erz gesetzt. Es gibt dann allenfalls noch den Peer Oynt, mit dem sich die Musik seines Nachfolgers Grieg ebenso untrennbar verbunden hat. Die Hand von Kurt Singer verbürgte eine Ausführung, zu deren Ausdrücklichkeit und Zuverlässigkeit man sich an den zarten träumerischen Stellen allenfalls noch mehr Süßigkeit und einlulicnden Zauber hinzu• denken konnte. Das Stück hat vor allem den Vorzug, daß es nicht von Pausen zerrissen wird, daß der Dichtertraum auch während der Umbauten durch die Musik erhalten wird bis zu dem seligen Weckruf und Jubel des Hochzeitmarsches, In diese Einheit von Dichtung, Musik und Tanz muß sich die Aufführung hineinbetten, damit es ein seliges Träumen und glückliches Erwachen geben kann. Der Bühnenbildner Heinz Cond eil hat noch nie so gut gearbeitet. Dazu gehört, daß die Dekoration nicht für sich selbst da sein will und daß vor allem der Bühnenbildner nicht vor dem Regisseur da sein durfte. Die drei Elemente des Stückes sind innig gcseilt worden, der Palast des Theseus, der sich als eine leichte Art von griechischem Empire bekannte, dann das derbe Treiben der Handwerker, die Komödie in der Komödie spielen, und vor allem das Waldweben mit den Irrlichtern, Elfen, Kobolden, mit all den holden Schrecken der Nacht, die des Menschen Sinn verwirren, die ihn, den Sohn des Geistes, wieder an das Herz der Natur legen. Auf dieser technisch gewiß unzulänglichen Bühne haben Regisseur und Bühnen- Bildner mit den einfachsten Mitteln gearbeitet, die immer die besten sind. Der Wald bestand im wesentlichen aus einem schön gemalten Prospekt, den das Spiel von Wolkenschleiern geheimnisvoller machte; davor ein paar Hügel, die durch einen gefallenen Baumstamm wie durch eine alte Naturbrücke verbunden waren. Vor diesem Hintergrund nur ein plastischer Baum, der sich als außerordentlich geschickte Anordnung für das Liebesnest von Titania und ihrem Zettel in Esels• gestalt erwies. Sehr fein auch, daß ihr Oberon sich nicht umständlich versteckt, wenn er das ungleiche Liebespaar belauschen will; er dreht sich einfach um und sieht dann auch aus wie ein Baumstamm. Dazu gehören Einfälle, und Phantasie ist besser als Technik. Alles, was ich bisher gesagt habe, soll Lob und Dank für den Regisseur Fritz Wistcn bedeuten. Endlich der lang Vermißte, der sich für alles, was in seinem Reiche geschieht, verantwortlich fühlt und der zu regieren weiß über Kulisse״, Kostüme, Beleuchtung und vor allem über die Menschen. Besonders die jungen sind mm in einer zugleich festen und elastischen Hand. Dieses wie Vogelgezwitscher slimmcnrcichc Stück hat im Grunde nur zwei Rollen, die eine sehr persönliche Gestaltungskraft fordern, den Zettel und den Puck. Wie schon der originelle Sultan im Schabbatai Zwi vermuten ließ; Alfred Berliner ist ein ausgiebiges komisches Talent. Wenn sein Zettel alle Rollen von ״Pyramus und Tliisbe‘‘ spielen will, so ist es seine Phantasie, die Hin antreibt. Ein Stichwort entzündet sie. Dazu die liebenswürdige Unschuld der Dummheit; er darf es eben nicht weit bis zum Esel haben. Und er muß vor allem träumen können. Berliner hat diese Gabe auf ganz eigene Art, und wenn er einen seiner berühmten Vorgänger gesehen haben sollte, so hat er keinen nachgemacht. Der Puck verlangt einen sehr reifen Schauspieler, und da er keine Mannsfigur haben darf, wird er wohl nach einer riehtigen Ueberlieferung von Frauen dargestellt. Das Publikum hat den höchstens!"jährigen, sehr sympathischen und gewiß begabten Wolfgang