Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 97 (4.12.1936)
- Date
- 1936-12-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 97, 4. XII. 1936 dem ״orientalischen“ Volk der Araber ohne ׳veiteres zu setzen, während man bezüglich der Juden sogar «ine Instanz, die keineswegs unter Bcamtenrecht steht, zur Verantwortung zieht? Wir wünschen, daß diese Fragen sich aufklären und daß auch auf diesem Gebiete eine Harmonie hergestellt wird, wobei gewiß notwendig ist, daß die Jewish Agency noch entschiedener als bisher ihren Einfluß gegen die illegale Einwanderung einsetzt, die sowohl für die Betroffenen als auch für das Ganze höchst nachteilige Wirkungen haben kann. Ob nach der Vernehmung Dr. Weiznianns die Kommission außer ihrer Tagesarbeit sich noch mit grunds ätzliehen Fragen befaßt, ist nicht bekannt. Weizman ns Rede hat im jüdischen Lager große Zustimmung gefunden, aber das Echo auf der anderen Seiie ist noch ausgeblieben. Wenn manche von der Kommission erhofft haben, sie werde eine Vermittlung \ersuchen, so ist bisher davon nichts zu merken, und Wei/manns Ausführmigen haben anscheinend die Verständigungsbercitschaft auf arabischer Seite nicht erhöht. Konkrete Vorschlage wurden von Weizmann in seiner Rede auffaücnderweise nicht gemacht, obwohl alle offiziellen Aeußerungen vorher darauf hindeuteten, Weizmann werde die bekannte Formel der ״politischen Parität“ zwischen Juden und Arabern zur Diskussion stellen; die der Kommission vorgelegte jüdische Denkschrift ist u. W. auf diesen Gedanken abgestellt. Inzwischen geht, wie Aeußerungen der palästinensischen Zeitungen beweisen, im jüdischen Lager der Streit um diese Formel weiter, und man muß nnnehmen, daß Wei/niann in seiner Rede einer deutlichen Erklärung ausgewichen ist, um nicht in diesen Sturm neu hereingezogen zu werden. Man kann nur vermuten, daß aus solchen oder ähnlichen Gründen auch die Formel ״Palästina so jüdisch wie England englisch“, die im Weißbuch von 1922 ausdriicklich zurückgewivsen worden war, wieder hervorgeholt wurde. Weizmann selbst weiß gewiß, dafi die konkreten Probleme andere sind. Wie nun diese e n t s e 11 e i d e 11 d e 11 Punkte innerhalb der Konimissions- Verhandlungen doch noch zur Sprache kommen werden, muß man abwarten. Von den polnischen Universitäten Während die Besetzung der Warschauer Universität mit Hilfe eines großen Amwandes von Polizei beendet werden konnte, ist dies an einer Reihe anderer Universitäten noch nicht gelungen. Wie die Polnische Telegraphen• Agentur mitteilt, wurde der gesamte Betrieb der Posener Universi* tat sistiert, weil es bisher nicht gelungen war, die nationaldemokratischen Studentin zur Räumung des Studentenheimes zu bewegen. An der Universität in Krakau, wo es ebenfalls zu schweren antisemitischen Ausschreitungen und Miß- Handlungen von jüdischen Hochschülern gekommen war, bleiben die Vorlesungen bis auf weiteres eingestellt. Zu sehr schweren antisemitischen Ausschreitungen kam es in L e ni * b c r g. Die nationaldcniokratischcn Hochschüler schlugen vielfach im Universitätsgebiiude eingetroffene jüdische Hochschüler nieder und verletzten mehrere von ihnen erheblich. Von der Universität zogen die Rationalisten in das Stadtzentrum und demolierten mehrere jüdische Geschäftsläden. Wiedas Rektorat der Krakauer Universität mitteilt, ist dem Rektor eine Denkschrift überreicht worden, in der 500 polnische Akademiker die Bitte aussprechen, den jüdischen Studenten besondere Plätze in den Hörsälen nizuwti-eu. Im Zusammenhang damit hat sich der Rektor an die