Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 41 (1936)
- Issue
- Heft 92 (17.11.1936)
- Date
- 1936-11-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 92, 17. XI. 1936 Wie g:eslalte ich den ftclial»hat? Für Schabbat, 21. November Wochenabsctinltt ״Wajeze'1 (I. B. M. Kap. 28, 10 — 32, 3) I. Die Sidra gibt vielerlei Möglichkeiten für eine Behändlung beim Oneg Schabbat. Wir möchten anregen, aus dem Lesebuch des Schocken-Verlags die Wiedergabe der Erklärung Raschis zum Beginn unseres Wochenabschnittes zu lesen, wobei hcrauszitarbeiten ist, was jeweils Rasch! oder seiner Quelle den Anlaß zur Interpretation bot. Als wertvolles Hilfsmittel empfiehlt sieh der Kommentar: ״Siftej Chachamim“, der vielen Pentateuch-Ausgaben beigedruckt ist. Man vergleiche mit Raschi die viel nüchternere Intcrprctationsweise seines Enkels ״Raschbam“ oder gar des Abraham ihn Esra, über den wir in der nächsten Woche im Zusammenhang ausführlieber sprechen werden. Mari lese aus Richard Beer-Hofmanns: ״Jaakobs Traum“ vor, insbesondere die letzten Partien, wo der Dichter (S. 146) die Aufgabe Jakobs darstdlt und den Sinn seiner Erwählung. Sieht der Dichter die Aufgabe Jakobs richtig? II. Um die Begegnung Jakobs mit Rachel und insbesondere die eigenartige Steilung Rachels unter den Stammmuttern verständlich zu machen, lese man die schöne Novelle von Stetan Zweig: ״Rahe! rechtet mit Gott‘'. Sie ist im Insel- Almanach des Jahres 102Q erschienen und jetzt in der neuen billigen Gesamtausgabe der Prosaschriftcn Zweigs (Verlag Hermann Rciehner, Wien) ahgedruckt. Bemerkenswert ist, daß Stefan Zweig fast ausschließlich den Midrasch als Quelle benutzt und seinen Ton ausgezeichnet getroffen hat. Besonders rci/voll ist auch die Darstellung Thomas Manns in seiner josef-T rilogie. Sollten diese Bücher nicht zur Hand sein, benütze man die Erklärung Raschis, die insbesondere in Kap. 2'), Vers 25 die entscheidenden 1.!erneute enthalt. I. E. Die Halachah bis zum Abschluß der Mischna (III) Die Mischna!st nicht das Werk eines einzelnen Gelehrten, sondern die S 11 rוו m e einer jahrhundertelangen Forschungsarbeit auf dem t iebicte der Interpretation des biblischen Gesetzes. Wir wollen noch einige hervorragende Persönlichkeiten der spateren Zeit bis zum Abschluß der Mischna hervor!: dien, um bessoien Einblick in die < ie-taltung und das Werden dieses einzigartigen gigantischen Werkes zu gewinnen. Vor allem werden wir uns einer so verdienten Persönlichkeit wie Uaniliel II. zu wenden. R, Garnliei II. Als Nachkomme des Millcl-Geschlechtes, selbst Enke! R. (i.imiiel!., wirkte er als Patriarch und Vor- Steher des Synhedrictis zu Jav. rie in der Regicrungszeit Domitians. Neben seiner hohen jüdischen Bildung besaß er Vertrautheit mit der damaligen Kultur und beherrschte die lateinische sowie die griechische Sprache. Er erwarb sich große Verdienste um die Befestigung der innerjudisehen Autonomie und tim die Erhaltung der geistigen Einheit des Volkes. Kraft seines hohen Amtes versuchte er, die (iesetzeshestimnrun• gen auf eine einheitliche Grundlage zu stellen, indem er dem Svnhcdrioit größere Machtbefugnisse bei der E n t s c h e i - düng über die Gestaltung des Gesetzes einräumte. Er wollte somit die iiberhandnelmienden Spaltungen in der Ciesetzauslegung der einzelnen Schulen überwinden unil einheitliche Beschlüsse durchsetzen. Um seinen