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Jüdische Rundschau · 1936-11-17 · Heft 92 (17.11.1936) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
41 (1936)
Issue
Heft 92 (17.11.1936)
Date
1936-11-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 92, 17. XI. 1936 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 7 J. 3. David Zum 30. Todestag (20. November) An dem glänzenden Aufschwung, den die Dichtung gegen 1900 in Wien nahm, sind im wesentlichen Juden oder Halbjuden beteiligt gewesen. Man feierte das Fin de siede in zärtlichen süßen Weisen. Diese neue Romantik, der die Totentänze nicht fehlen durften, war fast ein Ersatz für die;111 der schönen blauen Donau verklungene Musik der Schubert, Lanner, Johann Strauß. Arthur Schnitzler schrieb die Novelle ,Sterben“, Hofmannsthal das lyrische Dramolct ״Der Tor und der Tod“, und Richard Beer-Hofmann, der dann die tatkräftige Wendung zum Zionismus!nachte, schloß den Reigen mit der Erzählung ״Der Tod Georgs“. Es wiederholte sich eine Erscheinung, die schon das norddeutsche Judenturn im Anfang des Jahrhunderts charakterisiert: die Ver• biiidung von Besitz und Talent. Den drei glänzenden Vertretern der Wiener Neuromantik war schon als etwas Aelterer Johann Jakob David voraus* gegangen, hauptsächlich mit seinem Wiener Roman ״Am Wege sterben“. Das war aber kein Spiel mit dem Tode, kein geträumtes Abschiednehmen, sondern cs handelte sieh mit mehreren gründlichen Beweisfällcn um ein miserables Zugmndcgchcn von Leuten, die zu wenig zu essen haben, darum zuviel trinken, die von vielen Winden herbeigeweht in der großen Kaiserstadt der Eadenscheinigkeit ihrer Existenz, der Hoffnungslosigkeit und Wurzellosigkeit erliegen. Der einzige von ihnen, der sich wenigstens im bürgerlichen Sinn rettet, ist ein junger jüdischer Mediziner; er wird Armenarzt in der äußersten Peripherie und er übt die Tugend, an die er nicht zu glauben vergibt. Dieser Vorläufer J. J. David war ein armer Jude, dem alles im bürgerlichen und iin literarischen Lehen schwer gemacht wurde, und schon mit diesem Schicksal behauptet er gegen die anderen eine eigenartige Stellung, abgesehen von einem sehr echten Talent zur Erzählung wie zur Lyrik, mit dem er, wie er einmal sagt, den stummen Schmerzen und nicht nur den eigenen das Wort gegeben hat. J. J. David wurde in Mährisch-Weißkirchen geboren; er war der Sohn eines jüdischen Pächters, der sich durchaus ״ach Bauernart in seine Erde eingepflanzt hatte. Der Vater war ein Riese, nicht so ungeistig. wie Riesen sonst sein dürfen, aber mit herkulischen Kräften ausgestattet, die er so jähzornig wie gutmütig gelegentlich auch gegen die Familie gebrauchte. Mit seinem frühen Tode verschwand aber auch ilir Wohlstand, und von der physischen Wohlbcschaffenheit des Vaters hatte der Sohn nichts geerbt. Er war im höchsten Grade kurzsichtig und ein Kopftyphus nahm ihm in der Jugend fast die ganze I iöi fiiliigkeit. Mit diesen Mängeln studierte David in Wien, lief als I lausichrer, als Journalist nach einem Stückchen Brot, stolperte auch mit seiner stolzen Sprödheit noch filier andere Hindernisse; denn er konnte sich nicht bücken, um sie artig vvegzuräumen, auch nicht vor den Menschen, die seinen Wert erkannten und ihm schonend helfen wollten. Der Mann aus dem finstren