Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 96 (1.12.1936)
- Date
- 1936-12-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 J0D1SCHE RUNDSCHAU Nr. 96, EXIL 1936 Religionsgespräche im 20. Jahrhundert Hans Joachim Schocps hat in einem Buch ״Jüdisch- Christliches Gespräch in 19 Jahrhunderten", das dieser Tage, noch vor Chanukkah, erscheinen wird, die Religionsgespräche dieser Epoche zusammengestellt und kommentiert. Der Autor stellt uns ein als Einleitung zu dem die neueste Zeit, das 20. Jahrhundert, behandelnden Abschnitt dienendes Kapitel: ״Religionsgesfnächc aus der Existenz״ zum Vorabdruck zur Verfügung, das wir nachstehend gekürzt wiedergeben. Eine Besprechung des Buches nach seinem Erscheinen behalten wir uns vor. (Red.) Neunzehn Jahrhunderte sind Juden und Christen nebeneinander durch die Welt gegangen. An Seitenblicken hat es wahrlich nicht gefehlt, aber zu dialogischen Gesprächen ist es nicht gekommen — und hat es freilich auch nicht kommen können. I!1 den ersten Jahrhunderten hat man jiidischcrscits kein anderes Interesse gehabt, als die christlichen llmdcutungen jüdischer Lehren zuruckzuweisen und sich durch die ״Widerlegung“ des Gegners vor wirklicher Auseinander- Setzung abzuschließen. Und als das Christentum zur Macht gekommen war, hat man christliclicrseits mit den in mittelalterliche Ghetti eingepferchten Juden nicht mehr ernstlich diskutieren wqllen, da doch an ihrer Ohnmacht übermächtig Gottes Strafexempel sichtbar sei. Im geistigen Raum des Mittelalters, der Scholastik, konnte es Juden und Christen — dem Daseinsverstandnis jener Epoche entsprechend — nur daran gelegen sein, die eigene Religion ebenso zu rechtfertigen wie den Wahrheitsanspruch der anderen grundsätzlieh nicht an/uerkemien. Und als dann in der Neuzeit die Voraussetzungen sich wandelten, da wurde die erste Diskussion bereits im Raunte einer neuen Religion, der der Aufklä- Tung, geführt. Denn Moses Mendelssohn hatte trotz seiner traditionellen Lebensführung von der Glaubenslehre des Judentunis — na eh S toi 11 h et ms etwas überspitztem Vorwurf — nicht viel mehr als ״Formen ohne Inhalt, altgewohnte Zeremonien, Perücke- und ]iidenbartdien'‘ /umckbehalten. Und als dann wieder 50 Jahre später, im Zeitalter der grollen philosophischen Svstcme F'omistcelier und Hirsch große jüdische Religions- )hilosopliien entwarfen und dabei auch das Christentum in den?ahmen der spekulativen Betrachtung einbezogen, da ging es Zu Chanukkah —ein Buch durch Philo Verlag u. Buchhandlung (3. m. b. H. Berlin W15 Pariser StraB« 44 wiedeg um die Glaubenslehre, doch wurden im Doppelsinn des Wortes die Lehrgehalte beider Religionen verspekuliert. Steinheims ,.reditglaub.gvr" Linspruch half wohl die Struktur der jüdischen Re'.igion-Iehre, freilich unter Vermchl issigung der Oeset/e-prob'rmatik, wiederherzustellen, aber das wirkliehe Anliegen des Christentums blieb weiter unverstanden. Als dann im Lauf des DL Jahrhunderts der politische und religiöse Liberalismus sich immer weiter durchsetzte, wuchsen aticli die Voraussetzungen, unter denen wirkliehe Begegnung stattfinden kann. Denn wirkliche Begegnung kann immer nur im Raum der Freiheit möglich werden, in dem es allen Gesprächspartnern gestattet ist, die Wahrheit, die sic bezeugen können, offen auszusprcchen. Im wirklichen Gespräch der neuen Zeit, das wirklich etwas Neues ist, ist