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Jüdische Rundschau · 1936-11-27 · Heft 95 (27.11.1936) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 95 (27.11.1936)
Date
1936-11-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nf. 95 27. XI. 1936 jüdische Rundschau Seife 5 Neujudenium — fteues Judentum ln dem nachfolgenden Artikel erörtert ein Mann, der keiner Partei angehört, oon einem geistigen Blickfeld die jüdische Situation. Wir glauben, daß es sich um einen sehr beachtlichen Beitrag ~ur Diskussion handelt. (Red.) Das ״Neue“ im heutigen Erlebnis der Juden in Deutschland ist zuerst und primitiv: Zerstörung des ״Alten", nämlich seiner bisherigen Existenz, seiner enianzipatorischen Anschau־ ungen, fast all seiner Denk- und Lebcnsgewohnheiten. Das Neue ist also auf den ersten Blick etwas Negatives. Daß sich einer bei einem Schiffbruch auf eine Planke rettet, ist eine Reflexiv- und Reaktionsbewegung. Aus schwimmenden Planken wieder ein Fahrzeug zu machen, das ist Aktion, die aus einem planmäßigen Willen heraus entsteht. Erst das Fahrzeug ist das wahrhaft ״Neue“, — insofern es seine Tragfähigkeit und die Fähigkeit, Kurs und Richtung zu halten, erweist. Die Situation des heutigen Judentums in Deutschland (und nicht nur in Deutschland) zeichnet sich in diesem Bild mit vollkommener Deutlichkeit ab. Aber kehren wir aufs Festland mit andern Bildern zurück! Es hat nichts, aber auch gar nichts mit wahrhaft Neuem zu tun, wenn jetzt viele Juden sich an das Judentum anlehnen, weil חני־יס jede andere Anlehnungsmüglichkeit gen omni eil ist. Es treten einem immer wieder Glaubensgenossen (ohne Glauben) entgegen, die den Klubsessel, ihre bisherige Sitzgelegenheit, aus der sie aufgescheucht worden sind, verlassen haben und sich nun auf einem härteren und oft sogar empfindlich harten Sitzmöbel, nämlich dem zur Zeit total ungepolsterten ״jüdischen Diwan“, niederlassen und sich oder anderen sagen, sie könnten — zur Not! — auch so sitzen. Sie reagieren auf das Zcitcrlebnis rein äußerlich. Sie befassen sich ausschließlich mit dem Wohlbefinden von nichts anderem und von nicht mehr als ihrer ... Flaut. Das sind die Juden, die sich nicht einmal zu häuten willens und fähig sind. Was sie früher ״europäisch“ oder sonstwie genannt haben, das belieben sie jetzt jüdisch zu betiteln. Das ist natürlich eine Falschmeldung, und zwar eine, die gewiß nicht immer aus mangelndem Willen zu kommen braucht und zu körn men pflegt, sondern oft genug aus dem Mangel an Einsicht in die eigene und des Judentums wirkliehe Lage, oft auch aus der vom Klubsessel 11er noch haftenden quietistischen Einstellung und Gestimriitheit gegenüber allen über das Materielle hinausgellenden Anforderungen. Aber ״ersitzen‘1 kann man sich das ״Nene“ nicht. Noch weniger erschlafen und nicht einmal erträumen! Es muß erlebt, zum Erlebnis und daraus zur T a t werden, zur Tat der Wandlung. Es muß einen umschaffenden Charakter haben und eine umschaffende Wirkung ausüben. Eine nur kopulative Verbindung des neu heran- und auf die Haut und den Leib gerückten Judentums mit den alten Lebensbegriffen (thematisch ausgedrückt: ״das Judentum und...