Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 95 (27.11.1936)
- Date
- 1936-11-27
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 22 fClNDER-RUNDSCHAÜ Seite 9 Von Berlin nach Australien Ein Reisebericht ,tu 30. Juni wollten wir nach Australien abreisen. Morgens um 4 Uhr standen wir auf. Wir aßen und tranken nichts, denn wir wollten dieses wichtige Geschäft in der Bahn erledigen. Um 1 •>8 Uhr fuhr der Zug ab. Auf der Strecke sah ich viele schöne Landschaften. An der Porta Westfalica waren viele alte Ruinen. Um 4 Uhr nachmittags war ich in Köln. Ich blieb dort zwei Stunden. Ich sah den Kölner Dom, die Fabrik von ״4711״ und viele historische Gebäude. Diese zwei Stunden vergingen sehr schnell. Der Zug Köln—Brüssel— Paris war sehr leer. Um 8 Uhr abends waren wir an der belgischen Grenze. Die belgischen Lokomotiven fahren sehr langsam und sehen nicht schön aus. Um 2 Uhr nachts passierten wir die französische Grenze. Morgens um 6 Uhr trafen wir in Paris ein. Wir stiegen in einem Hotel gegenüber dem Nordbahnhof Ich machte eine Rundfahrt durch Paris und konnte so die ganze Stadt besichtigen. Ich bestieg auch den Eiffelturm. Dort war es sehr windig, aber ich hatte eine blendende Aussicht über die ganze Stadt Natürlich befindet sich oben eine Funkstation. In Paris gibt es keine Stadtbahn, sondern nur Untergrundbahnen, wo es sehr schlecht riecht, Autobusse und elektrische Straßenbahnen. Diese sind ziemlich selten, Autobusse hingegen ab. päcktransport von einem Bahnhof zum anderen von einem farbigen Beamten, einem Neger, begleitet. Nach zweitägigem nach Marseille weiter. In der die nach Palästina unterwegs verkehren in dichter Reihenfolge. Da unser Gepäck unter Zollver- Schluß ging, die französische Zollbehörde aber sehr mißtrauisch ist, wurde unser Ge- Aufenthalt in Paris führen wir Bahn trafen wir viele Chaluzim, waren. Sie waren sehr froh, Juden aus Deutschland begrüßen zu können. In Unserem Abteil saß eine sehr nette Französin, mit der wir uns gut verständigten. Mitten in der Nacht blieb der Zug stecken; die Störung dauerte eine halbe Stunde. Morgens um 447 Uhr trafen wir in Marseille ein. Vom Bahnhof fuhren wir direkt zum Schiff, wo uns unsere Kabinen angewiesen wurden. Wir fuhren mit einem elektrisch betriebenen Ozeanriesen von 23000 t, ganz weiß, mit acht Decks. Die Kellner und Stewards waren meistens Schwarze. Der erste Hafen, den wir anliefen, war Malta. Dort durften wir nicht an Land gehen. Hingegen kamen Händler in ihren Booten heran, um Decken und Vorhänge mit schönen Abbildungen anzubieten. Nach 2l4 Stunden schäften vorbei, wo die fuhren wir weiter. Die Weilerfahrt nach Port Said verlief sehr ruhig. Bei der Landüng bot sich ein schönes orientalisches Bild. Wir kamen an vielen jüdischen Ge- Geschäftsinhaber uns ״Schaloral״ zuriefen. Dorf kauft man sehr gut und preiswert, besonders Silberschmuck. Wir hatten einen jüdischen Führer, der uns die Moschee zeigte. Diese darf man nur ohne Schuhe betreten. Die Gläubigen müssen sich vor dem Betreten der Moschee dreimal den Mund, Füße und Hände reinigen. Auf dem Hof lagen B inde und Aussätzige. Dann gingen wir zur Synagoge, die sehr schön gelegen ist. Die Buchstaben auf dem Aron Hakodeseh sind echtes Silber, die Hüllen der Thora- _ rollen aus Silber oder Zedern holz. Wochen- Ir» tags wird der Aron mit einem bleier• nentam Schabbat und den Festtagen äJL mit einem silbernen Schlüssel ge- // öffnet. Auf dem Rückwege zum Schiff trafen wir sehr viele Juden. Auf dem Wege durch den Suezkanal sahen wir mehrere Karawanen. Bald erweiterte sich die Fahrstraße wieder, und wir kamen ins Rote Meer. Wir passierten eine Zeltstadt von Wüstenbewohnern. Wir fuhren nahe der Küste und konnten die Sandwüste gut sehen. Oft begegneten wir schwer beladenen Kamelen, denen Kisten oder Säcke zu beiden Seiten angebunden waren. Nach mehreren Tagen liefen wir Port Sudan an, wo eine Hitze von 70 Grad Celsius herrschte. Wir nahmen eine Taxe und machten eine Rundfahrt durch diesen Ort, der mitten m der Wüste hegt. Die Araber wohnen in eienden Holzbaracketi, die Sudanesen dagegen in isen lagen auf der Straße. Wir kamen auch an nen vorbei, wo kaltes Wasser verkauft wurde. Steinhütten mit turmartigern Dach. Kamele mit zusammengebundenen Vorder- und Hinterbdeinem Bnm- Nach weiteren zwei Tagen erreichten wir Aden. Dort besichtigten wir die Tanks, die bis auf die Perser (600 v. Chr.) zurückgehen. Diese Tanks sind Wasserreservoire, die sich nur bei Regen füllen, doch regnet es gewöhnlich nur alle sieben Jahre einmal. Zwischen