Bemühungen die nötige Anerkennung seitens der Andersdenkenden zu verschaffen, schreckte er nicht vor harten Maßnahmen zurück, weswegen er auf großen Widerspruch stieß. — Unter seinen vielen Reformen verdient noch die des Gottesdienstes hervorgehoben zu werden. Er hat u. a. das Achtzehngebet, die ״Scheitione Essre", durch die 18. Benediktion vcrvollstnndigt, deren Zweck war, die endgültige Trennung der jüdischen Gemeinde von den Judenchristen dtireliZufuhren. Es wäre gut, auf das bereits in der ״j. R.“ (vorn 21. 1. 1036) bcbandelte Thema noch einmal zuruekzugreifen und das dort angeführte Material hcraiizuziehen. R. Gamlicl II. hat sich auch Verdienste um die Ka־ 1 e n d e r r e f o r m erworben, indem er für die Galuthländer den sogenannten ,,/weiten Festtag“ einfiifirte, um etwaigen Zweifel« hei der l eier der Feste, die sich nach der Bestimmung des Monatserstcn durch das Svnhedrion in Palästina richteten, zu begegnen. Noch heute feiern wir in der Galuth den sögenannten ״zweiten Tag“ der Hauptfestc, während das jüdische Palästina nur einen Festtag begeht. R. Akiba und R. Isinael b. Elltcha. Von großer Bedeutung für die Entwicklung der Halachah in der III. Generation der Tannaim waren diese beiden großen Männer, um deren Leben die Volksphantasie einen wundersamen Legendenkranz. wob. R. Akiba her! Josef, der zv Beginn des 2. Jahrhunderts in Jawne wirkte, gewann auf die Gestaltung des Oesetzes einen außerordentlichen Einfluß, Er zeichnete sich nicht nur durch große Gelehrsamkeit aus, sondern war auch ein bedeutender Führer des Volkes und zählte zu den glühendsten Anhängern der Aufstamlsbewegung unter Bar-Kochba. Dank seinem Scharfsinn fand er überall eine Unterlage zur Begründüng einer Gesetzestradition oder einer gesetzgeberischen Novelle. Er hat dazu sich nicht nur des Sinnes des Gesetzes, sondern des eigentlichen biblischen Textes, oft des Buchstaben bedient. Es soll auch in diesem Zusammenhang hervorgehoben werden, daß bereits R. Akiba als erster den Versuch machte, das angehäufte Halachah-Matcrial zn ordnen und somit eine Art Urmischna (Mischna derabbi Akiba) schuf. Von großer Bedeutung sind auch seine in Abot Kap. III überlieferten Aussprüche. Zu dem Gelehrtenkreis in Jawne gehörten ferner R. Isrnael b. Elischa, der sieh ebenfalls große Verdienste um die Entwicklung der Halachah erwarb. Die von Hillel stammenden sieben Regeln der Gesetzesinterpretation ergänzte er auf dreizehn. Viele gesctz’khc Bestimmungen werden im Talmud von ihm wie von seiner Schule überliefert. Nach der Tradition soll er zusammen mit R. Akiba und anderen großen Führern der Zeit den Märtyrertod zur Zeit der hadrianischen Verfolgungen erlitten haben. J. M. Juden und Jüdisches im Rundfunk Dienstag, 17. November: Straßburg (349), 11.45: ü. a. Rtibinstein: Toreador und Andalu-icrin. — Luxemburg (1304), 13: Saint- Saens: Aus ״Sjinzin und Dalila“. — Wien (506), 13.10: l'.a. Meverheer: Rubin .lein. Kalundborg (1250). 14 45: U. a. Men• (IfEsolm: Ilebriden-Ouvertüre. — Beromünster (540), 19.40: Sinfonickonzert mit Alexander Kipnis. Mittwoch, 18. November: .Straßburg (349), 11.45: U. a. Offenbar)!. -— Mompcliier (224). 12: U. a, Ooldtiiark: Königin von Saba“; Mondclw.lm: Frühling-died, ■— Wien (506), 16,05: P. a. Mevcrbeer: Arie aus ...Nordstern“. .—. Poste l'ari-ien (312), 19: ftidi-rhe Sendung. —■ Budapest 1 (550), 20.30: U. a. Gokimaik: ״Königin von Saba“. Donnerslag, 19. November: Paris (1648). 