Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 94 (24.11.1936)
- Date
- 1936-11-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Se!f9 2 JODiSCHE RUNDSCHAU Nr. 94, 24. XI. 1936 ierung in seinem Wiener Vortrag eine neue Interpretation: nicht die Länder sollen von Juden evakuiert werden, sondern die Juden sind es, die ihre bisherigen Positioncn evakuieren. Mit dieser Spitzfindigkeit soll die Erregung, die sich der polnischen Juden über die Verhamllungen Jabotifskys mit der polnischen Regierung bemächtigt, beschwichtigt werden. In Wahrheit wird jeder Hüter das Programm Jabotinskys so auffassen, wie es die ganze polnische Oeffentlichkeit aufgefalit hat: als ein Versprechen, Polen von seinen Juden zu befreien. Wir würden gegen ein solches Programm nichts einwenden, wenn es durchführbar wäre; daß es dies nicht ist, läßt siel! mathematisch beweisen. Um die Notwendigkeit der Üeffming eines Ventils für die jüdische Auswunderurig nachzuweisen, bedurfte es nicht so gefährlich überspitzt er Parolen. Trotz dieses entscheidenden Einwatules soll aber nicht verkannt werden, daß Jabotinskys Bestreben, Regierungen wie die polnische, die auch an jüdischer Auswanderung interessiert sind, zu einer Unter- Stützung internationaler Aktionen zwecks Oefinung von Einwandenuigsländcrn zu gewinnen, seine Berechtigung hat. Ebenso ist nach unserer Meinung vieles richtig, was jahotin.sk v in seinem Vortrag zur Analyse der gegenwärtigen Weltsituation und insbesondere der Situation im Mittel(1u׳er nach den vorliegenden Berichten gesagt zu habe!! scheint. Bei der politischen A u s w ertung dieses Sachverhalts scheint er uns aber völlig in die Irre zu gehen. Solche Reden sind nicht der richtige Weg. um das für eine Sicherung und Erweiterung des Jüdi-tlien Nationalheims unbedingt notwendige Vert r a t! e 11 s v e!11 ׳ ä 11 n i s z u r M a n d a t a r m a c h t zu st.a 1 ken. Ehen erst hat die 1 mulinier Zeitschrift ״Great Britnii; and the East“ das von judenfreundlicher Seite in England gebrauchte Argument, nur die Juden wären in dem am Suez-Kanal gelegenen Palästina eine wirklich auch in! Ernstfall für England zuverlässige Bevölkerung, auf seine 1 laltbarkeit geprüft. Heute, wo manche Schleier von Phraseologien fallen, bekennt sich diese Zeitschrift offen zudem strategischen Interesse Englands an Palästina. 1 Ec Snuation ist äußerst delikat und auch Jabotinsk.v, der immer Seitenritte geliebt hat, müßte in einem solchen Moment verbellen, dai! die Position der wirklich für die jüdische Politik in Palästina verantwortlichen Instanzen, die in den letzten Monaten Außerordentliches erreicht haben, nicht in dieser Weise erschwert werden dürfte. * Nachdem vor kurzem für das Gebiet der Rechts- Wissenschaft eine Tagung unter Teilnahme führender deutscher Gelehrter abgehalten wurde, um den jüdischen Anteil zu untersuchen, wurde jetzt in einer überaus feierlichen Form das Institut eröffnet, das die Aufgabe hat, das gesamte Gebiet der Judenfrage und der jüdisehen Geschichte von nationalsozialistischer Seite wissenschafflicli zu erforschen. Das Programm der ״Forschungsabieilung Judenfrage“ des ״Rciehsinstiiuts für Geschichte im neuen Deutschland‘' ist schon mehrfach in Vorträgen und Aufsätzen dargelegt worden, insbesondere von dem 'wissenschaftlichen i^eiter dieser Abteilung, Dr. Wilhelm (trau, dessen Rudi ״Wilhelm v. Humboldt und das Pro- Wem des Juden“ auch in jüdischen Kreisen stark beachtet wurde. Es wird betont, daß die Forschung über die Judenfrage und über die jüdische Geschichte unabhängig von den jüdischen Darstellungen und Unterst!