aus dem ״Gegner‘‘ ein ,,Partner“, aus dem ״Monolog“ ein ״Dialog" geworden, und die Lehrgehalte des Religionsbekenntnisses werden nicht vorgetragen, sondern ltii'issen verantwortet werden — nämlich durch die Existenz des Sprechers. Wenn ein solches Gespräch recht geführt wird, dann ist es nicht Aufhebung der Glaubensgegensätze, sondern cs ist gerade auch, wenn sich die Gegensätze des glaubend Bekannten in aller Schärfe abheben, wirkliche Verständigung zwischen den Religionen, Verständigung in einem Dritten, nämlich dem Geiste und der Wahrheit, aus der die Religionen entstanden sind. Solche Zwiesprachen zwischen Juden und Christen sind im 20, Jahrhundert schon manchesmal geführt worden. Als die hervorragendsten sollen hier zur Darstellung gelangen die Gespräche zwischen L ranz I? o s c n z w e i g und Eugen R oscnsln c k. /w ischen M a r t i n B u b c r und Karl Ludwig Schm i d t. Aber schon die Nennung dieser Namen Läßt einen Verdacht auftauchen, der vorher noch erörtert werden muß: Haben denn diese .Männer, die .allenfalls bürgerliche Doktoren- oder Profeevirentitel haben, eine solche Legitimität, wie sie die Sprecher in den I.ehrhäusern der ersten Jahrhunderte und die rahbinischen L:\egeten des .Mittelalters Öfter die Kirehem :iter und die Scholastiker gehabt haben? Wer behütet uns davor, dal! wir nicht unverbindlich und durchaus freibleibend origiinl'e Ansichten moderner Geister vorgesetzt bekommen - Fs behütet uns in der Tat nichts davor, flenn im 20. Jahrhundert -int! die tradir-׳utcl’cn!.,ehrum! Lebensräume, aus denen heraus einst autorisierte Vertreter ge-|>rtxhen haben, weithin aufgelöst, und die Sorechb'-fugiiis jst letzten Endes Halachisdier Midrasch Louis Finkeistein: ״Siphre zu Deuteronomium, unter Be- Nutzung des Nachlasses von H. S. Horovitz“. — Herausg. (Lfg. I —3, Breslau, M. u. Li. Marcus 1935/36,) (Gesellsch, z. Ford. d. Wiss. d. Jdt., Corpus tannaiticum, Abt. 3, T.3.) Der ״Siphre“ ist ein Midrasch, eine jener zahlreichen Sammlungen von Schrifterklärungen, Auslegungen, Homilien, Erzählungen und Legenden, die in ihrer äußeren Form als Kommentare zu biblischen Büchern erscheinen. Er gilt als ״halachischer“ Midrasch, w׳eii er den Schriftvers vorwiegend dazu benutzt, gesetzliche Entscheidungen an ihn anzulehnen oder aus ihm herzuleiten. Die meisten Midraschim wurden erst in nachtalmudischer Zeit redigiert, und Redaktoren, Abschreiber, Drucker und Zensoren schalteten mit ihrem Text willkürlich. So hatte die Wissenschaft vor allem ihre Entstehungsgeschichte und ihren ursprünglichen Wortlaut festzustellen. Für die Entstchungsfrage hat Leopold Zunz mit seinem Werk: ״Die Gottesdienstlichen Vorträge der Juden“ Bahnbrechendes geleistet. Philologisch-kritische Midraschausgaben veranstalteten Buchhandlung M.W. Kaufmann, Leipzig C1 liefert eile Bücher und Chanuklihlsuchter billiget vor allem Salomon Buber in Lemberg (1827—1906, der Großvater von Martin Buber), Theodor Albeck (״Midrasch rabba“ zum 1. B. M.) und die Gesellschaft ziir Förderung der Wissenschaft des Judentums durch die Breslauer!Dozenten Horovitz und Ra bin (Siphrc zum 4. B, M., 1917: Mechilta zürn 2. B. M., 1931). Die vom Dozenten am Jewish Theological Seminary in Amerika, Louis F i n k c 1 - stein, veranstaltete Ausgabe ist auf 8—9 Lieferungen zu je 4 Bogen berechnet, von denen 3 bereits vorliegen. Sie gibt den hebräischen Text