den malerischen Felsen sollen sich die Gräber Kains und des Königs Salomo befinden. Aden steht unter indischer Verwaltung, und alle Zahlungen werden in Rupien geleistet. Wir besuchten auch ein jüdisches Restaurant, wo sich die Inhaber und Angestellten freuten, uns zu sehen. Aden Hegt sehr schön zwischen Felsen gebettet, die kaum zu besteigen sind. Die Straße zum Schiff führt durch mehrere Tunnels. Auch viele Kamele sind auf der Straße zu sehen. Die Weiterfahrt nach Indien durch das Arabische Meer war sehr stürmisch. Fast alle Passagiere waren seekrank. Einmal wurde mir schlecht, doch war ich im allgemeinen sehr guter Stimmung. Nach vier Tagen erreichtet! wir Bombay, Hier entfaltet sich das volle orientalische Treiben. Wir nähme» eine Taxe und fuhren durch die Stadt. Zuerst besichtigte» wir einen wunderbaren Park mit Palmen, Gummibäumen und anderen exotischen Gewächsen. Dann ging es weiter zun* Hindutempel. Dauernd folgte uns ein Mann, mit dem wir dort ins Gespräch kamen. Es war ein Jude; am Hafenplatz trafen wir ihn wieder. Hier erzählte er uns, er hätte uns als Juden erkannt und sei uns aus Interesse gefolgt. Er fuhr uns in seinem Auto nach der großen Synagoge. Alle dort befindlichen Juden waren sehr erfreut, Juden aus Deutschland zu begegnen. Er zeigte uns noch das ״Tor zu Indien*, wo die Mitglieder der englischen Königsfamilie landen und vo» wo man eine herrliche Aussicht auf den Ozean genießt. I» einem Schaufenster war die Gestalt Gandhis, des große» indischen Führers, ausgestellt Im Museum wurden uns Götter- Statuen, eine Thorarolle mit hebräischen Buchstaben und Kleidung und Schmuck der indischen Frauen gezeigt. Aul dem Rückwege sahen wir einen nackten Inder, der sich wie wahnsinnig gebärdete. Nach zweitägiger Fahrt erreichten wir Colombo, die Hauptstadt Ceylons. Hier ist das beliebteste Gefährt, die Rikscha, die von den dunkelhäutigen Eingeborenen gezogen wird. Colombo ist sehr schön zwischen herrlichen Grünanlagen gelegen. Im Victoria-Park gibt es Wunder zu sehen. Wenn man Gummi gebraucht, kann man ganze Bänder aus dem Gummibaum herausziehen. Da gibt es Kakaosträucher, fliegenfressende Pflanzen, Kampfer- und Zimtbäume. Rote Perlen findet man massenhaft auf der Erde, und eine andere Pflanze läßt bei jeder Berührurig 10 Minuten ihre Blätter hängen und zittert. Wir sahen einen Buddhatempel im Innern der Stadt, dessen! Buddhastatue etwa 10 Meter hoch ist. Das größte Heiligtum der Buddhisten ist jedoch der Tempel des Zahnes, dessen Allerheiligstes nur Fürsten sehen dürfen. Der Zahn soll von Buddha selbst stammen, ist jedoch nur der sorgfältig polierte Zahn eines Ebers, der vor 400 Jahren in den dortige*! Dschungeln hauste. Dieser Fetisch wurde von den Portugiesen zerstört, kam aber nach mehreren Jahren wieder in gdieini« nisvoller Weise zum Vorschein. Im August finden alljährlich die berühmten Prozessionen zum Tempel des Za’״’ps statt, wo Teufelsbeschwörer einen wahren Hexenschabbat veranstalten. Dann sahen wir no h die Schlangenbeschwörer, de eine Brillenschlange nach einer Pfeife tanzen ließen. In de» großen Geschäften und auch auf den breiten Straßen werden den Fremden kleine Elefanten aus Ebenholz an* geboten. Nun mußten wir von der Alten Weit Abschied nehmen und fuhren neun Tage über den Indischen Ozean, der neuen Heimat zu. Der erste australische Hafen, den wir anliefen, war Fremantle, der Hafen von Perth. Hier wurden die Zollformalitäten erledigt. Die ganze ärztliche Untersuchung bestand darin, daß wir in feierlicher Prozession mit aufgekrempelten Aermeln an dem Arzt vorbeimarschierten, um zu zeigen, ob wir keinen Ausschlag hatten. Perth liegt eine Stunde Bahnfahrt vom Hafen entfernt und ist eine bedeutende Industriestadt. Die Vororte der australischen Städte sind sehr ausgedehnt, da fast alle in Einzelhäusern wohnen. Nun ging es weiseine Stürme berüchter um die Südwest־ Qsn. 1/7 tigt ist. An einem ecke Australiens in < Iff Morgen rollte das die ,,Bight von Au- / (yäSJ Schiff derart, daß stralien“, die ebensämtliches Geso wie der Golf —"־— ־ schirr zu Bovon Biscaya durch ׳־׳ ** den fiel und die Passagiere von ihren Stühlen flogen. Adelaide ist eine sehr schöne Gartenstadt, von einem Parkgürtel umgeben. In Melbourne besichtigten wir das Museum, das eine ausgezeichnete Uebersicht über das Leben und die Sitten der Eingeborenen gibt Einen Tag später kamen wir in Sidney, unserem jetzigen Wohnsitz, an. — Dort begrüßte uns mein Onkel, der bereits zehn Jahre in Australien wohnt und uns sehr behilflich war. So fanden wir bald eine