“) ergibt nichts wahrhaft Neues, keine erneuerte Gesinnung und Lebenshaltung, sondern nur eine Verschminkung und Mumifizierung veralteter ajiiclischer Lebensinhalte. Es ergibt sich daraus auch eine Erscheinung, die so unerfreulich und unnütz wie nur möglich ist: die Erscheinung des ״Juden auf Zeit“, der bereit (und heimlich entschlossen) ist, sich wieder nach 4cm alten Rezept uinzuorienticren, sobald die Lcbensumstände wd ein anderes Lebensmilieu es gestatten. Jude auf Zeit — ras für eine Anomalie und was für eine seelische Illegitimität gegenüber der geradezu majestätischen Dauer, Festigkeit und Geschlossenheit des wahrhaften Judentums! Man kann gegen jenen peripherischen Anrainer und, um nochmals das Bild zu gebrauchen, ״Ansitzer“ des Judentums gar nicht mißtrauisch genug sein. Sie haben ihr a- oder sogar unjüdisches geistiges Gepäck nur bei einer Aufbewahrungsstelle abgegeben und sehnen die Sekunde herbei, wo sie es sich wieder holen können. Sie haben Koscheres in der Auslage und Treifcnes im Laden, und was sie vollends in der Stube hinter dem Laden haben, das entspricht etwa jener Wildente Ibsens, die bezeichnenderweise in der Rumpelkammer herumgeistert. Diese Neujuden sind in Wahrheit die alten Michtjuden geblieben. Das Neue aber, das allein fiir das Judentum fruchtbar werden kann, ist die aus der drangvollen Enge des heutigen jüdischen Daseinskreises gewonnene Vorstellung von der Verpflichtung 1108 Einzelnen für das Judentum. Diese Verpflichtung ist moralischer Art, und nur wenn sie S(> empfunden und betätig‘ wird, bleibt ihr der parvenuhaftc und konjunkturelle Beigeschmack erspart. Die Juden in Deutschland haben eine Reihe von Rechten und praktischen Möglichkeifen verloren. Diesen leergewordenen ״Innenraum“ in ihrem Leben können sie mit ״ich‘s anderem neu auffüllen als mit der Erkenntnis und Anerkennung neuer Pflichten. Diese Art von seelischer Restitution, von seelischer Umformung — der längst vor der Reformation fiir diesen Vorgang im Christliehen Bereich üblich gewesene, noch mittelalterliche Ausdruck hieß ״reformatio“ — schafft allein den Zugang zu einem Neuen Judentum, das das Ncujudentum in sich überwunden hat. Der jüdische Glaube, der von oberflächlichen Beurteilern oft als Buchstabenglaube hingestellt wird, ist weiträumig und umfassend genug, um auch den freien Geist, der allerdings nicht zu verwechseln ist mit dem zu Recht in üblen Geruch gekommenen ״Freigeist“, Boden unter die Fülle geben zu können — Boden ”genug, um noch jenseits der Rasse ein ALLIGATOR UNSERE VERKAUFSGESCHAFTE, Essen, Am Hauptbahnhof 10 Boc hum, Kortumstraße 67 Frankfurt.M., RoSmarM 15 Zentrale: Offcnbach a. M. Berlin, Tauentzienstraß« *!j Jjarn b u rg, Junjff»rnsti»r?־! Köln a. Rh, Hohe Straß» f׳"rn, Limbeckerstraß» y. Wupp»rt»i-F.U>erf»!d, Hcreojstraße 36 Gemeinschaftsgefühl eindeutig und entschlossen jüdischer Art atifwachsen zu lassen. Die Juden sind ein durch erlebte Geschichte zusainmcngchaltenes Volk — Geschichte aber ist ebenso ein Begriff und Phänomen der Zukunft wie der Vergangenheit. Für die künftige Geschichte, für ein neues Werden des jüdischen Volkes sich vorzubereiten, sich bereitzumachen und berciizuhalten, das und nur das allein bedeutet in dieser Zeit: Neues Judentum. Die jüdische Lehre hat Gelegenheit genug gehabt, zu beweisen, daß sie unwandelbar über dem weltlichen Ergehen des Volkes stellt ־־־־ nicht wie ein ferner, schöner und blasser Stern, sondern als nahe, Wärme und Leben spendende Sonne. Sie ist unser aller Mutter, zu der man auf den vcrschiedensten Wegen immer wieder zurückkehren kann. Es führen alle, in jüdischem Bewußtsein gegangene Wege zu ihr zurück. Sie allein war es die den Körper der jüdischen Gemeinschaft von innen heraus zuerst gebildet und dann erhalten und gehalten hat. Das Gemeinschaftsdasein der Juden ist förmlich — nämlich in seiner Form und Geformthcit — eine Funktion von ihr. Darin beruht ihre Bewährung vor der Geschichte. Das jüdische Volk ist wie die jüdische Lehre und mit ihr ״überliefert“. Das Individuum kann, ja muß seine Annäherung, Wiederannäherung an sie durch den Körper des Volkes hindurch vollziehen. Den Orthodoxen stellt sich der Vorgang umgekehrt dar. Sic fühlen