und auf jede Seite unter ihm ein Verzeichnis der Lesarten aus Handschriften und Drucken und einen Kommentar, der viele Auszüge aus älteren ICotn* mentaren und Parallclstellen aus der rabbinischen Literatur enthält. Ueber die Methoden der Edition hat sich Finkeistein in zwei in Amerika erschienenen Aufsätzen (Proceedings of the American Academy for Jewish Reseant bzw. Learning III/IV) ausgesprochen. Nach Abschluß des Werks wird wohl eine ausführliche Einleitung und ein Register erscheinen. Dieser Midrasch enthält neben dem halachischen Material eine Fülle von Agadah: Gleichnissen, Kurzgeschichten, Aus- Sprüchen von Gelehrten, die hier in zuverlässiger Form zugänglich sind. Daher ist diese Ausgabe bedeutend als Grundlage für jede weitere kulturgeschichtliche, religions- und sprachwissenschaftliche Forschung. Seit der letzten Ausgabe des Siphre vor 70 Jahren ist ein hebräisch lesendes Publikum entstanden. Es ist wichtig, gerade diese weiteren Kreise zum Midrasch wie überhaupt zur alten Literatur hinzuführen. Bei ihnen könnte dieser Midrasch Eingang und Interesse finden. Ansätze zu einer solchen Popularisierung zeigen sich etwa in der wöchentliehen Rubrik des ״Haarcz“: ״מדברי הקדמונים״ die aber nur einzelne, kurze, aus dem Zusammenhang gelöste Proben bringt. Hier wäre auf der Grundlage der Finkelsteinschen Edition eine ״Volksausgabe“ zu schaffen. Eine solche hätte nur den Text, evtl, gekürzt und ■vokalisicrt, einen ganz, knappen Sachkommentar und eine Einleitung in die Methode des Midrasch zu enthalten. So könnte das Werk der Wissen- Schaft dem ganzen Volke nutzbar gemacht werden. Dr. Gustav Ormann ganz in die Subjektivität des Sprechers gegeben. Darum gibt cs heutzutage, wo aus dem Amt eines kirchlichen oder jüdisehen Gemeindevertreters keine Rückschlüsse auf die Christlichkeit oder jüdischkeit seiner Existenz gezogen werden können, keine andere Autorisation und keine andere Vollmacht, als die, die eben aus der Existenz des Sprechers stammt und die Lehrgehalte in die Existenz hineinzieht. Darum führen ein Jude und ein Christ erst dann ein jüdisch-christliches Gespräch, wenn in diesem Gespräch die Glaubensgegensätze der Jahrhunderte zur Frage werden und die eigenen Fragen sich in diesen wiederfinden, so daß also das Aufbrechen der alten Fragen im gegenwärtigen Tag den Anschluß an die Tradition bedeutet, wobei die Verfestigung der Tradition nachgibt, nach vorn hin aufbricht und durch das neue Gespräch xveitergeführt wird. Gerade daran, daß sich dieselben Glaubens- Gegensätze — wenn auch gebrochen durch das Prisma der Geschichte — in heutigen Gesprächen wiederfinden lassen, hängt einzig die Legitimation der Sprecher und der Erweis., daß ihr unter eigener Verantwortung geführtes Gespräch ־wesenhaft als jüdisch-christliches Gespräch geführt wird, daß also auch durch zwei Personen, ohne Amt und ohne äußere Vollmacht, Israel und Christenheit in Aussprache getreten sind, bzw. die Aussprache fortsetzen, die schon mehr als 1990 Jahre dauert. Kleine Kunstnadiriditen Wie wir einem Berichte der ״New York Times“ entnehmen, ist die Aufführung des Stückes ״Der Weg der Verh c i ß u n g“ von Franz. Werfel im Manhattan Opera House in New York für die Neujahrswoche angesetzt worden. Bekanntlich wurde diese Premiere bereits siebenmal aus finanziellen Gründen aufgeschoben, da die Kosten mit Rücksicht auf die Notwendigkeit