12: P. a. Mendelssohn: Aus ,,Sommernacht.iratim". — Wien (508), 12: IA a. Oltenh.irh: ,.Die schöne Helena“. — England National (1500). 19.40: ta. Moszkowdd: Malaguena. — Kowno (1935), 21.55: Trio D-Moll von Mendel ״יי!!:!. — Hilversum I (1875), 22,10: V. a. Moszkowski: Zwei spanische Tänze. Freitag, 20. November: Wien (508), 12: P. a. Offenbach: Ans ״Hoffrnanns Erzählungen“. — Paris (1648). 13.45: Jüdische Sendung. — Warschau (1339). 15.15: P. a. M os/.kow.sk i: Krakowiak. — Hilversum l (1875), 15.40: Schallplat Je«: Handel-Beethoven: Zwölf Variationen über ein 'Thema aus: ..Judas Maeeabiins“. — Brünn (325). 17.40: Felix Langer: Heber Wahrsager und Propheten. — Nord-England (449), 19: Suite Nr. 2 von Moszkowski. —■ Radio Eite (280). 22: Jehtidi Menuhin .spielt f'onecrt 1 (Pag,mini). — Nord-Italien (492), 22: H, a. Mendelssohn: Quartett Es-Dur. Sonnabend, 2t. November: Wien (506), 13.10: Schallplatte!« 11. a. Mendelssohn: Srkeizo aus: Sommernacht ■.träum“. — Beromünster (540). 17: U. a. Milhand: Sonatine. — Brüssel (J.N.R., flämisch), 18: Max Kowalski: Pierrot •Lieder. — London (342),' 19: U. a. Mcyerbcer: Fantasie aus: ״Dinorah“. — England National (1500), 21.15: Offenbach: Duett aus: ,.Die schöne Helena“; 23.20: U. a. Mendelssohn: Sinfonie Nr. 4 A-Dur. Der Reichsausschuß jüdischer Sportverbände beabsichtigt im Interesse der jüdischen Turn-, Sport- und Gymnastiklehrer( -lelyerinnen) und zur Erweiterung ihres beruflichen Wissens, sowie zum Zwecke eines verstärkten Einsatzes für die jüdische Jugend eine Zusammenfassung aller jüdischen Turn-, Sport - und Gymnastiklehrer (•lehrerinncn), die nachweislich über einen Prüflingsansweis verfügen. Meldungen schnellstens unter Angabe der Personalien, genauer Anschrift und des Atisbildtingsganges (Abschrift des Priifungsdiploms) an den Reichsausschuß jüdischer Sportverbände e. V., Berlin W 15, Meinekestr. 15. Aus der Tätigkeit jüdischer Verlage Wie der K ed e ni - Verlag, Charlottenburg, uns mittcilt, befinden sich unter seinen Neuerscheinungen, die für den nächsten Winter geplant sind, ein zionistisches Lexikon, das Dr. Alfred Kupferberg bearbeitet hat; eine jüdische Geschichte in einem Bande von Dr. Josef Heller, sowie yon dem gleichen Verfasser ein enzyklopädisches Handbuch jüdischen Wissens. Ferner werden einige Jugendbücher vorbereitet, darunter ein dritter Band palästinensischer Jugendgesellichten von Jaakow Simon. Vom Verlag Berthold Levy, Berlin, hören wir, daß bei ihm zu Chanukkah drei neue Bücher erscheinen werden. Der Preußische Landesverband gibt ein besprechendes Auswahl- Verzeichnis über die von ihm geschaffene Wanderbibliothek heraus, in dem etwa 800 Werke kurz behandelt werden. Von Josefa Metz, erscheint ein Roman ״Eva. Aus einer glückliehen Kindheit“; Boris Kader bringt unter dem Titel ״Lachen und Weinen“ eine Sammlung von Geschichten aus dem jüdischen Leben. ״Rund um Shylock". Zu diesem in Nr. 01 der ״Jüd. Rundschau“ von mir behandelten Thema bin ich der historischen Genauigkeit einige kleine Ergänzungen und Berichtigungen schuldig, die sich mir seit der Abfassung jenes Artikels ergeben haben. Vor allem diese: Zwischen dem Stück ״The Jew•״, das in dein puritanischen Buch von Stephen Gereon ״School of Abusc“ 1570 erwähnt ist, und der Dichtung Shakespeares hat