sich durch die Lehre mit dem Volk verbunden. Da aber die Mehrheit der heutigen Juden nicht orthodox denkt, ist die Feststellung um so wichtiger, daß das neu erwachte oder erst zu erweckende Judentum durch das Zugehörigkeitsgefühl zum Volk notwendig auch seine Verbindung mit der Lehre aufnimmI. Das sichert dem nationalen Bewußtsein der Juden, jenseits aller Politik, seinen religiösen Charakter und Wert Es gibt Zeiten, deren Voraussetzung ein Maximum an religiöser Hingabe ist (zu SALMAN SCHNEUR a י י m *w3^ ׳ ־־ mm* Autorisierte Ucbersetzung von Grete Fischer (Schluß) ״Das wird man dir heimzahlen!“ sagten sie zu Tsehurillo. Der ältere der Wachsoldaten zog einen Bleistift heraus, netzte ihn mit der Zunge und schrieb mühselig in sein kleines Pfennigheft, in das er sonst die Zahl der geleerten lonnen eintrug. Tsehurillo stand verstockt daneben. Seine fleischige Brust ging schwer •wie ein Blasebalg nach der unimenschliehen Anstrengung des Wurfes. Ir hatte die Drohungen nicht angehört, sondern starrte, die schweren Arme über der Brust gekreuzt, ein häßlicher Riese, über die Säbel und Revoller hinweg nach seinem Feinde. Er fand ihn und starrte Um an, wie ein wilder Ochs über einen niedrigen Stachelzaun schaut, und knirschte mit den Zähnen, zischend: ״Dich krieg ich noch, Jud! Ich krieg dich!“ Pandre war schon wieder er selbst. Aber er erkannte dscliurillos Stimme nicht. Das war nicht die Stimme, vor der die Gefangenen gezittert hatten! Sie war zerbrochen wie seine Nase. Pandre hörte in der Drohung die ganze Schwäche des Mannes, der sich seiner Niederlage bewußt wir, der einem ehrlichen Kampf sich nicht mehr gewachsen fühlte und statt dessen versuchte, sieh mit niederträchtigen Mitteln zu rächen. Pandre öffnete den Mund zu einem breiten gutmütigen Grinsen, das alle seine weißen Zähne zeigte. Es hieß: ״Komm nur an! Ich bin bereit!“ Das Grinsen machte Tsehurillo noch ־wütender. Er setzte zu einer Antwort an. Aber die Wachen hatten keine Lust, '™ da stehen und schimpfen zu lassen. Der Anführer blies in die Pfeife und kommandierte: ״Marsch!“ Und mit blanken Säbeln und gespanntem Ilahn trieben 1 schuri 110s Wärter ihren Gefangenen weiter. Zugleich knarrten die Räder unter der zerschmetterten tonne, und der Karrern zog an. Beide Gruppen von Arrestanten zogen die Mobilerer Straße entlang — in entgegengesetzter Richtung. fünfundzwanzigstes Kapitel BRIEF VON PANDRE An einem frühen Morgen schlurfte Voitek, der jüdische Briefträger von Scliklow, durch den frischgefullenen Schnee und wollte auf dem Weg zum Morgengottesdienst in der Synagoge im Vorbeigehen einen Brief abliefern, der für Meri, Pandres Weib, gekommen war. Leiser Voitek war ein ehemaliger Fuhrmann, schon fünfundachtzig, aber noch rüstig und beweglich. Er war stark wie Eichenwurzeln. Als er zu aIt geworden war, um seinem Beruf nachz.ugehcn, hatte ihm die Fuhrmannsgilde den Posten des Briefträgers verschafft; er trug alle jiddischen Briefe an die F.inwohner von Scliklow aus. Dafür bekam er drei Kopeken für jeden geschlossenen Brief, und zwei für jede Postkarte. Voitek war einer der wenigen überlebenden alten Niko- Iaisehen Soldaten, der als •Jude wieder heimgekommen war. Mit zehn Jahren hatte inan ihn weggeholt, dreißig Jahre lang hatte man nichts von ihm gehört. Er war vergessen. Seine verwitwete Mutter war vor Kummer über den Vorlust des einzigen Kindes gestorben. Und dann war er auf einmal eines Tages wieder aufgetaucht, haarig und bärtig wie Robinson Crusoe, breitschultrig, und tüchtig und geschickt zu jeder Arbeit. Er konnte Holz, hacken, Bretter sägen, alles, was man will• Auf diese Weise hatte er sich von der Krim bis Schklow durchgearbeitet, zu Fuß. Er hatte gehofft, seine Mutter noch am Leben zu finden. Aber man zeigte ihm nur ihr Grab auf dem Friedhof, nackt, ohne Grabstein. Voitek heiratete ein armes Mädchen, arbeitete schwer und lange, bis er ein paar Gulden erspart hatte und Pferd und Wagen kaufen konnte• Er hatte zwei Kinder, sie gingen nach Amerika, sein Weih starb. Und Voitek war wieder allein. — Pandres Schwiegermutter, Senders Witwe, sah Voitek kommen und wartete schon an der Haustür, als er herangekommen war. ״Guten Morgen, Voitek• Was für uns?