jüdischen H oc h s e h ü I e r mit der Aufforderung, hierzu Stellung zu nehmen, gewandt. Von den jüdischen Studenten wurde erklärt, daß sie sich nie in a 1 s damit ein v c r s t .1 n d c n erklären würden, auf abgesonderten Plätzen zu sitzen. Der Rektor hat daraufhin jede weitere Vermittlung in der Frage besonderer Sitzplätze in den llörsäien ahgelelnit. Infolge der so geschaffenen Lage hat das Rektorat davon abgesehen, die Vorlesungen, wie dies ursprünglich beabsichtigt war, am 1. Dezember wieder aufnehmen zu lassen, Es wurde eine Sitzung des akademischen Senats zwecks Beratung der Situation einberufen. Kundgebung gegen Judenhaß *ec» 1?ל» Cu» Bei einer in dem Londoner Stadtteil Cricklevvood veranstaheten K u n d g e b u n g gegen Juden h a ß sprach als Hauptredner der Bischof von W i 11 e s d e n, der mit Entschiedenheit gegen die Versuche, in England Judenhaß zu verbreiten (7. IE gegen die antijiut!sehen Ausschreitungen im Londoner Last lim!) Stellung na hm. Der Bischof wies aut die Entschließung der Londoner Iliözesan-Konferenz hin, in der betont wird, daß Juden und Christen Kinder Gottes sind, und in der Angriffe aut Juden zu politischen Zwecken verurteilt werden. Er schloß: Wir alle vereinigen uns in dem Gebet, daß Frieden und guter Wille -- und das bedeutet Wille zum Guten — jedem von uns gegeben sein möge, weichen Glaubens er sei und aus welchem Lande er stamme. _14■ <■4■ 19__ iianickenkl ^uChanukkak aber umere Freunde kaufen die Geschenke bei unseren Inserenten. Es ist des eine Pflicht der Solidarität, und unsere Ameigenkunden danken es durch gute und zuvorkommende Bedienung, wenn Sie sich bei Ihrem Einkauf auf uns bestehen. Man ״lährt" nicht, man ״tanzt* Gelegentlich einer Abfahrt vom Warschauer Bahnhof Von einem Warschauer Mitarbeiter Für einen großen Teil der verzweifelten jüdischen Massen in Polen ist Fahrt nach Palästina die einzige Hoffnung, die ihnen geblieben ist. Dies kann man leicht bei jedem Zug, mit dem die Juden das Land verlassen, feststellen. Sie fahren nicht — sie tanzen nach Palästina: Das ist das Gefühl, das jeden erfassen muß, der einen solchen Zug mit Juden begleitet. Ich habe im Laufe der letzten paar Wochen einige Transporte, die anderthalb tausend Juden nach Palästina weggeführt haben, begleitet. Juden jeden Alters, jeder sozialen Klasse und Gruppe, und sogar jeder politischen Richtung. Es fahren junge und alte und sehr viele im mittleren Alter. Es fahren sehr Wohlhabende und mittelmäßig Reiche, Handwerker, Arbeiter, Intelligenz, Studenten und alle, die nur irgendwelche Möglichkeit haben zu fahren. Es fahren aber nicht nur Zionisten aller Richtungen, Farben und Nuancen (deren Verschiedcnartigkeit sich, leider, von Tag zu Tag vergrößert), sondern auch Nichtzionisten aller Art, Antizionisten, die keine Geduld mehr haben, auf eine grundlegende Aenderung zu warten, auch fromme Agudah-Juden, die bis vor kurzem noch der laut ausgesprochenen Meinung waren, daß man geduldig im Galuth auf den Messias warten müsse. Man ״fährt“ nicht, sondern man rettet sich. Es fährt in der zweiten Klasse des Schlafwagens ein reicher Holzhändler, an dessen Gesicht und Kleidern und den vollen, roten Wangen seiner beiden Kinder man erkennen kann, daß er ein großes V ermögen mit sich führt. Aus dein Gespräch init ihm erfahre ich, daß er zwar seit langem Zionist ist, aber erst in den letzten paar Jahren wurde er per* sönlich von einer Unruhe ergriffen, von einer Angst und Sorge erfaßi, so daß er alles verkaufte — ein reiches Haus und ein großes Geschäft — und