es aut der englischen Bühne noch ein Jiidcnstück von Thomas Dckken ״The Jew of Venise“ oder ״The French doctor“ gegeben, von dem allerdings nur der Titel erhalten ist. Das deutsche Textbuch der ״Englischen Komödianten“ in der Wiener Bibliothek stellt eine Bearbeitung dieses Stückes dar, was sieh daraus ergibt, daß der Prinz von Cypcrn in der deutschen Fassung sich als ״French doctor“, als französischer Arzt verkleidet, um zu seiner Geliebten, die Krankheit simuliert, Zugang zu finden. Dieses Dckkensche Drama ist zweifellos wiederum eine Ueberarbeitung des Stückes ״The Jew“. Es ist ebenfalls im Jahre 1594 auf einer Londoner Buhne erschienen. Dahingegen wird man wohl als das Erscheinungsjahr des ״Kaufmanns“ 1596 annehmen müssen, was natürlich an den Beziehungen zu dem Fall Rodrigo Lopez nichts ändert. Im Gegenteil: nun wird man erst recht in dem Prozeß Shylock eine Satire auf den Prozeß Lopez sehen dürfen. Rodrigo Lopez besaß, wie ich, den Angaben des jüdischen Shakespeare-Forschers Sidney Lee folgend, irrtümlich mitgeteilt habe, nicht ein Haus voll Töchter, sondern er hatte nur deren zwei und dazu einen Sohn. Richtig aber ist, daß er um die Verheiratung der beiden Töchter sehr besorgt war und sich große Mühe gegeben hat, gute, ״Partien“ für sie zu finden. Lopez hatte auch noch einen Bruder in London, Luis Lopez. Seine Frau Sarah besaß Verwandte in den Niederlanden, mit denen Lopez in Korrespondenz stand. Uebrigens hat er auch im Auftrag der Staatsmänner Walsingham und den beiden Burleighs — Vater und Sohn — eine jahrelange Korrespondenz, mit Marranen in Spanien, Portugal und den Niederlanden geführt. Das hat nicht wenig dazu beigetragen, ihn später der Rache des Grafen Essex auszuliefern. — Endlich habe ich noch einen Druckfehler zu berichtigen: Der Arzt Lopez, der am Anfang des 16. Jahrhunderts in London festzustellen ist, wurde dem König Heinrich VIII, (nicht Heinrich VII.), also dem Vater der Königin Elisabeth, von Ferdinand von Castilien übersandt. In Verbindung damit sei zum Schluß darauf verwiesen, daß es im elisabethanischcn London eine beträchtliche Anzahl von Marranen gegeben haben dürfte. Als Juden freilich durften sie sich nicht bekennen, wenn sie nicht Strafe und Ausweisung über sich ergehen lassen wollten. Hermann Sinsheimer James Rothsteira, der bekannte Komponist, wird am 23. November 65 Jahre alt. Er ist einer der fruchtbarsten und vielseitigsten jüdischen Komponisten. Außer drei Bühnemverken, vielen geistlichen, symphonischen und Kammermusikwerken, schrieb er ca. 250 Lieder, von denen viele Volksliedcharakter haben. Der Komponist, der als einer .der Ersten versucht hat, seinem Schaffen eine jüdische Note zu geben, hat vor kurzem ein neues Streichquartett vollendet. Franz Osborn wirkt am 21. November in Glaso w als Solist in einem Konzert des Scotish Philharmonierchestra (Dirigent Georg S z e 11, Direktor des Deutschen Theaters in Prag) mit. Mit ilhermäriitiger Willenskraft hekiimpfle Pandre den Schwindel, der ihn befiel. Seine Kaltblütigkeit kehrte zurück, er sammelte alle Gedanken, berechnete die geringste Bewogung auf die Sekunde. Wie ein Spieler, der alles auf eine Karte setzt. Wie ein geübter Feuerwehrmann in höchster Gefahr. Pandre zog Luft eia. preßte die vollgealmctc Brust nach oben und warf den Kopf zurück so weit er irgend konnte. Auf diese Art vergrößerte er den Abstand zwischen seiner Kehle und Tsihurillo.s /'.:ihnen. Und plötzlich zielte er aus allen Kräften mit seinem steinluirten Kinn nach Tschurillo und (raf ihn an der breiten Nase. Als kleiner dünge hatte Pandre seine Schul freunde durch einen Trick in Erstaunen versetzt: Er konnte mit dem Kinn eine Nuß knacken. Man!)rauchte bloß eine Nuß auf den Hand des Tisches zu legen und Pandre zu sagen, er solle sie knacken, dann gehörte sie ihm. Er war geradezu eingearbeitet in dem Fach. Jet:׳.