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Jüdische Rundschau · 1936-11-24 · Heft 94 (24.11.1936) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 94 (24.11.1936)
Date
1936-11-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU NR. 94, 24, NOVEMBER 1936 Englands strategische Interessen Offenes Wort einer englischen Zeitschrift Die englische Zeitschrift ״Great Britain and the East“ stellt in ihrem Leitartikel in der Ausgabe vom 19. November grundsätzliche Betrachtungen zum Palästinaproblctn an. Sie weist auf das außerordentliche Interesse hin, das die Palästinafrage findet. Man könjie das Problem vo׳n verschiedensten Gesichtspunkten aus prüfen, religiösen, politischen, wirtschaftlichen, strategischen nsw. Keiner von ihnen ist unwichtig und kann übersehen weiden. Die Kommission wird sie zweifellos alle prüfen. Worauf dieser Artikel aber Hinweisen solle, sei der ausschlaggebende Gesichtspunkt der Mandatarmacht oder besser die Auswahl von Gesichtspunkten durch die Mandatarmacht. Warum befindet sich England in Palästina? Manche werden sagen, um die Unabhängigkeit seiner Bevölkerung in Uebereinstimmung mit der radikalen Auffassung des A-Mandats zu fördern. Andere werden sagen, um die Balfour-Deklaration zu verwirklichen. Wieder andere werden der Ansicht sein, uin das britische Schicksal zu erfüllen, Hüter des Heiligen Landes zu sein. Und die ״Internationalisten“ werden sagen, um seine Aufgaben gegenüber dem Völkerbund ciuzulöscn. Aber sei es nicht trotzdem richtig zu sagen, daß England ln Palästina vor allem aus strategischen Gründen steht? Die besondere Lage Palästinas, vor allem in seiner Beziehung zum Suez-Kanal, kann niemals übersehen werden. Das Britische Empire sendet nicht Tausende von Soldaten aus Gefühlsgründen nach Palästina, Aber dies ist nur das A c u ß e r e des Problems, Anerkennt man den britischen strategischen Zweck, so erhebt sich die Frage, wie kann er gesichert werden? Es gibt hierüber zwei verschiedene Anschauungen. Die eine sagt: Während England alles tun soll, um die Freundschaft der nichtjüdischen Völker, die an der Reichsverbindungsstraße nach dem Osten wohnen, zu gewinnen und zu halten, ist es unerläßlich, in Palästina ein Volk zu haben, das in seiner Existenz und Sicherheit vollkommen vom Britischen Empire abhängig ist. Solch ein Volk könnte nach diesem Argument nur durch die Juden gebildet werden. Die a!1dere Auffassung sagt, dal! die arabische Freundschaft und Zusammenarbeit mit den Engländern eine unerläßliche Voraus- Setzung der Erhaltung des englischen Einflusses und Prestiges im Osten sei und daß es zwecklos sei, eine solche Freundschaft von den Juden in Palästina zu erwarten, die aus allen Teilen der Erde dort zusanunenkämen und vor allem aus solchen Teilen, die England keine Loyalität schulden. Dies sei, so fährt der Aufsatz, fort, das eigentliche Dilemma, das zu lösen die Aufgabe der Kommission sei. Auf den Bericht der Kommission blicke fast die ganze Welt — das Empire, die islamische Weit, die jüdische Welt und viele andere. Es ist eine schicksalreiclie Zeit für das Heilige Land. Nur wenige Beobachter zweifeln daran, daß, wenn nicht treffende Vorschläge gemacht werden, die Unruhen im nächsten Jahr von neuem ausbrechen ■werden, und Sicher zweifeln die Militärbehörden in Palästina nicht daran. Man müsse daher ohne Leidenschaft oder Geringschätzung *Ile Kalten auf den Tisch legen. Das britische Volk würde keinen krummen Handel dulden. Palästina ruft laut im Namen von Religion und Menschlichkeit und sogar der Zwecksmnkcit nach fairer und kluger Behandlung alles dessen, was die Zukunft des Heiligen Landes betrifft. England hat in Palästina viele Verpflichtungen, die cs gerne als Privileg betrachten würde; aber seine größte und stärkste Verpflichtung ist, seinem höchsten Selbst treu zu sein. Die Tätigkeit der Kommission Am