Stamm Juda, wie er einmal sagt, hat sehr aus eigener Erfahrung das Buch Hiob zu einem Gedicht gemacht,' er hat ein anderes sehr schönes!unterlassen auf ein Judenkind, das irgendwo am Wege stirbt und dein vor dem Verhungern oder Erfrieren noch ein T raum lierfihervvinkf von der heißen Schönheit des gelohten Landes. Lieder von Nacht und Tod brauchte David nicht zu ersinnen; er kannte die Prosa dieser Erlebnisse. Manche Nacht war er durch die Straßen geirrt, um mit dem Hunger Wette zu laufen, oder er hafte sich gegen das Polizeiverbot vergangen, durch das es nach dem bitteren Wort von Anatole France sowohl Reichen wie Armen bei Strafe untersagt ist, die Nacht unter einem Brückenbogen zu ver- Vingen. Aber dieser arme Jude war so stolz wie zähe. Aus der mährischen Heimat hatte er ein böhmisches Sprich- »ort mitgenommen: Nedejmc sc — wir ergeben uns nicht. Und es gelang ihm schließlich auch, zu einer bescheidenen Existenz zu kommen, von der sich sogar eine Familie erhalten ließ. Aber die noch größere Leis hing ist wohl darin zu suchen, daß sich sein dichterisches Talent auch an die journalistische Fronarbeit nicht verlor, die vor der Butter das Brot zu liefern hatte. Da kam eine Lungenentzündung über den erst Vierundvicrzigjährigen. Die Krankheit meinte es gründlich mit diesem gründlichen Menschen, und das Sterben, wenn es auch nicht am Wege, sondern im eigenen Bett geschab, wurde ihm so schwer gemacht wie das Leben. Es kam immer wieder ein kleiner und um so qualvollerer Aufschub. Manchen Gruß sandte David den Freunden vom Leidenslager, und der im Lehen mit seiner Not so schamhaft Zurückhaltende mochte sich fast theatralisch Vorkommen, wenn er Autorisierte Uebersetzung von Grete Fischer 23. Fortsetzung Nachdruck verboten Aber er fühlte, daß sein Ru! auf dem Spiele stand, seine Herrschaft über dus Gefängnis. Er konnte nicht mehr zurück. Er hätte sidi seinen Mann zuerst besser ansrhauen sollen ... Also machte er sieh mit frechen Bemerkungen Mut, waiT' eine Frage in die Luft: ״Neu hier, der Jud?“ ״Ein Neuling!“ antworteten liebedienerisch eifrige Stimmen. Sie meinten, nur ein Neuling, der vielleicht von Tschurillo nicht gewußt hatte, konnte sich so etwas unterstehen. ״Was unterstehst du dich, du Jud!“ schrie Tschurillos Nachläufer, der dus geraubte Essen in der Blechschtisscl feathielt. Diese Einmischung paßte Tschurillo nicht, also hob «r die Hand und haute das Kerlehen mit der Ilandfladie übern Kopf, so wuchtig, daß es sich überschlug und kopfüber tmf dom Steinboden landete, und da lag es. Die Schüssel flog ihm aus der Hand und das Essen verspritzte. Das hieß, *aß in so einem Moment Tschurillo kein Echo wünschte. Der Hieb kühlte seinen Zorn etwas ab. Pandre ließ die ganze Zeit ohne TVitnperzurken die Augen nicht von ihm. ״Kennst du mich nicht?“ hellte ihn Tschurillo an. ״Jch bin Tschurillo!“ ״Hol Ho!