- ciuuizrea geführt werden soll. Bei ei mutt < iegenstaml, der so wie die judenfrage in die aktuelle Politik und in das tat sächliche I eben eingreift, ist es minier schwierig, die Obiektis hat zu wahren, und gewiß ist dies in vielen I '.illeit in der Vergangenheit ebenso wie in der Gegenwart räch; der!'all gewesen. Von bewußt jüdischer Seite ist Irrtiig beklagt worden, daß im liberalen Zeitalter die Judenfrage Vertuscht und verschleiert winde und selbst das Aus.-preehut des Wortes ״Jude“ als gesellschaftliche T'iktlu,äekeit galt. Gewiß ist durch diese Tendenzen auch mancher Irrtum in Geschichte! h r<te!lungen gcschell!.11 ׳. häufig auch in einem für die Juden ungünstigen Sinne. Wir J u d e u braucht 11 eine neue großzügige Erlotednmg der jüdischen Geschichte und Gegenwart. Für das mdmelie Volk selbst begännt erg das Zeitalter der wirklichen wissenschaftlichen Erforschung des Judentums. Kein geringerer als Bialik, der größte hebräische Genius unseres Zeitalters, hat mit seiner ganz.cn hinreißenden Beredsamkeit immer wieder zu dieser Arbeit aufgerufen; Sammlung, Erforschung und wissenschaftliche Bearbeitung des jüdischen Kulturgutes. Hier entsteht eine große Aufgabe für die Universität J e r u s a 1 e m, eine Aufgäbe, die keine andere jüdische Stelle der Welt lösen kann. Denn in Jerusalem, herausgelöst aus den bisherigen geistigen Abhängigkeiten, sind alle Voraussetzungen zu einer wirklich objektiven und unabhängigen Erforschung des Judentums durch Juden geschaffen. Es ist eine Aufgäbe von gigantischen! Ausmaß, die, wie wir hoffen, im Laufe der nächsten Jahrzehnte allmählich bewältigt werden kann. Selbstverständlich muß diese jüdische t orschling von allen politischen und sonstigen Tendenzen frei sein. Aber sie muß auf innerster Kenntnis des Judentums und seiner cxistenzialen Wirklichkeit beruhen. Diese Eigenforschung ist um so notwendiger, als wir sehen, daß das Judentum heute auch anderwärts, ohne unsere Beteiligung, Gegenstand der Forschung geworden ist. Die Reden bei der Eröffnungsfeier in München werden gewiß auch von Juden mit größtem Interesse gelesen 'werden. Es wurde darin betont, daß das Institut seine Forschung in der ganzen Welt verbreiten will. Das ״Berliner Tageblatt“ gibt seinem Berichte über die Eröffnungsfeier die Lieberschrift ״Gegen die westliche Ideologie“. Die Zeitung hebt damit einen Satz, in der Rede Prof. Walter Franks hervor, in dem es heißt, von ICA-Bericht für 1935 Aut der in London abgehobenen Generalversammlung der Jewish Colonisatio« Association (ICA) erstattete der Präsident der Gesellschaft, Sir Osmond d’Avigdor_ üoklsmid, einen umfassenden Bericht über die im Jahre 1035 geleistete Arbeit. Nach einer allgemeinen Einleitung kam der Referent auf die einzelnen Länder zu sprechen. Eine der hauptsächlichsten Bemühungen der ICA im Jahre 1035, sagte Sir Osniond, galt der Organ.äienmg des Hilfs- Werkes, das wir gemeinsam mit anderen allweltlichen j ii - dischen Organisationen zugunsten der Juden in Deutschland unternommen haben. Diese Arbeit hat verschiedene Formen: Zunächst gibt es da die konstruktive Arbeit in Deutschland selbst. Die American Joint Reconstruction Foundation, mit der wir Zusammenarbeiten, hat sich bemüht, in Deutschland ein Netz von Darlehenskassen zu schaffen und bei der Organisierung dieser wirtschaftlichen ״Selbsthilfe“ bemerkenswerte Erfolge erzielt. Die H1CEM versucht gemeinsam mit jüdischen Organisationen in Deutschland die jüdische Auswanderung aus Deutschland zu organisieren. Schließlich ist unsere_ Vereinigung auch als Kolonisations-Gesellschaft nicht untätig gewesen. Sie hat einen Plan, jüdische Familien aus Deutschland in ihren argentinischen Kolonien und in einer in B r a s i 1 i e n neuerrichteten