einfach fahren mußt e. Da steht auf dem Bahnsteig ein großer Bauunternehmer, dessen Gestalt, Gesicht und Haltung die eines polnischen Grafen sein könnte, eines Aristokraten seit Generationen. Er sieht zwischen der kleinwüchsigen, hinlind herlaufenden und glitschigen Menge wie ein Fremder, ein Verirrter aus. Er spricht nur polnisch und versteht kein Wort hebräisch oder jiddisch. Er schaut mit verwunderten Augen und vielleicht auch mit einem verwundeten Fierzen auf das emsige, laute Volk um ihn herum und versteht nicht, wie er in diesen Traum hincingcraten ist, aber er fährt doch, er macht diesen Traum mit. Nein, er fährt nicht, er rettet sieh. Instinkthaft fühlen diese Menschen, daß man retten muß, was sich retten läßt, daß man es nicht versäumen darf, denn der letzte Funken Glaubens an Arbeit und Leben ist am Auslöschen, die Hoffnung auf eine Zukunft liegt im Sterben. Hunderte, Tausende, nein, Zehntausende Menschen aus den mittleren Schichten mit einem Vermögen von 5000 bis 10 000 Dollar, sind von diesem Unsicherheitsgefühl erlaßt, von einer Angst und einem Unglauben au bessere Tage. Sie sind alle bereit, alles zu verkaufen, alles zusammenzupacken um wegzulaufen, sieb und die Kinder zu retten. Diese Menschenscliiclit macht jetzt einen großen Prozentsatz der Aus- Wanderer aus. Man fährt auf ״KapitalistciV-Zertifikat. Man fährt zu Kindern, die das Recht haben, ihre Eltern anzufordern. Dem Betrachter drängen sich Gedanken auf, ob solche Menschen eigentlich geeignet sind, eine neue jüdische Gesell- Schaft zu bauen. Aber dam! erkennt man, daß sic hier auf dem Warschauer Bahnhof, beim Absehiednchmcn, beim Sich- Retten, mit der großen Masse junger Menschen zusammengeschweißt werden, mit den Arbeitern und Handwerkern, die doch die große Mehrheit der Abfahrenden, der nach Palastina Tanzenden, bilden. Man vereinigt sich und erlebt Momente wirklichen Glückes, das Gefühl der Erhebung und Erlösung. Hier sind junge Menschen — ich meine nicht nur die Chaluzim und die Schomrim. Es fahren junge Menscher! aller Klassen, Kinder assimilierter Eltern, halbassimiUcrter, Kinder von Handwerkern, von Arbeitern, die gröfite Mehrheit aber — Kinder des Mittelstandes. Es sind Mensehen, die nichts zu verlieren haben, die keine Hoffnungen besitzen, die nichts zuriicklasscn, nach dem man Sehnsucht haben könnte — cs sind Verbitterte, Verzweifelte, gequält vom Nichtstun, vom aussichtslosen Lernen in den Gymnasien und an den Hochschulen, müde des Erhaltenwerdens vom Vater, der selbst am Erlöschen ist, des hoffnungslosen Suchcns nach Arbeit, müde der Trauer und Melancholie zu Hause, gequält von den Sorgen des Vaters und dem hysterisehen Weinen der Mutter — und doch sind sie fröhlich, gesund, strahlend, frisch, glücklich, tanzend, da sie jung sind, beschwingt, wie neugeboren, wieder aufgclebt und aufgewacht, da sie ein neues Leben beginnen. Ja, das ist vielleicht das Stärkste, was man aus dem äußerlich wilden Sprüngen und Schreien herausfühlt, die in Wirklichkeit ein göttlicher Gesang und ein göttlicher Tanz von Menschen sind, die das Glück des Ncubcginnens erleben, des Wiedcr-Schaffens eines Volkes, des Neu-Formens eines Gefäßes, das Glück des Verwandelns und des Verwandelt-Werdens. Es fassen sich plötzlich einige Dutzend Jungen und Mädchen bei den Händen, bilden einen Kreis und fangen an zu singen und mit den Füßen zu stampfen: ״Anu olim arzah“ — ״wir gehen ins Land mit Freude und Gesang!