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Jüdische Rundschau · 1936-11-20 · Heft 93 (20.11.1936) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 93 (20.11.1936)
Date
1936-11-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 93 20. XI. 1936 JÖDISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Einwanderung: und Politik Die nachfolgende Darstellung aus Südafrika wird am so größeres Interesse finden, als in den letzten Tagen eine Reihe deutscher Tageszeitungen über die antisemitische Bewegung unter den Buren und über die gegen eine Zulassung jüdischer Einwanderer gerichteten Strömungen berichtet hat. (Red.) Jüdische Einwanderung als politisches Problem Südafrikas Von Dr. Fritz Petzall Johannesburg, 4. November Ein Wettrennen deutscher und italienischer Schiffe mit jüdischen Einwanderern an Bord, um Südafrikas Haupteimvanderungshafen, Kapstadt, vor dem Inkrafttreten der neuen Einwanderungsbesfimmuiigen zu erreichen, ein Anschndien der Einwanderungsziffern für Juden aus Deutschland — in der letzten Woche sind mehr als doppelt soviel in Südafrika gelandet als im Durchschnitt der letzten Monate — und Protcstversamrnlungcn und Demonstrationen gegen diese verstärkte Einwanderung: das waren die Ereignisse der letzten Woche, die die jüdische Gemeinschaft in Südafrika tief bewegt und einen starken Widerhall in der südafrikanischen Oetfentlichkcit gefunden haben. Neues Einwanderungsgesetz Die neuen Einwanderungshestimmungen sind am 1. November in Kraft getreten. Sie sehen vor, daß künftig keiner- *ei ״Bürgschaften für Einwanderer mehr von den Behörden angenommen werden, während die Gültigkeit bereits erteilter, aber noch nicht ausgenutzter Garantien mit dem Stichtage erloschen ist. Von nun an müssen daher Einwanderer der Einwanderuiigsbehördc bei der Ankunft nachweisen, daß sie über genügende Mittel verfügen, um sich über Wasser zu halten, bis sie Beschäftigung gefunden haben. Dabei hat der Einwanderungsheamte weitgehende Freiheit in der Beurteilung des einzelnen Falles, und es ist kein bestimmter Betrag festgclcgt. Bisher war die Praxis so, daß der Nachweis von Mitteln für den Lebensunterhalt für zwölf Monate als Mindesierfordcrnis, aber auch als ausreichend galt, und daß demgemäß Einwanderer im Besitze eines Betrages von etwa 100 Pfund pro Person irrt allgemeinen ohne Schwierigkeiten zugelassen wurden. Oh in Zukunft schärfere Bedingungen gestellt worden, d. 11. die Vorweisung einer größeren Summe oder eventuelle Hinterlegung eines Betrages verlangt werden wird, steht noch nicht fest. Viel wird wahrscheinlich von der weiteren Entwicklung der Einwanderung selbst abhängen. Es muß berücksichtigt werden, daß die neuen Be- Stimmungen auf Grund politischen Drucks erlassen worden sind und zweifellos dazu bestimmt sind, Neueimvandernde, insbesondere jüdische Einwanderer aus Deutschland, abzuschrecken. wird dieser Zweck erreicht, d. h. sollte, was allgemein angenommen wird, die Zahl der in Betracht kommenden Einwanderer in nächster Zeit wesentlich geringer sein als in den letzten Monaten, so besteht die Hoffnung, daß die bishörige Praxis vorläufig aufreelitcrhalten wird und die Einwanderungsrnögliehkeit wenigstens für die beschränkte Zahl derer, die den geforderten Betrag vorweisen können, offen bleibt. Die Ereignisse der letzten Woche haben jedenfalls bewiesen, daß eine starke Strömung gegen jüdische Einwanderung in dieses Land nicht nur in den Kreisen derjenigen politischen Gruppen besteht, die den Antisemitisrius als wichtigen Punkt in ihr politisches Programm aufgenommen haben. Es