Kolonie arizusiedeln, entworfen und verwirklicht. Die ICA war hierbei genötigt, Bedingungen zu schaffen, die den Erfordernissen dieses neuen Einwanderuifgstyps speziell angepaßt sind, indem sic eine sehr strenge Auslese der Familien in Deutschland traf, ihre schnelle, aber wirksame landwirtschaftliche Ausbildung vornahm und den Einwanderern aus Deutschland bei ihrem Eintreffen in den Kolonien intensive landwirtschaftliehe Unterstützung gewährte. Ich hin sicher, dal! all dies dazu mithelfen wird, eine neue Art jüdischer Bauern zu schaffen, seinverarbeitende, an ihrem Boden hängende Menschen und wertvolle Bürger ihrer neuen Fieimat. Die Erfahrungen, die wir in dem ersten Jahr mit der ersten Gruppe von zwanzig jüdischen Familien aus Deutschland gemacht haben, die in der neuen Kolonie d’Avigdor in der Provinz Entre Rios gemacht wurden, sinti befriedigend und wecken optimistische Hoffnung. In diesem Jahr wird bereits ein bedeutend erweiterter Plan für dieses Tätigkeitsgebiet verwirklicht. Der allgemeinen Lage in den landwirtschaftlichen Siedhingen der ICA sich /«wendend, erklärte Sir Osmond, daß die Verhältnisse in Argentinien und in den dortigen ICA.-Kolonien sich im abgelaufenen Jahr hauptsächlich dank den Maßnahmen der Regierung verbessert haben. Die Preise der landwirtschaftlichen Produkte sind erheblich gcstiegen. Die Lage der Kolonisten hat sich daher gebessert und damit auch ihre Fähigkeit, Rückzahlungen zu leisten. In unseren Kolonien, sagte Sir Osmorid, wird die Milchindustrie ununterbrochen entwickelt, die Erweiterung des Gemüsebaus hat die Lage unserer Siedlungen wesentlich konsolidiert und sic kann heute im großen ganzen als gc■ sichert angesehen werden. Außerdem beabsichtigen wir, die Zahl unserer Siedlungen zu vergrößern und die Erschließung der großen Boden reserven, die wir in diesem Lande noch besitzen, zu beschleunigen. In Kanada hat es leider wieder eine Mißernte gegeben und vieie unserer Kolonisten befinden sich in schwieriger Lage; sie werdet! jedoch von unserer Vereinigung von Institutionen der Regierung unterstützt. fn Osteuropa, erklärte d’Avigdor Ci01dsmid weiter, haben wir im Jahre 1935 unsere Tätigkeit in bisherigem Ausmaß fortgesetzt. In Bcssarabicn allein erhallen über 30U0 jüdische Farmen mit einem Bodenbesitz von etwa 20 000 I lektar durch uns landwirtschaftliche Hilfe. Mit Vergnügen kann ich feststellen, daß unsere Arbeit in Karpathoruß land besonders zufriedenstellend war. Diese erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit begonnene Arbeit hat bereits vielen Hunderten schwerarheiteiuler armer Familien Hilfe gebracht. Sie wird ermutigt durch die wohlwollende Flatterig der tschechoslowakischen Behörden. Die ,,Foundation“ hat 1033 58 Darlehenskassen in Deutschland (gegenüber 15־ i. J. W34) unterstützt, ihr jetzt 17 Länder umfassendes Netz van Darlehenskassen aufrecht erhalten und neue Institutionen in London und Paris geschaffen. Gegenwärtig helfen wir bei der Errichtung von Darlehenskassen in 7 südamerikanischen Ländern mit. Diese Kassen können auch unseren Glaubensgenossen aus Deutschland zugute kommen, die vor kurzem eingewandert sind. Neben der finanziellen Seite der Arbeit im Zusammenlwng mit der Auswanderung unserer Glaubensgenossen aus Deutschland hat die Hins-ka-Emigration Association (Hicem), die wir weitgehend unterstützen mul die auch von anderen Institutionen stark gestützt wird, trotz zahlloser Schwierig- Reiten ihre Tätigkeit aufrecht erhalten. Die ,,!;miea“, die jüngste Institution, in der unsere Zusammenarbeit mit unseren amerikanischen Freunden zum Ausdruck kommt, bat in Palästina in der Kolonie Beer Tuwia kolonisatorische