“ Im Zug beginnt ein Brummen, verschiedene Stimmen be* gleiten den Gesang. Aus einigen Wagen springt man heraus und beginnt mitzutanzen. Die tausendköpfige Menge, die die 600 AWahrenden begleitet, fängt an mitzusingen und mitzubrunimen — es ist das Lied eines Volkes, das heimkehrt.... ״wir gehen ins Land mit Freude und Gesang“. Zehn• und zwanzignial wird das Lied wiederholt, wiedergesungen, wieder* geschrien, und wenn der Chor auf dem Bahnsteig noch keine Zeit hatte aufzuatmen, dann hört man aus einem Zugabteil den dünnen Sopran eines jungen Mädchens — ״Wir fahren ins Land....״ und die Menge fällt wieder ein mit Freude und Gesang“. Aber am anderen Ende des langen, schwarzen, von Juden überfüllten Bahnsteiges hört man eine andere Melodie, sieht man einen anderen Tanz. Eine Gruppe frommer Juden begleitet einen Führer der ״Agudah“. Am Fenster eines Abteils steht ein schlanker, hoher, gut, aber altmodisch gekleideter Mensch in mittlerem Alter, Aus dem schwarzen Fensterrahmen leuchtet das hell-weiße, gepflegte Gesicht mit weit geöffneten glücklichen Augen, als hätten sie die ganze ״Keduschah", die ganze Weltentrücktheit, die von den im Tanz schwebenden Kaftans kommt, in sich eingesaugt. Ungefähr dreißig lange Kaftans schweben durch die Luft, springen Im wilden Tanz, schreien mit heisergewordenen Stimmen — ״Es komme das Ende, es komme die Erlösung! Es komme der Messias!“. In der Mitte des Kreises springt und tanzt ein älterer Jude, er treibt den Tanz zu immer schnellerem Schwung an, immer stärkerem Stampfen, immer lauterem und forderndem Singen — ״Es komme das Ende Um sie herum bleiben alle wie versteinert stehen, wie 1לאtäubt, wie betrunken von diesem aus der Seele herausgerissenen Protest gegen den Himmel, der die Erlösung so lange hinausschiebt. Lange, lange noch klingt es in jedermanns Ohren — ״Es komme das Ende ...“ Etwas weiter hört man ein fröhliches lebendiges, chassidisches ״Lechajim“ (Prosit). Der Skernewitzcr R e b b e fährt nach Erez Israel. Chassidim haben Brannt* wein und Gläser auf den Bahnhof mitgenommen und trin• keil hier, vor dem Fenster des Abteils, wo der Rabbi stral»• lend und lächelnd stellt, ״Lechajim“! — Man drängt sich, um dein Rabbi die Hand zu drücken und eine glückliche Reise zu wünschen. Der Rabbi schüttelt die Hände und murmelt etwas leise — sicherlich ״Brachoth“ (Segenssprüche) für seine treuen Chassidim. Ich befand mich gerade im Ab• teil des Rabbis, als die Chassidim sich drängten und dem Rabbi ״Schalom“ wünschten. Am meisten überrascht die Lebenslust dieser Menschen. Die meisten unter ihnen sind furchtbar arm angezogen, einige ohne Mäntel, trotzdem es ein recht kalter Abend ist, aber: der Rabbi fährt nach Erez Israel, da trinkt man ein Gläschen und vergißt an alle Sorgen! An die Sorgen vergessen! — das ist vielleicht der tiefste Wunsch der polnischen Juden. Wie oft hört man an einem Tage diese von tiefem Seufzen begleiteten Worte, aus denen man eine gewaltige Sehnsucht nach ein paar Tagen Ruhe von den Gcldsorgcn herausliört, — wenigstens einmal sich satt essen, einmal an alles vergessen! Wieder fällt man in den Warschauer Straßen vor Hunger in Ohnmacht, Gestern erlebte ich selbst folgenden Vorfall: Auf der Solna- Straße, inmitten des jüdischen Viertels, geht ein kleingewachsener, niedriger Jude mit einem großen Sack auf den Schulfern. Er ist ein Lumpensammler. Er kam mir gerade auf der Straße entgegen. Plötzlich sehe ich, daß der Jude sich an eine Wand lehnt, ich sehe, daß er kleiner und kleiner wird und ganz zusammenfällt. Noch jemand und ich hielten ihn aufrecht, Er seufzt und stöhnt und kann nicht sprechen, blaß und an allen Gliedern