Bernstein schnell lieb gewonnen in seiner jungenhaften Springlebigkcit. Einen entschiedenen Schliff hat dieser Kobold noch nicht, und der Umgang mit Shakespeare will gelernt sein. Shakespeares Sprache ist ein Wundcrknäuel, und ein Anfänger wird noch lange daran haspeln müssen. Muster der Sprechkunst und nicht nur durch ihr schönes dunkles Organ war Gerda Klein mit ihrem Oberon: ein kluger, vornehmer und märchenhafter König der Elfen. Daneben die sehr liebliche Titania von Elfriede B o r o d k i n. Ihre Elfen, unter Führung von Ncl y H i r s c h, ertanzten und erschwcbtcn sich auch ihren Erfolg, und als Sondcrüberrasclumg ließ sich Rita A 11 a s z aus dem Waidesdunkel hören. Für die Liebespaare ist der Regisseur verantwortlich, der sie zu verwirren und zu verhetzen hat. Sehr amüsant, wie Wistcn die beiden wackeren Liebhaber, den Lvsaiidcr von Hans Karl Rosenberg und den Demetrius von Walther Herz, gegeneinander hetzte, Faust gegen Faust und sogar Stirn gegen Stirn als zwei brünstige Hirsche. Ruth Manheim er gab die Helena, nach Vorschrift auf den langen Beinen vor der kleinen Hermia flüchtend, die ein guter Einfall der Tänzerin Ruth Cond eil anvertraut hatte. Es ist ein altes Theatergesetz, daß Sängerinnen schlecht sprechen und Tänzerinnen überhaupt nicht sprechen können. Von Ruth Condeil ist es umgestoßen worden; sie hat außer ihrer!mmteren, höchst ansteckenden Verve eine Plastik der Sprache, wie nur Shakespeare sie verlangt, bei dem jeder Vers auch eine Gebärde des ganzen Menschen bedeutet. Das vornehme Hochzeitspaar ist zu einer modellartigen Verhaltenheit gezwangen, Martin Brandt als Herzog Theseus von Alben versuchte mit einer lässiger! Lordschaft zu repräsentieren, und Gina Fried mann, die auch die Helena spielen könnte, l 0/1 u/./i״ nach t-cilu*. Demetrius!Walter nerz/ — Helena (Ruth Manheimer) — Iiermia (Ruth Condcll) — Lvsander (Hans Karl Rosenberg) foto!: i. A11r.h«ro 90*8? tat es durch ihre Erscheinung, von der auch schon Wärme ausgeht. Würdige Figuren in ihrem Gefolge der Hofmarschall von Martin C hasse! und der Egens von Sigmund Nunborg, der seine Tochter wegen der Ihm ungenclnnen Wahl durchaus verstoßen oder umbringen will. Es war übrigens ein hübscher Zug der Wistenschcn Regie, daß man die Drohung trotz dem strengen Gesetz von Athen nicht ernst nehmen konnte. Daß Ende gut — alles gut, daß jedes Töpfchen sein Deckelchen findet, daran darf vor einem Sommernachtstraum nicht gezweifelt werden. Die Handwerker und Dilettanten des Koinödietispiels, die es leichter haben als die Liebespaare, holten sich ihren Sondererfolg unter dieser Leitung, die für jeden einzelnen einen hübschen Typus vorgedacht hatte, lieber Tliisbe, wenn ein Mann sie spielt, wird immer gelacht, aber der Applaus ging mit dem einfallsreichen Ju'ius K u 111 a!1 über den üblichen Durchschnitt noch hinaus. Es blieb auch noch Beifall übrig für Willy Prager, Herbert G r ii n b a u in, Fritz Lion, Bertliokl Segali. Mit ihnen wie mit allen anderen schien das Ensemble ■des Kulturbund-Theaters recht voll- -MAGISTER KIRSCH—י Magister^UkärlabriV, Manchen VII ständig, ergiebig und vor allem als eine Familie von gleich guter Erziehung. Damit hat das Schauspiel zum erstenmal den Erfolg erreicht, der bisher nur der Oper zufiel. Mit dieser großen Aufgabe und ihrer schönen Lösung sind mehrere Stufen auf einmal genommen worden. Das Publikum war sehr anerkennend und rief die Spieler, mit Wisten an der Spitze, oft vor den Vorhang. Arthur