des völligen Umbaues des Theaters sich als überaus hoch erwiesen. Wie aus dem Bericht hervorgeht, waren allein 93 (XX) RM. an Theatermiete rückständig. Es sei aber nunmehr gelungen, diese finanziellen Schwierigkeifen zu beseitigen. Kapellmeister Ernst Ewald Gebert leitet im Dezember in Italien und Jugoslawien verschiedene Sinfoniekonzerte und Opernvorstellungen. Stefan Frenke 1 wurde anläßlich seiner letzten Konzertreise in Rumänien vom ״Collegium Musicuiti“ in Cernauti (Czernowitz) zum Ehrenmitglied ernannt. Geiger Boris Schwarz ist für eine siebenmonatige Tournee durch die Vereinigten Staaten als Solist und Konzertmeister verpflichtet worden. In Wien wurde eine neue Komposition von Prof. Julius Wolfsohn zum erstenmal aufgeführt, die den Titel ״Eine Vision“ trägt. Das Werk will Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des jüdischen Volkes musikalisch andeuten. Der erste Teil ist im Tropp-Stil (Rezitativ der Thora- Vorlesung) gehalten, der zweite Teil wird von einer eigenen im Volkston gehaltenen Melodie beherrscht, den Schluß bildet eine Vereinigung der Tropp-Melodien mit dem Emek- Lied. Die Pianistin Herta Torkanowsky wurde nach einem Konzert in Syrien zu einem weiteren Konzert nach Beyrouth verpflichtet. Im Anschluß daran wird sie eine Tournee durch Aegypten und Griechenland führen. Kate Slyn, eine Schülerin der Berliner Gesangspädagogin Dora Bernstein-Börner, ist für die kommende Saison an die Wiener Volksoper als Soubrette verpflichtet worden. Gerson Sterns Roman ״Weg ohne Ende“, von dem kürzlich die zehnte Auflage lierausgekommen ist, erscheint demnächst in polnischer Sprache. Von dem plastischen Kunstwerk Dr. Alfred Nossigs, ״Der Heilige Berg“, si nd 13 photographische Postkarten im Kunstverlag Fell & Co., Charlottenburg 2, Grolmanstr. 36, erschienen. Hermann Hesse: Tragisch. Eine Erzählung. 15 S. Verlag Herbert Rcichncr, Wien. Stunden im Garten. Eine Idylle. Bermann-Fischer Verlag, Wien. Ein gescheiterter Dichter, dem aber die Sprache stets heiliges Werkzeug des Geistes ist, leidet als Setzer in einem Zeitungsbetrieb tiefe Qualen wegen der seelenlosen Entweihung der Sprache, an der er täglich mitwirkt. Die Redakteure, denen er sein Leid klagt, entledigen sich höflich oder unhöflich des lästigen Gesellen, nur als er stirbt, erspart ihm der Lokalreporter das Wort ״tragisch“, über dessen Mißbrauch der Alte sich ereifert hatte. Diese kleine — zugleich zeitkritische — Erzählung hat ein echter Dichter geschrieben, welch eine Sprache auf diesen paar Seiten! Und dieser Dichter von großer Menschlichkeit und abgeklärter Weisheit liebt die Welt und Natur; in der ״Idylle“ (in Hexametern) erlaubt er uns, sein Tagwerk im Garten zu belauschen, mitzuerleben, köstliche Stunden, eine Erholung,, nicht nur für den Gärtner, sondern auch für den Leser, der aus der Hast des aufreibenden Lebens in diese liebenswert» Verse flüchtet. Dank dem Dichter! L Die Sammel-Abtellung des Waad Halasclion (Hebräischer Sprachrat, Jerusalem, P. O. B. 1033) bittet uns um Abdruck eines Aufrufes, in dem der Waad auffordert, ihm hebräische Bücher und Zeitschriften auf dem Gebiete der Sprach- Wissenschaft und Lexikographie, sowie Konkordanzen und ähnliche Werke zur Verfügung zu stellen. Der Waad Halasclion ist bekanntlich damit beschäftigt, technische Ausdrücke für alle Zweige der modernen Wissenschaft und Technik