(, im Augenblick der Gefahr, bewahrte sich die Fertigkeit, Er knackte Tschurillo» Nase wie eine Nuß. Sein eigenes Kinn spaltete sieh bis zum Knochen von der Wucht des Aufschlags. .Aber es hatte gelohnt. Tschurillo» eiserner Griff um Knie und Brust ließ nach. Die Gefahr war vorbei. Pandre befreite seine Arme und packte Tschurillo an den Ohren — er wollte der Sicherheit wegen seinen Kopl gegen den Boden schlagen. Aber er fühlte, wie der Kopf des Riesen nachgab, und ließ ihn vorsichtig nieder. Tschurillo, der Schrecken des Gefängnisses, der Tyrann, lag besinnungslos da. Pandre sprang auf. Blut rann von seinem Kinn. War es sein Blut oder Tsehurillos? Vielleicht beider. Er Schnute mit gerunzelter Stirn streng um sich. Die übrigen Häftlinge zogen sich ehrfurchtsvoll zurück. Nur Scheftel tanzte um ihn herum wie ein Eicbkalzel. ״Noah! Ha, Noah! — Hier — iß das Huhn!“ Pandre, schwer atmend, schob ihn au» dem Wege. Er kreuzte die Arme über der Brust, wie vorhin der allmächtige Tschurillo. Sein strenger Blick wanderte rundum, erfaßte die Gefangenen, einen nach dein anderen. Und dann sagte er, zwischen den Zähnen durch, halb spöttisch: ״Nun?“ Das war eine Herausforderung an jeden, der etwa zu bezweifeln Lust hatte, daß von heut, an Pandre den ersten Platz hatte, an Tsehurillos Stelle, und wehe jedem Verbrecher, der die Schwächeren peinigt! Man hörte die schwere Eiehentür klappen. Die Wärter kamen, um zu sehen, was der Lärm zu bedeuten hatte. ZWEIüNDZWANZIGSTES KAPITEL SIMCHE KOMMT NACH Atn Tage nach Pandres Prozeß kam Simche vor den gleichen Gerichtshof in Mohilew, unter der Anklage der Brandstiftung. Simche bekam fünfzehn Monate. Er kam also genau so für ein Jahr ins Gefängnis wie Pandre, denn die drei Monate, die er in Untersuchungshaft verbracht hatte, zählten mit. Als er ins Gefängnis gebracht wurde, waren noch die Flecken von Tsehurillos Blut auf dem schmutzigen Steinfußboden zu sehen. Scheftel redete ihn an und erzählte ihm von dem großen Kampf. Er nannte keine Namen, aber aus der Beschreibung wußte Simche sofort, Scheftels Held konnte nur Pandre sein. Aber wo war Pandre? — In Einzelhaft. Zur Strafe für Rauferei. — Aber wieso? Tschurillo hatte doch angefangen? — Nu, geh und sag’s ihnen! Hat man ihn nicht am ersten Tag, als er kauin die Schwelle überschritten hatte, bei einer Prügelei erwischt? Ist das nicht ei» Beweis? Er ist doch auch wegen Gewalttätigkeit verurteilt worden. Ein gefährlicher Mensch! — Die Aussagen der anderen Gefangenen nützten ihm nichts, sie sind nicht glaubwürdig. ״Der Teufel soll diesen Tschurillo holen“, sagte Simche. ״Ich hab gedacht, ich treffe Pandre hier!“ ״Das werden wir schon machen!“ meinte Scheftel selbstbewußt. Simche ärgerte das. ״Wenn du alles kannst, kannst du mir ja wohl auch einen Schnaps besorgen! Für mein Geld! Du sollst es nicht umsonst machen! Ich hab seit Monaten keinen Tropfen gehabt!