Arbeit entfaltet. Wir dürfen in naher Zukunft in P a i ä s t i n a die Verwirklichung einer großen Arbeit erleben, bei der unsere Vereinigung treulich mit helfen wird. (Wold eine Anspielung au! das Hule-Projekt. — A. d. R.) Die ICA., schloß Sir Osmontl, bleibt eine feste Burg für unsere Glaubensgenossen, die Hilfe und Trost benötigen. Wir können mit unseren Leistungen zufrieden sein. Die großherzigen Pläne unseres Gründers haben wir soweit wie möglich verwirklicht. Eine italienische Rassentheorie I>er ״Angriff“ veröffentlicht unter der Ueberschrift ״Rassismus — italienisch gesehen“ einen Berieht über ein Buch des italienischen Professors Giulio Cogni , in welchem, wie es in dem Bericht heißt, der als ״Ausdruck nordischen Gestaltungswillens“ bezeichnet wird, ln dem Buch Lst nach dem Bericht des ״Angriff s“ auch ein Abschnitt über die Juden frage enthalten, den der ״Angriff“ als eine ״Entgleisung“ .bezeichnet. In dem Bericht des ״Angriff“ über diesen Teil des Buches heißt es: ,.Aus seinem sehr eingehenden Studium der rar. sekundlichen Literatur gelaugt Cu gni zum Schlüsse, dal! nur die Reinheit, des Hinte , einer \'ati״n ein grobes Schicksal verbürge. In olien.sielilü.'hein Widerspruch dazu stellt Cogisis HaUung tum Judentum, und <s schein!, als halte er hier gewisse Zugeständnisse macnen wollen an die fu-ciii.stis’che Assimilation-theorie, die sich für eine rassische ״Lin,rhme!zung'' verschiedener Rasseelement« in die Nation au.'sprh h!. Kr laCr nur geilen, dal! die ״demokratische Vcrschmclzung zwischen Völkern -ehr verschiedenen gei-tigen Wertes und Ir- Aprunges“ verwerflich wirre und nennt als warnendes Jleispiel lediglieh die vom faschistischen Italien verhinderte Mischung zwischen Negern und Weihen. Die luden betrachtet er. was Italien betrifft, als A u s n a h ״ז e f a 11. Fr geht von der fragwürdigen Voraus- ״Raz/ismo“ Faschismus Setzung aus, daß nicht einmal für der! ״echten Rassismus“ eine Vntcrlcgcnheit des Wertes aller Juden bestünde. Es gäbe Juden, die vollkommen europäisch sind und nichts mehr nrit. irgendeine: Charakteristik der jüdischen KaSsc zu tun haben. Das gelte in׳. besonderen für die Süd juden (Scph.irdim), die einem höheren Rassetyp zuzurechnen seien — eine Hebnuptung, der wir nur iniofern zustimmen, als damit ein ״höherer“ Wert im Vergleich mit den Osijudcn gemeint ist.“ Zum Schluß zitiert der Berichterstatter aus tfem Werk von Cogni folgenden Satz: ״Jede Rasse soll sich selbst suchen und höher streben, ln diesem Sinne ist die Rassethcorfe re;- 31er H 11 m a n i s!1111 s, und sie dürfte kaum den europäischen Frieden in Gefahr bringen.“ Hungerdemonstratlon polnischer Studenten. Zum Zeichen des Einspruchs gegen den ״jüdischen Einfluß“ an der Uni■ versität Wilna haben dort seit fünf Tagen über 100(1 polnische Studenten das Akademische Haus nicht mehr verlassen. Sie sind heute übereingekommen, jeglichen Verkehr mit der Stadt ab/ubreehen, keine Lebensniittelgesehenke der Bevölkerung mehr anzunchmen und in den Hungerstreik zu treten. Sie wollen damit den Senat der Universität zwingen, Maßnahmen zur Eindämmung des jüdischen Einflusses zu ergreifen. (Vgl. auch Seite 7.) dein Institut in München aus solle ״der Angriff der Wissenschaft ״egen die westliche Ideologie geführt werden“. Darin liegt wohl eine Anspielung auf die Ideen der französischen Revolution (Prof. Frank hat seine Hauptwerke der französischen Geistesgeschiehte gewidmet). Für uns Juden ist es interessant, daß diese große geistige Auseinandersetzung zwischen einander gegenüberstehenden europäischen Ideen — auch die östliehe Ideenwelt des Bolschewismus wird selbstverständlieh ahgclehnt — sich