festzusetzen. Alle Ihre Bücher von der Buchhandlung am Zoo Fritz Ring Charlottenburg, Joachimsthaler Straße 4344־ Mitglied der jüdischen Gemeinde Tdefo« Bisrrmrck 6506 Zusendung nach allen Stadtteilen hölzerne Sr hvvrngul am Brunnen herab und die flügellahme \\ indmühh1 .sink! krafllos zu Füßen des GcmüllFerges dahin. Von hier, nun Strohsitz des W'aeens, mußte man auch die kleinen I lol/.rceale an jedem Hause sehen, darauf der Länge und IS reite mich Käselaibe zum Trocknen, einer wie der andere in Dreiecksform und alle so gleich, als wären sie mit Maschinen und nicht mit Händen hergos teilt worden. Jetzt taucht auch das Gemeindehaus auf, ein kleines, altes Haus, wie seine Nachbarn mit zwei Balken gestützt, und auf dein Müllhaufen im llofe steht empfangsbereit — wunderbar! - eine Miiehziege, eine weiße, fromme Ziege. Als sie den Wagen bemerkt, der am Hause hält, kommt sie ohne Hast herbei, stellt ihre V7orderfüße auf ein Wagenrad, zieht ein Maulvoll Stroh unter dem Sitze der Rebbczin hervor, steht und kaut mit dem stillen Eifer einer Ziege. Und jetzt kommt erst das, was von den! Eigensinn der Rebbczin erzählt wird, als si« sich nicht bücken wollte, um zum ersten Male in das Gemeindehaus einzutreten. Die Alte, die in diesen! Hause schon gewaltet hatte, ehe die Herrschaft angekommen war, hat später ganz, ausführlich berichtet, wie sich die Rebbez.i1! in vollem Staat auf die Gemeindebank hinvvarf und stundenlang unausgeseiz.t schluchzte. Er, der Rabbi, in Seide gekleidet, ging ganz, niedergeschlagen bin und her, außerstande, auch nur ein einziges Wort des Trostes oder der Beruhigung zu finden. F.ndlich erhob sie, die Rebbczin, den Kopf etwas von der Bank, sali ihn triinenüberströnit an und erinnerte ihn an das sonderbare Geschöpf, die Ziege, er mußte lachen und blieb einen Augenblick an der Bank stehen, neben i I! r. ״Wahrhaftig, du bist, selber so eine kleine unerfahrene Ziege“, sprach er und betrachtete sie von Kopf bis Fuß, wie eine Mutter ihr Kind betrachtet. Und da sah er, daß auch sic lachte, zuerst mit Schluchzen, dann ganz, still, die Tränen versiegten, und endlich hatte sie sich ganz, beruhigt, Dann kamen lange, wunderbare Tage, klare Spätsommertage im abgelegenen litauischen Städtchen. Manchmal holte sie die gestickten Seidendecken aus den Truhen mit dem Hochzeitsgut und breitete sie über den Tisch. Aber dann traten der Lehmfußboden in seiner ganzen Armseligkeit und die Schwärze der verfallenen Wände nur noch mehr hervor. Die feingewebten Vorhänge waren breit und groß, viel zu groß für die kleinen Fenster, und wenn die junge Rebbczin die Quasten mit den seidenen Schnüren hin- und hergezogen und schließlich befestigt hatte, dann prüfend zurücktrat und das Unmögliche, das völlig Unmögliche empfand, gab sie es wieder auf und legte sie in die Truhen zurück. Es waren herrliche klare Sommertage, wie schon gesagt. Jeden Morgen, wenn sie vom Schlaf erwacht war und die Fensterläden geöffnet halte, staunte sie über den Glanz, der alles ringsumher überflutete. Fiel der Blick nach der einen Seite auf die staubige, öde Strafte des Städtchens mit ihren farblosen Häusern, so lachte auf der anderen Seite die große Wiese, die grüne Weide, über der sieh still und blau der Himmel wölbte, so still und blau wie über einer Großstadt im Königreich Polen. Hier auf dem grasigen Boden trieben sich vom Morgenrauen an die