“ hetzten ein paar der Umstehenden kichernd. Pandre sagte kein Wort. Er spürte, daß der große Kerl «Us der Sache herauswollte. Wenn er, der Jud und Neuling, fotzt irgendein Zeichen von Nachgiebigkeit gab, wenn er ntir etwas lächelte und damit Tschurillos Ueberlegenheit *Ozugeben schien, würde Tschurillo sich großmütig zeigen u>1d den Kampf abblasen. Aber er hatte keine Lust dazu. Da stand Scheitel, ״ielt das halbe Huhn in der Hand und hatte es vergessen. Kr hatte Scheitel sein Wort gegeben, daß er ruhig essen Cesare Lombroso Zum 100. Geburtstag Am 18. November ist der 1nmdert.de Geburtstag des berühmten italienischüJiwhen Psychiaters und Anthropologen Cesare Lombroso. Aus diesem Anlaß möge hier an einen vergessenen Abschnitt aus dem!.eben Lombrosos, an sein Verhältnis zum damals irrt Aufstreben begriffenen Zionismus erinnert werden. Lombroso begann sich spät mit der Judenfrage zu beschäftigen. Als er im Jahre 1393 im Zuge einer von der ״Neuen Freien Presse“ veranstalteten Enquete ersucht wurde, neben König Oskar von Schweden, Enrico Fcrri — sich über den Antisemitismus zu äußern, entschloß er sich hierzu nur ungern. Er veröffentlichte zunächst in der ״Neuen Freien Presse“ zwei Aufsätze über dieses Thema. Als er aber tiefer schürfen wollte, um ״eines der Phänomene der Menschheit — den Antisemitismus“ zu ergründen, entstand im Anschluß an seine Ausführungen in der Wiener Zeitschrift, die auch in der ״Revue des Revue■;“ erschienen sind, ein kleines Werk unter dem Titel ״Der Antisemifisrnus und die Juden im Lichte der modernen Wissen- Schaft“ (Deutsche l!Übertragung; von Kurella, Leipzig, Wigand- Verlag, 1891; im ״Jüdischen Lexikon“ und in der Encvclopaedia Judaica Unter dem unrichtigen Titel ״Antisemitismus und Wissenschaft“ angeführt), ln diesem auch nach heute lesenswerten Buch findet sich im Anhang ein den Juden Italiens gewidmeter Abschnitt, der sich mit der Anthropomctrie der Turiner Juden und mit der Demographie der italienischen Juden beschäftigt. Als kurz nach dem Erscheinen dieses Buches Theodor Her 7 1 die zionistische Bewegung schuf, verhielt sich Cesare I.omliroso ihr gegenüber zunächst ablehnend. Es war schließlich ein besonderes Verdienst Max Nor (laus, durch Klarlegung der Gründe und Ziele des Zionismus seinen Freund, dem er seinerzeit sein Werk ״Die Entartung־‘ gewidmet hatte, für die Idee Her/ls empfänglicher zu machen. Kurz vor dein zweiten Kongreß in Basel erschien im Zentralorgan der zionistischcn Bewegung, der ״Welt“ (29. Juli 1898), an leitender Stelle ein Aufsatz von Lombroso, betitelt: ״Der Zionismus in Italien und anderswo“, ln diesem berichtet der Autor: ,,Als ich zum erstenmal vom Zionismus roden hörte, emnfand ich! ust zum l achen und das Lächeln wich auch nicht, als mir Dokumente vor Augen kamen, die jeden anderen klüger geinacht haben würden, so die schönen Artikel Nordaus und Herzls.“ Doch auf einer Fahrt zwischen Moskau und Warschau, ״wo jede Station mit wahren Herden von armen Juden besät war“, gingen ihm die ersten Zweifel an seiner Ansicht auf. Lombroso sprach mit Juden, ließ sich informieren und wurde bekehrt. Sein Aufs;!!/ <-011111• Dt mit dem Bekenntnis: ״Ich habe mich iiber/eiigi, daß ich mich auch in einem Irrtum befand, als ich die Ideen des Zionismus verspottete.“ Der Findruck, den der Aufsatz Lombrosos erweckte, war überraschend. Fr bekam aus aller Welt Zuschriften. Die Juden von Braila (Rumänien) übertrugen ihm spontan ihre Ver* tretung auf dem zweiten Z.ioni•teiikongreli. Lombroso dankte telegraphisch für das Vertrauen und entschuldigte sich, daß er nicht imstande sei, nach Basel zu fahren. Den Kongreß selbst brgrnl’te er in einem herzlichen Schreiben, das er an Herz! persönlich richteie. ״Zu alt an Körper und Gehirn, doch nicht zu alt an Gefühl, bitte ich Sie, Ihren 1 reundeit in meinem Namen zu sagen, daß ich, wäre ich um 30 Jahre jünger, einer der heißblütigsten Anhänger sein würde.