gerade mit der Diskussion der Juden frage verbindet. Uns Juden erscheint dieser Ideenkampf als ein allgemeines (von der Judenfrage unabhängiges) europäisches Phänomen, und bei der judenfrage haben w i r die spezifisch jüdische Seite zu sehen. Aber dort, wo sich diese Kreise berühren, entscheidet sich unser Schicksal. — Ueber die Referate, die in München im Anschluß an die Eröffnung in der geschlossenen Sitzung der Akademie gehalten wurden, ist bisher nur teilweise berichtet worden. * Mit tiefer Erschütterung hat die europäische Welt die tragischen Ereignisse verfolgt, die sich vorige Woche in Frankreich abgespielt haben. Im Verlaufe einer heftigen politischen Kampagne, die persönliche Formen angenommen hatte, hat der französische Innenminister Salcngro seinem Leben ein Ende gemacht. Dieser Freitod eines Mannes, der nun von seinen Anhängern als Opfer des politischen Kampfes hingestellt wird, hat die Leidenschaften noch stärker aufleben lassen. Wie immer in solchen Momenten entstand die Gefahr einer Entladung, eines Aufeinandcrprallens der in äußerster Errcgung getriebenen gegnerischen Teile des Volkes. In diesem kritischen Moment hat Ministerpräsident Leon Blum an seine Anhänger, die auch die Freunde des Toten waren, einen dringenden Appell gerichtet, in welcliem der charakteristische Satz vorkommt: ״Zwei Dinge sind es, die Salengro Euch nicht gestattet hätte: das Vergessen und die Ra c h e.“ Der französische Ministerpräsident trägt die Verantwortung für sein Land und für das französische Volk in einer sehr schweren Stunde. Er muß im Interesse des Ganzen dazu mahnen, Gefühle zurückzustellen, die sich Luft machen wollen. Aber diese Mahnung zur Selbst- Beherrschung hat hier eine Form gefunden, die vielleicht unbewußt nicht nur von dem Staatsmanne, sondern auch von dem Juden Blum inspiriert war. Muß nicht ein Jude, der diese Worte hört, auf horchen, ganz unabhängig von dem Anlaß, dem sie galten? Was in dieser Forme! gesagt ist, ist die Leitlinie auch für das j ü di sehe Volk auf seinem Leidensweg durch die Geschichte. Das jüdische Volk hat im Laufe der Jahrhunderte viele schwere Kränkungen und Schicksal-:- schlage über sich ergehen lassen müssen. Es mußte immer wieder sich selbst überwinden, im Bewußtsein, daß es nicht Rache zu üben gilt, daß durch Rache nichts verbessert wird. Wenn man dein Judentum vorgeworfen hat, sein Gott sei ein ״Gott der Rache“, so ist dies falsch, denn sein Gott ist ״ein langmütiger und gnädiger Gott“; aber richtig ist es in dem Sinne, daß nach Auffassung des Juden die Rache Sache Gottes und nicht des Menschen ist. Darum ist es eine jüdische Maxime, nicht mit Racheakten auf ziigefügtc Unbill zu reagieren. Keine Rache, aber auch nicht Fluchten ins Jenseits, in ein lebensfernes Vergessen des Erlittenen. Vergessen und am nächsten Tage so tun, als ob nichts geschehen wäre, ist nicht nur charakterlos sondern wäre auch ein Betrug an der Geschichte. Wir sollen nicht vergessen, weil wir sonst unsere Würde verlieren und weil wir für unser künftiges Verhalten aus allem Geschehenen lernen müssen. Keine Rache und kein Vergessen — es gibt gewiß keine Formulierung, die eher aus jüdischem Schicksal heraus entstanden sein könnte als diese. ITaupUchriftleiter: Dr. Robert Welt sch, Berlin - Charlottenburg 9 (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Loewenstein, Berlin W IS. Anzeigenleiter und verantwortlieh für den Inhalt der Anreigen: Hermann F i n n, Berlin W י־נ■ Grillig Anzeigen• Preisliste 5 vom 1. April 1930. Verlag und A!'• *eigenverwtlmng! ladfoche Rundschau. Berlin W 15, Mcinekcsir. lü Ü.-A. Oktober 35 054. — Druck: Siegfried Schoicm, Bln.-Schüncbcrg. * «