Ziegen des Städtchens herum, meckerten, nuten das grüne Kraut und verschlangen die Halme mit den Tröpfchen Morgentau zusammen. Zwischendurch gaben sie sich mit ihren Jungen ab, ihren Bäckchen, kratzten und leckten sic und rieben sie mit den Hörnern, dann wieder entfernten sich einige und liefen bis zum Schuschik herab, beugten sich über das Wasser und schlürften bedächtig, indes die Frauen, ihre Eigentümerinnen, mit Schemeln und Eimern herbeikamen, ihnen gut zuredeten, sie leicht und hurtig melkten und einander alles mögliche erzählten. Nicht weniger entzückend war, was sich vor den Iläusern, in der Innenstraße, abspielte, wenn es Zeit war, die Kinder zum Lehrer zu schicken. Da standen die Mütter vor den Holzregalen, jede fünf, sechs Kleine um sich herum, untersuchten die Käselaibe, zerschnitten sie, brachen Stücke ab, verteilten sie an die Kinder, die in zerrissenen Kleidern, barfuß, strahlend um ihre Mütter herumhflpften wie die Ziegenböckchen drüben auf der Weide. Ucbrigens datierte diese Szene nicht lange. Einige Minuten später hörte das Treiben vor den Häusern auf, es wurde fast still in der Innenstraße, aber dann drang statt dessen aus dem nahen Gäßchea eine stacke Stimme hervor, die Stirn®« lernender Kinder, die immer mächtiger wurde und unentwegt die Luft durchschnitl vom Morgen his zum Abend. Als der junge Rabbi einmal durch die Gcmeindestub« kam, um ein Buch aus seinem Schranke zu holen, sah er zufällig die Rebbczin, wie sie dastand und erstaunt und erregt dieser unentwegten Stimme lauschte. Mit dem Buch« in der Hand blieb er einen Augenblick lächelnd stehen und fragte, ob sie die Zedakabüchsen sehen könnte, die vielen Zedakabtlehsen in den armseligen Häusern. Ja, an der Stelle der Mauer, wo sich draußen das Regal mit den Käselaiben befand, hin; innen, fast in jedem Haus«, eine ganze Reihe Blechbüchsen, auf deren gewölbten Seiten die Anfangsbuchstaben aller möglichen Jcschiwolh der Welt in erhabenen Buchstaben eingepriigt waren. Wie das Münzeneinwerfen in diese Büchsen vor sich ging, konnte einmal ein zufällig Durchreisender am Erev Schahbat photographieren — zum Kummer des Städtchens. Kr, der Fremde, stand zufällig auf der Schwelle seines Gasthauszimmers am Freitag gegen Sonnenuntergang und sah mit Erstaunen, wie seine Wirtin aus einem bestimmten Beutel kleine Kupfermünzen nahm, sie häufchenweise auf dem Tische ordnete, nachdem sie zuvor einen Zipfel des Tischtuchs weggesehoben hatte. Im Hause war alles aufgeräumt und blankgescheuert• Oben am Tische lagen unter einer besonderen Decke die zwei Sehabbatbrole und gegenüber am anderen Ende standen die Kerzen bereit, fertig zum Entzünden. Die Frau nahm das Geld in die Hand, Häufchen nach Häufchen, hob das jüngste Kind zu den Büchsen empor, reichte ihm eine Münze nach der anderen zum Einwerfen und horchte mit einem so eigentümlichen Ausdruck im Gesicht auf ihren Klang. Dann, mit einem Male wendete sie den Kopf, erblickte aas schwarze Kästchen in den Händen des Gastes und sah, w׳as er ihr und ihrem Kinde angetan halte. Da sank sie auf die Bank an der besagten Wand und weinte laut. Ja, seltsam und wunderbar sind die Schuschik owker- Die junge Rebbezin schüttelte den Kopf über all die Geschichten, die man ihr erzählte. Aber ihr helles Gesicht wurde nicht mehr finster wie damals in der ersten Zeit nach iheem Einzug ins Gemeindehaus. (Schluß lolgv