“ Eotnhroso, den mit Nordau durch nichts getrübte Freund- Schaft verband, widmete dt11״ Zionismus wachsames Interesse. Als ller/1 im Jahre PiOldim Plan faßte, den (jetzt regierenden) König Victor Fmamiel von Italien in einer Audienz für den Zionismus zu gewi inen, deine er daran, wie eine lagebuch- Notiz berichtet, die Amben/ durch die Vermittlung Lom■ b ros os 711 erlangen. In der Sondernummer der ״Welt“ vom 23. Juli 1900, aiiläliii 11׳ des ML t ielmrtstages von Max Nordau, feierte Lombroso seinen Freund ״als Mann großen Geistes lind guter» Herzens, der einen feil seines Lebens zugunsten der ״Bedrückten veru endete.“ Wenige Monate spater starb Lombroso. Nahtim S o k ״ I o w widme ie ihm ein herzliches GedenkblalE ״Fs i-t uns, als w.äre unserer Familie ein Mitglied entrissen“ -- schrieb Sokolow ,.l.ombioso stand uns nabe. Er kannte und schiitzie den /ionism'.iv“ Sokolow erzählt von sein er B G^CLnHJn^ mit ן omhroso mul einem (jespräche über die He!!'■׳iNsrinri!:(: mimm neu heim jüdischen Volke. Er berichtet, dal \ l.omhroso sic!■ 1 lebhaft für cm ,,ge wisses literari ■tolles Lki tcrnchniL’n‘ ־ der /!otitotitohen Beweg -inter ״!tu; es-ierte und 'K'lljC Mit, 1 rlleil in Aussicht slcüte. 1 ich n'huhc, cs hande t! sk 11׳ um ticii l'hii Sokulows, eine große hebräische und jüdische Eu/vklopädie in einem eigenen hebräischen Ver- Inge iH'rauezugeben. T 11 io Nuss e 11 bl a tt 7um letzten Abschied winkte, ohne ihn gleich zu nehmen. Seine letzte Sorge galt der Erhaltung seines literarischen Werkes, die ihm der Freund Erich Schmidt, zusammen mit Ernst Heilborn auch Zusagen konnte. Von den sechs Bänden würde sich eine Auswahl heute und auch morgen noch lohnen. Darin sind reife Leistungen an Erzähltem und an Gedichten, die oft den Volkston treffen, die oft einen bitteren Kern, aber immer den des Lebens haben. Ich hab' kein i t.10;, ich ha!)’ kein Nest, Ich haß' kein’ llnohzei; Und kein Fee; Ich hab’ kein’! lof und hat)’ kein Feld, Ich hab’ kein’ Heimat auf der Welt. Am Himmel *clli-i den Schauern rieh. Den fürchten .de nicht so wie mich... Das Lied des armer! Juden dürfte sich heute auf viele seiner Brüder verallgemeinern lassen. Arthur Eloesser Der Rembrandt-Film Von unserem holländischen Berichterstatter RL. Den FI a a g, 15. November Die Aufführung des ״R e in bran dt“- F ilms im H a a g war zwar nicht, wie ursprünglich angekündigt, die Weltpremiere, die in London stattgcfuiideii hatte, aber Charles i.aughion״ der den Remhrandt spielt, seine Frau, Elsa Lanehester, die die Mendrickje Stoffels darstellt,' Alexander Korda, der Regisseur des Filins, und Carl Zuckmayer, der Verfasser des Scenarios, waren zur Gala-Premiere herübergekommen. Charles Laughion, der vor allem aus der Darstellung Heinrichs VIII. bekannt ist, stellte den Künstler Remhrandt mit großer Meisterschaft dar und gab eine einprägsame Charakterstudie — eine Leistung, die um so höher zu bewerfen ist, als sich eine (ic-talt wie die Remhrandts viel weniger zu einer Verfilmung eignet als etwa die eines Heinrich VIII. Bemerkenswert i.-t, daß die Höhepunkte des Films vielfach mit M!