handelt sich dabei im wesentlichen um die sogenannte ״Grauhemden“-I3cwegung und die ihr nahestehenden kleineren Gruppen, teils mit, teils ohne Hemd als Parteisymbol, die in ihrer Gesamtheit zwar eine beachtenswerte Tätigkeit entfalten, aber deren qualitative und quantitative Bedeutung vielleicht doch einstweilen nicht überschätzt werden sollte. Es sei noch erwähnt, daß in dem Organ des ״Nafional-Sacialist Workers’ Bond” das Eintreffen einer großeren Zahl jüdischer Einwanderer aus Deutschland kurz als ,,Ankunft jüdischer Bolschewisten aus Deutschland“ gekennzeichnet wurde. Diese Gruppen waren für die ersten öffentlichen Profeste gegen jüdische Einwanderung verantwortlich. Au! die Nachricht, daß die ״Stuttgart“ von jüdischen Einwanderern gechartert worden sei und mit 537 Passagieren.au Bord in Südafrika eintreffen werde, wurde eine Protestvcrsammlung unter maßgeblicher Mitwirkung der Grauhemden in Kapstadt am Vorabend der Ankunft des Schiffes veranstaltet. Die Ver- Sammlung, die stark besucht war, nahm eine Entschließung an, in der gegen die jüdische Einwanderung protestiert und die Regierung " ersucht wird, Maßnahmen zu treffen, um eine künftige jüdische Einwanderung zu verhindern. Die Versammlung endete mit einer spontanen Protestdemonstration, nachdem sich das Gerücht verbreitet hatte, daß die ״Stuttgart“ noch am selben Abend, anstatt am nachsten Morgen eintreffen werde, und über 1000 Menschen marschierten zu den Docks, um den Einwanderern einen unfreundlichen Empfang zu bereiten. Das Schiff kam tatsächlich erst am nächsten Morgen an, und nur ein starker Gewitterregen verhinderte die Ansammlung einer größeren Menge von Demonstranten. Anti jüdische Bewegung Von größerer Bedeutung als solche Demonstrationen ist aber zweifellos die in der form recht maßvolle, in der Sache freilich der (Jrauhemdcn-Agitation ziemlich gleichlaufende Bewegung, die auf breiter Grundlage von Anhängern der Südafrikanischen Nationalistischen [3arte i, und teilweise unter den Auspizien dieser Partei, gegen die jüdische Einwanderung ins Loben gerufen worden ist. Die Parfei, die die hauptsächliche Opposition im Parlament bildet und, ungeachtet ihrer zur Zeit geringen Anzahl von Pariamentsitzen, einen beträchtlichen Anhang, insbesondere auf dem Lande, haben dürfte, rekrutiert sich im wesentlichen aus dem anticngl ist heu. afrikaans-sprechenden Teil der Bevölkerung. Ihr Ziel ist die Errichtung einer südafrikanischen Re■ publik unter Sezession von dem britischen Weltreich. Sie ist im Grunde wohl antisemitisch, obwohl sie es bisher ängstlich vermieden hat, den Punkt offen in ihrem Programm zu erwähnen. Anhänger dieser Partei haben seif der Ankunft der ״Stuttgart“ eine Anzahl von Protestvcrsa mm langen gegen die jüdische Einwanderung abgehalten und haben angekündigt, daß das ganze Land mit einem Netz von weiteren Versammlungen überzogen werden soll, um die Regierung zu neuen Maßnahmen gegen die Einwanderung zu zwingen. Bei allen bisherigen Versammlungen wurde betont, daß man «nicht-antiscmitisc h“ sei und in keiner Weise Rassenhaß oder Rassenstreit schiiren wolle — ein in diesem Lande in Anbetracht der Gegensätze zwischen Engländern und ״Afrikanern“ und dem Vorhandensein weiterer Bevölkcrungsgruppen regelmäßig angewandtes Argument. Südafrika sei aber nur in der Lage, eine bestimmte Zahl von Juden zu absorbieren und der ״Sättigungspunkt“ sei bereits erreicht. Mehrfach wurde darauf hin gewiesen, daß die Juden, beson- «ers in Anbetracht der in Südafrika sehr starken zionistischen Bewegung, nicht assimiliert werden könnten bzw. sich