“ ״Guten Morgen. Ja, >ch hab cit1e״ Brief, für Meri, aus Mohilew.“ ״Meri!“ schrie die Mutter, ״komm her!“ ihnen hat z. B. die Maramienepodie gehört), es gibt aber auch Zeiten, für die ein religiöses, richtiger: ritualistisches Mininuim fruchtbar und entwicklungsträchtig werden kann. Dies Letztere scheint mir heute der Fall zu sein. Es ist der Fall (und die Erfüllung) eines neuen Judentums. Er erweist im letzter» Grunde auch die GeschiehIslähigkeit, die wandelbare Erlebnisfälligkeit der jüdischen Lehre, deren innere Unwandelbarkeit ja auf einigen wenigen Grundthesen beruht, die durch den Dekalog imi/irkt sind. Das Neue Judentum kamt nur die eine heule sichtbare Aufgabe haben: Bereicherung und somit Festigung und somit Sicherstellung des jüdischen Volksb e vv ti IS t s e i 11 s und Volkskörpcrs. Seit bald neunzehnhundert Jahren ist die jüdische Geschichte nichts anderes und nicht mehr als ... Koinmunalgeschichte — Geschichte der jüdischen Gemeinden. Das schien, unter dem Druck höherer geschichtlicher Gewalten, zur jüdischen Bestimmung geworden zu sein. Fs ist daraus unter den Juden aller Länder eine Hypertrophie, geradezu ein Exzeß gemeindlicher Gesinnung und Haltung entstanden. Die Zeit der Emanzipation und Assimilation hat sich und uns daran gewöhnt, die gemcindüchc Zusammenfassung als Hort und einzigen Hali des jüdischen Lebens zu betrachten. Aber um so klarer muß man erkennen, 11 aß heute das Dach der Gemeinden zu niedrig und daß ihre i undamente zu schmal und überdies auch brüchig geworden sind. Sie stehen heute schon, wie groß auch ihr praktischer Aufgaben- -und Arbeitskreis gerade jetzt noch ist, hinter der Zeit und hinter der jüdischen Entwicklung zurück. Sie bilden eine Etappe in der Entwicklung von gestern. Sie sind fähig, allerhand ״Neujiident 11 ni“ organisatorisch aufzufangen. Ob sie aber geeignet sind, Träger des Neuen Judentums zu werden, ist sehr fraglich. Die jüdische Gemeinde, in ihrer bisherigen Form, ist, im Sinne dieses Neuen Judentums, das zum Ganzen, zum Volke drängt, ״reaktionär״. Damit soll nicht etwas ,gegen die Gemeinden, wie sie nun emmal geworden sind, gesagt sein, sondern etwas über den neuen Weg, den das Judentum zu gelien hat, wenn es nicht aus seiner Zersplitterung in eine Atomisierung verfallen soll. Es ist dies der Weg zu einem üherfcitieimllicheti, zu einem umfassenderen jüdischen Geist, als es der gemeindliche aus seiner Entwicklung und Natur heraus sein kann. Hier ist der Punkt, in dem snh von selbst Jas Problem des Zionismus aufwii ft. Gewiß braucht es in keinem Betracht mit den gemeindlichen Problemen sich in Wider- Spruch zu setzen und tut es ja auch nicht. Aber es zieht ja nicht nur praktisch eine ״Flucht ans der Gemeinde“ (durch Auswanderung nach Palästina) nach sich, sondern es stellt auch theoretisch ein« ״Eludil über die Gemeinde hinaus“ dar. Der Zionismus ist eben!111 Besitz der höheren jüdischen Idee, der Idee der S a in in I u n g u n d des Z 11 s a 111 uenwach׳ sens ins V o 1 k s k ö r p e r 1 i e h e. Er zwingt die Juden, den Blick über die Gemeinde hinaus zu richten. Das führt keines• wegs zu einer inneren Schwächung des