>mcnit׳n znsaminenfielcii, die vom jüdischen Bctraclitting-guinkt aus von Interesse sind. So geht von der Szene, in zier Rembraiult den von der Straße mitpebraebfen Bettler durch die Erzählung vom König Saul und dem vor ihm spielenden David in die Stimmung versetzt, um nach ihm den König Sani für das berühmte Gemälde im Mauritshuis zu malen, eine starke Wirkung aus. Auch wenn Remhrandt im llaime seines Vaters aus der Bibel vorliest, zeigt räch die große Schauspielkunst Langhtons. Darauf, daß Remhrandt gute Freunde unter den Juden Amsterdams hatte — er wohnte ja lange Jahre hindurch dort in der Jodenbrcesiraat 4 —, weist die gut dargcstellfc Gestalt dos jüdischen Arztes Doktor Menassen. Neben dem Spiel Langhtons trägt die schöne Gestaltung des Textes durch Car! Zuckmayer, auch wenn sie von? historischen Vorbild mitunter abweicht, sehr zu dem starken Eindruck bei, der von vielen Stellen des Films ausgeht,, Wenn man jedoch den Film als Ganzes nicht ganz so positiv beurteilen kann, so liegt das daran, daß ihm oft zu sehr die Atelierherkunff mi/umcrken ist und vielfach der Eindruck gestellter lebender Pikier nach Gemälden von Remhrandt sieh aufdrängt. Die allgemeine Beurteilung des Fihns ist denn auch sehr wenig einheitlich und cs ist nur natürlich, daß von holländischer Seite Kritik an dem Abweichen vom historischen Vorbild und Milieu geübt wird. Auf Anordnung des p.dnitohen!;iklungsnnnkters sind einer Reihe von Personen, die sich um Literatur, Kunst und Wissenschaft verdient gemaibt haben, silberne und goldene ״Akademische Lorbeeren־• verliehen worden. Die goldenen Lorbeeren erhielt u, a. der polnisch-jiidisthe Schriftsteller Joseph Witt! in, könnte. Und er wollte den Kerl da nicht herumgehen und die Leute schikanieren lassen. Scheitel saß auf seiner Pritsche mit weitofrenem Munde. Alle anderen glühten vor Aufregung. Er konnte sie nicln enttäuschen! ״Warum schweigst du, Jud?“ brüllte Tschurillo, als er sah, daß ihn Pandre immer noch finster anschaute. ״Schwein!“ sagte Pandre, kurz und trocken. Tschurillo hob spielerisch und siegessicher den tnuskulösen Arm und schlug Pandre mit zwei schweren, roten Fingern verächtlich, aber unglaublich Hink ins Gesiebt. Die Finger trafen die Nase, und sofort schoß Blut aus beiden Nasenlöchern. ״So ist’s recht! Dag ist richtig!“ brüllten Tschurillos Anhänger. Pandre war auf den Ansprung eines Raubtiers gefaßt gewesen, einen solchen spielend tückischen Hieb auf die Nase hatte er von dem Riesen nicht erwartet. So stutzte er zuerst. Er wischte sich das Blut vom Gesicht, wie hetiiubt, und fühlte das heiße Kitzeln. Nun war er anderthalb Jahre verheiratet, trotzdem erinnerte es ihn an die Ohrfeige, als er Meri zum erstenmal hatte küssen wollen. Die bitter unverstündliche Süße des Schmerzes von damals machte ihm die Beine schwer, und er verlor sieh einen Augenblick. Sechs Monate war er nun eingesperrt gewesen, hatte nach Meri gebangt, er brannte vor Sehnsucht. Aber er wurde sofort wieder nüchtern. Er blutete, und er sah, hier stand nicht Meri, sondern ein grobes großes glatzköpfiges Vieh, und rundherum eine Menge anderer Viecher mit donnerndem Beifallsgelächter: ״So ist’s richtig! So mußt du's ihm geben!