selbst nicht assimilieren. Als weiteres Argument wird Sir Herbert Samuels Plan der systematischen Verpflanzung einer größeren Zahl von Juden aus Deutschland nach anderen Ländern ins Feld geführt und die ״Befürchtung“ ausgesprochen, daß Südafrika infolge einer ״organisierten Massenauswanderung•‘ von Juden aus Deutschland mit diesem als nicht erwünscht bezeichneten Bcvölkcruiigsclement überschwemmt werden könne. Ganz besonders bezeichnend ist aber, daß man an die alteingesessenen Juden appelliert, der Bcvcgütig ihre Unterstützung zu geben. Man weist darauf hin, daß mit jedem neuen Einwandererschiff die Gefahr einer antisemitischen Explosion wachse, und daß es im besonderen Interesse der alteingesessenen jüdischen Bcvölkerung liege, solch einen Ausbruch zu verhindern. In Anbetracht dieser Protestbewegung erscheint es nicht ausgeschlossen, daß die Frage der jüdischen Einwanderung wahrend der nächsten Sitzungsperiode des Parlaments hehandelt werden wird. Es wird zum Teil sogar mit der Möglichkcit gerechnet, daß eine deutsche Linwanderungsquote analog zur polnischen Quote eingeführt werden wird, die die Einwanderung aus Deutschland überhaupt praktisch verhindern würde. (Aus sogenannten Quotcnländcrn sind zur Zeit mir je 50 Personen jährlich zugelasscn, zuzüglich eines Anteils an einer ״freien Quota“ von 1000 jährlich für alle Quotenländer zusammen.) ■Wenn auch Südafrika seine besonderen jüdischen Probleme hat, so sind doch die Argumente der Nationalisten gegen die jüdische Einwanderung ebenso unbegründet, wie dies in anderen Ländern der Fall ist. Selbst wenn sie stichhaltig wären, so müßten sich die angeblichen Gefahren für die Südafrikanischc Nation bei ruhiger Ueberlegung als H irngespinste herausstellen, da die Gesamtzahlen der jüdischen Einwanderung aus Deutschland seit 1033 noch immer nicht erheblich sind. Für die Zeit von Januar bis September 1030 kann man mit einem Monatsdurchschnitt von nicht ganz 200 jüdischen Einwanderern aus Deutschland rechnen. Im Oktober war ihre Zahl mit etwa SOG ausnahmsweise hoch, aber eben nur ausnahnisweise, da sie alle diejenigen entschließt, die noch gerade ״vor Toresschluß“ hcreinkoimnen wollten. Auf Grund dieser Ziffern würde man mit einer jüdischen Gcsamtcinwandernng aus Deutschland von 4500 bis 5000 seit 1033 rechnen können. Die im Lande vorhandene ״alteingesessene“ jüdische Bevölkerung beziffert sich demgegenüber auf etwa 80000. Und verglichen mit den etwa 2 Millionen Weißen Südafrikas macht die neue jüdische Einwanderung aus Deutschlancl weniger als >/, Prozent aus. Freilich ist es hier wie fast überall: Wenn cs zur Diskussion der jüdischen Frage kommt, muß man befürchten, daß über sachliche Argumente zur Tagesordnung übergegangen wird. ״Jüdische Selbsthilfe“ Inzwischen haben sich jüdische Einwanderer aus Deutsch-!and in Johannesburg organisiert, um die Einordnting der Neuankömmlinge in das südafrikanische Wirtschaftsleben durch aktive Mitarbeit zu fördern. Bisher lag die Betreuung der Einwanderer in bezug auf Stellenvermittlung, Berufsberatung und allgemeine Unterstützung ganz in den Händen eines mit Mitteln des ״South African Fund for German Jewry“ arbeitenden Komitees, an dessen Arbeiten sich die Neticingewanderten selbst nur in geringem Umfange beteiligten. Die neugegründete Organisation, die sich ״Jüdische Selbsthilfe“ UMKEHR Kehre um, Jissraei, hin tu IHM deinem Gott! Ober deinen Fehl Ja bist du gestrauchelt. Nehmet Worte mit euch und kehret um zu IHM! Sprechet zu Ihm: ״Alles an Fehl trag davon und ein Gutes nimm an, clafe wir die Farrer» mit unsern Lippen zahlen 1 Assyrien kann uns nicht befrein, auf Rossen wollen wir nicht reiten, nicht sprechen wir mehr: Unser Gotll 2u dem Gemädii unsrer Hände, «In doch in dir der Verwaiste Erbarmen findet.