zitternd. Man brachte aus dem nächsten Laden Wasser und spritzte es ihm ins Gesicht. Er kam zu sich. Man führte ihn in einen Milchladen und gab ihm ein Glas Milch mit einem Stück Brot. Ich werde niemals vergessen können, wie die Augen dieses dürren, kleinen Menschen sJft weiteten, und wie seine dünnen, vertrockneten Hände da» Brot hielten; er schaute um sich, als verstehe er nicht, v. mit ihm geschehe, — woher kam zu ihm ein große! Stück Brot und ein Glas Milch! Aber kehren wir lieber zu den Glücklichen, den Abfahren* den, zurück. Da sitzt ein Jude in den Fünfzigern, ein Handwerker aus Wilna. Er fährt zum Sohn, einem Schneider; Aber er wird sich nicht von ihm aushalten lassen müssen. Wenn er nur Arbeit bekommen möchte, so will er arbeiten und arbeiten und auch seine Frau nachkoinrnen lassen. Aber in Wilna kann man grau und alt werden und immer noch keine Arbeit finden. Da ist ein anderer Handwerker, ein Tisch- Ier aus Wlozlawek. Er hat drei Söhne, die alle auch Tischler sind. Sie sind in Palästina. Alle drei verdienen gut und schrieben schon vor langer Zeit, er solle die Werkstatt ver* kaufen und herüberkommen. Er ist aber ein Jude, der sich nicht gern beeilt, besonders wenn man eine eigene Werkstatt und ein Häuschen hat, in dem man seit 27 Jahren wohnt und arbeitet. Aber dies Jähr! Dieses Jahr hat es auch ihn schon erfaßt. Er schrieb also an die Söhne, sie sollen alle Formalitäten erledigen — und er fährt. Diesem ein* fachen Handwerker fiel es wirklich schwer, sich von seinem Wlozlawek zu trennen. Er seufzt tief auf und sagt — ״Wenn es mir dort schon gut werden würde“. Von einem Zug mit 600 Menschen — wahrscheinlich nicht weniger als ein paar hundert Familien — hatten fast alle in Palästina Verwandte, die Geld geschickt hatten, die genug dort verdienten, um noch ein paar Menschen aushalten zu können. Oft, im Palästina-Amt sitzend, sprach ich mit Hurtderten von Menschen und man bekommt den Eindruck, daß fast alle Juden schon Verwandte in Palästina haben, und diese Talsache, daß man jemanden hat, zu dem man fahren kann, scheint einer der wichtigsten Faktoren der Palästina• Emigration zu sein. Im Palästina-Amt und noch mehr hier auf dem Bahnhof sicht man, wie die jüdische Bevölkerung in der Diaspora geschwächt, gealtert, finsterer und melancholischer wird. Es fahren die Reicheren und Gesünderen weg. Es retten sich die Stärkeren, die materiell und finanziell Gesicherteren. Palästina nimmt Wohlhabende, viel Intelligenz, viel Jugend, viel Idealisten, mit einem Wort, nimmt das Beste von der Galuth fort. Der Zug muß bald abfahren. Man umarmt sich, man vcf* abschiedet sich mit Tränen — aber die meisten verabschieden sich freudig und leicht. Der Bahnsteig ist noch schwärzer und dichter mit Menschen besetzt. Die Begleitenden haben sich zusammengepreßt, sich näher an den Zug herangeriiekt, als wollten sie mit den Abfahrenden das Fieber ihrer Selmsucht, das Zittern ihres Herzens mitgeben. Der Zug setzt sich in Bewegung. Ein älterer Jude ruft — ״Mögen wir uns alle dort treffen!“ Hunderte von Stimmen antworten — ״Mögen wir uns alle dort treffen!“ Hauptschriftleiteri Dr. Robert Welt sch, Berlin Charlottenburg 9 (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter! Kurt Loewenstcin, Berlin VV 15. Amcigenleiter und verantwortlieh für den Inhalt der Anzeigen! Hermann Finn, Berlin W 15. Gültig Anzeigen - Preisliste 5 vom 1. April 1938. Verlag und Anzeigenvcfwaltungt Jüdische Rundschau, Berlin W15, Meinekestr. M D.-A. Oktober 33 084. mm Drucks Siegfried Schekm, Bln-Schöncberß*