gemeindlichen Geistes, es ist sogar geeignet, ihn mit einem tieferen Sinn zu erfüllen. Jedenfalls kann sich eine Erneuerung des Judentums ohne zionistische Sinngebung nicht vollziehen. Denn diese erschöpft sieh ja nicht in der Tendenz, Palästina zu besiedeln, sondern sie umfaßt auch das ideelle Ziel, die Juden überhaupt siedlungs fähig — geistig und körperlich, volksgeistig und volkskörperlich — zu machen. Pflegt es im allgemeinen zu heißen und sich auch so zu verhalten, daß ein neuer jüdischer Geist Palästina aufzaibauen hat, so ist es noch viel sicherer, daß Palästina einen neuen jüdischen Geist aus sich heraus gebaren wird. Und dieser wird nicht ein Vorrecht der Zionisten sein, sondern in ihrem Sinn dem gesamten Judentum zugute kommen. Die Juden in Deutschland sind mitten in diese Entwicklungeil förmlich liineingcscbletidert worden. Sie haben den assimilatorischen Gang ohne Hast und fast ohne Stürme hinter sich gebracht. Jetzt aber sind sic zwischen zwei Mahlsteine geraten, deren einer die Assimilation und deren anderer ihre Beanspruchung durch das jüdische Volk ist. Ehe Unterscheidüng zwischen Ncujndentum und Neuem Judentum ist das Sieb, um Mehl von Kleie säuberlich 7u trennen.... Her in a 11 n S j n s h e i m e r Den Ruf hörte ein Säugling, der rasch v״n der Brust genommen wurde, und Meri lief heraus, ein rotes Tuch um Kopf und Seh ul fern geschlungen. Pandres Strohwitwe sali dünn und vergrämt aus, mit dunklen Ringen unter den /Augen, sogar die Nnse schien spitzer geworden. Mit ihren langen magern Beinen und dem flatternden kurzen Tuch um Kopf und Oberleib sah sie aus wie ein zerrupfter Storch, der zu schwach gewesen war, um mit den andern in wärmere Länder zu fliegen. Voitek gab ihr den Brief mit einem Lächeln, und sie nahm ihn schüchtern, wie ein junges Mädchen den ersten Liebesbrief. Dann schaute sie Voitek unglücklich an, weil sie ihm seine drei Kopeken, den Botenlohn, nicht geben konnte. Sie schaute die Matter an, warf auf ihre Weise den Kopf zurück und sagte: ,,Mutter? Hast, du was bei dir?“ ״Woher, glaubst du, sollte ich was haben?“ antwortete die Mutter. Voitek merkte, daß sie sieh um seine drei Kopeken grämte, zuckte die Achseln und sagte: ״Gott behüte! Das würde mir doch nicht im Traum einfallen! Ich nehm doch kein Geld für einen Brief von Pandre!“ ״Dann komm mal am Abend, und trink ei» Glas Tee mit uns!“ sagte Meri. ״Komm heute abend, nach dam Beten.“ Voitek nickte. ״Gut!“ sagte er. ״Ich komme bestimmt. Wir trinken auf alles, was wir lieben, und alle Sorgen sollen zerstieben! Guten Morgen, alle zusammen!“ Meris Herz schlug ruscher, als sie den Brief ins Haus trug. Sie untersuchte gierig den Umschlag, wie ein Verhungernder ohne Zähne, der ein Stück altbackenes Brot vorgesetzt bekommt. Denn sie konnte ihn nicht lesen. Sie wußte, daß alle Briefe aus dem Gefängnis russisch geschrieben sein mußten, Noah mußte sie vor» jemandem schreiben lassen, und dafür bezahlen, und er konnte nur von Zeit zu Zeit das Geld dafür zusammenkrntzen. Dann erst mußte der Brief die Zensur passieren und lag mindestens noch eine Woche im der» Kanzleien herum, che er an die Frau geschickt wurde. Und Meri kannte in Schklow niemand, der russisch lesen konnte, außer dem Söhnchen des Millionärs, das in die Stadtschule ging. Wenn sie in dms Haus des Neuen Millionärs kam, um sieh einen Brief vorlesen zu lassen, fand sie den Jungen immer im Gezänk mit seiner Schwester, die er aufzog und der er Spottlieder sang, bis sie heulte. Aber sie tiatte andere Gründe, nicht gern in dns Haus zu gehen. Die Frau des Neuen Millionärs fühlte sieh ihr doch etwas verpflichtet, weil

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