Donnerstag setzte der Chef des Immigrations-Depariements der Regierung, Mills, seine Aussagen in einer geheimen Sitzung der Kommission fort. Am Nachmittag Taten die Mitglieder der Kommission eine Reise nach dem borden des Landes an, von der sie am Montag zurückkehrten. Die Mitglieder der Kommission besuchten Sonnabend Safcd, Akko und besichtigten die landwirtschaftlichen versucl1sstationen der Regierung. Angebliche Aussagen Wauchopes Die arabische Zeitung ״Islamia“ gibt vor, zu wissen, vas der High Commissioner in der geheimen ersten Sitzung »er Kommission ausgesagt hat. Er soll erklärt haben, daß die önruhen durch die Befürchtungen der Araber an- :esichts der wachsenden Einwanderung, sowie durch die irmordung von zwei Arabern bei Pctach Tikwah am 16. April iervorgerufeu worden sind. Ferner, so beißt es in der Islamia“, hat der High Commissioner die Haltung der Re-;ierung während der Unruhen dargclegt und die Schaffung ines Gesetzgebenden Rates empfohlen, welcher ge- :ignet sei, die "Gegnerschaft zwischen Arabern und Juden :u mildern. — Diese Nachricht muß laut Palcor mit der »roßten Vorsicht aufgenotunicn werden. ״El Dschamca cl Islamia“ ist wegen Veröffentlichung iieses Berichtes für einen Tag verboten worden. Die Haltung der Araber Das Oberste Arabische Komitee trat Sonnabend zu einer Sitzung zusammen, auf der wiederum mehrere Briefe von Arabern, die gegen den Boykott der König). Kommission sind, zur Diskussion standen. Es wurde beschlossen, die endgültige Stellungnahme der arabischen Könige abzuwarten. In Beantwortung des an ihn gerichteten Memorandums des Mufti hat Lord Peel unter Hinweis auf seine Rede auf der Eröffnungssitzung der Kommission am 12. November nochmals sein Bedauern zum Ausdruck gebracht darüber, daß die Arbeit der Kommission keine Unterstützung seitens der Araber erfährt. Die arabische Zeitung ״Felestin“ berichtet über eine Konferenz in Bagdad, der auch Kaukji und andere Rebellenführer beiwohnten und auf der wichtige Beschlüsse über die Taktik gefaßt wurden, die einzuschlagen wäre, falls die Königl. Kommission den arabischen Forderungen nicht stattgibt. Die arabische Zeitung ״Al Difaa“ berichtet über gehei me Verhandlungen zwischen England und den arabischen Königen im Zusammenhang mit der Frage der Einwanderung. Die Zeitung meldet ferner, daß Emir Abdul ja ein Memorandum über die Probleme Palästinas an Lord Peel gesandt habe. Wiedersehen in kritischer Zeit Von unserem nach Palästina entsandten Sonderberichterstatter K. L- Tcl-Awiw, den 12. November Man kommt in dieser Zeit ins Land mit mancherlei Befürchtungen. Welche Verwüstungen haben die Unruhen angerichtet? Werden sie sichtbar sein? Wie steht es uni Beschäftigung und Verdienst der breiten Masse? Wie wird die Stimmung nach den Monaten der Anspannung sein, von der alle Teile des Jischuw berührt wurden, die einen mehr, die anderen weniger, aber doch niemand ganz davon ausgeschlossen? Briefe, die ins Ausland geschrieben wurden, zeigten in den letzten Monaten bisweilen, daß die Spannung jenes Maß zu überschreiten begann, das inan ertragen konnte. Eine Fahrt durchs Land, ein Blick auf das, was in dieser Zeit neu entstanden ist, eine Reihe von Gesprächen mit Menschen, die über bestimmte I.ebcnsbczirkc inlormiert sind, und mit dem ״Mann auf der Straße“, der seinem privaton Leben nachgeht. belehren über manches, das man von außen nicht so klar sieht. Ungebrochene Energie Der stärkste Eindruck bleibt vom Eintritt ins Land in Haifa an haften: Entwicklung u n <1 Erweiterung Unseres Werkes. Abessinische Krise und Unruhen traben gewiß der Periode einer beinahe schrankenlos an mutenden Prosperität ein Ende gesetzt. Sie haben dennoch nicht vermocht, die Energie des Jischuw zu brechen. Das Tempo der Entwicklung hat sich gewiß in vielen Bezirken verlangsamt, aber sic ist weiterfegaugen! Die Resultate fallen