“ Als Tschurillo, angefeuert durch das unterwürfige Gelächter seiner Genossen, sah, wie Pandre verblüfft und verlegen {Instand, vergaß er seine bisherige Vorsicht und ho!) den schweren Arm, um Pandre niederzuschlngen. In diesem Augenblick spannte sich Pandres ganzer Körper bebend wie eine ttbergebogene, gespannte, stählerne Feder, und mit der ganzen Kraft dieses Körpers schwang sich sein Arm zu einem blitzschnellen, schrecklichen, beinbrech enden Schlag und trat Tschurillo mit einem Kinnhaken von unten. Tschurillos ochsener lachender Mund klappte zu wie eine Schublade und die Zähne krachten zusammen. Vor den weißlichen Augen zerspritzten Stern«, rote, gelbe und grüne, und Pandres verhaßte Fratze zerteilte »ich darin in viel« Teile. Tschurillo heulte auf vor Sil!merz und Schatn und wollte diese schaukelnden Stücke packen mul halten, packen — und — halten — 1 Aller •schon kam ein anderes Stück von diesem Pandre auf ihn herabgesaust und \ersetzte ihm einen zweiten Hieb, wie eine alle steinerne Kanonenkugel, und traf ihn seitlich, an der S hlälc. I'-eLiml) 0 glitt mit einem Fuß aus, aber er fing sk 11 auf dem anderen. \IHeiliges Chaog war um ihn, rotes Toliuw abohu. Aber zu aller Veru tmderung, auch Pandres, hielt er 1-klt aufrecht. Nur sein Kopf wackelte von rechts nach links, w ie bei einem hulbgeschbiehlctcr» Ochsen. F.r konnte nichts scheu. Kr schlug blindlings mit dem langen wuchtigen \rm um siih, mit verkrampften Nägeln, und er fühlte, es war aus mit seinem Regiment. ״Ein Messer!“ brüllte er -- ein Laut, feucht von Blut. Pandre verstand nicht, oh er ein Messer verlangte, oder ob er es ziehen wollte. Kr wartete cs nicht ab, sondern versetzte ihm einen dritten Hieb. Kr wollte!licht mit voller Kraft zuhauen, er wollte nur so viel aufwenden, um ihn um-« zuwerfet». Deshalb legte er die Schultern zurück und schlug ihn mit »»*gestreckter Kaust auf die Brust. Und das war ein unvorhergesehener Fehler. F.r hatte nicht bedacht, daß Tschurillo kaum noch stehen konnte, sich nur noch schwach nu£ den Beinen hielt. Der Schlag, aus Mitleid mehr auf Gewicht berechnet, als um weh zu tun, war doch zu stark. Tschurillo fiel, aber Pandre fiel mit ihm und Ober ihn — so, wie er einst auf die Wölfin gefallen war. Und im Fall schoß es ihm durch den Kopf: Alles wiederholt sich! Aber es wiederholt sich nicht; alles. Diesmal konnte er nicht wieder auf springen, wie damals, als er im finsteren Wald auf die Wölfin gefallen war. Denn, aufgeweckt durch den plötzlichen Stoß, hatte Tschurillo seine wilde Flinkheit zurückgewonnen, und als er die lebendige l ast des Feindes auf sich fühlte, umfaßte er ihn mit beiden Armen, prcfSte Arme und Rücken, schlau!׳ die schweren Knie um seine Füße und versuchte, ihm das Rückgrat zu brechen. Pandre fühlte seine Rippen krachen. Mit kaltem Schauder spürte er, daß er sich nicht mehr rühren konnte, Tschurillo preßte ihn, wie den armen Teufel, dem er die Knochen gebrochen hatte, ehe er ihn henkte, und, am Ersticken, dachte Pandre, da« blutige Maul würde muh ihm singen: ״Wein man nicht» mein Junge!“ Pandre hörte ein blutgieriges Röcheln, direkt in sein Gesicht hinein. Ein großes Maul riß sieh unter seinen Augen aut, versuchte, ihm die Nase abzuheißen, die Gurgel durchzubeißert. Er hörte das Keuchen an seinem gebeugten Hals, Er hörte Scheitel seufzen: ״Mamma!“

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