Eloesser ״Menschen in Weiß“ / jftÄumi Das Schauspiel ״Menschen in Weiß“ des amerikanisch• jüdischen Schriftstellers Sidnev Kingslcy ist in der Neuen Welt und in Europa mit großem Erfolge aufgeführt worden, und auch der Film hat sich des dankbaren Stoffes be-!nächtigt. Menschen in Weiß — das sind die Aerzte eines Krankenhauses, dessen chirurgische Klinik von dem berühmten Professor Perrins geleitet wird. Dr. Ferguson hat das Glück, sein Assistent und — nebenbei — der zukünftige Schwiegersolm eines reichen Industriellen zu sein. Hart und aufreibend ist sein Beruf: immer deutlicher spürt er, daß das Lehen im Dienste der Kranken den ganzen Menschen erfordert. Es ist ein schwerer innerer Kampf zwischen der Freude am Dasein und der unerbittlichen Pflicht des Tagfiir-Tagcs, und Ferguson ahnt, daß Beruf und Privatleben kaum jemals miteinander vereinbar sein werden. Der tragische Ausgang einer flüchtigen Neigung, der ihn die Grenzen aller ärztlichen Kunst erkennen läßt und der überdies den Bruch mit der Geliebten herheiführt, bringt die Entscheidung: Ferguson wird seine ganze Kraft nur noch den Kranken und der Wissenschaft widmen. Das Schauspiel Kingsleys stellt also, wie die Acrztedramen Schnitzlers und Shaws, eine ürwi.-'-ensfrage. liier wie dort stehen ja die elementarsten Ungnisse des Berufes irn Brennpunkt der Handlung, hier wie dort erinnert man sich gclegeritlieh auch einmal des Begnties 1 lumanität. Aber während ״Professor Bernharde* und ״Der Ar/t am Scheidewege‘‘ auf der Häufung ein/eiuci, in gewissem Sinne vor! außen hereingetragener Kontlikte autgebaiit sind, hat Kingslcy versucht, auch jenseits vier auch hier imerlüßlidien Konflikte die Problematik des Ai n -!1!1 d ־ Mensch-Sein•, in ihrer ganzen Größe und Tragweite zur 1)10000:1:11 zu stellen. Daß es keineswegs bei einer bloiKn 1 roiterimg i 111 Sinne ries schöngeistigen Dichter-Arzte> S» bint/lcr oder gar des sarkastisehen Allesiliirchsclumcrs Ikniaid Shaw bleibt, daß vielmehr zu guter Letzt eine, wenn am i! nicht allgemein-gültige Lösung erstrebt und erreicht w ini. da-, zeugt von einem starken Verantwortungsgefiilil des Amors. Kingslcy ist ein guter Kenner des Theaters. :Mit lierzhaftem Griff stellt er cm Thema auf die Szene, «las trotz vielfacher Yariierung nurh nichts von seinem umprunglichen Reiz verloren hat; mit sicherem Im-tinkt führt er die zur Entfaltung des Spieles notwendigen Spannungen herbei, gibt er den agierenden Gestalten Blut und Farbe und eine Wirklichkeitsnahe, die selbst in dieser Atmosphäre dts ungeschminkten Realismus immer wieder in Erstaunen versetzt. Die Aufführung — es war die erste im Gebiet ties Deutsehen Reiches — soll als Gemeinschaftsarbeit der J ü di sc 11 cn Kulturbünde Breslau und Hamburg gewertet werden. Breslau gab den Raum her und Hamburg das Ensemble unter der Führung des Regisseurs Dr. Hans Bu x bäum. Seine Aufgabe war nicht leicht; denn die ״Bühne“, die ihm zu Gebote stand, war nichts anderes als das Podium des Freimdeoialcs, auf den! wir zwar schon Moliere, Shakespeare und Gal Jeron, Oskar Wilde und moderne Operetten gehört halten, alter bisher nocli kein Stück, das ein so erhebliches Aufgebot von Darstellern und, was nicht unwichtig ist, einen Opera!ionssaal auf der Bühne voraussetzt. Aber auch dieses Problem ist überraschend gut gelöst worden: man behalf sich mit einer jeweils mir wenig abgeänderten Einheitsdekoration, die den ohnehin gicichhleihendcti Schauplatz der Klinik mit ihren Vorräuincn, Acrztezimmertl und Laboratorien ausreichend legitimierte. Den Dr. Ferguson gab Fritz. Melchior mit ebenso überzeugender äußerer Festigkeit wie packender innerer Aufgewübllheit. Julius Kohlet־ spielte den großen, in seinem Beruf restlos aufgehenden Chefarzt i >r. 1‘eirins; eine prachtvoll überlegene, aus Frfalining mul Takt gezimmerte Leistung■. Lotte Oppenheimer hat lui die nmiiü uu\ dem Ar/tberuf fremd gegemiberstclieiule Evelyn die reell tu Haltung und den rechten Ton, nur i!