überall ins Auge. Vor l'i» Jahren, als wir Haifa auf dcm Gipfel der Prosperity sahen, wurde das Gelände am Hafen für eine spätere Bebauung gerade vorbereitet. Jetzl ist aus der damaligen Wüstenei ein neues Stadtviertel entstanden, das schon vom Schiff aus imponiert. Große Geschäftshäuser sind teils fertig, teils im Rau und werden in kurzer Zeit diesem .Mittelmeerhafen das Gepräge eines wirklichen Knotenpunktes des Verkehrs auch äußerlich gehen. Die Fahrt durch das flache Land bestätigt diese ersten Eindrücke. In Jagur sehen wir den Neubau der mit Hilfe der Reicbsrcrtretung geschaffenen L u 11 w i g - T i c f z - Seil ule zur Ausbildung von Handwerkern. Wir durchfahren das Land sodann auf der neu geschaffenen Straß c, die über Mcgiddo nach Dschenin und von dort mitten durch das reiti arabische Gebiet na di Tuikerem führt. Eine Kette teils ganz junger, teils in der letzten Zeit erst ausgebauter jüdischer S i e d I u n g s p u n k t e begleitet diesen Weg am Anfang mul beweist «Jen Fortschritt der kolonisatorischen Arbeit auch in diesem Teil des Emek Jcsrecl. Besonders eindrucksvoll ist die Entwicklung in Yokneam, wo eine Gruppe der ״Werkleute“ aus Deutschland neben rmtteistänclischcn Siedlern arbeitet. Anfang 1935 bestand dieser Punkt aus einigen kümmerlichen Baracken, während heute ein schon recht gut ausgebauter Ort uns über das Tempo der Entwicklung staunen läßt. Im Tel - Awiwer Bezirk Nicht weniger eindringlich präsentiert sich diese in anderen Teilen des Landes. P e t a c h Tikwah, das wir von Norden her erreichen, empfängt den Besucher mit ganzen Reihen neuer Häuser. Je mehr mau sich den Vororten von Tcl-Awiw nähert, desto größer wird die Differenz zwischen dem, was heute vorhanden ist, und dem früher dort Gesehenen. Ii’nc Brak und Ramath Gan mit den umliegenden Ortschaften bilden eine richtige Trabantenstadt Tel-Awiws mit vielen Straßen, die man vor kurzem noch nicht ahnen konnte. Zahlreiche 'Fabrikgebäude am Wege beweisen dm Fortschritt der Industrie. Audi hier gibt es eine Menge von Bauten, die im Werden ,sind. In Tei-A \v iw selbst ist die Bautätigkeit — dem äußeren Eindruck nach — nicht so stark wie im vergangenen Jahre. Dennoch wird viel gebaut, sowohl in den Außenbezirken wie im (nnern der Stadt. Der Norden — das immer beliebter werdende Wohnviertel in der Nähe des Meeres — ist weiter gewachsen; viele Straßenzüge, die noch Lücken aufwiesen, sind geschlossen, und anderswo schieben sich die Häuserblocks weiter in das Düncngclände vor. Im Innern der Stadt gibt cs zahlreiche neue ücscliäftshäusc r, Hotels usiv,, die den Hauptstraßen ein verändertes Gesicht verleihen. Besonders fallen die neuen B;ו n k g e b ä u d e auf, so das pru nkvolle Haus der Agrobank auf der Allenbystraße und der Erweitertingsbau der Zentrale der Anglo Pal«sti!1e-Bank. Das ״neue Wahrzeichen“ Der Besucher, der jetzt nach Tcl-Awiw kommt, wird sehr bald gefragt, oh er das neue Wahrzeichen der Stadt, den Hafen, bereits gesellen hat. Das Gelände draußen an der Mündung des Jarkaus neben der Ausstellung bildet Tag für Tag das Ziel zahlreicher Schaulustiger, die von der Cafeterrasse der Messe aus dem Leben und Treiben im Hafen ztisdiatien. Was dort in wenigen Monaten geleistet worden ist, wirkt in der Tat überraschend. Gewiß gibt es in Tcl-Awiw keinen wirklichen ״Hafen׳‘ (ebensowenig wie in Jaffa); die Schiffe ankern auf offener Reede und werden mit Hilfe von Hachen Kähnen entladen, i licrfur aber sind die grundlegenden Einrichtungen in der kurzen Zeit geschaffen worden: die Mole, Lisenbahngeleisc, Krane. Schuppen usw., und das Bild emsiger Tätigkeit, das den ganzen lag über dort herrscht, die Arbeit »!er jungen I mite, die sielt als Hafenarbeiten ihre Sporen verdienen, und dicht daneben die Erweiferiingsbautcn, die (der Vergrößerung des Hafens dienen, geben ein Bild erfreulichen Schaffens und wahrer Unterneliiniirtgslust, die auch in schwieriger /,eil nicht erlahmt. Man verstellt, daß sich die arabischen An>trcn:;ungen darauf konzentrieren, die Entwicklung des Tel-Aw iwer Hafens im Interesse Jaffas zu unterbinden. In Tcl-Awiw tritt die Besetzung des Landes dureli Militär kaum in lirseheimmg. 