“ Ans der Qaltarah für Schabbat, den 21, November! Hoschea 14, 2-4 Uerdcuifdii von Martin Baberr nennt, hat cs sich zum Ziel gesetzt, das Komitee in seinen Arbeiten zu unterstützen. Sie hat sich aber noch weitergehende Ziele gesetzt. So arbeitet sie auf eine Herufsumschu• 1 u n g Von Akademikern luid Kautleuten. soweit sie hier keine. Betatigut1gsmöglicl1kei!(־n iimlen, hin. Sie venolgi weiter bestimmte l'lüno, Jugendliche aus I)cuKchland in handwerklichen׳ oder landwirtschaftlichen Lehrstellen lmtcrziihnngen. Sie hat ferner die Gründung einer Darlehnskas-e im Auge, die praktische Wirtschaftshilfe während der kehr/eit, Kredite zur An-, Schaffung von 1 landwe! ksyeug und .Via־':liimri. 1 'eherhriickungskredite u. 11 gl. gewähren soll. Seliheßiieh bemüht sie sieh, auch finanziell zu dem llilfswerk für die Einwanderer bei/utrage«, indem sie von ihren Mitghcdi m, soweit sie schon unter»! gebracht sind, nach dem Einkommen gestaffelte Beitrag(!! erhebt. ' Die neue Organisation hat bereits ihre Feuerprobe hestanden, indem sie die Einwanderer, die mit der ״Stuttgart“' ankameti und vom denen der größte Teil im Sonderzug in Johannesburg eingetrofien ist, in vorbildlicher Weise betreut hat, ihnen Quartier verschnitte, und sogar schon in den erstem Tagen eine kleinere Zahl in Stellungen unterbringen konnte.. Die Unterbringung wurde ihr frei'ieh dadurch erleichtert, daß׳ sich unter den zuletzt A!!gekommenen eine verhältnismäßig; beträchtliche Zahl von I laiuhverkern oder doch wenigstens handwerklich Vorgebilde je» lietitmle» hat. Stellen_ für Kauf■• leute, Akademiker oder Beruflich nicht besonders Vorgcbildcta sind zur Zeit schwer zu finden, und es dürfte eine ganze Weile dauern, bis die Mehrzahl der zuletzt Gekommenen und die noch aus früherer Ankunft Uehriggehliehencn untergebracht sind. Leider wird die Aufgabe der hier für die Einwandernden arbeitenden Stellen außerordentlich dadurch erschwert, daß die meisten Neuankömmlinge noch nicht einmal dem primitivsten Erfordernis — Kenntnis der Landessprache — genügen. Nur die wenigsten haben eine auch mir notdürftig zur Ver« ständigung ausreichende Kenntnis des Englischen. Es ist ein schwerwiegender Irrtum zu glauben, daß man die Sprache im Lande lernen könne. Wer auswaiidern will, muß an sich arbch ten, urre sich auf völlig neue Verhältnisse umzustellen. Die Männer, die Palästina regieren -*׳sfe*r E Zeremonie am Waffenstillstandstag Am Wnf fenstil! standst ng fand die übliche Gefallenengedenkfeier auf dem Sohiaietifriedhaf Jerusalem stall. An der Feier nahmen auch die ehemaligen jüdischen Soldaten unter Führung des jiidIschen Oberst Kisch, der zugleich Verbindungsoffizier der Jewish Agencp zur Armee ist, teil. Auch die Mitglieder der Kgl. Kommission mit Lord Peel an der Spitze waren hei der Feier anwesend. Unser Bild zeigt die höchsten Beamten der Palästina-Regierung heim Verlassen des Friedhofes in ihren Staatsuniformen: 1: High Cmnmissioner Waucltupc, 2: der ()herkommandierende des nach Palästina entsandten Expeditionskorps, General Dill, 3: Air-Commodorc Hill, 4: der Adjutant des High Commissioners, Leutnant Stuart, 5: der Chef sehr elär der Palästina-Regierung, Harthom llall, 6: Col. Chrgstall, 7: Leut• nant de Winlon, Adjutant gon Gamal DHL 8*י Gmtral-lnspehtar der Pgläslina-Polizei, Spicer *־־»־ B.o״״hke..

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