וו Anfang war sie nt hindern etwas unfrei. Sehr fein und behutsam zcieliiiete Mrme-Luiw Bruch die Gestalt der Schwester Barbara nach. Unter denen, die zwei kleinere Rollen zu bewältigen hallen, verdienen Erna Cohn-Lorenz, Kurf Schindler und Kurt Appel besonders lobende Krwalniiing. Der Bei!. 11! des zum Nack• denken angeregten Publikums war sehr stark. M a r f i n H a u s d o r f f DEBORA BARON: Am Anfang Aus dem Hebräischen abersetzt von RECHA FREIER (Schluß) Heiler und ruhig blieb sie auch, als die trüben Herbsttage kamen und der litauische Schlamm das Städtchen von allen Seiten abschloß• Welk und dürr lag die Weide unter den Wasserlachen, und die Ziegen liefen in den inneren Gäßchen herum mit schütterem Fell und hängendem Bauch, und wer sie meckern hörte, dem ging es durch und durch. Wie schaurig nahmen sich die dunkeln Lüden aus mit den Schildern, die an den Stangen schwankten, und den holländischen Salzheringen, die leblos und zusamniengepreßt in den Formen lagen, Verzweiflung in den runden weitgeöffneten Augen. Am hellichten Tage kamen die Fuhrleute durchnBßt mit den ausgcspannlen Pferden zum Brunnen auf den Marktplatz, müde zogen sie an dem glitschigen Brunnenschwengel. Verödet, ja verödet lagen die Straßen von Schuscliikowka. Jeden Morgen, noch ehe die Weiber aus der Haustüre traten, um Käse für die Kinder abzuschnciden, sali man eine Frau in Münncrsticfeln durch den Schlamm waten, eine hochherzige Mutier, die ihre Kinder mühselig zum Lehrer trug. Ach wie schwer waren solche Zeiten in einem abgelegenen litauischen Städtchen. Wenn die ,junge Rcbbezin in ihrem kleinen Hause eingeschlossen saß und auf dos Meckern der Ziege hinter der Matter horchte, dann legte sio — nicht nur einmal — ihren kostbaren Sammelinantel um, der von drüben über der Grenze, aus einer Großstadt stammte, ging hinaus, zog eine Ilandvoll Stroh aus dem zerfallenden Dach und streckte es mit ihren zarten Händen zum Stalloch hin, stand und wartete in Geduld und Erbarmen, bis die Ziege den letzten Halm verschlungen hatte. Nachts zerrte der Wind am Dach und zerstörte wieder neue Schichten Stroh. Weit draußen vor dem Städtchen bellten Dorfhunde, und aus dem Giißehen, in dem keine Juden wohnten, antworteten die Genossen mit lunggezogcnem wehmütigem Geheul. Erwachte die junge Rcbbezin aus ihren Triiumcn, fernen Träumen, in denen sich das Licht der Großstadt spiegelte, darin blickte sie zwar verwundert und hange in den dunkeln armseligen Raum ihrer Behausung, aber nicht mehr betrübt wie am Anfang: mit den! Heulen des Windes, der an den Fenstern rüttelte, drang auch die Stimme des Rabbi zu ihr, der am Tische saß, heim Lampenlicht, las, sann und snng. Und wenn dann doch eine Träne aus ihren Augen rollte, so war es eine Träne der Rührung, weil das Lied so traurig klnng. ln einer solchen Nacht saß der Rabbi oben am Tische und legte sich laut die Schnbbat predigt des Wochenabsehnille# zurecht, des Abschnittes ״Und er zog aus“. Er stellte die Sätze zusammen, reihte