“ ״Wenn’s weiter nichts ist!“ protzte Scheftel. ״Dazu brauch ich mich noch nicht mal anzustrengen. linst du Geld?“ Simche fuhr nach einer versteckten Tasche, und bereute es sofort. Er traute dem Dieb nicht, Er zögerte eine Sekunde und knurrte dann: ״Ich hab genug für ein halbes Viertel.“ Scheftel tat, als hätte er das Zögern nicht bemerkt. ״Kostet hier doppelt", sagte er. ״Schon gut“, sagte Simche. ״Icli zahl.“ ״Aber gib aelit!“ sagte Scheftel. ״Sauf dich nicht dumm! Kannst du was vertragen? Das sagen nämlich alle, und dann besaufen sie sich und machen einem Ungelegenheiten. Wir sind schließlich im Gefängnis. Ich tat es nicht für dich, ich tu’s für Pandre! Weil du sein Freund bist. Und für dein Geld brauchst du auch keine Angst zu haben. Scheftel hat noch nie von einem armen Mann genommen!“ Damit ging er weg und ließ Simche mit dem Gefühl zurück! daß er geohrfeigt worden wäre. Scheftel hielt Wort. Wie, war seine Sache. Simche bekam seinen Schnaps. Aber Simche hielt nicht Wort. Möglicherweise kam es davon, daß er auf leeren Magen getrunken hatte — denn die Brühe aus dem Kessel hatte ihn angewidert, wie die meisten Neuen — oder davon, daß er so lange keinen Schnaps gekostet hatte, oder weil der Branntwein, den er bekam, verfälschter Fusel war, mit Methylalkohol dazwischen — jedenfalls, Simche wurde todbesoffen! Pandre saß seit zwei Tagen in der Einzclzelle, in einem finsteren Kellerloch bei Wasser und Brot. Durch das vergitterte Fenster, das fast an der niedrigen Decke eingebaut war, kam nur ein matter Glanz, wie von trübem Wasser an einem Regentag, und dabei brannte und brauste draußen der helle heiße Sommer! Bei Tage peinigte Pandre die feucht« Hitze, und bei Nacht plagten ihn die Ratten, die so frech waren, daß sie ihm übers Gesicht liefen, wenn er schlief, und mit ihren Pfoten im Haar krabbelten. Sogar bei Tage, wenn er gedankenverloren dasaß, aof seiner Ziegelbank, fühlte er plötzlich, wie etwas Winziges flink, vorsichtig an seinem Bein hinautlief, bis ans Knie, und dann erschrak und quietschend entrann. Aber das alles war zu ertragen, wenn er nur gewußt hätte, es dauerte nur ein oder zwei Tage. In ihm bohrte bloß der Gedanke, daß der Oberwärter ihm gedroht hatte, er würde den Rest seiner Strafzeit in Einzelhaft verbringen müssen, anstatt mit den anderen im Gemcinschaftssaal. Die Kanzlei würde Rapport erstatten, und er würde noch eine Zusatzstrafe bekommen. Der Gemeinschaftssaal erschien Pandre jetzt wie ein Palast voll fröhlicher Gesichter. So wie ihm in seiner Zelle im Untersuchungsgefängnis die Straße nach Orscha wie ein Paradies erschienen war, auf die er sechs Monate lang hinunterjjeschout hatte. Das war keine Straße, das war ein ganzes Königreich! Eine lange Allee zwischen Ntißbäumen — und er, Pandre, saß auf dem Kutschbock und fuhr mit Senders Pferden!... Wie lange war das her?... Wann war das gewesen? Lange, lange — ach, Sender!... Meri!... Meris Bild im matten Lampenschein, der ihre weißen runden Schultern besebien — so, wie er sie zuletzt gesehen hatte —, brannte wie heißes Eisen in Pandres Herz. Seit Wochen hatte er keine Nachricht mehr von ihr gehabt. Sein Kind war sicher schon geboren. Nicht einmal die Mutter war während des Prozesses nach Mohilew gekommen, sie konnte Meri nicht allein lassen, oder sie hatte das Geld für die Fahrt nicht gehabt. (Fortsetzung folgt)