1 s ist vielleicht bedauerlich, (laß — wie es scheint .- ein engerer Kontakt zwischen den Soldaten und ihren ()ffi/ieieii einerseits und dem Jischuw andererseits nur schwer hemisteHen ist. Jene ״gläserne Matter“, die für das Verhältnis von Juden und Engländern in Palästina von jeher eh.uakteristisdi war, macht sich auch in dieser Beziehung geltend, Es ist dabei erfreulich, wenn man hört, daß auf dem Lande in dieser Beziehung manches besser ist als in der Stadt. So sind Soldaten in Kwn/oth oft zu Gast und sollen einen sehr starken Eindruck vom Leben in den Siedlungen empfangen haben und gute Kameradschaft mit den Siedlern halten. Mein darf die Beelentimg eines solchen Umstandes für die Stimmung im Lande nicht unterschätzen. Arabisches Gebiet Die Fahrt durch das weite Gebiet irn Herzen des landes, das rein arabisch ist, verläuft ohne Zwischenfälle. Auf den Feldern sieht man um diese Zeit kaum arbeitende Bauern; nur Schaf- und Zicgenherden weiden auf den Stoppelfeldern. Dschenin, Tuikerem und Kalkilich — in der Zeit des Terrors fast täglich unliebsam genannt — bieten das altgewohnte bunte Bild, nur daß auf den Straßen Polizei und ,Militär patrouilliert. Die militätische Besetzung des Landes tritt überhaupt stark in Erscheinung. Ueberall sehen wir Militärlager, auf der Landstraße begegnet man Truppennlitomobilen, und auf vielen Bergspit/.eii siebt man militärische Wachen, die das Land beobachten. Lieber die Lage (I er a r a b i s c h e rt R c v ü 1 k c r 11 n g nach dem Fmle des Streiks gehen die Meinungen stark auseinander. Wir sind meist geneigt an/tmelnnc!t, daß einer der Grün tlc für den Abbruch des Streiks dis: wir (seit affliehe und seelische Erschöpfung der Bevölkerung׳ gewesen sei. Dieser Ansicht wird e!!t:;egcngehnlten, daß von einer solchen Erschöpfung bei der großen Mehrheit der Araber gar nicht die Rede sein könne. Die Landbevöll.erung sei im Gegenteil besonders an-gcniht und mache jetzt einen frischeren und gesunderen Lindnick denn je. Der Handel in der Stadt habe in Wirklichkeit niemals geruht Und sei heimlich fortgesetzt worden. Der Streik habe nur Das neue Wahrzeichen vonTel-Awiw einige Kategorien des arabischen Wiitschaftsscktors wirklich Lahmgelegt (/. B. Verkehr, f Elfen Jaffa, Arbeit in jüdischen Pflanzungen) und diese seien durch den Stroikfotufs so gestutzt worden, daß die Betroffene ח bei ihren trenn* Pas Leben und der Verkehr an der neuen Mule von Tel-An ׳iw nimmt immer mehr an Umfang zu. Unser Bild gibt einen IkgriH dagon, Welche Mengen bereits ein- und auseelad.cn weiden *010; 1üe«eBitW FWi» ..1 £■ Ar ־ י ■■ ' <#״ ■ יי^״י־י^' W■ A■ ftet-ÄSa 4 /־'? i gen Lebensbedürfnissen durclthalteil konnten. Aus diesem Grunde fasse man den gegenwärtigen Znstand auf arabischer Seite nur als eine Unterbrechung des Kampfes auf und glaube, ihn jederzeit wieder aufnehmen zu können. Inwieweit dies effektiv •möglich ist, kann allerdings nur schwer beurteilt werdeti, da die Fortführung einer Aktion viel geringcre Energien kostet als die \Y/i#G־lf»ro ti fn 11<׳ nt#־• piiinr hfrui t< ,,jh■• geblasenen. Die Juden aus Deutschland Der Großteil der Juden aus Deuts cli la n d, die in Palästina leben, hat die Schwere der Prohlcrae, die im Lande zu lösen sind, erst im letzten halben Jahre empfinden gelernt. Die meisten von ihnen salten ja in Palästina «inen relativ günstigen und einfachen Ausweg aus ihrer bisherigen Situation, und in der Periode der Prosperity konnte dieser Lindruck auch bestehen blciben. Die Gefahr war nicht von

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