sie aneinander, leicht und geläufig, beleuchtete sie mit seinem klaren Verstands, wie es seine Art war und sprach Wort für Wort einzeln und klar aus, wie einer Münzen zählt. Es war Anfang Kislew, vielleicht die schwerste Zeit im ganzen Jahre. Vom Regen, der unaufhörlich fiel, Tag und Nacht, waren auch die letzten Seitenwege, die zu den Straßen und Feldern führten, überschwemmt. Es gab kein Brot mehr im Stückchen. Der ,junge Rabbi, am Tische heim Lumpenlicht, vertiefte sich in den Auszug Jakobs aus Bar Schcwa, wie auf dem weiten Felde die Sonne unterging und er sich allein und verlassen niederlegte, den harten Stein zu Iliftipten; wie ihm aber schon in dieser Nacht, der ersten Nacht der Galuth, Gott die wunderbare Leiter zeigte, die auf der Erde stand und bis int den Himmel reichte. ״Siehe, ich bin bei dir und beschütze dich“, sang der Rabbi von Schuchikowka die göttlichen Verheißungsworte, spann weiter am Gewebe seiner Predigt und festigte sie mit immer neuen Beweisen und Belegen aus verschiedenen Stellen. Denn wenn die Verse des Wochennbschniltcs Grundfeste und Gemäuer seines Baues waren, so dienten die Worte der Propheten und heiligen Schriften zum verbindenden Mörtel und als Wahrheitsbeweis, So zum Beispiel, als er zu der Stelle kam, wo erzählt wird, wie Jakob unsere Mutier Rachel traf, wie er den schweren Stein com Brunnen wid/te, führte er den \ ers des Hohen Liedes an, ,,daß alle Wasser die Ließe nicht löschen und alle Ströme sie nicht überflute״ können“. So drang er weiter bis zu Rachels Sehnsucht nach einem Kinde. Und Gott gedachte ihrer, er erhörte sie und schenkte ihr einen Sühn: ״Erweitere dein Zeit, denn nach rechts und links wirsl du dich ausbreik'il.“ Da erhob sich der junge Rabbi, schrill im /.immer auf und ab und sang diese Worte vor sich hin mit trauriger und zarter Stimme, so traurig und zart, daß die Rcbbezin hinter der Tapetenwand es nicht langer nushieii, aufstand, ihm die Hände entgegenstreckte, während ihren Augen die Tränen unaufhaltsam entströmten. Muß min auch wiedercrzühlt werden, was sie zueinander sprachen in der Stille jener trostlosen Herbstesnacht? Genau kann man es übrigens nicht wissen; denn die alte Bediente hatte gerade in jener Nacht ihr Lager am Ende der Küche nufgeschlagen, hinter der zweiten Stube. Fest stellt nur, daß der junge Rabbi, als er jetzt neben seiner weinenden Frau stand, sie nicht mehr ״lörin1‘ oder ״kleine, unerfahrene /!ege“ nannte, wie vor Monaten, als sic erst ins Städtchen gekommen war. Er redete ihr nur ein wenig zu, so etwa, daß auch sie, die Rcbbezin, bald ein Kindlein‘herzen würde, wie unsere Mutter Rachel ־zu ihrer Zeit; dann trat er ganz nahe an ihr Bett heran, strich wieder und wieder über ihr glattes, reines Häubchen, stand und wartete, bis sie ruhig eingeschlafen war. So verging der Herbst im Städtchen. Ein strenger, klarer Winter kam, und alles -sah mit einem Schlage anders aus. Durch die Wochen;!! »schnitte hin zogen sich immer noch die trockenen, sommerlichen, beunruhigenden Geschichten: Pharao sieht im T raume seine Kühe am Ll'er des Nil, noch grasen sie auf der W eide. Dürre und Not im Lande Kanaan, der Hunger nagt und schmerzt — und hier in Schuschikowka fällt Tag und Nacht der Schnee, deckt. Felder und Wege zu; und wenn sie eine Fensterscheibe findet, die nicht gefroren ist, kann die junge Rcbbezin bis zur Erntüdüng die Schlitten zählen, die mit allem Guten Maden ins

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